Archive for August, 2008
Young journos: feel blessed, integrate, innovate
Cross-posting from “Tommorrow’s news, tomorrow’s journalists”-blog: The meta-topic in August was “What are the biggest challenges facing young journalists?”

Yesterday’s future, today’s present. (via inju,Flickr)
Imagine you were in the middle of the nineteen-nineties: Kurt Cobain had just died, cell-phone resembled more to phone boxes than to an iPhone, and the visible internet was a place where nerds were flaming each other on usenet.
Imagine it was the time you graduated from J-school, full of aspiration to work for the New York Times, the FAZ, name any highbrow-medium you can think of. Imagine how the next few years went, how you watched the internet emerge and slowly kill the industry and rapidly change the profession whose foundation seemed unchangeable like that of clergymen or physicians.
Imagine you now, only 15 years later. In your early 40s, at a time where careers speed up to the top, you see your industry collapse. You find yourself having to adjust to the new setting just after becoming excellent in your profession. Wouldn’t you secretly envy the generation that grew up in the internet-age?
Integration is revolution
To me, the biggest challenge facing journalists under 30 is realizing how blessed we are. Because we do not have to “study“ the internet and its consequences. We know about it. The waters are rough, but at least we know we can swim.
If you have made it to the TNTJ-blog, you probably know the possibilities. But you have to repeat them again and again to see the opportunities: Not only can we be read, watched and heard by people we had never dreamed of reaching, we are also able to communicate with “the people formerly known as the audience“. Don’t you think the first journalists would have given their life to get to know their readers and engage in discussions with them?
Journalism has always been about citizenship, and if we take citizenship seriously, we accept and praise the fact it needs skills, not diplomas to commit acts of journalism. Or, to quote the Guardian’s Roy Greenslade:
“When we journalists talk about integration we generally mean, integrating print and online activities. But the true integration comes online itself. The integration between journalists and citizens.“
If you look at the goals of journalism, this integration would be self-evident; in the situation the media currently are, it is nothing less than a revolution. I would love to tell you that if we all speak up and demand from colleagues and publishers to accept the role of journalists as one voice, one citoyen among equals, everything will be fine. But it won’t: Huge parts of the industry have become inflexible, which means not only the often quoted curmudgeons will have to fight for survival – some of us will not be able to maintain a career as a professional journalist.
The innovator’s mindset
But even as the online-industry still lacks a coherent business-model, there is always a possibility to triumph over rough waters if you can swim: Pro Publica and Spot.us (sorry, Dave, for dragging you into the spotlight again) are just two examples of testing the waves. More will follow soon, and it can come from you, me, anyone.
This brings us back to the first paragraph: It is easier to define roles than to re-define them after you have been doing something for years and decades. To quote Jeff Jarvis:
“Journalists have to be entrepreneurs [blogger's note: !!!!!]. Teachers. Students. Helpers. Enablers. Networkers. Filters. Partners. Community members. Citizens.“
And, I add, we have to be inventors, because we have the chance and duty to re-invent journalism. But all great inventors have one thing in common: They saw big challenges as even bigger opportunities. Let’s adjust our mindset and embrace changes as chances. If we do so, anything is possible.
Teilrückzug aus dem Web 2.0
Die jüngsten Datenklau-Skandale erschüttern nicht mehr. Warum wir so apathisch reagieren und weshalb uns die Politik nicht retten wird.

Daten des Trägers sind bekannt (via sunside, Flickr)
Als die Telekom ihre Mitarbeiter abhörte, war der Aufschrei groß. Nun kam jüngst ans Licht, dass der Handel mit den Daten deutscher Bürger ein Ausmaß und einen kriminellen Energiegehalt erreicht hat, der jedem Bürgerrechtler die Zornesröte ins Gesicht treiben müsste.
Doch die Empörung hielt sich in Grenzen: Die Tatsache, dass mit unseren persönlichen Daten Schindluder getrieben wird, überrascht nicht; so dreist vorzugehen hatten wir, wenn wir ehrlich sind, derlei Datenschiebern immer schon zugetraut.
Die Antwort, weshalb wir so apathisch geworden sind, finden wir in einer Mischung aus Naivität und Bequemlichkeit. Das frühe 21. Jahrhundert ist vom Siegeszug des Breitbands geprägt, der ungeheure Massen von Menschen ins digitale Zeitalter katapultiert hat, ohne dass diesen das nötige Training für die Bewegung in der neuen Umgebung gegeben worden wäre. Das Phänomen, an den Segnungen der vernetzten Welt teilhaben zu wollen, durchzieht alle Subkulturen: Selbst diejenigen, die das Wasser Datenenthaltsamkeit predigen, scheinen auf den Wein nicht verzichten zu wollen, da nehme ich mich selbst nicht aus (verzichte aber, auf meine diversen Profile zu verlinken).
