Das Kabel

Warum Virtual Reality eine große Sache wird

(Das hier ist ein Auszug aus meinem “Best Coast”-Newsletter. Wer ihn regelmäßig lesen möchte: Unter dem Text eintragen!)

Was das Beste an Virtual Reality werde, fragte ich neulich einen indischstämmigen Googler, der dazu vor längerer Zeit an der Uni geforscht hatte: “Dass ich mit meiner Familie zuhause in einem Raum sitzen kann, obwohl ich Tausende Meilen weit weg bin“, antwortete er lächelnd.

VR hat unter den neuen Endanwender-Technologien das derzeit größte Potenzial, und sie liegen nicht im Gaming, sondern in diversen Entertainment-Möglichkeiten und – siehe oben – der Neudefinition von Anwesenheit.

Warum nicht Gaming? Weil Facebook die Oculus mit aller Macht in den Mainstream drücken will und wird – mit Hilfe von Samsung wird der erste Schwerpunkt auf Mobile liegen, die Gear-Halterung wird m Weihnachtsgeschäft wohl groß gepusht. Und weil die für Gaming wichtige Frage nach der idealen Steuerung (Input) noch ungelöst ist. Ich habe nach der GDC Anfang März einen kurzen Statusbericht für SZ.de geschrieben, in dem mehr über die aktuellen Controller-Konzepte und die Plattformfragen steht.

Die Steuerung ist eine Hürde, die andere der Markt: VR braucht gleich zu Beginn richtig gute Anwendungen, doch Profit lässt sich angesichts einer nicht einmal siebenstelligen Gerätezahl zunächst nicht erwarten. In diesem Zusammenhang: Immer wieder erzählen Branchenmenschen davon, wie wichtig es ist, am Anfang gute Software zu entwickeln, weil die Erfahrung der Nutzer vom ersten Eindruck abhängt. Und wenn dieser Eindruck die berühmte VR-Seekrankheit oder sonstwie unangenehm ist, kann die erwartete Massen-Adaption schnell ausbleiben.

Seit einigen Monaten gibt es extrem viele Veranstaltungen und Treffen zum Thema. Die gehen von Debatten zu Designfragen (neue Daten-Ebene durch räumliche Verhältnisse zwischen Objekten; wie simuliere ich Haptik?) über Funding-Diskussionen bis hin zum Esoterischen (“Wird es ein Metaversum geben?“). Die Startups suchen händeringend Personal, aber VR-Entwickler wachsen nicht auf den Bäumen.

Die Demos sind meist kurz und deuten an, was möglich ist: Sport live verfolgen (NBA-Spiel vom Spielfeldrand) oder virtuell am Strand sitzen, eine digitale Wohnungsbesichtigung. Es gibt auch eine Tour durch syrische Flüchtlingslager, um die Situtation dort zu begreifen (die habe ich aber noch nicht ausprobiert). Menschen hier reden auch über digitale Situationstherapie oder OP-Training für Ärzte.

Und irgendwo dazwischen gibt es eine ethische Komponente, die Perspektive der stärkeren Vereinzelung und digitalen Immersion, die Frage nach der Rolle von Text, unserem sozialen Verhalten in VR oder die Perspektive einer Schaffung neuer Räume für Subkulturen aller Art. Virtual Reality wird viel verändern – nicht alles, aber mehr, als wir derzeit absehen können.

Interesse an weiteren Themen wie diesem? Hier eintragen.

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Das Kabel

Deutschland und das Silicon Valley (Teil 1)


(Das hier ist ein Auszug aus meinem wöchentlichen “Best Coast”-Newsletter. Interessiert am zweiten Teil? Unter dem Text eintragen!)

