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News, Analysen und der ganze Rest der Welt

Flower

Archive for April, 2009

Eine neue digitale Kluft

Web 2.0 muss sparen: Wer nicht in der reichen Welt lebt, bleibt draußen. Eine gefährliche Entwicklung.

Digitale Kluft
Ein Bild der Zukunft? Kasachstan (links) und die USA (rechts) (via Todo-Juanjo, Flickr)

Wenn wir von der digitalen Kluft sprechen, reden wir meist über Ängste bezüglich der Netzneutralität oder dem Mangel an Breitbanddurchdringung.

Nach der Lektüre dieses Artikels in der New York Times müssen wir dieser Kluft einen neuen Aspekt hinzufügen: Exklusion aufgrund von Armut.

Hintergrund: Benutzer aus Lateinamerika, Asien oder Osteuropa sind zwar fleißig auf Videoplattformen und bei Social Networks unterwegs, bilden aber aufgrund der fehlenden finanziellen Möglichkeiten keine werberelevante Zielgruppe. 1,6 Milliarden Menschen haben Zugang zum Internet, weniger als die Hälfte davon haben genügend Geld, um für Werbung interessant zu werden. Sie brauchen allerdings Bandbreite – und der durch die Krise verschärfte Sparzwang bringt so manches Startup anscheinend dazu, zwischen guter Bandbreite und schlechter Bandbreite zu unterscheiden.

Die mir bislang unbekannte und (auf den ersten Blick) uninteressante Videoplattform Veoh blockt deshalb zum Beispiel User aus Afrika oder Südamerika; YouTube und MySpace gehen nicht soweit, überlegen aber, in bestimmten Gegenden abgespeckte Varianten ihrer Seite anzubieten.

Prinzipiell ist es eine gute Sache, schlanke Seiten anzubieten; die aktuelle Entwicklung hat aber nichts mit Barrierefreiheit zu tun, sie errichtet eine neue Mauer zwischen arm und reich.Bei ständig komplexer werdenden Seiten und den lockenden Einsparmöglichkeiten ist eine weitere Teilung der digitalen Welt nicht ausgeschlossen: Die Luxususer in den Industrie- und Schwellenländern mit dem vollen Netzprogramm auf der einen, der Rest der Welt mit einer abgespeckten Basisversion auf der anderen Seite. Dabei könnten gerade Videos in Ländern mit geringer Alphabetisierungsrate eine Rolle übernehmen, die der (datenschlanke) Text dort niemals spielen kann.

Ikonen der Finanzmarktschmelze

Falls ich es noch nicht erwähnt habe: Die Frontline-Dokumentationen von PBS sind mit Abstand die besten politischen TV-Dokumentationen der Welt , sei es in Bildgestaltung, Dramaturgie, Schnitt oder der Nutzung des Webs für Hintergrundinformationen.

So haben mich auch die 56 Minuten “Inside the Meltdown“ nicht enttäuscht: Die dramatischen Bear-Stearns- und Lehman-Entscheidungen werden einmal als die prägendsten Momente der zweiten Hälfte des ersten Jahrzehnts des 21. Jahrhunderts in die Geschichtsbücher eingehen. Die Ikonografie ihrer Protagonisten wird im Lichte der Vergangenheit wohl in den Hintergrund treten, nicht zuletzt, weil sie nur wenig Entscheidungsspielraum hatten, sondern wie gekettet an die unvermeidlichen Ereignisse eines Finanzmarkts, der am Abyssus steht wirkten.

Es sagt einiges über die Natur dieser Krise aus, dass die Protagonisten Männer sind, Charakterköpfe noch dazu. Doch sie alle versagen und brechen mit ihren Prinzipien, welche die Prinzipien der Wall-Street und des American Way of Life sind.  Am sympathischsten kommt dabei noch Ben Bernanke rüber, den ich an anderer Stelle heftig kritisiert habe. Wer Mitleid über missglückte PR-Auftritte empfindet, kann vielleicht noch dem CNBC-Auftritt des damaligen Bear-Stearns-Chefs Alan D. Schwartz etwas abgewinnen.

Der ehemalige Finanzminister Hank Paulson hingegen hat noch nie für eine Heldenrolle getaugt; doch ist sein Konflikt, als Jünger der ungezügelten Märkte Schritt für Schritt den Staat ins Spiel bringen zu müssen, vielleicht der tragischste des ganzen Dramas. Timothy Geithner, dem jetzigen Finanzminister, traue ich eine ähnliche Rolle übrigens nicht zu: Durch seine unglücklichen wie konzeptlosen Auftritte ist er für mich der erste Kandidat, der bei einer Kabinettsumbildung von Obama den Stuhl den unter dem Hintern weggezogen bekommt (allerdings nicht vor 2010).

