Das Kabel Horizont

Braucht uns der Computer noch?

(Foto: Moleitau, Flickr, CC BY-NC-SA 2.0)

Computer übernehmen einmal viele unserer Jobs und machen uns damit auf dem Arbeitsmarkt überflüssig. Zum ersten Mal begegnete mir diese Idee meiner Erinnerung nach in “Adolf: Äch bin schon wieder da!”, dem Hitler-Comic von Walter Moers.  Im Jahr 2040, so die Utopie, würden die Menschen nicht mehr arbeiten müssen und ihre Zeit sinnvoll verbringen. Alles andere übernähmen Roboter und Computer. Hitler war sehr erstaunt, als er mit seinem Zeitmaschinenhelm dort eintraf.

In den vergangenen Jahren hat das Thema naturgemäß an Bedeutung gewonnen, im Buch “Race Against The Machine” wurden 2011 erstmals so richtig die Konsequenzen durchdacht (die Ergebnisse sind eher ambivalent). Jüngst haben dazu auch Constanze Kurz und Frank Rieger mit “Arbeitsfrei” ein Buch dazu veröffentlicht.

Auch der amerikanische Ökonom Tyler Cowen greift das Thema nun offenbar in “Average Is Over: Powering America beyond the Age of the Great Stagnation” auf und dekliniert die gesellschaftlichen Folgen durch. Amerika, so seine Theorie, werde zum Zwei-Klassen-Land, in denen nur etwa 15 Prozent der Bürger künftig so etwas wie Wohlstand finden können – weil sie, so die Kurzform, nicht durch Computer und Automatisierungsprozesse ersetzbar sind beziehungsweise für deren Koordination und Steuerung gebraucht werden.

Es ist ein ziemlich düsteres Bild, in dem zum Beispiel San Francisco und Manhattan mehr oder minder zur Reichen-Enklave werden, und Cowen will damit natürlich auch die Reaktion auf die Finanzkrise von 2008 kritisieren. Im Interview mit Business Insider zieht er einen drastischen Schluss:

You could put it this way; the great stagnation will end for some people, but not for everyone.  And just ask yourself the question: are you more productive working with the computer or is maybe the computer better off without you?

Dieser letzte Satz hat für mich eine fundamentale Wucht, eine erschlagende Logik. Wahrscheinlich sollte ihn jeder, der in der postindustriellen Gesellschaft noch eine berufliche Zukunft vor sich hat, ernst nehmen.

Kleine Welt

Was ist staatsmännisch?

Was würde Benjamin sagen? (Foto: Andyi, Flickr, CC BY-NC-ND 2.0)

Die SPD-Spitze will eine große Koalition, zumindest am Sonntag wird ihr die Partei folgen. Die GroKo, sollte sie kommen, wird in bei den Sozialdemokraten mit Sigmar Gabriel verknüpft sein. Handelt er nun staatsmännisch? Oder machtbewusst? Will er vielleicht einfach nur mitgestalten? Womöglich sind alle Antworten richtig wie falsch.

Niemand kann glauben, dass sich als Juniorpartner 2017 etwas gewinnen lässt. Also muss die SPD, der Logik der Macht folgend, eigentlich vorher Rot-Rot-Grün installieren – was eigentlich eine Viererkoalition wäre (SPD, Grüne, Ost- und West-Linke). Aber ist das realistisch, wenn die Linke beinharte Oppositionsarbeit machen wird und die Grünen ihr in nichts nachstehen? Sollte die Gabriel einen Wechsel im Hinterkopf haben, die Umsetzung wäre von vielen unbekannten Faktoren abhängig.

Also doch ein staatsmännischer Akt? Ich bin kein großer Fan großer Koalitionen, zumal in der aktuellen Konstellation (Bundesrat, marginalisierte Opposition). Ich würde mir wünschen, dass nach dem intellektuell unterfordenden Wahlkampf 2013 das nächste Mal wieder echte und unterscheidbare Gesellschaftsentwürfe, nicht Politiksimulationen, zur Wahl stehen. Ein Bündnis der beiden größten Parteien verunmöglicht das quasi. Immerhin könnten theoretisch ein paar Großprojekte abgeräumt werden, die aber eher politikverwalterischer Natur sind. Passt irgendwie zum Wunsch der meisten Bundesbürger: keine Experimente, Wohlstand sichern. Womöglich ist Schwarz-Rot dafür sogar die ideale Konstellation.

