Strategie vs. Reaktion

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You spin me right round, baby right round.

„China packt große Dinge an, gute, schlechte oder mit Fehlern behaftete – während wir uns der Katastrophe nähern und sanft vor uns her summen, um dann unsere Telefone zu zücken.“ Das schreibt Ian Welsh drüben über die Frage, welche Länder wirklich noch strategisch denken. Ob China wirklich eine Welt von morgen plant oder im chinesischen Zeitverständnis nicht eher die von heute Nachmittag, sei dahingestellt.

Die Diagnose, dass der Westen reaktiv geworden ist, ist dagegen deutlich nachvollziehbar. In den USA, wo der Wohlstandstransfer zu Privatfirmen und ihren Eigentümern am fortgeschrittensten ist, sowieso. Auch Deutschland vermittelt – siehe Infrastruktur-Schäden – das Bild einer Gesellschaft, in der jene “ferne Zukunft” angekommen ist, in die man die Lösung von Problemen verschoben hat. In Sachen Digitalisierung jenseits der Industrie, in der Klima- und Umwelt-Politik, im Komplex Bildungszugang und rund um die “Deutschland AG” werden bald ähnliche Risse sichtbar, weil das “morgen” plötzlich “jetzt” ist.
Thomas Heaney hat die Merkel-Strategie vor der Wahl so beschrieben: „Ihr Trick ist es, die Kernprobleme ihres Landes zu vermeiden, während sie die Symptome geschickter behandelt als alle konservativen Politiker vor ihr.“

Dieses „Auf-Sicht-Fahren“ hat seine Ursache (oder ist es eher die Rechtfertigung?) auch in der deutschen Austeritäts-Geisteshaltung (vgl. Schuldenbremse) – letztlich also basiert es auf einer überholten Wirtschaftspolitik, die „Strategie“ vorgibt aber im Kern wichtige Entscheidungen in eine Zukunft verschiebt, in der nurmehr reaktiv gehandelt werden kann. Bekannte Beispiele in Deutschland sind der Breitbandausbau oder auch der staatliche Schutz für die deutsche Autoindustrie und dessen Unmöglichkeit in Anbetracht technologischer Veränderungen.

Andere Länder wie Griechenland, in das Austerität exportiert wurde, werden mit den Folgen von Schlussverkauf-Privatisierungen konfrontiert. Sie beschreiten letztlich einen ähnlichen Weg wie die USA: Marode öffentliche Systeme, die neben privaten Infrastrukturen mit finanziellen Zugangshürde existieren; eine Aufspaltung der Bevölkerung in jene, die sich Teilhabe leisten können und den wachsenden Teil derjenigen, deren Einfluss auf Zukunftsfragen sich einzig auf die Stimmabgabe bei Wahlen beschränkt.

Die daraus folgende Entfremdung schwingt als unartikulierte Gefahr auch Welshs Text mit: Die Hoffnung, die „Alternativlosigkeit“ der herrschenden Strukturen durch freier agierende, aber eben im Kern autoritäre Systeme aushebeln zu können. Trotz klarer Zeichen, dass es dafür auch bei uns dafür eine wachsende Sympathie gibt, werden grundsätzliche systemische Reformfragen aus der politischen Mitte nicht gestellt, sondern vielmehr weiterhin vor allem Symptome mit Ursachen verwechselt. Die “liberale Weltordnung” wirkt aus dieser Perspektive ziemlich konservativ.

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Strukturen und Zeichen

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The Plug-Hole

Strukturen sind umso besser erkennbar, je mehr sie fehlen. Nach mehreren Monaten Leben “aus dem Koffer” ahne ich das zumindest. Irgendwann webt sich das Leben trotzdem eine eigene Struktur, auch ohne “Alltag”.

