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News, Analysen und der ganze Rest der Welt

Flower

Unterwegs

On the Road

Weiter (via Neil Krug, Flickr, CC)

Die nächsten Wochen wird sich hier nicht viel tun. Dort drüben bei Bloggertramp aber umso mehr.

For the next couple of weeks, there will not be many updates. But over at Bloggertramp.com you will find plenty.

Die Utopie der britischen Konservativen

David Cameron und seine Idee der “Big Society”.

Menschen im Hyde Park

Künftig Suppenküche statt Spaziergang? (Foto: funnypancake, Flickr, CC)

Während die Konservativen in Frankreich und Deutschland viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt sind, um sich eine politische Philosophie zu gönnen, und die Republikaner in den USA gerade ohne große Debatte nach rechts driften, ist es ausgerechnet der konservative Blair-Klon David Cameron, der den Tories einen neuen ideologischen Rahmen verpasst.

“Big Society” heißt das neue Schlagwort, das eine Antwort auf das Big Government sein soll, das Ur-Feindbild des Konservatismus der Anglosphäre.  Die Idee ist eine Art Pakt der Nano-Devolution: Bürger wie Organisationen sollen auf lokaler Ebene mehr Einfluss erhalten, gleichzeitig dafür bestimmte bislang genuin öffentliche Aufgaben übernehmen – zum Beispiel die Organisation des Büchereiwesens oder der Busfahrpläne. Über eine “Big Society Bank” werden die lokalen Ideen zwischenfinanziert (z.B. könnte dies auch der Neubau von Schwimmbädern oder ähnliches sein). Als Bonus gibt es noch eine Transparenz-Offensive in Sachen Regierungsausgaben.

Wer hier an eine Philosophie denkt, die harsche Einschnitte in öffentlichen Haushalten übertünchen soll, hat teilweise Recht. In der Tat streicht die britische Regierung gerade die Ausgaben in einer Art und Weise zusammen, die weit über die Thatcher-Politik der Siebziger hinaus geht (die Thatcher-Regierung steigerte sogar die Ausgaben), die meisten Ministerien müssen 25 Prozent ihrer jährlichen Ausgaben einsparen. Die Folge könnte eine Gesellschaft sein, in der Entscheidungen wirklich lokal durch die Bürger getroffen werden, gleichzeitig aber Felder wie Bildung, die Verwaltung von einstmals öffentlichen Einrichtungen und die soziale Versorgung in privaten Händen liegt – ob bei wohltätigen Organisationen oder Unternehmen.  Anfang nächsten Jahres, wenn die Sparmaßnahmen greifen, dürfte eine heftige Gegenbewegung erfolgen.

Allerdings ist zu bedenken, dass der deutsche Sozialstaatskonsens nicht auf Großbritannien übertragbar ist und – anders als bei der Rot-Grün und Hartz IV – eine Abwahl als Folge einer solchen Politik keine Notwendigkeit sein muss: Die Idee eines „schlanken Staates“ findet dort durchaus Anhänger. Eine Basisversion der “Big Society” wurde bereits vom englischen Staatsphilosophen Edmund Burke gefordert, nur hießen damals die lokalen Akvisten “Small Platoons”. Auch Labour diskutierte in einem Papier mit Namen “Communities in Control” ein ähnliches Modell.

So charmant die Idee eines progressiven Konservatismus in den Augen mancher wirken mag: Es bleiben jenseits der Frage, ob eine solche Gesellschaft wünschenswert ist, praktische Zweifel. In einer wirtschaftlich schwierigen Situation wie der derzeitigen steht eher privates als öffentliches Engagement im Zentrum des persönlichen Einsatzes; auch dürfte das zeitliche Zusammentreffen mit einem Sparprogramm nicht für große Motivation sorgen: Wer gibt schon seine Zeit her, um ein gesellschaftliches Nullsummenspiel (Privatpersonen übernehmen Staatsaufgaben) zu unterstützen? Zudem ist nicht abzusehen, wie die Einsparungen gemeinnützige Organisationen treffen – und ob diese danach noch in der Lage sind, solch komplexe Aufgaben zu übernehmen.

