Das Kabel Denken

Lesen

Zehn lose Gedanken.
Zeitschriften

(1) Das auf dem Foto sind die Magazine, die nach zwei Wochen Urlaub in unserem Briefkasten lagen. Und vor unserer Tür, weil der Briefkasten voll war.

(2) Zeitschriften-Abos bekommst Du in den USA nachgeschmissen, ein Dollar pro Ausgabe für ein Magazin, das am Kiosk acht Dollar kostet. Meine Vorfreude beim Holen der Post ist grenzenlos beziehungsweise wird nur dadurch eingetrübt, dass einige Verlage meine Adressen hemmungslos verkaufen und ich jetzt von ultralibertären Republikanern Petitionen zugeschickt bekomme. Und von Robert Redford.

(3) Der sich daraus ergebende Druck besteht nicht darin, das Magazin “zu lesen“ – sondern zumindest ein, zwei Stücke konsumiert zu haben, damit man nicht das Gefühl hat, Geld rauszuschmeißen.

(4) Die Konkurrenz ist nicht nur die NYT-, SZ- oder WaPo-App, die Print-Lokalzeitung (Chronicle) oder die auf den E-Book-Reader geschickten Feedly-Stücke, sondern auch Twitter, das auch eine Form von Lesen ist (und eines mit Interaktionsmöglichkeit). Und ich bin noch nicht einmal Mobile Gamer oder exzessiver Whats-App-Schreiber. Von anderen Bildschirmen wie YouTube, Netflix etc. rede ich gar nicht.

(5) Ich hatte das Glück, Literaturwissenschaft zu studieren und damit schon eine Menge belletristischer Klassiker gelesen zu haben. Inzwischen hat mich mein Job und mein Interesse am Weltgeschehen sehr an aktuelle journalistische Texte gebunden. Die Phase geht jetzt vorbei, denn Literatur ist Literatur und Journalismus eben nur selten.

(6) Ich lese in der Regel sechs bis acht Bücher gleichzeitig, wobei das geschummelt ist, denn ein paar davon habe ich insgeheim schon aufgegeben, oder sie mich. Vielleicht ist es ein bisschen wie mit dem Essen, je größer die Auswahl, desto stärker die Abstumpfung.

(7) Sollte ich die Gelegenheit haben, werde ich Nick Hornby die Identität klauen. Er liest, darf darüber eine Kolumne schreiben und Autoren wie Karl Ove Knausgaard entdecken. Ich stelle mit Hornby vor, wie er sich einen Tee macht und einfach einen ganzen Nachmittag in einem Buch schmökert (glücklich grinsend, der Sack!), während meine Nachmittage meist daraus bestehen, journalistische Texte mit begrenztem Haltbarkeitsdatum zu schreiben und mich zu fragen, warum die Zeit so schnell dahingeht und der Tag keine 36 Stunden hat, von denen ich dann acht Stunden lesen könnte. Vielleicht.

(8) Ich überlege schon lange, was aus dem belesenen Intellektuelle des 20. Jahrhunderts wird (also aus dem Konzept). Vielleicht wird er nicht trotz, sondern wegen der überbordenden Masse an lesbarer Information nahezu aussterben. Ich weiß nicht, welches Konzept der Informiertheit an seine Stelle treten wird. Das Weltwissen ist zu groß und der Rückzugsort für tiefe Buch-Lektüren zu klein geworden. Nicht, dass die Zahl der Schopenhauer-Leser außerhalb der beruflichen Zwangsbeschäftigung bislang besonders groß gewesen wäre – das Netz macht aber nicht nur den direkten Zugang, sondern auch die Lektüre von Sekundärliteratur theoretisch überflüssig. Theoretisch deshalb, weil Wissen nicht mit einem Erkenntnisprozess verwechselt werden sollte.

(9) E-Book-Reader sind keine Brückentechnologie, sondern haben einen Vorteil in einer beachtlichen Zielgruppe: Im Gegensatz zu andere Mobilgeräten gibt es keine Ablenkung. Allerdings ist nicht gesagt, dass sich das Multitasking-Problem nicht technisch gelöst werden kann (z.B. eine API für “Beschäftigt-Status”).

