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Menschen, die auffallen. Wie auch immer…

Globus Typen

Obama, der machtvolle Präsident?

Der Spin um Obamas Führungsstrategie.

Obama Büste
Ein neues Narrativ für den Präsidenten (Foto: cvbtruong, CC BY-NC 2.0)

Die New York Times hatte in den vergangenen Tagen zwei größere White-House-Scoops: Da wäre das Stück über Obama und die “Secret Kill List”, deren Neuzugänge er persönlich absegnet. Und da wäre die Vorab aus Chefkorrespondent David Sangers Buch, aus der hervorgeht, das Obama selbst nicht nur über den Stuxnet-Einsatz informiert war, sondern auch jeden einzelnen Schritt persönlich überwacht hat.

Ich bezweifle kaum, dass die Geschichten wahr sind. Allerdings sollten wir bei der Rezeption Timing und vor allem Narrativ im Auge behalten. Das Bild, das gezeichnet wird, zeigt Obama als “Commander in Chief”, der alles im Griff hat, selbst jeden Schritt genau überwacht und nichts dem Zufall überlässt. Das mag im Bezug auf die Kill-List für die liberale Wählerschaft (die im November eh keine Alternative hat) problematisch sein, in der breiten Bevölkerung vermittelt es eine Eigenschaft des Präsidenten, die für seine Wiederwahl im Herbst entscheidend sein könnte: Entschlossenheit und Führungskraft.

Ich bin mir sicher, dass man im Weißen Haus ob dieser Veröffentlichungen nicht unglücklich ist, sondern sie, im Gegenteil, begrüßt und wahrscheinlich den Autoren selbst die Zugänge geöffnet hat. Das ist erst einmal nicht ungewöhnlich oder verachtenswert; nur sollten wir diesen Metatext (über den ich selber leider nur mutmaßen kann) im Hinterkopf behalten, wenn wir uns über die neuen Erkenntnisse zu Arbeit, Strategie und Charakter des US-Präsidenten Gedanken machen.

Horizont Typen

About Jack

Jack Dorsey
(via cibervoluntarios, Flickr, CC BY-NC-SA 2.0)

Im Geiste des Prozessjournalismus ein paar Ergänzungen zu dem Gespräch mit Jack Dorsey, das ich am Sonntag geführt habe. Der Artikel steht online, ist aber eigentlich aus der Zeitung, weshalb der Zeilenumfang begrenzt ist. Leider hatte ich zu viel zu tun, ihn für online zu ergänzen und umzuarbeiten, deshalb das hier auf dem informellen Weg.

Zu den Fragen der freundlichen Twitter-Helfer (vielen Dank!!):

@thetrip (Künftig Werbung für jedermann): Ja, wird gerade ausgerollt und wird wohl ähnlich wie Adwords nur ohne Bieterverfahren laufen. Eigentlich logisch, denn nur so skaliert das bei einem Echtzeit-Dienst. Mehr unter dem Stichwort “Self-serve Ads“.

@Sophist (deutsche Startups): Für die Frage hatte ich leider keine Zeit mehr, pardon. Das Interview war mit 22 Minuten (so stehts auf dem Aufnahmegerät) noch kürzer als ohnehin gedacht. Aber über die Verknappungs-Taktiken von PR-Menschen müsste ich mal einen eigenen Blogeintrag schreiben.

@muellero (wohin geht die Reise? Signal vs. Noise): Über die Strategie steht einiges im Text. Ergänzend würde ich sagen, dass Twitter mehr an einer einheitlichen Bedienung arbeiten möchte, weshalb ja auch Tweetdeck gekauft und ohne Air nochmal neu gebaut wurde. Eigentlich irritierend, dass man immer noch in der Nutzergewinnungs-Phase ist, aber bei einer Aktivität von 25 Prozent geht das natürlich nur über Wachstum. JD betont, dass natürlich weiterhin Software auf Twitter drauf bzw. die API gebaut werden kann, aber man will schon die Webseite zum zentralen Anlaufpunkt machen. Nimmt man jetzt noch Summify dazu und eine Verbesserung des Relevanz-Algorithmus, an der man ständig arbeitet, sieht man, wo die Reise hingeht.