Globus

Geithner-Summers-Memo: Bombe oder nicht?

Deregulierung WTO-Verhandlungen

(Foto: elycefeliz)

Der umtriebige Greg Palast hat bei Vice einen Artikel mit dem Titel “The Confidential Memo at The Heart of the Financial Crisis” veröffentlicht, der fleißig und erstaunt herumgereicht wird. Von einer “Bombe” ist die Rede, weil darin der mögliche neue FED-Chef Larry Summers eine zentrale Rolle spielt und alles sehr stark nach einer globalen Verschwörung zur Deregulierung der Finanzbranche Ende der Neunziger riecht.

Um was genau geht es? Tim Geithner (damals hoher Beamter im Finanzministerium, später Finanzminister) schreibt Ende November 1997 an Larry Summers, den stellvertretenden Finanzminister. Es geht um die letzte Runde (“end game”) der WTO-Verhandlungen zum Finanzmarkt. Geither schreibt, es wäre eine gute Idee, wenn sich Summers mit den CEOs der wichtigsten Banken und Investmenthäusern in Verbindung setzen würde. Dafür gibt er ihnen seine privaten Telefonnummern.

Palast stellt das Dokument, das nur eine Seite lang ist, als “Bestätigung jeder Geheimnisverschwörer-Fantasie” da und erzählt noch einmal den Kontext: Den erfolgreichen Versuch der Finanzindustrie, weltweit ein System freier Kapitalströme und neuer Produkte zu schaffen – Teile davon haben in der Konsequenz zu den Folgen geführt, die wir seit 2008 spüren.

Das ist nicht neu, ebenso wenig wie das Bestehen und die Interessen der “Financial Leaders Group” (der die genannten CEOs angehören). Zitat aus dem Fachmagazin “Geneva Papers for Risk and Insurance” aus dem Jahr 2000 (Fettungen von mir):

The Financial Leaders Group, a private sector initative by major U.S., E.U. and Japanese Fnancial services companies created in 1996, sought to underpin and encourage the negotiations on a transnational level, in addition to whatever pressures might be brought to bear within the domestic political processes of individual countries.

Was also ist der Skandal? Offenbar nicht das Bestehen der Gruppe, sondern, dass der stellvertretende Finanzminister mit den Banken-CEOs telefoniert. Aber: Ist das wirklich skandalös? Immerhin ging es um Wirtschaftsinteressen, die Financial Leaders Group waren wichtige Stakeholder und in die Verhandlungen involviert. Ein Skandal wäre es, wenn Summers von ihnen Befehle empfangen hätte.

Die Sache ist: Das Memo könnte Aufschluss darüber geben, wenn es nur mehr als eine Seite hätte. Denn als Anlage sind “Talking Points” bezeichnet, also die Argumente, die bei den Gesprächen zur Sprache kommen sollen. Nur: Die Anlage wurde nicht veröffentlicht, es ist einzig von “touch base”, also vom “sich in Verbindung setzen” die Rede. Palast schreibt das sogar selbst:

It’s not the little cabal of confabs held by Summers and the banksters that’s so troubling. The horror is in the purpose of the “end game” itself.

Auch das ist nichts Neues, etwas mehr Kontext gibt es hier und in diesem PDF ab Seite 7. Die No-WTO-Bewegung, die 1999 zu weltweiter Berühmtheit kam, war ja auch als eine Reaktion auf die Intransparenz der Verhandlungen und der diversen Player, die plötzlich weltweite Regeln durch die Hintertüre einführen (siehe auch GATS etc.).