Manchmal sieht man die Zeichen. Dass wir in Miami nicht leben werden, ahnten wir nach einigen Tagen. Gewusst haben wir es, als nachts neben unserer Bleibe der Verteilerkasten explodierte, der Strom stundenlang ausfiel und ich draußen auf der Suche nach der Ursache in Hundescheisse trat.

Manchmal sind die Zeichen verschlüsselt. Die beiden Erdbeben erschütterten Mexico-City, als wir nicht mehr in der Stadt waren. Das Haus, in dem wir den Sommer verbrachten, ist nun unbewohnbar. Die Erinnerung an die Zeit dort hat Risse bekommen.

In New Orleans wurde im Sommer unser Viertel überschwemmt, die Menschen fuhren mit dem Kanu durch die Straße. Nicht schlimm, aber vielleicht ganz gut, dass wir dort schon nicht mehr wohnten.

Hurrikan Irma durchpflügte Florida eine Woche, bevor wir dort landeten. Ein Baum, der umstürzte, verfehlte unser in Miami abgestelltes Auto um drei Meter. Wenn sich darin eine Struktur erkennen lässt, dann für mich: Dankbarkeit, nur kleine Probleme zu haben.

Nun sind wir in Austin, Texas. Es wird bald ein bisschen ruhiger, vielleicht werde ich versehentlich ein paar Mal meinen Koffer packen. Struktur wird wieder die Note des Langweiligen bekommen, Alltag den Geruch des Stillstands annehmen.

Dabei sind Rituale, eingeübte Wiederholungen oft das Stabilisierende, während so viel außerhalb unseres Einflussbereichs um uns herum fließt und hinter dem Horizont der Zukunft verschwindet. Weltgeschehen. Persönliche Unwägbarkeiten, die uns und die Menschen um uns herum berühren und mitreißen werden.

Rätselhaft: Das Loslassen der Illusion, dass wir alles festhalten können (während es um uns herum fließt), kostet mehr Kraft als das Festhalten an dieser Illusion. Diese Umwandlung der Kraft kennen wir aus asiatischen Kampfphilosophien wie Kung-Fu. Nun, wir würden sie kennen, hätten wir damals im Zivildienst das Kung-Fu-Seminar am Schliersee ernst genommen und nicht unsere Energie abends im Freizeitheim mit Kiffen und Schnaps verbraucht (aber ich schweife ab…).

Struktur bedeutet auch: sich einen Weg bahnen.

Neulich habe ich hier im Malvern Books – einem Buchladen ohne Sachbücher – in ein paar Essays geblättert, zufällig die Seiten aufgeschlagen.

Ich war überrascht und auch beruhigt, wie viele Selbstzweifel das Papier durchzogen. “Ich weiß nicht, ob ein Schreiber bin”, hieß es in einem der Werke, in dem sich allerhand fantastische Sätze finden. “Vielleicht bin ich nur ein Leser.” Das war ernst gemeint und nicht die inzwischen übliche Koketterie. Es klang vertraut. Ihr kennt vielleicht diese Momente, in denen plötzlich der eigene Zweifel als Teil einer allgemeinen Zweiflerei erscheint und für eine Sekunde alles leicht wird.

Wenn sich die Bedeutung des Bloggens für mich in den vergangenen Jahren geändert hat, dann so: Es ist primär kein Ort mehr für Mitteilungen oder Meinungen (davon gibt es genug und ich glaube nicht mehr an “Content”). Dieses Blog ist wie das Schreiben selbst für mich eine dieser Flugmaschinen aus den Vorzeiten der Gebrüder Wright. Ich setze mich auf sie und beginne zu schreiben und nehme Fahrt auf und versuche, abzuheben und über die Zweifel hinwegzufliegen.
Und manchmal winke ich ihnen von oben zu und oft stürze ich mitten in sie hinein. Und wenn ich darüber nachdenke, erscheint mir diese Bewegung so vertraut, dass ich sie als eine der prägendsten Strukturen meines gegenwärtigen Lebens erkenne.

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