(10) Ich habe keine Ahnung, ob Spritz und Social-Reading-Ideen wie Sobboks die Zukunft andeuten oder spät genug dran sind. Lesen ist nur ein befriedigender Prozess, wenn er reibungslos verläuft – und hier sind für solche Konzepte noch einige UI/Nutzerführungsprobleme zu lösen.

Gesichter im Spiegel

American Football vs. Fußball

Vergangenen Sonntag war ich das erste Mal bei einem NFL-Spiel. Die Oakland Raiders, derzeit so etwas wie der TSV 1860 München der Liga, gegen die San Diego Chargers. Natürlich haben die Raiders verloren, aber immerhin knapp dieses Mal. Warum Oakland? Weil die San Francisco 49ers so etwas wie Bayern München sind und die Eintrittspreise im neuen Stadion unerschwinglich sind. Ich mag Underdogs.

Ich bin schon seit Kindesbeinen Football-Fan und habe früher die Spiele immer Sonntagabend im Allied-Forces-Radio auf UKW verfolgt. Aber nicht nur deshalb war das Spiel etwas Besonderes. Ein paar kurze Eindrücke

  • Don’t bring your guns: Man ist ja als Auswärtsfan in der Bundesliga viel gewohnt, aber Oakland war ungefähr auf dem Niveau von Energie Cottbus (okay, es gab mehr als eine Toilette). Es herrscht ein Verbot für Taschen fast aller Größen, man darf nur eine kleine Tüte mitnehmen. Bei der Taschenabgabe muss man ganz genau aufpassen, denn gestapelt wird alles ohne System, was wiederum beim Abholen zu freundlichen Ratespielen führt. Warum der Terz? Die Veranstalter wollen Geld am Catering verdienen, aber es gibt in Kalifornien auch eine Menge Schusswaffen, die besser nicht ins Stadion sollten. So ist es ganz logisch, dass man auch noch durch einen Metalldetektor am Eingang muss.
  • Bier für 12 Dollar: Tickets gibt es nicht unter 50 Dollar und wer sich betrinken möchte, sollte gerade mit seinem Startup einen Exit hingelegt haben. 12 Dollar kostet ein Bier (ca. 0,4 Liter). Vielleicht zahlt man auch für die Ausgiebigkeit des Service, gemächlicher als in amerikanischen Stadien geht es in keinem Bierausschank der Welt zu. Dass trotzdem sehr viele Besoffene rumlaufen, liegt daran, dass den ganzen Morgen auf dem Parkplatz gebechert und gegrillt wird. Selbst im Damenklo wurde gekotzt, wie mir berichtet wurde.
  • Wilde Meute: Anders als in der Bundesliga existiert keine Fangesangs-Kultur, außer ein langezogenes Raiiiiders oder den obligatorischen “Defense!”-Rufen. Auswärtsfans gibt’s aufgrund der Distanzen auch wenige, selbst bei einem kalifornischen Derby wie am Sonntag liegen fast 800 Kilometer zwischen den Städten. Anders als beim Baseball und meistens beim Basketball ist es trotzdem sehr laut: Die Menschen brüllen einfach, gerade bei gegnerischen Spielzügen (um die Ansagen es Quarterbacks zu übertönen). Das erinnert dann wirklich an das Gladiatoren-Klischee, das mancher Deutsche vom American Football hat, inklusive des Publikums. Die Bierbauch- und Dauerwellenquote ist übrigens ungefähr so hoch wie in den Achtzigern auf Schalke. Speisen wie Nachos mit Käsesoße sorgen dafür, dass das durchschnittliche Fan-Kampfgewicht nicht zu sinken droht.
  • Tanzkultur: Okay, die Zuschauer singen doch. Und sie tanzen. Weil so viele Pausen zwischen den Spielzügen sind, werden immer brechend laut diverse Mitgröhl-Hits eingespielt, manchmal darf das Publikum sogar abstimmen. Sport ist hier viel stärker Unterhaltung als in Deutschland, weshalb der Party-Faktor eine wichtige Rolle spielt.
  • Sie reden miteinander! Ähnlich wie der Fußball in Deutschland die unterschiedlichsten Milieus zusammenbringt, reden beim Football plötzlich Schwarz und Weiß und Braun miteinander, als gäbe es die ganzen Probleme im täglichen Umgang miteinander nicht. Wer die getrennten Sphären im Alltag (selbst in Kalifornien) erlebt, freut sich über diese Normalität, die leider an den anderen Tagen der Woche keine ist.
  • Fan-Sein: Baseball und Football sind Volkssportarten, aber die extreme Hingabe, die man von deutschen Vereinen kennt, fehlt meines Eindrucks nach beim Großteil der Fans. Das System funktioniert natürlich auch anders: Die Raiders waren beispielsweise lange in Los Angeles angesiedelt, bevor der Eigentümer sie nach Oakland umzog. Unvorstellbar in Deutschland. Ebenfalls inexistent ist der Existenzkampf: Die Raiders haben eine Bilanz von null Siegen und fünf Niederlagen, aber aus der NFL kann wie aus den anderen Großsport-Ligen niemand absteigen – die Saison ist also praktisch gelaufen. So kannst Du Dich darüber aufregen, dass die Mannschaft keine guten Wide Receiver hat, aber das war es schon, der Rest ist Achselzucken.

