Texas Tragedy Tours

Ein paar Fotos von einem Roadtrip Richtung Norden.

Dealey Plaza, Dallas

Die Tragödie der Ermordnung John F. Kennedys ist nicht nur die eines nationalen Traumas, sondern auch die möglicher alternativer Geschichtsverläufe: kein Vietnam, ein anderer kalter Krieg, eine versöhnlichere Zukunft. Vielleicht. Der Schmerz hängt auch damit zusammen, dass ein derart unbedeutender Typ wie Lee Harvey Oswaldden US-Präsidenten umbringen kann (Disclosure: ich halte die Einzeltäter-Theorie als Erklärung für den Tatverlauf für ziemlich schlüssig). Hätte der Secret Service wie zu anderen Gelegenheiten Schützen auf den Dächern postiert, wäre der Baum (im ersten Bild rechts unten) so groß wie heute gewesen oder damals schon die Beschilderung über der Straße existiert… wie gesagt, die Kennedy-Ermordung ist eben auch jenseits der Tat-Theorien eine Einladung, über den Konjunktiv nachzudenken (Das erste Foto ist ein Stockwerk über dem Buchlager-Eckfenster, von dem geschossen wurde, aufgenommen. Die beiden Kreuze auf der Straße zeigen die Position der Limousine, als die Schüsse fielen).

Dealey Plaza Dallas John F. Kennedy Schulbuchlager

Mt. Carmel Center, Waco

Wenn die Kennedy-Ermordung 1963 den US-Amerikanern Misstrauen gegen den Staat und seine Sicherheitsorgane lehrte, dienten einigen von ihnen die Geschehnisse von Waco dreißig Jahre später als Beweis für die Feindseligkeit des Staates. Nach einem Schusswechsel mit mehreren toten Agenten belagerte das FBI wochenlang das Gelände der christlichen Davidianer-Sekte und stürmte es am Ende mit Panzern und Tränengas. Ein ausbrechendes Feuer tötete 74 Menschen, darunter den Sektenführer David Koresh. Der Neonazi Timothy McVeigh führte als direkte Reaktion 1995 den Bombenanschlag von Oklahoma City aus (168 Tote, mehr als 900 Verletzte).

Morgen, am 19. April 2018, ist der 25. Jahrestag. Was genau in Waco passiert ist, bleibt trotz der quasi-öffentlichen Verhandlungen unklar. Letztlich lässt sich fehlende interkulturelle Kommunikation als eine Ursache für die Tragödie ausmachen: Das FBI kommunizierte mit dem (mehrere Mädchen zwischen 10 und 16 missbrauchende) Koresh und seinen Leuten lange wie mit einem Geiselnehmer, ohne sich in das Wertesystem der Fundamentalisten hineinzuversetzen, um eine Lösung zu finden. Der Gebäudekomplex ist total abgebrannt, vor einigen Jahren wurde eine Kapelle errichtet, die aber nicht mehr benutzt wird. Konservative und Interessierte können sich dort von freundlichen Menschen erklären lassen, wie niederträchtig der Staat ist (nur echt mit „Hillary for Prison 2016“-Banner im Kapellen-Innenraum). Gedenksteine erinnern an die Toten, aber auch an die Opfer von Oklahoma.

Waco Branch Davidianer Gedenkort Texas

George W. Bush Library, Dallas

Beim Besuch der George W. Bush Library ist mir wieder eingefallen, was für schlimme Jahre das waren. Die Tragödie der US-Amerikaner ist, einen als Cowboy verkleideten Dynastie-Sprössling gewählt zu haben, zu dessen größter Leistung das Management eines Baseball-Clubs und die Führung eines Bundesstaats waren, der sich durch die Einnahmen aus Ölbohrungs-Rechten sorgenfrei um die Verteilung von Geld und Ideologie kümmern kann. Unser aller Tragödie ist, dass „Dubya“ eben nicht Präsident irgendeines Landes war und die Irak-Invasion nicht nur das eigene Imperium beschädigt hat, sondern auch im Nahen Osten und damit der direkten europäische Nachbarschaft eine moderne Version des 30-jährigen Krieg ausgelöst hat.