Am Ende ist auch der gesamte Ansatz widersprüchlich: Ein zentral gesteuertes Graswurzel-Programm sozusagen. Dennoch ist nicht auszuschließen, dass die “Big Society” aus purer Notwendigkeit Realität wird, um das Auseinanderfallen der Gesellschaft zu verhindern.

Kleine Sprünge ins Ungewisse

Zwei Männer springen

Jump!, sagte Van Halen. (via Il Quoquo, Flickr, CC)

Es gäbe gerade sehr viele Themen, zu denen gute Blogbeiträge fällig sind: Duisburg und die Folgen, die nähere und fernere Zukunft des Finanzwesens, die anstehenden Wahlen in Ruanda und Mynmar, die Philosophie hinter dem aktuellen Tories-Aktionismus und was Konservative in Europa und den USA davon lernen können … die Liste ist endlos. Doch derzeit ist es auf kopfzeiler.org relativ ruhig, weil ich mitten in einer anderen Baustelle stecke: Bloggertramp.com

Um was es geht, ist drüben genauer umrissen. In wenigen Worten: Ich werde ab Mitte August vier Wochen durch Europa trampen und darüber bloggen, hoffentlich viele Geschichten erleben und erzählen. Für mich ist das eine neue Rolle: Zwar glaube ich, dass regelmäßige kopfzeiler-Leser sich ein Bild darüber machen können, was für ein Mensch ich bin und welche Einstellung ich zum Leben und bestimmten Themen habe – selbst jedoch näher an den Mittelpunkt zu rücken, Teil der Geschichte zu sein, ist eine große Herausforderung. Ich bin gespannt, wie ich mit ihr umgehen werde.

Aber da am Ende sowieso immer alles anders als gedacht kommt, muss ich einfach den Tigersprung ins Ungewisse wagen, um zu sehen, was passiert. Die kopfzeiler-Taktung wird darunter etwas leiden, doch am Ende wird es sich lohnen.

Wer die Zukunft kennt

Mann im Parkhaus

Que sera, sera... (Foto via Turkairo, Flickr, CC)

Da ich auf diesem Blog öfter mal gewagte Prognosen abgebe, wird es kaum jemanden überraschen, dass ich derzeit nebenbei gerade für ein Stück für meinen derzeitigen Auftraggeber zum Thema Zukunftsprognosen per Algorithmus recherchiere.

Mir geht es dabei konkret um die Vorhersage von menschlichem Verhalten. Je mehr ich mit beschäftige, desto mehr kommt es mir vor, als würde es keine wirkliche Kategorisierung für dieses Feld geben – was mir Informatiker auch bestätigt haben. Ich selbst habe drei Kategorien der Verhaltensvorhersage identifiziert.

1. Vorhersage von Problemlösungen anhand der Spieltheorie
(so wie es Bruce Bueno de Mesquita macht).
Beispiel: Wie sieht eine Lösung im Atomstreit mit dem Iran aus (Player, Motivationen und Zielkorridore sind bekannt, Spielrunde für Spielrunde wird durchberechnet, wie sich die Lage verändert).

2. Vorhersagen von Massenbewegungen
Beispiel: Anhand der Google-Suchanfragen wird der Grand-Prix-Sieger prophezeit (in eine ähnliche Richtung scheint wohl das Startup Recorded Future zu gehen, in das Google auch kräftig investiert hat).

3. Vorhersagen von individuellem Verhalten durch gezieltes Data-Mining
Beispiele: Korrelation zwischen Einkäufen und Scheidungsraten, Versuch der gezielten Konsumvorhersage durch Auswertung von Verhaltensprofilen in sozialen Netzwerken. Hier bin ich mir nicht sicher, ob und inwieweit das nur eine ausgeklügelte Variante dessen ist, was Marktforschung bereits seit jeher leistet – und welches Verhalten wirklich vorhersagbar ist.

Ich kann mir nicht vorstellen, dass diese Kategorien vollständig sind; zudem sind die Definitionen noch etwas unsauber. Deshalb wollte ich das Thema einfach mal in den Raum werfen und hoffe auf schlaue Beiträge und Leseempfehlungen in den Kommentaren.

China: Das Ende der Sweatshop-Formel

Chinas steigende Löhne haben nicht nur für westliche Unternehmen, sondern auch für das Klima Folgen.

