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Archive for July, 2010

Kleine Sprünge ins Ungewisse

Zwei Männer springen

Jump!, sagte Van Halen. (via Il Quoquo, Flickr, CC)

Es gäbe gerade sehr viele Themen, zu denen gute Blogbeiträge fällig sind: Duisburg und die Folgen, die nähere und fernere Zukunft des Finanzwesens, die anstehenden Wahlen in Ruanda und Mynmar, die Philosophie hinter dem aktuellen Tories-Aktionismus und was Konservative in Europa und den USA davon lernen können … die Liste ist endlos. Doch derzeit ist es auf kopfzeiler.org relativ ruhig, weil ich mitten in einer anderen Baustelle stecke: Bloggertramp.com

Um was es geht, ist drüben genauer umrissen. In wenigen Worten: Ich werde ab Mitte August vier Wochen durch Europa trampen und darüber bloggen, hoffentlich viele Geschichten erleben und erzählen. Für mich ist das eine neue Rolle: Zwar glaube ich, dass regelmäßige kopfzeiler-Leser sich ein Bild darüber machen können, was für ein Mensch ich bin und welche Einstellung ich zum Leben und bestimmten Themen habe – selbst jedoch näher an den Mittelpunkt zu rücken, Teil der Geschichte zu sein, ist eine große Herausforderung. Ich bin gespannt, wie ich mit ihr umgehen werde.

Aber da am Ende sowieso immer alles anders als gedacht kommt, muss ich einfach den Tigersprung ins Ungewisse wagen, um zu sehen, was passiert. Die kopfzeiler-Taktung wird darunter etwas leiden, doch am Ende wird es sich lohnen.

Wer die Zukunft kennt

Mann im Parkhaus

Que sera, sera... (Foto via Turkairo, Flickr, CC)

Da ich auf diesem Blog öfter mal gewagte Prognosen abgebe, wird es kaum jemanden überraschen, dass ich derzeit nebenbei gerade für ein Stück für meinen derzeitigen Auftraggeber zum Thema Zukunftsprognosen per Algorithmus recherchiere.

Mir geht es dabei konkret um die Vorhersage von menschlichem Verhalten. Je mehr ich mit beschäftige, desto mehr kommt es mir vor, als würde es keine wirkliche Kategorisierung für dieses Feld geben – was mir Informatiker auch bestätigt haben. Ich selbst habe drei Kategorien der Verhaltensvorhersage identifiziert.

1. Vorhersage von Problemlösungen anhand der Spieltheorie
(so wie es Bruce Bueno de Mesquita macht).
Beispiel: Wie sieht eine Lösung im Atomstreit mit dem Iran aus (Player, Motivationen und Zielkorridore sind bekannt, Spielrunde für Spielrunde wird durchberechnet, wie sich die Lage verändert).

2. Vorhersagen von Massenbewegungen
Beispiel: Anhand der Google-Suchanfragen wird der Grand-Prix-Sieger prophezeit (in eine ähnliche Richtung scheint wohl das Startup Recorded Future zu gehen, in das Google auch kräftig investiert hat).

3. Vorhersagen von individuellem Verhalten durch gezieltes Data-Mining
Beispiele: Korrelation zwischen Einkäufen und Scheidungsraten, Versuch der gezielten Konsumvorhersage durch Auswertung von Verhaltensprofilen in sozialen Netzwerken. Hier bin ich mir nicht sicher, ob und inwieweit das nur eine ausgeklügelte Variante dessen ist, was Marktforschung bereits seit jeher leistet – und welches Verhalten wirklich vorhersagbar ist.

Ich kann mir nicht vorstellen, dass diese Kategorien vollständig sind; zudem sind die Definitionen noch etwas unsauber. Deshalb wollte ich das Thema einfach mal in den Raum werfen und hoffe auf schlaue Beiträge und Leseempfehlungen in den Kommentaren.

China: Das Ende der Sweatshop-Formel

Chinas steigende Löhne haben nicht nur für westliche Unternehmen, sondern auch für das Klima Folgen.

China, Porträt eines Arbeiters

Er will mehr als bisher (via Saad Akhtar, Flickr, CC)

Ein Vierteljahrhundert war China der Sweatshop der Welt, nun deutet sich langsam eine Veränderung an: Die Foxconn-Krise hat gezeigt, dass eine neue Generation chinesischer Arbeiter  sich langsam Bahn bricht. Sie sind besser ausgebildet, wissen mehr über ihre Rechte und haben höhere Erwartungen an ihr Arbeitsleben*. Von einer Bewegung zu reden, ist zu früh - klar ist jedoch: Für internationale Konzerne neigen sich die Zeiten der niedrigen Produktionslöhne in vielen Regionen des Landes dem Ende entgegen.

China ist theoretisch groß genug, um einen steigenden Lebensstandard zuzulassen: Der Osten könnte so die Binnennachfrage ankurbeln und langsam höherwertige Aufgaben in der Produktionskette übernehmen, während die klassischen Fabrikarbeiten in die ärmeren Regionen abwandern. Damit würde sich das Land nebenbei etwas unabhängiger vom Export machen können.