George W. Bush Presidential Library Dallas

Southfork Ranch, Parker

Okay, ich gebe zu, dass die Ranch aus der TV-Serie Dallas nicht unbedingt ein Ort der Tragödie ist. Abgesehen vielleicht davon, dass dort einige fiese Intrigen gesponnen wurden und J.R. Ewing – wie alle Familienmitglieder-Figuren, deren Darsteller gestorben sind- ein Grab auf dem Grundstück der Ranch bekommen hat. Inschrift: „The Only Deal He Ever Lost.“ Vielleicht passt die Ranch aber doch zum Tragödien-Motto, denn Dallas stand ja wie wenige andere Serie für das Abfeiern von Materialismus, Reichtum und Gier, dem „American Way of Life“ der Reagan-Ära also, der sich ziemlich gut exportieren ließ. Passenderweise hat der ehemalige Eigentümer der Ranch das Anwesen einst beim Poker verspielt, der aktuelle Besitzer versucht die Ranch mit Führungen, Fan-Treffen oder Events in der Scheune so gut es geht zu Geld zu machen. Den Besuch kann man sich leider sparen.

Dallas Southfork Ranch Texas Führung Grab J.R. Ewing

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Zivilgesellschaft

 Kritik der Zivilgesellschaft (€)

„Dass ausgeprägte Zivilgesellschaftlichkeit per se zu einer Stabilisierung und Vertiefung von Demokratie und zu gesellschaftlichem Zusammenhalt führen werde, wie in Festreden zum ‚bürgergesellschaftlichen Engagement‘ regelmäßig behauptet, ist eine fahrlässige Vermutung. Vielmehr gewinnt man den Eindruck, als gebe es eine verborgene Gemeinsamkeit zwischen marktorthodoxen Wirtschaftsliberalen und gemeinsinnigen Bürgergesellschaftern. Die Wirtschaftsliberalen glauben bekanntlich fest an die „invisible hand“ des Marktes, die das Allgemeinwohl schon richten werde und ein Optimum an Vernunft zum Resultat hat. Die Bürgergesellschafter glauben ebenso fest an die unsichtbare Hand des selbstorganisierten dritten Sektors, dessen Aktivität im Ergebnis Gemeinsinn und Gemeinwohl hervorbringen müsste. Das allerdings ist höchst zweifelhaft. Denn am Ende aller Eigeninitiative muss nicht das wohlgeordnete Ganze, schon gar nicht das Gemeinwohl stehen.“

Lohnende Lektüre: Franz Walter erinnert anhand der Gründerkrise 1873 und der Weimarer Republik 1923 daran, dass aus der Vernetzung bürgerlicher Schichten nicht zwangsläufig eine Vernunftbewegung entstehen muss, wie gerne in den Appellen an die „Zivilgesellschaft“ gefordert wird. Sondern dass, in diesen Fällen, die dortige Reaktion auf Wirtschafts- und Gerechtigkeitskrisen das Land auf ein reaktionäres (1873) bis faschistisches Gleis setzte.

Bei der Lektüre ist mir aufgefallen, dass nicht nur die „Zivilgesellschaft“ ein recht unscharfer Begriff ist, sondern auch die heutige Idee dessen, was Bürgerlichkeit/Bürgertum etc. eigentlich bedeuten. Walters Text lässt sich ja je nach Vorliebe als elitär oder anti-elitär interpretieren – je nachdem, welche gesellschaftliche Position man dem Bürgerlichen zugesteht (ob diese Kategorien hilfreich sind, ist eine andere Frage).

(via)

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Chinas Scoring und das Versprechen dahinter

Simina Mistreanu mit einem sehr informierten Stück über Social Scoring in China, hier über ein Pilotprojekt in Rongcheng. Alle Bewohner starten mit 1000 Punkten.

