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Archive for April, 2010

Die Asymetrie des Krieges

Dieses Video zu einem solchen Thema zu stellen, erscheint auf den ersten Blick geschmacklos, aber ich erkläre es kurz. Vor wenigen Tagen fand ich in einem Economist-Artikel zur Lage im Jemen folgende Schilderung einer Begebenheit des dortigen Konflikts:

In one night engagement, the Houthis [die militanten Rebellen im Jemen, jk.]are said to have tied torches to a dozen goats and herded them into range of a Yemeni army platoon. The soldiers opened fire, revealing their position. The few who survived the Houthi counter-attack are said to have deserted.

Dabei fühlte ich mich sofort an die Schaflichter erinnert – und wunderte mich, wie unterschiedlich die Zweckentfremdung von Nutztieren im 21. Jahrhundert doch aussehen kann. Nun erkannte bereits der listenreiche Odysseus das Potential von Schafen , doch die Taktik der Houthi-Milizen ist ganz der Gegenwart angepasst – und ein Beispiel für asymetrische  Kriegsführung, wie wir sie auch bei “menschlichen Bomben“  sehen.  Kriege dieser Art sind für organisierte Armeen unglaublich schwer zu führen – und noch schwerer zu gewinnen, wie wir derzeit in Ländern wie Jemen, Somalia, Afghanistan oder im Osten der DR Kongo sehen.

Der griechische Bankrott

Griechenland ist finanziell am Ende – sollen die Investoren bei der Rettung mit ins Boot gezwungen werden?

Tempel der Athene

Griechenland hat schon bessere Zeiten gesehen (Foto via wallyg, Flickr, CC)

Es sind Abende wie diese, die in die Geschichte eingehen: Während ganz Fußballdeutschland vor dem Fernseher sitzt, schmiert gerade Griechenland an den internationalen Kapitalmärkten ab. Die Kurzversion: Die Ratingagentur Standard & Poor’s hat Athens Staatsanleihen vor wenigen Stunden zu Junk-Bonds erklärt, was nicht überraschend kommt, aber verheerende psychologische Signale an die Aktienmärkte sendet.  Die griechische Regierung hatte bereits vorher erklärt, kein Geld mehr aufnehmen zu können und ohne Hilfen am 19. Mai zahlungsunfähig zu sein.

Die deutsche Regierung ist daran nicht unschuldig: Das Taktieren der Kanzlerin und ihre Hoffnung, konkrete Zusagen bis nach der NRW-Wahl hinauszögern zu können, haben den Druck auf die Euro-Zone wachsen lassen. Morgen muss die Regierung jedoch Farbe bekennen: Es gibt geheime Abstimmungsgespräche, dazu kommen IWF-Chef Strauss-Kahn und EZB-Präsident Trichet nach Berlin.

Man kann die Situation durchaus mit den Tagen vor der Lehman-Pleite in den USA vergleichen – nur, dass alles andere als ein Bailout für die Investoren (Griechenland sieht von dem Geld nichts) nicht zur Disposition steht (die verfassungsrechtlichen Bedenken werden durch Workarounds erst einmal auf die lange Bank geschoben). Nach Angaben der Süddeutschen Zeitung benötigt Athen bis zum Jahr 2012 etwa 150 Milliarden Euro. Die Frage ist, wer daran beteiligt werden soll.

Eine Möglichkeit, nicht nur die EU-Länder bluten zu lassen, wäre eine Umstrukturierung der Schulden. Die hätte zur Folge, dass die Kreditgeber (also die Banken) einen Teil ihres Geldes nicht wieder sehen würden (Schuldenschnitt), die Kreditlast für Athen jedoch geringer und weniger zinsintensiv würde. Doch die entstehenden Ausfallquoten, so wird befürchtet, könnten nicht nur griechische Banken in den Abgrund treiben, auch französische und deutsche Kreditinstitute stecken in der Finanzierung des griechischen Staates mit drin (siehe Grafik).

Allerdings bleibt die Frage, ob der Verzicht auf eine Restrukturierung den Kollaps nicht nur verschieben würde, da der Schuldendienst aufgrund hoher Zinssätze die griechische Wirtschaft auf unabsehbare Zeit lähmen würde.

Nein, ich beneide die Verantwortlichen in dieser Situation nicht. Wir erleben derzeit das Ende der Euro-Zone, wie wir sie kannten – denn mittelfristig wird es unmöglich sein, die großen Unterschiede zwischen den Ländern als offene Flanke für geschickte Erpressungen durch Investoren beizubehalten. Folgt danach ein neues Kerneuropa, eine größere Zentralisierung der Wirtschafts- und Steuerpolitik, oder gar ein Auseinanderbrechen der EU (letzteres halte ich für wenig wahrscheinlich)?