Globus

Dave Eggers: The Circle

Für die ersten 200 Seiten von Dave Eggers “The Circle” habe ich vier Wochen, für die letzten 250 ein paar Stunden gebraucht. “Wordy” sei Eggers, hatte mich eine Bekannte gewarnt, und im ersten Teil des Buches fanden sich dafür auf quasi jeder Seite Bestätigungen. Dass am Ende der Science Fiction Plot noch Fahrt aufnimmt, entschädigt etwas.

Aber natürlich ist da die andere Seite, das Lob der deutschen Feuilletonisten, Eggers habe die Digitalisierung der Menschheit weitergedacht und zu einer Dystopie ausgebaut, die wir Reisenden des 21. Jahrhunderts in einigen Jahren erst vollends begreifen würden. Wer den Plot nicht kennt: Eine junge Frau fängt einen Job im Tech Unternehmen The Circle an, das als eine Art Mega-Google die Entprivatisierung der Welt vorantreibt, die in einem digitalen Autoritarismus mündet (oder nicht? Keine Spoiler an dieser Stelle).

Es gehört zu den Stärken des Buches, dass es das Sektenhafte einiger Tech-Unternehmen böse karikiert und die Überforderung des Einzelnen durch ständiges wie sinnloses Liken und Posten durch Übertreibung auf den Punkt bringt. Zu den Schwächen gehört, dass Geld (also der Silicon-Valley-Kapitalismus) keine Rolle spielt, die Prämisse “Tech Konzerne wollen alles an die Öffentlichkeit zerren” im Realitätsabgleich nicht mehr stimmt (es genügt inzwischen, die Daten in den Vermarktungssilos zu hinterlassen, was eine andere Sache ist). Vor allem aber ist The Circle deutlich anzumerken, dass die Idee im Vordergrund steht und die Figuren nur als Erfüllungsgehilfen bei der Umsetzung agieren. Entsprechend flach sind die psychologischen Konstruktionen rund um die Protagonistin und die Menschen, die sie trifft.

Ist The Circle also empfehlenswert? Als Dystopie ein bisschen (aber: oh boy, diese ersten 200 Seiten). Als Roman zur Digitaldebatte meiner Meinung nach kaum. Es sei denn, man sieht in amerikanische Tech-Konzerne ohnehin die Kräfte, deren Ziel die Unterjochung der Menschheit unter die Philosophie der Post Privacy ist. “Haben Sie Eggers gelesen? Da ist alles beschrieben”, ersetzt auf mancher Cocktail-Party sicherlich die nuancierte Auseinandersetzung mit den wirklich relevanten Fragen der Digitalisierung und des Tech-Kapitalismus,

Das Kabel

Alex Blumberg – Geschichte eines Journo-Gründers

Wer die NPR-Sendungen This American Life und Planet Money kennt, der weiß: Alex Blumberg (rechts neben einem Kollegen) ist ein guter Typ. Und ein mutiger, denn er hat seinen Job aufgegeben, um ein Podcast-Unternehmen zu gründen. Und weil er Journalist und Geschichtenerzähler ist, dokumentiert er den steinigen Weg: Startup heißt der Backstage-Podcast, er ist voller Hoffnung, Zweifel, Humor und Ehrlichkeit (man lernt nebenbei viel über Pitches, Investoren und Gründungs-Kleinigkeiten). Vor allem aber stellt er eine menschliche Nähe her, die sich viele Journalisten nie erlauben würden.