„Wenn du ein Knöllchen bekommst, verlierst du fünf Punkte. Wenn dich die Stadt auszeichnet, zum Beispiel für eine Heldentat, ein Vorzeige-Geschäft oder wie du deine Familie unter ungewöhnlich harten Umständen unterstützt: Dein Score steigt um 30 Punkte. Für eine Auszeichnung einer Abteilung kriegst du fünf Punkte. Du kannst auch Punkte bekommen, wenn du für eine wohltätige Organisation spendest oder Freiwilligenarbeit in einem städtischen Programm absolvierst. (…) Je nach Punkten erhalten die Bewohner eine Note von A+++ bis D. Einige Verstöße haben große Folgen: Betrunken Auto zu fahren befördert dich sofort in die Kategorie C. Andererseits bedeutet A+++, dass du die öffentlichen Fahrräder ohne Kaution nutzen kannst (…), im Winter umgerechnet 50 Dollar Erlass auf die Heizrechnung erhältst oder vorteilhafte Konditionen bei Bankkrediten bekommst.“

Life Inside China’s Social Credit Laboratory

Entgegen dessen, was häufiger zu lesen ist, gibt es offenbar keine zentrale Datenbank. Ich bin mir sicher, dass es auch im Westen Anhänger dieses Extrem-Social-Scorings geben wird – bei weitem keine Mehrheit zwar (hoffe ich), aber durchaus Parteien und Bürger, die das wollen: als verschärfte Form des Nudging, im Glauben an die objektive Messbarkeit durch Daten, mit dem offiziellen Anspruch von gesellschaftlicher Fairness/Leistungsobjektivität (durch Konformität) und dem Versprechen von besserer Sicherheit/innerem Frieden. Wir sind zwar keine Anhänger des Konfuzianismus, aber die Maxime „Leistung muss sich lohnen“ ist am Ende doch recht kontextabhängig. Und dieser Kontext wird in den nächsten Jahrzehnten auch und immer stärker chinesisch beeinflusst sein, wenn wir auch gerade selber für die Normalisierung der Idee des Autoritarismus sorgen.

Mehr zu Chinas Strategie, hier im Kontext der neuen Seidenstraße, in diesem Vox.com-Video (angemerkt sei, dass die Realität sich immer als etwas unordentlicher und unberechenbarer als die Strategie herausstellt):

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Theater-Intrigen und Kulturpromiskuität

„Ein Mitarbeiter der Kulturverwaltung hält in einem internen Vermerk für Staatssekretär Renner fest, dass in Dercons Kalkulation die Mietkosten für Tempelhof fehlen. Das schien keine Rolle gespielt zu haben. Die Kosten des millionenschweren Umbaus eines Hangars zur Bühne wurden weder von Dercon noch von der Kulturverwaltung kalkuliert. Weder im Etat der Kulturverwaltung noch an anderer Stelle im Landeshaushalt werden dafür Mittel bereitgestellt. Die Tempelhof-Konstruktion ist von Anfang an ein Luftschloss.“

Der Fall Chris Dercon: Chronik eines erwartbaren Scheiterns

Berlin bleibt eben doch Berlin. Was in dem ganzen Dercon- und auch Lilienthal-Krach in München mitzuschwingen scheint, ist neben konsequenter Desorganisation der Verantwortlichen ein recht konservatives Theater-Stammpublikum – konservativ im Sinne von „haben uns an einen bestimmten Stil gewöhnt“.

Vielleicht hängt der Zuschauer-Rückgang aber neben dem Künstlerischen auch mit einer wachsenden „Kulturpromiskuität“ zusammen, ein ganz hilfreicher Trendbegriff hier drüben: Seit 2011 geben die US-Amerikaner weniger für Theater- oder Museenabos aus, sondern werden von loyalen Unterstützern einzelner Kultur-Institutionen zu – der wachsenden Auswahl folgend – ihren eigenen Kuratoren. Worin sich eine gewisse Ironie verbergen würde, Dercon war ja genau wegen seines Kuratoren-Ansatzes in Teilen des Berliner Theaterbetriebs so verhasst.

