(Fast nichts) zur SPD

Immerhin reden ja alle über sie.

Zur SPD würde mir als bundespolitischem Laien und Staatsbürger einiges einfallen. Dass jeder zu wissen glaubt, was die Partei im 20. Jahrhundert einmal groß gemacht hat – oder wie sie sein müsste, damit es wieder so wird. Und dass das alles die trostlose Realität für die Sozis nicht leichter macht. Darüber, dass diejenigen in der Publizistik, die aus Staatsräson die Teilnahme an der GroKo fordern, in vier Jahren sich naiv darüber wundern, warum die Sozialdemokratie kein Profil mehr hat.

Mir schwebt auch einiges im Kopf herum zu den Motivationen des Bundespräsidenten, der ja auch keine schwierigen Entscheidungen treffen möchte rund um die Regierungsbildung; oder zu denjenigen in der SPD-Fraktion, die Angst haben müssten, bei einer Neuwahl rauszufliegen. Darüber, wie schnell in Deutschland die Idee einer Minderheitsregierung abmoderiert wurde, als würde dann alles auseinanderfallen und bei der nächsten Wahl Sebastian Kurz auf dem Zettel stehen und der Russe vor der Tür stehen. Über die Projektionsfläche Martin Schulz und Angela Merkel als erfolgreichere Vertreterin des politischen Managerialism, dessen Ära mit dem dritten Weg begann und dessen Zeit jetzt abläuft. Und darüber, dass es doch eigentlich eine gute basisdemokratische Sache ist, so ergebnisoffen über eine Koalition abstimmen zu lassen.

Über den strategischen Fehler der Partei, in den vergangenen Jahren keine linke Bündnis-Option ins Spiel gebracht zu haben, was nicht nur zum Überleben geboten wäre, sondern auch angebracht anlässlich der globalen Unwucht im Spätkapitalismus (mehr politische Auswahl dürften sich doch selbst Neoliberale wünschen, oder nicht?). Dass es aber inzwischen beinahe wahrscheinlicher ist, dass SPD und Union irgendwann als Mittebündnis fusionieren.

Aaaaber: Ich habe jetzt Urlaub, deswegen ist hier erst einmal bis Anfang Februar Blogpause. Bis bald!

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So long, The Awl

Awl Ends

The Awl macht Ende des Monats dicht. Eine Horde junger Talente, die in einem ganz eigenen Sound geschrieben und sich nicht um Konventionen geschert haben. Für einige von ihnen war es ein Sprungbrett zu Größerem, für andere die Selbstfindung als Autoren.

Ich erinnere mich noch an das Gespräch mit einem Kollegen: „Das müsste es in Deutschland geben.“ – Antwort: „Das würde in Deutschland nie funktionieren.“ Aber selbst in den USA und mit theoretisch globalem Publikum reicht es offenbar nicht für die Refinanzierung der Nische (die Hoffnung, als Medium.com-Seite ein Modell zu finden, war wahrscheinlich fatal). Die vergangenen Jahre waren rein inhaltlich fantastisch für den amerikanischen Digitaljournalismus, außergewöhnliche Zines und Magazine, neue Sounds und Perspektiven. Wunderjahre, beinahe. Sie gehen langsam zu Ende. Immerhin hatten sie hier welche.

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American Hamlet

An Inconsistent Truth

Der Dokumentarfilmer Errol Morris über die Frage, ob den USA die Wahrheit verloren geht.

“[Die Ermordung John F. Kennedys] war ein Wendepunkt in der amerikanischen Geschichte, der endlos interpretiert und neu interpretiert wurde. Was wir am Ende daraus gelernt haben: Wir können der Regierung nicht vertrauen, sie hat Dinge vor uns zu verbergen, die Wahrheit. Dass das Interesse der Regierung nicht ist, mit uns die Geschichte oder was wirklich passiert ist zu teilen. (…) Egal, welcher Theorie du anhängst, ob Einzeltäter oder mehrere Schützen: Jemand versucht, etwas vor uns zu verbergen. Wenn die Warren Commission Recht hatte, hat sie das Ergebnis schlecht verkauft, Raum für sämtliche Verdächtigungen, Zweifel und Fragen gelassen. Was entstand, ist keine postfaktische Welt, sondern eine Welt, in der Paranoia in den Mittelpunkt rückt. Hamletartige Paranoia. (…) Ich stimme zu, dass die Kennedy-Ermordung der amerikanische Hamlet ist. Was ist mit Papa passiert? Wer hat Papa ermordet und warum – und sitzen wir wirklich in einem Nest voller Attentäter um uns herum?”

