kopfzeiler.org

Ein Weblog von Johannes Kuhn

Flower

About Jack

Jack Dorsey

(via cibervoluntarios, Flickr, CC BY-NC-SA 2.0)

Im Geiste des Prozessjournalismus ein paar Ergänzungen zu dem Gespräch mit Jack Dorsey, das ich am Sonntag geführt habe. Der Artikel steht online, ist aber eigentlich aus der Zeitung, weshalb der Zeilenumfang begrenzt ist. Leider hatte ich zu viel zu tun, ihn für online zu ergänzen und umzuarbeiten, deshalb das hier auf dem informellen Weg.

Zu den Fragen der freundlichen Twitter-Helfer (vielen Dank!!):

@thetrip (Künftig Werbung für jedermann): Ja, wird gerade ausgerollt und wird wohl ähnlich wie Adwords nur ohne Bieterverfahren laufen. Eigentlich logisch, denn nur so skaliert das bei einem Echtzeit-Dienst. Mehr unter dem Stichwort “Self-serve Ads“.

@Sophist (deutsche Startups): Für die Frage hatte ich leider keine Zeit mehr, pardon. Das Interview war mit 22 Minuten (so stehts auf dem Aufnahmegerät) noch kürzer als ohnehin gedacht. Aber über die Verknappungs-Taktiken von PR-Menschen müsste ich mal einen eigenen Blogeintrag schreiben.

@muellero (wohin geht die Reise? Signal vs. Noise): Über die Strategie steht einiges im Text. Ergänzend würde ich sagen, dass Twitter mehr an einer einheitlichen Bedienung arbeiten möchte, weshalb ja auch Tweetdeck gekauft und ohne Air nochmal neu gebaut wurde. Eigentlich irritierend, dass man immer noch in der Nutzergewinnungs-Phase ist, aber bei einer Aktivität von 25 Prozent geht das natürlich nur über Wachstum. JD betont, dass natürlich weiterhin Software auf Twitter drauf bzw. die API gebaut werden kann, aber man will schon die Webseite zum zentralen Anlaufpunkt machen. Nimmt man jetzt noch Summify dazu und eine Verbesserung des Relevanz-Algorithmus, an der man ständig arbeitet, sieht man, wo die Reise hingeht.

Vielleicht noch ein paar kleine Punkte: Generell merkt man, dass Dorsey sehr viel Wert auf einheitliches Design und UI legt. Ich denke, man hat sich mit ihm auch dafür entschieden, den Weg der integrierten und wenig aufdringlichen Werbung weiter zu gehen bzw. über Umwege Aufmerksamkeit zu erzielen (die Geotags an Tweets haben da ja theoretisch potential, aber wie lange reden wir schon über ortsbasierte Werbung…). Ich habe von dem, was Dick Costolo so über Experimente mit Videowerbung etc. erzählt den Eindruck, dass DC sein Gegenpart ist und man sich irgendwo in der Mitte einigt, wobei sich das schnell ändern kann, wenn man sich die Unstimmigkeiten der Vergangenheit ansieht. Aber ob das “wir wachsen und werden wichtiger” wirklich funktioniert, wenn das Anzeigenumsatz-Wachstum nicht mitzieht, ist eine andere Frage. Hier würde ich auf 2013 gucken, denn in diesem Jahr werden aufgrund der Wahl wahrscheinlich ziemlich gute Umsätze erzielt, einfach mal verfolgen, wie oft jetzt schon die republikanischen Kandidaten Werbung schalten.

Ein anderer Punkt ist China: Hier spricht man wohl mit den Behörden dort, sieht aber im Moment die Regierung am Zug, die Blockade aufzuheben. Ein U-Turn ist nicht zu erwarten, wobei die Weibos natürlich zeigen, wie stark der Bedarf nach Microblogging dort ist – nur der Preis der Zensur-Regulierung wäre für Twitter zu hoch.

Über Square haben wir nur ganz kurz geredet. JD meint, dass NFC keine Konkurrenz ist, was ich definitiv anders sehe. Ich kann mir nicht vorstellen, dass er in 12 Monaten noch Twitter-Produktverantwortlicher und Square-CEO zugleich ist, wobei ich da natürlich die anstehenden Benchmarks nicht kenne. In jedem Fall rechnet er damit, dass sein Traum, Bürgermeister von NYC zu werden, frühestens in 30 Jahren in Erfüllung geht. “Wenn mich die New Yorker dann noch wollen”.