Allerdings hat der steigende Wohlstand noch eine andere Folge: Die Explosion der Konsumgesellschaft führt auch zu höheren Umweltschäden. Bereits jetzt liegen 16 der 20 verschmutztesten Städte der Welt in China. Die Energiebilanz des Landes dürfte sich nicht verbessern, wenn dort die westliche Wohlstandsgesellschaft kopiert wird und Autos, Klimaanlagen und Elektrogeräte aller Art zum Standard werden.

Der Westen ist hier in einer schwachen moralischen Position, die letztlich auch die Klimaverhandlungen in Kopenhagen zu Scheitern brachte: Wer jahrelang mit der größten Rücksichtslosigkeit den eigenen Komfort vorangetrieben hat, argumentiert Peking, darf aufsteigenden Ländern nun den Wohlstand mit all seinen Folgen nicht verwehren.

Allerdings sind die Umweltprobleme in Teilen des Landes so gravierend, dass die Regierung selbst den Handlungsbedarf erkannt hat – auch hinsichtlich möglicher Exporte ist die Weiterentwicklung von Umwelttechnologien ein zentraler Punkt in der Wirtschaftspolitik.

An ein grünes China, das Umweltschutz ins Zentrum seiner Politik rückt, fehlt mir angesichts der auf klassisches Wirtschaftswachstum (trotz möglicher Immobilenblase) ausgerichteten Politik und einer Einwohnerzahl von 1,3 Miliarden Menschen jedoch derzeit der Glaube. Die Sweatshop-Formel mag nicht mehr gelten –   die Rolle als Fabrik der Welt wird sich China jedoch nicht nehmen lasen wollen.

*steigende Löhne sind übrigens auch volkswirtschaftlich geboten: Der Teil der Arbeitslöhne am Bruttosozialprodukt sank von 1983 bis 2005 von 57 auf 37 Prozent.

Katastrophe am Rande der Wahrnehmung

BP und das Ölleck im Golf von Mexiko: Vertuschungen, Verschwörungen und eine Katastrophe, an die wir uns viel zu schnell gewöhnt haben.

Deepwater Horizon

Die Wahrheit liegt tiefer (via KK+, Flickr, CC)

Seit 76 Tagen fließt das Öl dort, wo früher die Ölplattform Deepwater Horizon stand. Fast ungehindert, inzwischen auch fast unbemerkt:  Wie so oft verliert eine Katastrophe ihren Schrecken, wenn wir uns an sie gewöhnt haben.Bis zu den Entlastungsbohrungen sind es noch einige Wochen, in denen nichts passieren wird. Außer weiterhin Öl, viel Öl, zerstörte Ökosysteme, dunkle Strände und tote Vögel.

Doch von all dem sehen wir wenig, was nicht nur daran liegen könnte, dass die Berichterstattung jenseits der lokalen Medien an Bedeutung verliert: Immer wieder erzählen Reporter, dass Sicherheitskräfte ihnen den Zugang zu den Katastrophengebieten verwehren (eine Übersicht gibt es auf dieser Seite). Glaubt man der Mother-Jones-Reporterin Mac McClelland (hier ein Interview als Stream oder Transkript), deutet vieles auf eine unselige Art des Private-Public-Partnership hin: Die lokalen Behörden erscheinen in vielen der geschilderten Fälle als Handlanger für BP; ein Eindruck, der durch die jüngste Entscheidung, Medienvertreter nicht näher als 20 Meter an die Ölsperren zu lassen, verstärkt.

Längst hat BP jede Glaubwürdigkeit verloren, und wo es keine Glaubwürdigkeit gibt, machen schnell die wildesten Gerüchte die Runde: Da wird ein Bericht des Hoax-Autoren “Sorcha Faal” herumgereicht, wonach das Öl bereits aus dem Meeresboden austritt und nur mit einer nuklearen Sprengung zu stoppen ist; da nimmt Keith Olbermann bei MSNBC einen anonymen wie spekulativen Bericht aus einem Ölforum auf, um ihn von einem Fachmann ebenso spekulativ als mögliches Szenario bestätigen zu lassen; da wird weiterhin behauptet, Obama würde keine fremde Hilfe wegen seiner Nähe zu den Gewerkschaften zulassen, obwohl dies offensichtlich nicht der Wahrheit entspricht.

Jenseits des Spins, der Vertuschung und der eigenen Projektion bleibt derzeit nur das Wissen, dass weiter Rohöl in großen Mengen ins Meer fließt. Die ganze Wahrheit werden wir erst in einigen Monaten erfahren. Wir können nur hoffen, dass bis dahin die Deepwater Horizon nicht in Vergessenheit geraten ist. Und, dass BP zur Rechenschaft gezogen wird und eine unabhängige Untersuchungskommission sämtliche Ungereimtheiten und Vorwürfe aufklärt. Denn BP zerstört gerade nicht nur ein Ökosystem, sondern auch die wirtschaftlichen Grundlagen und womöglich die Gesundheit der Anwohner. Denn nach dem PB-Syndrom während des ersten Golfkriegs könnte die Welt bald Bekanntschaft mit dem BP-Syndrom und den Folgen des giftigen Dispersionsmittels Corexit auf Ökosysteme und Lebewesen machen.

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