Category Archives: Gesichter im Spiegel

Alltagsbeobachtungen, Reflexionen, Essayistisches. Frank Schirrmacher kann einpacken.

Gesichter im Spiegel Globus Typen

9/11 im Gore-Konjunktiv

9/11 als Barcode
(Foto via scott_bl8ke, Flickr, CC BY-NC-SA 2.0)

Die Welt nach 9/11 im Konjunktiv zu denken fällt mir schwer, zu sehr haben die Attentate und ihre Folgen die Zeitgeschichte und unser Leben geprägt. Es ist ein Misstrauen in der Welt, und es wird dort noch länger bleiben.

Nach den Entführungen der Flugzeuge gab es noch eine weitere Entführung: Die Neocons überall auf der Welt haben die Ereignisse entführt, um sie für ihre eigenen Zwecke zu nutzen; für Eingriffe in die Bürgerrechte, für eine folgenschwere Politik des billigen Geldes, für einen Feldzug gegen den Irak, das mit den Anschlägen nichts, aber rein gar nichts zu tun hatte.

Und dennoch möchte ich einen Konjunktivgedanken hier in den digitalen Raum werfen: Was wäre passiert, wäre Al Gore US-Präsident gewesen? Den Afghanistan-Krieg hätte er geführt, kein Zweifel, denn um ein “Auge um Auge” wäre kein Amtsinhaber herumgekommen. Womöglich hätte er auch die Sicherheitsgesetze verabschiedet, vielleicht allerdings an einigen Ecken in entschärfter Form. In jedem Falle hätte er meiner Meinung nach auf den Alleingang bei der Irak-Invasion verzichtet, auch wenn er im Jahr 2002 das prinzipielle Ziel eines Machtwechsels im Irak befürwortete.

Am Ende bleiben solche Gedankenspiele sinnlos, denn in den USA wäre eine besonnene Reaktion wie die des norwegischen Ministerpräsidenten Jens Stoltenberg undenkbar. Es gibt auch Gegenargumente zu meiner Irak-Einschätzung: Mit Joe Lieberman wäre ja zum Beispiel auch unter Gore ein Vizepräsident Falke gewesen, zudem wäre die Anti-Saddam-Stimmung vielleicht auch ohne Nachhilfe der Regierung Mainstream geworden. Allerdings wäre Gores Antwort auf die Anschläge meiner Meinung nach auf jeden Fall gemäßigter ausgefallen, weil er die Folgen einer Rhetorik á la “wer nicht für uns ist, ist für die Terroristen” intellektuell hätte absehen können – genau wie die Gefahr eines Imperial Overstretch, der durch den Irak-Krieg eintrat.

Kleine Anekdote am Rande: Am 11. September 2001 saß Gore in Österreich fest – und konnte erst nach Tagen und über den Umweg Toronto an die US-Ostküste gelangen.

Bunt & Kunter Gesichter im Spiegel Typen

Eine Verneigung in Demut

Löwenzahn-Bild
Bielefelder Blüten (Foto: TonyVC, Flickr, CC BY-NC-ND 2.0)

Es gibt da eine Blogwelt, die ist ganz anders als der aufmerksamkeitsheischende „Ich erkläre Euch den neuen heißen Scheiss“-Kosmos, das „ich rege mich über Medien/andere Blogs/die Nichtversteher auf“-Universum; sie ist klein, und im Falle dieses Blogs sogar absichtlich ein bisschen versteckt.

Es gibt in dieser Internetwelt da draußen – wie in der Realität – Menschen, die alles besser wissen, für die Diskussionen Kämpfe sind, die längst verlernt haben, zuzuhören. Sie, genau wie die oben genannten Blogs, nicht die Mehrheit, aber sie geben häufig den Ton an.

Und es gibt Menschen, die einfach bloggen: Über ihr Leben, was sie bewegt, was sie da draußen und hier in diesem Bildschirm sehen.