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Eigentumsstrukturen

Ich glaube, wir können die Geschehnisse in der Wirtschaft nicht mehr seriös erkennen, wenn wir weiterhin auf die ganze Management- und Merger-Narrative starren, während wir die Eigentumsstrukturen vernachlässigen.

Beispiel 1: Einzelhandel und das Amazon-Narrativ

Vor einigen Wochen machte der amerikanische Spielzeugkonzern Toys”R”Us pleite. Warum? Oft genannt und offensichtlich: Amazon (oder auch, seltener genannt, die Allesverkauf-Ketten Walmart/Target). Dass die Firma seit Jahren mehrere Hundert Millionen Dollar jährlich abstottern musste, um die Übernahme durch Finanzinvestoren (u.a. KKR und Bain) zu refinanzieren? Wurde berichtet, aber das Amazon-Narrativ bleibt im Gedächtnis, weil es zum Zeitgeist passt.

Beispiel 2: Indexfonds

Fast niemand weiß, was Indexfonds sind. Was zur Folge hat, dass wir glauben, das Aktien-Eigentum an Unternehmen ist irgendwo überall in der Welt verteilt. Stimmt nicht: einem Studie aus dem vergangenen Jahr zufolge haben die drei Fonds von State Street, Vanguard und Black Rock inzwischen die nominelle Aktienmehrheit bei 40 Prozent aller börsendotierten US-Firmen. Es gibt Diskussionen darüber, was das im Fall eines Crashs für die Stabilität der Aktienmärkte bedeutet, auch über Fragen nach den Folgen für Wettbewerb zwischen Firmen im gleichen Sektor wird diskutiert. Irgendetwas verändert diese Konzentration der Eigentümerstruktur, aber die meisten Menschen wissen nicht einmal, dass sie existiert.

Beispiel 3: Staatsfonds und Konglomerate

Immerhin: Dass arabische Staatsfonds wie PIF und QIA, die norwegischen oder chinesischen Staatsfonds sehr aktiv sind, ist halbwegs bekannt (unter anderem wegen des China-Aufstiegs-Narrativs, des norwegischen Reichtums und der “Öffnung” Saudi Arabiens). Aber wo genau sie aktiv sind (unter anderem: Endphasen-Funding in Tech), wie sie zusammenhängen und verschachtelt sind? Ich habe nicht das Gefühl, das jemand Buch führt und versucht, den Überblick zu behalten. Dabei wird hier gerade ein großer Teil des Machtspiels festgelegt, das parallel politisch ausgetragen wird (vgl.: Saudi Arabien und die Trump-Regierung oder dass Blackrock und der Saudi-Fonds PIF 40 Milliarden Infrastruktur-Investment in den USA finanzieren könnten).

Oder, Beispiel Konglomerate: Dass SoftBank gerade im Ridesharing-Markt ein globales Oligopol schafft, bei dem sie an allen relevanten Firmen Anteile haben? Geht unter, weil das Narrativ “Uber steigt aus dem Markt XY aus” besser zur Geschichte über das rücksichtslose Mega-Startup passt, das sich übernommen hat.

Jetzt kann ich natürlich meine Warnung genauso gut aus dem Fenster rufen (was ich auch erfolglos getan habe): Mit etwas Suchgeschick und Aufmerksamkeit lässt sich zu alldem etwas finden, und die Mehrheit der Menschen hat sich mit solchen Details nie beschäftigt. Aber wir hängen trotz Piketty immer noch im 20. Jahrhundert fest, vor allem auf Marktstrukturen und Machtverteilung innerhalb von Sektoren zu blicken, nicht auf die Eigentumsstrukturen und Kapital-Querverbindungen jenseits der offensichtlichsten Ebene. Und damit erkennen wir systemisch den Wald vor lauter Bäumen nicht – mit welchen Folgen auch immer.