Genau deshalb ist es die perfekte Idee, um Begleiter für Blumbergs neuen Weg zu sammeln. Würde er seine Hörer um Geld bitten (was er sicherlich tun wird), ich würde ihn schon jetzt von Herzen unterstützen.

Denken

Alte Säcke

Ich habe neulich erstaunt mitbekommen, dass Blumfeld eine Reunion-Tour spielen. Nicht, dass das mich betreffen würde, aber ich erinnere mich noch daran, dass einige Freunde von mir damals 2007 zur Abschiedstour gingen.

Jetzt sind sie also zurück, genau wie NIN, deren Abschiedskonzert ich damals in Berlin gesehen habe. Und wie zahlreiche andere Bands, die seit Jahren mit Material aus den Neunzigern umhertouren. So ist das Geschäft, Musik in einer Einheit zu machen, ist ja auch noch Jahre später recht erfüllend. Und dann gibt es in manchen Fällen noch die materiellen Zwänge.

Und doch hat es schon etwas Trauriges, denn das Publikum altert ja mit und kommt wegen der alten Songs, deren Zeitgeist natürlich inzwischen durch Nostalgie ersetzt wurde. Die Reunion-Bands erinnern uns an unsere Jugend, aber wenn wir auf die Bühne und ins Publikum gucken, eben auch an unser Alter. Noch kann ich keinen Trost darin finden, vielleicht meide ich deshalb diese Veranstaltungen.

Andererseits lerne ich jetzt die “Älteren” von damals, die wir als Teenager bei den Punkrock-Konzerten hinten an der Bar stehen sahen. Meist männlich, nicht selten junggesellig, mit Shirts von Bands, ihre beste Phase ungefähr in unserem Geburtsjahr hatten. Und ich bekomme Respekt für das Interesse an neuer Musik, denn sie hätten sich ja auf den Besuch von Reunion-Touren beschränken können. Wenn Ihr mich also in ein paar Jahren sucht: ich stehe dahinten irgendwo. In meinem Go-Faster-Nuns-Shirt.

Denken Globus

Die beste aller Zeiten

Klammern wir die Privatsphäre aus, liegt für den politischen Menschen die beste Zeit stets in der Vergangenheit. Zumindest, wenn wir von beste mit “friedvoll und ruhig” gleichsetzen.

In meiner eigenen Erinnerungen wirken die Neunziger in der Rückschau fast wie ein Paradies, auf Normalmaß zurückschrumpfende Imperien und eine Welt, in der das Ende der Geschichte wirklich möglich schien. Doch natürlich gab es damals die Balkan-Kriege, und obwohl mein politisches Bewusstsein in diesem Jahrzehnt erst am Erwachen war, erinnere ich mich deutlich an die Krassheit eines Krieges in Europa.

Von den Konflikten in der Ukraine und dem Zerfall des Nahen Osten aus betrachtet wirken sogar die Nullerjahre erträglich. Der Irak-Krieg und dessen Folgen waren ja damals in Deutschland vor allem eine staatspolitisch-moralische Debatte (im Irak selbst und in den USA freilich war dies ganz anders, und natürlich sind mir die großen afrikanischen Kriege bewusst).

Aber natürlich ist heute so gesehen immer noch eine gute Zeit für die Bundesrepublik. In diesem Ukraine-Stück des Guardian ist von Barkeepern die Rede, die inzwischen an der Front kämpfen müssen. Das erlaubt einen Blick darauf, we ein Krieg eine Gesellschaft auseinander sprengt. Die (gerechtfertigte) Wertschätzung für die eigenen Soldaten, aber auch die Kaputtheit vieler Veteranen hier in den USA zeigt, wie es in einem Land aussieht, das eigenlich ständig mit Krieg lebt, obwohl hier selbst schon lange Frieden herrscht.

Es ist ein echtes Wunder, dass die Deutschen unter 70 keine dieser Erfahrungen am eigenen Leib machen mussten.