Vielleicht noch ein paar kleine Punkte: Generell merkt man, dass Dorsey sehr viel Wert auf einheitliches Design und UI legt. Ich denke, man hat sich mit ihm auch dafür entschieden, den Weg der integrierten und wenig aufdringlichen Werbung weiter zu gehen bzw. über Umwege Aufmerksamkeit zu erzielen (die Geotags an Tweets haben da ja theoretisch potential, aber wie lange reden wir schon über ortsbasierte Werbung…). Ich habe von dem, was Dick Costolo so über Experimente mit Videowerbung etc. erzählt den Eindruck, dass DC sein Gegenpart ist und man sich irgendwo in der Mitte einigt, wobei sich das schnell ändern kann, wenn man sich die Unstimmigkeiten der Vergangenheit ansieht. Aber ob das “wir wachsen und werden wichtiger” wirklich funktioniert, wenn das Anzeigenumsatz-Wachstum nicht mitzieht, ist eine andere Frage. Hier würde ich auf 2013 gucken, denn in diesem Jahr werden aufgrund der Wahl wahrscheinlich ziemlich gute Umsätze erzielt, einfach mal verfolgen, wie oft jetzt schon die republikanischen Kandidaten Werbung schalten.

Ein anderer Punkt ist China: Hier spricht man wohl mit den Behörden dort, sieht aber im Moment die Regierung am Zug, die Blockade aufzuheben. Ein U-Turn ist nicht zu erwarten, wobei die Weibos natürlich zeigen, wie stark der Bedarf nach Microblogging dort ist – nur der Preis der Zensur-Regulierung wäre für Twitter zu hoch.

Über Square haben wir nur ganz kurz geredet. JD meint, dass NFC keine Konkurrenz ist, was ich definitiv anders sehe. Ich kann mir nicht vorstellen, dass er in 12 Monaten noch Twitter-Produktverantwortlicher und Square-CEO zugleich ist, wobei ich da natürlich die anstehenden Benchmarks nicht kenne. In jedem Fall rechnet er damit, dass sein Traum, Bürgermeister von NYC zu werden, frühestens in 30 Jahren in Erfüllung geht. “Wenn mich die New Yorker dann noch wollen”.

Ein lesenswertes Porträt gibt es übrigens bei Vanity Fair. Da merkt man erst, wie schmerzhaft solche Kurztermine sind.

PS: Ich habe ihn natürlich gebeten, Tweetdeck wieder heile zu machen. Und ich gebs zu, das Angebot der PR-Dame, meine Verbesserungsvorschläge zu mailen, damit sie es ans Tweetdeck-Team weitergibt, habe ich angenommen.

Globus Horizont Typen

Russlands Schicksal und die Putin-Dynastie

Gedanken zu Russland.

Putin auf der Mauer
Und ewig lächelt der Präsident (Foto: Flickr, CC BY-NC 2.0)

Wladimir Putin wirkt wie ein Relikt aus alter Zeit, und doch gehört er wohl zu den psychologisch spannendsten politischen Persönlichen der Gegenwart. In einem Zeitalter, dessen politisches Personal vom entzauberten Charismatiker (Obama) über die technokratischen Politikverwalter (Merkel als nur ein Beispiel von vielen) bis zum lächerlichen Clown (Berlusconi) reicht, verkörpert er etwas Undurchschaubares, das auch seine zweite Amtszeit so unberechenbar machen könnte: Weder die Russen, noch das Ausland weiß, welchen Putin es bekommen wird. Einen Falken? Einen Gemäßigten, der die Vorteile echter freiheitlicher Legitimation erkennt? Einen noch extremeren Putin, der sein Land weiter zum Kommandostaat umbaut?

Die banale Antwort dürfte wahrscheinlich sein, dass es Putin vor allem um die Absicherung seiner eigenen und der Macht seiner Zirkel geht. Die Wahrheit ist aber auch: Das System Putin wird sich ähnlich wie das System Berlusconi überleben. 12 Jahre könnte er bei einer doppelten Wiederwahl regieren, dann wäre er 74. Man versetze sich mal in die Haut eines russischen Demokraten und in die Vorstellung, bis 2024 mit Putin leben zu müssen. Das wird nicht geschehen, denn im geschlossenen Kreml-System wird sich früher oder später die Generation der Funktionäre in Position bringen, die einen Teil ihres politischen Lebens noch an der Macht verbringen möchte.

