20 Jahre Mauerfall: Was wir verpasst haben
Ich habe unsere Verwandten in der DDR als Kind immer beneidet: Wenn wir sie besuchten, hatten wir auch eine Kiste mit Lebensmitteln dabei, darunter auch eine Menge Süßigkeiten, die natürlich auch mir geschmeckt hätten. Vielleicht hoffte ich deshalb, als im am 10. November 1989 am Frühstückstisch vom Mauerfall erfuhr, dass all die Kinderriegel und Bonbons nun mir zustünden.
Als wenig später die ersten Übersiedler in meine Klasse kamen, wurden weltbewegenden Veränderungen in Deutschland konkreter für mich. Leider stellte sich heraus, dass die DDR Fußballspieler wie Thomas Doll und Ulf Kirsten hervorgebracht hatte, die Neuzugänge meiner Mannschaft allerdings absolut keinen Schimmer hatten, wie sie ihre Füße einsetzen sollten.
20 Jahre ist das her, ich habe seitdem viele Vorurteile auf beiden Seiten erlebt, und erlebe sie heute noch. Doch es werden weniger, weil sich langsam eine gemeinsame Geschichte entwickelt, ein gemeinsames Geschichtserleben stattfindet. Leider fehlt vielen Regionen des Ostens die wirtschaftliche Kraft, um in der deutschen Wahrnehmungsgeographie mehr als eine Außenseiterposition einzunehmen.
Wahrscheinlich wird der Zeitraum vom 9.11. bis 11.9. (2001) einmal als der gefühlt friedlichste der nördlichen Hemisphäre in die Geschichte eingehen, trotz der Kriege in Jugoslawien. Aber mich wird er auch immer daran erinnern, welche Chancen wir vergeben haben. Wie Oppositionelle, Intellektuelle und DDR-Bürgerrechtler ignoriert wurden bei ihrem Versuch, die Wiedervereinigung zu nutzen, um ein System zu schaffen, das den freien Markt mit den guten Eigenschaften des Sozialismus zu verbinden.
So oft “Nicht alles war schlecht in der DDR“ von Apologeten eines Unrechtsstaats verwendet wird, so engstirnig sind und waren die Denkverbote hinsichtlich der Analyse positiver Eigenschaften dieser Gesellschaft. Stattdessen wurde die DDR nach dem Mauerfall aufgekauft und abgewickelt, das westliche Wertesystem dem Osten mit einem Ruck übergestülpt. Vielleicht ging es nicht anders, in der Hektik des Augenblicks. Doch viele der heutigen Disruptionen rühren daher, so auch die Verklärung der DDR oder die Entfremdung von dem, für was das vereinte Deutschland steht.
Aus den Blogs zum Thema:
Cem Basman: “Wo warst du am 9. November 1989?”
tagSEOBlog: 20 Jahre Mauerfall – die Medien und die Mauer
Pottblog: Wo war ich am 9. November 1989?
e13: Wo warst Du am 9. November 1989?
Tags: 9.November 1989, DDR, Deutsche Einheit, Deutschland, Kalter Krieg, Mauerfall
This entry was posted on Sunday, November 8th, 2009 at 10:53 and is filed under Kleine Welt. You can follow any responses to this entry through the RSS 2.0 feed. You can leave a response, or trackback from your own site.

November 9th, 2009 at 22:25
Schon 20 Jahre?! | USmith Blog says:[...] 20 Jahre Mauerfall: Was wir verpasst haben [...]
November 10th, 2009 at 21:55
Hi Kopfzeiler,
Ich wünsche mir oft, dass die Intellektuellen in der DDR eine Chance gehabt hätten, und sei es ein Paar Jahre nur, den Neubeginn mitzugestalten. Aber die Annäherung zwischen “uns” und “ihnen” (egal von welcher Seite aus betrachtet) war einfach unglaublich schwierig. Woher sollte die Öffentlichkeit kommen die man braucht, Sachen zu diskutieren? Alles, was in der DDR interessant war spielte sich privat ab.
November 11th, 2009 at 22:58
Hallo joha,
ja, irgendwie schade und ein Gefühl, was verpasst zu haben. Ich habe den 9. November 89 vermutlich verschlafen. Dann plötzlich die vielen freundliochen Fremden aus dem Osten, freudestrahlend und halb gestresst von den Konsummöglichkeiten, die ihnen das Begrüßungsgeld eröffnete. Und schon war das Ende der Diskussion eingeläutet. Die Kohl’sche Bräsigkeit besiegte den Aufbruch und mündete im Abbruch. Das Ende der Geschichte wurde schnellstmöglich beschlossen und unverdrossen weiter Geschichte gemacht mit hatlosen Versprechen von blühenden Landschaften. Da wurde viel versäumt. Und wie inder Schule, Versäumtes ist nachzuholen, auch nach 20 oder 25 Jahren.