Ich kenne jetzt Ben schon einige Jahre und er kennt das Internet schon viel länger als ich: als Dialog- und Gedankenwelt, als Ort der Poesie und der Nachdenklichkeit, als Platz für all das, was uns bewegt.Er hat sich eigentlich nie um Trends geschert, ist online ein so guter Gastgeber, wie er es offline ist – und wenn er anderswo in dieser Webwelt zu Gast ist, bereichert er jede Gesellschaft mit seinen klugen Gedanken.

Bens Blog heißt Anmut und Demut und von beiden Teilen seines Namens besitzt es mehr als genug, vor allem aber wohnt ihm die Demut vor dem Wissen inne, nicht alles zu wissen. Heute vor zehn Jahren, einen Tag vor dem 11. September 2001, hat Ben es in die digitale Welt gebracht – und wahrlich: Ich kenne kaum einen Ort, an dem ich bei meiner Reise durch diese Welt lieber zu Gast bin.

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Das Mensch als Hordentier

Zwei Videos von den Ausschreitungen in Großbritannien, die nicht nur das derzeitige allabendliche Spannungsfeld zeigen und die schlimmsten Klischees der jeweiligen Gegenseite bestätigen, sondern auch einen tiefen Einblick in die menschliche Natur liefern.

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Der unausgesprochene Makel der realexistierenden Demokratie

Silence
Zwischenräume in absoluten Konzepten (by .k.tereza, Flickr, CC)

In der Gefahr, dass ich den Bogen zu weit spanne, möchte ich in der aktuellen Debatte unser Verständnis des Westens mit zwei Themen der vergangenen Wochen zusammenbringen: Wikileaks und Ägypten.

Bei näherem Hinsehen gibt es eine Klammer um den Komplex, und sie liegt im Unausgesprochenen. Konkret:

1.”Cablegate” hat das Unausgesprochene der Diplomatie öffentlich gemacht, sozusagen den Hohlraum der Außenpolitik geöffnet. Das Unausgesprochene wird verschwiegen, weil es mit dem Ausgesprochenen nicht in Deckung zu bringen ist, sprich: Interne Kommunikation ist niemals offizielle Diplomatie, sondern diplomatische Realität plus Interessen.

2. Die Haltung, die der Westen jahrelang gegenüber Mubarak pflegte, beruhte auf einer unausgesprochenen Wahrheit: Solange Ägypten für ein Gleichgewicht steht, das die Existenz Israels sowie die Rohstoffversorgung sichert, lassen wir dem Präsidenten freie Hand (ähnlich ist in der Region derzeit auch die Haltung zu Saudi Arabien). Die Proteste sorgen nun dafür, dass das Schweigen nun das Legitimationfundament des westlichen Demokratieverständnisses (und dessen Export über wirtschaftliche Zusammenarbeit) auch intern schwächt.

Was folgt aus den beiden Ereignissen für das Selbstverständnis des Westens? Mittelfristig womöglich weniger, als wir annehmen möchten: Realpolitik – und Unausgesprochenes bedeutet nun einmal diese –  hat es schon immer gegeben, sie wird ständig als Heuchelei enttarnt. So ist sowohl der enthüllte Diplomatenverkehr, als auch die Haltung westlicher Nationen zu Ägypten keine Aufdeckung eines Geheimnisses, sondern eher eine Manifestation von bereits unausgesprochen Bekanntem. Weil die Kritik an diesen Zuständen häufig ex-post geäußert wird, wirkt sie auch wenig schlagkräftig.

Vielleicht ist es ein Makel der Demokratie, dass Unzulänglichkeiten und Ungerechtigkeiten längst ein Teil ihrer realen Ausgestaltung sind. Ich bin mir mit Blick auf die Geschichte der Menschheit allerdings nicht sicher, ob unserer Realitätssinn bei der Bewertung dieses Mangels Makel oder Segen ist.