Bottom Line: Es ist gut, dass solche Dokumente an die Öffentlichkeit kommen, denn natürlich ist die Frage, warum US-Regierungsinteressen und Finanzwesen-Interessen so stark übereinstimmten (allerdings ist es falsch und billige Effekthascherei, die Nummern nicht zu schwärzen). Dieses Memo scheint mir in seiner Bedeutung ziemlich überverkauft (und muss auch in dem Kontext gesehen werden, dass es in Washington gerade eine heftige Debatte über eine mögliche Summers-Nominierung als Bernanke-Nachfolger gibt). Aber für einen schnellen Tweet und den ultimativen Verschwörungstheorie-Beweis scheint es zu taugen. Womöglich jedoch übersehe ich etwas – Hinweise gerne in den Kommentaren!

PS: Warum Larry Summers als FED-Chef eine problematische Nominierung wäre, lässt sich u.a. hier nachlesen.

Das Kabel

Statt Thesen zum Journalismus

Mein Berufszweig, die letzten Jahre, was kommt und worüber ich nachdenke.Journalismus Zukunft keine Thesen

Nur ein weiteres Journalismus-Ideen-Whiteboard (Foto: Anna Schiller, Flickr, CC BY-NC-ND 2.0)

Statt eines Intros: Eine Anekdote
Andreas Kluth ist an allem schuld. Der heutige Berlin-Korrespondent des Economist war damals für das Magazin im Silicon Valley und schrieb im April 2006 eine Titelgeschichte mit dem unauffälligen Namen “Among The Audience“. Darin ging es um den digitalen Wandel, um Blogs, Podcasts und die Ablösung der Massenmedien durch persönliche und partizipatorische Medien.

Ich war gerade einige Wochen auf der Journalistenschule, in meiner Friedrichshainer WG gab es neben einem Kohleofen auch Internet, per Modem-Verbindung (oder alternativ ein immer viel zu weit entferntes offenes Wlan). Und ja: Um sich nachrichtlich zu informieren, las man wirklich noch täglich die Zeitung oder surfte höchstens mal zu Spiegel Online.

Was Kluth schrieb, war so spannend und unerhört logisch zugleich, dass es mein berufliches Leben veränderte. Wenn man so möchte, wurde der von mir bereits entdeckte persönliche, damals noch überschaubare Teil-Lebensraum Internet zum Raum meiner journalistischen – und damit auch beruflichen – Zukunft. Dem Idealbild, dass der Journalismus ein partizipatorischer werde und sich ihm, aber auch der Gesellschaft dadurch eine neue Welt eröffnen würde, folgte ich von nun an in der Hoffnung, dazu beitragen zu können.

Erster Akt: Ein Fehler, der kein Sprungbrett ist, ist ein Fehler

Ich erzähle das natürlich wegen meinem Hang zum Anekdotisieren, aber auch, weil sich darin der Kern meiner Rastlosigkeit und Unzufriedenheit mit der Entwicklung des Journalismus in Deutschland befindet. Idealbild und Utopie prallten nach 2006 häufig mit den strukturellen, wirtschaftlichen und psychosozialen Realitäten der Medienbranche aufeinander. So viele Branchenjahre kommen mir verschenkt vor, zumindest die bis 2010.

Eine kleine Liste, die quasi jeder Online-Journalist aufstellen könnte: Die mangelnde Investitionsbereitschaft und die schlechten Arbeitsbedingungen, die lange wir Online-Bereich erlebten (oder noch erleben). Die verschwendete Zeit, die Blindheit der Verlage in Sachen Medienwandel und der tickenden Uhr. Erzählte und erlebte Anekdoten wie die von der Forderung von Print-Redakteuren, doch bitte den Onlinern spezielle Kantinenzeiten zuzuweisen, weil diese mittags immer so viele Plätze besetzten. Wie die vom Print-Ressortleiter, der sich beharrlich weigerte, seine Redakteure mit den Online-Kollegen auch nur in Kontakt treten zu lassen, da diese dann keine Zeit für den “Goldrand“ hätten, der ihre Texte so besonders machte.