China, Porträt eines Arbeiters

Er will mehr als bisher (via Saad Akhtar, Flickr, CC)

Ein Vierteljahrhundert war China der Sweatshop der Welt, nun deutet sich langsam eine Veränderung an: Die Foxconn-Krise hat gezeigt, dass eine neue Generation chinesischer Arbeiter  sich langsam Bahn bricht. Sie sind besser ausgebildet, wissen mehr über ihre Rechte und haben höhere Erwartungen an ihr Arbeitsleben*. Von einer Bewegung zu reden, ist zu früh - klar ist jedoch: Für internationale Konzerne neigen sich die Zeiten der niedrigen Produktionslöhne in vielen Regionen des Landes dem Ende entgegen.

China ist theoretisch groß genug, um einen steigenden Lebensstandard zuzulassen: Der Osten könnte so die Binnennachfrage ankurbeln und langsam höherwertige Aufgaben in der Produktionskette übernehmen, während die klassischen Fabrikarbeiten in die ärmeren Regionen abwandern. Damit würde sich das Land nebenbei etwas unabhängiger vom Export machen können.

Allerdings hat der steigende Wohlstand noch eine andere Folge: Die Explosion der Konsumgesellschaft führt auch zu höheren Umweltschäden. Bereits jetzt liegen 16 der 20 verschmutztesten Städte der Welt in China. Die Energiebilanz des Landes dürfte sich nicht verbessern, wenn dort die westliche Wohlstandsgesellschaft kopiert wird und Autos, Klimaanlagen und Elektrogeräte aller Art zum Standard werden.

Der Westen ist hier in einer schwachen moralischen Position, die letztlich auch die Klimaverhandlungen in Kopenhagen zu Scheitern brachte: Wer jahrelang mit der größten Rücksichtslosigkeit den eigenen Komfort vorangetrieben hat, argumentiert Peking, darf aufsteigenden Ländern nun den Wohlstand mit all seinen Folgen nicht verwehren.

Allerdings sind die Umweltprobleme in Teilen des Landes so gravierend, dass die Regierung selbst den Handlungsbedarf erkannt hat – auch hinsichtlich möglicher Exporte ist die Weiterentwicklung von Umwelttechnologien ein zentraler Punkt in der Wirtschaftspolitik.

An ein grünes China, das Umweltschutz ins Zentrum seiner Politik rückt, fehlt mir angesichts der auf klassisches Wirtschaftswachstum (trotz möglicher Immobilenblase) ausgerichteten Politik und einer Einwohnerzahl von 1,3 Miliarden Menschen jedoch derzeit der Glaube. Die Sweatshop-Formel mag nicht mehr gelten –   die Rolle als Fabrik der Welt wird sich China jedoch nicht nehmen lasen wollen.

*steigende Löhne sind übrigens auch volkswirtschaftlich geboten: Der Teil der Arbeitslöhne am Bruttosozialprodukt sank von 1983 bis 2005 von 57 auf 37 Prozent.

Katastrophe am Rande der Wahrnehmung

BP und das Ölleck im Golf von Mexiko: Vertuschungen, Verschwörungen und eine Katastrophe, an die wir uns viel zu schnell gewöhnt haben.

Deepwater Horizon

Die Wahrheit liegt tiefer (via KK+, Flickr, CC)

Seit 76 Tagen fließt das Öl dort, wo früher die Ölplattform Deepwater Horizon stand. Fast ungehindert, inzwischen auch fast unbemerkt:  Wie so oft verliert eine Katastrophe ihren Schrecken, wenn wir uns an sie gewöhnt haben.Bis zu den Entlastungsbohrungen sind es noch einige Wochen, in denen nichts passieren wird. Außer weiterhin Öl, viel Öl, zerstörte Ökosysteme, dunkle Strände und tote Vögel.

Doch von all dem sehen wir wenig, was nicht nur daran liegen könnte, dass die Berichterstattung jenseits der lokalen Medien an Bedeutung verliert: Immer wieder erzählen Reporter, dass Sicherheitskräfte ihnen den Zugang zu den Katastrophengebieten verwehren (eine Übersicht gibt es auf dieser Seite). Glaubt man der Mother-Jones-Reporterin Mac McClelland (hier ein Interview als Stream oder Transkript), deutet vieles auf eine unselige Art des Private-Public-Partnership hin: Die lokalen Behörden erscheinen in vielen der geschilderten Fälle als Handlanger für BP; ein Eindruck, der durch die jüngste Entscheidung, Medienvertreter nicht näher als 20 Meter an die Ölsperren zu lassen, verstärkt.