Ein lesenswertes Porträt gibt es übrigens bei Vanity Fair. Da merkt man erst, wie schmerzhaft solche Kurztermine sind.

PS: Ich habe ihn natürlich gebeten, Tweetdeck wieder heile zu machen. Und ich gebs zu, das Angebot der PR-Dame, meine Verbesserungsvorschläge zu mailen, damit sie es ans Tweetdeck-Team weitergibt, habe ich angenommen.

Impressionen von da draußen (Teil 4)

Parship

“Ich suche einen selbstbewussten Mann, der auch Unbequemes ausspricht.”
“Die passende Frau teilt meine Vorliebe für Bruschetta, Gnocchi und Zabaglione.”

Wir sollten froh sein, nicht in den Gehirnen von Parship-Werbetextern wohnen zu müssen.

Playlist Experimental Jet Set 1/12

 

Hundefüße im Schnee

(Foto: KennethMoyle, Flickr, CC BY-NC 2.0)

Es hat etwas gedauert, aber hier ist die Playlist der vergangenen Folgen (und der aktuellen Ausgabe) meiner kleinen Radiosendung “Experimental Jet Set, Talk and No Star”.

Exp02 (Ende 2011, Alben des Jahres)

The Pains of Being Pure At Heart: Belong

TV On The Radio: Will Do

La Dispute: St. Paul Missionary Baptist Church Blues

Shabazz Palaces: Endeavors for Never (The Last Time We Spoke You Said You Were Not There. I Saw You Though)

Death Grips: Beware

Marsmobil: The Carpenter / Genesis of the Upper Skies

Dominik Eulberg: Das Neunauge

Astronautalis: This Is Our Science

The Naked And Famous: Punching In A Dream

Son Lux: Flickers

WU LYF: Dirt

Exp03 (Dieses Jahr oder keines)

The Mountain Goats: This Year

Jack Penate: Torn On The Platform

Snuff: Nick Motown

David Bowie: I’m Afraid Of Americans

Gui Boratto: This Is Not The End feat. Luciana Villanova

Fleet Foxes: The Shrine/An Argument

Future Islands: Tin Man

Tim Hecker: Hatred Of Music I & II

The Dresden Dolls: The Kill

!!!: Jamie, My Intentions Are Bass

Exp04 (Dieser Emir ist in Deinem Land nicht verfügbar)

TV On The Radio: Wolf Like Me

Guitar Wolf: Jet Generation

Helmet: In The Meantime

Laura Gibson: La Grande

Sleigh Bells: Tell ‘Em

i, cactus: chatreuse cactus

Eniac: We did things

The Robocop Kraus: You Don’t Have To Shout

Maserati: Do You Hear The Nightbirds Calling You?

Fang Island: Davy Crocket

Prinzhorn Dance School: Seed, Crop, Harvest

The Wedding Present: I Am Further North Than You

Ms John Soda: Sometimes Stop, Sometimes Go

Duran Duran: Hungry Like The Wolf

Experimental Jet Set, Talk and No Star könnt Ihr bei Howmuchrebellion hören. Die Sendezeiten:
Mittwoch: 21-22 Uhr
Donnerstag: 23-0 Uhr
Sonntag: 17-18 Uhr

2011 – die Liste

Es ist eine Tradition auf diesem Blog, das Jahr mit meiner persönlichen Liste zu beschließen. Und wie immer ein Feuerwerksbild zu posten.

Fireworks

Tradition verpflichtet (Foto: JohnRawlinson - Flickr, CC BY 2.0)