Wird in den kommenden 12 ½ Jahren eine Demokratiebewegung entstehen, die das Land dann in der Umbruchsphase auf den richtigen Weg bringen kann? Die den Willen zur Freiheit hat, den Russland irgendwann in den Neunzigern verlor und dessen Rest den wenigen Aktivisten in der ersten Putin-Ära ausgeprügelt wurde? Im Moment sehe ich nur eine alternde, stagnierende Gesellschaft, die genug mit sich selbst zu tun hat und am Ende des Rohstoffbooms harten Zeiten entgegensieht. Ist das die Saat einer Freiheitsbewegung? Oder vielleicht doch nur das Fundament eines immer autoritärer agierenden Staatswesen, das weit weg von dem ist, was wir in den Neunzigern kurze Zeit für Russland zu hoffen wagten?

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Kehrt die Türkei dem Westen den Rücken?

Ankara findet eine mächtige Sonderrolle.

Erdogan Rede
Blickst Du nach Westen oder Osten? (Foto: unaoc, Flickr, CC BY-NC-ND 2.0)

Als ich auf meiner Bloggertramp-Reise vor einem Jahr mit einem türkischen Fernfahrer unterwegs war, erklärte der mir zu den EU-Ambitionen der Türkei: „Das ist nur Taktik von Erdogan, um bei uns seine Gesetze durchzubringen. In Wirklichkeit will die Türkei gar nicht in die EU.“

Damals kam mir das plausibel, aber auch gewagt vor: Die Türken, mit denen ich davor darüber gesprochen hatte, waren meist von der EU-Mitgliedschaft überzeugt. Heute, da Ankara gerade das Einfrieren aller Beziehungen zur EU androht, falls Zypern die Ratspräsidentschaft übernehmen sollte, da sich Premierminister Erdogan über den Bruch mit Israel ganz klar in Richtung arabischer Welt wendet, scheint die These ihre Bestätigung zu finden (auch, wenn ich sie noch nicht ganz glauben möchte).

Über die Ostwende der Türkei wurde ja bereits länger schon geschrieben, die Revolutionen im arabischen Raum dürften den Prozess beschleunigt haben: Die Türkei kann dort nicht nur pragmatisch wirtschaftliche Interessen verfolgen, sondern sich auch als demokratisches Vorbild präsentieren. Wer die klaren Worte Erdogans in Richtung Syrien gehört hat oder sein Bekenntnis zu säkularen Demokratieformen verfolgt hat, kann ungefähr ermessen, wie eindrucksvoll die türkische Vorreiterrolle in der Region einmal erscheinen könnte. Auch die Entscheidung des Instinktpolitikers Erdogan, das Verhältnis mit Israel dem panislamischen Populismus zu opfern, passt in dieses taktische Schema; sie ist aber gleichzeitig auch ein innenpolitisches Signal, basierte doch das gute Verhältnis der beiden Länder vor allem auf die Beziehungen auf militärischer Ebene – ebenjenes Militär, dessen Einfluss Erdogan jüngst endgültig in die Schranken weisen konnte

Aus Sicht der AKP mag die Umorientierung der Türkei ein brillanter Schachzug gewesen sein. Das Land könnte eine entscheidende Rolle in der Entwicklung der Region spielen. Die EU, will sie ihren strategischen Einflussbereich einmal erweitern, könnte im Idealfall (aus Ankaras Sicht) in einigen Jahren die Türkei sogar hofieren, um sie zum Beitritt zur Union bewegen.

Allerdings birgt der populistische Kurs auch ein erhebliches Risiko einer strategischen Überdehnung. Wie will man in die Rolle des Maklers zwischen Palästinensern und Israel zurückkehren, wenn die Hoffnungen auf eine Vermittlung einmal auf Ankara ruhen? Wird das Land wirklich auf Stabilität und Demokratie pochen, wenn Ägypten und Libyen sich zu autoritären Staaten entwickeln oder – im Falle Libyens – sogar zerfallen sollten? Was, wenn der harte Kurs die Türkei im Westen mittelfristig isoliert und darunter Einfluss und Wirtschaftsbeziehungen leiden? Der gesteigerte Nationalstolz wird auch zu Härte in Sachen Kurden, Zypern und Armenien-Aussöhnung führen – keine guten Aussichten für Konfliktlösungen.