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Kleine Sprünge ins Ungewisse

Zwei Männer springen
Jump!, sagte Van Halen. (via Il Quoquo, Flickr, CC)

Es gäbe gerade sehr viele Themen, zu denen gute Blogbeiträge fällig sind: Duisburg und die Folgen, die nähere und fernere Zukunft des Finanzwesens, die anstehenden Wahlen in Ruanda und Mynmar, die Philosophie hinter dem aktuellen Tories-Aktionismus und was Konservative in Europa und den USA davon lernen können … die Liste ist endlos. Doch derzeit ist es auf kopfzeiler.org relativ ruhig, weil ich mitten in einer anderen Baustelle stecke: Bloggertramp.com

Um was es geht, ist drüben genauer umrissen. In wenigen Worten: Ich werde ab Mitte August vier Wochen durch Europa trampen und darüber bloggen, hoffentlich viele Geschichten erleben und erzählen. Für mich ist das eine neue Rolle: Zwar glaube ich, dass regelmäßige kopfzeiler-Leser sich ein Bild darüber machen können, was für ein Mensch ich bin und welche Einstellung ich zum Leben und bestimmten Themen habe – selbst jedoch näher an den Mittelpunkt zu rücken, Teil der Geschichte zu sein, ist eine große Herausforderung. Ich bin gespannt, wie ich mit ihr umgehen werde.

Aber da am Ende sowieso immer alles anders als gedacht kommt, muss ich einfach den Tigersprung ins Ungewisse wagen, um zu sehen, was passiert. Die kopfzeiler-Taktung wird darunter etwas leiden, doch am Ende wird es sich lohnen.

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Der Preis des Krieges

Seit Beginn des Irakkriegs sind 17 Soldaten des US-Armeestützpunkts Fort Carson, Colorado, wegen Mordes, Totschlags oder versuchten Mordes angeklagt worden; 36 Soldaten haben sich das Leben genommen.Schätzungen zufolge erhalten 20.000 US-Soldaten in den Einsatzgebieten Irak und Afghanistan Antidepressiva; die Kriege haben zu geschätzten 300.000 Schädel-Hirn-Traumata unter den Armeeangehörigen geführt.

Die Folgen des Krieges für den Einzelnen zeigen sich nicht in der Anzahl der eingesetzten Soldaten und Toten. Es sind Dokumentationen wie die Frontline-Episode “The Wounded Platoon“ (Dauer: 90 Minuten), mit der wir dem Kern näher kommen, in diesem Fall aus der Sicht der Militärangehörigen. Das posttraumatische Stresssyndrom, das die Soldaten noch lange nach ihrer Rückkehr begleitet und ein normales Alltagserleben unmöglich macht; das Stigma, als Soldat Schwäche zeigen und über psychische Schwierigkeiten zu reden; die Folgen der gängigen Praxis, aufgrund des starken Truppenbedarfs Vorbestrafte in die Armee aufzunehmen: All das und noch viel mehr gehört zu den Folgen der US-Entscheidung, in Afghanistan und Irak in den Krieg zu ziehen. Der Krieg hat auch für den vermeintlich Stärkeren einen Preis, der weit über den der verlorenen Menschenleben hinausgeht.

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Kleine Philosophie des Auf-die-Fresse-Fallens

Mensch rutscht auf einer Bananenschale aus
Nicht schon wieder (Foto: Purplemattfish, Flickr, CC)

Ich bin wahrscheinlich kein digitaler, aber inzwischen so etwas wie ein urbaner Nomade: Umzüge haben immerhin den Vorteil, dass man ständig mit neuen Mentalitäten konfrontiert wird. Dabei ist mir etwas an meiner Wahrnehmung aufgefallen: Wie sehr mir eine Gegend liegt, hat schlicht damit etwas zu tun, wie die Menschen dort (Vorsicht, subjektiver Eindruck) mit dem Auf-die-Fresse-Fallen umgehen. Nicht im wörtlichen Sinne, jeder, der das Leben kennt, weiß, wie ich es meine.

