Stille

People crave silence, yet are unnerved by it

„Was sich geändert hat, ist nicht so sehr das Ausmaß des Lärms – darüber haben sich die vorherigen Jahrhunderte auch beschwert. Vielmehr hat sich das Ausmaß der Ablenkung verändert, das den Raum besetzt, in den Stille eindringen könnte. Darin lauert ein weiteres Paradoxon, denn wenn die Stille wirklich eindringt – in die Tiefen eines Kiefernwaldes, in die karge Wüste, in einen plötzlich leeren Raum – erscheint sie plötzlich nicht willkommen, sondern verstörend. Furcht schleicht sich ein; das Ohr fixiert sich instinktiv auf irgendetwas, sei es das Zischen des Feuers, den Ruf des Vogels oder das Flüstern der Blätter, das es vor der fremden Leere rettet. Menschen mögen Stille, aber nicht zu viel davon.“

 

The Stack

Delete Your Account: On the Theory of Platform Capitalism

Leif Weitherby bespricht ein paar Bücher, darunter Benjamin Brattons „The Stack“ – das vielleicht wegweisendste Werk zur Struktur unserer Gegenwart (an dessen theorieschwerer Lektüre ich aber gescheitert bin).

Brattons „Stack“, der als Metapher schwer passend zu übersetzend ist und doch jedem Code-Arbeiter sofort einleuchtet, ist die gerade entstehende Megastruktur: Sechs Schichten aus Erde, Cloud, Adresse, Stadt, Interface und Nutzer. Im Stack vollzieht sich der Kollaps bislang unterscheidbarer Sphären: das Soziale und der Profit, Kultur und das Kapital, die Unterscheidung zwischen Information und Materie. Alles ist Teil des „Stack“.

Wenn wir also über die Regulierung des Plattform-Kapitalismus sprechen oder über die Kontrolle der Klimawandel-Folgen, reden wir über System-Design. Design, das als Grundlage bereits diesen Kollaps der unterschiedlichen Sphären nachvollzogen hat. Bratton macht dafür offensichtlich nur wenige konstruktive Vorschläge. Weatherby kommt deshalb zu dem deprimierenden Fazit, dass wir „von Katastrophe zu Katastrophe stolpern werden, die schlimmsten Konsequenzen vermeidend  und dabei die niemals endende Aufgabe ignorierend, Theorie und Politik in der Ära der Plattform auf den gleichen Stand zu bringen“. Das klingt logisch. Und ernüchternd.

Smartphone-Stories als prägendes Genre

Why „Stories“ Took Over Your Smartphone

Ian Bogost formuliert drüben im Atlantic seine Gedanken über Stories (auf Instagram, Snapchat und Co.) als erstes genuine Smartphone-Genre – und als prägendes Format der kommenden Jahre. Aber was genau sind sie?

„‚Fotografie handelt nicht von dem Objekt, das fografiert wird‘, sagte einst der [bekannte Straßenfotograf Garry] Winogrand, ’sondern davon, wie das Objekt fotografiert aussieht.‘ Genauso handelt eine Story nicht von den Sachen, die in der Story angereiht wurden. Sondern davon, wie diese Sachen durch die Sensoren und Software eines Smartphones aussehen. Es ist eine seltsame Empfindung, in den Lauf dieser Zukunft hinab zu blicken. Auf der einen Seite ist das Smartphone eindeutig populär und wichtig genug, seine Vorfahren zu Fall zu bringen und sie zu ersetzen, während es sich die DNS ihrer Medien einverleibt. Auf der anderen Seite aber kann sich das Smartphone schon jetzt wie ein beklemmendes, krankmachendes Fenster in die Welt anfühlen.“

Internet-Ordnungen: Der Garten und der Fluss

„Der Garten ist das Web als Topologie. Das Web als Raum. Es ist das integrative, iterative Web, das Web als Anordnung und Neu-Anordnung von Dingen im Verhältnis zueinander. (…) Jeder Gang durch den Garten erschafft neue Pfade, neue Bedeutungen. (…) In der Fluss-Metapher (…) springst Du hinein und lässt dich treiben. Du fühlst seine Kraft, während die Dinge vorbei treiben. Es ist nicht so, dass Du im Fluss passiv bist. Du kannst aktiv sein, aber deine Handlungen – deine Blog-Postings, @-Mentions, Foren-Kommentare – existieren in einem Kontext, der auf eine einfache Zeitleiste von Ereignissen zusammengefaltet wurde, die zusammen ein Narrativ ergeben. In anderen Worten: Der Fluss ersetzt Topologie mit Serialisierung. Statt einer zeitlosen Welt von Verbindungen und unterschiedlichen Pfaden präsentiert der Fluss uns einen einzigen, zeitlich angeordneten Pfad mit unserer Erfahrung (und nur unserer Erfahrung) im Mittelpunkt.“

Drei nachgereichte Medienlinks

(1) Why the “golden age” of newspapers was the exception, not the rule
(2) The Paywall Quandary: How many subscriptions does one really need?
(3) #Journalistenschule 2018

Diese drei Medienlinks aus der vergangenen Woche möchte ich kurz nachreichen. (1) weil er die Erzählung von den „mit ihrer Objektivität massig Geld verdienen Print-Medien“ in den historischen (amerikanischen) Kontext setzt. Journalismus war die meiste Zeit prekär oder von Reichen finanziert.

(2) weil beide Tangenten der Digitalabo-Debatte wichtig sind – die Frage, für was Leser zahlen und die Zahl der Abos, die selbst bei interessierten Zeitgenossen deutlich geringer ist, als ein Journalist denken mag.

