USA: Der Faden reißt

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US Capitol Building ~ Washington DC

Die Stärke demokratischer Institutionen liegt nicht in den Buchstaben des Gesetzes – es sind praktischen Arrangements, die ihre Funktionalität gewährleisten. In den USA kassieren das Weiße Haus und die Republikaner gerade einige dieser Arrangements; die Trump-Regierung schränkt die Pressebriefings ein, Behörden verweigern Abgeordneten Informationen, vor allem aber peitschen die Republikaner das Gesundheitsgesetz ohne Senatsanhörungen durch, obwohl mehr als 20 Millionen Menschen ihre Versicherung verlieren könnten. Von der Akzeptanz präsidialer Inkompetenz und Normenverstöße rede ich gar nicht.

Die praktischen Folgen sind schlimm genug, doch selbst bei einem Scheitern dieser Vorstöße sollte die Bereitschaft zum Autoritarismus Sorgen bereiten, die sich dahinter verbirgt. Die Bereitschaft auf Seiten der Konservativen, Täter oder Mittäter durch unbeteiligtes Zuschauen zu werden. Und das alles für Macht und die finanziellen Interessen einiger weniger Akteure, die sich Politik kaufen können. Hyperkapitalismus, vollendet.

Es wird nicht einmal nur Trump sein, sondern Typen wie Senatsführer Mitch McConnell, die für Historiker einmal diesem Zynismus und das Ende der politischen Verantwortungsbereitschaft personifizieren werden. Und Verantwortungslosigkeit gegenüber der Allgemeinheit ist es, mit der die Republikaner auch ihre Basis locken – siehe Klimapolitik, siehe struktureller Rassismus, siehe Tribalismus. In einem Zeitalter massiv wachsender Probleme gewiss eine große Verlockung, wenn auch nur kurzfristig oder für den Preis einer massiven Ausweitung von Unterdrückung zu erreichen. Ich bezweifle, dass sich das Land von der gegenwärtigen politischen Phase erholen wird – denn der aktuelle US-Präsident ist nur das Symptom der Krankheit, nicht die Ursache.

Ich habe großen Respekt vor der konservativen amerikanischen Denkschule und ihrer Rolle im Wettbewerb der Ideen. Doch das, was gerade passiert, ist nicht einmal Paläokonservatismus – es ist jener politisch-gesellschaftliche Nihilismus, wie er kennzeichnend für zusammenbrechende Imperien ist.

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Logbuch (Schlamm, Intellektuelle im vernetzten Zeitalter)

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“Oh, neulich hat es einmal geregnet und da habe ich festgestellt, dass das ziemlich laut auf dem Dach ist.” Sagt die Zwischen-Vermieterin, die schon mehrere Jahre hier wohnt, neulich bei der Übergabe. Natürlich ist das Dach bei Regen lauter als ein Maschinengewehr, ist im vorderen Bereich ja auch aus Wellblech. “Oh, und letzte Woche war hier plötzlich auch alles voller Schlamm, da ist bei Regen etwas übergelaufen.” Sagt die Zwischen-Vermieterin, die schon mehrere Jahre hier wohnt, bei der Übergabe. Natürlich läuft die verstopfte Dachrinne über und der vordere Teil des Hauses voller Schlamm, wenn man den Gulli nicht zügig aufmacht. Das ist alles – Fließen sei Dank – halb so wild und vor allem amüsant, weil das offensichtliche Dauerproblem schnell mit einer kleinen Lüge zur Überraschung umdeklariert wird. Um dann im nächsten Moment offensichtlich als Lüge und Dauerproblem enttarnt zu werden. Als ließe sich so etwas nicht unter Erwachsenen normal ansprechen. Wir Menschen sind schon eine bizarre Spezies.