Man kann jetzt viel schimpfen über die betrügerischen Griechen, die zaudernde Kanzlerin, die immer noch einflussreichen Ratingagenturen, die rücksichtslosen Spekulanten – doch konstruktive Lösungen tun not. Ich bin gespannt, wie die EU und auch die Bundesregierung aus dieser Sache halbwegs sauber wieder rauskommen wollen.

P.S:  Bemerkenswert in einem ähnlichen Zusammenhang ist dieser Bericht im Wall Street Journal über Investoren, die auf die Pleite von US-Bundesstaaten wetten. Wer jetzt dem Ruf nach einer stringenten und globalen Regulierung der Finanzmärkte nicht folgt, dem ist nicht zu helfen.

Kandidat für die Pralinenscheidung

Warum Belgien des EU-Land der permanenten politischen Krise bleibt.

Belgien Pralinen

In Belgien ist nichts mehr ganz (Foto: Ulterior ePicture, Flickr, CC)

Ich hatte vor einiger Zeit das Vergnügen, ein paar Belgiern die Stadt zeigen zu dürfen. Vielleicht geziemt es sich zu solchen Gelegenheiten nicht, über Politik zu sprechen, aber sowas kümmert mich ja prinzipiell nicht. Auf meine Frage, was sie von der gegenwärtigen belgischen Politik hielten, erntete ich allerdings nur ein Kopfschütteln und Augenrollen als Antwort – wohl zur Ablenkung bestellten sich die Gäste darauf Hochprozentiges.

Belgien ist ein zerrissenes Land im Herzen Europas, und es gibt nicht wenige, die für diese Zweckgemeinschaft von Flamen und Wallonen nichts anderes als eine Pralinen-Scheidung empfehlen. Die Probleme sind mannigfaltig, von der Sprachdifferenz bis hin zu den wirtschaftlichen Unterschieden: Früher war die Wallonie reich, heute ist Flandern der wirtschaftlich gesundere Teil des Landes, was dort zu Separatismusbestrebungen führt. Insgesamt hat Belgien allerdings eine der höchsten Arbeitslosenquoten in Europa, die rechtspopulistische Spaltungspartei Vlaams Belang treibt die etablierten Parteien vor sich her.

Nun ist wieder einmal eine Regierung aufgelöst worden, gescheitert am Sprachenstreit rund um die Region Brüssel, die selbst von den Bürgern dort fast niemand mehr versteht. Die Kompromissbereitschaft, die verantwortliche Politiker des Landes lange ausgezeichnet hatte (ein Grund, weshalb die EU Herman Van Rompuy zum Präsidenten des Europäischen Rats machte), sie scheint am Ende.

Dass die Regierungskrise nicht einmal drei Monate, bevor Belgien die EU-Ratspräsidentschaft übernimmt, ausbricht, ist mittelfristig noch das geringste Problem: Das Land muss sich in den kommenden Jahren die Frage stellen, ob ein gemeinsames Weitermachen noch sinnvoll ist. Meine Prognose: Im Jahr 2020 wird die Teilung des Landes bereits vollzogen sein.

Und die Lehre aus der Asche?

Vulkan in Island

Die Erhabenheit der Weite (via Haukur H, Flickr, CC)

Es ist das klassische Szenario eines Hollywood-Drehbuchs: Am Flughafen gestrandet finden die Einsamen die Liebe ihres Lebens, die Namenlosen ihre Tyler Durdens. Soweit zur Hollywood-Theorie – die Wahrheit sieht derzeit an vielen Flughäfen etwas ernüchternder aus.

Ich höre von Bekannten oder Kollegen, die in Asien, der Karibik oder den USA feststecken und langsam sogar in der Sonne Kaliforniens langweilen. Der Vulkanausbruch auf Island hat für einige Tage den  Flugverkehr in, von und nach Europa zum Erliegen gebracht – und uns die Verletzlichkeit  von Mobilitätsnetzwerken vor Augen geführt.

Hat er das? In den nächsten Stunden und Tagen wird der Flugverkehr wieder anlaufen, weil der Staat schon Banken rausgehauen hat, wird er das auch bei den Fluglinien machen. Der erste deutsche Flug ging vorhin von Hamburg nach Malle, hurra, der Urlaub kann beginnen.

Was wird übrig bleiben, jenseits der Anekdoten und der Erkenntnis, dass wir inzwischen eine hochmobile, globalisierte Gesellschaft sind? Den Flugverkehr an sich zu kritisieren, zumal ein solches Ereignis nur schwer vorhersagbar ist und die Ersatznetzwerke trotz allem irgendwie funktioniert haben, würde beinahe schon antiquiert wirken, haben wir uns doch längst an die Erreichbarkeit der entferntesten Ziele gewöhnt.

