Wochenlinks (KW 5)

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In dieser Woche mit Erkenntnisgewinn und/oder Genuss gelesen und gehört:
Creative Machines, People and Organizations” (Accidentally in Code) #Infrastruktur
Why the New Urban Enthusiasm Is Destined to Fade” (Urbanophile) #OrtundSinn
Maximum Wage: Is technological progress dependent on extreme inequality?” (Steven Johnson via Medium) #TechAndersDenken
The Case for Precise Outrage” (Datasociety via Medium) #TechnologiekritikAberRichtig
The Evolution of Islamic Extremism” (New Yorker Podcast) #MitJihadisChatten
Online comments: Is the space below the line too toxic or can they be fixed?” (The Guardian) #GeglückteKommunikation
The End Of Tech Startups” (The Information, $) #Marktverhältnisse
How Sanders caught fire in Iowa and turned the Clinton coronation into a real race” (Washington Post) #USWahl
Could There Ever Be Another O.J. Simpson?” (New Yorker) #ObsessionenUndZeitgeist

Selbstgeschriebenes (Auswahl):

Amazon und “was ist ein Buchladen?”
Der neue, züchtige Playboy (Marke ohne Magazin?)
Postmaterialismus vs. Klassenkampf bei den Demokraten
O.J. Simpson und ich 1994/95 (Blog)
Kontrollverlust im Superorganismus Menschheit (Blog)

Apokalypse, Angst und Menschheit als Superorganismus

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Baiyoke Bangkok view
Frank Bures meditiert auf Aeon darüber, warum unser Denken so viel Angst und apokalyptische Züge trägt. Sein Kerngedanke: “It comes from being unable to not see what we’ve become – a planet-changing super organism.” Der Einzelne hat keine Wahl, ob er Teil dieses Superorganismus sein möchte, aber auch keine Kontrolle über dessen Entwicklung (könnten wir überhaupt von “Richtung” sprechen?). Und ich würde ergänzen: Er sieht diese Entwicklungen in Echtzeit, medial verstärkt oder im eigenen Umfeld. Die Apokalypse erscheint deshalb wie eine Katharsis, zumindest in Literatur und Film.

Angst im 21. Jahrhundert ist ein faszinierendes Thema und Bures Perspektive nur eine von vielen. Das Netzwerk, das wir technologisch und wirtschaftlich geknüpft haben, lässt keine Distanz zu und erscheint mir weit dichter und fester als das, was die Natur an Vernetzung zulässt. Erschütterungen lassen sich so nur schwer abfedern. Auf der anderen Seite braucht es womöglich einen zivilisatorischen Superorganismus, um einer Entwicklung wie dem Klimawandel zu begegnen.

O. J. Simpson und ich

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Natürlich kannte ich Frank Drebins Assistenten Nordberg. Ich wusste nicht, dass er in Wahrheit O. J. Simpson hieß und einst ein Football-Star war. Und dann flimmerten im Frühsommer 1994 diese Luftaufnahmen über den Bildschirm, der weiße Ford Bronco, unheimlich langsam verfolgt von einer Kolonne Polizeifahrzeugen. Jubelnde Menschen auf den Autobahnbrücken, unter denen Nordberg/Simpson durchfahren. Ich meine mich sogar an Bilder der deutschen Fußball-Nationalmannschaft zu erinnern, wie sie das auf dem Fernseher gucken (ein paar Tage später begann die WM in den USA).

Damals gab es kein Internet, zumindest nicht bei uns. Dafür aber seit kurzem Satellitenfernsehen, ich musste ja ran gucken. Einige Monate später begann der Prozess, ich war wie viele andere längst völlig gefangen: Kann dieser freundliche Mensch seine Ex-Frau Nicole Brown und ihren Freund Ron Goldman getötet haben? Sky News schaltete ab 18 Uhr häufiger live in den Gerichtssaal, es war ernst, wurde viel genuschelt, beraten, taktiert. Die Oberfläche war häufig langweilig, aber es ging um das Puzzle darunter, jedes Teil. Ich hielt im Deutschunterricht sogar ein Referat über eines dieser flugs produzierten Bücher zum Fall.

Natürlich kam im Prozess die häusliche Gewalt ans Licht, diese brutale Form ehelichen Doppellebens. Natürlich war auch der Rassenkontext war immer präsent. Ich wünschte mir, dass die Wahrheit ans Licht kommt, aber ich wünschte mir natürlich, dass in dieser Wahrheit O.J. unschuldig ist. Hatte nicht eine Zeugin davon berichtet, zwei Männer in der Nähe des Tatorts gesehen zu haben? Und der Handschuh, der hatte nicht gepasst. “If it doesn’t fit, you must aquit”, wiederholte Anwalt Johnny Cochran in seinem Plädoyer.

Der Moment des Freispruchs ließ mich am Ende leer zurück. Es waren einfach Zweifel überall und O.J. Simpson nicht mehr der nette Mensch hinter Nordberg. Damals ahnte niemand, dass er einmal das Buch “If I did it” schreiben würde, de facto ein Geständnis, um sein leeres Konto aufzufüllen. Heute sitzt er wegen eines Raubüberfalls in einem Gefängnis in Nevada, und das noch für lange Zeit. Die Buchrechte für sein Machwerk liegen bei den Angehörigen der Opfer, die bereits in einem Zivilprozess gegen Simpson seine Schuld feststellen ließen und zumindest finanziell entschädigt wurden. Doch ist das Gerechtigkeit? Karma? Gerechtigkeit ist eine komplexe Angelegenheit, das habe ich damals gelernt. Und die Kinder des Paares Brown-Simpson, die heute weit weg von der Öffentlichkeit leben, hätten dazu auch etwas zu sagen.

Ich schreibe das alles, weil seit dieser Woche “The People vs. O.J. Simpson” hier im TV läuft. Mit John Travolta als Anwalt. Die erste Folge war ziemlich gut und hat mich schon wieder gefesselt (und natürlich stellt die Serie den Täter, den Zirkus, das Drama, die Moral und nicht die Opfer in den Mittelpunkt). Die Quoten sind ausgezeichnet und alle erinnern sich: Wo sie damals waren, als O.J. Simpson im weißen Ford floh. Was sie dachten, als die Geschworenen ihr Urteil verkündeten. Und natürlich würde der Fall im Internet-Zeitalter ganz anders ablaufen, von der öffentlichen Rezeption bis zu digitalen Beweisen wie Funkzellenabfragen und der Auswertung der in Südkalifornien verbreiteten Nummernschild-Scanner, die O.J. wahrscheinlich eindeutig überführen würden.