Das Kabel

Professionalisiert den Leserdialog

Endlich spricht es mal jemand aus! Journalisten sind sich selten einig, aber Andrea Dieners FAZ-Rant zu beleidigendem Leser-Feedback trifft offenbar einen Nerv. Nicht, dass das überraschen würde. Vom gedruckten Anti-Troll-Essay bis zum Hate-Slam: Beschwerden über schlechten Leser-Stil hat bei Medienschaffenden seit einiger Zeit Konjunktur.

Ein ernsthaftes Diskursangebot kommt – von Ausnahmen abgesehen – dabei nicht zustande. Wer mit “Trollen“ das Extrembeispiel wählt, vermeidet auch jegliche Verpflichtung, zu differenzieren oder über die eigene Position nachzudenken. Und darüber, wie professionell die deutsche Medienbrache 2014 mit ihren Lesern umgeht. Deshalb:

Eine kleine Leserkommentar-Checkliste für Journalisten
Bitte Zutreffendes markieren:

  • Meine Redaktion hat eine klare Vorgabe zum Umgang mit Leserfeedback.
  • Diese Politik lässt sich in zwei bis drei Sätzen beschreiben.
  • Diese Sätze lassen sich nicht in “Ignorieren“ oder “Wer mag, darf sich einschalten“ übersetzen.
  • Die Vorgaben gelten unabhängig von einer bestimmten Plattform/ von einem bestimmten Eingangskanal.
  • Teilnahme an der Leserdebatte steigert meine Wertschätzung in der Redaktion.
  • Meine Chefredaktion hat Anreize geschaffen, sich einzumischen.
  • Dialogfähigkeit wird als journalistische Kernkompetenz geschätzt.
  • Ich erhalte Zeit für den Leserdialog.
  • Ich kann für die Formulierung von Antworten fachliche Hilfe beanspruchen, wenn ich sie benötige.
  • Ich kenne die Moderationspolitik bei drastisch formulierter Kritik und persönlichen Beleidigungen.
  • Ich weiß, welche Gegenmaßnahmen (Sperrung, Rechtsabteilung, etc.) im Falle persönlicher Beleidigungen möglich sind.
  • Ich weiß, mit wem ich über meine Erfahrungen sprechen kann.
  • Ich fühle mich sicher im Leserdialog.

Für mich sind all diese Punkte ein Signal für Professionalität. Nun können wir sicherlich über einzelne Aspekte diskutieren; das Problem ist aber, dass viele Redaktionen noch nicht einmal festgelegt haben, dass Leserdialog überhaupt Teil ihrer Aufgabe ist (Ausnahmen sind in der Regel bestimmte E-Mails und das Elitenmedium Twitter). Wenn das aber nicht entschieden wurde, warum also Kommentarfelder anbieten? Warum die E-Mail-Adresse zugänglich machen, statt per Filter alles in die Ablage P wandern zu lassen?

Aufhören oder Aufhören mit dem Durchwurschteln?

Deshalb zwei Vorschläge: Lassen wir das mit dem Leserdialog, mit all den Konsequenzen. Kein Feedback, keine Trolle. Oder aber lasst uns professioneller werden; neue Dialogformen können ein Teil davon sein, die Erarbeitung von Souveränität sicherlich ein anderer.

Und das ist meine Erfahrung, aus Blogs, Foren-Mitgliedschaften und Community-Aufgaben: Wer sich mit den Leserfeedback und Kommentaren auseinandersetzt, gewinnt nach einiger Zeit eine enorme Gelassenheit, auch gegenüber fieser Kritik. Vor allem aber genieße ich es, dass sich eine völlig andere Kommunikationsebene mit jenen Menschen auftut, die uns Zeit und/oder Geld geben. Nicht immer – aber deutlich häufiger, als das laute Wehklagen über Trolle vermuten lässt.

P.S: Ich habe mich absichtlich auf die praktischen Aspekte beschränkt. Worüber wir auch reden sollten, ist eine der Ursachen für fehlenden Respekt: die sinkende Glaubwürdigkeit, die für mich eine größere Gefahr für die Zukunft des Journalismus ist, als jede Bedrohung durch die angebliche “Gratiskultur”.