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Zuckerhearings

Zuckerberg vs. US Senate, Round 1: Reasonable Expectations
Privacy Beyond the Individual
Zuckerberg’s House Hearing, Toutiao’s Apology, Apple’s Siri Hire ($)

Wie wären die Reaktionen auf das Facebook-Hearing gewesen, wenn ein Computer dem US-Kongress Rede und Antwort gestanden hätte? Okay, natürlich lässt der Auftritt Zuckerbergs Rückschlüsse auf Facebook zu, weil er ja diesen ganzen Gründermythos etc. verkörpert und FB sehr darauf zugeschnitten ist. Aber diese ganze Performance-Rezeption, wie menschlich oder souverän er gewirkt hat, ist natürlich ein etwas schiefer Rahmen, wenn wir über Regulierung diskutieren wollen (mein eigenes Stück von Mittwochmorgen findet sich @SZ und ist mein Versuch, dem Performance-, Fachpolitik- und Rezeptionskontext Rechnung zu tragen).

Die drei oben verlinkten Stücke arbeiten recht gut heraus, um was es geht: Das Konzept von Privatsphäre in den USA und die Frage, was man „vernünftigerweise an Privatsphäre erwarten kann“ – die Debatte geht ja über Werbe-Tracking hinaus und betrifft auch digitale Überwachung, Durchsuchung etc.

Versteht also ein Nutzer zum Beispiel, dass er getrackt wird, wenn er eine Seite mit Like-Button besucht? Zuckerberg konnte die Senatoren und Abgeordnete dadurch etwas von der Debatte ablenken, dass er immer vom Eigentum der Nutzer an den Daten sprach, die sie explizit hochluden – aber natürlich gibt es eben auch die Daten, die Facebook über Nutzer sammelt und gruppiert (und dieser Datenkorb lässt sich eben nicht „herunterladen“). Und hier verläuft die Grundsatzdiskussion: Weiß der durchschnittliche Nutzer, welchem Tracking-Ausmaß er mit Bestätigung der AGBs zustimmt – wie verhält sich die Antwort auf diese Frage zu genannten „vernünftigen Erwartungen“?

 

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Das Fatale in Optimismus und Pessimismus

 Fatalism, Freedom, and the Fight for America’s Future

David Runciman arbeitet sich in diesem langen, lesenswerten Text an Optimismus und Pessimismus ab. Seine Feststellung: „Unterschiedliche Meinungen darüber, ob die Welt besser oder schlechter wird, sind zu einem weiteren Dialog unter Gehörlosen geworden“.

Runciman vereinigt aber beide Gegensätze unter einem Konzept, dem des Fatalismus: Die Vorstellungen eines Steven Pinker, dass wir den natürlichen zivilisatorischen Fortschritt nur durch fehlgeleiteten Pessimismus aufhalten können. Und die pessimistische Vorstellung, dass wir uns auf eine Katastrophe zu bewegen und überhaupt nichts ändern können. Beides (ich vereinfache sein komplexes Argument) beschränkt letztlich die Zukunft darauf, sich aus festgelegten Mustern der Gegenwart abzuleiten.

In diesem Zusammenhang ist auch Technoptimismus (zum Beispiel: wir werden technologische Lösungen finden, um die Folgen des Klimawandels zu mildern) für Runciman nicht selbsterfüllend, sondern selbstzerstörend – weil er nicht erkennt, dass darin ein sehr beschränkter Möglichkeitshorizont angelegt ist. Die Perspektive auf eine echte „offene Zukunft“ zu entwickeln heißt also, mit einer Katastrophe zu rechnen, ohne die Bereitschaft aufzugeben, sie durch harte Arbeit zu verhindern. Ein Paradox, in dem ich meine eigene Haltung wiederfinde.

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Jens Jessen (und der #MeToo-Moment)

Eine längere Notiz zum „bedrohten Mann“.

Eine Polemik ist in den seltensten Fällen ein ehrliches Debattenangebot, funktioniert aber im Kontext der Aufmerksamkeitsökonomie ungemein besser als ein sachlich gehauchtes “Moment mal, ich hätte da eine Kritik an der Diskussion anzumelden”.

