Denken

Alte Säcke

Ich habe neulich erstaunt mitbekommen, dass Blumfeld eine Reunion-Tour spielen. Nicht, dass das mich betreffen würde, aber ich erinnere mich noch daran, dass einige Freunde von mir damals 2007 zur Abschiedstour gingen.

Jetzt sind sie also zurück, genau wie NIN, deren Abschiedskonzert ich damals in Berlin gesehen habe. Und wie zahlreiche andere Bands, die seit Jahren mit Material aus den Neunzigern umhertouren. So ist das Geschäft, Musik in einer Einheit zu machen, ist ja auch noch Jahre später recht erfüllend. Und dann gibt es in manchen Fällen noch die materiellen Zwänge.

Und doch hat es schon etwas Trauriges, denn das Publikum altert ja mit und kommt wegen der alten Songs, deren Zeitgeist natürlich inzwischen durch Nostalgie ersetzt wurde. Die Reunion-Bands erinnern uns an unsere Jugend, aber wenn wir auf die Bühne und ins Publikum gucken, eben auch an unser Alter. Noch kann ich keinen Trost darin finden, vielleicht meide ich deshalb diese Veranstaltungen.

Andererseits lerne ich jetzt die “Älteren” von damals, die wir als Teenager bei den Punkrock-Konzerten hinten an der Bar stehen sahen. Meist männlich, nicht selten junggesellig, mit Shirts von Bands, ihre beste Phase ungefähr in unserem Geburtsjahr hatten. Und ich bekomme Respekt für das Interesse an neuer Musik, denn sie hätten sich ja auf den Besuch von Reunion-Touren beschränken können. Wenn Ihr mich also in ein paar Jahren sucht: ich stehe dahinten irgendwo. In meinem Go-Faster-Nuns-Shirt.

Denken Globus

Die beste aller Zeiten

Klammern wir die Privatsphäre aus, liegt für den politischen Menschen die beste Zeit stets in der Vergangenheit. Zumindest, wenn wir von beste mit “friedvoll und ruhig” gleichsetzen.

In meiner eigenen Erinnerungen wirken die Neunziger in der Rückschau fast wie ein Paradies, auf Normalmaß zurückschrumpfende Imperien und eine Welt, in der das Ende der Geschichte wirklich möglich schien. Doch natürlich gab es damals die Balkan-Kriege, und obwohl mein politisches Bewusstsein in diesem Jahrzehnt erst am Erwachen war, erinnere ich mich deutlich an die Krassheit eines Krieges in Europa.

Von den Konflikten in der Ukraine und dem Zerfall des Nahen Osten aus betrachtet wirken sogar die Nullerjahre erträglich. Der Irak-Krieg und dessen Folgen waren ja damals in Deutschland vor allem eine staatspolitisch-moralische Debatte (im Irak selbst und in den USA freilich war dies ganz anders, und natürlich sind mir die großen afrikanischen Kriege bewusst).

Aber natürlich ist heute so gesehen immer noch eine gute Zeit für die Bundesrepublik. In diesem Ukraine-Stück des Guardian ist von Barkeepern die Rede, die inzwischen an der Front kämpfen müssen. Das erlaubt einen Blick darauf, we ein Krieg eine Gesellschaft auseinander sprengt. Die (gerechtfertigte) Wertschätzung für die eigenen Soldaten, aber auch die Kaputtheit vieler Veteranen hier in den USA zeigt, wie es in einem Land aussieht, das eigenlich ständig mit Krieg lebt, obwohl hier selbst schon lange Frieden herrscht.

Es ist ein echtes Wunder, dass die Deutschen unter 70 keine dieser Erfahrungen am eigenen Leib machen mussten.

Das Kabel

Professionalisiert den Leserdialog

Endlich spricht es mal jemand aus! Journalisten sind sich selten einig, aber Andrea Dieners FAZ-Rant zu beleidigendem Leser-Feedback trifft offenbar einen Nerv. Nicht, dass das überraschen würde. Vom gedruckten Anti-Troll-Essay bis zum Hate-Slam: Beschwerden über schlechten Leser-Stil hat bei Medienschaffenden seit einiger Zeit Konjunktur.

