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Ein Weblog von Johannes Kuhn

Flower

Experimental Jet Set, Ausgaben 26 und 27

Experimental Jet Set No. 26

Experimental Jet Set No. 27

Playlisten meiner kleinen Sendung (Mi. 21, Do. 23, So. 17 Uhr bei howmuchrebellion.de)

Der diversifizierte Konservatismus

Erlebt das bürgerliche Lager gerade seine Wachablösung?

Was ist konservativ?

Proteste gegen die gleichgeschlechtliche Ehe in Paris: Ein neuer Konservatismus? (Foto: ygouvernnec, Flickr, CC BY-NC-SA 2.0)

Ein paar Gedanken für ein Stück, das ich demnächst mal ausführlicher aufschreiben werde. Nachdem man über Jahrzehnte immer von der “Spaltung der Linken“ gesprochen hat, erscheint es mir angezeigt, einmal die Spaltung der Konservativen durchzudenken. Die Strömungen von Libertären über Euroskeptiker bis Homo-Ehen-Gegner sind inzwischen sehr divers, während der das “große Zelt“ sich im Zuge der gesellschaftlichen Modernisierung in Richtung Mitte bewegt. Eine für die europäischen Volksparteien in dieser Form neue Konstellation, früher ging es ja vor allem darum, die rechte Flanke nicht verwaisen zu lassen (plus in Deutschland den katholisch-sozialen Flügel).

UKIP in Großbritannien
, die jungen französischen Straßenkonservativen, die AFD in Deutschland – sie alle sind so in den klassischen konservativen Parteien-Mainstream nur schwer einzubinden. Wächst dem inzwischen quasi domestizierten Konservatismus ein diversifizierter Konservatismus als feindlicher Bruder heran?

Ideen, Einwürfe und Gedanken sind wie immer sehr willkommen!

Als der Krieg zu Ende war

 Kambodscha 1975 – 1979.

Kambodscha Rote Khmer

Opfer der Khmer Rouge (Foto: Matthew Wilkinson, CC BY-ND 2.0)

Kambodscha ist ein freundliches Land, das seine Geheimnisse nicht vor sich herträgt, ja sie geradezu versteckt. Der Reisende bemerkt, dass nur wenig ältere Menschen auf den Straßen und in den Häusern zu sehen sind; er sieht die Killing Fields mit ihren Totenschädeln, aber begreift nicht. Es gibt eine Lücke, die zu schließen als Außenstehender unmöglich scheint.

Die amerikanische Journalistin Elizabeth Becker hat mit ihrem Buch “When the War Was Over” (1998) geholfen, die Lücke ein kleines bisschen zu schließen. Ein Jahr habe ich mich immer wieder mit der Geschichte der Roten Khmer auseinandergesetzt, bin in unregelmäßigen Abständen eingetaucht in die Welt des rationalen, ideologischen Irrsinns. Manchmal war es im Wortsinn eine Auseinander-setzung; ein Nachdenken über die ungeschriebenen Geschichten der Menschen, deren Tod wegen der Abschottung des Landes durch die Roten Khmer von der Welt unbemerkt blieb, die in der nicht-literarisierten und vom Regime auseinandergerissenen und namenlos gemachten Gesellschaft keine Namen, kein für die Nachwelt erfühlbares Schicksal erhalten haben.

Elizabeth Becker zeigt Menschen, die sich mit dem Einmarsch der Roten Khmer ein Ende der jahrelangen Kriege und Umstürze, der Ära der Fremdbestimmung durch Kolonialherren und Nachbarn erhofften um zu spät zu erkennen, dass es nicht die Befreier sind, die in Phnom Penh einmarschieren. Intellektuelle, Angestellte und Bauern, Familien und Einzelne, Alte und Junge, wortlos zu Arbeitssklaven für das große Projekt gemacht, grasessend überlebend, verhungert oder als Verräter mit Schaufeln erschlagen. Sie zeigt die Initiation der Pol-Pot-Clique in den marxistischen Zirkeln des Paris der Fünfziger, die Guerilla-Zeit in den Jahren der ersten Indochina-Konflikte, die blutige Khmer-Ära, in der die Clique namenlos und von der Außenwelt abgeschottet als Angkor herrschend Millionen knechtet, Teile der Bevölkerung zu Mittätern macht und die Kambodschaner brutal für eine Gesellschaft schuften lässt, in der Individum, Familie und Bildung keine Rolle mehr spielen sollen.