Natürlich, es lässt sich erahnen, rede ich von Jens Jessens Stück zum Gegenwartsfeminismus. Dessen Schicksal entspricht derzeit insofern konsequent dem selbstgewählten Format, als es zunächst entsprechend der Aufmerksamkeitsökonomie vorwiegend nach Verpackung wie Social-Media-Ausschnitten, Überschrift und Aufmachung, nicht nach dem Inhalt beurteilt wurde (o twitter, o mores!). Aber ohnehin, die unter dem Text angemeldete Replik von Bernd Ulrich deutet es an, scheint man bei der Zeit vor allem unter sich debattieren zu wollen.

Leider trägt Jessens Text auch während der Lektüre nicht besonders viel zur Erhellung oder Debatte bei. Die argumentative Schwäche ist bereits darin angelegt, dass Jessen “dem neuen Feminismus” eine verachtende Stereotypisierung von Männern vorwirft. Was natürlich selbst eine Verallgemeinerung ist, “den Feminismus” gibt es schon seit den Siebzigern nicht in jener imaginierten Reinform und nicht jede Feministin der neuen Generation fotografiert männliche Tramper und versieht sie mit dem Hashtag #MöglicherTäter oder auf hält die Übermalung des Gomringer-Gedicht für einen Meilenstein der Emanzipation (um mal zwei Beispiele zu nennen, die ich persönlich für kontraproduktiv halte).

Der überzeichnete Vorwurf, als Mann wie Muslime kollektiv für die Taten Einzelner verantwortlich gemacht zu werden, ließe sich nach diesen Maßstäben also auch in den Gegenstand die Polemik hineinlesen – alle Frauen, die sich für Emanzipation oder einfach nur für ein Leben ohne Furcht vor männlicher Gewalt einsetzen (also eigentlich nicht einmal Feministinnen sind, sondern nur auf Menschenrechte pochen), sind mögliche Hardliner oder “Radikalfeministinnen”, wie JJ sie nennen würde (mich würde übrigens interessieren, ob die Recherche jenseits der Internet-Textexegese Recherche auch aus Gesprächen und Veranstaltungen bestand).

Kleiner Verweis auf die Debatte in den USA: Das Fundament des Harpers-Textes vor wenigen Wochen über “Twitter-Feminismus” war durch eine selektive Online-Zitatauswahl ebenfalls recht wackelig, machte aber zumindest klar, dass sich die Kritik auf die netzpublizistisch-feministische Sphäre bezieht, die auch Jessen offenbar vorwiegend meint – und führte, wenn auch anonym, weibliche Kritikerinnen an oder konnte auf puritanische Entgleisungen wie die “Shitty Media Men List” verweisen.  Wie bei anderen Phänomenen vermischt sich aber auch bei #MeToo die amerikanische Situation und Wahrnehmung mit der Realität im eigenen Land. Was einerseits richtig ist, denn das macht den Moment so universell – und andererseits gefährlich, weil wir eben gerade im Rollenbild-, Berufs- und Uni-Kontext von sehr unterschiedlichen Sozialisationen und Strukturen reden (das heißt nicht, dass sexuelle Diskriminierung häufiger oder seltener ist – das lässt sich gar nicht feststellen, glaube ich. Was es heißt ist, dass wir anders geprägte Akteure in einem anderen Kontext erleben).

Was durch die marketing-gerechte Aufmandelung des “bedrohten Mannes” etwas verschüttgeht, ist die tatsächlich relevante Frage, wie integrativ der aus #MeToo abgeleitete Moment sein kann und muss – und was sich überhaupt gerade ändert.

Die Veränderung der Machtverhältnisse, so hat vor einiger Zeit die Kulturkritikerin Laura Kipnis festgestellt, geschieht heutzutage ja nicht in mehr die Erstürmung der Bastille, sondern in der Veränderung, wie wir über etwas reden und denken.

