Daily Archives: November 29, 2010

Das Kabel Globus

Wikileaks oder “was ist Transparenz?”

Über den Wert der aktuellen Wikileaks-Enthüllungen.

Julian Assange

Als der Wikileaks-Kopf noch lange Haare hatte (Via NewMediaDaysDK, Flickr, CC)

Wikileaks hat die Geheimdepeschen der US-Botschaften veröffentlicht und holt damit Geschichtsschreibung zwar nicht ganz in die Echtzeit, aber doch 20 bis 25 Jahre näher als bislang.

Bei genauerem Hingucken stellt sich jedoch die Frage, welchen Mehrwert die Veröffentlichungen haben – denn wirklich brisant ist das alles nicht, es handelt sich eher um Gossip und Sichtweisen, die jeder nachvollziehen kann. Kein Wunder, denn “Top Secret”-Material ist eben nicht dabei. Frank Lübberding schreibt deshalb von “journalistischer Pornographie”, und auch Nicolas Richter wirft in der SZ die Frage auf, ob Transparenz per se bereits ein öffentliches Interesse darstellt.

Ich bin in dieser Frage beinahe auf der Seite der beiden Autoren, habe aber aufgrund der Macht des Faktischen eine Einschränkung: Denn viele Spiegel-Geschichten zur Innenpolitik sind letztendlich auch nichts anderes als Kolportagen, die aber meist in ein größeres Mosaik eingebettet sind. Insofern ist Wikileaks mit der aktuellen Veröffentlichung ein ganz normales Medium geworden, das sich mit mehr oder weniger schlagzeilenträchtigen Informationen auf dem Markt der Informationsdealer zu behaupten versucht.

Was bei mir persönlich allerdings einen seltsamen Nachgeschmack hinterlässt ist die Tatsache, dass wir hier von einer asymmetrischen Transparenz sprechen – denn es wird eben nur die Diplomatie der US-Seite entlarvt, ähnliche Protokolle von deutschen, chinesischen oder russischen Botschaften bleiben aus. Das kann man natürlich Wikileaks nicht zum Vorwurf machen – bei der schieren Menge der Daten macht diese Tatsache allerdings schon einen Unterschied.