Und natürlich geht es auch um die Schuld des Westens, das verheerende Festhalten der USA an der Domino-Theorie, die gesteuerten Umstürze, die Bomben auf Kambodscha, die das Land zum Nebenschauplatz des Vietnamkriegs machten. Eine der prägnantesten Momente ist, als Becker als erste westliche Journalistin Pol Pot kurz vor dessen Sturz interviewt und dieser seiner (damals nicht nachprüfbaren) Paranoia gegenüber Vietnam freien Lauf lässt, von der Gefahr, ein Satellitenstaat Vietnams und damit der UdSSR zu werden. Sie ist durchaus überrascht, als wenig Carter-Berater Brzezinski ähnlich argumentiert. Nicht umsonst erkannten große Teile des Westens die Khmer Rouge noch Jahre nach deren Vertreibung durch die Vietnamesen als legitime Regierung an; zu spät haben die USA ihre Meinung geändert, um die Täter zur Rechenschaft zu ziehen. Pol Pot starb 1998 in Freiheit, ein alter Mann.

Es ist viel Schuld und viel Vergessen in Kambodscha. Es steht mir nicht an, das zu bewerten. Um einen kambodschanischen Mönch zu zitieren: “You who want to judge the Khmer Rouge, you have hate in your heart. Do like we do: purify yourselves on the inside; expel the hate from your hearts.” Wir können nur versuchen, die jüngere Geschichte dieses kleinen, stolzen Landes ein bisschen zu begreifen und dabei nicht zu vergessen, dass es auch die Zukunft gibt. Wer damit anfangen möchte, dem sei Elizabeth Beckers Buch empfohlen.

Experimental Jet Set, Ausgaben 24 und 25

Experimental Jet Set, Talk and No Star No. 24

Experimental Jet Set, Talk and No Star No. 25

Playlisten meiner kleinen Sendung (Mi. 21, Do. 23, So. 17 Uhr bei howmuchrebellion.de)

PS: Leistungsschutzrecht

Was bleibt und wird.

Leistungsschutzrecht Debatte

Foto: _boris (Flickr, CC BY-NC-SA 2.0)

Ein Geständnis: Für mich ist das Leistungsschutzrecht mit einer positiven Erinnerung verbunden. Als vor fast genau einem Jahr bekannt wurde, dass es tatsächlich noch in dieser Legislaturperiode einen Gesetzentwurf geben wird, saß ich gerade in einer Bar am anderen Ende der Welt. Hätte der Laden kein W-Lan gehabt, hätte ich nichts mitbekommen und wahrscheinlich nicht diesen wütenden Tweet abgesetzt. Der Moment hat sich mit eingeprägt, doch statt der Wut erinnere ich mich inzwischen an den Blick auf die abendlichen Straßen von Siem Reap, an den Sound von Stimmengewirr und knatternden Motorrädern, an den Geruch von köstlichem Essen und Benzin.

Heute würde ich meinen Tweet von damals etwas milder formulieren, auch wenn sich an meiner Ablehnung nichts geändert hat. Das Gesetz ist peinlich und überflüssig, aber selbst die heftigsten Befürworter auf Seiten der Verleger glauben nicht, dass es die Branchenprobleme löst. Mal ganz abgesehen davon, dass es ursprünglich keine Idee einer Branche, sondern von ein bis zwei Großverlagen war.

Deswegen ist es umso ärgerlicher, dass hinter dem Leistungsschutzrecht verschwindet, dass sich gerade in den vergangenen zwölf Monaten der endgültige Shift von Legacy-Geschäft zur Digitalzukunft vollzogen hat. Dass es inzwischen nicht mehr viele Journalisten gibt, die sich hinter den Verlagsmauern verschanzen und sich der öffentlichen Kommunikation verweigern; dass trotz (oder wegen?) allem Pessimismus die Zahl der Veränderungswilligen so groß wie nie ist.

Die Verabschiedung des Gesetzes enthält jenseits großer Rechtsunsicherheit zwei Tragödien, die in die Zukunft weisen. Über die politische, die mit der Wahrnehmung von Lobbyarbeit und Politikbetrieb zusammenhängt, wurde bereits viel geschrieben. Die Medientragödie besteht darin, dass die Verlagsbranche gerade soziales Stammkapital verspielt hat. Dabei rede ich nicht von der Handvoll meinungsmachenden Medienhasser, für die das Verlagswesen per se ein reaktionäres Feindbild ist. Die sind Teil ihrer ganz eigenen Tragödie. Mir geht es um den wachsenden Teil der netzpolitisch- wie weltgeschehenaffinen Deutschen, den Medienmarken für den digitalen Weg in die Zukunft brauchen. Sei es als Akteur, Leser, Ratgeber, Mithelfer, Geldgeber, Multiplikator – was auch immer. Dort glaubwürdig zu sein, ist essentiell für die weitere Entwicklung der Branche.