Vorab: Der Begriff Silicon Valley nervt mich, weil hinter ihm sehr viel von dem verschwindet, was die Bay Area ausmacht und er häufig nur noch ein Hype-Vehikel ist (Silicon-Valley-Geschichten, Silicon-Valley-Mindset, Silicon-Valley-Reisen, etc.). Zudem gibt es weiterhin einen kulturellen Unterschied zwischen San Francisco und den Orten im Süden, die ganz anders organisiert sind, genauso wie zwischen den Firmen/Vertikalen/Feldern, die unter dem Begriff gefasst werden.

Ebenso wie es *das* Silicon Valley nicht gibt, gibt es auch nicht *die* Deutschen hier. Es gibt Game-Entwickler, die in den Neunzigern kamen, weil es einfach die Gegend mit den meisten Firmen war (=leichter Jobwechsel ohne Ortswechsel). Gründer, die nach dem Dotcom-Crash aus Deutschland einreisten, weil hier wenigstens noch irgendwas stand. Millenials, die als Praktikanten reinschnupperten und dann hier blieben, um ein Startup zu gründen (und mehr mit dem Visum Probleme hatten als mit dem Seed-Funding). Programmierer und Produkt-Manager, die schon seit dem Studium hier sind und zum Teil Familie haben. Menschen, die auf Rotation der Tech-Riesen sind. Diejenigen, die zwischen Deutschland und der Westküste hin- und herfliegen. Kurz: Es ist ein bunter Haufen. Naja, zumindest so bunt, wie Tech halt sein kann.

Was auffällt: Deutschland als Nation präsentiert sich hier nicht so offensiv wie z.B. die Schweiz oder Frankreich. Gerade französische Firmen und Institutionen laden hier dauernd zu irgendeinem nichtigen Anlass zu einer Party, nur um zu zeigen, dass man jetzt auch mitmischt. Die Deutschen sind eher low-key und im Hintergrund aktiv, so mein Eindruck. Allerdings gibt es wegen der Unterschiedlichkeit und der Größe der Region verschiedene Kreise, auch innerhalb der Nationen. Am Ende mischt sich alles ohnehin Richtung Internationalität, wobei Europäer jenseits des Jobs schneller mit anderen Europäern klicken als mit Amerikanern.

Demnächst in Teil II: Der Blick von hier auf Deutschland. Interessiert am Newsletter? Einfach die Felder ausfüllen

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Lesetipps

Best Coast – mein Newsletter

Gestern habe ich die erste Folge meines wöchentlichen Newsletters verschickt, dem ich den freundlichen Namen “Best Coast” gegeben habe. Darin geht es um Technologie, Internetz, aber auch manch anderes, was mich interessiert (zum Auftakt u.a. um die Button-Ökonomie und Normcore). Wer an meinem kleinen Experiment teilhaben möchte, kann sich hier eintragen:

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Globus

San Francisco, Tech und ich

Seit ziemlich genau einem Jahr leben wir in San Francisco und das ist eine gute Gelegenheit für ein paar Zwischen-Gedanken.

(1) San Francisco ist großartig. Ich kenne keine Stadt, die so viele unterschiedliche Ecken, Eindrücke, Winkel und Aussichten bietet. Es ist ein Genuss, an manchen Tagen durch die Haight zu joggen, die Vulcan Stairs hochzuwandern oder auf Berannt Heights diesen wahnsinnigen Blick auf die Stadt zu haben. Ich werde SF und seine Orte nie satthaben.

(2) San Francisco ist großartig, aber leider schon in einem hyperzivilisatorischen Stadium, das womöglich einige lebenswerte Metropolen in Industrienationen in den nächsten Jahren erreichen werden. Von der klassischen progressiven Kultur ist wenig übrig, Beat Generation und Hippie-Zeit sind Folklore, Subkultur-Schaffende sind schon längst weg. Und wenn ich aus dem Fenster blicke, sehe ich Facebook-Busse, Google-Lieferdienste oder Ubers an viktorianischen Häusern vorbeifahren.