Themen des Jahres: Veränderung und Verantwortung

Im vergangenen Jahr hatte ich ja die Eurokrise genannt, die in diesem Jahr natürlich noch einmal potenziert unser Bewusstsein bestimmt hat. Aber bei den Revolutionen im arabischen Raum und Fukushima wäre es vermessen, die Krise einer Währung und der europäischen Institutionen hervorheben zu wollen. Eine Klammer über dem ganzen sind jedoch zwei Aspekte: Veränderung (das ist glaube ich selbsterklärend) und Verantwortung – weil es bei all den angesprochenen Ereignissen (plus innenpolitisch Guttenberg, Wulff etc.) um genau darum geht, wie wir Verantwortung definieren. War Fukushima Tepcos Schuld oder schieben wir es auf die Naturgewalten, die das Ganze ja ausgelöst haben? Übernehmen Merkel, Sarkozy, Cameron und Co. Verantwortung für ihr Land, für Europa oder vielleicht doch nur für ihre Macht? Was ist die Entscheidung, auf die Straße zu gehen und unter Einsatz des eigenen Lebens für Veränderung zu demonstrieren anderes als Selbstveranwortung im besten Sinne? Ihr versteht ungefähr, worauf ich hinaus will, hoffe ich.

Person des Jahres: Mohamed Bouazizi

Am 4. Januar 2011 starb der tunesische Gemüsehändler Mohamed Bouazizi, nachdem er sich einige Wochen zuvor selbst angezündet hatte. Er hatte es satt, von den Autoritäten drangsaliert zu werden, willkürlich seiner Lebensgrundlage beraubt werden zu können. Ohne ihn hätte es die arabische Revolution vielleicht in dieser Form nicht gegeben. Mohamed Bouazizi steht für mich für die Erkenntnis, dass Freiheit unser höchstes Gut ist und das es manchmal der mutigsten Taten bedarf, um sie zu erreichen.

Ignorierte Ereignisse 2011:
Für mich persönlich, aber auch generell hat die Twitter-Nachrichtenbeschleunigung 2011 nochmals zugenommen, weshalb ich nicht das Gefühl habe, dass mir besondere Dinge entgangen wären. Mir würden spontan die Entwicklungen in Brasilien, Pakistan, Angola, Sri Lanka und im Irak einfallen, wo jeweils mehr passiert ist, als man hierzulande mitbekommen hat. Auch zum Drogenkrieg in Mexiko gab es viel Bodycount und wenig Erklärungen, als ignoriert würde ich das Thema allerdings nicht bezeichnen.

Bester Journalismus 2011:
Leider lässt sich Twitter nicht so gut durchsuchen, weshalb ich nicht besonders viele konkrete Beispiele nennen kann. In diesem Jahr habe ich wie immer Holger Gertz gerne gelesen, aber auch Moritz von Uslar – den ich dem Eindruck nach für wenig sympathisch, aber sehr begnadet halte. Oh, und natürlich Alex Rühle, dem ich das Prädikat “wertvoll” nicht nur als Autor, sondern auch als Kollegen geben kann.

Desweiteren fallen mir ein:

Adam Gopnik: The Information
Wolfgang Uchatius: Die Riester-Bombe
Mark Leibovich: The Man the White House wakes up to
Philip Faigle: Ohnmacht macht wütend
Hansjürg Zumstein: Der Fall Kachelmann
Tom Noga: Zahnlos glücklich in Vilcabamba

Beste Blogs 2011:
Stellvertretend für die deutschen Wirtschaftsblogger (und -twitterer), die mir die Krise erklärt haben und nicht müde werden, Verlautbarungen, Statistiken und Theorien zu hinterfragen: Dirk Elsner (Blicklog), Egghat (Die wunderbare Welt der Wirtschaft) und die Autoren des Herdentrieb-Blogs. Egghat ist übrigens nach 2008 schon das zweite Mal auf dieser Liste. Schade fand ich, dass Weissgarnix in dieser Form nicht mehr existiert (wobei ein Blick auf Wiesaussieht lohnt) – aber ich fühle mich dennoch bestens informiert.

Prognosen für 2012:
Nach dem unberechenbaren 2011 fällt es mir schwer, etwas zu prognostizieren. Ich will den Euro noch nicht abschreiben, habe aber meine Zweifel, dass ein Auseinanderbrechen der Euro-Zone zu verhindern ist (Watch-Länder sind neben Griechenland vor allem Spanien und Italien, außerhalb der Euro-Zone rechne ich mit massiven Problemen für Ungarn).
Barack Obama wird trotz Rezession in den USA (und weiten Teilen Europas) wiedergewählt werden, was nicht an seinen Verdiensten, sondern an der schwachen Konkurrenz liegt. Sarkozy sehe ich nicht mehr im Élysèe-Palast, er hat sich die Abneigung des Volkes langfristig gesichert.

