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Ein Weblog von Johannes Kuhn

Flower

Meine Podcast-Favoriten (Teil 2)

(Foto: EyalNow, Flickr, CC BY-NC-SA 2.0)

Vor etwas (hüstel) längerer Zeit habe ich meine Lieblingspodcasts in deutscher Sprache vorgestellt und eine Fortsetzung versprochen, in denen es um die englischsprachigen geht. Mit etwas Verzögerung darf ich sagen: Hier ist sie.

Podcasts BBC
Die BBC ist aus ganz verschiedenen Gründen eine meiner Lieblingspodcastquelle – kaum ein Sender bietet ein derart vielfältiges Themengebiet und recherchiert seine Berichte so gut durch. Vor allem die Ansätze gehen weit über das hinaus, was herkömmliche Medien bieten. Und nicht zuletzt, ich geb’ es zu, liebe ich das British English der Sprecher.

Business Daily (RSS hier)
Tägliche Wirtschaftssendung, bei der in 20 Minuten zwei, drei aktuelle Themen in Magazinform genauer behandelt werden. Das kann alles sein von der Sanierung von Mafia-Unternehmen bis zum Rohstoffboom in der Mongolei. Bonus: grandiose Kommentatoren (Lucy Kellaway!).

Documentaries (RSS hier)
Sehr aufwändig recherchierte Radiodokus, von witzig bis todernst. Warum können so wenige afrikanische Fußballstars mit Geld umgehen? Wie behandeln Männer Frauen im Nachtleben unterschiedlicher Kulturen? Was sind die Geschichten der Flüchtlinge, die im Mittelmeer ertrunken sind?

From Our Own Correspondent (RSS hier)
Quasi das Backstage-Material der BBC: Korrespondenten erzählen in Ich-Form Geschichten, Recherchen und Anekdoten.

Peter Day’s World Of Business (RSS hier)
Ich gebe zu: Ich bin ein großer, großer Fan von Peter Day. Wer hat schon vor Jahren etwas über 3-D-Drucker erzählt oder erklärt mir die wirtschaftlichen Folgen des demographischen Wandels in Japan derart unterhaltsam? Eine Art Sendung für Wirtschaftsintellektuelle, aber ich darf trotzdem zuhören.

Click (RSS hier)
Die Tech-Sendung. Ein wirklich sympathisches Moderatorenduo, das für die Podcasts noch feine Bonus-Blödeleien einbaut. Manchmal etwas sehr weit in der Nische, aber genau deshalb – und wegen des Fokus auf technische und gesellschaftliche Entwicklungen statt Gadgets – für mich genau richtig.

Wer sich über das aktuelle Geschehen informieren möchte und nicht nur wie ich jede Woche einmal seine Podcasts herunterlädt: Die Nachrichtensendungen sind ebenfalls eher Magazine und sehr hörenswert.

Podcasts NPR
NPR sind eigentlich auch sämtliche kleinen Public Radios und ich bin selbst immer überrascht, mit welch vergleichsweise geringen Mitteln (im Vergleich zur BBC) man großartige Sendungen und Beiträge produzieren kann. Meine Favoriten sind:

It’s All Politics (RSS hier)
Für Politicos und solche, die es werden wollen. Ron Elving und Ken Rudin gehören zum Witzigsten, was man im Podcast-Bereich hören kann – wenn man die Witze versteht, die etwas Insiderwissen und Sprachkenntnis voraussetzen.

This American Life (RSS hier)
Wenn eine Radiosendung, dann diese. Eine Folge, ein Thema, und dann richtig: Komplex, genreübergreifend, bewegend.

World Story Of The Day (RSS hier)
Kurz gesagt sind das alle Korrespondentenberichte, von Benin bis Berlin. Vor allem wegen der Hintergründigkeit und den Schwerpunkten (jüngst: Nashorn-Ausrottung und der Markt, der dahinter steckt) ziemlich gut. Kein Beitrag, der ohne Betroffene auskommt, “Experten“ erhalten eher einen Platz in der zweiten Reihe. Gut so!

WNYC’s Brian Lehrer (RSS hier)
Fällt inzwischen bei mir immer mal wieder runter, da die Segmente recht lang sind. Wenn “Bayern 2“ in Sachen moderierter Magazine Bundesliga ist, dann würde ich Brian Lehrers Show als das Brasilien in diesem Genre bezeichnen. Schlaue Gesprächsgäste über die unterschiedlichsten Themen; Call-In-Teile, die immer etwas zum Gelingen der Sendung beitragen und nicht nur Beiwerk sind.