(3) Und ich sehe Obdachlose, die mit großer Wahrscheinlichkeit nie mehr zurück in irgendeine geordnete Form von Gesellschaft kommen werden. Wir kennen viele schon beim Namen. Als Europäer machen dich die amerikanischen Gegensätze ohnehin schon verrückt, aber Tech, seine First-World-Fortschritte und seine manchmal Wallstreet-artigen Protagonisten  sind ein krasser Gegensatz zu 8000 Menschen, die auf der Straße leben.

(4) Der Boom verändert auch das Leben für alle zwischen arm und reich, vor allem die Preise für Dienstleistungen, Lebensmittel, Restaurants, Drinks und vor allem Mieten. Es wird nur eine Frage der Zeit sein, bis wir wegziehen müssen.

(5) Mein Verhältnis zu Tech ist in den vergangenen Monaten realistischer geworden. Die Logik des Risikokapitals (Produkt skalieren, Märkte erobern, Renditen über Marktdurchschnitt ermöglichen) bestimmt wesentliche Entwicklungen im Silicon Valley. Die Form folgt der Funktion.

(6) Mir war vorher nicht ganz klar, welch starker Ankerpunkt die kalifornische Ideologie ist. Ich kenne keinen anderen Ort, an dem Skepsis und Zynismus den meisten Menschen derartig fremd sind. Das ist für einen Europäer eine faszinierende Erfahrung, erschwert aber jede nuancierte Debatte über die gesellschaftlichen Folgen einer Technologie. Fortschritt gilt hier als Wert an sich, genau wie der globalisierte Hyperkapitalismus als alternativloses Betriebssystem anerkannt ist.

(7) Wer das alles im Hinterkopf behält, die 85 Prozent Bullshit-Ideen (gerade im B2C-Software- und App-Bereich) vorbei schwimmen lässt und einen Hochstapler-Detektor entwickelt, findet sehr viel Spannendes. Gerade im derzeit anlaufenden Hardware-Zyklus. Und vieles, dessen Konsequenzen noch nicht annähernd seriös einschätzbar sind.

(8) In diesem Ideenlabor sind sehr viele unglaublich begabte Menschen unterwegs; mit weitem oder sehr begrenztem Horizont, mit Überblick oder Spezialfähigkeiten, mit moralischem Kompass oder mit einem Mangel an Reflexionsvermögen ausgestattet. Ich bin als Beobachter immer noch in der Lernphase und verstehe nur einen Bruchteil von allem, und diese Lernphase hört hier niemals auf. Für niemanden. Seid vorsichtig mit denen, die so tun, als hätten sie den Durchblick.

(9) Das Besondere der Startup-Szene, soweit ich das als Beobachter und Nachfrager beurteilen kann: Der extreme Antrieb, Hindernisse zu überwinden und die ausgeprägte Bereitschaft aller Akteure, sich gegenseitig zu helfen. Gerade angesichts der Konkurrenzsituation ist das wahrscheinlich einmalig.

(10) Das Besondere in einigen Tech-Konzernen (oder erwachsenen Startups): Der Glaube der Mitarbeiter daran, dass ein Einzelner etwas bewegen und die Entwicklung des Unternehmens mitbestimmen kann. Mit ihm steht und fällt eine Firma und der Aufwand einiger Chefs, ansprechbar zu sein, ist enorm. Oft genug ist es aber auch Folklore, die sich mit kostenlosem Mittagessen leichter verdauen lässt.

(11) Erwähnenswerte Fußnote zu (9) und (10): Die bis ins Sektenhafte gehende Identifikation einiger Mitarbeiter mit der Mission ihrer Firma und/oder den Gründern. Hat auch mit (6) zu tun.

(12) Ebenfalls am Rande erwähnenswert ist, wie mies die meisten Valley-Firmen in der Internationalisierung sind. Das ist zum Teil richtig gruselig.