Die Konsolidierung der arabischen Welt ist schwer vorherzusagen, ebenso die Entwicklungen in Iran und Irak. Brasilien wird auf jeden Fall eine größere Rolle spielen, alleine schon durch die zu erwartenden Wachstumsraten. China sehe ich nach dem Machtwechsel politisch eher repressiver werden (deutet sich ja bereits an), allerdings rechne ich dort auch mit einer wirtschaftlichen Schwächephase. In Deutschland sehe ich bei der FDP eine Ablösung von Rösler durch Brüderle, das ist aber keine besonders extravagante Prognose.

Wie waren die Prognosen für 2011?

Richtig lag ich bei:
-Schwarz-Gelb verliert Baden-Württemberg, die FDP ihren Parteivorsitzenden
-Probleme nach der Unabhängigkeit des Südsudan
-Proteste in Großbritannien (wenn auch anders, als gedacht)
-Bürger gegen Berlusconi

Falsch lag ich:
-Eurobonds kommen
-EU konsolidiert sich auf schwachem Niveau (wobei man das im Jahresschnitt ja durchaus so sehen kann)
-Gamal Mubarak tritt zur Wahl an (Boy, was I wrong…)
-Instabilität in Pakistan (jenseits der normalen Instabilität)

Euch allen ein gesundes 2012!

Ein neues Projekt: Internetradio-DJ sein

Howmuchrebellion

Neue Heimat

Wer mir bei Twitter folgt, hat es schon mitbekommen: Es gibt ein weiteres kleines Projekt in meiner kleinen Welt, es nennt sich “Experimental Jet Set, Talk and No Star” und ist eine Radiosendung bei dem kleinen Internet-Radio Howmuchrebellion. Dieses gehört wiederum zum Subkultur-Kollektiv Dunctonwood, zu dem ich über Songdestages.de gekommen bin. Komplizierte Geschichte, aber so ist das im Internet-Zeitalter.

Dreimal die Woche spiele ich künftig meine Lieblingslieder, und mache vielleicht noch einige andere Sachen – aber das alles ist Work in Progress. Die Sendezeiten:
Mittwoch: 21-22 Uhr
Donnerstag: 23-0 Uhr
Sonntag: 17-18 Uhr

Es gibt jeweils mittwochs eine neue Sendung, die dann zweimal wiederholt wird. Hier bei kopfzeiler.org werde ich die Playlists posten, zum Beispiel die der aktuellen Sendung, die noch heute (Donnerstag) und am Sonntag zu hören sein wird. Neben der Musik sind vor allem die Jingles eine feine Sache, kann ich versprechen.

Playlist 1/11
1. Alexander feat. RZA: Truth
2. Jamie N Commons: The Preacher
3. Scattered Trees: Four Days Straight (The Album Leaf Remix)
4. Michael Kiwanuka: I’m getting ready
5. Big Deal: Chair
6. Jacasczek: Windhover
7. Staff Benda Bilili: Moto Moindo
8. Sufjan Stevens: I Walked
9. My Brightest Diamond: Be Brave
10. Sinkane: Jeeper Creeper
11. Tim Wheeler & Emmy The Great: Christmas Day (I Wish I Was Surfing)
12. The Futureheads: Christmas Was Better In The 80s

Wer mehr Musik möchte: Songdestages.de, das kleine Musikblog von nebenan, gibt es natürlich weiterhin.

USA, Irak und die gebrochenen Versprechen

Zum Abzug der letzten US-Truppen aus dem Irak.

US Troops leave Baghdad

Einfach nur nach Hause (Foto: The U.S. Army, Flickr, CC BY 2.0)

Um 6:59 Uhr Ostküstenzeit haben die USA den Krieg im Irak offiziell beendet, zu diesem Zeitpunkt hatten die letzten Soldaten das Land bereits verlassen. Es ist kein Sieg, Amerika hinterlässt bestenfalls ein geordnetes Chaos.