Längst hat BP jede Glaubwürdigkeit verloren, und wo es keine Glaubwürdigkeit gibt, machen schnell die wildesten Gerüchte die Runde: Da wird ein Bericht des Hoax-Autoren “Sorcha Faal” herumgereicht, wonach das Öl bereits aus dem Meeresboden austritt und nur mit einer nuklearen Sprengung zu stoppen ist; da nimmt Keith Olbermann bei MSNBC einen anonymen wie spekulativen Bericht aus einem Ölforum auf, um ihn von einem Fachmann ebenso spekulativ als mögliches Szenario bestätigen zu lassen; da wird weiterhin behauptet, Obama würde keine fremde Hilfe wegen seiner Nähe zu den Gewerkschaften zulassen, obwohl dies offensichtlich nicht der Wahrheit entspricht.

Jenseits des Spins, der Vertuschung und der eigenen Projektion bleibt derzeit nur das Wissen, dass weiter Rohöl in großen Mengen ins Meer fließt. Die ganze Wahrheit werden wir erst in einigen Monaten erfahren. Wir können nur hoffen, dass bis dahin die Deepwater Horizon nicht in Vergessenheit geraten ist. Und, dass BP zur Rechenschaft gezogen wird und eine unabhängige Untersuchungskommission sämtliche Ungereimtheiten und Vorwürfe aufklärt. Denn BP zerstört gerade nicht nur ein Ökosystem, sondern auch die wirtschaftlichen Grundlagen und womöglich die Gesundheit der Anwohner. Denn nach dem PB-Syndrom während des ersten Golfkriegs könnte die Welt bald Bekanntschaft mit dem BP-Syndrom und den Folgen des giftigen Dispersionsmittels Corexit auf Ökosysteme und Lebewesen machen.

Berliner Republik in Nahaufnahme

Die Wahl zum Bundespräsidenten und die Folgen.

Schloss Bellevue Berlin

Neuer Hausherr im Anmarsch (via TheStoryBehind, Flickr, CC)

Für mich als Falcon-Crest-Fan war heute ein großartiger Tag: Die Bundesversammlung war eine typische Veranstaltung der Berliner Republik, mit ihrer Gier nach Macht und Mehrheiten. Niemand sollte mich falsch verstehen: Auch das hat seinen Reiz und ich wünschte, wir wären immer so nahe dran an der Arbeit unserer Volksvertreter.

Gleichzeitig relativiert die Abstimmung jedoch die Jubelschreie bei Opposition und Netz nach dem ersten Wahlgang: Joachim Gauck ist nämlich eben nicht nur Projektionsfläche für das Idealbild des weisen Politikers, sondern eben auch Machtvehikel – und es war wohl schon im Vorfeld sinnlos, beide Funktionen voneinander zu trennen.

Einige Abgeordnete der Regierungskoalition nutzten Gauck, um Kanzlerin und Außenminister guten Gewissens einen Denkzettel verpassen zu können. Das ist der eine Keil, den Gabriel mit der Nominierung in den politischen Gegner getrieben hat; der zweite steckt nun in der Linken, die sich in der Rolle der Spielverderberin findet – denn die Verweigerung der Gefolgschaft wird eher als Ewig-Gestrigkeit einer östlich geprägten Partei, nicht als die Treue zu Prinzipien in Sachen Afghanistan oder Hartz IV gewertet werden.

Es dürfte meines Eindrucks nach Oskar Lafontaine gewesen sein, der bei seinem letzten großen Auftritt der SPD den Weg zur Macht versperrt hat. Es wäre tatsächlich der Weg zur Macht gewesen: Eine Niederlage Wulffs wäre nicht nur die Geburt von Rot-Rot-Grün auf Bundesebene gewesen, sondern hätte auch Angela Merkel zur Vertrauensfrage gezwungen. Wie die ausgegangen wäre, ist nach dem heutigen Votum deutlich.