(13) Die Blase wird platzen. Jeder meiner Bekannten und Gesprächspartner, der Dotcom mitgemacht hat, ist dieser Meinung. Ich tippe auf das erste Halbjahr 2016, wenn die anstehenden Zinserhöhungen der Fed durchschlagen, einige Startups mit hoher Burnrate werden schon in den kommenden Monaten Probleme haben, Geld zu sammeln. Die Frage ist, welche Folgen das haben wird. Tech wird nicht verschwinden, viele Firmen verdienen gutes Geld. Im Worst-Case-Scenario schlägt der Startup-Crash auf einige börsendotierten Firmen und dann auf Realwirtschaft durch, im besten Fall geht der aktuelle Software-Zyklus nur etwas schneller zu Ende, verschwinden die Goldgräber und Bro-Gründer von der Bildfläche (okay, das mit den Bros ist mein Wunschdenken).

(14) Die oben beschriebenen Mängel und das schiere Ausmaß des digitalen Umbruchs lassen durchaus Raum für “Tech deutscher Prägung”, wenn angesichts der fortgeschrittenen Zeit auch nicht überall. Dafür müsste Deutschland seine manchmal reflexhafte Technophobie ablegen und seine Anstrengungen vom Erhalt des Status Quo auf die Zukunft richten. (Notiz: unkritisches Tech-Cheerleading aus Deutschland langweilt mich genauso). Ein Bildungssystem muss eine Computer-Alphabetisierung zum Ziel haben, die aus Konsum-Blackboxen Werkzeuge macht.

(15) Das ist viel für eine alternde Gesellschaft, aber ich höre von den Schnittstellen zwischen der Westküste und Deutschland, dass derzeit zumindest in einzelnen Branchen ein Umdenken einsetzt. Und hey: Niemand kann damit zufrieden sein, dass das bekannteste deutsche Tech-Unternehmen eine Mischung aus Kopiermaschine und Menschenschinder-Betrieb ist.

(16) Viele meiner Eindrücke und Gedanken finden hier und in meiner journalistischen Arbeit aus unterschiedlichsten Gründen keinen Platz. Das soll sich etwas ändern: Im Laufe des April werde ich einen Newsletter starten, wer auf die Liste möchte (und Input geben will), einfach hier einen Kommentar mit E-Mail-Adresse (nicht öffentlich) hinterlassen oder an newsletter(at)kopfzeiler.org schreiben.

Ich freue mich über Gedanken, Feedback, Widersprüche!

Das Kabel

Meerkat, Twitter und Graph APIs

Meerkat muss man zunächst einmal nicht besonders ernst nehmen, so wenig wie die Gestalten, die auf der SXSW rumhängen (mich eingeschlossen). Es ist ein erstaunlich gut gemachtes Nebenprodukt, das vielleicht zwei Sprints gedauert hat. Das Prinzip dahinter ist sehr viel spannender, Lifecasting lässt grüßen, hat aber seine zeitlichen und unterhaltungsfaktorbedingten Grenzen. Es wird sein Publikum finden (theoretisch ist das Konzept sogar ein Sockel für weitere Apps).

Mich beschäftigt stärker, weil symptomatisch, der Twitter-Umgang damit: Twitter macht den Social Graph zu und wird, wenn das nicht funktionieren sollte, sicher noch etwas am API-Zugang von Meerkat schrauben. Mit Periscope hat man einen eigenen Dienst, der wahrscheinlich in Vine-Art ausgekoppelt wird.

Twitter, das gerade eine Charme-Offensive für Entwickler gestartet hat, hat schon eine ganze Reihe von Clients ins Aus geschossen. Facebook macht auch gerne dicht und stellt mit Flipboard gerade dasselbe in Grün an, das Unternehmen wird ebenso wie LinkedIN seine Graph API mehr oder weniger abschalten. Twitter dürfte angesichts der aktuellen Erfahrungen bald folgen.