Deshalb hier die Auf-die-Fresse-Fallen-Philosophie ausgewähler deutscher Orte:

München: “Wir fallen nicht auf die Fresse.“
Berlin: “Klar fall ich auf die Fresse, aber das mach ich ja nur so nebenbei.“
Hamburg: “Auf die Fresse fallen, aber mit Haltung. Wenn keiner hinguckt und der Stehkragen unversehrt bleibt, merkt es niemand.“
Ruhrpott: “Wir alle fallen doch auf die Fresse, dauernd.“
Rheinland: “Falle mer held op de Fress, sulang mer widder huhkumme.“ (Klang eines Kölschglases beim Anstoßen vorstellen)
Franken: “Hingfallen, i könnd mi scho widder aufrech!“
Bonus – US-Ostküste: “Get up!“

Ergänzungsvorschläge nehme ich gerne entgegen.

Geräusche, Töne, Bilder Gesichter im Spiegel

Plagiat und Zitat

Axolotl
Axolotl, im Zentrum der Debatte (Foto: EikeR, Flickr, CC)

Es ist viel geschrieben worden über den Fall Hegemann, sehr viel Blödes, einiges Schlaues. Vorweg: Ich  habe das Buch nicht gelesen und es derzeit auch nicht vor, und kann deshalb nichts zur Kritik und nur ein kleines bisschen zur Debatte beitrage, indem ich die meiner Meinung nach entscheidenden (und bereits vorgebrachten) Argumente nochmal zusammenfasse.

1.Remix und Plagiat: Wie Dirk von Gehlen* treffend bemerkt hat, gibt es einen großen Unterschied zwischen dem, was Hegemann gemacht hat, und dem, was wir unter “Remix“ oder “Mashup“ verstehen. Hegemann hat Passagen ihres Buches von anderen Quellen abgeschrieben, ohne dies kenntlich zu machen, dieses Produkt also als Original ausgegeben. Ein Remix behauptet schon qua Namen nicht, das Original zu sein. Um es mit einem Schulvergleich zu erklären: Ein Remix ist das, was in der Schule “Transferleistung“ genannt wird: Vorhandene Informationen werden verarbeitet, um etwas zu schaffen, was über die Information selbst hinaus geht. Die Autorin von “Axolotl Roadkill“ hat schlicht und einfach abgeschrieben.

2. “Internetkultur“ und Urheberrecht: Hier genügt es eigentlich, auf den ausgezeichneten Blogeintrag von Anatol Stefanowitsch im Sprachlog hinzuweisen. Abgesehen von dem sehr verallgemeinernden Hilfskonstrukt “Internetkultur“ (das ich, ich gebe es zu, auch ab und zu verwende – jedoch nicht so oft wie den Begriff “Netzgemeinde“. Shame on me…) – es geht bei der Reform des Urheberrechts nicht um dessen Abschaffung, sondern vor allem um eine flexiblere und individuellere Handhabung, in der es dem Autor obliegt, über die Art der Weiterverwendung zu entscheiden. Übrigens beinhalten die aktuellen Creative-Commons-Lizenzen meines Wissens nach alle den Punkt “Attribution“ – also die Namensnennung des Urhebers bei Weiterverwendung.

3.Hyperjazz:
Ja, Medien haben manchmal die Tendenz, zu überdrehen und sollten persönliche Beziehungen tatsächlich den Rezensionstenor von Kritikern verändert haben, wäre das eine Schande. Aber hier gilt die Unschuldsvermutung und die Feststellung: Hyperjazz, also das Überhöhen gewöhnlicher Dinge bis hin zur Verselbstständigung, ist kein auf die klassischen Medien beschränktes Phänomen. Hallo!? Wir erleben doch in unseren Blogs, wie der häufig am meisten Aufmerksamkeit bekommt, der am lautesten schreit.