Ich bin dennoch, unabhängig vom weiteren Weg des Gesetzes, für den Journalismus “post Leistungsschutzrecht“ optimistisch. Weil ein Großteil der Menschen differenzieren kann zwischen dem, was “ein Verlag“, was “eine Marke“, was “eine Redaktion“, was “ein Autor“ ist. Weil es irrational wäre, den Journalismus für dieses Gesetz in Sippenhaft zu nehmen. Weil es genügend Journalisten gibt, die sich weiterhin den Hintern aufreißen, um ihre gesellschaftliche Rolle zu erfüllen und dabei den höchsten Qualitätsstandards zu genügen. Weil viele von uns gerade schuften wie einst die Heizer im Bauch eines Schiffes, um den Wettlauf mit der Zeit zu gewinnen, das Metier zukunftsfähig zu machen.

Ich bin auch deshalb optimistisch, weil ich an eine Medienlandschaft glaube, in der neben den großen Dampfern auch kleine Boote Platz und genügend Benzin haben. Wer sich also eine andere Medienwelt wünscht, sollte sich nicht nur über die bestehende beklagen, sondern Geld in die Hand nehmen, um den Journalismus zu unterstützen, den er sich wünscht.

Sehr lesenswert zum LSR im größeren Kontext: Kai Biermann und Karsten Wenzlaff

Hackt München!

München Pinakothek Urbaner Raum

Foto: vic.Bergmann, Flickr, CC BY-ND 2.0)

Am vergangenen Wochenende bei der Diplomandenausstellung der Akademie der Bildenden Künste ist es mir wieder aufgefallen: Es existiert durchaus so etwas kreatives Potential in München, doch die Stadt ist von unsichtbaren Trennwünden durchzogen: Zwischen den Galerien, Museen, Ateliers und dem öffentlichen Raum.

Das bedeutet nicht, dass die nächste Jahresausstellung auf der Straße stattfinden soll (das KVR würde wahrscheinlich Panzer auffahren); vielmehr geht es mir um das Aufbrechen der eindimensionalen Sichtweise, was eine Stadt sein kann. Denn dass die Straßen und Plätze hier antiseptisch sauber und bis ins kleinste Detail ordentlich ornamentiert sind, hat nicht nur mit dem bräsigen Geldwohlstand hier zu tun, sondern eben auch mit dem (Miss-)Verständnis darüber, für was öffentlicher Raum da ist.

München ist die funktionalste Stadt, die ich kenne. Das ausdifferenzierte Ringsystem für Auto- und Radfahrer für den Weg zwischen Wohn- und Arbeitsort, das im Zentrum jeglicher Stadtentwicklung steht; die augeblickliche Verarbeitung von Brachflächen zu gigantischen Wohn- und Bürokomplexen; das kollektive Runterschalten der Bevölkerung in innerstädtischen Erholungsgebieten inklusive Biergärten. Die gepflegten historischen Bauten, die nicht etwa der Gegenwart einen Schimmer des Vergangenen geben, sondern schlicht Betrachtungs-Schönheit entfalten. Selbst Projekte wie “Mae West” haben nur den stadtplanerischen Hintergrund, eine Leerstelle irgendwie mit Funktion zu füllen (ironischerweise als Leerstelle, die unerfüllt bleiben wird).

Fast nichts bricht diese Funktionalität auf. Kein Street Hack, der die Wahrnehmung der Umwelt verschiebt und neue Dimensionen des Urbanen aufreißt. Kein Neueroberung der Stadt durch kleine Gesten wider der erstarrten Bedeutung, keine Neuinterpretationen des Bestehenden. Mein Gott, selbst die Abreißzettel hier sind bierernst.

München sollte gehackt werden. Es würde der Stadt gut tun, sie als öffentlichen Raum zurückzuerobern, Verantwortung für sie zu übernehmen, der Nutzinfrastruktur ins Gesicht zu lachen und eine neue Welt zu errichten. Leider befürchte ich, die meisten Menschen hier sind schon mit einem funktionalen Ringsystem zufrieden.

Experimental Jet Set, Ausgabe 23

Howmuchrebellion

Playlist des Jahresrückblicks meiner Sendung (Mi. 21, Do. 23, So. 17 Uhr bei howmuchrebellion.de)

Wir Synthesizer

Ameise auf einer Blume

(Foto: Kumaravel, Flickr, CC BY 2.0)

“We are drowning in information, while starving for wisdom. The world henceforth will be run by synthesizers, people able to put together the right information at the right time, think critically about it, and make important choices wisely.”

