Die Revolution als Mem

Gedanken zu #occupywallstreet

Occupy Wall Street
The revolution will be photographed (Jessica Wilzig, Flickr, CC BY-NC-SA 2.0)

Vielleicht liegt es daran, dass wir uns – um Slavoj Žižeks Lieblingsphrase zu verwenden – in der Tat das Ende der Welt, nicht aber das Ende des Kapitalismus vorstellen können: Auf jeden Fall habe ich im Moment noch große Zweifel, dass #occupywallstreet in den kommenden Wochen zu einer echten Massenbewegung wird. Allerdings bin ich dennoch von den Protesten fasziniert, weil sich die Demonstrationen einem Narrativ entziehen und deshalb nicht einfach zu dechiffrieren und in semantische Schubladen zu stecken oder sogar zu infiltrieren sind.

Andrian Kreye hat auf der Seite 3 der Samstags-SZ aufgezeigt, dass die Mitglieder aus ganz unterschiedlichen Gesellschaftsschichten stammen und durchaus unterschiedliche Wünsche haben. Die Forderung, die Wall Street “bezahlen“ zu lassen ist nur der kleinste Nenner und die Bewegung sollte tunlichst vermeiden, sich auf diese Forderung reduzieren zu lassen.

Diese Heterogenität, das Fehlen einer kohärenten Botschaft und die Abwesenheit einer vertikalen Führungsstruktur lässt viele Medien im Dunkeln tappen: Die Analogie zur Tea Party funktioniert ebenso wenig wie der Versuch, sie am linken Rand der Demokraten zu verorten. Die größte Gefahr lauert allerdings in der Tat darin, sich von Obamas Demokraten absorbieren zu lassen oder in klassisches Gewerkschafts-Fahrwasser zu geraten, wie es sich bei einigen Solidaritätsbekundungen bereits andeutet.

Womöglich scheitert #occupywallstreet an unserer klassischen Demonstrationsrezeption. Alles in uns schreit: “Ihr braucht eine Agenda!“, obwohl uns doch gerade das Fehlen einer ebensolchen fasziniert, womöglich, weil fast jede Art von konkreter Forderung sowieso nur noch mit Zynismus begleitet wird. Und so bleibt die Hoffnung, es könnte mehr als der sonnige Herbst einer Jugend sein, der mit dem Einzug der Winterkälte schnell zu Ende geht. Vielleicht braucht es auch im Zeitalter der Vernetzung und der Meme keine konkreten Forderungen, keine Führungsfiguren (siehe Ägypten), zumindest nicht zu diesem Zeitpunkt. “Es geht um den Prozess, nicht die Plattform“, hat Hendrik Hertzberg vom New Yorker richtig bemerkt.

Ob #occupywallstreet den Durchbruch schafft oder schon mit dem ersten Schnee, spätestens im Frühlings-Tauwetter langsam in Vergessenheit gerät: Wir sollten uns hüten, die Ernsthaftigkeit der Beteiligten anzuzweifeln und sie vorschnell mit den vielen hedonistischen Slacktivism-Bewegungen der jüngeren Vergangenheit in eine Schublade stecken. Den Menschen von #occupywallstreet ist es ernst, und wer das nicht glaubt, sollte einfach nur mal einen Blick auf das Tumblr-Blog “We Are The 99 Percent“ werfen. Das passiert, wenn ein Land seine Mittelschicht vor die Hunde gehen lässt.

Mehr:
Nick Kristof überlegt, welche Forderungen die OWS-Bewegung stellen sollte.
On The Media über die Medienrezeption

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *

You may use these HTML tags and attributes: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>