Das persönliche Essay (und dessen Seltenheit)

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„Zu viele Menschen, die schreiben, haben nichts Interessantes zu sagen und sagen es nicht auf interessante Art“, schreibt Merve Emre in einem unterhaltsamen Text über den amerikanischen Trend zum „persönlichen Essay“. Die Anführungszeichen deuten an, dass in Deutschland eine vergleichbare Form nicht oder nur selten oder nur als Mischform existiert. In den USA dagegen fallen die Essay-Sammlungen der Autoren direkt aus dem Buchladen-Regel, weil gar kein Platz mehr ist vor lauter Persönlichem. Oft fallen sie in meinen Einkaufskorb, wie ich zugeben muss. Und genauso oft lege ich nach dem zweiten oder dritten Stück den Band weg, weil wieder jemand aus New York über irgendetwas Popkulturelles mit politischen Einsprengseln geschrieben hat und das viele Male in Variationen wiederholt. Insofern: Zustimmung zu Emres Kritik.

Andererseits ist das persönliche Essay in seiner besten Form jedoch mehr als bloße Befindlichkeit (vgl. John Jeremiah Sullivan), sondern der unterhaltsame Kampf eines Autors mit dem Leben und/oder seinem Thema. Wo wir deutschen Autoren uns oft hinter bestimmte Standardisierungen der Form zurückziehen (eine Seite Drei klingt wie eine Seite Drei, ein Spiegel-Essay wie ein Spiegel-Essay und das Subjektive wird in der Regel zu einer Kolumne gemacht), ringen die Amerikaner mit der Komplexität des Themas, über das sie schreiben, werden von den Schattierungen und Nuancen regelrecht verfolgt. Manchmal klugscheißen sie auch, klar – aber so exzessiv recherchieren und so prägnant formulieren wir deutschen Journalisten auch nicht, dass wir uns hier die Autorität der Stimme aus dem Nichts verdient haben. Aber vielleicht ist es auch einfacher und es gibt einfach zu viele Menschen, die schreiben und nichts Interessantes zu sagen haben und es nicht auf interessante Art sagen können.

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Manfred Volkmar (1949-2017)

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Hätte mich die Berliner Journalisten-Schule 2006 nicht in ihre Lehrredaktion aufgenommen, meine berufliche Laufbahn wäre anders verlaufen, mein Handwerk schlampig geblieben. Mit Schulleiter Manfred Volkmar verband mich ein seltsames Verhältnis: Wir schätzten uns, doch er zog immer die Augenbrauen über seinen mächtigen Brillengläsern zusammen, wenn ich von Blogs und Bürgerjournalismus erzählte. Wahrscheinlich würde er sich freuen, wenn er das hier lesen würde. Aber ein Nachruf auf einem Blog, einfach so aus dem Herzen heraus geschüttet… er hätte sich lächelnd einen milden Tadel nicht verkneifen können.

Manfred Volkmar war ein Mann, der die Form wahrte – ich habe ihn glaube ich nie ohne Anzug und Krawatte gesehen. Dabei war es im Sommer verdammt heiß dort oben im Verlagsgebäude am Alex. Und er war ein Wahrer journalistischer Formen und Standards, ohne darüber groß Aufhebens zu machen. Als Chefredakteur des Spandauer Volksblatts hatte er erlebt, wie die großen Nachwende-Ambitionen einer Lokalzeitung geendet hatten: mit dem Aufkauf durch Springer und der Umwandlung zum Anzeigenblatt. An die Zukunft des guten Journalismus glaubte er trotzdem mit der ihm eigenen Aufrichtigkeit. Blieb nicht sauberes Handwerk sauberes Handwerk, ein guter Text ein guter Text, ein guter Beitrag ein guter Beitrag?

Die branchenüblichen Symptome wie Missgunst und Besserwisserei waren ihm dabei fremd, als gesunder Berliner zog er trockenen Humor dem Standesdünkel vor. Er genoss das Lesen, den Blick auf die Medienbranche, ohne in ihr verrückt werden zu müssen. Morgens traf Volkmar oft vor allen anderen ein, in der Regel auf dem Fahrrad (als Berliner Ureinwohner besaß er geheimes Schleichweg-Wissen). Die Zeit nutzte er, um die aktuellen Zeitungen zu studieren, über die er dann tagsüber im Gespräch manch Kritisches bemerkte (“Also, mit diesem Thema aufzumachen…”), aber mit aufrichtig gemeintem Lob für diesen und jenen Artikel oder Kollegen niemals sparte. Und wenn er sich manchmal geräuschlos in eines unserer Seminare setzte, um hinten in der Ecke zuzuhören, genoss er es erkennbar, die nächste Generation beim Erlernen des Handwerks zu erleben. Er war stolz auf seine Absolventen.

Doch natürlich war dem kalten Hauch der ökonomischen Realitäten auch in der Journalistenschulen-Blase nicht zu entkommen. Die BJS hatte Geldprobleme, die Ausrüstung war veraltet und die Modernisierung derart überfällig, dass es oft zu Spannungen kam. Was allerdings in besagtem Verlagsgebäude am Alexanderplatz nichts Besonderes war: Ein paar Stockwerke höher hatte gerade ein Investor die Berliner Zeitung übernommen – für uns ein hilfreiches Extra-Seminar über das Zukunftsthema “Miese Stimmung in Print-Redaktionen”.

Journalist zu werden hieß, damals so sehr wie heute, die Zukunftsangst zu wählen. Am Ende ist es für alle aus unserer Klasse gut ausgegangen. Die BJS aber musste nur wenige Jahre später die kostenlose Journalisten-Ausbildung einstellen. Insgesamt hat Manfred Volkmar bis zum Ende seiner Ära 2012 mehr als 300 junge Menschen auf ihrem Weg in den Journalismus begleitet.

Im Juli dieses Jahres kam meine Lehrredaktion zu einem zehnjährigem Jubiläumstreffen zusammen. Für Nicht-Journalisten erklärt: Das ist eine Art Abi-Treffen, auf dem alle dunkle Vollrandbrillen tragen. Ich konnte nicht dabei sein, doch erinnerte mich natürlich auf der anderen Seite des Ozeans an die Zeit zurück. “Herr Kuhn”, hörte ich Volkmar mit seiner tiefen Stimme sagen, “so schnell schreiben Sie auch nicht, dass wir dafür schnellere Computer anschaffen müssen.”

Ich musste lachen, doch wie anders fühlt sich die Gewissheit an, diese Stimme nun wirklich und endgültig nur noch in der Erinnerung zu hören. Am 2. August ist Manfred Volkmar gestorben.

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