Mein subjektiver Eindruck ist, dass sich hier nach #MeToo gerade wirklich etwas ändert – und das, ausgelöst durch die öffentliche Debatte, vielleicht am konkretesten im privaten und beruflichen Kontext. Dort ist durchaus Raum für Einzelfallbetrachtungen, Ehrlichkeit, Nuancen, Zwiespältigkeiten und individuellen Erfahrungsabgleich mit dem Narrativ “da draußen”, während der öffentliche Diskurs inzwischen oft von den üblichen Kulturkampf-Ritualen überschattet wird (inklusive der Jessen’schen Pauschalisierungen, dem öden Maskulinisten-Geraune, aber auch des “alten weißen Mannes” und seiner Verwandten als gerne genutztes Rhetorik-Kantholz, das dem “Gutmenschen” ähnelt0). Diese “Backstage”-Bewegung ist vielleicht die langsamere, aber in ihr finden die wirklichen Veränderungen statt.

Wie stark die gesellschaftliche Wirkung allerdings jenseits des akademischen Milieus ist, lässt sich schwerer beantworten: 42 Prozent der Deutschen haben einer Umfrage zufolge von #MeToo noch nie etwas gehört.

Theoretisch wäre der Einstieg simpel: Fehlverhalten ausgesetzt zu sein – vom Alltagssexismus über Normübertretungen bis hin zum Verbrechen – ist eine universelle weibliche Erfahrung unabhängig von der Klassenzugehörigkeit, ob sie Frau, Freundin, Bekannte, Mutter oder Schwester betrifft, und der #MeToo-Moment ist für alle Geschlechter oft ein Empathie-Dynamo. Männern eröffnet sie damit nebenbei die Tür für eine Selbstreflexion von “Männlichkeit 1.

Aber unabhängig davon, dass die Diskussion darüber von Betroffenen eine Menge Mut zur Intimität erfordert, hat die Interpretation von #MeToo meinem Eindruck nach oft zwei Unschärfen: Die eine betrifft die Unterscheidung zwischen den Formen des Fehlverhaltens, die andere die Ausdehnung der Debatte auf den berechtigten Wunsch nach beruflicher Gleichberechtigung.

Beides entspringt natürlich der Kritik an den existierenden Machtverhältnissen zwischen den Geschlechtern. Aber es ist schwer vermittelbar, Sexismus und Vergewaltigung als zwei Seiten der gleichen Münze zu beschreiben – die Währung mag identisch sein, die Münze ist es nicht.

Und auch die Kontextualisierung von #MeToo als Symptom für fehlende berufliche Gleichberechtigung mag aus einem kohärenten System stammen, in der Praxis aber halten es weniger theorieaffine Menschen mit Recht für zwei Paar Stiefel, ob ein Chef mir an den Hintern fasst oder sich korrekt verhält, aber die Beförderung verweigert, weil er für die Position einen Mann gewählt hat, mit dem er Bonding-Erfahrung hat.2

Fehlt es also an Differenzierung? Es ließe sich einwenden, dass das insofern unwichtig ist, weil der Lauf der Dinge – also eine “Systemreform” (oder wie auch immer man das nennen mag) sich ohnehin schon vollzieht. Allerdings ignoriert dies die Lehre der vergangenen Jahre, dass es keine “natürliche” und ungebremste zivilisatorische Bewegung zu progressiven Werten gibt. Und selbst ein Resultat mit neuen (oder zurück ins Gedächtnis gerufenen) Verhaltensnormen alleine fällt hinter dem Anspruch des #MeToo-Moments zurück, neben dem Sein des Geschlechterverhältnisses auch das Bewusstsein für Machtsituationen zu verändern (so interpretiere ich das zumindest).