Ich würde deshalb das, was Thomas Steinfeld** in der SZ als “Gesetz des schärferen Reizes“ beschreibt, als gesellschaftliches Phänomen betrachten: Wir sind lüstern nach Sensatiönchen und für Extreme sehr empfänglich, ob als Kritiker (hier vielleicht auch als Versuch, die Avantgarde nicht zu verpassen) oder als Publikum. Ob wir einfach reizüberflutet sind oder das schon immer so war und die Extreme sich einfach nur geändert haben, weil es keine Tabus mehr gibt – ich weiß es nicht. Dem Markt ist es deshalb sogar egal, ob etwas hochgelobt oder verrissen wird: “Axolotl“ wurde gelobt und verkauft sich wie geschnitten Brot, “Feuchtgebiete“ wurde tendenziell äußerst kritisch rezipiert und verkaufte sich wie belgische Pommes***

Ich weiß deshalb nicht, ob irgendetwas aus dieser Episode hervorgehen wird, außer erkleckliche Einnahmen für die Kulturindustrie und ein bisschen Respekt für den kritischen Geist, der die Debatte ins Rollen gebracht hat. Letzteres ist doch schon was. Dieses Blog ist nach diesem Eintrag allerdings erst einmal hegemanndiskussionsfreie Zone.

*Disclaimer: Wir arbeiten derzeit für denselben Verlag und ich kenne DVG
**Disclaimer: Wir arbeiten derzeit für denselben Verlag und ich kenne T.S. nicht persönlich
***Disclaimer: Ich bin ein großer Fan der flämischen Kartoffelküche

Das Kabel Gesichter im Spiegel Horizont

Aufmerksamkeit oder das Zen des Codes

Gedanken zu Frank Schirrmachers Payback.

Der Code bietet keine Lehre, kein Geheimnis, keine Antworten. (Foto: Peiyu Liu, Flickr)
Der Code bietet keine Lehre, kein Geheimnis, keine Antworten. (Foto: Peiyu Liu, Flickr)

Es war gegen Ende des 19. Jahrhunderts, als die ersten Kinofilme vorgeführt wurden. Sie dauerten nicht länger als zwei Minuten, ein beliebtes Motiv war dabei die Einfahrt eines Eisenbahnzuges. Dem Mythos zufolge waren einige Zuschauer der ersten Vorführungen von der auf sie zu rasenden Lok so geschockt, dass sie panisch den Vorführsaal verließen.

Ich bin mir nicht sicher, was FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher getan hätte, wäre er damals anwesend gewesen: Wäre er erschrocken aus dem Saal gestürmt? Hätte er nach der Vorführung davor gewarnt, dass unsere Realität sich ändern würde und wir künftig alle das Leben mit den Augen eines Kinobesuchers sehen würden, mit tragischen Folgen für das Allgemeinwesen? Oder hätte er einfach sein subjektives Erlebnis aufgeschrieben und daraus folgend ein paar kluge Fragen gestellt?

Schirrmachers neues Buch “Payback“ beschäftigt sich mit dem digitalen Zeitalter, und der Autor hat darin irgendwie alle drei oben beschriebenen Wege beschritten. Ihm ist die Erschrockenheit ob der technischen Veränderung ebenso anzumerken wie der Wunsch des Intellektuellen, seiner veränderten Lebensumwelt einen Sinn zu geben. Und er möchte eine Debatte anstoßen, nicht zuletzt im Netz, was sich im sanften Umgang mit den Digital Natives im Buch zeigt (was wiederum seine damalige Lobeshymne auf die Piratenpartei in einem anderen Licht erscheinen lässt). Dass das nicht funktioniert, wenn er gleichzeitig in Interviews dem Mainstream-Publikum die üblichen Populismusthesen (“Das Internet vermanscht unser Gehirn“) zum Fraß vorwirft, hätte er sich allerdings denken können.

Hal 9000 ist zurück

Nun denn, ich habe das Buch dieses Wochenende gelesen und finde es fast schon ironisch, wie stark  sich Payback an die Aufmerksamkeitsformen des Netzes angepasst hat: Kurze Kapitel, viele Fußnoten (statt Links), dazu eine Argumentationsform, die fast assoziativ wirkt – was leider der These, die er vertritt, nicht zugute kommt.