Unbestreitbar ist allerdings, dass wir in diesen Wochen die Wiedergeburt der Türkei als außenpolitische Großmacht erleben. Ob der Rest Europa dies möchte oder nicht: Damit werden wir uns auseinandersetzen und es akzeptieren müssen, dass die strategischen Überlegungen dieser Großmacht am Rande des Kontinents noch über Jahre hinweg von Erdogan und der AKP geprägt werden.

Gesichter im Spiegel Globus Typen

9/11 im Gore-Konjunktiv

9/11 als Barcode
(Foto via scott_bl8ke, Flickr, CC BY-NC-SA 2.0)

Die Welt nach 9/11 im Konjunktiv zu denken fällt mir schwer, zu sehr haben die Attentate und ihre Folgen die Zeitgeschichte und unser Leben geprägt. Es ist ein Misstrauen in der Welt, und es wird dort noch länger bleiben.

Nach den Entführungen der Flugzeuge gab es noch eine weitere Entführung: Die Neocons überall auf der Welt haben die Ereignisse entführt, um sie für ihre eigenen Zwecke zu nutzen; für Eingriffe in die Bürgerrechte, für eine folgenschwere Politik des billigen Geldes, für einen Feldzug gegen den Irak, das mit den Anschlägen nichts, aber rein gar nichts zu tun hatte.

Und dennoch möchte ich einen Konjunktivgedanken hier in den digitalen Raum werfen: Was wäre passiert, wäre Al Gore US-Präsident gewesen? Den Afghanistan-Krieg hätte er geführt, kein Zweifel, denn um ein “Auge um Auge” wäre kein Amtsinhaber herumgekommen. Womöglich hätte er auch die Sicherheitsgesetze verabschiedet, vielleicht allerdings an einigen Ecken in entschärfter Form. In jedem Falle hätte er meiner Meinung nach auf den Alleingang bei der Irak-Invasion verzichtet, auch wenn er im Jahr 2002 das prinzipielle Ziel eines Machtwechsels im Irak befürwortete.

Am Ende bleiben solche Gedankenspiele sinnlos, denn in den USA wäre eine besonnene Reaktion wie die des norwegischen Ministerpräsidenten Jens Stoltenberg undenkbar. Es gibt auch Gegenargumente zu meiner Irak-Einschätzung: Mit Joe Lieberman wäre ja zum Beispiel auch unter Gore ein Vizepräsident Falke gewesen, zudem wäre die Anti-Saddam-Stimmung vielleicht auch ohne Nachhilfe der Regierung Mainstream geworden. Allerdings wäre Gores Antwort auf die Anschläge meiner Meinung nach auf jeden Fall gemäßigter ausgefallen, weil er die Folgen einer Rhetorik á la “wer nicht für uns ist, ist für die Terroristen” intellektuell hätte absehen können – genau wie die Gefahr eines Imperial Overstretch, der durch den Irak-Krieg eintrat.

Kleine Anekdote am Rande: Am 11. September 2001 saß Gore in Österreich fest – und konnte erst nach Tagen und über den Umweg Toronto an die US-Ostküste gelangen.

Bunt & Kunter Gesichter im Spiegel Typen

Eine Verneigung in Demut

Löwenzahn-Bild
Bielefelder Blüten (Foto: TonyVC, Flickr, CC BY-NC-ND 2.0)

Es gibt da eine Blogwelt, die ist ganz anders als der aufmerksamkeitsheischende „Ich erkläre Euch den neuen heißen Scheiss“-Kosmos, das „ich rege mich über Medien/andere Blogs/die Nichtversteher auf“-Universum; sie ist klein, und im Falle dieses Blogs sogar absichtlich ein bisschen versteckt.

Es gibt in dieser Internetwelt da draußen – wie in der Realität – Menschen, die alles besser wissen, für die Diskussionen Kämpfe sind, die längst verlernt haben, zuzuhören. Sie, genau wie die oben genannten Blogs, nicht die Mehrheit, aber sie geben häufig den Ton an.

Und es gibt Menschen, die einfach bloggen: Über ihr Leben, was sie bewegt, was sie da draußen und hier in diesem Bildschirm sehen.

