Meine Podcast-Favoriten (Teil 1)
Im Internet geht es ja ums Teilen (that’s what they say, at least), deshalb wollte ich an dieser Stelle quasi ein Podcast-Rodeo starten. Ich stelle einfach die Podcasts vor, die ich so anhöre, und freue mich in Kommentaren, bei Google Plus oder via Twitter über Anregungen für neue Episoden. Weil es relativ viele sind, stelle ich heute die öffentlich-rechtlichen Sendungen vor, die ich nachhöre.
Zuvor aber ein Bekenntnis: Podcasts mögen inzwischen ein etwas verstaubtes Image haben, aber ich könnte ohne sie nicht mehr leben. Ob auf dem Weg zur Arbeit, beim Sport, auf Reisen oder daheim beim Putzen – sie begleiten mich überallhin. Allerdings muss ich gleich voranstellen, dass ich ein ziemlicher Mainstream-Hörer bin. Aber nun zur Liste.
Deutschlandfunk/Deutschlandradio
Deutschlandfunk Kommentar (RSS hier)
Wenn Deutschlandfunk-Autoren täglich um 19:08 Uhr das Weltgeschehen kommentieren, bin ich meist überall, nur nicht am Radio. Deshalb bekomme ich viele der klugen, ausgewogenen und nachdenklichen Beiträge erst einige Tage später mit (und damit oft auch im Kontext, wenn unterschiedliche Autoren innerhalb weniger Tage verschiedene Meinungen zu etwas äußern). Besonders lobenswert: Die Sprecher verstecken sich nicht sondern verwenden seit einiger Zeit die erste Person Singular.
Fazit – Kulturpresseschau (RSS hier)
Bis ich einmal alt bin und Zeit genug habe, alle Feuilletons dieser Sprache jeden Tag durchzulesen, wird es diese wohl nicht mehr geben. Deshalb genieße ich jetzt die Kulturpresseschau, die aussucht, bewertet und sprachfertig die Debatten und Stücke des Tages vorstellt. Die reguläre oder Wirtschaftspresseschau habe ich zwar im Reader, höre aber nur selten rein, da mir schlichte Zitatformat zu trocken ist.
Politisches Feuilleton (RSS hier)
Das Politische Feuilleton deckt so ein bisschen die konservativen Ansichten im Deutschlandradio ab. Manchmal ist das ziemlich platt, manchmal aber auch schlau und gegen den Strich gedacht. In letzter Zeit leider zunehmend motzender.
Europa heute (RSS hier)
Was den Deutschlandfunk stark macht, sind seine Nischenprogramme. Nun sollte Europa eigentlich keine Nische sein, aber jenseits der großen Krise finden vor allem kleinere Länder kaum statt. Eine klassische Morgensendung für mich (auch als Podcast), mit hörenswerten Drei- bis Fünfminütern. Dafür zahle ich gerne Radiogebühren.
Kultur heute (RSS hier)
Ich gebe es zu – “Kultur heute” finde ich am Stück gehört stinklangweilig. Mag an der Sendung liegen oder an mir, der sich wirklich nicht für alle kleinen Aspekte und Formen des Kulturbetriebs interessiert. Deshalb picke ich mir die entsprechenden Gespräche oder Stücke heraus, vor allem zu aktuellen Stücken an größeren Theatern und Opern sowie Ausstellungen und Debatten.
Deutschlandfunk Hintergrund (RSS hier)
Bei aktuellen Themen meist eine Art Zusammenschnitt der vorliegenden Berichte, die mit etwas Kontext versehen werden. Richtig gut dagegen bei zeitloseren und grundsätzlicheren Fragen (und zur Auffrischung vor Wahlen in Ländern, deren politische Situation ich aktuell nicht auf dem Schirm habe).
Essay und Diskurs (RSS hier)
Es erfordert Konzentration, der Aufbereitung komplexer soziokultureller Sachverhalte zuzuhören. Häufig, wenn auch nicht immer, lohnt es sich (nicht zuletzt dank des Sprecherduos).
Weitere Sender
Bayern 2: Bayernkommentar (RSS hier)
Nun, in diesem Bundesland bin ich geboren, weshalb ich den Bayernkommentar sogar schon zu meiner Hamburger/Berliner Zeit gehört habe. Damals kam das mir wie eine seltsame, fremde Welt vor. Wie heute eigentlich, nur lebe ich nun wieder hier.