Was das bedeutet? Die großen Identitätsanbieter sind proprietäre soziale Betriebssysteme, und sie folgen ihren eigenen, von Aktionärsansprüchen geprägten Regeln. Wer Software für Content-Silos baut, muss sich klar darüber sein: Sobald eine Nutzung oder eine Funktion das Geschäft eines Identitätsanbieters gefährdet, werden diese den Zugang abklemmen. Meerkat war schlau und dumm zugleich, den Netzwerkeffekt gegen das Netzwerk zu verwenden, das sein Wachstum speisen sollte.* Das wird künftig nicht mehr so leicht möglich sein.

Nur zur Erinnerung: Vor ein paar Jahren gab es zumindest die theoretische Möglichkeit eines halbwegs erfolgreichen Open-Source-Identitätsdienstes. Verdammt lang her.

* Dummheit ist natürlich überspitzt, denn wer sollte mit einem von Producthunt getriggerten Hype rechnen?

Typen

Siegfried Kracauer und Thomas Kapielski

Siegfried Kracauers Straßen in Berlin und anderswo und Thomas Kapielskis Mischwald gehören zu den wenigen Büchern, die ich aus Deutschland hierher mitgenommen habe. Die Klammer für beides ist Berlin, mehr aber noch der entspannte Blick auf das Treiben, das sich Zivilisation nennt. Und das von ganz unterschiedlichen Seiten, vom Trottoir und aus dem Fenster der Kiezkneipe. Wir brauchen von beidem mehr.

Denken Horizont

Moderne (a.k.a das Ende der Konsenskultur)

Ob jetzt die Gida-Bewegungen bleiben oder schrumpfen: Deutschland ist am Ende der Konsenskultur angekommen, die sich in den vergangenen Jahren entwickelt hat.

Was wir angesichts der schleichenden Entpolitisierung seit 1990 übersehen, ist die Tradition des Kulturkampfes (nein, nicht Bismarck) in der Bundesrepublik aus den Jahrzehnten zuvor. Studentenproteste, Nato-Doppelbeschluss, Ökologie, Wackersdorf: Nicht immer lebten wir in einer Kümmer-Republik, wovon auch Ausläufer wie die (parteipolitisch durch die Linke aufgefangene) Anti-Hartz-IV-Bewegung oder (ein bisschen) Stuttgart 21 zeigen.

Kulturkampf ist nicht einfach, meistens verlernen seine Teilnehmer in ihm zeitweilig, die Existenz dessen zu akzeptieren, was anders ist. Aber so diskutiert eine Gesellschaft nunmal einige Grundsatzfragen und schafft sich ihre Identität.

Wir wissen nicht, wie der Kulturkampf der Zukunft aussieht. Ob er aus dem Ressentiment der Gida-Fremdenangst entsteht oder aus der gefühlten Teilhabelosigkeit an entscheidenden Prozessen der Moderne, die nicht nur heimatlose Rechtskonservative (die gerade den Gidas den Rücken kehren) empfinden, sondern auch viele andere Milieus. Ganz sicher aber ist: Die Zeit des Konsens ist vorbei, und wir erleben unausweichliche Phänomene wie Truthiness, das Ende der gemeinsamen Realitätsraums und die extreme Aufspaltung in Mikro-Milieus.

Das Gefährliche am Merkelismus im Kontext einer Großen Koalition war immer, dass seine Form des Hyperkonsens die komplette Entpolitisierung der gesellschaftlichen Mitte bewirkt. Fairerweise muss man sagen, dass diese Form der Politik auch eine Reaktion auf eine rapide alternde Gesellschaft ist.

Wenn wir also nun aus den vergangenen Monaten lernen, dass Demokratie niemals in seiner Endform im GroKo-Sinn existiert und diese Erkenntnis einen Teil der Vernünftigen politisch reaktiviert, ist der nächste Schritt nur logisch: Wir sollten mehr streiten über die Moderne und wie wir sie leben wollen. Was dafür nötig ist, ist echte Pluralität (die ich auch in manchen politisierten liberalen urbanen Milieus inzwischen vermisse) und der Glaube daran, dass zwischen “alternativlos“ und “sinnlos“ ein Weg in die Zukunft liegt, den wir als Gesellschaft selber bestimmen wollen.