Ich kenne jetzt Ben schon einige Jahre und er kennt das Internet schon viel länger als ich: als Dialog- und Gedankenwelt, als Ort der Poesie und der Nachdenklichkeit, als Platz für all das, was uns bewegt.Er hat sich eigentlich nie um Trends geschert, ist online ein so guter Gastgeber, wie er es offline ist – und wenn er anderswo in dieser Webwelt zu Gast ist, bereichert er jede Gesellschaft mit seinen klugen Gedanken.

Bens Blog heißt Anmut und Demut und von beiden Teilen seines Namens besitzt es mehr als genug, vor allem aber wohnt ihm die Demut vor dem Wissen inne, nicht alles zu wissen. Heute vor zehn Jahren, einen Tag vor dem 11. September 2001, hat Ben es in die digitale Welt gebracht – und wahrlich: Ich kenne kaum einen Ort, an dem ich bei meiner Reise durch diese Welt lieber zu Gast bin.

Globus Kleine Welt Typen

Herr Wulff hat einen Sonnenstich

Christian Wulff
This is not Niedersachsen, Mr. President (Foto: European Parliament via Flickr, CC)

Christian Wulff hat offenbar noch nicht verstanden, was sein Job ist. Ich hab noch nie einen Bundespräsidenten erlebt, der über die großen, überwölbenden Fragen so wenig zu sagen hat, sich dafür in die Tagespolitik einmischt, als wäre er Teil des Bundeskabinetts.

Wulff heute:

“Ich halte den massiven Aufkauf von Anleihen einzelner Staaten durch die Europäische Zentralbank für rechtlich bedenklich. (…) Dies kann auf Dauer nicht gutgehen und kann allenfalls übergangsweise toleriert werden. Auch die Währungshüter müssen schnell zu den vereinbarten Grundsätzen zurückkehren.“

Mark Schieritz interpretiert in diese Aussagen einen Bruch der Europäischen Verträge hinein, wobei natürlich die EZB inzwischen sowieso „backstage“ beeinflusst wird, mit absehbarem Schaden für die Institution. Um was es mir geht, ist die Dreistigkeit, mit der Wulff sich als Tagespolitiker aufspielt und sich dabei im Ton vergreift. Gaddafi als “Psychopathen” zu bezeichnen, geht genau in diese Richtung: Die Diagnose mag nachvollziehbar sein, aber für jemanden, der nun in der Diplomatie zu Hause ist und als Staatsoberhaupt über den Dingen steht, sind solche Äußerungen völlig unangebracht und stillos.

Es wird Zeit, dass Christian Wulff endlich etwas Schlaues zu den gesellschaftlichen Herausforderungen der Gegenwart sagt, unsere Grundpfeiler für die kommende Zeit umreißt, darlegt, auf was es jetzt ankommt. Aber gerade bei den großen Fragen kommt von ihm nichts, niente. Stattdessen verirrt er sich im tagespolitischen Klein-Klein. Leider sind seine Ausfälle nicht dem heißen Wetter geschuldet: Dieser schwache Bundespräsident fügt sich nahtlos in das schwache Bild der Merkel’schen Regierung ein.

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Fukushima: Wahrheit ohne Konsequenz

Schuld und Verantwortung für eine Katastrophe.

http://www.flickr.com/photos/33228562@N02/5718744409/
Dieses Motiv kann man kaufen. Weitere Informationen bei der 3 Steps Crew (Flickr, CC)

Alle reden vom Sommercrash und den Ausschreitungen in Großbritannien, fast niemand mehr von Fukushima. Das ist aufgrund der aktuellen Weltlage verständlich; allerdings wird in Japan gerade erst klar, was genau im März 2011 passiert ist – und wie Regierung und Behörden das Ausmaß der Katastrophe verschleierten. Die New York Times schreibt (Langversion des Textes hier):

In interviews and public statements, some current and former government officials have admitted that Japanese authorities engaged in a pattern of withholding damaging information and denying facts of the nuclear disaster — in order, some of them said, to limit the size of costly and disruptive evacuations in land-scarce Japan and to avoid public questioning of the politically powerful nuclear industry.