Der 30. Juni 2010 ist auch ohne politisches Erdbeben ein ähnlich prägendes Ereignis wie der 22. Mai 2005. Damals, am Abend der für die SPD desaströsen NRW-Wahl, verkündeten Gerhard Schröder und Franz Müntefering Neuwahlen. So weit ist es noch nicht, doch einzig fehlende Bündnis-Alternativen und der Wille zur Macht halten Schwarz-Gelb noch zusammen.

Dennoch steckt Deutschland auf Bundesebene in einer politischen Sackgasse: So hat sich gezeigt, dass zwischen SPD und Linke immer noch der alte Streit schwelt: Dabei geht es nicht nur um das Wesen der gegenwärtigen SPD oder Hartz IV, sondern eben auch um den alten Streit zwischen Sozialdemokraten und Kommunisten. Wahrscheinlich weiß die Linke, dass sie auf Bundesebene in der Regierungsverantwortung zerrieben würde wie einst die SPD unter Schröder. Die einzig realistische Option wäre im Bund deshalb eine Große Koalition – doch die Sozialdemokraten wären sicherlich nicht so töricht, diese einzugehen.

Noch ein Wort zu den Kandidaten: Joachim Gauck wäre ein exzellenter Präsident gewesen, er hätte dem Amt rhetorische Größe  und die Kraft des Arguments verliehen. Doch auch Christian Wulff wird in diese Rolle wachsen – das geschieht einfach schon qua Amtes, wenn er sich über die Parteien stellt und seine CDU-Vergangenheit erst einmal in die Kiste packt. Und sich vielleicht einen Rhetoriktrainer nimmt.

Die heutige Wahl war kein Musterbeispiel für eine Traum-Demokratie, weshalb die aktuellen Äußerungen des politischen Personals weltfremd wirken. Sie war jedoch ein Lehrbeispiel dafür, wie Politik funktioniert. Allein dies gezeigt zu haben, lässt die Bundesversammlung auf eine ganz überraschende Art ihrer Rolle gerecht werden.

Bildung: Lange Schatten im Zwergenland

Bayern, der einäugige Bildungskönig unter den Bundesländern.

Klassenzimmer

Es werde Licht in den Klassenzimmern (via The Trident, Flickr, CC)

Bayern hat im aktuellen Bildungstest einmal mehr vergleichsweise gut abgeschnitten, allerdings auch Belege dafür geliefert, dass im Freistaat ein erschreckender Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und den Bildungschancen liegt. Eine beinahe siebenfach höhere Chance auf einen hohen Schulabschluss für Kinder aus Oberschichtsfamilien (bei gleicher Leistung!) würde ich jetzt mal knallhart als Bildungssegregation bezeichnen.

Die Ministerialbürokratie feiert das Ergebnis trotzdem – als wären die im internationalen Vergleich mittelmäßigen Resultate kein Grund für einen Kurswechsel. Dabei kommen mir die kritischen Analysen auch fast ein Dutzend Jahre nach meiner Schulzeit in den besetzten Gebieten des Freistaats bekannt vor: Der Drill auf Reproduktion von Wissen sowie hoher Druck und eine Durchlässigkeit, die nur nach unten gegeben ist, sind Kennzeichen des bayerischen Systems – zementiert durch G8 und die unumkehrbare Weichenstellung nach der vierten Klasse. Dass der zweite Bildungsweg in Bayern so gerne beschritten wird, hat eben auch mit den Versäumnissen des ersten zu tun.

Das wird man im Kultusministerium ungern hören: Fordern statt fördern bleibt die Philosophie und die Erkenntnisse aus dem Mathematikunterricht finden gleich Anwendung – beim Erfinden einer “demographischen Dividende” , um die versprochenen tausend Lehrerstellen (nachdem in den vergangenen Jahren gestrichen wurde) mal schnell mit einem Rechentrick verschwinden zu lassen.Und auch sonst lassen sich, glaubt man den Vorwürfen aus Lehrerkreisen,  so einige Dinge im Schulwesen ganz nach ministerlichem Plan(wirtschaftlichem Modell) lösen.

Bayern bleibt jedoch der einäugige König der Bundesländer, in Berlin würde man sich solche Probleme wahrscheinlich wünschen. Doch um aus Schulen mehr als die gegenwärtigen “Lehrplanvollstreckungsanstalten” zu machen, braucht es mehr: Mehr pädagogisch geschultes Personal, eine praxisbezogenere Lehrerausbildung, Raum für individuelle Förderkonzepte und Lehrpläne, in denen lösungsorientiertes Denken statt der Abfrage von eingepauktem Wissen im Mittelpunkt steht.