Die politische Lage hat sich seit Amtsantritt der Obama-Administration in der Hinsicht verschlechtert, dass der schiitische Ministerpräsident al-Maliki die Sunniten und säkularen Kräfte margninalisiert hat. Die US-Regierung war so darauf fixiert, in der ersten Obama-Amtszeit das Versprechen des Abzugs wahrzumachen, dass sie keinerlei strategischen Einfluss mehr geltend machte, um die richtigen Weichen für die Zeit danach zu stellen. Wie Reidar Visser, der die Besatzungszeit genau analysiert hat, diese Woche urteilte:

 By consistently thinking of Mr. Maliki as a Shiite rather than as an Iraqi Arab, American officials overlooked opportunities that once existed in Iraq but are now gone. Thanks to their own flawed policies, the Iraq they are leaving behind is more similar to the desperate and divided country of 2006 than to the optimistic Iraq of early 2009.

Einen Hinweis, in welche Richtung sich die irakische Politik entwickeln wird, zeigen aktuellen Entwicklungen: Al-Maliki wartete noch nicht einmal ab, bis der letzte Konvoi die Grenze passiert hatte, um einen Haftbefehl gegen den sunnitischen Vizepräsidenten Tariq al-Hashimi ausstellen zu lassen. Der Vorwurf: Dieser sei in einen Attentatsplan gegen den Schiiten verwickelt. Sollte sich dies bestätigen, zeigt sich, wie fragil die Lage ist – möglicherweise aber störte al-Maliki einfach, dass al-Hashimi mehr Macht für die politischen Führer in den sunnitischen Gebieten forderte. Das wäre wenig überraschend und Zeichen dafür, dass al-Maliki die schiitische Dominanz zu einer Autokratie ausbauen will.

Es fällt nicht schwer, das Land in den kommenden Jahren in einen Bürgerkrieg abdriften zu sehen. Viel akuter sind allerdings die Probleme von ehemaligen Übersetzern und Angestellten der USA. Amerika hatte ihnen für ihre Hilfe nicht nur Geld gegeben, sondern auch Schutz versprochen, zum Teil politisches Asyl. Einzig: Dieses Versprechen wird das US-Militär aufgrund der schlechten wirtschaftlichen Lage, sowie politischer Sicherheitsbedenken, nicht einhalten. Die ersten Morddrohungen gegen frühere Helfer sind bereits eingegangen.

Die Schuldenbremse als institutionalisierte Gefangenschaft

Der EU-Gipfel löst die akuten Probleme nicht.

Herman van Rompuy

Herman und die Nebenwirkungen (Foto: European Parliament, Flickr, CC BY-NC-ND 2.0)

Auch wenn der Spin in eine andere Richtung geht: Mit den Lösungen der akuten Eurozonen-Probleme haben die Ergebnisse des EU-Gipfels nichts zu tun, wie meiner Ansicht nach spätestens die italienischen Bond-Auktionen im Januar zeigen werden (es sei denn, die EZB ändert bis dahin ihren Kurs). Im Gegenteil. In der EU wurde mit den Beschlüssen eine gefährliche Grundhaltung institutionalisiert, die als “Aus der Krise sparen“ bekannt ist.

Als der Bundestag unter Schwarz-Rot eine Schuldenbremse beschloss, klang das zuerst einmal ethisch korrekt (Haushaltsdisziplin als Staatsziel! Generationengerechtigkeit!). Schon damals aber gab es Kritik von Wirtschaftswissenschaftlern, und das nicht zu knapp und nicht zu unrecht. Auch jetzt weisen diverse Ökonomen darauf hin, dass die auf dem Gipfel beschlossene EU-weite Schuldenbremse die Handlungsmöglichkeiten der Politik in Krisenzeiten nicht vergrößert, sondern deutlich einschränkt – Keynes’sches Deficit Spending ist mit ihr kaum mehr möglich (und eine Transferunion aus politischen Gründen vom Tisch). Das ist fatal: An der wirtschaftlichen Entwicklung in den PIGS-Staaten sehen wir, wie ein Sparkurs in Krisenzeiten einer wirtschaftlichen Erholung entgegensteht und Steuereinnahmen wegbrechen. Die harten Sparmaßnahmen dienen kurzfristig bestenfalls einer moralischen Befriedigung der Bürgen (lese: Deutschland).

