Unbewusste, unterbrechende und unsichtbare Medien

 The Future of Television is being able to pick Shows by Length

„Konsumenten sortieren heute (oft unbewusst) jedes Medien-Produkt vom Podcast über Magazingeschichten bis zum Video in drei Kategorien: Bewusst, unterbrechend und unsichtbar. Die Konsequenzen dieser Veränderungen sind bedeutend. (…)
Bewusste Medien sind jene Handvoll Angebote, deren Konsum wir vorher planen, um dann ein besonderes Stück unserer Zeit dafür zu reservieren. Für mich sind das Couch-Shows wie Better Call Saul und sonst fast nichts. Unterbrechende Medien wiederum sind eine viel größere Kategorie: Diese Programmgestaltung füllt die freien Plätze in unserem Leben – 10 Minuten in der Supermarkt-Schlange, fünf Minuten beim Warten nach dem Kindertraining, 35 Minuten im Zug oder Bus. Für mich sind das Artikel, die ich auf Instapaper gespeichert habe, Hörbücher und Smartphone-Shows wie Billions, das mir sehr gefällt, das ich aber noch nie daheim angeschaut habe und selten in längeren Segmenten als 30 Minuten. Unsichtbare Medien ist die größte Kategorie von allen – das Zeug, das wir niemals sehen, von dem wir kaum wissen, dass es überhaupt existiert.“

Hilfreiche Kategorien. Ich hatte mal ein „Uber für @SZ-Inhalte“ gepitcht, das aus der Kombination von „Zeit zur Verfügung“ (wählbar) und Interessensgebieten redaktionelle Artikel und Videos zeigt. Quasi eine Abwandlung von dem, was die App „NPR One“ im Audiobereich schon gut macht. Die Umsetzung ist komplex, inzwischen würde ich diese Funktion auch eher bei einem der diversen Assistenten da draußen verorten (falls es das nicht schon irgendwie gibt). Wobei ich gar nicht weiß, ob das notwendige flächendeckende API-Ökosytem realistisch wäre, das wäre für App-Anbieter ja quasi ein weiteres zwischengeschaltetes Meta-OS.

Beautiful Game

The Last World Cup

„Michel Platini, der damalige Vizechef der Fifa, kam vor der Abstimmung 2010 zu einem Mittagessen im Élysée-Palast mit Präsident Sarkozy und Vertretern der Königsfamilie von Katar zusammen. Sarkozy ließ die Kataris wissen, dass der Preis von Platinis Stimme auch eine Unterstützung für seinen lokalen Verein Paris Saint-Germain beinhalten würde, der damals in finanziellen Schwierigkeiten steckte. Zur gegebenen Zeit kaufen die Kataris den Verein und investierten Hunderte Millionen in ihn (inklusive der 222 Millionen Euro, um Neymar zu kaufen, den teuersten Spieler der Welt). Katar kaufte zudem die Fernsehrechte für die Spiele aus Frankreichs erster Liga für mehr als 360 Millionen Euro1  und Qatar Airways bestellte 50 A320-Flugzeuge, die von Airbus in Toulouse gefertigt werden. Der Wert dieses Deals allein wurde für die französische Wirtschaft mit ungefähr 17 Milliarden Euro beziffert.

(…) Platini hat immer betont, dass er nicht für Katar stimmte, weil Sarkozy es ihm sagte. Allerdings passierte offenbar etwas, das ihn dazu brachte, seine Unterstützung für die USA als WM-Gastgeber 2022 aufzugeben und sich stattdessen für ein Land einzusetzen, das keine Fußball-Infrastruktur, kein nennenswertes internationales Profil in diesem Sport und ein Klima hat, das bei einem Sommerturnier Spiele in Temperaturen von bis zu 50 Grad bedeutete.“

Dass wir trotzdem die Fifa-WM verfolgen, auch die in Russland, entspricht unserem Verhalten in fast allen anderen unbequemen Fragen unserer Zeit: Ein Wissen über die moralische Problematik bei gleichzeitiger Bequemlichkeit und dem Bewusstsein, für diese Bequemlichkeit von niemandem zur Rede gestellt zu werden und so den moralischen Aspekt einfach nur verdrängen zu müssen. Das Collective Action Problem existiert also sogar im Fifaturnier-Konsum, natürlich auch deshalb, weil Fußball nicht nur ein schöner Sport ist, sondern auch das letzte große Lagerfeuer (und sonst läuft eh nix im Sommerfernsehen).