All das wird wahrscheinlich einmal ein amüsanter Teil mancher Memoiren sein, sorgte aber für viel Frustration bei denen, die im Internet-Journalismus arbeiten. Bei den selbsternannten Utopisten sowieso. Und doch war es auch so, dass ich selbst zu oft zu überzeugt von meiner Sache war. Einen Ticken zu mitleidig geblickt habe, wenn mir Menschen von der Print-Zukunft erzählten und sich über dieses seltsame neue Medium wunderten. Wenn man so möchte, haben die in analog und digital gespaltenen Redaktionen branchenweit versagt darin, einander Brücken zu bauen – und auch wenn es persönlich unbefriedigend ist: die Frage, wer die größere Schuld trägt, interessiert höchstens einmal Medienhistoriker.

“Eure Branche kommt mir so vor, als würden überall gleichzeitig Bergbau-Kumpel und Solarzellen-Produzenten unter einem Dach arbeiten“, sagte mir einmal ein guter Freund. Er hat es gut getroffen, finde ich. Über die Implikationen dieser Metapher möchte ich allerdings gar nicht nachdenken.

Zweiter Akt: Sie nennen es Vertrauen

Vieles von dem, was derzeit geschrieben wird, ist mir zu abstrakt und zu bekannt. Ich habe im Moment keine Lust mehr auf Thesen zur Zukunft des Journalismus, die so häufig im luftleeren Raum hängen. Auch wenn ich natürlich meine Selbstverständlichkeiten zur Zukunft einer lädierten Profession aus dem Jahr 2010 wärmstens empfehlen kann (an dieser Stelle bitte freundlichen Verkäufer-Smiley dazu denken).

Wir sollten an die Arbeit gehen, und der erste und wichtigste Schritt heißt schlicht: Vertrauen schaffen. Zwischen Online und Print in dem Integrationsprozess, der überall in Gang gekommen ist. Zwischen den Chefredaktionen und Geschäftsführungen auf der einen und den Belegschaften auf der anderen Seite. Zwischen den Journalisten und den Bürgern, die ja die Menschen sind, denen wir Rechenschaft schuldig sind und die mit Aufmerksamkeit und Geld unsere Zukunft sichern sollen. Nicht ein Quartalsergebnis oder ein Verkauf, sondern das immer tiefer sinkende Vertrauen in die Medien ist die furchteinflößendste Nachricht, die unsere Branche in den letzten Monaten erreicht hat. Ironisch, dass dieser letzte Punkt bei der aktuellen Debatte zur Zukunft kaum vorkommt. Und natürlich geht es auch beim Begriff Vertrauen auch darum, das Abweichen von den altbekannten Pfaden als Chance zu begreifen.

Vielleicht spricht da wieder der Journalismus-Utopist in mir, aber ich finde, ohne den Punkt des Vertrauens sind alle schönen Blaupausen für die Antwort der Verlagsmedien auf die Digitalisierung hinfällig. Und Vertrauen hat meiner Meinung nach mit Dialog, Partizipation und Offenheit zu tun. Den Dingen also, die mich schon 2006 begeisterten.

Dritter Akt: Statt der Zukunft der Tageszeitung

Ich kann nichts zur Zukunft der Tageszeitung sagen, da ich davon keine Ahnung habe. Ich war nie bei einer angestellt. Aber ich lese einige Tageszeitungen mit Vergnügen. Sie haben auf Papier oder im digitalen Bundle eine Zukunft, doch wie lange diese dauern wird und wie schmerzhaft der Schrumpfungsprozess wird – ich weiß es nicht.

An dieser Stelle verzichte ich auch auf Thesen, sie langweilen mich wie gesagt. Ich kann nur ein paar Überlegungen zum digitalen Journalismus auschreiben, die ich mir derzeit mache (die Fettungen dienen dem besseren Überblick).

Ich frage mich, wie man mehr btw13-Blog und Jörg Lau in die politische Berichterstattung bringt, denn mein ideales Online-Politikressort erinnert mehr an ForeignPolicy.com oder TheAtlantic als an das erste Buch einer Tageszeitung.