Planet Money (RSS hier)
Meine Kurzbeschreibung wäre: Das Brandeins unter den Audio-Magazinen. Denke, das trifft es ganz gut.

On The Media (RSS hier)
Eine geschätzte Sendung mit dem geschätzten Moderatorenpaar Brooke Gladstone und Bob Garfield. Im Fokus steht weniger Medienbranchen-Talk als das große Ganze, inklusive ethischer Fragen, die sich eigentlich durch jeden Beitrag ziehen. Um es auf hiesige Maßstäbe herunter zu brechen: Fünf Minuten On The Media birgt mehr Informationsgehalt als fünf Monate den Newsfeed von Meedia checken.

Technology Podcast (RSS hier)
Keine eigene Sendung, sondern ein Zusammenschnitt der Tech-Beiträge einer Woche. Entsprechend unterschiedlich, von diversen Berichten über die Branche über Testberichte bis hin zu abseitigen Selbstversuchen.

Weitere Podcasts
The Economist
Das Heft, vorgelesen. Abonnenten erhalten kostenlosen Zugriff, ich selbst lade meist die Briefings und Special Reports runter – also genau die Sachen, zu denen ich in der Print-Ausgabe nicht komme, weil es zu viele Buchstaben sind.

Guardian Audio Edition
Der Guardian lässt einmal pro Woche seine schönsten Artikel vorlesen und will dafür nicht einmal Geld. Das hat mit dem Geschäft zu tun: Die Book-Reviews werden von Audible gesponsert, das wiederum die entsprechenden Werke als Audiobooks anbietet. Ich war positiv überrascht, die Auswahl ist stimmiger als beispielsweise die der Zeit.

New Yorker: The Political Scene
Meistens sehr D.C.-zentriert, aber inzwischen durchaus regelmäßiger Bestandteil meines Audio-Menüs. Konzept: Autoren und Redakteure des New Yorker diskutieren über aktuelle Themen.

Pop Tech Jam (RSS hier)
Einst der Tech-Podcast der New York Times, nun von den Moderatoren eigenständig weiterbetrieben. Eine Mischung aus Debatten über aktuelle Tech-Entwicklungen und Anwendertipps. Ein eingespieltes Moderatorenduo, das Spaß macht.

Obama, Prism und die Verschiebung der Schmerzgrenze

Gedanken zur Akzeptanz der Internet-Überwachung.

NSA Überwachung Internet

#NSAfail. (Foto: Mark Tunauckas, Flickr, CC BY 2.0)

Barack Obama 2007 zur Anti-Terror-Politik der Bush-Regierung:

“This Administration also puts forward a false choice between the liberties we cherish and the security we demand.“

Barack Obama 2013 zu seiner eigenen Anti-Terror-Politik:

“I think it’s important to recognize that you can’t have 100 percent security, and also then have 100 percent privacy and zero inconvenience. We’re going to have to make some choices as a society.“

Die Tragik der realpolitischen Evolution des Barack Obama liegt nicht nur darin, dass es sich hierbei um den wahrscheinlich liberalsten US-Präsidenten der nächsten 10 bis 20 Jahre handelt. Vielmehr verbirgt sich hinter dieser Positionsverschiebung auch eine, die wir in unserer Gesellschaft erleben werden. 1856 Datenzugriffe gab es im vergangenen Jahr laut New York Times, von der Durchsuchung von Konten bis hin zu Echtzeit-Überwachung. Bei der Größe der Datensätze, auf die #Prism theoretisch Zugriff erlaubt, ist die Wahrscheinlichkeit gering, betroffen zu sein. Damit sind wir wieder bei der Argumentation “Was soll die NSA denn mit meinen Daten anfangen?“.

Wer sich nicht mit grundsätzlichen Fragen der Freiheit beschäftigt, nimmt Prism als etwas Abstraktes wahr. Das ist eine Konsequenz der (in der Logik von NSA und Co. zwingenden) Geheimhaltung selbst kleinster Details. Jetzt, da das Programm bekannt ist, steckt das Weiße Haus der New York Times, wie ein Terroranschlag mit Hilfe der so gewonnenen Daten vereitelt wurde und verschiebt das Narrativ in die Richtung der Logik des “das alles hat seinen Grund“. Der Leaker dieser Geschichte wird sicherlich nicht verfolgt.