Datenschutz spielte einmal in breiteren Kreisen der Bevölkerung eine Rolle, man denke nur an die Volkszählung von 1987. Auch für den Staat hatte er eine Bedeutung, doch der 11. September 2001 versetzte die westlichen Regierungen endgültig in einen Schockzustand der Paranoia, der bis heute anhält. Ironischerweise hatten die staatlichen Datenschutzbeauftragten in den vergangenen Jahren deshalb alle Hände voll zu tun, die Bürger (leider erfolglos) gegen die Begehrlichkeiten des Staates (!) zu schützen. Personell schlecht ausgestattet blieb so kaum Zeit und Raum, Lobbyarbeit zu betreiben, um die Bürger vor den neuen Möglichkeiten wirtschaftlichen und kriminellen Datenklaus politisch schützen zu lassen.
Das Resultat ist ein Datenschutzrecht, dass seiner Zeit 30 Jahre hinterherhinkt. Datenklau ist kein Kavaliersdelikt und muss noch härter bestraft werden. Behördliche Datenschützer brauchen weitreichende Befugnisse, um Informationsjongleuren den Gar auszumachen; das Widerspruchsrecht des Bürgers gegen Datenweitergabe muss schleunigst in ein Opt-In-Modell umgewandelt werden.
Diese Maßnahmen in die Wege zu leiten, wäre nur der Anfang, doch selbst der bleibt fraglich: Trotz der Bürgerrechts-Bekenntnisse aus Teilen der Politik herrscht im Regierungsapparat immer noch die Philosophie vor, Datenschutz sei Täterschutz. Können wir ob solcher Erfahrungen (Stichwort Vorratsdatenspeicherung) wirklich an ernsthafte Bemühungen seitens der Politik glauben, das Problem nachhaltig und sinnvoll anzugehen, jenseits von einem Happen Symbolpolitik nach dem Sommerloch?
Wir können es nicht. Die Diskussion über eine mögliche Änderung
des Grundgesetzes wird deshalb eine theoretische bleiben. Es ist eine Tragödie, dies schreiben zu müssen, doch die einzigen Wächter unserer Grundrechte sitzen heute in Karlsruhe – und vor diesem Computer: Wenn wir es mit dem Datenschutz ernst meinen, müssen wir ernst machen. Der Teilrückzug aus dem Web 2.0 sollte beginnen.
Update: Die Diskussion zum Thema findet sich bei Oliver Gassner, auch die Berichterstattung des Report aus München dürfte bald Wellen schlagen.
Update II, einge Wochen später: Der Teilrückzug hat begonnen, gerade hat Xing mich als Mitglied verloren.
Wie weiter mit Russland?
Auch wenn das Gut-und-Böse-Schema auf den Konflikt mit Russland nicht passt: Das EU-Europa sollte für gute Beziehungen zu Russland nicht jeden Preis zahlen. Vor allem aber sollte es eine unabhängige Energie-Politik ernsthafter zu verfolgen.

Wo geht’s hier nach Brüssel? (via Wikimedia, Flickr)
Die Kritik am laxen Umgang vieler westlicher Medien mit den vorhandenen Quellen während des Georgien-Krieges ist berechtigt: Doch wir sollten uns vorsehen, Russland deshalb die Rolle eines “gerechten Opfers“ zu geben, das vom Westen verkannt wird und im Konflikt mit Georgien stets aus reiner Notwehr handelt.
Denn Russland steht inzwischen wieder für Großmachtdenken, für Vetternwirtschaft, für Korruption, für eine Verquickung von Staats- und Wirtschaftseliten, deren Ausmaße sogar die Exzesse der Bush-Administration in den Schatten stellen: Als Beispiele seien nur die jüngsten Vorkommnisse um das britisch-russische Joint-Venture TNK-BP genannt, oder auch der Angriff Putins auf das Stahlunternehmen Mechel. Nicht zu vergessen ist Moskaus rücksichtsloses Vorgehen im Tschetschenien-Konflikt, ebensowenig seine intolerable Einschränkung der Menschenrechte, der Versammlungsfreiheit und der Unabhängigkeit der Medien.
