Sovereign Citizen Movement

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Als Anfang des Jahres hier in New Orleans eine Gruppe der Washitaw-Bewegung Häuser besetzte, wirkte das auf mich eher bizarr als relevant. Rasta-Kultur mit dem Geschmack einer Identitäts-Sekte, dachte ich. Nun, da der Polizistenmörder von Baton Rouge als Mitglied der Washitaw Nation identifiziert wurde, habe ich mich tiefer in das Thema Sovereign Citizen Movement eingearbeitet. Ich befürchte, wir haben es mit einem kleinen aber wachsenden Phänomen mit globaler Verbreitung zu tun, an dessen Rändern die Bereitschaft zur Gewalt zunehmen wird.

Social-Media-Realitäten und Konfigurationen

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John Worth schreibt in seinem – ohnehin immer guten – Blog zur Bedeutung von Social Media:

„What, I wonder, if social media is actually better at something else, namely creating an alternative version of reality? And then attracting so many people to that version of reality that it eventually comes to be accepted as some sort of truth?“

Die Idee ist nicht neu, aber sehr klar formuliert und gilt auch jenseits der Filterbubble: Dinge auf Social Media können größer, relevanter wirken, als sie sind. Und werden dadurch relevant. Die gleiche Mechanik wohnt natürlich den Massenmedien auch inne, wie ein Kommentator anmerkt  (aber auch das ist nicht neu und sogar eher von gestern).

Aus irgendeinem Grund musste ich daran beim Lesen dieses Eintrags im – ohnehin lesenswerten – Blog von Hans Ulrich Gumbrecht daran denken. Seine Frage: Wenn wir nicht mehr Ideologien folgen, was dann? Seine Antwort: Konfigurationen

„Im Gegensatz zu den traditionellen Ideologien haben solche Konfigurationen keinen explizit-elaborierten Selbstbeschreibungsdiskurs, keine Theorie (…). Wir nähern uns ihnen über meist wenig dramatische Momente der Epiphanie. Plötzlich und mit irreversibler Gewissheit glauben wir einzusehen, dass Höchstgehälter nicht Teil einer gerechten Welt sein können, oder dass “wir die Erde nur von unseren Kindern geborgt haben” – und fühlen uns in solchen Meinungen gut aufgehoben, weil wir sie – diffus — als einen Teil, ja als Fundament einer Weltordnung im vermeintlichen Singular erleben.

Gerade weil sie begrifflich so vage bleiben und deshalb “natürlich” wirken (…) erfüllen solche Konfigurationen die Sehnsucht nach einem festen Grund der Existenz – und aus demselben Grund scheinen sie auch keine Alternative oder Außenseite zu haben, was impliziert, dass sie sich selbst nicht als spezifisch erfahren können. Wer es versäumt, seine Existenz und sein Verhalten an solche Ordnungen anzupassen, der erweckt den Eindruck, außerhalb der kosmischen und der menschlichen Natur zu stehen.“

In der Symbiose der beiden Erkenntnisse steckt etwas, das uns die Gegenwart besser erklären könnte. Wobei Gumbrecht natürlich keine Theorie, sondern ein Gedankenspiel vorlegt, das man abklopfen müsste (es gibt kein „plötzlich“, außer als Platzhalter, doch Platzhalter für was?).

Was kommt nach dem Journalismus der Massenmedien?

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Kurz angeknüpft an die Antwort von Roy Greenslade auf ein weiteres Jarvis-Riff zum Ende der Massenmedien.

Ich bin pessimistisch, dass die meisten Verlagshäuser etc. rechtzeitig ein adäquates digitales Geschäftsmodell finden, um den anstehenden Einbruch des Print-Geschäfts zu überbrücken. Jarvis fällt dazu auch nichts ein, außer wie seit Jahren Experimente zu loben.

In Deutschland halte ich a) weitere Fusions-Erleichterungen b) die Anerkennung von Gemeinnützigkeit von Nonprofit-Journalismus für die wahrscheinlich nächsten Schritte. Davor kommt der reduzierte Mehrwertsteuersatz für digitale Presseerzeugnisse, aber der hat mit der Lösung der Strukturfragen nichts zu tun.

Eventuell wird es in ein paar Jahren auf eine Form von Bailout durch Medienabgabe hinauslaufen, aber das ist – auch angesichts der Lügenpresse-Rufe – genauso unsicher wie auf technischer Ebene bessere Bezahlstrukturen durch Blockchain oder Plattform-Abrechnungen, die zumindest kleinere Einheiten von Legacy-Medien retten. Wahrscheinlich ist es einfacher zu prognostizieren, was kommen wird, als was übrig bleibt.

Was ich am Horizont sehe:

  • Kontextabhängige Systeme zur Nachrichtendistribution, wobei Nachrichten sehr viel breiter gefasst werden. Push macht auch keinen Unterschied zwischen “Weltereignis” und anderen Signalen. Ich habe hierzu schon einmal etwas geschrieben und bin skeptisch, dass Content-Produzenten hier an der Wertschöpfung größer teilhaben werden, wenn sie nicht selbst zu Technologie-Akteuren werden.
  • Die Form des Journalismus, die wir heute noch als “Data Journalism” bezeichnen, der aber stärker an Datenerhebung/Wissenschaft (rücken wird. Beispiel: Armut in Deutschland anhand von Statistiken, Umfragen und draußen im Feld, im Dialog.
  • Obige Organisationen können genau wie kleine, nach Themen agierende Einheiten von Stiftungen oder Mäzenen (auch im Sinne von Crowdfunding-Mäzenentum) bezahlt werden. Themen-basierte Akteure sind auch nicht immer auf direkte Monetarisierung angewiesen (vgl. simples Interesse oder Reputationsaufbau, der andere Einnahmequellen erschließt).
  • Mäzenen-/Stiftungs-/Crowd-Finanzierung spielt auch für investigative Journalisten(kollektive) eine Rolle, die sich auf gesellschaftlich relevante Themen konzentrieren (Informationsfreiheits-Anfragen würde ich dazu zählen). In allen genannten mit finanziellem Ausgleich verbundenen Fällen gibt es ethische Fallstricke.
  • Hyperlokale Berichterstattung mit fließenden Grenzen zum Aktivismus, unbezahlt und instabil, um Geo- und Interessensgemeinschaften gebaut.
  • “Lebenswelten”-Communitys, aus kleinen Einheiten erstellt und durch Native Advertising bezahlt oder direkt von Marken unterhalten (vgl. Red Bull)
  • Weiterhin (hoffentlich) ein öffentlich-rechtliches Mediensystem für die Grundversorgung, aber (hoffentlich) strukturell stärker von politischer Nähe entkoppelt.

Die Prognose ist nicht gerade optimistisch, aber ich lasse Platz für positive Überraschungen, neue Berufsbilder oder gefundene Querfinanzierungen. Das Endspiel ist ohnehin nicht die Rettung der Verlage, sondern eine informierte Gesellschaft, und dafür braucht es eher Struktur- als Format-Arbeit. Auch wenn ich mir natürlich wünschen würde, dass mit gutem Journalismus perspektivisch Geld zu verdienen ist.