Edward O. Wilson, von dem dieses Zitat stammt, ist nicht nur Entomologe und Soziobiologe, sondern auch ein ziemlich kluger – wenn auch äußerst biodeterministisch denkender - Mann. Und er hat meiner Meinung nach eine ziemlich bemerkenswerte Metapher für den digital vernetzten und vernetzt denkenden Menschen gefunden, obwohl das Zitat meines Wissens nach aus der Prä-Internet-Zeit stammt: Wir sind Synthesizer. Das ist – von ihm wie von mir – nicht unbedingt negativ gemeint. Die Informationen gewichten, sie zu hinterfragen, zusammenbauen und daraus etwas Neues entstehen lassen. Die richtigen Informationen an der richtigen Stelle zur richtigen Zeit. Kaum etwas beschreibt die Informationsverarbeitung im Informationszeitalter besser. Doch kann aus einem Synthesizer auch Weisheit entstehen? Oder, als Vorstufe der Weisheit: Echtes Wissen? Beziehungsweise: Ist unser Konzept von Wissen in einer fluiden Umgebung überhaupt noch anwendbar?

Herr Zierl vom Amtsgericht

Wo keine Journalisten sind, kann sie auch niemand an ihrer Arbeit hindern.

Beim Prozess gegen einen der Ihren provozieren Neonazis anwesende Journalisten, rempeln Kameramann und Fotografen an, beschmieren die Linse der Videokamera. Die Aufnahmen, die BR quer am Münchner Amtsgericht gemacht hat, lassen nichts Gutes für den Zschäpe-Prozess erwarten.

Wie also reagieren auf diese Dreistigkeit? Wie Journalisten und Prozessbesucher schützen? Das sagt Gerhard Zierl, der Präsident des Gerichts, nachdem er das Material gesehen hat (bei 4:36):

Wenn Sie mich schon fragen, wie man solche Störungen künftig verhindern kann: Ich will das eigentlich nicht – aber man müsste und könnte daran denken, im Gerichtsgebäude ein Film- und Fotografierverbot zu erlassen. Dann hab’ ich diese Problematik nicht mehr.

Eine bestechende Logik, die ein Kollege so zusammengefasst hat: Wo keine Journalisten sind, kann sie auch niemand an ihrer Arbeit hindern.

Als Landeskind bin ich von der bayerischen Justiz ja eine durchaus irritierende Rechtsauffassung gewohnt, aber dass ich mich in diesem Fall wundere, ist untertrieben. Mal ehrlich: Zierl scheint mir als Figur in einer Gerhard-Polt-Welt besser aufgehoben als auf der Position eines Gerichtspräsidenten.

Was sagt es über ein Gericht und die dort herrschende Geisteshaltung aus, wenn ein Präsident die Sicherheit von Journalisten durch die Einschränkung der Pressefreiheit erreichen will? Der durch diese verquere Rechtsauffassung quasi einen Schutzraum für angeklagte Neonazis in den Räumen seiner Behörde schafft? Wie kann ein Mensch, der offenbar ein äußerst seltsames Verständnis von Paragraph 5 des Grundgesetzes hat, ja sogar den Eindruck vermittelt, diesen überhaupt nicht zu kennen, Leiter einer durchaus wichtigen Justizbehörde werden?

Ich bin auf Antworten aus der Pacellistraße gespannt.

Zum Thema haben auch Publikative und Störungsmelder etwas geschrieben.

Der verschwundene Mount Fuji

Fujimizaka

(Foto: Nemo’s Great Uncle, Flickr, CC BY-NC-SA 2.0)

Es ist eine dieser Geschichten, die eine perfekte Metapher zu sein scheinen (sie stand im Economist): In Tokyo kann man nur noch von einer einzigen Straße aus den 100 Kilometer entfernten Mount Fuji sehen. Der Blick aus der Fujimizaka (“Berg, von dem aus man den Fuji sehen kann”) wird nun aber bald ebenfalls verstellt sein – ein 11- und ein 45-stöckiges Gebäude werden gerade errichtet.

Die nostalgische Sichtweise ist: Der Fortschritt nimmt uns die guten, wahren Dinge. Unsere Geschichte. Die progressive: Wozu die Aufregung? Inzwischen kann man von zahlreichen Tokyoter Hochhäusern den Mount Fuji bestens sehen. Beide sind begründbar. Welche man wählt, hängt wahrscheinlich davon ab, ob man mit dieser Straße eine Geschichte oder Zutritt zu einem der Hochhäuser hat.