Bayern 2: Breitengrad (RSS hier)
Mittellange Auslandsreportagen, die sich perfekt für längere Reisen eignen (wie auch die Deutschlandfunk Reportage).
HR 2 Doppelkopf
Für mich die beste Interview-Sendung, allerdings vor allem, wenn mir die Gäste vorher überhaupt nichts sagen und ich mich beim Zuhören konzentrieren kann. “Fragen an den Autor” von S 2 schlummert auch in meinem Reader, ist aber im Vergleich zu der eher persönlichen Doppelkopf-Herangehensweise eine recht fade Angelegenheit.
WDR Zeitzeichen (RSS hier)
Kalenderblätter sind ein beliebtes Radio-Format, dieses hier ist das beste seiner Art. Punkt.
WDR Presseclub (RSS hier)
Wie das als Bürger und Journalist so ist, höre ich mir den Presseclub-Podcasts manchmal mit Interesse, manchmal mit Fremdscham an. Ich meine mich zu erinnern, dass die ganze Sache noch süffiger war, als sie “Internationaler Frühschoppen” hieß, es auch ums Ausland ging, und vor allem noch geraucht wurde.
Das philosophische Radio (RSS hier)
Kollege Brinkmann hat mir diese Sendung empfohlen. Ich bin aber noch nicht so richtig reingekommen. Womöglich, weil ich ein Unterwegs-Hörer bin.
Welche Podcasts aus dem öffentlich-rechtlichen Bereich in Deutschland könnt Ihr empfehlen? Ich freue mich auf Kommentare. In Teil 2 wird es um englischsprachige und Indie-Podcats gehen.
Digitale Selbstverständlichkeiten
Es gibt Menschen, die mit dem Siegeszug des Internets eine Veränderung der Rolle von Autoritäten, neue Strukturen und Hierarchien heraufbeschworen haben. Sie hatten unrecht, zumindest machen mich das zwei Ereignisse der vergangenen Tage glauben.
Da ist zum einen Steffen Seibert, der unter @RegSprecher twittert. Der wurde bei der Re:publica abgefeiert. Dafür, dass er ein charmanter Typ ist. Und twittert. Das genügt. (und sagt jetzt nicht, Ihr hättet wegen des Mitmach-Projekts des Verkehrsministeriums gejubelt…).
Dann wäre da Frank Schirrmacher. Der lässt nach einem Hinweis via Twitter einen Online-Artikel ändern. Und wird dafür ebenfalls gefeiert.
Nun seien die Verdienste der beiden Herren, ob auf Twitter oder anderswo, diesen unbenommen – ich bin froh, wenn führende Medienköpfe auch in Deutschland die Dialogmöglichkeiten des Internets entdecken. Doch worüber reden wir hier eigentlich? Wenn ich als Sprecher der Bundesregierung im Jahr 2012 nicht auf Twitter bin, bin ich im falschen Job. Und als Online-Weisungsbefugter (und das scheint Schirrmacher offenbar zu sein) muss ich mich natürlich mit Hinweisen und Feedback auseinandersetzen.
Offenbar scheint der Wunsch nach einer Beteiligung der analog verwurzelten Eliten an der digitalen Welt so groß zu sein, dass diesen Selbstverständlichkeiten genügen, um für Begeisterung zu sorgen und selbst die banalsten Akte wie Pionierarbeit wirken zu lassen. Ich kann mich nicht erinnern, dass beispielsweise ein Sprecher der britischen Regierung oder Guardian-Chef Alan Rusbridger für ähnliche Aktionen derart abgefeiert worden wären. Karl-Theodor zu Guttenberg dürfte sich jetzt noch ärgern, dass er während seines Aufstiegs neben seiner medialen Charmeoffensive nicht noch Zeit fand, einen Twitter-Account anzulegen und zu bestücken. Er hätte bei einem Teil seiner späteren Kritiker mit Sicherheit alleine schon deshalb einige Steine im Brett gehabt.