Es ist auch eine bittere Ironie, dass wir vom föderalen Wettbewerb im Bildungssystem sprechen, in der Praxis der Schulwechsel zwischen einzelnen Bundesländern jedoch hohe bürokratische Hürden mit sich bringt. Der Wettbewerb sollte zwischen den einzelnen Schulen stattfinden – doch dafür bräuchten wir mehr Freiräume vor Ort und Transparenz für Eltern, zum Beispiel Informationen über die Fähigkeiten des Lehrpersonals oder die disziplinarische Lage an den einzelnen Schulen (und ich bin mir der Probleme, dies objektiv darzustellen, bewusst).

Die Reform des Bildungswesens ist die wahrscheinlich wichtigste Aufgabe der Gegenwart*. Dass die Verantwortlichen um sie nicht zu beneiden sind ist kein Grund, sich mit mittelmäßigen Ergebnissen zufrieden zu geben.

*Dazu auch ein Posting aus dem Jahr 2008, das ich eigentlich heute genauso veröffentlichen könnte

Neuer Journalismus. Jetzt.

Elf Selbstverständlichkeiten zur Zukunft einer lädierten Profession.

Schreibmaschinenhund

Zeit, nach vorne zu blicken (via zoomar, Flickr, CC)

Wer mich kennt, weiß, dass ich gerne über die Zukunft des Journalismus diskutiere – allerdings nicht unbedingt hier in diesem Blog, weil es viel wichtigere Themen auf diesem Erdball gibt und ich den Medien-Meta-Wahn in der deutschsprachigen Blogosphäre lieber den üblichen Verdächtigen überlasse.

Dieses Posting hier ist aber eine Ausnahme, weil ich ein paar Selbstverständlichkeiten aufschreiben möchte. Beziehungsweise einige Dinge, die meiner Meinung nach bald selbstverständlich sein sollten, wenn es um die Zukunft der Profession im digitalen Zeitalter geht. Deshalb folgen hier elf Punkte für einen neuen (Online)-Journalismus (Achtung, hier geht es um den Rahmen, nicht um Themen etc. Auch den Bereich Journalisten als Entrepreneure habe ich ausgespart, weil das Thema einen eigenen Beitrag verdient hätte).

1. Nehmt die Nutzer ernst
Vielleicht die größte Selbstverständlichkeit von allen: Journalismus ist keine Einbahnstraße mehr. Und das ist gut so. Nur einige Stichpunkte: Transparente Fehlerkorrektur, Autorenteilnahme an den Debatten unter den Texten, Feedbackschleifen bezüglich der Weiterentwicklung von Layout und Inhalten, kollaborative Projekte, das eigene Angebot als Ort der Diskussion begreifen. Wieso muss ich so etwas im Jahr 2010 eigentlich überhaupt noch aufschreiben?

2. Transparenz ist das neue Schwarz
Wir leben in einer Übergangszeit, in der es noch die Autorität der Printmarken ist, die für Vertrauen sorgt. Mit der Digitalisierung der Welt wird ihre Wirkkraft nachlassen; es wird deshalb künftig darum gehen, Vertrauen durch Transparenz zu schaffen: Dies beginnt bei der Frage, welche Gedanken und Zweifel uns bei der Herangehensweise an ein Thema bewegen und es  endet noch lange nicht bei Informationen über mögliche Interessenskonflikte. Der gläserne Journalist, der beispielsweise offen legt, welche Journalistenrabatte er in Anspruch nimmt, wird einmal eine Selbstverständlichkeit sein.

3. Endlich seriöse Reichweitenmessungen
Sogar die IVW hat es begriffen: Page Views sagen überhaupt nichts aus. Mehr noch (und das hat die IVW noch nicht begriffen): Selbst Visits allein sind keine adäquate Messgröße. Nielsen ist in den USA mit der Einbeziehung von Verweildauer bereits auf dem richtigen Weg, künftig wird auch Demographie eine immer wichtigere Rolle spielen.Und natürlich müssen sich Online-Seiten Werbeformate und Einnahmequellen jenseits der Banner überlegen. Oder nimmt die noch irgendjemand wahr?