Lesenswert zur Debatte:

Das Kabel

Exklusives im Journalismus

Exklusiv: Guttenberg arbeitet für Bitcoin-Startup” titelte die Wirtschaftswoche gestern in einer Vorabmeldung. Einzig: Diese Information ist nicht exklusiv, sondern steht schon seit 1. Juli auf dem Unternehmensblog von Ripple, das KTG künftig beraten wird. Ich weiß nicht, ob die Wiwo mit dem Ex-Minister gesprochen hat (meines Wissens nach gibt er derzeit selten Interviews), die Zitate sind so zumindest auch in dem kurzen Vorstellungsinterview zu lesen, das der Pressemitteilung anbei gestellt ist.

Jenseits der Frage, warum die Meldung auf die Information zur Quelle verzichtet, ist das eine gute Gelegenheit, über das Label “Exklusiv” im Journalismus zu diskutieren. Jeder, der in einem Newsroom gearbeitet hat, kennt das Gewicht dieses Wortes. Exklusives signalisiert Neuigkeitswert, schiebt das News-Rad an und sorgt für die Erwähnung als Quelle in Radio- und TV-Nachrichten und auf anderen Portalen. Vorab-Meldungen sind in vielen Redaktionen ein wichtiger Bestandteil der Planung. Und die Kollegen, die Exklusivmaterial beschaffen, gehören in der Regel zu den Besten.

Exklusivität dauert oft nur wenige Minuten

Felix Salmon hat vor einigen Wochen unter dem Titel “Scoops: When journalists masturbate” den Scoop für tot erklärt. Ich glaube das nicht. Worüber wir aber reden sollten, sind Mikro-Scoops: Ein Papier, das am nächsten Tag ohnehin vorgestellt wird; die erwartbare Äußerung eines Politikers aus der zweiten Reihe zu einem aktuellen Thema; eine Studie oder Umfrage, die durch die vermeintliche Exklusivität vor ihrer Veröffentlichung Interesse erzeugt. Im schlimmsten Falle: der Inhalt einer Pressemitteilung, die erst am nächsten Tag vesendet wird.

Im Print-Zeitalter hatten diese Nachrichten noch eine “Exklusivitätsdauer” von mindestens 24 Stunden. Im Digitalen sinkt diese Zeit auf wenige Minuten. Den Lesern ist es in der Regel auch völlig egal, wo Herr Huber seinen Senf über Herrn Seehofer abgibt. Er wird wahrscheinlich auch die Wirtschaftswoche nicht kaufen, weil sie angeblich Exklusives über die Guttenberg-Zukunft verraten kann. Am Ende geht es eher um einen internen Medienwettbewerb, den Außenstehende nicht verstehen. Und um das Image.

Was wird aus den Mikro-Scoops?

Doch was bleibt in Sachen Image hängen? Bei den Exklusivgeschichten deutscher Medien aus den vergangenen Monaten, an die ich mich erinnern kann (Mollath, ADAC, Gurlith etc.), handelte es sich nie um das Veröffentlichen einer Information, die ohnehin bald auf den Markt kam. Vielmehr ging es stets um das Aufdecken von Dingen, die viel tiefer unter der Oberfläche versteckt waren und langfristige Recherche brauchten. Als Teil der Medienbranche (und des SZ-Kosmos) verfolge ich, wer wann wie was veröffentlicht hat (hätte ich ein AP-Stylebook, es würde deshalb ein Uwe-Ritzer-Heiligenbildchen darin stecken). Der Leser aber wird hoffentlich das Gesamtpaket beurteilen, also Recherche, Einordnung, Haltung, Originalität (ich kenne allerdings keine Marktforschung dazu).

Welche Rolle spiel also künftig der Mikro-Scoop, die Exklusivität um der Vorabmeldung Willen? Ich glaube: bei den Lesern eine noch geringere als bislang. Und das wäre eigentlich ein gutes Argument, seine Bedeutung auch in den Redaktionen zu überdenken. Dann müssen Kollegen auch nicht mehr Firmenblog-Mitteilungen zur Exklusivgeschichte machen.

Quo vadis, “Exklusiv”? Ich freue mich auf Kommentare.

 

 

 

 

 

Das Kabel Denken

Was ist Innovation?