David Runciman prognostiziert realistischerweise, dass der Videobeweis ein Aufreger wird, nicht die Menschenrechte. Er beendet seinen Artikel mit den Worten:

„Vielleicht wird die Weltmeisterschaft diesen Sommer nicht das letzte Turnier, in dem wir noch den Unterschied zwischen einem internationalen Fußballspiel und einem Videospiel erkennen können. Aber es könnte die letzte WM sein, bei der uns das überhaupt noch interessiert.“

1 Die Zahl im Artikel ist zu hoch, selbst korrigiert.

Vereinigte STAATEN von Amerika

Die Welt blickt in diesen – wie in den meisten – Tagen auf Washington. Natürlich zurecht, einerseits. Andererseits sind die deutschen Interessensorte Washington, New York, LA und San Francisco eben nur ein kleiner Teil dieses Landes. Ich will nicht sagen, dass die anderen Landstriche nun völlig anders sind, aber es gibt eben doch eine Regionalgeschichte, unterschiedliche Mentalitäten, ethnische Zusammensetzungen, Traditionen, Konflikten. Je länger ich hier bin (und je näher die Rückkehr im kommenden Jahr rückt), desto stärker vertiefe ich mich in die Geschichte und Geschichten der Bundesstaaten.

Ich bin dabei immer wieder verblüfft, wie detailliert und anspruchsvoll die Sozialgeschichte der USA bis ins Kleinste dokumentiert ist, und dass sich immer wieder jemand findet, der das aufgreift und weiter forscht oder die Gegenwart aus dieser Perspektive betrachtet. Eine derart zugängliche Regionalgeschichte, kombiniert mit echten Geschichten vor Ort, kenne ich aus Deutschland nicht.

„Kulturgut Buch“

Digitaler Stress frisst Lesezeit
Die Deutschen lesen weniger Bücher, teilweise überhaupt keine mehr. Die Umsätze des Buchhandels sind noch stabil (wer liest, kauft mehr Bücher als früher), aber 25 Prozent aller Leser in Deutschland sind über 70.

Kolja Mensing vom Deutschlandfunk hat vergangene Woche dazu einige kluge Dinge gesagt:

“Ich glaube, wir haben so eine merkwürdige Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen. Es gibt halt immer noch den Diskurs des guten alten Literaturbetriebs, dessen Wurzeln irgendwo in der deutschen Nachkriegszeit liegen, in dem alle Beteiligten – Lektoren, Buchhändler, Kritiker – sich um ein verhältnismäßig kleines Segment vermeintlich anspruchsvoller Literatur gruppieren und nicht nach links und rechts schauen. Und auf der anderen Seite gibt es eben so ein modernes, urbanes und popkulturell sozialisiertes Milieu, das an ganz anderen Inhalten interessiert ist. (…) Ich glaube, man muss aus dieser ganzen, immer auch leicht dünkelhaften Rhetorik zum Kulturgut Buch erst einmal die Luft rauslassen, anstatt es – wie es der Börsenverein es ja jetzt offenbar vorhat – es zur Waffe im Kulturkampf gegenüber der digitalen Welt hochzurüsten.”

Kurz: Der Buchbranchen-Diskurs begegnet der Veränderung durch einen Konservatismus, der ohnehin nur diejenigen anspricht, die ihm bereits folgen und diese Ansicht teilen. Ähnlich gilt das auch für das deutsche Feuilleton. Ich habe es vor fünf Jahren in einem Beitrag hier verteidigt, was wohl etwas naiv war. Es ist den deutschen Feuilletons unterm Strich nicht gelungen, ein Verhältnis zum Zeitgeist zu entwickeln, sich entlang der oben beschriebenen Popkennerschaft neu zu definieren und daraus eine neue Form zu entwickeln. Dabei existiert gerade in unserer liquiden Kultur das Bedürfnis nach historischem Kontext, Meta-Referenzen und einer klugen Analyse im Blick auf Markt-, Mode- & Machtmechanismen. Nur findet die eben in der Regel in Social Media oder den englischsprachigen Publikationen statt.

(Via Christoph Kappes, Twitter)

Siehe auch:
 „Das unendliche Essay„

Unterdessen

‘Children are being used as a tool’ in Trump’s effort to stop border crossings

„Die Trump-Regierung sagt, dass Eltern von ihren Kindern getrennt werden, weil sie mit dem illegalen Grenzübertritt eine Ordnungswidrigkeit begangen haben, was wiederum Gewahrsam in den Händen der Bundesbehörden bedeutet. Dort sind Kinder nicht zugelassen. Aber sobald Eltern ihre Zeit für dieses kleine Vergehen abgesessen haben, drohen ihnen immer noch Monate in den Abschiebeeinrichtungen, oft ohne eine Ahnung darüber, wo ihre Kinder sind. (…) Die Pflichtverteidigerin Azalea Aleman-Bendiks erzählt, einige ihrer Klientinnen hätten ihr gesagt, dass Grenzschützer ihnen die Kinder weggenommen und behauptet hätten, sie würden nun gebadet. Nach einigen Stunden dämmerte es den Müttern, dass die Kinder nicht zurückkommen werden. ‚Es ist unglaublich‘, sagte sie, ‚ich kann nicht glauben, was hier passiert.'“

