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Lesetipps (24. Juli 2015)

Eye of Sound

Soundcloud “Dangerously Low On Cash”, sources report
“A separate source explained that SoundCloud is at risk of exhausting readily-available funds and will likely require an ’emergency bridge,’ either from existing investors like Union Square Ventures, or alternatively, a bank, by the end of this year.”
Ich hatte in den vergangenen anderthalb Jahren das Gefühl, dass Soundcloud furchtbar lustlos an Produkt und Strategie herumarbeitet und nur auf den Exit (zu Twitter, wem auch immer) wartet. Hat offenbar nicht funktioniert. Noch ist es nicht soweit, aber natürlich die drei großen Musik-Labels mögliche und logische Käufer, womöglich als Verbund. Man stelle sich vor, Deutschlands/Berlins Vorzeige-Startup gehört plötzlich der Musikbranche.

Nikkei and Axel Springer bid battle for FT went to the wire (Pay)
Bin ich der einzige Mensch, für den der Kauf der FT durch Springer ein wichtiges Signal für die globale Rolle des Medienstandorts Deutschland gewesen wäre? Aber Pearson und Springer haben natürlich beide recht, Nikkei hat dermaßen draufgezahlt, der Preis wird sich nie und nimmer amortisieren.

“The Amiga turns 30—“Nobody had ever designed a personal computer this way”
Eine achtteilige Serie über den Amiga!!

Comcast in Talks With Multiple New-Media Firms
Der US-Provider Comcast spricht mit Vice Media, BuzzFeed und Business Insider über einen Einstieg und überlegt, seinen Anteil an Vox Media zu erhöhen. Vor kurzem hatte Verizon ja AOL samt Anhang (Techcrunch, HuffPost etc.) übernommen. Die Provider werden gerade zum Sammelbecken für vielversprechende Digitalmedien-Firmen, der Rest der Medien-Startups wird in den kommenden 18 Monaten leider einen harten Überlebenskampf führen.

Horizont Lesetipps

Die nächste Welle

14th Street Pier at Myrtle Beach

“What’s new and interesting is material science. This is Neil Gershenfeld’s world, it’s Nathan Myhrvold’s world now. Myhrvold is one of the first people to invest in a class of materials—metamaterials—that are important and are going to remake lots of technology and lots of parts of the economy. I’ve dabbled in metamaterials, I’ve dabbled in these things called metal organic frameworks. Gershenfeld, at the Center for Bits and Atoms, is building these new kinds of digital materials that will make ordinary things not static, but very dynamic. That’s intriguing, but it’s half a decade to a decade away. That’s where I’ve been putting my time.”

John Markoff schreibt seit Jahrzehnten für die NYT über Technologie. Er hat deshalb eine Perspektive auf technische Entwicklungen, die über das mediale Kurzzeitgedächtnis und den jüngsten Hype hinaus blickt. Über einzelne Punkte lässt sich debattieren, aber wenn ich jemandem einen klugen Text zu Technologie im Jahr 2015 empfehlen müsste, wären es Markoffs Gedanken aus dem Gespräch mit Edge.

Globus Kleine Welt

Deutschland, Euro-Krise, Griechenland

Greece, June 2010

Als es rund um die Euro-Treffen hoch her ging, habe ich mich zurückgehalten. Weil ich Urlaub hatte, vor allem aber, weil die Echtzeit-Debatte sehr überhitzt war und ich nicht das Gefühl hatte, zu den zig Instant-Bewertungen beitragen zu müssen/können.

Mehr als eine Woche später ein paar Gedanken, als Europäer.

(1) Schockierender als die Grexit-Option fand ich im Schäuble-Papier den Treuhand-Fonds und den Vorschlag, ihn in Luxemburg anzusiedeln. Trotz des Elements des verlorenen Vertrauens in griechische Regierungen: Das war das schlimmste Hegemonial-Schauspiel, das ich in meiner Lebzeit auf dem europäischen Kontinent erlebt habe, die Idee war eine Demütigung und hätte niemals offiziell präsentiert werden dürfen (auch wenn das Konzept offenbar schon länger kursiert).

(2) Wolfgang Schäubles Verhalten und seine Motive werfen im Zusammenhang mit seinem Werdegang viele Fragen auf (ein paar werden hier zu beantworten versucht). Es gab meiner Erinnerung nach in den Neunzigern in der CDU wenig überzeugtere Europäer als ihn. Aber Überzeugungen können auch Strenge gebären. Wie wichtig plötzlich die Persönlichkeit eines Einzelnen für die Idee dieses Kontinents wird.

(3) Von Angela Merkel erwarte ich in Sachen EU keine Entscheidungen mehr, die in Richtung “staatsfrauisch” gehen. Weil die ihre Mehrheit in Umfragen und der Unionsfraktion gefährden würde. “Kicking the can down the road” trifft ihren Euro-Politikstil ganz gut. Ich wüsste auch nicht, was Frau Merkel sich unter Europa im 21. Jahrhundert vorstellt.

(4) Vielleicht wäre einiges einfacher, wenn “Schuld” und “Schulden” unterschiedliche Wortstämme hätten (vgl. debt/guilt), oder Deutschland die Finanzpolitik nicht auf derart seltsame Weise moralisiert hätte, fast den republikanischen Hardlinern in den USA ähnelnd. Doch am Ende wird das Sparprogramm keine moralische Genugtuung herbeiführen, sondern nur eine verschärfte humanitäre Krisensituation in Teilen der griechischen Gesellschaft.

(5) Ich habe keine Ahnung, wie das Investitionsprogramm für Athen am Ende aussehen wird und welche Summe wirklich zum Aufbau von etwas zur Verfügung stehen wird. Eigentlich wäre jetzt der Zeitpunkt, Wirtschaft anders zu denken, aber das wird nicht passieren (nur: wenn nicht in Krisenzeiten, wann dann?). Das liegt nicht nur an der Notsituation, den globalen Systemzwängen und der fehlenden Handlungsfreiheit; ich bezweifle auch, dass die Syriza-Regierung mit ihren operativen Schwächen in der Lage wäre, so etwas zu organisieren oder nur anzustoßen.

(6) Ich weiß nicht, ob es schon länger so war oder mir nur aus der Ferne auffällt: Deutschland macht den Eindruck, vom Status Quo und dessen Erhalt besessen zu sein. Die Jahre der schwarzen Null erinnern politisch schon fast an das letzte Drittel der Kohl-Ära, nur ohne Leidensdruck. Und ohne Gegenperspektive einer gesellschaftspolitischen Erneuerung, was auch der Altersstruktur der Bevölkerung geschuldet sein mag. Vielleicht ist das nur eine Phase, womöglich aber sind wir einfach eine Herbstgesellschaft.