Genau zu diesem Land, in dem sich in den vergangenen Jahren nach westlichen Maßstäben viel zum Schlechteren gewandelt hat, muss das EU-Europa nun ein neues Verhältnis finden. Doch das Schema “Gut gegen Böse” passt auf den aktuellen Konflikt (wie so oft) nicht: Die Unterstützung von Georgiens Präsident Mikhail Saakaschvili kann aus westlicher Sicht nur noch bedingt völkerrechtlich-moralisch begründet werden; oft ergeht der Vorwurf an Russland, es betreibe mit der Unterstützung Süd-Ossetiens die Erweiterung der Einflusssphäre im Kaukasus, die in energiepolitischen Überlegungen begründet ist – richtete man ihn an den Westen, er würde ebenfalls zutreffen. Hinzu kommt, dass der russische Einmarsch in das territoriale Hoheitsgebiet gegen Regeln verstößt, die westliche Staaten zuvor aus humanitär-strategischen (Kosovo) oder energiepolitischen (Irak) Motiven bereits gebrochen hatte.
Die moralischen Selbstzweifel entbinden die EU-Nationen nicht von einer Entscheidung, wie mit Moskau künftig zu verfahren ist. Befindlichkeiten der östlichen Mitgliedsstaaten und der strategischen Bedeutung Moskaus als Brückenkopf nach Asien und für die Lösung der Probleme von Iran bis Nordkorea müssen dabei gegeneinander abgewogen werden; die reichen Rohstoffvorkommen des Landes sind hingegen für die westlichen Industrienationen momentan ebenso unverzichtbar wie die potentiellen Absatzmärkte, die sich bei steigendem Wohlstand eröffnen. Eben diese Märkte sind es, die zur Gegenwehr aus der Wirtschaft führen dürften, sollte der Westen den russischen Beitritt zur WTO wirklich langfristig blockieren wollen. Ganz anders Russland: Aufgrund der exponierten Stellung als Rohstofflieferant ist Moskau auch ohne WTO-Beitritt in den globalisierten Handel eingebunden, gleichzeitig fungieren Staat und Wirtschaft als eine Einheit, das Interesse des einen entspricht dem Handeln des anderen. Zudem steht Russland auch die Hinwendung nach Asien offen – gerade bei Rohstoffexporten hat Moskau hier, anders als die EU-Importeure, mit China und Indien noch weitere Optionen.
Was also sollte Europa tun? Der NATO-Beitritt Georgiens darf als Verhandlungsmasse dienen, sollte allerdings nicht wirklich vorangetrieben werden. Die EU sollte bis auf weiteres keine weiteren Abkommen mit Russland unterzeichnen, vor allem die Aussicht auf visafreie Einreise von russischen Bürgern ist ein Trumpf, den Brüssel nicht aus der Hand geben sollte. Auf geopolitischer Ebene muss der Westen die Aufnahme in die WTO an strenge Bedingungen wie die Bekämpfung der Korruption und Vertragssicherheit für ausländische Unternehmen binden. Letztere ist auch Voraussetzung für den Transfer von Wissen und Know-How zur Modernisierung der russischen Wirtschaft – vielleicht der Punkt, in dem Russland am abhängigsten von seinen europäischen Nachbarn ist.
Ein neuer Kalter Krieg steht nicht bevor: Dennoch sollte Europa für ertragreiche Beziehungen zu Russland nicht jeden Preis zahlen. Die Abhängigkeit von russischen Rohstoffen ist, das haben die letzten Tage gezeigt, ebenso gefährlich wie die von den kaukasischen Öl-Pipelines, die weiterhin angreifbar bleiben. Die EU sollte deshalb vor allem die Erschließung und Erforschung neuer Energiequellen weiterhin forcieren und einen Energie-Marshallplan auflegen: Die Hinwendung zu den Mittelmeerstaaten mit ihren Potentialen zum Export von Solarenergie ist ein erster Schritt in die richtige Richtung.
Hybris and Hyperpower
After a serious misjudgment by Georgia’s President, Russia is back on the military world stage. For the West, this means a serious challenge to finally define its relationship to Russia – most likely at the expense of Moscow’s small neighbours.

Like always: Misery caused by misjudgment. (Screenshot via Ivan, Flickr)
As the drama approaches its climax, the world stares in shocked amazement how fast things got out of hand: On Friday, Georgian President Mikheil Saakashvili went to fulfill his election-campaign-promise to tighten the grip on South Ossetia, a de-facto-independent piece of land ruled by Russian thugs. But after troops went in, Russia came to help South Ossetia, not only because its people recently were given Russian passports.