Ein ernsthaftes Diskursangebot kommt – von Ausnahmen abgesehen – dabei nicht zustande. Wer mit “Trollen“ das Extrembeispiel wählt, vermeidet auch jegliche Verpflichtung, zu differenzieren oder über die eigene Position nachzudenken. Und darüber, wie professionell die deutsche Medienbrache 2014 mit ihren Lesern umgeht. Deshalb:

Eine kleine Leserkommentar-Checkliste für Journalisten
Bitte Zutreffendes markieren:

  • Meine Redaktion hat eine klare Vorgabe zum Umgang mit Leserfeedback.
  • Diese Politik lässt sich in zwei bis drei Sätzen beschreiben.
  • Diese Sätze lassen sich nicht in “Ignorieren“ oder “Wer mag, darf sich einschalten“ übersetzen.
  • Die Vorgaben gelten unabhängig von einer bestimmten Plattform/ von einem bestimmten Eingangskanal.
  • Teilnahme an der Leserdebatte steigert meine Wertschätzung in der Redaktion.
  • Meine Chefredaktion hat Anreize geschaffen, sich einzumischen.
  • Dialogfähigkeit wird als journalistische Kernkompetenz geschätzt.
  • Ich erhalte Zeit für den Leserdialog.
  • Ich kann für die Formulierung von Antworten fachliche Hilfe beanspruchen, wenn ich sie benötige.
  • Ich kenne die Moderationspolitik bei drastisch formulierter Kritik und persönlichen Beleidigungen.
  • Ich weiß, welche Gegenmaßnahmen (Sperrung, Rechtsabteilung, etc.) im Falle persönlicher Beleidigungen möglich sind.
  • Ich weiß, mit wem ich über meine Erfahrungen sprechen kann.
  • Ich fühle mich sicher im Leserdialog.

Für mich sind all diese Punkte ein Signal für Professionalität. Nun können wir sicherlich über einzelne Aspekte diskutieren; das Problem ist aber, dass viele Redaktionen noch nicht einmal festgelegt haben, dass Leserdialog überhaupt Teil ihrer Aufgabe ist (Ausnahmen sind in der Regel bestimmte E-Mails und das Elitenmedium Twitter). Wenn das aber nicht entschieden wurde, warum also Kommentarfelder anbieten? Warum die E-Mail-Adresse zugänglich machen, statt per Filter alles in die Ablage P wandern zu lassen?

Aufhören oder Aufhören mit dem Durchwurschteln?

Deshalb zwei Vorschläge: Lassen wir das mit dem Leserdialog, mit all den Konsequenzen. Kein Feedback, keine Trolle. Oder aber lasst uns professioneller werden; neue Dialogformen können ein Teil davon sein, die Erarbeitung von Souveränität sicherlich ein anderer.

Und das ist meine Erfahrung, aus Blogs, Foren-Mitgliedschaften und Community-Aufgaben: Wer sich mit den Leserfeedback und Kommentaren auseinandersetzt, gewinnt nach einiger Zeit eine enorme Gelassenheit, auch gegenüber fieser Kritik. Vor allem aber genieße ich es, dass sich eine völlig andere Kommunikationsebene mit jenen Menschen auftut, die uns Zeit und/oder Geld geben. Nicht immer – aber deutlich häufiger, als das laute Wehklagen über Trolle vermuten lässt.

P.S: Ich habe mich absichtlich auf die praktischen Aspekte beschränkt. Worüber wir auch reden sollten, ist eine der Ursachen für fehlenden Respekt: die sinkende Glaubwürdigkeit, die für mich eine größere Gefahr für die Zukunft des Journalismus ist, als jede Bedrohung durch die angebliche “Gratiskultur”.

