
Heiligendamm nach dem Gipfel: Reste einer Magenverstimmung? (via Flickr)
„When the music’s over, turn out the hype“ könnte es heißen, jetzt, da die letzten Aufräumarbeiten vorbei sind und langsam wieder Normalität einkehrt. Oder hat der Hype gerade erst begonnen?
Was Angela Merkel angeht, hat der Hype zumindest einen neuen Höhepunkt erreicht – in den Medien zumindest. Schlagzeilen, die sie zum Fußballmeister machen
oder gar zur Miss World küren, ihre Moderations- und Integrationskraft feiern, wurden in den letzten Tagen reihenweise produziert. Tatsächlich hat es Frau Merkel geschafft, die – selbst hochgesteckten – Erwartungen vor dem Gipfel nach unten zu schrauben, um dann einen Formelkompromiss als großen Durchbruch zu verkaufen. Die Medien schienen nur darauf gewartet zu haben, von der Kanzlerin die Deutung der Klimaerklärung geliefert zu bekommen – so wurden die vorsichtigen Bewertungen bald zu Meilensteilen – und die Kanzlerin zur Gipfelstürmerin.
Überhaupt, die Medien: Champagner in der Hand, Strandkorb unterm Hintern – Deutschlands journalistische Elite gab ein wohlgenährtes Bild ab -
Womit wohl wieder jedes Klischee über unsere Zunft im 21. Jahrhundert erfüllt wird. Dass da Fehler in der Protestberichterstattung auftauchten, weil alle im Pressebereich entspannten, ist deshalb nur folgerichtig – aber natürlich ist die Polizei gerade bei einem solchen Ereignis eine ausgezeichnete Quelle für neutrale Berichte über das Demonstrationsgeschehen. Doch Besserung ist gelobt – immerhin kümmerten sich einige Kollegen um Kontroversen, die durchaus einen zweiten Blick wert waren.
Womit wir schon beim Schwarzen Block wären: Jahrelang war der Ausdruck nur Polizeiangehörigen und regelmäßigen Demogängern bekannt – inzwischen widmet ihm sogar die Bild eine ganze Seite (die Taz natürlich einen Titel). Doch näher beleuchten ließen die dunkel gekleideten Gesellen nicht – vielleicht hätte man hinter der Vermummung eh nichts verstanden. Für die Ausschreitungen in Rostock können sich alle Freunde der Demokratie bei den schwarzen Rabauken bedanken: Konservativere Zeitgenossen werden die Vorkommnisse sicherlich für eine weitere Verschärfung der Sicherheitsgesetze nutzen. Ein erstes Opfer war bereits der Brokdorf-Beschluss, der durch das Bundesverfassungsgericht bei seiner Entscheidung zum Demonstrationsrecht in Heiligendamm unter dem Schock der Rostocker Ereignisse außen vor gelassen wurde.
Viele der friedlichen Demonstranten fanden aber dennoch ihren Weg zum Zaun. Für Tausende angereister Gipfelgegner aus ganz Europa war Heiligendamm ein kleines Woodstock – mit ähnlich schlimmer Kleidung, wie der Stilkritiker aus der Ferne bemängeln mag. Doch ob Armutsbekämpfung und Klimaschutz wirklich für mehr als ein punktuelles Engagement sorgen kann? Auf Dauer droht der Linken ein ähnlicher Prozess wie der SPD: Die Einsicht, dass man gegen Globalisierung an sich nicht demonstrieren (regieren) kann. Wenn diese Einsicht gerift und damit das letzte bisschen Klebstoff, das die auseinanderdriftenden Gruppen für solche Ereignisse zusammenhält, getrocknet und spröde geworden ist, kann dies einen Aufbruch zu neuen Ufern bedeuten – oder einen Neustart bei Null.
Haben wir etwas vergessen? Achja, das Klima. Dem geht es weiter den Umständen entsprechend. Die Pille Uno-Beratung ist verschrieben, ob sie sich als Placebo herausstellt, wird erstmals der Klimagipfel in Bali im Dezember zeigen. Auf der Basis von Formelkompromissen wurde schon oft einiges erreicht – allerdings nur, wenn die Beteiligten in dieselbe Richtung arbeiteten. Im großen Rahmen der Vereinten Nationen ist fraglich, ob die Gemeinsamkeiten für eine Vereinbarung reichen, die nur annährend die von Europa geforderten 50 Prozent Emissionsreduktionen festschreiben kann.
Indien, China und die USA werden die entscheidenden Faktoren sein – als Joker ist hierbei UN-Generalsekretär Ban Ki Moon im Spiel, der sich erstmals profilieren kann. Seine bisherigen Errungenschaften lassen jedoch nur kühne Optimisten glauben, dass er eine Rolle übernehmen kann, wie sie Angela Merkel in Heiligendamm der Medienloblieder zufolge inne hatte. Nicht zu vergessen – der Druck, konkrete Ergebnisse zu erzielen, ist im nächsten Jahr sehr viel größer.
Was ein Jahr nach der Fußball-Weltmeisterschaft bleibt: Klima ist das neue Schwarz, beziehungsweise kein Schwarz, wegen dem Block. Es ist zu befürchten, dass Afrika wie in den vergangenen 40 Jahren gerettet wird und die Klimasau, sobald sie einen Sommer durchs Dorf getrieben wurde, still und heimlich im New Yorker Uno-Gebäude verhungert. Die Konsequenzen würden wir immerhin alle spüren – ob Gipfelstürmer, Strandkorb-Schläfer oder Schwarzblöckler.