So beschreibt Schirrmacher eine Angst vor einem Supercomputer, der unser Denken  übermannt und uns so zu einem Teil von sich macht; damit bedient er, auch wenn er das explizit abstreitet, das Klischee des Computers, das bereits vor Jahrzehnten von HAL 9000 verkörpert wurde. Dabei schwingt überall die Angst vor dem vorherbestimmten Menschen mit, die bereits in der Neurodebatte in den Neunzigern markiert wurde, die meiner Meinung nach zu dem besten gehört, was je in deutschsprachigen Feuilletons zu lesen war.

Doch die Neuro-Analogie ist dieses Mal zu hoch gegriffen: Der Code, vom einfachsten Basic-Befehl bis zum kompliziertesten Algorithmus, ist von Menschen gemacht. Als überforderter Nutzer kann Schirrmacher nicht das Zen des Codes erkennen:  Der Code bietet keine Lehre, kein Geheimnis, keine Antworten. Er wird erst durch die Menschenhand erweckt,   oder, um mit Ben zu sprechen: Technik ist “keine erzwungene Prothese, sondern ein Werkzeug. Welcher Zimmermann  klagt über Hammer und Säge?“

Indem der Autor den Computer als Verantwortlichen für die technische Entwicklung ausdeutet, begibt er sich selbst in die Position der Unmündigkeit, die er uns allen als Computerusern vorwirft, die von der Maschine nicht loskommen. Dabei sind alle großen Innovationen, die das Netz hervorgebracht hat, keineswegs von Computern gesteuerte evolutionäre Rechenentwicklungen: Es waren die Ideen, die damit versteckte, aber doch in der Luft liegende Bedürfnisse der Menschen im Internet befriedigt haben, von der Suche nach Informationen (vom WWWWanderer bis Google) über die Vernetzung (soziale Netzwerke) bis hin zur Vernetzung von Informationen zur besseren Gliederung (Semantic Web). Der Mensch macht das Netz, seine Entwicklung wird kollektiver bestimmt als die jedes Mediums zuvor.

Marxisten und Multitasker

So bleibt im ersten Teil ein überzeichnetes Bild der digitalen Gesellschaft, wenn Schirrmacher den freien Zugang zu Informationen ohne nähere Begründung als Marxismus klassifiziert oder Multitasking als Ausprägung des Taylorismus beschreibt, als hätte es Taylors Prinzip der Mehrarbeit nicht kontinuierlich seit der Industrialisierung gegeben, sondern wäre erst durch den Computer auf die Menschheit hereingebrochen. Gerade in Sachen Multitasking, dem Aufhänger seiner These, schafft es Schirrmacher nicht über die Erkenntnisse Mirjam Meckels (“Das Lob der Unerreichbarkeit“) hinaus, obwohl sich seitdem einiges getan hat.

Dennoch finden sich einige Gedankengänge in dem Buch, die durchaus beachtenswert sind: So kann ich seine Tirade im zweiten Teil gegen die derzeitige Bildung, in der Computer wie Fernseher eingesetzt werden, größtenteils zustimmen. Auch wenn ich nicht daran glaube, dass wir unser Leben einmal einzig über die Auswertung von Datenmengen steuern, ist der vorgeschlagene Perspektivwechsel im Sinne eines Erkennens der Strukturen des Internets und der Darstellung, Auswertung und Verlässlichkeit der Informationen dort notwendig. Die Frage nach den Folgen von Informationskaskaden im Echtzeit-Web auf unsere Wahrnehmung und die Definition  von  relevanter Information harrt ebenfalls ihrer Beantwortung – ob dies allerdings objektiv erfolgen kann, bleibt fraglich.