Lesenswert zur Debatte:

Das Kabel

Exklusives im Journalismus

Exklusiv: Guttenberg arbeitet für Bitcoin-Startup” titelte die Wirtschaftswoche gestern in einer Vorabmeldung. Einzig: Diese Information ist nicht exklusiv, sondern steht schon seit 1. Juli auf dem Unternehmensblog von Ripple, das KTG künftig beraten wird. Ich weiß nicht, ob die Wiwo mit dem Ex-Minister gesprochen hat (meines Wissens nach gibt er derzeit selten Interviews), die Zitate sind so zumindest auch in dem kurzen Vorstellungsinterview zu lesen, das der Pressemitteilung anbei gestellt ist.

Jenseits der Frage, warum die Meldung auf die Information zur Quelle verzichtet, ist das eine gute Gelegenheit, über das Label “Exklusiv” im Journalismus zu diskutieren. Jeder, der in einem Newsroom gearbeitet hat, kennt das Gewicht dieses Wortes. Exklusives signalisiert Neuigkeitswert, schiebt das News-Rad an und sorgt für die Erwähnung als Quelle in Radio- und TV-Nachrichten und auf anderen Portalen. Vorab-Meldungen sind in vielen Redaktionen ein wichtiger Bestandteil der Planung. Und die Kollegen, die Exklusivmaterial beschaffen, gehören in der Regel zu den Besten.

Exklusivität dauert oft nur wenige Minuten

Felix Salmon hat vor einigen Wochen unter dem Titel “Scoops: When journalists masturbate” den Scoop für tot erklärt. Ich glaube das nicht. Worüber wir aber reden sollten, sind Mikro-Scoops: Ein Papier, das am nächsten Tag ohnehin vorgestellt wird; die erwartbare Äußerung eines Politikers aus der zweiten Reihe zu einem aktuellen Thema; eine Studie oder Umfrage, die durch die vermeintliche Exklusivität vor ihrer Veröffentlichung Interesse erzeugt. Im schlimmsten Falle: der Inhalt einer Pressemitteilung, die erst am nächsten Tag vesendet wird.

Im Print-Zeitalter hatten diese Nachrichten noch eine “Exklusivitätsdauer” von mindestens 24 Stunden. Im Digitalen sinkt diese Zeit auf wenige Minuten. Den Lesern ist es in der Regel auch völlig egal, wo Herr Huber seinen Senf über Herrn Seehofer abgibt. Er wird wahrscheinlich auch die Wirtschaftswoche nicht kaufen, weil sie angeblich Exklusives über die Guttenberg-Zukunft verraten kann. Am Ende geht es eher um einen internen Medienwettbewerb, den Außenstehende nicht verstehen. Und um das Image.

Was wird aus den Mikro-Scoops?

Doch was bleibt in Sachen Image hängen? Bei den Exklusivgeschichten deutscher Medien aus den vergangenen Monaten, an die ich mich erinnern kann (Mollath, ADAC, Gurlith etc.), handelte es sich nie um das Veröffentlichen einer Information, die ohnehin bald auf den Markt kam. Vielmehr ging es stets um das Aufdecken von Dingen, die viel tiefer unter der Oberfläche versteckt waren und langfristige Recherche brauchten. Als Teil der Medienbranche (und des SZ-Kosmos) verfolge ich, wer wann wie was veröffentlicht hat (hätte ich ein AP-Stylebook, es würde deshalb ein Uwe-Ritzer-Heiligenbildchen darin stecken). Der Leser aber wird hoffentlich das Gesamtpaket beurteilen, also Recherche, Einordnung, Haltung, Originalität (ich kenne allerdings keine Marktforschung dazu).

Welche Rolle spiel also künftig der Mikro-Scoop, die Exklusivität um der Vorabmeldung Willen? Ich glaube: bei den Lesern eine noch geringere als bislang. Und das wäre eigentlich ein gutes Argument, seine Bedeutung auch in den Redaktionen zu überdenken. Dann müssen Kollegen auch nicht mehr Firmenblog-Mitteilungen zur Exklusivgeschichte machen.

Quo vadis, “Exklusiv”? Ich freue mich auf Kommentare.

 

 

 

 

 

Das Kabel Denken

Was ist Innovation?