Hate Radio
Im zweiten Stock dieses unauffälligen Gebäudes im Herzen der ruandischen Hauptstadt Kigali hatte 1993/94 der Radiosender “Radio Télévision Libre des Mille Collines” (RTLM) seinen Sitz. Von hier wurde der Genozid der Hutu an den Tutsi vorangetrieben, eingestreut zwischen Popsongs aus aller Welt und bekiffte Witze. Durch Hasspredigten, aber auch durch gezielte Hinweise auf Verstecke von Tutsi-Angehörigen, stachelten die Moderatoren die Milizen im ganzen Land an, Menschen zu vergewaltigen, zu foltern, zu zerstückeln. Männer, Frauen, Kinder, Tutsis und verdächtige Hutus, Junge und Alte. Insgesamt starben innerhalb von wenigen Monaten zwischen 800.000 und einer Million Menschen, geschätzte 200.000 Menschen wurden zu ihren Mördern.
Ich möchte nicht viel darüber schreiben, was das Bühnen-Re-Enactment “Hate Radio” , das ich diese Woche sehen durfte (hierzu ein TTT-Bericht und ein Kulturzeit-Transkript) in mir ausgelöst hat. Wer zwischen dem 16. und 18. Mai in Berlin ist, kann sich das Stück beim Theatertreffen selber ansehen. Ich möchte nur, dass wir, die nicht vergessen müssen um weiterzuleben, nicht vergessen. Und dass wir nicht wegsehen, in Syrien, Sudan, dem Kongo oder wo auch immer Konflikte unterhalb des Radars einer größeren Weltöffentlichkeit stattfinden.
Linkbündel: Türkei, China und die Karibik, Murdoch-Empire, Ruiniert
Türkische Ambitionen
Im Moment wird viel über das außenpolitische Auftreten der Türkei debattiert, im Spiegel stand ein Essay und auch der Economist hat darüber etwas geschrieben. Nun ist der Wille, eine größere außenpolitische Rolle einzunehmen, dort schon länger zu erkennen; spätestens seit dem Ende der guten Beziehungen zu Israel auch eine gewisse Rücksichtslosigkeit Robustheit. Allerdings sollte man sich davor hüten, “Neo-Ottomanen” am Werk zu sehen – vielmehr ist die türkische Außenpolitik immer noch Trial & Error. Übrigens zeigen sich Ankaras Ambitionen nicht nur politisch. So ist die erste Fluglinie, die seit kurzem wieder eine regelmäßige Verbindung nach Mogadischu anbietet, Turkish Airlines.
China und die Karibik
Unumstrittener Großinvestor weltweit ist China, und das wird sich womöglich auf Jahrzehnte nicht ändern. Die New York Times berichtet nun darüber, dass Peking inzwischen auch in der Karibik massiv in die Infrastruktur investiert – im vermeintlichen Hinterhof der USA. Es dürfte dem US-Außenministerium beinahe körperliche Schmerzen bereiten, so zügig das Ende des Weltmacht-Monopols vor Augen geführt zu bekommen.
Das Murdoch-Empire
Business Daily, diese wahnsinnig gute Wirtschaftssendung der BBC, hat sich neulich mit dem Murdoch-Empire beschäftigt. Im Nebensatz war dort etwas zu hören, dessen Konsequenz mir bis dahin nicht klar war: James Murdoch, der jetzt wohl kaum noch Chancen auf News Corp hat, war überhaupt nicht an den Zeitungen des Konzerns interessiert. Nun stellt sich die Frage: Wenn selbst der Murdoch-Sohn sich nicht um den einstigen geistig-moralischen Kern des Imperiums schert, wer dann? Damit dürfte abzusehen sein: Wenn Rupert Murdoch abdanken oder sterben sollte, wird News Corp die Print-Produkte abstoßen. Und damit würde im Westen wirklich die Zeit der großen Zeitungsmogule zu Ende gehen. Für immer.
Ruiniert
“Ruiniert”, Lynn Nottages Drama über Frauen im Bürgerkrieg, ist nun erstmals auf einer deutschen Bühne aufgeführt worden, in Konstanz, um genau zu sein. Allerdings offenbar so schlecht (und zu Kalauersätzen wie “Regisseur ruiniert Ruiniert” einladend), dass ein Besuch am Bodensee noch weniger lohnt als ohnehin schon. Sollten deutsche Theatermacher hier mitlesen: Bitte unbedingt in den Spielplan aufnehmen und richtig machen.