All diese Figuren waren bereits durch die goldenen Achtziger und Neunziger, als das Finanzwesen noch die Religion der USA war, verwoben wie AIG mit Lehman-Anleihen. Es wäre spannend zu erfahren, welche Rolle das Zwischenmenschliche, zum Beispiel zwischen Lehman-CEO Dick Fuld und Henry Paulson für den Lauf der Geschichte gespielt hat. Vielleicht werden wir es in den nächsten Jahren erfahren. Mich selbst würde wirklich brennend interessieren, wie die Beteiligten inzwischen den Begriff des “moral hazard“ für sich interpretieren.

Teufelswerk vs. Selbstzweck des Fortschritts

Warum wir eine neue Debatte über Gentechnik und Genpatente brauchen.


Und jetzt nochmal in sachlich (via “keeponilluminating_9_11″, Flickr)

Die CSU-Landwirtschaftsministerin Ilse Aigner hat den Monsanto-Genmais Mon 810 in Deutschland verboten. Auch wenn, wie der heutige Auftritt von Bayerns Umweltminister Markus Söder bei den Schweinezüchter-Protesten in München zeigt, gewaltiges europawahltaktisches Kalkül bei der Entscheidung mitschwingt: Sie ist richtig.

Wir sollten zwei Dinge in der Diskussion trennen: Über den zweifelhaften Ruf Monsantos, die Intransparenz der Firmenpolitik und das abstoßende Geschäftsmodell des sterilen Saatguts gibt es im Netz genug zu lesen.

Gleichzeitig ist allerdings die Gefährlichkeit der Gentechnik ist nicht erwiesen und die Debatte wird nicht zuletzt durch Angst bestimmt. Und dennoch bleiben Fragen: Wissen wir schon genug über die Wechselwirkungen? Welchen Studien können wir vertrauen? Um zu sehen, was der menschliche Eingriff ins Ökosystem bewirkt, sollten wir uns nur die Folgen vor Augen führen, die Europa in den nächsten Jahren durch den Import asiatischer Insekten erwarten könnte (oder einen Blick auf die jüngere Geschichte des australischen Ökosystems werfen).

Für mich überwiegen die Risiken noch für lange Zeit die Vorteile, die es durchaus geben könnte. Im 21. Jahrhundert darf technischer Fortschritt dennoch nicht als Teufelswerk gebrandmarkt werden – er darf aber auch nicht als Selbstzweck fungieren. Wir brauchen eine neue, offene Debatte über gentechnisch veränderte Lebensmittel, und zwar transparent und ohne durch die EU geschaffene Fakten und schädlichen Wirtschaftspatriotismus (denn bei einem BASF-Patent hätte die Landwirtschaftsministerin sicherlich anders entschieden)

Gleichzeitig sollten wir darüber hinaus eine andere Praxis nicht vergessen, die ich für weit folgenreicher halte: Das Patentieren von menschlichen und tierischen Gensequenzen. Darüber wurde, im Gegensatz zum Genfood, bisher noch kaum gesprochen.

Lob der Douglasie

Auch auf die Gefahr hin, dass hier das Biedermeier einzieht: Am Karfreitag darf der Kopfzeiler auch einmal über Bäume bloggen. Genauer gesagt über die Bäume der amerikanischen Pazifikküste, denen ich, ich gestehe es, bislang nur in botanischen Gärten begegnet bin (siehe Foto).
Bei den Wäldern des amerikanischen Nordwestens muss ich immer unvermittelt an David Lynchs Meisterwerk Twin Peaks denken, an Holzfällerhemden und von Schweigen umgebene Geheimnisse, an Akte-X und reale Psychos wie Ted Bundy

Ich glaube, es ist in der Seattle-Doku “Hype“ , in der das Mysteriöse des Nordwestens damit beschrieben wird, dass viele Schwerverbrecher auf der Flucht dort stranden, weil dies auf dem Weg nach Norden die letzte Versteckmöglichkeit vor der kanadischen Grenze ist – und die waldige Gegend genügend Plätze zum Unterschlupf bietet.

Ich glaube eher, dass es die Landschaft ist, welche die Menschen prägt. Wer kommt im Schatten von Zypressengewächsen wie den mächtigen Mammutbäumen, neben stolzen Fichten wie den Douglasien nicht auf die Idee, es etwas Anderes, Größeres, das sich hinter dem Wald und dem, was in ihm passiert, verbirgt? Ist in einer solchen Gegend die Flucht ins Übernatürliche oder Psychoide nicht zwangsläufig? Oder habe ich einfach nur zu viel Twin Peaks geguckt?

Why the rage grows

Ian Tomlinson walks he streets of London with his hands in his pockets. Maybe the 47-year-old newspaper seller is not feeling well. As he slowly moves along, he is shoved from behind by riot police and hits the ground hard. Other people around him have to help him up. A few minutes later he is dead, supposedly from a heart attack.

I am not sure whether Scotland Yard has tried to cover up this incident. I do think that it was a bad idea to let London’s police investigate the London police’s behavior in the first place. What I am absolutely certain about is that it is pictures like these that show that something is wrong in the way police all over the Western world have come to treat their citizens who protest against international events, most of whom do peacefully so. And it is footage like this that fuels the rage all over the world. Whomever police-officer has done this: Shame on you, I hope you will have to go to court for this one.