Von den Tausenden anderen Fällen, dem damit wahrscheinlichen einhergehenden Überfang wird niemand erfahren, natürlich auch nicht die Betroffenen (und das sind ja nicht nur die Zielpersonen, sondern unter anderem auch deren Mail- und Chatkontakte). Passender Treppenwitz: Der Supreme Court lehnt derzeit eine Prüfung der ergänzten Sicherheitsgesetze von 2008 ab, weil natürlich niemand beweisen kann, dass er überwacht wurde. Kafka war ein glücklicher Mensch, möchte man sagen.

Weil ohnehin amerikanische Staatsbürger von Prism nicht betroffen sind (ein bisschen Überfang stört da nicht), wird es keine großen Diskussionen, keine Reform von FISA und FISC geben. Weiterhin gibt es keine Transparenz darüber, wie Regierung und Geheimdienste die Sicherheitsgesetze interpretieren. Über die Rechtmäßigkeit der Zugriffe entscheidet ein Geheimgericht (FISC), das von einem konservativen Supreme-Court-Richter eingesetzt wird, offenbar seit Jahren ohne große Nachfragen die Telefonanbieter zur Vorratsdatenspeicherung verpflichtet und eher Teil der Sicherheitsarchitektur als Kontrollinstanz ist. Der Kongress wird informiert, unterliegt aber natürlich der Geheimhaltungspflicht – die warnenden Andeutungen zweier Senatoren vor den Greenwald-Enthüllungen lesen sich wie Hilfeschreie.

Aber das alles betrifft uns natürlich nicht. Denn wer nichts zu verbergen hat, kommt nicht ins Visier, wie uns die US-Regierung versichert. Ob wir es in der physischen Welt akzeptieren würden, wenn wir künftig unsere Briefe nicht mehr verschließen könnten und damit rechnen müssten, dass der Postbote sie vor der Auslieferung beim Verfassungsschutz vorbeibringt?

Problemlösung, Bavarian Style: Wegbefördern?

(Foto: Connor395, Flickr, CC BY 2.0)

Ein Polizist bricht im Dienst einer mit Handschellen gefesselten jungen Frau das Nasenbein und Teile ihrer Augenhöhle.  Die in Erklärungsnot geratene  Polizei durchsucht das Haus der Frau (um 6 Uhr morgens, nebenbei erwähnt), beschlagnahmt ihr Handy und durchforstet es – nach bisherigem Kenntnisstand offenbar erfolglos – nach Kontakten in die Drogenszene. Nebenbei lesen die Ermittler auch noch fleißig die Korrespondenz der Frau mit einem Journalisten mit. Pressefreiheit ist in manchen Momenten offenbar einfach nur ein Wort.

Was, wenn diese dubiosen und wenig ergebnisoffenen Ermittlungsaktionen bislang zu keiner Anklage gegen die Frau geführt haben, sondern einzig und mit einiger Verzögerung der prügelnde Polizist angeklagt wird? Und was, wenn dessen Chef, der Münchner Polizeipräsident Wilhelm Schmidbauer, zunächst das Zuschlagen des Polizisten als “konsequente Vorgehensweise“ bezeichnet und später die Fotos des entstellten Opfers in den Medien für das “schlechte Bild“ seiner Behörde in der Öffentlichkeit verantwortlich macht?

Wie würden Sie als Oberster Dienstherr reagieren? Wie es scheint hat der bayerische CSU-Innenminister Joachim Herrmann da eine Idee: Münchens Polizeipräsident Schmidbauer hat gute Karten, demnächst zum Landespolizeipräsidenten aufzusteigen. Probleme einfach wegbefördern – es wäre ein interessanter Ansatz des Ministers, das Vertrauen in die bayerische Polizei wiederherzustellen.

Experimental Jet Set, Ausgaben 26 und 27

Experimental Jet Set No. 26

Experimental Jet Set No. 27

Playlisten meiner kleinen Sendung (Mi. 21, Do. 23, So. 17 Uhr bei howmuchrebellion.de)

Der diversifizierte Konservatismus

Erlebt das bürgerliche Lager gerade seine Wachablösung?

Was ist konservativ?