Thomas Wedell-Wedellsborg von den Innovation Architects hat neulich bei Peter Day eine Geschichte erzählt, die sehr gut erklärt, was Innovation ist: Bis 1972 gab es keine Rollkoffer. Wieso, ist schwer zu sagen, damals waren die Menschen auf den Mond geflogen, das hatte Rad hatte seinen 3570. Geburtstag hinter sich. Aber die Menschheit musste ihre Koffer offenbar weiterhin schleppen.

Der Koffer-Vertreter Bernard D. Sadow kam auf die Idee des Rollkoffers, als er sah, wie an einem Flughafen ein Mitarbeiter schwere Geräte per Gepäckwagen transportierte. Der Einfall machte ihn reich, doch er hatte etwas vergessen. Die Menschen mussten ihre Rollkoffer weitere 15 Jahre gebückt schieben und ziehen. Es dauerte bis 1987, bis der Pilot Robert Plath das Problem erkannte und Koffer mit einem Teleskopgriff ausstattete. Die Gattung der Rollaboards war geboren.

Was daraus zu lernen ist? Häufig liegt Innovation nicht in Zukunftstechniken, sondern in der Lösung gegenwärtiger Probleme mit Hilfe bekannter Mittel. Und nicht selten sind es Branchen-Outsider, die den richtigen Abstand haben, um ein Problem und dessen Lösung zu erkennen.


Jenseits des Objekts

Allerdings kann das Koffer-Beispiel auch in die Irre führen, wie W-W anmerkt: Denn Innovation bedeutet nicht nur, in Objekten zu denken (wie mache ich den Koffer leichter, kompakter etc.). Der Koffer ist am Ende nur das Hilfsmittel, um meine Kleider und Habseligkeiten von A nach B zu transportiere.

Innovation kann im Falle des Koffers also auch heißen: Ich fliege nach New York und brauche meinen Habseligkeiten dort, gibt es mögliche Vereinfachungen des Transports (z.B. die Möglichkeit, seinen Koffer schon einmal alleine zum Flughafen zu schicken; eine Technik, die am Gepäckband Koffer und Besitzer reibungslos zusammenbringt)? Vielleicht existieren sogar Alternativen zum Gepäckstück selbst oder dessen Mitnahme? Ein Dienst, der mir in New York die wichtigsten Sachen leiht; ein Logistikunternehmen, das meine Habseligkeiten über bestehende Infrastrukturen kostengünstig transportiert.

Innovation bedeutet, ein Problem zu lösen. Technologie erweitert im Idealfall die Vorstellungskraft, was die Lösung sein könnte – und was das eigentliche Problem ist.

49Orte

49Orte: Baker Beach – der versteckte Strand

Baker Beach San Francisco Strand

Die Golden Gate Bridge liegt in Sichtweite, auf der anderen Seite des Strandes hat Robin Williams sein Haus. Die moderne Millionenvilla, die Jack Dorsey vor einiger Zeit gekauft hat, blickt aus der Ferne auf das Treiben. Doch den Baker Beach einen belebten Ort zu nennen, wäre falsch.

San Francisco ist eine einzige Küste, vom Pazifik bis zur Bay. Doch niemand würde auf die Idee kommen, die Stadt eine Strandstadt zu nennen. Während etwas weiter südlich in Los Angeles oder San Diego der Strand Anziehungspunkt ist und die Kultur prägt, verläuft sich der San Franciscan eher selten dort. Das hat verschiedene Gründe: Den Nebel, der gerade im Sommer vom Pazifik hereinzieht. Die Wellen, die an fast allen Stellen das Schwimmen unmöglich machen. Und die Verschachtelung der Stadtlandschaft, die Perlen wie den Baker Beach hinter vielen Hügeln und Kurven verstecken.

Das Strandgefühl in San Francisco ist deshalb eines der verwehten Abgeschiedenheit. Das Meer ist da, aber unberührbar. Die Sonnenstrahlen vermischen sich mit unerbittlichen Windböen. Irgendwo dahinten liegt die Stadt. Und dort draußen kreuzen die Tanker, das goldene Tor zum Westen ansteuernd. Irgendwo, ganz weit weg, liegen Hawaii und Japan. Nichts ist unerreichbar, doch alles fern.

