Strukturen und Zeichen

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The Plug-Hole

Strukturen sind umso besser erkennbar, je mehr sie fehlen. Nach mehreren Monaten Leben “aus dem Koffer” ahne ich das zumindest. Irgendwann webt sich das Leben trotzdem eine eigene Struktur, auch ohne “Alltag”.

Manchmal sieht man die Zeichen. Dass wir in Miami nicht leben werden, ahnten wir nach einigen Tagen. Gewusst haben wir es, als nachts neben unserer Bleibe der Verteilerkasten explodierte, der Strom stundenlang ausfiel und ich draußen auf der Suche nach der Ursache in Hundescheisse trat.

Manchmal sind die Zeichen verschlüsselt. Die beiden Erdbeben erschütterten Mexico-City, als wir nicht mehr in der Stadt waren. Das Haus, in dem wir den Sommer verbrachten, ist nun unbewohnbar. Die Erinnerung an die Zeit dort hat Risse bekommen.

In New Orleans wurde im Sommer unser Viertel überschwemmt, die Menschen fuhren mit dem Kanu durch die Straße. Nicht schlimm, aber vielleicht ganz gut, dass wir dort schon nicht mehr wohnten.

Hurrikan Irma durchpflügte Florida eine Woche, bevor wir dort landeten. Ein Baum, der umstürzte, verfehlte unser in Miami abgestelltes Auto um drei Meter. Wenn sich darin eine Struktur erkennen lässt, dann für mich: Dankbarkeit, nur kleine Probleme zu haben.

Nun sind wir in Austin, Texas. Es wird bald ein bisschen ruhiger, vielleicht werde ich versehentlich ein paar Mal meinen Koffer packen. Struktur wird wieder die Note des Langweiligen bekommen, Alltag den Geruch des Stillstands annehmen.

Dabei sind Rituale, eingeübte Wiederholungen oft das Stabilisierende, während so viel außerhalb unseres Einflussbereichs um uns herum fließt und hinter dem Horizont der Zukunft verschwindet. Weltgeschehen. Persönliche Unwägbarkeiten, die uns und die Menschen um uns herum berühren und mitreißen werden.

Rätselhaft: Das Loslassen der Illusion, dass wir alles festhalten können (während es um uns herum fließt), kostet mehr Kraft als das Festhalten an dieser Illusion. Diese Umwandlung der Kraft kennen wir aus asiatischen Kampfphilosophien wie Kung-Fu. Nun, wir würden sie kennen, hätten wir damals im Zivildienst das Kung-Fu-Seminar am Schliersee ernst genommen und nicht unsere Energie abends im Freizeitheim mit Kiffen und Schnaps verbraucht (aber ich schweife ab…).

Struktur bedeutet auch: sich einen Weg bahnen.

Neulich habe ich hier im Malvern Books – einem Buchladen ohne Sachbücher – in ein paar Essays geblättert, zufällig die Seiten aufgeschlagen.

Ich war überrascht und auch beruhigt, wie viele Selbstzweifel das Papier durchzogen. “Ich weiß nicht, ob ein Schreiber bin”, hieß es in einem der Werke, in dem sich allerhand fantastische Sätze finden. “Vielleicht bin ich nur ein Leser.” Das war ernst gemeint und nicht die inzwischen übliche Koketterie. Es klang vertraut. Ihr kennt vielleicht diese Momente, in denen plötzlich der eigene Zweifel als Teil einer allgemeinen Zweiflerei erscheint und für eine Sekunde alles leicht wird.

Wenn sich die Bedeutung des Bloggens für mich in den vergangenen Jahren geändert hat, dann so: Es ist primär kein Ort mehr für Mitteilungen oder Meinungen (davon gibt es genug und ich glaube nicht mehr an “Content”). Dieses Blog ist wie das Schreiben selbst für mich eine dieser Flugmaschinen aus den Vorzeiten der Gebrüder Wright. Ich setze mich auf sie und beginne zu schreiben und nehme Fahrt auf und versuche, abzuheben und über die Zweifel hinwegzufliegen.
Und manchmal winke ich ihnen von oben zu und oft stürze ich mitten in sie hinein. Und wenn ich darüber nachdenke, erscheint mir diese Bewegung so vertraut, dass ich sie als eine der prägendsten Strukturen meines gegenwärtigen Lebens erkenne.

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Das persönliche Essay (und dessen Seltenheit)

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„Zu viele Menschen, die schreiben, haben nichts Interessantes zu sagen und sagen es nicht auf interessante Art“, schreibt Merve Emre in einem unterhaltsamen Text über den amerikanischen Trend zum „persönlichen Essay“. Die Anführungszeichen deuten an, dass in Deutschland eine vergleichbare Form nicht oder nur selten oder nur als Mischform existiert. In den USA dagegen fallen die Essay-Sammlungen der Autoren direkt aus dem Buchladen-Regel, weil gar kein Platz mehr ist vor lauter Persönlichem. Oft fallen sie in meinen Einkaufskorb, wie ich zugeben muss. Und genauso oft lege ich nach dem zweiten oder dritten Stück den Band weg, weil wieder jemand aus New York über irgendetwas Popkulturelles mit politischen Einsprengseln geschrieben hat und das viele Male in Variationen wiederholt. Insofern: Zustimmung zu Emres Kritik.

Andererseits ist das persönliche Essay in seiner besten Form jedoch mehr als bloße Befindlichkeit (vgl. John Jeremiah Sullivan), sondern der unterhaltsame Kampf eines Autors mit dem Leben und/oder seinem Thema. Wo wir deutschen Autoren uns oft hinter bestimmte Standardisierungen der Form zurückziehen (eine Seite Drei klingt wie eine Seite Drei, ein Spiegel-Essay wie ein Spiegel-Essay und das Subjektive wird in der Regel zu einer Kolumne gemacht), ringen die Amerikaner mit der Komplexität des Themas, über das sie schreiben, werden von den Schattierungen und Nuancen regelrecht verfolgt. Manchmal klugscheißen sie auch, klar – aber so exzessiv recherchieren und so prägnant formulieren wir deutschen Journalisten auch nicht, dass wir uns hier die Autorität der Stimme aus dem Nichts verdient haben. Aber vielleicht ist es auch einfacher und es gibt einfach zu viele Menschen, die schreiben und nichts Interessantes zu sagen haben und es nicht auf interessante Art sagen können.

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