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Dirk von Gehlen: „Das Pragmatismus-Prinzip“

Wenn Dirk von Gehlen ein neues Buch schreibt, eröffnet sich für mich immer eine zweite Ebene: Auf welche von den Ideen, mit denen er in unseren Gesprächen um sich wirft, hat er sich am Ende gestürzt? Welche seiner Nebensätze finde ich plötzlich zu massiven Gedanken oder Thesen ausformuliert?

Das “Pragmatismus-Prinzip”, das am Freitag erschienen ist (und das mir Dirk netterweise schon vorher gegeben hat), ist aus dieser Perspektive eine Art dvg-Essenz: Ein Plädoyer für Gelassenheit im Umgang mit Neuem und Uneindeutigem, ein Lob der Ratlosigkeit als idealen Startpunkt für kreative Lösungsansätze. Zitat:

„In einer Welt unlösbarer Probleme ist nicht die Ratlosigkeit ein Problem. Ratlosigkeit versetzt uns vielmehr erst wieder in die Lage, andere Lösungsansätze überhaupt zu denken. (…) Wir haben in ganz, ganz vielen Bereichen keine Lösungen. Überforderung bestimmt unsere Lage. Die Herausforderung der Gegenwart scheint also nicht darin zu liegen, sofort Lösungen für die Überforderung zu finden, sondern sich pragmatisch auf sie einzulassen – die Überforderung zu akzeptieren ist die erste Voraussetzung dafür, sie zu bewältigen.“

Im Jahr 2017 kommentiert er damit natürlich die (zunehmende?) Hysterie und Rechthaberei in gesellschaftlichen Debatten und unsere Gefangenschaft in Ritualen und Haltungen (auch, aber nicht nur anlässlich der Digitalisierung); andererseits versucht er, diverse Business-School-Ideen aus Denkschulen rund um das Design Thinking in einen größeren Kontext einzubetten, dem er geschickt den Namen “Kulturpragmatismus” (als Gegenstück zum Kulturpessismismus) gibt. Am Ende lässt sich aber wahrscheinlich konkret im Kleinen – in der eigenen Wahrnehmung, Firma, Organisation, Lebensplanung – am meisten mitnehmen (wer mit Organisationspsychologie zu tun hat und sein Gehirn freigepustet hat, kann gleich danach Eric Ries’ “The Leader’s Guide” lesen).

Auf mich hatte Dirks Buch eine beruhigende Wirkung; es sind gelassene 200 Seiten mit popintellektueller Zielstrebigkeit statt akademischen Argumentationsketten, pragmatisch als Bricolage und nicht als Manifest gestaltet. Dass er dabei immer von “dem Shruggie” ( ¯\_(ツ)_/¯ ) spricht, der etwas gut findet oder entdeckt oder sagt, hat mich allerdings etwas kirre gemacht. UND JETZT ANTWORTE NICHT MIT EINEM SHRUGGIE, DIRK!

Okay, ich bin auch ein staubtrockener Typ, wenn es um solche Kunstgriffe geht.

Was das “Pragmatismus-Prinzip” nicht bietet, ist eine Antwort auf Fragen jenseits der Haltung zu Neuem oder ungewohnten, überfordernden Situationen. Viele entstehende Konflikte der “komplexen Gegenwart” sind nicht über Haltungsreflexion und Vermittlung alleine zu lösen; die propagierte “Neugier” kollidiert vielmehr mit handfesten Interessen der Beteiligen.

Natürlich können wir dabei Denkschablonen erkennen und auch Ängste reflektieren, aber wenn ich zum Beispiel als Politiker* den Klimawandel als dringendes (aber lösbares) Problem erkannt habe, muss ich trotzdem eine Abwägung treffen, in der ich mich zwischen Arbeitsplätzen/Schlüsselindustrien (kurzfristig) und dem langfristigen Ziel (geringerer Anstieg der Erderwärmung) entscheiden muss – und es mit verschiedenen Interessengruppen zu tun habe. Und wir kommen gerade in ökologischen Fragen an einen Punkt, wo wir angesichts starker Wechselwirkungen zur Kompromisslosigkeit angehalten sind, um die schwerwiegendsten Folgen zu verhindern. Doch das scheint mir nicht unbedingt der Weg des Pragmatismus-Prinzips.

Dirk mag mir da widersprechen und hat mit einem Podcast zu seinem Buch schon die Plattform für solche Praxis-Fragen. Und das ist vielleicht das Erstaunlichste an diesem Typen: Er ist inzwischen ein “Gesamtwerk”, genauso Autor wie öffentlicher Nachdenker auf seinen diversen Kanälen. ʘ̚ل͜ʘ̚༽ Ich behaupte mal: seine persönliche Anwendung des Shruggie-Prinzips hatte einen Anteil daran. Wahrscheinlich schon lange bevor der Shruggie überhaupt erfunden wurde.