My thoughts go out to Mr. Tomlinson’s family.

Update 4/18: As Mr. Tomlinson died from internal bleeding, the police officer may be charged with manslaughter

Kopfzeiler getting real

Embrace constraints? Aber hallo!

Getting Real
(Bild via mylor, Flickr)

Ben gibt mir immer eine Menge Dinge zu lesen, ich gebe zu, manche davon kann ich aus Zeitgründen überfliegen. Aber mit Getting Real hat er mich richtig angefixt, denn es ist so voller Wahrheiten über die Entwicklung von Projekten und Produkten, nicht nur im Webbereich.

Ein Buch über Webapplikationen, in dem mit Fugazi-Frontmann Ian MacKaye einer meiner Helden zu Wort kommt, muss einfach gut sein. Doch lassen wir ihn selber sprechen:

American business at this point is really about developing an idea, making it profitable, selling it while it’s profitable and then getting out or diversifying. It’s just about sucking everything up. My idea was: Enjoy baking, sell your bread, people like it, sell more. Keep the bakery going because you’re making good food and people are happy.

Ironischerweise ist das Zitat von 2001 – hätte mancher doch in den vergangenen acht Jahren auf ihn gehört, die Welt wäre um einige kaputte Banken und schlechte Web-Startups ärmer.

Mit der Idee von “Getting Real“ haben die Veränderungen beim Kopfzeiler nichts zu tun, auch wenn die Lektüre so wunderbar inspirierend war. Als Jan und ich damals dieses Blog starteten, hatten wir die Idee, hier über alles das zu schreiben, auf das wir Lust hatten. Am Ende kam ein sehr politisches, sehr journalistisches Blog heraus. In der jüngeren Vergangenheit habe ich festgestellt, dass mich dieses Format einengt und, ich gebe es zu, mir die Zeit fehlt, regelmäßig die Detailanalysen zu liefern, die ich möchte.

Ich will hier nicht die Frage stellen, was ein Blog ist oder sein kann. Ich werde stattdessen dieses Blog hier thematisch öffnen, nicht komplett, aber doch so weit, dass es eine persönlichere Note bekommt. Ich betrüge damit natürlich den Long Tail, und ich gebe zu, dass ich viele Blogs nicht mag, sobald sie Kraut und Rüben zusammenschmeißen. Aber wieso eigentlich nicht? Ich habe nichts zu verlieren, außer meine sagenhafte Reichweite (har-har).

G 20: Das Alles-oder-Nichts-Problem

Historischer Befreiungsschlag oder Beschleuniger der Wirtschaftskrise? Die Ergebnisse des G-20-Gipfels sind noch nicht einzuordnen.


Wunschlos glücklich? (via freestyle, Flickr)

Wie sind die Ergebnisse des G-20-Gipfels in London zu bewerten?
Die Obama-Rede versorgt uns mit dem Alles-wird-gut-Gefühl: Wir zahlen unseren Weg aus der Krise und be-zahlen die Rechnung mit späterem Wachstum durch Innovation. Das Alles-wird-schlimm dürfte in den nächsten Stunden von kritischeren Zeitgenossen kommen, die damit rechnen, dass die Maßnahmen nicht ausreichen oder nur eine Blase kreieren, die wieder platzen wird.

Die Wahrheit ist: Wir wissen es nicht, weder heute Abend, noch morgen. Denn die konkreten Ausformulierungen der Abmachungen werden auf sich warten lassen und mühsam nachverhandelt. Die bessere Kontrolle der Finanzmärkte, nicht zuletzt von Paris und Berlin vehement gefordert, ist eine gute Sache – auch wenn es sich nicht um eine Generalüberholung, sondern nur um eine Stabilisierung des Finanzwesens handelt. Wie weit die guten Wünsche reichen, wird sich erweisen, wenn die Wirtschaft wieder wächst und sich wieder Möglichkeiten der Abschwächung durch die Hintertüre ergeben.

Die Ausgaben erhöhen, um das Wachstum anzukurbeln? Klar, aber dann bitte nicht für Autos und Wegwerfgüter. Planloses Wachstum löst keine Probleme, sondern schafft welche, ist aber schneller und einfacher zu generieren. Und wer soll bitte die USA als Großkonsument ablösen? China? Möglich ist das, doch bis dahin ist es ein langer Weg, womöglich ein klimaschädlicher noch dazu.

Der Einfluss des IWF wird wachsen, das ist gut so, denn er wird gebraucht. Zudem werden die internationalen Finanzinstitutionen kein rein westliches Steuerungsmittel für Wohl und Wehe der Weltwirtschaftmehr  sein. Allerdings wächst auch der Einfluss des neuen Big Spenders China. Die Folgen dieser geopolitischen Zeitenwende könnten sich in einem westlichen Schmusekurse zu Peking zeigen, der nebenbei das Heuchlerische der eigenen Werte zu Tage fördert und diese damit mittelfristig erodiert.

War der G-20-Gipfel also ein Erfolg? Wer behauptet, er wisse es, lügt.

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