Auf Geheiß von Premier Naoto Kan verschwiegen die Behörden des Landes kurz nach der Katastrophe ihren Bürgern offenbar die Speedi-Daten, also die Vorhersagen über die Konzentration von Radioaktivität in der Luft. Die Konsequenz: Tausende Bewohner der Stadt Namie nördlich des Atomkraftwerks sahen sich vor ihrer Evakuierung womöglich Strahlung ausgesetzt, weil sie glaubten, der Wind würde die radioaktiven Partikel in eine andere Richtung tragen.

In vielen anderen Ländern hätte ein solches Versagen von Behörden und Regierung längst eine breite Debatte aufkommen lassen, hätte ein Regierungschef ob solcher Versäumnisse wahrscheinlich zurücktreten müssen. Ob es an der Geschlossenheit der japanischen Gesellschaft liegt, der Problematisierung von Transparenz oder an der aufgeladenen Bedeutung der Konzepte Verantwortund und Gesichtswahrung: Außer ein paar Diskussionen am Rande scheint es keine direkten Konsequenzen zu geben. Naoto Kan wird in den nächsten Wochen zurücktreten – allerdings, weil gegen ihn in der eigenen Partei intrigiert wird, und das schon lange vor dem Tsunami.

In der Präfektur Fukushima wurden Ende März mehr als tausend Schulkinder untersucht; die Ergebnisse zeigten, dass sie erhöhter Strahlung ausgesetzt waren. Die Behörden behaupten, Nachuntersuchungen seien aufgrund der niedrigen Dosen nicht notwendig. Um das Stück in der New York Times zu zitieren:

Many experts both in and outside Japan are questioning the government’s assessment, pointing out that in Chernobyl, most of those who went on to suffer from thyroid cancer were children living near that plant at the time of the accident.

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Jemen: Wer will was?

Viele Fraktionen, viele Ziele: Wie sich die Oppositionsbewegung im Jemen zusammensetzt.

Proteste Jemen
Opposition ist nicht gleich Opposition (via Sallam, Flickr, CC)

Die Situation im Jemen ist so komplex, dass es manchmal fast bizarr wirkt: Da ruft US-Außenministerin Clinton die Beteiligten dazu auf, den Waffenstillstand zu respektieren, während gleichzeitig amerikanische Dronen Bomben auf mutmaßliche Al-Kaida-Mitglieder im Land fallen lassen.

Und auch wer die Frage beantworten möchte, wie sich dort die Opposition zusammensetzt, fällt schnell der Verwirrung anheim: Da gibt es die Jemeniten, die zuerst für den Wandel auf die Straße gingen und dabei zu Hunderten erschossen wurden. Die wollen nach dem vorläufigen Abflug von Präsident Saleh eine komplett unabhängige Übergangsregierung und eine strafrechtliche Verfolgung des verletzten Staatschefs. Auf der anderen Seite gibt es die offizielle Opposition, die wiederum lange sehr handzahm gegenüber Saleh war und nun offenbar dazu tendiert, den Golfstaaten-Vorschlag zu unterstützen, der eine Einheitsregierung mit Mitgliedern aus Opposition und aktueller Regierungspartei besteht. Übrigens bizarr, dass der Vorschlag der Golfstaaten (okay, die USA mischen auch noch mit) zur Lösung von reaktionären Ländern wie Saudi Arabien und Oman kommt.

Eine Schnittmenge bildet die Opposition mit den diversen Stämmen, die sich inzwischen fast alle mit der Opposition solidarisiert haben. Wirklich mächtig ist dabei der Familienklan von Sadiq al-Ahmar. Die Ahmars akzeptierten Saleh lange als Präsident – für die entsprechenden Gegenleistungen, die Solidarisierung mit den Protestierenden war rein verbal, obwohl Al-Ahmar eine mächtige Miliz besitzt. Als Saleh Mitte Mai dessen Haus angreifen ließ, war das Schicksal des Präsidenten allerdings besiegelt: Der Bombenanschlag auf das Präsidentendomizil dürfte vom al-Ahmar-Klan organisiert worden sein. Saleh hat jedoch auch noch einen mächtigen Familienverband, der seine Rückkehr sichern könnte: Seine Brüder und Neffen kontrollieren weiterhin die Sicherheitskräfte, wo sich die Wechsel ins Oppositionslager allerdings häufen.