* um im Rahmen des „Neuen“ zu bleiben, um das sich das Buch dreht: zum Beispiel anhand eines neuen Wetterphänomens über Deutschland.

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„Don’t be evil“ und der Geist des Protestantismus

Don’t Be Evil: Fred Turner on Utopias, Frontiers, and Brogrammers

„Vor ungefähr zehn Jahren habe ich viel Zeit bei Google verbracht. Ich habe ein interessantes Loop erlebt: Es begann mit ‚Don’t be evil.‘ Dann wurde die Frage ‚Okay, aber was ist gut?‘. Nun, Informationen sind gut. Informationen befähigen Menschen. Also ist es gut, Informationen bereitzustellen. Okay, super. Wer stellt die Informationen bereit? Oh, richtig: Google macht das. Du landest also in diesem Loop, in dem was für die Menschen gut ist auch für Google gut ist und umgekehrt. Und das ist ein schwieriger Raum, in dem Du damit bist.
Ich glaube, der Impuls, die Welt zu retten ist sehr aufrichtig. Aber die Leute bringen den Impuls, die Welt zu retten und den Impuls, für die Firma das Beste herauszuholen, etwas durcheinander. Natürlich ist das eine alte protestantische Tradition.“

Die protestantische Verknüpfung war mir im Kontext der „Tech-Mission“ noch nie in den Sinn gekommen, aber ist natürlich völlig amerikanisch und in der Wirtschaft tief verankert (und wird nun einmal mehr als technologischer Idealismus globalisiert).

Aber das ist nicht der einzige schlaue Gedanke im Interview mit dem Stanford-Medienwissenschaftler und Buchautor Fred Turner, das ganze Gespräch ist seeehr spannend.

(via Airi Limpinen)

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Intellektuelle Faulheit und soziales Unbehagen

Hilfreiches zum Zeitgeist aus Frankfurt. Jürgen Kaube diese Woche in der FAZ:

Wenn der Eindruck nicht täuscht, fällt gerade vielen zur Gesellschaft, in der wir leben, so wenig ein, dass sie dankbar für jede Möglichkeit sind, alte Schlachten zumindest rhetorisch nachzustellen. Die Tatsächlichkeiten sozialen Elends in dieser Gesellschaft, die wirklichen Toten, die Opfer von Rechtsverletzungen, sind dafür dann nur Material und Anlass, wütend zu sein und Bescheid zu wissen, wer am Unglück Schuld trägt. Dieses Bescheidwissen macht sich keine Arbeit, denn nichts ist leichter als Meinen und in moralischer Absicht mitzuteilen, die anderen seien doch wirklich das Letzte, so gehe es doch bestimmt nicht weiter, solche Leute wolle doch niemand, der guten Herzens sei, zu Nachbarn. Diese Art von Moral ist wie die Nostalgie eine Form der intellektuellen Faulheit.

Über die intellektuelle Faulheit der Debatten

Woher kommt das alles? Harry Nutt in der Frankfurter Rundschau über die Frage, ob die Politik überhaupt noch die richtigen Ursachen bekämpfen kann:

Aber was ist sozial gerecht? Während die soziologischen Lesarten der gesellschaftlichen Desintegration noch stark an einem traditionellen Schichtenmodell orientiert waren, muss man heute wohl eher von etwas wie einer Dynamik der sozialen Entwertung sprechen, die jeden erwischen kann. Nicht selten nimmt man sie fast beiläufig als lästige Begleiterscheinung einer technologischen Modernisierung hin.

 Dynamik der sozialen Entwertung

Sowohl die Kaube-Diagnose als auch die Nutt’sche „Dynamik der sozialen Entwertung“ sind hilfreiche Ideen-Anker. Sie beschreiben mehr oder weniger Gesamtgesellschaftliches, beides scheint mir auch in einer Wechselwirkung zu stehen. Jetzt die Preisfrage: Welche ist das?

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Tesla-Hype vs. Chinas Realität

Artificial demand is driving the electric vehicle market in China

Tesla ist sexy, westlich und hat noch eine Personality-Geschichte zu erzählen – genau deshalb drehen sich fast alle Elektroauto-Geschichten um die Firma. Die mir aber halb so spannend erscheint, wenn ich das Ausmaß der chinesischen Elektroauto-Offensive sehe. Dagegen ist die deutsche Elektroauto-Prämie ein, pardon, Fliegenschiss. Aus dem verlinkten Marketplace-Segment.