Freihandel

Der Deal im Freihandel lautet: Günstigere Waren und größere Auswahl gegen den Verlust von Arbeitsplätzen in einigen Branchen, in der Regel im produzierenden Gewerbe. In Schwellenländern bedeuten Freihandel und Globalisierung die Möglichkeit, in die Mittelschicht aufzusteigen. Oft geschieht das erst in der nächsten Generation, wohlgemerkt: Wer heute in den Technologie- und Textilfabriken Asiens arbeitet, verdient zwar überdurchschnittlich Geld, sein Leben gleicht aber eher dem eines europäischen Fabrikarbeiters im Jahre 1850 als dem von 2018. Dennoch ist der gestiegene Lebensstandard, den viele Regionen in den vergangenen Jahrzehnten verbuchen konnten, ohne die globale Arbeitsteilung nicht zu denken.

Zum Begriff: Was einst als “Abwesenheit von Handelszöllen auf Produkte” bedeutete, wurde schon vor längerem auf die Harmonisierung von Regulierung und Deregulierung, auf das Urheber- und Patentrecht sowie das Finanzwesen ausgedehnt. Klauseln zu Arbeits- und Umweltstandards sind in den meisten Freihandelsabkommen dagegen in der Regel standardisiert unbestimmt formuliert und nicht einklagbar.

Zudem bedeutet Freihandel nicht zwingend ein Verbot von Subventionen, die Industrienationen in Regel weiter für den Agrarsektor sowie im Aufbau befindliche Industrien aufbringen. So brach in Mexiko nach der Einführung nordamerikanischen Freihandelsabkommen in den 1990ern die Mais-Wirtschaft ein, das Land wurde zum Importeur: der Mais vom großen Nachbarn, den die Bauern in den US-Bundesstaaten des mittleren Westens anbauen, war durch die Subventionen aus Washington günstiger. In der Folge kam es in einigen Regionen Mexikos zu einem regelrechten Exodus arbeitslos gewordener Bauern, die sich auf den Weg nach Norden machten, um in den USA illegal als Tagelöhner Geld zu verdienen.

Ein ähnliches Muster zeigt sich an den Verhandlungen der Europäische Union mit den afrikanischen Staaten über das Wirtschaftspartnerschaftsabkommen (WPA). Auch wegen der Androhung von Strafzöllen in die EU haben bereits zahlreiche Länder unterschrieben. Das WPA sieht vor, dass afrikanische Länder die Zölle auf Grundnahrungsmittel wie Getreide (außer Reis) und Milchpulver innerhalb von fünf Jahren abschaffen sowie keine neuen Schutzzölle verabschieden. Zugleich subventioniert die EU weiterhin Milchpulver oder Getreide, kann solche Agrarprodukte also günstiger anbieten. Dies dürfte Konsequenzen haben: 60 Prozent der Erwerbstätigen im Subsahara-Nationen Afrikas arbeiten in der Landwirtschaft, die Zollausfälle der Staaten Westafrikas summieren sich Schätzungen zufolge bis zum Jahr 2035 auf mehr als 32 Milliarden Euro.

Die Beispiele sind bereits vereinfacht dargestellt. Sie zeigen aber, dass Freihandel auch Nebenwirkungen hat (no shit, Sherlock) und es auf systemischer Ebene Grundsatzfragen gibt  – zum Beispiel, welche Rolle Sozialstandards spielen oder ob Abkommen zwischen Regionen mit unterschiedlicher wirtschaftlicher Stärke Sinn ergeben. Und dabei ist noch nicht einmal vom chinesischen Modell des Schutzes heimischer Firmen durch Auflagen und Eigentums-Regelungen die Rede. Oder von globalen Firmenstrukturen und Steuervermeidung. Oder vom ökologischen Fußabdruck und Fragen des Postwachstums. Oder von Deutschland, das nicht nur durch Luxus-Produkte oder (noch) der Produktion von Maschinen und Anlagen in alle Welt ein Mega-Exporteur ist, sondern eben auch vom günstigen Euro-Wechselkurs profitiert, den das Land mit der DM nicht halten könnte.

Aber natürlich wird das alles im angebrochenen Handelskonflikt keine Rolle spielen, er wirft den Erkenntnisprozess sogar zurück: Ganz nach der Philosophie des US-Präsidenten geht es um das Recht des Stärkeren. Das Narrativ wird entlang der bekannten Orthodoxie verlaufen, die ja unter dem Stichwort „Friede durch Vernetzung“ zumindest innerhalb des Westens auch eine historisch-politische Komponente hat (allerdings nicht so sehr im Kolonial-Kontext).