Das Kabel

Journalistisches Crowdfunding und die Botschaft

(Foto: Acnata, Flickr, CC BY 2.0)

Heute flatterte ein Brief aus North Carolina ins Haus. Die Herausgeberin des Sun Magazine bat mich um eine Spende, weil die Zeitschrift sonst nicht überleben könne, zumindest nicht wie bisher werbefrei. Wohlgemerkt: ich bin Abonnent und bezahlte schon etwas für das Produkt.

Am vergangenen Samstag endete die aktuelle Pledge-Runde von KQED, des öffentlichen – aber nicht öffentlich-rechtlichen – Fernseh- und Radiosenders der Region. Im Zehn-Minuten-Takt baten die Moderatoren um Spenden für den Erhalt des Programms, wer gehobenes Mitglied wurde, erhielt sogar ein Erdbeben-Überlebens-Set (kein schlechtes Goodie hier).

Amerikanische Medien wissen, wie man um Geld bittet. Sie sind sich nicht zu schade dafür, erzählen eine Geschichte und vermitteln ihren Lesern, Hörern und Zuschauern, was man an ihnen hat. In Deutschland sind wir noch nicht ganz so weit.

Ein Teil des Narrativs der von mir geschätzten Krautreporter stellt in den Mittelpunkt, dass etwas anderes (der gegenwärtige Online-Journalismus) schlechter ist und man das nun ausbügeln werde. Auf die Idee, über die Abwertung anderer Medien Spenden sammeln zu wollen, würde man in den USA nicht kommen (abgesehen von manchen rechten Talk-Radio-Hosts vielleicht). Weil so nur die Menschen erreicht werden, die genau jenes Problem identifiziert und für unbedingt lösungsbedürftig halten. Und weil sich dahinter wenig verbirgt, was in einer breiteren Zielgruppe irgendeine Form von Zugehörigkeit auslösen würde.

Auf der anderen Seite tun wir uns mit dem Gedanken schwer, dass “Bezahlen” für ein Medienprodukt mehr als Verkaufspreis oder Zwangsabgabe sein könnte. Ich wünsche mir sehr, dass sich das ändert, auch für etablierte Medienhäuser, die sich für solche Experimente nicht zu schade sein dürfen. Denn Vertriebserlöse alleine werden irgendwann niemanden mehr füttern können, ob Startup oder Mainstream-Medium.

Spenden an das Sun Magazine und NPR sind hier übrigens von der Steuer absetzbar, weil beide als gemeinnützige Organisationen gelistet sind. Auch das ist etwas, worüber wir in Deutschland sprechen könnten: Warum soll es nicht einen gemeinnützigen Journalismus geben, der steuerlich entsprechnend behandelt wird (und natürlich nicht gewinnorientiert arbeiten darf)? Es würde vielen findigen journalistischen Gründern das Leben leichter machen.

Update, 23.5.: Die Krautreporter haben etwas nachjustiert, jetzt steht der Slogan “Ihr seid die Crowd, wir sind die Reporter. Zusammen sind wir Krautreporter” ganz oben.

#10SätzeTech

#10SätzeTech: Oculus Rift

Gedanken aus San Francisco zu Technologie, kurz gehalten.

Die längste Schlange auf Facebooks F8 neulich war, das ist keine Überraschung, vor zwei Prototypen von Oculus Rift. Wir erinnern uns an den 2,3-Milliarden-Dollar-Deal. Aus einem 60-Sekunden-Test eines Prototypen lässt sich leider noch kein Hands On basteln, deshalb nur kurz mein Eindruck: Ich bin überrascht von der Grafik, bin begeistert, dass man sich jetzt in der virtuellen Welt umdrehen kann und skeptisch, wie komplex die Anwendungen in der nächsten Zeit werden.