NewNew Journalism: John Jeremiah Sullivan
Ich gebe zu: Bis gestern Nachmittag hat mir der Name John Jeremiah Sullivan nichts gesagt. Ich hatte mal etwas von einem Autor gehört, der über den Beinahe-Tod seines Bruders durch einen Mikrofon-Stromschlag schrieb, auch war sein Disneyland-Stück aus dem NYTimesMag vergangenes Jahr auf meiner Leseliste (und versauerte dort).
Gestern nun habe ich erstmals einen Text von ihm gelesen – auf Empfehlung von Byliner. Nachdem ich “The Final Comeback of Axl Rose” aus dem Jahr 2006 verschlungen hatte, kaufte ich mir gleich seine Essaysammlung Pulphead, die offenbar Ende vergangenen Jahres überall in den Himmel gelobt wurde. Die Begeisterung hält an.
Ich kann John Jeremiah Sullivans Stücke jedem, der sich für ungewöhnliche Autoren, gute Texte und die Zukunft des Journalismus interessiert, ans Herz legen. Er schreibt nicht nur geistreich, witzig, und selbstironisch, sondern verkörpert für mich eine Form von “NewNewJournalism”. Seine Stücke sind persönlich, mit eigenen Erfahrungen und Gedanken, Reflexionen über seine Recherchen und seine Rolle, die er in Gesprächen mit seinen Gegenübern einnimmt. Er setzt sich über die Grundsätze hinweg, die zumindest in Deutschland gelten (einige Stücke, z.B. im Reiseteil der Zeit ausgenommen): Der Autor als überpersonaler Erzähler, der sich zurücknimmt. Die Rolle des Beobachters, des Analytikers, wird mit der eigenen Persönlichkeit, den eigenen Erfahrungen verknüpft. Das, was die Kulturtechnik des Bloggens wieder in den Vordergrund geholt hat, wird mit der klassischen Reportage verschmolzen und lässt eine Schreibform entstehen, die stilbildend sein könnte.
Stilbildend? Womöglich ist das zu viel gesagt, denn nicht jeder schreibt brillant wie Mr. Sullivan – und nicht überall würde das, was er macht, funktionieren (beware of clones!). Ich glaube aber, dass wir auch in Deutschland die Reportage endlich mit all den Ebenen denken müssen, die Sullivan einbezieht. Ohne Angst vor der Verwendung des “Ich“ statt des blödsinnigen “man“. Wie befreiend das sein kann, habe ich bei Bloggertramp erlebt. In einem Zeitalter, in dem Autoren aus dem Schatten der Marke und das Netz die Form befreit, haben wir keinen Grund mehr, uns zu verstecken.
Linkbündel: Grass, Haiti, Nodding Disease, wahre Helden
- Foto: Jeff Savi, Flickr (CC BY-NC-ND 2.0)
Grass
Es ist viel geschrieben worden über Günter Grass und sein Gedicht, das ziemlich holpert und eigentlich auch keines ist. Die scharfsinnigste Analyse stammt wahrscheinlich aus der FAZ, die aber von jeher ihr Hühnchen mit Grass zu rupfen hat, die gerechteste der israelische Historiker und Journalist Tom Segev. Am Ende wird aus dieser Debatte nichts entstehen, es geht um die Rechtfertigung von Biographien oder sogar Glaubensfragen (denn der Atomkonflikt ist ja im Wortsinn auch eine Glaubensfrage). Mit der Lyrik hat Grass ja sowieso eine Form gewählt, die Diskussionen in der Regel ausschließen soll.
Die Tragödie von Haiti
Deborah Sontag von der NYT hat die ganze Geschichte der Cholera-Epedemie in Haiti noch einmal aufgeschrieben, die durch den Stuhlgang nepalesischer UN-Blauhelmsoldaten ausgelöst wurde. Die dreiste Art und Weise, wie sich die Vereinten Nationen (als Organisation) darum drücken, die Verantwortung zu übernehmen, würde wohl von einem stärkeren Land kaum geduldet werden. 500.000 Einwohner sind in den vergangenen Monaten an der Cholera erkrankt, 17.000 gestorben.
Nodding Disease
Es ist herzzereißend, von was die BBC berichtet: Uganda zählt inzwischen bereits 3000 Fälle der “Nodding Disease”, einer Krankheit, die Kinder und Jugendliche befällt. Erst beginnen sie grundlos immer wieder zu nicken, dann bekommen sie starke epileptische Anfälle. Weil der Körper auch das Hirnwachstum einstellt, erleiden sie irreperable geistige Schäden. Sie sterben, weil sie in Unfälle verwickelt werden oder einfach in den Wald gehen und nie mehr zurückfinden. Was die Krankheit auslöst ist genauso unbekannt, wie was sie heilen könnte.