From there on, the former world power let its military strength unfold, and everything looks like it is leading into a humiliating defeat for Mr. Saakashvili (though the situation on the ground is unclear and full of spin from both sides). The 40-year-old politician, known for his over-confidence, had overestimated his ties to the European Union and especially to the U.S.: With him being the aggressor in the first place (and showing signs of autocracy when cracking down the opposition in 2007), he has made it difficult for the West to show any clear support; as a result, he will have to swallow the de-facto annexation of South Ossetia by Russia.
For the big neighbor, which clearly shows it is still being dominated by Vladimir Putin, Mr. Saakashvili’s mistake has provided it with a chance for a comeback on the world stage, though a bloody one. Russia’s military victory has proven that the country is still ready, willing and able to do what it takes to keep and expand its sphere of influence. It has also brought the American policy to stretch NATO further east to an end for years to come, along with its dreams to transport hydrocarbon ressources of the Caspian Basin to Europe without passing Russia.
On a geopolitical level, Russia has sent a warning to the West not to mingle in its business. Talks of a new cold war are exaggerated, though, as Mr. Putin still wants to sell energy to Europe and needs trade partnership. But the damage for the west has been done: NATO, the EU and the U.S. will have a hard time brokering a deal that does not look like a complete Russian victory; at the same time, Georgia is will be in danger to experience a pro-Russian backlash if Mr. Saakashvili stays too long (or is removed too quickly). Do not expect more frozen conflicts to defrost, but do expect finding a way to deal with Russia in the next few years to be high on Brussel’s NATO and EU (look for France and Germany teaming up against a EU-member-block of former Soviet satellite states) agenda. After Mr. Saakashvili’s misjudgment, these decisions might be pragmatic enough to seriously undermine a lot of the hopes the people of Georgia and Ukraine had after the Rose and the Orange Revolution.
Jacques Rogge, olympischer Versager
Würde es eine Goldmedaille für grandios gescheiterte Reformer verkommener Verbände geben, Jacques Rogge wäre sie sicher. Der IOC-Präsident sollte die Konsequenzen daraus ziehen.

Gold für Rogge: Das IOC bleibt ein Haufen Corleones. (Foto Andymiah, Flickr)
Sprechen wir nicht über China. Sprechen wir über die Organisation, die 2001 die Olympischen Spiele nach Peking unter dem Vorwand vergab, zu einer Öffnung des Landes beizutragen, aber faktisch nur neue Absatzmärkte für das eigene Produkt suchte. Sprechen wir über das Internationale Olympische Komitee.
Dass wir inzwischen wissen, dass das Sportsbusiness eine widerliche Angelegenheit ist, haben wir dem IOC zu verdanken. Wer sich auf den aktuellen Stand bringen und etwas über ehrenwerte Männer mit Geldkoffern lesen möchte, dem seien die Blogs von Jens Weinreich (den ich für seine aktuelle Olympia-Berichterstattung nicht genug loben kann) und Andrew Jennings empfohlen. Dass sich das Image des Verbands nach der katastrophalen Ära des knüppelharten Paten Juan Antonio Samaranch inzwischen an einem neuen Tiefpunkt befindet, ist auch Ausdruck des Scheiterns des vermeintlichen Reformers Jacques Rogge.
Zwar drängte er amtieren IOC-Präsident seit 2001 Samaranch-Vertraute und –Verwandte aus führenden Positionen des Verbands und propagierte öffentlich stets den Kampf gegen Doping und Korruption, doch die Realität hat aus dem einstigen Hoffnungsträger längst eine beinahe tragische Figur gemacht: Wenn er in Peking vor der Presse die Machtlosigkeit des IOC über Themen wie die chinesischen Einschränkungen für Medienvertreter, die schlechten Umweltbedingungen oder die mäßige Ausstattung des olympischen Dopinglabors (das nicht einmal der Weltantidopingagentur WADA untersteht) herumlaviert, könnte den Beobachter fast Mitleid ereilen.
Könnte. Denn Rogge hat es mit seiner sanften Geheimdiplomatie weder geschafft, das IOC in irgendeine Verhandlugnsposition mit der chinesischen Regierung zu bringen, noch hat er in seiner Organisation nur ansatzweise den Wandel bewirkt, den er bei Amtsantritt einforderte.