P.S: Ich habe vor kurzem ein Interview mit dem Universalhistoriker Yuval Harari geführt. Er mag die Zukunft als Extremszenario beschreiben, aber nicht einmal realistische Entwicklungen wie die nächste Automatisierungswelle werden in Deutschland thematisiert. Genau darüber sollten wir reden, statt vor jeder Wahl Vollbeschäftigung zu versprechen.

Das Kabel

#Indieweb und Erhabenheit

Fast 16 Jahre nach dem Cluetrain-Manifest haben Doc Searls und David Weinberger eine Art Update vorgelegt. Eigentlich ist es ein Weckruf in einer Zeit, in der das Internet hemmungslos durchkommerzialisiert und kommunikationsgestört erscheint. Und eine Erinnerung daran, was es eigentlich sein könnte, wenn wir den ganzen Kram mal runterbrechen und uns zusammenreißen.

Ich mag die 121 Thesen, weil in ihnen der wilde Romantizismus mitschwingt, der das Netz groß gemacht hat*. Und hinter dem ich stehe, dem ich mich verpflichtet fühle. Und dann sind da noch solche Sätze:

22 Every time we move a message through the Net, it carries a little bit of ourselves with it.

118 The Internet has liberated an ancient force — the gravity drawing us together.
119 The gravity of connection is love.
120 Long live the open Internet.
121 Long may we have our Internet to love.

Vielleicht muss man auch in einer ehemaligen Hippiestadt leben, um das gut zu finden.

Die New Clues passen auch perfekt in den Kontext der IndieWeb-Bewegung, von der vergangenes Jahr Dan Gillmor geschrieben hat. Ich glaube weiterhin daran, dass die Sache mit den Content-Silos nicht entschieden ist, weil die Strukturen über dem Internet-Protokoll sich stets entwickeln können (vgl. Blockchain-Anwendungen). Genau deshalb schreibe ich diesen Text hier, und nicht auf Medium (wo New Clues ironischerweise auch erschienen).

Ich habe am Freitag anderthalb Stunden mit dem Ko-Autor Doc Searls gesprochen, einiges daraus findet sich in dem publizierten Interview. Es war schon alleine deshalb spannend, weil sein Blick auf das Internet ein gelassener ist: Im Gegensatz zu den Firmen, die derzeit mit ihm Geld verdienen, wird das Internet in der weiteren Geschichte der Menschheit nicht verschwinden. Nie mehr. Die Erhabenheit dieses zivilisatorischen Schritts, den wir miterleben durften, machen wir uns viel zu selten klar. Und das sage ich in vollem Bewusstsein der Verstärkung von negativen Dingen, die dort passiert.

P.S: Ja, ich mache mir gerade auch Gedanken über Paris und die Folgen für Europa. Gebt ihnen noch etwas Zeit, zu reifen, um sie dann hier zu lesen.

* So zumindest die Legende, ich habe es ja über BTX und T-Online-Zaungärten kennengelernt.

Das Kabel

Oliver Samwer wütet im Medienviertel

Emerson Spartz ist 27 Jahre alt, lebt in Chicago und betreibt ein millionenschweres Unternehmen, zu dem etwa 30 Seiten mit viralem Content (Dose, OMG Facts) gehören. Der New Yorker hat ihn porträtiert und zum “König des Clickbaits” gekürt.