Proteste gegen die gleichgeschlechtliche Ehe in Paris: Ein neuer Konservatismus? (Foto: ygouvernnec, Flickr, CC BY-NC-SA 2.0)

Ein paar Gedanken für ein Stück, das ich demnächst mal ausführlicher aufschreiben werde. Nachdem man über Jahrzehnte immer von der “Spaltung der Linken“ gesprochen hat, erscheint es mir angezeigt, einmal die Spaltung der Konservativen durchzudenken. Die Strömungen von Libertären über Euroskeptiker bis Homo-Ehen-Gegner sind inzwischen sehr divers, während der das “große Zelt“ sich im Zuge der gesellschaftlichen Modernisierung in Richtung Mitte bewegt. Eine für die europäischen Volksparteien in dieser Form neue Konstellation, früher ging es ja vor allem darum, die rechte Flanke nicht verwaisen zu lassen (plus in Deutschland den katholisch-sozialen Flügel).

UKIP in Großbritannien
, die jungen französischen Straßenkonservativen, die AFD in Deutschland – sie alle sind so in den klassischen konservativen Parteien-Mainstream nur schwer einzubinden. Wächst dem inzwischen quasi domestizierten Konservatismus ein diversifizierter Konservatismus als feindlicher Bruder heran?

Ideen, Einwürfe und Gedanken sind wie immer sehr willkommen!

Als der Krieg zu Ende war

 Kambodscha 1975 – 1979.

Kambodscha Rote Khmer

Opfer der Khmer Rouge (Foto: Matthew Wilkinson, CC BY-ND 2.0)

Kambodscha ist ein freundliches Land, das seine Geheimnisse nicht vor sich herträgt, ja sie geradezu versteckt. Der Reisende bemerkt, dass nur wenig ältere Menschen auf den Straßen und in den Häusern zu sehen sind; er sieht die Killing Fields mit ihren Totenschädeln, aber begreift nicht. Es gibt eine Lücke, die zu schließen als Außenstehender unmöglich scheint.

Die amerikanische Journalistin Elizabeth Becker hat mit ihrem Buch “When the War Was Over” (1998) geholfen, die Lücke ein kleines bisschen zu schließen. Ein Jahr habe ich mich immer wieder mit der Geschichte der Roten Khmer auseinandergesetzt, bin in unregelmäßigen Abständen eingetaucht in die Welt des rationalen, ideologischen Irrsinns. Manchmal war es im Wortsinn eine Auseinander-setzung; ein Nachdenken über die ungeschriebenen Geschichten der Menschen, deren Tod wegen der Abschottung des Landes durch die Roten Khmer von der Welt unbemerkt blieb, die in der nicht-literarisierten und vom Regime auseinandergerissenen und namenlos gemachten Gesellschaft keine Namen, kein für die Nachwelt erfühlbares Schicksal erhalten haben.

Elizabeth Becker zeigt Menschen, die sich mit dem Einmarsch der Roten Khmer ein Ende der jahrelangen Kriege und Umstürze, der Ära der Fremdbestimmung durch Kolonialherren und Nachbarn erhofften um zu spät zu erkennen, dass es nicht die Befreier sind, die in Phnom Penh einmarschieren. Intellektuelle, Angestellte und Bauern, Familien und Einzelne, Alte und Junge, wortlos zu Arbeitssklaven für das große Projekt gemacht, grasessend überlebend, verhungert oder als Verräter mit Schaufeln erschlagen. Sie zeigt die Initiation der Pol-Pot-Clique in den marxistischen Zirkeln des Paris der Fünfziger, die Guerilla-Zeit in den Jahren der ersten Indochina-Konflikte, die blutige Khmer-Ära, in der die Clique namenlos und von der Außenwelt abgeschottet als Angkor herrschend Millionen knechtet, Teile der Bevölkerung zu Mittätern macht und die Kambodschaner brutal für eine Gesellschaft schuften lässt, in der Individum, Familie und Bildung keine Rolle mehr spielen sollen.