4. Eine Plattform im echten Leben sein, …
Verlage sind heutzutage Burgen. Es wird Zeit, die Zugbrücke herunter zu lassen. Wie das geht, zeigt der Guardian, der Premium-Mitgliedern Zugang zur Redaktion gibt. Das ist nur der Anfang: Chefredakteure und Leitartikel-Autoren, die abends die aktuelle Nachrichtenlage mit ihren Nutzern in der Cafeteria des Verlagshauses (oder dem Kaffeehaus ums Eck) diskutieren, Leser, die per Webcam zu Konferenzen zugeschaltet sind und wichtiges Feedback geben: Die Menschen, die früher als das Publikum bekannt waren, rücken näher an die Redaktion.

5. … aber den Plattformgedanken im Netz vergessen
Seitdem es journalistische Online-Portale im Netz gibt, steht bei vielen Internetauftritten ein Distributionskanal im Mittelpunkt: Die Homepage. Sie wird zwar nicht verschwinden, ihre Relevanz jedoch deutlich abnehmen – die Plattformen sterben (“If the news is important, it will find me”). Hyperdistribution ist ein doofes Schlagwort, aber es trifft den Kern der Sache.  Dazu gehört auch, dass nicht alle Inhalte auf jedem Endgerät funktionieren. Beispiel: Mobil nerven Cliffhanger-Teaser, die Kurz-und-Prägnant-Nische, die mir einen Überblick verschafft, suche ich derzeit vergeblich.

6. Ein Gadget rettet keine ganze Branche
Es sagt einiges über die Verzweiflung unserer Branche, wenn wir wirklich glauben, ein einziges Gadget könnte all die Strategiefehler der vergangenen Jahre verschwinden lassen.  Noch bizarrer wird es, wenn wir glauben, analoge Inhalte einfach Eins-zu-Eins auf das iPad übersetzen zu können. Wer wirklich im Tablet-Bereich die Zukunft seiner Marke sieht, muss neue Erzählformen finden und darf auch das spielerische Element nicht vergessen. Klingt schwierig? Ist vor allem teuer, denn dafür braucht es zusätzliche Ressourcen und internetaffine Mitarbeiter – und die Nische dafür ist auf absehbare Zeit überschaubar.

7. Bringt Technik und Redaktion zusammen
Es gibt einen schönen Artikel im New York Magazine, der erklärt, warum die New York Times in Sachen neuer Erzähl- und Darstellungsformen Innovationstreiber ist: Seit 2007 arbeiten dort Redaktion, Technik und Multimediaabteilung eng zusammen, um genau solche Formate zu entwickeln. In deutschen Verlagen hingegen werden Techniker meist noch als Dienstleister gesehen, deren einziger Kontakt zur Redaktion besteht, einzugreifen wenn das CMS mal wieder hängt. Meine Erfahrung jedoch ist: Von den Techies gibt es am meisten zu lernen, weil sie einen Sinn für die Funktionalitäten und Ästhetik des Netzes sowie schönen Code haben. Nicht umsonst habe ich mit zwei Webentwicklern aus der Verlagsbranche gemeinsam ein kleines Nebenblog.

8. Der Journalist als Marke
Früher hat die Marke alles überstrahlt. Das hat es Journalisten leicht gemacht, sich hinter ihr zu verstecken. Heute führt diese Philosophie dazu, dass viele Medienmarken online erstaunlich gesichtslos erscheinen. Es wird Zeit für den Einzelnen, sich zu zeigen. Denn nur wer selbst für etwas steht, kann auch ohne das Portal im Hintergrund existieren. Und darum wird es letztendlich für viele von uns gehen (siehe auch 2).

9. Befreit die Daten
Auch hier gibt der Guardian den Takt vor: Weil die Verantwortlichen begriffen haben, dass Inhalte überall sein müssen, haben sie die API des Guardian geöffnet. Ob sich mit der kostenpflichtigen API für Werbe- und Kampagnenpartner wirklich Geld verdienen lässt, weiß ich nicht; aber offene Schnittstellen sind bei der dezentralisierten Inhaltsverteilung im Web bald Standard.