Eine Sonderstellung nimmt der Huthi-Klan im Norden ein: Der schiitische Stamm kämpft seit langem um Unabhängigkeit, ob von Iran unterstützt oder nicht, ist unklar. Das wiederum macht die sunnitischen Nachbarn aus Saudi Aarabien nervös, da dadurch die Situation im Grenzgebiet destablisiert wird. In den vergangenen Wochen konnte der Stamm offenbar Land im Norden unter seine Kontrolle bringen, um das es jahrelang gekämpft hatte.

Im Süden wiederum sollen Al-Kaida-Gruppen inzwischen regionale Regierungsgebäude unter ihrer Kontrolle haben, ob und wie sie mit den Stämmen und Teilen der Opposition in dieser Gegend zusammenarbeiten, ist unklar und wird sich nie verifizieren lassen. Saleh wurde übrigens im Ausland dafür geschätzt, dass er die Stämme immer wieder mit Stöckchen und Karotte im Zaum halten konnte und hart gegen Al-Kaida vorging. Unklar ist, wie sich die Lage unter einer möglichen neuen Regierung ändert.

Und wie geht es weiter? Schon die Konstellation riecht nach Chaos. Ich nehme an, dass Saudi Arabien Saleh daran hindern wird, aus dem Exil zurückzukehren. Die Übergangsregierung wird nach dem Gusto des Al-Ahmar-Klans zusammengestellt, wodurch einfach die andere Familie an die Macht kommen wird. Saleh-Getreue werden nun pokern, ob sie wirklich Amnesie erhalten und beim Wechsel nicht zu viel von ihren Erbhöfen abgeben zu müssen, weshalb sich der Machtwechsel etwas länger hinziehen könnte. Und selbst danach dürfte das Land nur schwer zur Ruhe kommen.

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USA und Bin Laden: Symbolische Siege

Bin Laden Compound Abbottabat
Kein Internet, keine Pizza-Bestellungen (via TalkRadioNews, Flickr, CC)

Etwas mehr als 24 Stunden nach der Tötung Osama Bin Ladens ist vieles offen, aber fast alles gesagt. Wie Marc Lynch bei Foreign Policy bereits geschrieben hat, war die Rolle al-Qaidas im Mainstream arabischen Welt bereits vor dem Ende Bin Ladens mehr oder weniger marginalisiert. Sein Tod ist somit wenn man so will eine Reise in die Vergangenheit, das vielleicht den USA dabei helfen wird, 9/11 endgültig zu verarbeiten. Dass es einige Bürger mit Freudenfeiern  ob eines toten Terroristen tun, zeigt allerdings ein Verständnis von Auge um Auge, das mit den archaisch geschmähten Traditionsriten im Nahen Osten erstaunlich viel gemeinsam hat.

Al-Qaidas sinkender politischer Einfluss in einer Region, in der gerade eine Generation in eine freie Zukunft aufbrechen möchte, bedeutet nicht, dass die Organisation ungefährlich ist: Sie braucht keine zentrale Führung, durch die Ausbreitung Ideologie scheint die Zellenkultur eine andere, losere als noch vor zehn Jahren. Die Idee von Al-Quaida kann deshalb als ideologisierendes Moment noch funktionieren, längst handelt es bei den Islamisten allerdings um eigene Gruppen und Vereinigungen.  Für einen großen Plan reicht das nicht mehr, auf regionaler Ebene wie im Jemen dürfte die Organisation allerdings weiter eine Rolle spielen. Längst attraktiver und damit gefährlicher als der Terrorismus ist ein politischer Islamismus, wie ihn beispielsweise die Salafisten im Gaza-Streifen vertreten.

Auch für die USA haben sich die Zeiten geändert: Nach dem 11. September begann eine Mission, bei der das Land und seine Streitkräfte scheitern mussten. Wenn die US-Kampftruppen aus Afghanistan abziehen, wird eine Zeit der Einkehr beginnen. In dieser müssen die USA versuchen, sich wirtschaftlich neu zu erfinden – unter dem Eindruck sinkenden Wohlstands und einer Wachablösung durch China. Die USA werden, anders als von Bin Laden in extremistischer Verblendung erhofft, nicht untergehen. Der Weg ins Mittelmaß droht ihr dennoch – und die finanziellen und moralischen Kosten der Kriege in Afghanistan und im Irak haben diesen beschleunigt.