Im Gegenteil: Von Transparenz ist nichts zu spüren. Bereits jetzt stehen die Spiele 2008 für die Doppelmoral der Profisport-Industrie, die weiterhin unter dem starken Verdacht steht, flächendeckendes Doping nicht nur zu ignorieren, sondern sogar zu fördern. Die Vergabe der Winterspiele an 2014 an Vladimir Putins Urlaubsort Sotchi macht zudem klar, dass der olympische Gedanke inzwischen ein allzu dünnes Feigenblatt für das Verscherbeln der Austragungsorte an aufstrebende Wirtschaftsnationen ist.
Die olympische Idee wurde in der Neuzeit schon immer gerne ausverkauft. Dass Jacques Rogge diesen Trend nicht stoppen konnte, war abzusehen; dass diese Tendenz sich allerdings sogar noch verstärkt hat, zeigt das Versagen des belgischen IOC-Chefs. Seine verfaulende Organisation kann er nicht mehr retten: Besäße Rogge einen Funken Selbstachtung, würde er dies aussprechen und mit einem Verzicht auf eine zweite Amtszeit ein klares Zeichen setzen. Doch Sportfunktionäre sind selten konsequent: Wahrscheinlich werden wir Monsieur Rogge noch 2014 aus der olympischen Ehrenloge winken sehen.
Der wahre Schaden des Wolfgang Clement
Die Gründe für den Rauswurf des überbewerteten Ex-Ministers Wolfgang Clement aus der SPD sind fadenscheinig: Die Lobbyarbeit des ehemaligen Landesvaters hat den Sozialdemokraten weit mehr geschadet als seine Angriffe auf Parteifreunde.

Zu Verzweiflungstaten bereit? (Foto via Tomas Caspers, Flickr)
Bevor die Hitze des Sommerlochs das politische Deutschland komplett paralysiert, sorgt die Personalie Wolfgang Clement nochmals für einen Windhauch der Aufregung. “Endlich isser weg, der Verräter unserer Werte“, freut man sich links, während sich die Mitte wundert, wohin die SPD, die sie einst wählte, driften wird.
Aus der Nähe betrachtet, ist der Wind allerdings eher ein laues Lüftchen. Nicht nur, weil die Bundesschiedskommission die Entscheidung aus NRW revidieren dürfte: Wolfgang Clements Leistungen werden generell überschätzt. Als NRW-Ministerpräsident gab er den Modernisierer, das ambitionierteste Projekt seiner Amts blieb jedoch der Umzug der Staatskanzlei ins protzige Düsseldorfer Stadttor; die angeschobene Verwaltungsreform versandete, die Etablierung NRWs als Medienstandort blieb ein hochsubventioniertes Zuschussgeschäft.
Als Wirtschafts- und Arbeitsminister war die Agenda 2010 Clements folgenreichstes Projekt, unter der schlampigen Umsetzung durch Bundesregierung und Bundesagentur für Arbeit leidet das Land allerdings noch heute. Das Mammutwerk verdeckt im Nachhinein, dass Clement im Berliner Alltagsbetrieb vor allem durch blinden Aktionismus auffiel. Die medial propagierten Schnapsideen des Ministers wurden bald zur sprichwörtlichen Clement-Sau, die mindestens einmal pro Woche durchs politische Dorf gejagt wurde.
Der Ausschluss Clements ist nicht bemerkenswert. Falsch ist er, weil die Begründung fadenscheinig wirkt. Größeren Schaden als mit seinen Äußerungen hat Clement mit seiner post-ministeriellen Karriere angerichtet: Als Lobbyist für RWE und die Zeitarbeitsfirma Adecco beweist er das moralische Feingespür eines Feudalherren. Ähnlich wie seine ehemaligen Regierungskollegen Schröder, Schily, Koch-Weber, Halsch und Schlauch hat er zu einem posthumen Ansehensverlust der rot-grünen Regierung beigetragen, dessen Folgen bis tief ins eigene Klientel nachwirken.
Die Entscheidung der NRW-SPD ist eine direkte Reaktion auf das sinkende Vertrauen der Stammwählerschaft in der “Herzkammer der Sozialdemokratie“, die allerdings vor allem die personellen und programmatischen Schwächen des Landesverbands ins Blickfeld der Öffentlichkeit rücken wird. Anstatt das Nachtreten des Ex-Landesvaters im Hessen-Wahlkampf zu bestrafen, hätten die Genossen auch pragmatisch reagieren können: Mit der Nichtbeachtung eines aufmerksamkeitssüchtigen Ex-Politikers und konkreten Vorschlägen zu einer zweijährigen Lobbyjob-Sperrfrist für abtretende SPD-Entscheidungsträger auf Kommunal-, Landes- und Bundesebene.
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