(3) weil ich die Aktion der DJS (an der ich früher manchmal Dozent war, Disclosure) gut finde. Und weil mir persönlich Hoffnung macht, dass der interessierte Teil der Schüler den Eindruck macht, einen hohen Anspruch zu haben – sowohl an Fachkenntnis und Tiefe, als auch an persönlicher Relevanz.

Ansonsten können regelmäßige Leser feststellen, dass ich zum Journalismus im Moment wenig zu sagen habe. Die meisten Zukunftsfragen der Medienbranche sind inzwischen weniger von der Erkenntnis abhängig, als von der Handlungsbereitschaft.

Hat Trump etwas zu verlieren?

„Hinter Trumps Rückzug aus dem Abkommen, der eigentlich ein Vertragsbruch ist, steht das Kalkül, dass maximale wirtschaftliche Sanktionen Iran in die Knie zwingen werden, wenn sie nicht sogar zu einem Kollaps des Regimes führen – das ist Boltons offen erklärtes Ziel. Und niemand sollte Zweifel haben, dass er bei einer Eskalation schnell bei der Hand sein wird, mit Militärschlägen zu drohen.

Diese Denkweise verkennt zutiefst, wie die Islamische Republik funktioniert. Ja, die iranische Währung, der Rial, ist im freien Fall und viele Iraner sind unzufrieden. Aber Trump spielt mit seiner Entscheidung nur den Hardlinern in Teheran in die Karten. Das Regime hat sich gut gewappnet gegen mögliche Aufstände, und die meisten Iraner wollen mit dem Blick auf die blutigen Umbrüche überall in der Region keinen Umsturz, sondern graduelle Reformen. Und schon gar nicht wollen sie von Boltons Einflüsterern bei den Volksmudschahedin regiert werden, einer obskuren Gruppe von Exil-Iranern in den USA. Wenn der Druck nicht mit einem für Iran attraktiven Angebot verbunden ist, wird Teheran darauf nicht reagieren.

Aber Bolton und der israelische Premierminister Benjamin Netanjahu haben sich ja beim amerikanischen Einmarsch im Irak 2003 auch schon als weitsichtige Propheten erwiesen: Sie sagten voraus, der Sturz Saddam Husseins werde dazu führen, dass der Nahe Osten demokratisiert werde und sich dem Westen zuwende. Damals hatte Ahmed Tschalabi das Ohr der Falken in Washington, ein obskurer Exil-Iraker. Tatsächlich war die zentrale geopolitische Folge der regionale Aufstieg Irans, den Bolton und Netanjahu beide nun lauthals beklagen und als alleinige Folge des Atomabkommens darzustellen versuchen.“

Trumps Falken treiben den Nahen Osten in die nächste Krise

So wie es keinen Plan für das danach gibt, existiert hier aus Trumps Sicht kein größeres „Warum?“. Er hat ein Versprechen aus dem Wahlkampf erfüllt. Zu einem Thema, das er nicht durchblickt, sondern bei dem er dem folkloristischen Iran- und Obama-Hass der Konservativen folgt, angetrieben von den  Boltons, Netanjahus und Pompeos.

Hat er etwas zu verlieren? Er hat ja kein Interesse an dem, was über ihn selbst hinausgeht. Ein nukleares Saudi-Arabien? Wird Trump nicht mehr erleben. Handelsstreit mit der EU? Gab es eh schon. Ein zerbröckelnder Naher Osten? Weit weg, jenseits des Bündnisses mit Israel kein amerikanischer Verantwortungsbereich. Ein paar Bomben auf Iran? Können sogar innenpolitisch  hilfreich sein. Höherer Ölpreis? Gut für die amerikanische Fracking-Branche.

NPR und Co. kaufen Pocket Casts

Pocket Casts acquired by NPR, other public radio stations, and This American Life

Die Content-Kaufwelle ist in den USA vorbei und NPR investiert in Software, genauer gesagt kauft es gemeinsam mit anderen Stationen die Podcast-App Pocket Casts. Ich habe schon häufiger darüber geschrieben: Ein Eingangspunkt im Medien-Ökosystem zu sein verspricht Zukunft, am Endpunkt zu stehen (also sich auf die Produktion Content zu konzentrieren) Niedergang. Zumindest, wenn es um Reproduzierbares wie Informationen geht und der Back-Katalog nichts Einzigartiges hat.

Aus dieser Perspektive ist der Schritt natürlich mutig, auch wenn John Gruber wahrscheinlich zurecht vermutet, dass NPR und Co. mit der App vor allem ihre Tracking-Strategie aufbauen werden.

Endspiel

„Am Mittwoch bestätigten Wissenschaftler der University of California in San Diego, dass der April-Durchschnitt der atmosphärischen CO2-Konzentration zum ersten Mal in unserer Geschichte 410 Teile pro Million (ppm) überschritten hat. (…) In wenig mehr als einem Jahrhundert rasender Verbrennung fossiler Energieträger haben wir Menschen die Atmosphäre unseres Planeten Dutzende Male schneller als der natürliche Klimawandel verändert. Die Kohlendioxid-Konzentration ist nun 100 ppm höher als alle direkten Messungen des antarktischen Kerneises der vergangenen 800 000 Jahre, und wahrscheinlich signifikant höher als alles, was unser Planet seit 15 Millionen Jahren erlebt hat. Das beinhaltet auch Zeitalter, in denen die Erde größtenteils eisfrei war.“

Humans didn’t exist the last time there was this much CO2 in the air