Thomas Wedell-Wedellsborg von den Innovation Architects hat neulich bei Peter Day eine Geschichte erzählt, die sehr gut erklärt, was Innovation ist: Bis 1972 gab es keine Rollkoffer. Wieso, ist schwer zu sagen, damals waren die Menschen auf den Mond geflogen, das hatte Rad hatte seinen 3570. Geburtstag hinter sich. Aber die Menschheit musste ihre Koffer offenbar weiterhin schleppen.

Der Koffer-Vertreter Bernard D. Sadow kam auf die Idee des Rollkoffers, als er sah, wie an einem Flughafen ein Mitarbeiter schwere Geräte per Gepäckwagen transportierte. Der Einfall machte ihn reich, doch er hatte etwas vergessen. Die Menschen mussten ihre Rollkoffer weitere 15 Jahre gebückt schieben und ziehen. Es dauerte bis 1987, bis der Pilot Robert Plath das Problem erkannte und Koffer mit einem Teleskopgriff ausstattete. Die Gattung der Rollaboards war geboren.

Was daraus zu lernen ist? Häufig liegt Innovation nicht in Zukunftstechniken, sondern in der Lösung gegenwärtiger Probleme mit Hilfe bekannter Mittel. Und nicht selten sind es Branchen-Outsider, die den richtigen Abstand haben, um ein Problem und dessen Lösung zu erkennen.


Jenseits des Objekts

Allerdings kann das Koffer-Beispiel auch in die Irre führen, wie W-W anmerkt: Denn Innovation bedeutet nicht nur, in Objekten zu denken (wie mache ich den Koffer leichter, kompakter etc.). Der Koffer ist am Ende nur das Hilfsmittel, um meine Kleider und Habseligkeiten von A nach B zu transportiere.

Innovation kann im Falle des Koffers also auch heißen: Ich fliege nach New York und brauche meinen Habseligkeiten dort, gibt es mögliche Vereinfachungen des Transports (z.B. die Möglichkeit, seinen Koffer schon einmal alleine zum Flughafen zu schicken; eine Technik, die am Gepäckband Koffer und Besitzer reibungslos zusammenbringt)? Vielleicht existieren sogar Alternativen zum Gepäckstück selbst oder dessen Mitnahme? Ein Dienst, der mir in New York die wichtigsten Sachen leiht; ein Logistikunternehmen, das meine Habseligkeiten über bestehende Infrastrukturen kostengünstig transportiert.

Innovation bedeutet, ein Problem zu lösen. Technologie erweitert im Idealfall die Vorstellungskraft, was die Lösung sein könnte – und was das eigentliche Problem ist.

49Orte

49Orte: Baker Beach – der versteckte Strand

Baker Beach San Francisco Strand

Die Golden Gate Bridge liegt in Sichtweite, auf der anderen Seite des Strandes hat Robin Williams sein Haus. Die moderne Millionenvilla, die Jack Dorsey vor einiger Zeit gekauft hat, blickt aus der Ferne auf das Treiben. Doch den Baker Beach einen belebten Ort zu nennen, wäre falsch.

San Francisco ist eine einzige Küste, vom Pazifik bis zur Bay. Doch niemand würde auf die Idee kommen, die Stadt eine Strandstadt zu nennen. Während etwas weiter südlich in Los Angeles oder San Diego der Strand Anziehungspunkt ist und die Kultur prägt, verläuft sich der San Franciscan eher selten dort. Das hat verschiedene Gründe: Den Nebel, der gerade im Sommer vom Pazifik hereinzieht. Die Wellen, die an fast allen Stellen das Schwimmen unmöglich machen. Und die Verschachtelung der Stadtlandschaft, die Perlen wie den Baker Beach hinter vielen Hügeln und Kurven verstecken.

Das Strandgefühl in San Francisco ist deshalb eines der verwehten Abgeschiedenheit. Das Meer ist da, aber unberührbar. Die Sonnenstrahlen vermischen sich mit unerbittlichen Windböen. Irgendwo dahinten liegt die Stadt. Und dort draußen kreuzen die Tanker, das goldene Tor zum Westen ansteuernd. Irgendwo, ganz weit weg, liegen Hawaii und Japan. Nichts ist unerreichbar, doch alles fern.