Eine institutionalisierte Schuldenbremse lässt den EU-Ländern in steuerschwachen Krisenzeiten vor allem zwei Möglichkeiten: Ausgabenkürzungen und Privatisierungen. Ich mache jetzt nicht das Fass auf, generell über Sinn und Unsinn von Privatisierungen zu diskutieren – sicherlich muss der Staat keine Rennbahnen und Flughäfen besitzen, wie in Griechenland der Fall*. Dennoch ist anzumerken, dass Privatisierungen im wirtschaftlichen Abschwung häufig Erlöse unter dem Marktpreis bringen und wir, die Schuldenbremse über Jahrzehnte weitergedacht, bei einer deutlichen neoliberalen Staatsdefinition sind, in der womöglich auch Kernbereiche der Versorgung von transeuropäischen Konzernen monopolartig verwaltet werden.*

Bei der Lenkung der staatlichen Einnahmen und Ausgaben wird es interessant sein zu sehen, ob Regierungen unter der Aufsicht der “Fiskalunion“ überhaupt die Möglichkeit haben, unter Hinweis auf die Zwänge der Verträge eine für ihr Land individuell gerechtere Steuerpolitik durchzusetzen (und ob sie das wollen, wenn dies signifikante Steuererhöhungen einschließt), oder ob die Definition von Disziplin sich in den klassischen Sozialkürzungen auf der Ausgabenseite erschöpft. Das vage Versprechen, endlich stärker voneinander zu lernen (nicht nur fiskalpolitisch), ist zu Ende gedacht vielleicht der vielversprechendste Punkt der EU-Einigung. Einzig: Eine für künftige Krisen äußerst ungeeignete Schuldenbremse hätte es dafür nicht bedurft.

*Ein Blick auf den griechischen Ausverkauf könnte nahelegen, dass offenbar französische Unternehmen sich dort stark positionieren wollen. Ironischerweise sind gerade diese eng mit dem Staat verbandelt.

Standard & Poor’s, ein politischer Akteur

Liquor Shop

Verbliebene AAA-Assets (Foto: ChicagoGeek, Flickr, CC BY-ND 2.0)

Da mich eine miese Erkältung im Griff hat, in aller Kürze: Die Ankündigung von Standard & Poor’s, Deutschland und 14 andere Euro-Länder womöglich bald herabstufen zu wollen, ist per se nichts, was die Märkte nicht bereits seit sechs Monaten eingepreist hätten. Die Analyse ist auch volkswirtschaftlich korrekt.

Allerdings lassen das Timing (kurz nach dem Merkozy-Treffen und wenige Tage vor einem entscheidenden EU-Gipfel), die Art der Veröffentlichung (fast drei Stunden vorher an die Financial Times geleakt), sowie die Wortwahl der Begründung (man macht keinen Hehl daraus, die Gipfelergebnisse beeinflussen zu wollen) nur einen Schluss zu: Standard & Poor’s ist politischer Akteur, mit eigenen Interessen und Machtmitteln. Alles Gerede von S&P als “Fieberthermometer“ oder unabhängige Instanz ist nach den vergangenen Monaten endgültig hinfällig. Es scheint, als habe die Branche nach den unfassbaren Fehleinschätzungen der Nullerjahre (Stichwort “Asset Backed Securities“) eine neue Rolle gefunden.

Rückkehr des “Zoon Politicon”

Guttenberg vor Flieger Inszenierung eines Überfliegers (Foto via Bundeswehr, Flickr, CC BY-ND 2.0)

Ich möchte nicht allzu viel schreiben über das Thema Guttenberg-Comeback, das dankenswerterweise Hannes Vogel vom Handelsblatt in der gebotenen Kürze zusammengefasst hat.  Nur ein paar Anm

erkungen seien erlaubt über das Zoon Politicon, das nun ein zeitnahes politisches Comeback anzustreben scheint.

Es ist beinahe ironisch, dass ein Mann, der dem Berufsstand des Politikers erheblich geschadet hat, Diagnosen über das Ende der Volksparteien abgibt, sich offenbar als Über-der-Tagespolitik-stehend, ja fast präsidial positioniert.  Wir werden in absehbarer Zeit mehr davon sehen, lesen, und hören, weil es eben genau diese Sehnsucht nach jemandem jenseits des Politikbetriebs gibt, auch wenn Guttenberg bis in die letzte Faser ein Produkt eben dieses Betriebes ist, sein Klartext weder besonders klug, noch überraschend wirkte und wirkt.

