Category Archives: Gesichter im Spiegel

Alltagsbeobachtungen, Reflexionen, Essayistisches. Frank Schirrmacher kann einpacken.

Gesichter im Spiegel

Die geopferte Stadt

Siegestor München
Foto: Werner Kunz, Flickr, CC BY-NC-SA 2.0

Mir geht ein Satz nicht mehr aus dem Kopf, den ich neulich bei Ben gelesen habe: “Wir haben unsere Städte bereits dem Auto geopfert“,  schrieb er so im Vorbeitippen und seitdem verfolgt mich diese Feststellung. Neulich zum Beispiel, als ich zur Sonnwende durch mein Viertel schlenderte und feststellen musste, dass der Münchner sein großes Auto auch abends gern Spazieren fährt und es kaum einen Ort gibt, dieser Prozession zu entfliehen. Oder am Wochenende auf einem Berg, auf dem man trotz 2300 Meter Höhe noch die Geräusche der durchs Tal ächzenden Blechlawine hören konnte.

Ich frage mich ja, wann genau diese Entscheidungen getroffen wurde oder ob diese überhaupt angesichts der Konsequenzen wissentliche waren. Dass man in der Stadt, in der ich lebe, den Englischen Garten in der Mitte durchteilt. Wer würde heute auf eine solche Idee kommen? Dass die Baulücken nach dem Krieg fast samt und sonders zu Schneisen für den Autoverkehr wurden. Letztendlich sind ja die heutigen Untertunnelungen nichts anderes als der Versuch, die Vormacht des Autos zu verstecken.

Eigentlich wäre nun langsam die Zeit gekommen, diesen Trend vom Kopf auf die Füße zu stellen. Bedeutet der Besitz eines Autos mehr Lebensqualität als die Abwesenheit von Autolärm? Die Ironie ist ja auch, dass die größten Karren in den ruhigsten Vierteln stehen und der Einzelne, Wohlstand vorausgesetzt, beides haben kann.

Aus architektonischer Sicht stellt sich die Frage, ob moderne Stadtentwicklung irgendwann einmal die Fesseln der PKW-zentrierten Verkehrsplanung lockern kann. Der Schrumpfungsprozess vieler Orte führt ja nicht zwangsläufig zu mehr Gestaltungsfreiraum, weil dann das Geld für die Verwirklichung der Pläne fehlt. Umgekehrt ist die Planung in expandierenden Ballungszentren wie München finanziell durchaus ordentlich ausgestattet – nur ersticken die beiden Prioritäten “(PKW-)Verkehrsanbindung“ und “Wohnraumschaffung“ jede Form von Gestaltung. Womöglich hängt der Stillstand, den ich hier feststelle, genau mit diesem architektonischen Rahmen zusammen, der als unhinterfragtes Sein das Bewusstsein schafft.

Gesichter im Spiegel Wires & Papers (English)

Digitale Selbstverständlichkeiten

Radio
(Foto: Radioedit, Flickr, CC BY-SA 2.0)

Es gibt Menschen, die mit dem Siegeszug des Internets eine Veränderung der Rolle von Autoritäten, neue Strukturen und Hierarchien heraufbeschworen haben. Sie hatten unrecht, zumindest machen mich das zwei Ereignisse der vergangenen Tage glauben.

Da ist zum einen Steffen Seibert, der unter @RegSprecher twittert. Der wurde bei der Re:publica abgefeiert. Dafür, dass er ein charmanter Typ ist. Und twittert. Das genügt. (und sagt jetzt nicht, Ihr hättet wegen des Mitmach-Projekts des Verkehrsministeriums gejubelt…).

Dann wäre da Frank Schirrmacher. Der lässt nach einem Hinweis via Twitter einen Online-Artikel ändern. Und wird dafür ebenfalls gefeiert.

Nun seien die Verdienste der beiden Herren, ob auf Twitter oder anderswo, diesen unbenommen – ich bin froh, wenn führende Medienköpfe auch in Deutschland die Dialogmöglichkeiten des Internets entdecken. Doch worüber reden wir hier eigentlich? Wenn ich als Sprecher der Bundesregierung im Jahr 2012 nicht auf Twitter bin, bin ich im falschen Job. Und als Online-Weisungsbefugter (und das scheint Schirrmacher offenbar zu sein) muss ich mich natürlich mit Hinweisen und Feedback auseinandersetzen.

Offenbar scheint der Wunsch nach einer Beteiligung der analog verwurzelten Eliten an der digitalen Welt so groß zu sein, dass diesen Selbstverständlichkeiten genügen, um für Begeisterung zu sorgen und selbst die banalsten Akte wie Pionierarbeit wirken zu lassen. Ich kann mich nicht erinnern, dass beispielsweise ein Sprecher der britischen Regierung oder Guardian-Chef Alan Rusbridger für ähnliche Aktionen derart abgefeiert worden wären. Karl-Theodor zu Guttenberg dürfte sich jetzt noch ärgern, dass er während seines Aufstiegs neben seiner medialen Charmeoffensive nicht noch Zeit fand, einen Twitter-Account anzulegen und zu bestücken. Er hätte bei einem Teil seiner späteren Kritiker mit Sicherheit alleine schon deshalb einige Steine im Brett gehabt.

Gesichter im Spiegel Horizont Kleine Welt

Rückkehr des “Zoon Politicon”

Guttenberg vor Flieger Inszenierung eines Überfliegers (Foto via Bundeswehr, Flickr, CC BY-ND 2.0)

Ich möchte nicht allzu viel schreiben über das Thema Guttenberg-Comeback, das dankenswerterweise Hannes Vogel vom Handelsblatt in der gebotenen Kürze zusammengefasst hat.  Nur ein paar Anm

erkungen seien erlaubt über das Zoon Politicon, das nun ein zeitnahes politisches Comeback anzustreben scheint.

Es ist beinahe ironisch, dass ein Mann, der dem Berufsstand des Politikers erheblich geschadet hat, Diagnosen über das Ende der Volksparteien abgibt, sich offenbar als Über-der-Tagespolitik-stehend, ja fast präsidial positioniert.  Wir werden in absehbarer Zeit mehr davon sehen, lesen, und hören, weil es eben genau diese Sehnsucht nach jemandem jenseits des Politikbetriebs gibt, auch wenn Guttenberg bis in die letzte Faser ein Produkt eben dieses Betriebes ist, sein Klartext weder besonders klug, noch überraschend wirkte und wirkt.

Und wir werden eine Debatte über Vergebung und das Werfen des ersten Steins erleben, in der möglicherweise die ein Großteil der Bürger vergessen haben werden, dass dem Ex-Minister bislang noch nicht einmal das Eingeständnis eines Fehlers ohne verklausulierte Relativierungen, Verantwortungs-Ablehnung und Schuldsuchereien über die Lippen kam.

Ich glaube an das Recht auf eine zweite Chance – doch um als Person seine Glaubwürdigkeit zurückzugewinnen, muss man mehr als ein Kenner der Medienmechanismen sein. Die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit ist etwas mehr als ein symbolischer Weiterdreh im 24/7-Nachrichtenzyklus. Um echte Größe zu zeigen, muss man als Mensch wachsen können. Karl-Theodor zu Guttenberg vermittelt im Moment nicht den Eindruck, er besäße diese Fähigkeit.