Der wahre Held
What there’s a shortage of is people like Bradley Manning: people who are willing to risk their freedom to dump closely held documents. There’s never been a shortage of whistles; there’s always been a shortage of people willing to blow them. WikiLeaks was a new kind of whistle, but I think looking back the historic figure to emerge from all that will be the guy sitting deep inside a federal prison: Bradley Manning.
Das sagt David Carr, den ich sehr schätze, in einem Interview mit The Verge. Und er hat natürlich recht: Wikileaks wäre ohne Bradley Manning immer noch auf dem Stand von 2009 und das ganze Konzept Whistleblowing würde ohne couragierte Idealisten kaum funktionieren (auch wenn Rache oder Isolation innerhalb einer Organisation natürlich auch immer beliebte Motive oder Teilmotive sind). Wir vergessen das allzu oft, wenn wir darüber sprechen, wie sich die Medien verändern und was Whistleblowing im 21. Jahrhundert sein könnte.
Linkbündel: Ende des Ölzeitalters, Piraten, LoudSauce
Ende des Ölzeitalters
Endlich wieder wichtige Debatten. Zum Beispiel über den Benzinpreis. Was sich hinter der Diskussion um die Gewinnmargen der Treibstoffkonzerne und die Pendlerpauschale versteckt, kommt mir eher wie der Versuch vor, Beyond Peak Oil zu ignorieren. Womöglich wird es im Rückblick einmal ganz einfach zu bewerten sein: 2012 war das Jahr, in dem Europa erstmals merkte, wie sich das Zeitalter der fossilen Brennstoffe dem Ende zuneigte.
Piraten
Jens Best hat, versteckt im Kommentarthread bei Ole Reißmann, einen ausführlichen Rant zu den Piraten hinterlassen, der neben den bekannten Überspitzungen auch einige Wahrheiten enthält. Eigentlich kommen solche Abrechnungen zu früh, denn die Piraten sind bislang vor allem ein Hack ins gängige politische System, bei dem sich nichts jenseits von Wahlerfolgen und Rezeption bewerten ließe. Ich behaupte mal, im Moment besteht die Anziehungskraft der Piraten vor allem aus drei Dingen: 1) Projektionsfläche für politische Veränderung 2) Versprechen neuer Politikprozesse (nicht unbedingt einer neuen Politik) 3) Dialog der Partei mit den Wählern. Man muss zur Kenntnis nehmen, dass all dies den etablierten Parteien offensichtlich nicht gelingt. Umgekehrt habe ich keine Lust auf ein Diskursklima, in dem die richtige Antwort auf “Wie stehst Du zu den Piraten?“ erst einmal Zulassungsberechtigung zu einer Debatte über die Partei ist. Mir persönlich steht auf der Theorieebene die Occupy-Bewegung mit ihrer Utopie einer besseren Welt deutlich näher – und selbst die kann man ja durchaus auch als 90er-Retro-Utopiebewegung bezeichnen.
LoudSauce
LoudSauce ist ein Startup, das sich für die Knight Newschallenge bewirbt und es Bürgern ermöglichen möchte, per Crowdsourcing Geld für die Platzierung von Werbespots zu sammeln. Die Idee dahinter finde ich ziemlich spannend: Wenn wir bislang von Bürgerbeteiligung sprechen, meinten wir meist die direkte Partizipation. Eine Art dezentraler Cause-by-Cause-Aktivismus ist aber eine ziemlich gute Idee (und auch etwas anderes als Kickstarter) in einer Welt, in der Kampagnen nicht mehr unbedingt einen Mittelmann brauchen. Allerdings verstehe ich nicht, weshalb sich LoudSauce offensichtlich auf Videokampagnen beschränkt.
Linkbündel: Schlecker, Entführungsbusiness, Small Data
Anmerkung: Da ich hier kaum Zeit für längere Texte finde und sich das absehbar nicht ändern wird, möchte ich das Blog wieder mehr für Fundstücke, Gedankensplitter und Splittergedanken nutzen. Da sich das meiste auf Dinge aus dem Netz beziehen wird, nenne ich das Format einfach mal Linkbündel.