Vielleicht ist dies das größte Manko Schirrmachers: Payback versucht, subjektive Eindrücke um jeden Preis als objektive Wahrheiten zu klassifizieren – und  landet dadurch in einem extremen Determinismus, der bisweilen ärgerlich ist. Als Beispiel sei die Idee genannt, Statistik (Vorschlagsmechanismen bei Amazon und Co) als Anzeichen für das Verschwinden der Willensfreiheit zu interpretieren, als gäbe es keine Nuancen im Konsumverhalten der Menschen, keine biographischen Einzigartigkeiten und Veränderungen. Zudem hat das Internet mit Netzwerken des Vertrauens bereits ein wirksames Alternativmodell für maschinenbasierte Vorschlagslisten zu bieten (über dessen anstehende Kommerzialisierung auch zu reden sein wird).

Die Signifikanz von “Payback“ könnte deshalb weniger in seiner Theorie, sondern darin liegen, dass Schirrmacher ein in der Luft liegendes Thema populär aufbereitet hat – und somit den Diskurs für ein Publikum jenseits der Digital Natives geöffnet hat. Das ist zu begrüßen, denn fehlt in der Debatte doch häufig zwischen rücksichtslosem Techoptimismus und rabenschwarzem Kulturpessimismus ein Mittelweg, der Argumente schlich überprüft und sachlich bewertet. Aber das ist nur mein subjektiver Eindruck.

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Der theologische Kapitalismus

Weissgarnix plädiert im Feuilleton der FAZ für eine Wiederentdeckung der Sozialen Marktwirtschaft. Ein paar Gedanken zur Debatte.

Capitalism Poster
Demotivation via rstrawser (Flickr)

Deutschland führt eine theologische Debatte, und das ironischerweise über ein Produkt der Aufklärung. Ihr Gegenstand ist nämlich der Kapitalismus und dessen Heiliger Geist, der Neoliberalismus. Doch obwohl uns die Krise ermöglichen könnte, Religionsstifter zu spielen und zu definieren, was der Kapitalismus sein soll, scheitern wir schon im vorherigen Schritt: Der Definition, was er ist.

Ist der Kapitalismus der freie Markt, wie er Adam Smith vorschwebte, oder die jetzige Ausprägung des Marktes? Verbirgt sich hinter dem “bad capitalism“ ein guter, echter Kapitalismus? Dies scheint die Position von Weissgarnix¹ feuilletonistischer Gegenspielerin Karen Horn zu sein, ohne dass sie in der FAZ freilich belegen würde, wie genau dieser aus der jetzigen Lage entwickelt werden könnte.

Der Markt ist nicht gerecht, aber er ist in seiner Reinform ehrlich. Das ist in einer Welt des Scheins sehr viel. Doch die Ehrlichkeit endet nach dem Urknall, der Stunde Null, in der alle Marktteilnehmer sich auf das Spielfeld begeben. Denn Ressourcen sind nicht für alle Teilnehmer frei verfügbar (der Grund, weshalb Kriege geführt wurden und werden), Kapital und Marktmacht werden akkumuliert, Märkte werden durch Subventionen und deren Negativ, Steuern oder Zölle, manipuliert. Hinzu kommt, dass freie Märkte zwar nach Effizienz streben mögen, Effizienzsteigerung aber kein synchroner Prozess ist.

So ergeht es dem “guten Kapitalismus“ (vorausgesetzt, wir setzen diesen synonym mit einem freien Markt) wie es Gott auf der Erde geht: Niemand sieht ihn – und da er kein metaphysisches Heilsversprechen zu bieten hat, steigen seine Aktien in Krisenzeiten nicht; es sind die Zweifel, die sich mehren.

Versöhnung von Kapitalismus und Demokratie

Weissgarnix hegt in seinem Artikel große Sympathie für die “Soziale Marktwirtschaft“, allerdings für die wahre Version jenseits des verwässerten PR-Begriffs. Nun ist die Frage, was das “soziale“ der Marktwirtschaft überhaupt ist. Fernab der Nostalgie ist die Einrichtung eines Sozialstaats erst einmal der Versuch, den Kapitalismus mit der Demokratie zu versöhnen.