10. Wer zu Print will, soll zu Print gehen
Es werden weniger, aber es gibt sie immer noch, überall: Die Journalisten, die online arbeiten, weil sie es als Sprungbrett für einen Job in der Printredaktion nutzen wollen oder schlimmer, in Zeitungsredaktionen keine Chance mehr haben. Bei allem gebotenen Respekt: Wer lieber offline als online arbeiten möchte, soll dies bitteschön tun, am besten heute noch. Auch dort gibt es Qualitäten, die gebraucht werden.  Wir haben jedoch im Online-Bereich schon genug Zeit verloren, um im Jahr 2010 noch zu glauben, Internetjournalismus im Vorbeigehen und mit den alten Rezepten machen zu können.

11. Bessere Arbeitsbedingungen führen zu mehr Qualität

Noch immer heißt es in vielen Häusern: Ist ja nur online. Als würde sich im Internet alles irgendwie versenden und niemand hingucken. Nichts ist weiter von der Wahrheit weg. Die Antwort auf die Frage nach Überlebensstrategien des Journalismus im Rahmen des Verlagswesens hat nicht nur mit den zehn oben genannten Punkten zu tun: Die Zukunft wird auch davon abhängen, ob Verlage endlich bereit sind, die Arbeitsbedingungen für Online-Journalisten zu verbessern oder ob sie ihre Zeit weiter mit lächerlichen Rückzugsgefechten verschwenden möchten.

Leseempfehlungen zum Thema: Alan Mutter, Dave Cohn, Dirk von Gehlen, Nieman Journalism Lab, News After Newspapers, @JayRosen

Disclaimer: Ich arbeite derzeit für sueddeutsche.de und war zuvor Redakteur bei ZEIT ONLINE. Diese Ausführungen beziehen sich jedoch auf kein bestimmtes Portal. Sie stellen meine Privatmeinung zu notwendigen Weichenstellungen dar, die alle Journalisten betreffen.

Europa und die Krise: Vagheit und Wagnis

Frauen mit EU-Perücken

Neuer Haarschnitt für Europa? (via Rockcohen, Flickr, CC)

Im Vorfeld des EU-Gipfels war in der International Herald Tribune davon zu lesen, dass die Zusammenkünfte der europäischen Staats- und Regierungschefs bei Märkten eher für Beunruhigung, als für Vertrauen sorgen könnten – weil dort die Macht- und Planlosigkeit der EU zutage tritt.

Ganz so schlimm ist es nicht gekommen, doch die Entscheidungen vom Donnerstag sorgen nur oberflächlich für Klarheit: Viel bleibt vage, anderes wird in die Zukunft oder in globalere Ebenen verlagert. Ob Europa eine Art “Wirtschaftsregierung” bekommt oder, wie die englische Übersetzung des Beschlusses vermuten lässt, es nur um eine – wie auch immer zu definierende – engere Zusammenarbeit geht, ist unklar; ZEIT-Autor Jochen Bittner weist zudem auf die institutionellen Implikationen einer solchen Idee hin (und ich habe Bauchschmerzen bei dem Gedanken an einen Machtzuwachs der EU-Bürokratie in Form der Kommission).

Die Bankenabgabe dürfte symbolisch bleiben und vor allem die regulären Kunden treffen, solange Investment- und Kundenbankgeschäfte nicht organisatorisch und rechtlich komplett getrennt werden. Die Finanztransaktionsteuer wird wohl beim G-20-Gipfel in Montreal begraben werden. Dass sich danach noch ein EU-Land findet, dass sie unilateral erhebt, bezweifle ich. Die Veröffentlichung der Stresstests ist eine gute Sache, allerdings weiß ich zu wenig darüber, wie aussagekräftig die Ergebnisse am Ende sein werden (siehe USA).

Hinter all dem schwebt für mich die Frage, ob eine konzertierte Wirtschaftspolitik wirklich auf der Ebene der EU-27 gelenkt werden kann oder wir, wie von Frankreich gefordert, ein Kerneuropa der Euro-16 erhalten. Und selbst das garantiert noch nicht, dass die beteiligten Staaten dazu bereit sind, ihre wirtschaftliche Lenkungssouveränität (falls es so etwas gibt) graduell aufzugeben. Falls es auf keiner der beiden Ebenen funktioniert, müssen wir uns mit einer Rückabwicklung der europäischen Wirtschaftsintegration anfreunden. Das erste Opfer wäre der Euro.