Für Medienmenschen liest sich das alles sehr desillusionierend, eine Art Samwer-Bruder mit Extra-Klischeefaktor (Steve-Jobs-Fotos an der Wand, auswändig gelernte Selbstbeschreibung, banalste Weisheiten wie “I realized that influence was inextricably linked to impact”) und keinem Interesse an Journalismus, sondern nur an der Neuverpackung von viralen Inhalten, um Bannerwerbung zu skalieren. Das funktioniert dann so:

At the bottom of a Dose post, there is usually a small “hat tip” (abbreviated as “H/T”). Many people don’t notice this citation, if they even reach the bottom of the post. On Dose’s first day of existence, its most successful list was called “23 Photos of People from All Over the World Next to How Much Food They Eat Per Day.” It was a clever illustration of global diversity and inequity: an American truck driver holding a tray of cheeseburgers and Starbucks Frappuccinos; a Maasai woman posing with eight hundred calories’ worth of milk and porridge. Beneath the final photograph, a line of tiny gray text read “H/T Elite Daily.” It linked to a post that Elite Daily, a Web site based in New York, had published a month earlier (“See the Incredible Differences in the Daily Food Intake of People Around the World”). That post, in turn, had linked to UrbanTimes (“80 People, 30 Countries and How Much They Eat on a Daily Basis”), which had credited Amusing Planet (“What People Eat Around the World”), which had cited a 2010 radio interview with Faith D’Aluisio and Peter Menzel, the writer and the photographer behind the project.

Natürlich erinnert das an Heftig, ist aber eine Stufe professioneller, weshalb das Stück Medienmenschen zur Lektüre empfohlen sei. Zu den Werkzeugen gehört ein Themen-Scan per Algorithmus, genaue Analytics, extreme A/B-Tests bei Überschriften und eine Entwicklungsabteilung, die nebenbei Apps baut (ironischerweise auch einen Tinder-Klon für die Gay-Community, also quasi die Neuverpackung des Tinder-Orginals Grindr).

Das ist für einen Tech-Publizisten schlicht State-of-the-Art, und ich bin überzeugt, dass Spartz Inc. nicht einmal das Demand Media des Facebook-Zeitalters werden wird. Nur sind intensive Datenauswertung, A/B-Tests in Echtzeit oder digitale Nebenprodukte im Jahr 2015 eben wie gesagt: State of the Art. Und ich frage mich, wie viele von uns Traditionsmedien den richtigen Werkzeugkasten haben und wie lange wir mit den bestehenden Strukturen die digitale Hyper-Professionalisierung im Backend mitgehen können.

Denken

2014

Irgendwo im Keller eines gelangweilten Beamten steht womöglich gerade eine Zeitmaschine, nur noch ein paar Handgriffe am Antrieb fehlen. Um das Jahr 2014 zu bewerten, müsste ich dort einsteigen und eine Dekade nach vorne fliegen. Es war das geopolitisch ereignisreichste Jahr seit langem, womöglich haben wir die erste Welle jener Konflikte ohne erkennbares Zentrum erlebt, die künftig unsere Zivilisation prägen werden (und wahrscheinlich nur im westlichen Denken des 20. Jahrhunderts neu erscheinen). Aber vielleicht sollten wir im Sinne des panta rhei – und angesichts des fehlenden Kellerschlüssels, um an die Zeitmaschine zu gelangen – auf Echtzeit-Interpretationen verzichten und erst einmal beobachten, was da kommt.

Ich muss natürlich immer an meinen Freund und Esoterik-Experten T. denken, der mir das Ende des Maya-Kalenders 2012 ganz nüchtern als “Beginn einer neuen Phase” im Lauf der Welt erklärte. 2014 hat dem Rationalisten in mir keine Gegenargumente geliefert (und der Esoteriker in mir sagt “siehste!”).

Dass ich dieses Jahr durch eine Maya-Ruine in Mexiko streunen durfte, wo dieser Kalender einen seiner Ursprünge hat wurde, passt da perfekt. Ohnehin war das Jahr voller persönlicher Großereignisse, alleine das Leben in San Francisco hätte 4905 Blogeinträge verdient. Dass ich diese nicht geschrieben habe, ist ein anderes Thema, aber ich gelobe Besserung.

Allen Besuchern dieses Blogs ein gesundes und erhellendes 2015!