Schlecker und die großen Fragen
Ich habe das via Twitter heute mit Frank Lübberding (einem, und das ist absolut als Kompliment gemeint, legitimen Erben der Frankfurter Schule in der Jetztzeit) und Egghat kurz andiskutiert, die beiden debattieren auch fleißig (auf deutlich höherem Fachniveau als ich) weiter: Die Frage, was der Fall über die gegenwärtigen sozialen Rahmenbedingungen aussagt. Ein kurzer Gedanke dazu: Ketten wie Schlecker fungierten für den Staat lange Zeit als Netz, weil sie schlechtqualifizierte Arbeitskräfte beschäftigten. Die Entlassungen sind insofern eine Tragödie, als es inzwischen für Anbieter solcher Arbeitsverhältnisse im Niedriglohnsektor auch andere Alternativen gibt – Leiharbeit, Minijobs, etc. – mit denen sie hantieren können. Für den Staat ist das weiter ein Netz – im Idealfall ist ein Großteil der Angestellten mittelfristig wieder in “Lohn und Brot”. Für die Betroffenen hingegen ist die Situation eine völlig andere, was Sicherheit und nicht zuletzt Bezahlung angeht.
Entführungsbusiness in Somalia
Interessanter Fall in Somalia, über den Marginal Revolution berichtet: Die islamistische Al-Shabaab entführt eine Britin. Da die britische Regierung zwar Lösegeld zahlen darf, aber nicht an terroristische Vereinigungen, verkaufen sie die Frau für 300.000 Dollar weiter an Piraten, weil diese empfangsberechtigt sind und ein höheres Lösegeld aushandeln können. Es funktioniert, sie erhalten 1,3 Millionen Dollar.
Datenjournalismus: Think Small
Der Guardian hat die Bezahlung in Privatwirtschaft und öffentlichem Dienst verglichen und visuell aufbereitet. Ich finde solche Beispiele wichtig, weil ich eigentlich eher Fan von solch kleinen Formaten als von den Big-Data-Projekten bin. Mittelfristig werden solche Auswertungen im Tagesbetrieb den Online-Journalismus viel stärker prägen – was auch personelle Zusammensetzung und Themen-Workflows in den Redaktionen ändern wird.
Lesen III: Wilhelm Weischedel – Die philosophische Hintertreppe
Okay, ein Großteil der drei Leser dieses Blogs wird dieses Buch schon kennen. Ich will es dennoch im Zuge meiner kleinen Leseliste erwähnt haben. Natürlich kann man streiten, ob Leben und Werk der Philosophen so eng zusammenhängen, wie Weischedel das behauptet. Auf der anderen Seite findet sich in seinem Buch nicht nur Philosophie, sondern Lebensweisheit, aus der heraus Weischedel in skurrilen Anekdoten und Manieren die Denker und ihr Werk beschreibt. Alleine das Kant-Kapitel gehört für mich zu den witzigsten und großartigsten Sachbuch-Passagen, die ich jemals lesen durfte. Ich wünschte, es würde in der Gegenwart einen Weischedel geben, nur ist mir keiner mit einem ähnlichen Verstand und Humor bekannt (und jetzt kommt mir bitte nicht mit Safranski!).
Lesen II: E.H. Gombrich – The Story Of Art
Ernst Gombrich gilt in Großbritannien als eine Art Kunst- und Geschichtsonkel, der Kinder und Jugendliche erzählerisch an komplexe Themen heranführt. Das ist erst einmal nichts Schlechtes, widr ihm aber nicht gerecht – denn Werke wie “The Story Of Art” richten sich an interessierte Erwachsene, die keine Kunst-Freaks sind. Mir persönlich hat dieses Buch die Lust an Kunst zurückgegeben – oder zumindest die Lust, sich jenseits des Museumsbesuches damit zu beschäftigen. Das Buch stammt eigentlich aus dem Fünfzigern, wurde aber bis zu Gombrichs Tod im Jahr 2001 ständig neu aufgelegt und ergänzt. Im Bereich des 20. Jahrhunderts werden Linien nur grob beschrieben – aber dafür wird nach der Lektüre klar, was die Fundamente sind, was noch wirkt, was verblasst ist. Nicht zuletzt die Liebe für Kunst, Künstler und Details “The Story of Art” zu einer Liebeserklärung an die Menschheit.