James Cho (Automobil-Analyst): „Das ist in Wahrheit künstliche Nachfrage. Tatsächlich erleben wir eine der größten Verzerrungen des natürlichen Angebots und der Nachfrage, die wir in der Automobil-Welt je erlebt haben.“

Jennifer Pak (Korrespondentin): „Er spielt auf zwei Sachen an. Erstens: Elektroautos sind immer noch sehr teuer. Also bezuschusst die chinesische Regierung den Kauf mit 10.000 Dollar pro Auto, manchmal mehr. Dadurch kosten sie jetzt ungefähr so viel wie ein normales Auto. Aber in China bedeutet der Besitz eines Autos noch nicht, es fahren zu dürfen. Die Ausgabe von Nummernschildern ist beschränkt. In einigen großen Städten wie Peking muss man bei einer Lotterie mitmachen. Hier in Shanghai musst du sie ersteigern. Wenn du also ein Elektroauto kaufst, hat die Regierung versprochen, dass du das Nummernschild kostenlos dazu bekommst. Und nicht nur das: Du darfst die (Zulassungs-)Schlange überspringen und gleich losfahren.“

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Bitcoin-Euphorie, Blockchain-Hype: Was beides bedeutet

Foto Duncan Rawlinson, Flickr, CC by-nc

Für die Antwort hole ich mir Hilfe von Mark Blyth und Fred Wilson.
Mark Blyth ist ein politischer Ökonom der Brown University (und sollte längst so bekannt wie Paul Krugman sein, finde ich). Blyth über Bitcoin:

“Was Du hast, ist eine 400 Milliarden-Dollar Asset-Klasse. Die Investoren sind vor allem chinesische Spieler und Schmuggler und die Reichen, die in Unicorns aus dem Silicon Valley investiert haben und denen das zu langweilig wurde. Sie haben entschieden, ein Prestige-Asset zu kaufen. Je mehr von ihnen es kaufen, die Versorgung ist begrenzt, desto mehr geht der Kurs nach oben. Und es geht hoch und hoch und hoch und es ist super-volatil.
Ist es Geld? Wenn Du es jemandem erklären musst: ES IST KEIN GELD!
Ist es eine Wertaufbewahrung? Nein, es ist zu volatil.
Ist es ein Tauschmittel? Nein, weil alle es horten und auf die Wertsteigerung warten.
Ist es eine Verrechnungseinheit? Vielleicht, wenn Du gerne im Keller wohnst und immer Akte X liest. Aber normale Menschen nutzen Dollar.
Es ist also ein Haufen reicher Menschen, die Zeug kaufen und verkaufen. Mehr nicht. Was ist mit der Blockchain, der Technologie dahinter? Ich habe das seit zehn Jahren gehört und warte auf die Resultate und das wird auch 2018 so sein.”

Was also ist mit der Blockchain (hier meine Einführung von 2015, inzwischen gibt es viele Aktuellere)? Fred Wilson, VC bei Union Square Ventures (und als Investor in diverse Blockchain-Startups ein Optimist) in seinem Blog:

“2017 war das Jahr, in dem Crypto/Blockchain die Ekstase-Phase erreicht hat. Mehr als 3,7 Milliarden Dollar haben diverse Crypto-Teams und -Projekte eingesammelt, um die Infrastruktur des Internet 3.0 (das dezentralisierte Internet) zu bauen. (…) Nicht alles Geld wird gut eingesetzt werden, vielleicht sogar nur sehr wenig davon. Aber es ist wie beim Wahnsinn rund um das Internet 1.0 (Einwähl-Internet) in den späten Neunzigern, der das Kapital für die notwendige Breitband-Infrastruktur für das Internet 2.0 (Breitband/mobiles Internet) gesammelt hat – der Hype im Crypto-/Blockchain-Sektor sorgt für das Geld, um die Infrastruktur des dezentralen Internets aufzubauen. (…) Das ist die größte Story in Tech 2017, weil die Übergänge vom Internet 1.0 zum Internet 2.0 zum Internet 3.0 unglaubliche Möglichkeiten und Disruption auslösen.”

Beide drücken es perfekt aus. Mein Blockchain-Optimismus – also der über das Machbare, nicht den Hype – ist weiterhin groß, aber nicht unbegrenzt ist (vgl. mögliche nicht erkennbare Architektur-Fehler, Schwierigkeiten mit der Standardisierung, Plattform statt Protokoll). Ob wir aus der Technologie etwas anderes als die üblichen kapitalistischen Werk- und Spielzeuge machen, ist dagegen eine andere Frage.

Foto: Duncan Rawlinson, CC BY-NC 2.0

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