Und doch könnte sich eine Frage aus dem isländischen Dunst herauskristallisieren: Ist diese Erreichbarkeit wirklich selbstverständlich? Wäre es objektiv gesehen ein Rückschritt, wenn weit entfernte Länder tatsächlich wieder in der Ferne lägen? Könnten die vergangenen Tage eine Welt gezeigt haben, wie sie in einigen Jahren ob der Verknappung der fossilen Brennstoffe aussieht?

Außer Haus

Außer Haus

Foto: Xianxi, Flickr, CC

Nein, ich habe das Bloggen nicht verlernt – ich bin in dieser Woche nur auf einer anderen Baustelle, sprich: für meinen aktuellen Arbeitgeber unterwegs. Wer sich für die Bloggerkonferenz Re:publica interessiert, sollte dort nachsehen.

Kaukasus: Rationalität im Irrationalen

Der Terroranschlag von Moskau zeigt, dass Russland im Kaukasus versagt hat. Doch der Kreml wird nicht von seiner Strategie abrücken – zum Leidwesen aller Staatsbürger.

Soldatenstiefel

Konfliktlösungsstrategien, Kreml-Style (via Stroopwaffels, Flickr, CC)

Mehr als 50 Menschen sind seit Montag vergangener Woche bei verschiedenen Anschlägen in Russland ums Leben gekommen: In Moskau sprengten sich zwei Frauen in der Metro in die Luft und töteten dabei mindestens 40 Menschen, zwei Tage später kamen zwölf Menschen bei zwei Selbstmordanschlägen in Dagestan ums Leben, weitere Anschläge auf Güterzüge folgten.

Es geht hier nicht um einen Freiheitskampf, sondern um Rache und den Versuch, Chaos zu stiften. Diese Taten sind in ihrer Unmenschlichkeit nicht zu rechtfertigen; wir sollten allerdings auch davon absehen, der Semantik zu folgen, welche die russische Führung über den Konflikt im Nordkaukasus gewölbt hat. Die leidige Phrase vom “Krieg gegen den Terror“ darf nicht mehr vom wahren Kern des Konflikts ablenken.

Noch im vergangenen Jahr erklärte Moskau, die Situation in Tschetschenien sei stabil. Was jahrelange Truppenpräsenz nicht zu erreichen schien, schaffte seit 2007 der dort als Statthalter Moskaus fungierende Präsident Ramsam Kadyrow. Man könnte den 33-Jährigen als sadistischen Gangster beschreiben und würde damit wahrscheinlich nicht besonders falsch liegen: Zu seinen Methoden sollen Entführungen von Regimegegnern, Folter und die Ermordung von Kritikern gehören – einige davon waren nicht einmal im Ausland vor ihren Henkern sicher.

Der Deckmantel des Antiterrorkampfes hat Moskau und seinen Vasallen den Vorwand geliefert, fundamentale Menschenrechte wiederholt mit Füßen zu treten.  Die Frustration, die auch die Bevölkerung in Nachbarregionen wie Dagestan und Inguschetien verspürt, machte es Verbrechern wie dem selbsternannten pankaukasischen Emir Doku Umarow leicht, Anhänger für sich und seine islamistische Ideologie zu sammeln. Ob die beiden Selbstmordattentäterinnen von Moskau aber tatsächlich unter seinem Einfluss standen, ist  alles andere als sicher – was Umarow auf jeden Fall gelungen ist, ist die Erweiterung des Konflikts um eine gefährliche religiöse Komponente, die vor 15 Jahren noch keine Rolle spielte.

Russland kämpft bereits seit dem 19. Jahrhundert immer wieder gegen Unabhängigkeitsbestrebungen im Kaukasus, wo mehrere Dutzend unterschiedlicher Völker auf unübersichtlichem Terrain nebeneinander leben. Wer sich an Afghanistan erinnert fühlt, liegt richtig – und ein Afghanistan im eigenen Hinterhof, womöglich von Schwergewichten wie Iran unterstützt, ist das letzte, was Moskau gebrauchen kann. Allerdings zeigen die Anschläge einmal mehr, dass das Mittel der gewaltsamen Unterdrückung bittere Konsequenzen hat und sich Medwedew und Putin dringend eine neue Strategie überlegen müssen – die ersten Äußerungen aus dem Kreml deuten allerdings nicht darauf hin, dass es dazu kommen wird.