Spätestens bei Autozöllen werden wir dann eine Patriotismus-Welle erleben und vielleicht für ein paar Monate sogar eine neue Legitimationserzählung für das vereinte Europa. Hyper-Aktivität rund um Symptome bei gleichzeitiger Stagnation in systemischen Fragen charakterisiert wohl auf absehbare Zeit unsere Gegenwart.

Siehe auch:
Ehrlichkeit und Freihandel
Freihandel II
Cocktails und Chauvinismus

James Byrd jr.

The Shocking Legacy of America’s Worst Modern-Day Lynching

Heute vor 20 Jahren verprügelten drei weiße Männer in der osttexanischen Kleinstadt Jasper den Afroamerikaner James Byrd jr.. Sie urinierten auf ihn, banden ihn an einen Pick-Up-Truck und schleiften den 49-Jährigen durch die Straßen. James Byrd jr. war Gutachten zufolge noch am Leben, als sein Körper dabei gegen einen Durchlass prallte und ihm der Kopf abgetrennt wurde.

Menschen mit Verwandtschaft dort erzählen mir, dass das Grenzgebiet zwischen Texas und Louisiana in Sachen Rassenhass das schlimmste ist. Weiß und Schwarz stehen sich in unterdrückter Feindseligkeit gegenüber. Dass es noch zur Jahrtausendwende zu einem Lynchmord kommen konnte, symbolisiert dabei die Machtverhältnisse. Genau wie die Schändung von Byrds Grab 2004 durch zwei Teenager. Oder die Aussagen im oben verlinkten Stück aus dem Jahr 2018: „Ich weiß nicht, ob ein Drogendeal falsch gelaufen ist oder so. Aber ich kann sagen, das hatte nichts mit der Rasse zu tun“, sagt ein weißer Bewohner, „die Menschen in Jasper wissen das.“

Der Prozess endete mit zwei Todesurteilen, von denen eines 2011 vollstreckt wurde, sowie einmal lebenslanger Haft. Hinweise auf ein anderes Motiv als Hass gab es nicht. Der Sänger Matthew Mayfield thematisierte die Ermordung Byrds in seinem Song „Still Alive“.

Cocktails und Chauvinismus (Trump)

A Four-Star Dumpster Fire’: More on America’s Current Foreign Policy

James Fallows vom Atlantic muss keine Leserkonferenzen veranstalten, sondern hat schon seit Jahren eine Community aus schlauen Lesern aufgebaut, mit denen er öffentlich über seine Stücke und Notizen diskutiert.

In diesem Falle meldet sich u.a. ein Militärangehöriger mit seiner Theorie zu Wort. Er glaubt, dass drei Faktoren die außenpolitischen Entscheidungen der aktuellen US-Regierungen beeinflussen:

(1) Die Annahme, dass amerikanische Macht und Ressourcen unendlich sind (was nicht stimmt).
(2) Die Annahme, dass die USA als außergewöhnliche Nation (vgl. American Exceptionalism) tatsächlich alles fordern und bekommen kann, das sie will. Das alle Gegner alles aufgeben und dankbar dafür sein müssen, dass sie weiter existieren dürfen. (siehe: Chauvinismus)
(3) Die Annahme, dass militärische Macht alles löst und die einzige Art ist, Stärke zu zeigen – also eine Ignoranz gegenüber „Soft Power“.

Er folgert:

„Diese Annahmen sind zu einem gefährlichen Cocktail geworden, weil POTUS [Trump] glaubt, dass kurzfristige Siege langfristiges Scheitern wert sind; dass Außenpolitik einzig ein Bereich des Theaters ist; und dass, womöglich der größte Egoisimus dieser Perspektive, die Welt sich von Natur aus um die Launen der USA dreht, die sich dadurch abschotten kann, aber immer noch den Ton angibt.“

Der Militärangehörige ist am Ende optimistisch, dass sich die Fehler nach der Trump-Ära korrigieren lassen. Aber natürlich stellt sich die Frage, welchen Sinn dann die Erwartung von Spielräumen oder sogar Verhandlungen an sich machen (die Strategie, auf seine Eitelkeit zu setzen, ist ja trotz nur zufallsbasierter Erfolge die derzeit gängige).

Oder, um auf einen gerade viel geteilten Twitter-Thread mit vereinfachend-psychologisierender Note zu verweisen:

Seine Wähler wollten jemanden, der mit einem Schraubenschlüssel das System verkantet. Die Welt hat ihn bekommen.