Meine Ableitung daraus ist, dass wie bei allen politischen Veränderungswünschen das Thema natürlich auch jenseits der Peer-Group vermittelt werden muss. Oder, um David Brooks zum Wesen neuer sozialer Bewegungen zu zitieren: “Jede Bewegung, die heute Legitimation verdienen möchte, muss die Urheberschaft streuen. Der Ikea-Effekt lässt sich anwenden: Menschen wertschätzen das, an dessen Aufbau sie beteiligt waren.”

Das ist aber kein Ratschlag, ich bin kein Aktivist und will nicht mansplainen, auch wenn der Vorwurf nach mehr als 7000 Zeichen durchaus glaubwürdig vorgebracht werden kann. Vielleicht kann ich aber trotzdem einen Wunsch formulieren: Ich wünsche mir allgemein weniger Wehrlosigkeit im politischen Diskurswerkzeugkasten, weniger Clickbait in der gedruckten Zeit und mehr von jener erwachsenen Debatte, die ich im Privaten erleben darf.

 Natürlich ist ein Diskussionsbeitrag keine Freikarte für eine Antwort, natürlich symbolisiert der “weiße Mann” auch ein Privileg; aber wer das rhetorische Kantholz schwingt, muss damit leben, einen Vorwand zum Ausstieg zu liefern oder – folgenreicher – das Angebot zur männlichen Selbstreflexion auch interessierten Zeitgenossen (und -genossinnen) nicht ehrlich erscheinen zu lassen.

1  Dass #MeToo auch Männer ermutigt, über ihre Missbrauchserfahrungen zu reden, zeigt das Essay von Junot Díaz.

2 Ich spare mir aus Platzgründen eine Debatte darüber, wie bürgerlich oder nicht der karrierebezogene Feminismus ist und ob wir nicht die Möglichkeit einer Systemreform vergeben, wenn weibliche Führungskräfte letztlich nach den Shareholder-Value-Maßstäben handeln werden, denen auch ihre männlichen Gegenparts folgen.

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Kayfabe

Wrestlemania: Von Herzen amerikanisch

Wrestling fasziniert mich auf unterschiedlichsten Ebenen: Einige davon haben mit Storytelling zu tun, andere mit der Definition von gut/böse oder den unterschiedlichen Wahrnehmungsmodi, in denen der Theatersport funktioniert. Wrestling, das habe ich hier und in Mexiko gelernt, ist auch ganz unterschiedlich mit der Kultur eines Landes verwoben (gleiches gilt auch in Japan, das dritte große Wrestling-Land). Um es kurz zu machen: Ich habe zu dem Komplex im amerikanischen Kontext ein längeres Stück geschrieben, das oben verlinkt ist, und es war mir eine Herzensangelegenheit.

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Estland > Frankreich

Emmanuel Macron talks to Wired about France’s AI Strategy
From AI to Russia, here’s how Estonia’s President is planning the future

Wired hat in den vergangenen Tagen zwei interessante politische Interviews publiziert: Eines mit dem französischen Präsidenten Macron über „künstliche Intelligenz“, das andere mit Estlands Präsidentin Kaljulaid über zivile Digitalisierung und Cybersicherheit. Beide kann ich zur Lektüre empfehlen.

Interessant finde ich die unterschiedlichen Perspektiven, die aber natürlich durch die Themen etwas vorgegeben sind: Macron (bei mir stets unter Schwafel-Verdacht) sieht die Digitalisierung im Kontext der französischen Industrie- und Wirtschaftspolitik und quasi top-down, Kaljulaid dagegen scheint die Digitalprojekte aus den Bedürfnissen der Bevölkerung heraus zu entwickeln – und kann dabei zum Beispiel darauf bauen, dass die Esten der Regierung vertrauen, wenn sie eine Genom-Datenbank zur Erforschung von Gesundheitsrisiken initiiert und versichert, keinen Zugriff darauf zu haben.

Aus dieser Haltung des gegenseitigen Vertrauens und des Konzepts von Politik als (auch) zivilem Dienstleister lässt sich natürlich sehr viel mehr verwirklichen als einzig durch eine zentrale Steuerung von wirtschaftlichen Anreizen und Gesetzesrahmen.

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