Eines ist klar: Würden Dagestan, Tschetschenien oder Inguschetien unabhängig werden, würde die Region derzeit weiter destabilisiert, unkontrollierbare Bürgerkriege in den jeweiligen Ländern ausbrechen und eventuell die ganze Region ins Chaos stürzen. Eine Devolution der Verwaltungen könnte sicherlich einigen Druck vom Kessel nehmen, jedoch wird die paranoide russische Führung dies weiterhin nicht ins Auge fassen – abgesehen davon sind die derzeitigen Führer vor Ort korrupte Marionetten, die keinerlei Interesse am Wohl des Volkes haben.  Die Alternativstrategie, in die Regionen zu investieren, um durch Wirtschaftswachstum für Zufriedenheit zu sorgen, ist bislang gescheitert:  Das meiste Geld aus Moskau verschwand auf den unterschiedlichsten behördlichen Ebenen, bevor es die Menschen und Unternehmen vor Ort erreichen konnte.

Ich sehe derzeit keine Lösung für den Konflikt im Kaukasus. Das Bild der 17-jährigen Attentäterin zeigt das “Pop-Potential”, das der Terror dort inzwischen hat. Die Führer vor Ort sind korrupt, die Menschen der Willkür der Sicherheitskräfte ausgesetzt; Moskau selbst ist in einer Ideologiefalle gefangen und wird durch brutaleres Durchgreifen diese Situation nur verschärfen. An das Schema Aktion-Reaktion haben wir uns als Außenstehende in dieser Region bereits gewöhnt – für die Menschen vor Ort bleiben die bitteren Alternativen, einzig zwischen der Akzeptanz brutaler Unterdrückung durch die örtlichen Machthaber und den irrationalen Parolen der Islamisten wählen zu können.

München, Deine Plakatkultur

Wer mich kennt, weiß, dass ich München manchmal etwas wundersam finde. Das lustige kleine Bergvölkchen überrascht mich immer wieder – dieses Mal mit seiner skurrilen Plakatkultur.

Max & Moritz Plakat München

(c) joha, Creative Commons (Attribution-Share Alike 3.0 Unported)

München war einst Geburtsstätte und Drehort des Schulmädchenreports, und diese Tradition der Zote findet sich auch im Nachtleben häufiger, wenn betrunkene Männer samt Maßkrug einfach auf die nächstbeste Frau fallen, in der Hoffnung, es würde sich daraus eine Familiengründung oder zumindest ein persönlicher Schulmädchenreport ergeben. Auch das Etablissement Max und Moritz,  Teil der “nichtsaussagenden Masse an schlechten Clubs in München”, wie jemand auf Qype schreibt, fühlt sich mit seinen Plakaten der Dämlichkeit verpflichtet. Links Max, rechts Moritz, höhö, Tusch, Prost, die halbe Stadt nässt vor Lachen ein. Bereits das Vorgängermotiv löste ein lokales Nippelgate aus, was dem Laden mehr Publicity schenkt, als er verdient. Deshalb nur ein Satz: So oversexed und underfucked lockt Ihr nicht mal den immergeilen Graf Porno aus seinem Schloss.

Plakat Tierpark Hellabrunn

(c) joha, Creative Commons, Attribution-Share Alike 3.0 Unported

Münchner pflegen ein inniges Verhältnis zur Tierwelt – man sehe sich nur einmal die allsamstäglichen Schlangen vor den örtlichen Metzgereien an. Als ich dieses Plakat sah, war ich dann aber doch erst einmal entsetzt – ich dachte, sowas gibt es nur im Allgäu! Erleichtert durfte ich feststellen, dass es sich um Werbung für den Tierpark Hellabrunn handelt. Ja, bezichtigt mich nur der Zote, aber Bildausschnitt und Motiv sind – gelinde gesagt – unglücklich gewählt. Aber schön, dass hier die originelle wie selten verwendete Phrase “O’zapft is” verwendet wird – die hab ich sowieso selten gehört in dieser Stadt.

Plakat in München

(c) joha, Creative Commons, Attribution-Share Alike 3.0 Unported

Meinen persönlichen Favoriten habe ich am Wettersteinplatz gefunden – und er ist nur einem unaufmerksamen Plakatkleber zu verdanken. Text-Bild-Schere nennt man das gerne – allerdings dachte ich beim ersten Hinsehen tatsächlich, das südafrikanische Pendant zu den Rolling Stones sähe inzwischen so aus. Sollte Howie bei seinem nächsten Comeback wirklich nackt mit dem Mofa auf die Bühne fahren, will ich Karten für die erste Reihe – alleine schon, um die Reaktion seiner treuen Ü-60-Fangemeinde zu erleben.

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