Christopher Lydons Interviewsendung höre ich oft sehr gerne, auch wenn er Noam Chomsky mit erstaunlicher, fast peinlicher Ehrfurcht entgegentritt. Natürlich ist Chomsky ein wichtiger politischer Denker, aber das Gespräch entlarvt auch sein Holzschnitt-Wissen, zum Beispiel wenn es um europäische Belange geht. Aber wenn wir im neuen Zeitalter der Super-Komplexität einen Erben finden wollen, der die vernetzten Zusammenhänge adäquat entwirrt, suchen wir wahrscheinlich lange und vergebens. Zumal bei den Konservativen, wo ich inzwischen oft die Ehrlichkeit in der Argumentation vermisse (auch wenn ich Publikationen wie Claremont Review etc. schätze). Und sowieso in Deutschland, wo Intellektualität sich inzwischen vorwiegend unter dem Radar aufhält und gerade im universitären Betrieb ein Mangel an Willen und Ausdruck herrscht, wenn es um die Verbreitung der eigenen Ideen und Thesen geht. Andererseits kann ich mir nicht vorstellen, dass dieser Zustand anhält.

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Logbuch: AI im weiteren Sinne & UK

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Message From The Unseen World

Derzeit finden in Harvard einige Veranstaltungen zu lernenden Systemen (AI) und Ethikfragen statt, ich verfolge es allerdings aus Zeit- und Komplexitätsgründen nur am Rande. Offenbar hat aber Jonathan Zittrain eine Idee in den Raum geworfen, die mir in verschiedenen Formen begegnet: “At the AI Advance, Jonathan Zittrain said that organizations are a type of AI: governed by a set of rules, they grow and learn beyond their individuals, etc.”

Wer einmal in einem mittleren oder größeren Unternehmen gearbeitet hat, kennt den Wildwuchs an Regeln und Workflows in komplexen Organisationen. Entscheidungen werden oft aus Gründen getroffen, die rational nur unter völliger Kenntnis der Systemlogik erklärbar sind und die nicht an einer Person oder Abteilung, sondern an vielen erfüllten oder unerfüllten Bedingungen hängen. Das muss nicht dysfunktional, sondern einfach nur komplex und sich selbst entwickelnd sein. Ähnliches lässt sich über das Staatswesen oder auch soziale Konstrukte wie Religionsgemeinschaften sagen. Aus dieser Perspektive könnten wir Organisationen womöglich als AI im weiteren Sinne verstehen.

Die verschärfte These habe ich irgendwo einmal aufgeschnappt (Reddit? HackerNews?): Kapitalismus als erfolgreichste AI, der nicht nur eine Stabilisierung bis hin zur Unvorstellbarkeit eines alternativen Systems gelungen ist, sondern die in ihrer Marktmachung im Zweifel andere Systeme wie die Biosphäre oder Demokratie lenkend übernimmt, um sie auszubeuten und/oder nach den eigenen Metriken zu re-formieren. Düster.

Noch ein paar Worte zur Wahl in Großbritannien, auch wenn sich Millionen Menschen besser auskennen: Ich kann mir gut vorstellen, dass Großbritannien und die USA künftig eine Art hyperkapitalistischen Block bilden, der dem Markt alles unterordnet und die Rolle des Staates auf das Management von Folgen der Ungleichheit beschränkt ist. Ähnlich also wie die Neoliberalisierung durch Thatcher & Reagan, nur ohne Gefolgschaft in den meisten anderen Industrienationen (aber wer weiß schon). Die Vision einer homogenen Wertegesellschaft im Geiste der 1950er Jahre sind nur der konservative Kitt für eine Idee, die zwangsläufig auf Kosten vieler Menschen geht, man sehe sich die aktuellen Folgen der Austerität an.  Labour mit seinen sozialdemokratischen (Cornyn) bis Managerialism(Reste New Labour)-Ideen scheint die Rolle eines unregelmäßigen Korrektivs zuzukommen, wenn aus der Partei nicht sowieso verschiedene eigenständige Organisationen werden.

Erstaunlich finde ich, dass beide Ideen einen konservativen Kern zu haben scheinen: Wertebewahrung (Tories) vs. Sozialstaatsbewahrung (Labour). Ich halte Sozialstaatsbewahrung für relevanter (weil er Ausdruck des Wertes Solidarität ist), nur fällt mir als Außenstehender immer stärker auf, wie sehr sich die Politik in Europa – in direkter Korrelation zur demographischen Entwicklung – auf den Status Quo und seinen Erhalt konzentriert.

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