Und wir werden eine Debatte über Vergebung und das Werfen des ersten Steins erleben, in der möglicherweise die ein Großteil der Bürger vergessen haben werden, dass dem Ex-Minister bislang noch nicht einmal das Eingeständnis eines Fehlers ohne verklausulierte Relativierungen, Verantwortungs-Ablehnung und Schuldsuchereien über die Lippen kam.

Ich glaube an das Recht auf eine zweite Chance – doch um als Person seine Glaubwürdigkeit zurückzugewinnen, muss man mehr als ein Kenner der Medienmechanismen sein. Die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit ist etwas mehr als ein symbolischer Weiterdreh im 24/7-Nachrichtenzyklus. Um echte Größe zu zeigen, muss man als Mensch wachsen können. Karl-Theodor zu Guttenberg vermittelt im Moment nicht den Eindruck, er besäße diese Fähigkeit.

Ultras, Gewalt und eine Debatte, die falsch läuft

Ultra Aufkleber

Teil einer Jugendbewegung mit wirrem Motto sein. (Foto: fkorsakov, Flickr, CC BY-NC-SA 2.0)

Nein, ich bin kein großer Freund der Ultras. In vielen deutschen Vereinen haben sie um die Jahrtausendwende bestehende Fanstrukturen zerstört und sich unersetzlich gemacht. Mit “spielunabhängigen“ Dauergesängen kann ich nichts anfangen. Und auch Vereine würde ich davor warnen, ihnen im Geschäftsbetrieb zu viel Macht zu geben (siehe Italien).

Dennoch glaube ich, dass an der gegenwärtigen Debatte über Gewalt im Fußball einiges schief läuft. Da wäre die fehlende Differenzierung zwischen Ultras und Gewalttätern, Bengalos und Gewalt. Als wären alle Ultragruppen wie die Dresdner Hools, als wäre der Einsatz von Pyrotechnik identisch mit physischen Angriffen auf Einzelne, als würden Vereinsfunktionäre, die über ein kontrolliertes Abbrennen verhandeln, Hooligan-Apeaser.

Dazu melden sich noch Interessensvertreter zu Wort, bei denen ich mich des Verdachts nicht erwehren kann, sie würden ihr eigenes Süppchen kochen. Der GdP-Chef sagt:

Die erschreckende Zunahme gewaltbereiter und gewaltsuchender Fußball-Gewalttäter um über 900 Personen auf eine Gesamtzahl von nahezu 9.700 Störer zeige, dass bisher getroffene Maßnahmen das Gewalt-Problem rund um den Fußball offenbar noch nicht wirksam anpacken konnten.

Nur, im Jahresbericht der Zentralen Informationsstelle Polizeieinsätze, auf den er sich bezieht, wird diese Zunahme so erklärt (pdf hier):

Dieser Anstieg ist durch auf-/abstiegsbedingte Schwankungen, teilweise aber auch durch eine Neubewertung der Störerszenen erklärbar. So ist die deutliche  Zunahme im Bereich der 2. Bundesliga fast ausschließlich durch den Abstieg von Hertha BSC in diese Spielklasse und eine Neubewertung der Problemfanszene des BFC Dynamo begründet, die in den vergangenen Spielzeiten immer zusammen mit den Daten zu Hertha BSC berücksichtigt wurden.

Nicht der Trend, sondern der BFC Dynamo sorgt also offenbar für die Zunahme.

Hannovers Präsident Kind – dem ja ohnehin nachgesagt wird, dass er lieber ganz alleine entscheiden möchte, wie Fußball in Hannover gemacht wird, trägt auch nicht zur Versachlichung bei und will von Ultras künftig höhere Eintrittspreise verlangen. Eine solche Diskriminierung einer einzelnen Fangruppe wäre ein Präzedenzfall in deutschen Fußballstadien – und würde sicherlich nicht dazu führen, das Problem künftig in den Griff zu bekommen.

Wie gesagt, ich bin kein großer Freund der Ultras – und auch ich habe dort z.B. in den vergangenen Jahren eine wachsende Aggressivität bei Rivalitäten (z.B zwischen S04 und Schwarzgelb) festgestellt. Aber die Diskussion über diesen Trend, falls es einer ist, sowie über die Vorfälle der vergangenen Woche sollten wir sachlich, ohne Verallgemeinerungen und falsche Rhetorik führen – denn genau solche Pauschalurteile verstärken die Radikalisierung, die es eigentlich zu verhindern gilt.