Und natürlich geht es auch um die Schuld des Westens, das verheerende Festhalten der USA an der Domino-Theorie, die gesteuerten Umstürze, die Bomben auf Kambodscha, die das Land zum Nebenschauplatz des Vietnamkriegs machten. Eine der prägnantesten Momente ist, als Becker als erste westliche Journalistin Pol Pot kurz vor dessen Sturz interviewt und dieser seiner (damals nicht nachprüfbaren) Paranoia gegenüber Vietnam freien Lauf lässt, von der Gefahr, ein Satellitenstaat Vietnams und damit der UdSSR zu werden. Sie ist durchaus überrascht, als wenig Carter-Berater Brzezinski ähnlich argumentiert. Nicht umsonst erkannten große Teile des Westens die Khmer Rouge noch Jahre nach deren Vertreibung durch die Vietnamesen als legitime Regierung an; zu spät haben die USA ihre Meinung geändert, um die Täter zur Rechenschaft zu ziehen. Pol Pot starb 1998 in Freiheit, ein alter Mann.

Es ist viel Schuld und viel Vergessen in Kambodscha. Es steht mir nicht an, das zu bewerten. Um einen kambodschanischen Mönch zu zitieren: “You who want to judge the Khmer Rouge, you have hate in your heart. Do like we do: purify yourselves on the inside; expel the hate from your hearts.” Wir können nur versuchen, die jüngere Geschichte dieses kleinen, stolzen Landes ein bisschen zu begreifen und dabei nicht zu vergessen, dass es auch die Zukunft gibt. Wer damit anfangen möchte, dem sei Elizabeth Beckers Buch empfohlen.

Experimental Jet Set, Ausgaben 24 und 25

Experimental Jet Set, Talk and No Star No. 24

Experimental Jet Set, Talk and No Star No. 25

Playlisten meiner kleinen Sendung (Mi. 21, Do. 23, So. 17 Uhr bei howmuchrebellion.de)

PS: Leistungsschutzrecht

Was bleibt und wird.

Leistungsschutzrecht Debatte

Foto: _boris (Flickr, CC BY-NC-SA 2.0)

Ein Geständnis: Für mich ist das Leistungsschutzrecht mit einer positiven Erinnerung verbunden. Als vor fast genau einem Jahr bekannt wurde, dass es tatsächlich noch in dieser Legislaturperiode einen Gesetzentwurf geben wird, saß ich gerade in einer Bar am anderen Ende der Welt. Hätte der Laden kein W-Lan gehabt, hätte ich nichts mitbekommen und wahrscheinlich nicht diesen wütenden Tweet abgesetzt. Der Moment hat sich mit eingeprägt, doch statt der Wut erinnere ich mich inzwischen an den Blick auf die abendlichen Straßen von Siem Reap, an den Sound von Stimmengewirr und knatternden Motorrädern, an den Geruch von köstlichem Essen und Benzin.

Heute würde ich meinen Tweet von damals etwas milder formulieren, auch wenn sich an meiner Ablehnung nichts geändert hat. Das Gesetz ist peinlich und überflüssig, aber selbst die heftigsten Befürworter auf Seiten der Verleger glauben nicht, dass es die Branchenprobleme löst. Mal ganz abgesehen davon, dass es ursprünglich keine Idee einer Branche, sondern von ein bis zwei Großverlagen war.

Deswegen ist es umso ärgerlicher, dass hinter dem Leistungsschutzrecht verschwindet, dass sich gerade in den vergangenen zwölf Monaten der endgültige Shift von Legacy-Geschäft zur Digitalzukunft vollzogen hat. Dass es inzwischen nicht mehr viele Journalisten gibt, die sich hinter den Verlagsmauern verschanzen und sich der öffentlichen Kommunikation verweigern; dass trotz (oder wegen?) allem Pessimismus die Zahl der Veränderungswilligen so groß wie nie ist.

Die Verabschiedung des Gesetzes enthält jenseits großer Rechtsunsicherheit zwei Tragödien, die in die Zukunft weisen. Über die politische, die mit der Wahrnehmung von Lobbyarbeit und Politikbetrieb zusammenhängt, wurde bereits viel geschrieben. Die Medientragödie besteht darin, dass die Verlagsbranche gerade soziales Stammkapital verspielt hat. Dabei rede ich nicht von der Handvoll meinungsmachenden Medienhasser, für die das Verlagswesen per se ein reaktionäres Feindbild ist. Die sind Teil ihrer ganz eigenen Tragödie. Mir geht es um den wachsenden Teil der netzpolitisch- wie weltgeschehenaffinen Deutschen, den Medienmarken für den digitalen Weg in die Zukunft brauchen. Sei es als Akteur, Leser, Ratgeber, Mithelfer, Geldgeber, Multiplikator – was auch immer. Dort glaubwürdig zu sein, ist essentiell für die weitere Entwicklung der Branche.