Diese Versöhnung kann allerdings nur zustande kommen, solange genügend Wohlstand zur Umverteilung bereit steht. Der dafür notwendige Wachstumsmarkt war  zu Wirtschaftswunderzeiten das wieder aufzubauende Deutschland selbst, später profitierte das Land vor vielen anderen von der Globalisierung und expandierte mit Industriezweigen, die nicht selten bereits vor und im Dritten Reich bereits prächtig florierten, exportierte zudem in Branchen wie dem Maschinenbau die Automatisierung in die Welt.

War der Preis der Exportfixierung zu hoch und gibt es eine Alternative, wie Weissgarnix meint? Objektiv gesehen war der Preis die Subventionierung des Produktionsstandorts Deutschland durch staatliche Anreize und niedrige Löhne. Den Ausgleich erhielten die Bürger in Form von billigen Produkten und Produktbestandteilen aus Asien. Die Basis der “sozialen Marktwirtschaft“ ruht also inzwischen nicht mehr auf Transferleistungen, sondern nicht zuletzt auf dem instabilen Standbein der niedrigen Konsumentenpreise (die Folgen dieser Instabilität zeigen sich täglich, allerdings möchte ich aus Platzgründen nicht näher darauf eingehen).

Entautomatisierte Illusionen

Die Forderung nach Ausgleich der Leistungsbilanz, die wgn erhebt, mag aus einigen Gesichtspunkten sinnvoll sein; sie ist allerdings angesichts der von der Nachkriegsgeneration auf die folgenden übertragene Sparmentalität auch hoffnungslos unrealistisch. Wie eine sich selbst erfüllende Prophezeiung sind niedrige Preise in breiten Schichten der Bevölkerung zur Voraussetzung für Konsum geworden; das einheimische Qualitätsprodukt (ob als atomisches Produkt, sofern im Zeitalter der globalen Arbeitsteilung so überhaupt noch existent, oder in Form von Arbeitskraft)ist an seinen Preis gekettet, der nie mehr die Höhe seines arbeitstechnischen Wertes erreichen wird. Ich sage: Selbst bei einem Mindestlohn, der alle Branchen beträfe, wäre dies so.

Hinzu kommt, dass es im Land der Automatisierung keinen Anreiz und Willen gibt, den Dienstleistungssektor durch die Schaffung von Service-Jobs (z.B. Tütenträger beim Einkaufen) zu stärken; der Trend, man werfe einen Blick auf die Self-Service-Kassen in Supermärkten oder die sinkende Zahl von Bahn-Verkaufspersonal, geht in eine andere Richtung.

Der Staat kann deshalb zwar Rahmenbedingungen schaffen (ja, wir brauchen steuerfinanzierte Sozialsysteme!), um allerdings für eine “echte“ soziale Marktwirtschaft zu sorgen, müsste er massiv auf der Nachfrageseite eingreifen, nicht nur antizyklisch, sondern ständig. Die Gefahr von einseitigen, auf die Erhaltung der Vergangenheit gerichteten Subventionen ist dabei meiner Ansicht nach höher als die Hoffnung, er möge die richtigen Branchen beleben.

Gebt dem Staat, was des Staates ist

Vielleicht wäre es schon ein Fortschritt, wenn wir im ersten Schritt den (im Grundsatz richtigen, siehe oben) liberalen Wirtschaftspsalm vom “Gebt dem Staat was des Staates, gebt der Wirtschaft was der Wirtschaft“ etwas strikter und menschenfreundlicher interpretieren würden, sprich:  Keine Privatisierung von Gesundheit, bestimmter Teile der Bildung, der Wasserversorgung und von öffentlichen Transportmitteln.

Mit der Aufnahme solcher Grundbedürfnisse in den Katechismus der sozialen Marktwirtschaft wären wir meiner Meinung nach einen großen Schritt näher am wahren Kern der Idee, als durch den Versuch, makroökonomische Unmöglichkeiten auf den Weg zu bringen. Über die Frage, ob zu den Grundbedürfnissen der Bürger auch Freiheit von materieller Not gehören kann und soll, dürfen und müssen die Systemtheologen derweil weiter streiten. Jetzt in der Krise und in alle Ewigkeit, amen.