Der Prototyp zeigt eine einzige Spielzene eines First-Person-Shooters, vor allem der Ausblick auf eine Reihe wuselnder Figuren im Hintergrund wirkt ziemlich echt. Beziehungsweise so wie der Blick von einer Burgzinne auf eine Welt im Miniatureffekt. Das Geballer selbst war allerdings weit weniger realistisch, die Schüsse etwas verzogen – was in diesem Setting natürlich auffällt. Die entscheidende Frage ist für mich, wie groß Programmieraufwand und Rechenkraft sein müssen, um so etwas unfallfrei zu rendern und komplexere Welten als eine einzige Szene zu erschaffen. Mein Gefühl sagt mir, dass wir hier von einigen Jahren reden, allerdings soll die Brille angeblich schon 2015 in den Handel kommen. Ich wette dagegen.

#10SätzeTech

#10SätzeTech: Warum kauft Google keinen Satelliten?

Gedanken aus San Francisco zu Technologie, kurz gehalten.

Rory Paul, Experte für den landwirtschaftlichen Einsatz von Drohnen, auf der Fachkonferenz sUSBExpo im Presidio: “Ihr habt sieben Jahre, denn spätestens dann werden die Bilder in Echtzeit über Satellit empfangbar sein.” Erstauntes Schweigen. Könnte die Nutzung von Drohnen für kathographische Luftaufnahmen (in diesem Fall: Zustand der Pflanzen) bald überholt sein? Die Satellitentechnik gilt ja als etwas altbacken und mit Kosten von mehreren hundert Millionen Dollar als teuer.

Andererseits könnten zumindest die Materialkosten mittelfristig sinken. Warum sollte ein Konzern wie Google also nicht (Quasi-)Echtzeit-Karten oder sogar Livebilder über einen eigenen Satelliten anbieten? Im Moment sind Echtzeit-Nahaufnahmen ja noch Sache der Geheimdienste, aber womöglich haben wir mittelfristig ganz andere Online-Karten, als wir sie uns vorstellen. Natürlich hat die Sache auch regulatorische Haken, für die Internet-Übertragung zu abgelegenen Orten auch technische. Aber unrealistisch ist das Szenario “Live-Satellitenbild per Fingerwisch” nicht.

49Orte

#49Orte: The Presidio – die Festung



49 besondere Orte stellt San Franciscos legendärer Stadt-Schriftsteller Gary Kamiya in seinem Buch “Cool Gray City of Love” vor. Ich besuche sie.

Sonntags findet im Park des Presidio, das im Norden der Stadt liegt und auf die Bay blickt, immer ein Massenpicknick statt. Im Kontext der Jahrhunderte betrachtet entbehrt diese äußerst amerikanische Sonntagsbeschäftigung nicht einer gewissen Ironie: 1776 errichteten hier die spanischen Eroberer den ersten militärischen Außenposten in der Gegend.

Wer sich nicht näher mit kalifornischer Geschichte beschäftigt, der vergisst leicht die Zeit von 1776 bis 1848, in der Landstrich spanisch beziehungsweise dann mexikanisch war. Das Presidio war damals allerdings kein Schauplatz von Kämpfen, sondern eher ein ruhiger, verschlafener Ort, an dem sich Soldaten dem Trinken oder dem Spielen hingaben. Kamiya erzählt in seinem Buch, wie hier einst der mexikanisch-amerikanische Krieg endete: Ein Militärschiff mit amerikanischer fuhr in die Bucht ein. Ein einziger Soldat ließ sich kurz auf seinem Beobachtungspunkt blicken, zog wortlos die mexikanische Flagge ein und sich zur Siesta zurück.

Seit Mitte der Neunziger hat auch die US-Armee den Stützpunkt aufgegeben, der Ort ist eine Art Freizeit- und Wohnpark. An die militärische Nutzung erinnern nur die ehemaligen Barackengebäude und die unglaublich symmetrische Struktur der Bebauung. Die Gegend ist zwar von der Stadt einfach zu erreichbar, liegt aber doch etwas abgeschottet – wer vom Süden kommt, muss erst eine der vielen Hügelstraßen hinunter. Ein lebenswerter, aber für die hiesigen Verhältnisse etwas langweiliger Ort – aber wer in der Sonne sitzen und die Segelboote in der Bay beobachten kann, erlebt sicherlich eine der besseren Formen der Lageweile.