Ich bin dennoch, unabhängig vom weiteren Weg des Gesetzes, für den Journalismus “post Leistungsschutzrecht“ optimistisch. Weil ein Großteil der Menschen differenzieren kann zwischen dem, was “ein Verlag“, was “eine Marke“, was “eine Redaktion“, was “ein Autor“ ist. Weil es irrational wäre, den Journalismus für dieses Gesetz in Sippenhaft zu nehmen. Weil es genügend Journalisten gibt, die sich weiterhin den Hintern aufreißen, um ihre gesellschaftliche Rolle zu erfüllen und dabei den höchsten Qualitätsstandards zu genügen. Weil viele von uns gerade schuften wie einst die Heizer im Bauch eines Schiffes, um den Wettlauf mit der Zeit zu gewinnen, das Metier zukunftsfähig zu machen.

Ich bin auch deshalb optimistisch, weil ich an eine Medienlandschaft glaube, in der neben den großen Dampfern auch kleine Boote Platz und genügend Benzin haben. Wer sich also eine andere Medienwelt wünscht, sollte sich nicht nur über die bestehende beklagen, sondern Geld in die Hand nehmen, um den Journalismus zu unterstützen, den er sich wünscht.

Sehr lesenswert zum LSR im größeren Kontext: Kai Biermann und Karsten Wenzlaff

Hackt München!

München Pinakothek Urbaner Raum

Foto: vic.Bergmann, Flickr, CC BY-ND 2.0)

Am vergangenen Wochenende bei der Diplomandenausstellung der Akademie der Bildenden Künste ist es mir wieder aufgefallen: Es existiert durchaus so etwas kreatives Potential in München, doch die Stadt ist von unsichtbaren Trennwünden durchzogen: Zwischen den Galerien, Museen, Ateliers und dem öffentlichen Raum.

Das bedeutet nicht, dass die nächste Jahresausstellung auf der Straße stattfinden soll (das KVR würde wahrscheinlich Panzer auffahren); vielmehr geht es mir um das Aufbrechen der eindimensionalen Sichtweise, was eine Stadt sein kann. Denn dass die Straßen und Plätze hier antiseptisch sauber und bis ins kleinste Detail ordentlich ornamentiert sind, hat nicht nur mit dem bräsigen Geldwohlstand hier zu tun, sondern eben auch mit dem (Miss-)Verständnis darüber, für was öffentlicher Raum da ist.

München ist die funktionalste Stadt, die ich kenne. Das ausdifferenzierte Ringsystem für Auto- und Radfahrer für den Weg zwischen Wohn- und Arbeitsort, das im Zentrum jeglicher Stadtentwicklung steht; die augeblickliche Verarbeitung von Brachflächen zu gigantischen Wohn- und Bürokomplexen; das kollektive Runterschalten der Bevölkerung in innerstädtischen Erholungsgebieten inklusive Biergärten. Die gepflegten historischen Bauten, die nicht etwa der Gegenwart einen Schimmer des Vergangenen geben, sondern schlicht Betrachtungs-Schönheit entfalten. Selbst Projekte wie “Mae West” haben nur den stadtplanerischen Hintergrund, eine Leerstelle irgendwie mit Funktion zu füllen (ironischerweise als Leerstelle, die unerfüllt bleiben wird).

Fast nichts bricht diese Funktionalität auf. Kein Street Hack, der die Wahrnehmung der Umwelt verschiebt und neue Dimensionen des Urbanen aufreißt. Kein Neueroberung der Stadt durch kleine Gesten wider der erstarrten Bedeutung, keine Neuinterpretationen des Bestehenden. Mein Gott, selbst die Abreißzettel hier sind bierernst.

München sollte gehackt werden. Es würde der Stadt gut tun, sie als öffentlichen Raum zurückzuerobern, Verantwortung für sie zu übernehmen, der Nutzinfrastruktur ins Gesicht zu lachen und eine neue Welt zu errichten. Leider befürchte ich, die meisten Menschen hier sind schon mit einem funktionalen Ringsystem zufrieden.

Experimental Jet Set, Ausgabe 23

Howmuchrebellion

Playlist des Jahresrückblicks meiner Sendung (Mi. 21, Do. 23, So. 17 Uhr bei howmuchrebellion.de)