Ich glaube weiterhin an Transparenz bei der Arbeit/Recherche und den Journalismus als Prozess, denn darin steckt etwas Wichtiges für das Vertrauen und die Glaubwürdigkeit unserer Profession. Ich habe aber selbst noch keine Ideallösung, wie man diesen so spannend gestaltet, dass Menschen daran teilhaben wollen – denn darin steckt etwas Wichtiges für die Zukunft der Relevanz und Refinanzierung. Natürlich glaube ich an Dialog, an einen, der womöglich in einem Leserclub mündet – denn ein Preisschild auf Inhalte zu kleben, ist mir persönlich zu wenig.

Ich habe keine Markenangst vor einer Buzzfeedisierung in Deutschland, im Gegenteil – denn sie bedeutet ja nicht, dass sie alles andere ablöst. Ich glaube, wir müssen alle Formen sprengen und daraus das, was Journalismus ist, wieder neu zusammensetzen. Auch hier: Das bedeutet nicht, dass sich alles ändert. Insgesamt halte ich die Sprache für einen wichtigeren Aspekt als das Technische oder die Optik.

Ich denke viel über den Trigger nach, den der Online-Journalismus noch nicht gefunden hat: Der Skinner’sche Belohnungseffekt, der uns beim Piepsen einer SMS sofort einen Blick auf das Handy werfen lässt; der uns immer wieder zu Facebook zurückführt. Der mehr mit dem Unerwarteten als mit der Gewohnheit zu tun hat (!).

Und natürlich frage ich mich, welche Geschäftsmodelle (jenseits eines größeren Online-Versandhändlers) den Journalismus querfinanzieren könnten. Was steckt in der P2P- und Sharing-Economy, die sich in den vergangenen Jahren entwickelt hat? Was in abgekoppelten Beratungseinheiten, in der digitalen Bildungsrevolution, die auf uns zukommt?

Die Antworten auf all die Fragen, und vor allem noch viel mehr Herausforderungen stecken in der täglichen Arbeit, nicht in den altbekannten Publizistik-Debatten. Und wenn mich etwas freut, dann vor allem eines: Dass die Frage, ob die Verlagsmedienbranche den Herausforderungen gewachsen ist, sich entscheiden wird. Ich glaube, die Zeit der Thesen ist vorbei. Und das gefällt mir.

Disclaimer: Ich arbeite für Süddeutsche.de, beziehe mich aber nicht im Speziellen darauf (die Herausforderungen und Probleme ähneln sich ja überall). Und wer es wissen möchte: Die Anekdoten betreffen andere Häuser.

Das Kabel

It was all politics

Ron Elving (links) und Ken Rudin (Foto: Andy Carvin, CC BY-NC-SA 2.0)

In wenigen Stunden ist zum letzten Mal ein Download von It’s all politics verfügbar, weil NPR den Podcast einstellt. Für mich ist das ein trauriger Moment: Ron Elving und Ken Rudin waren in den vergangenen Jahren ständige Begleiter in meinen Ohren. Niemand konnte so über US-Politik fachsimpeln und witzeln wie die beiden in ihrer wöchentlichen 20-Minuten-Sendung. Klar, es war viel Insider-Kram, viel Spekulation um Wahlchancen – und doch hat es kein anderes Medium, kein anderes Format geschafft, mir die amerikanische Politik (gerade den Kongress) so nahe zu bringen. Und irgendwann, in 40 oder 50 Jahren, werde ich mich an die Bush- und Obama-Amtszeit erinnern – und die Stimmen von Ron und Ken hören, wie sie glucksend ihre Witze reißen.

Lesetipps

Schreiben wie… Tim Kreider

Tim Kreider

Inzwischen trinkt Tim Kreider übrigens nur noch mäßig Alkohol (Foto aus dem Jahr 2004, BWalker, Flickr, CC BY 2.0)

“Recently I received an e-mail that wasn’t meant for me, but was about me. I’d been cc’d by accident.“ Mit diesen beiden Sätzen begann vor einigen Wochen meine Bekanntschaft mit Tim Kreider (im Foto rechts). Auf gewisse Weise steckt in ihnen ein Teil der Magie seines Schreibens, denn Kreider ist der wahrscheinlich fesselndste Alltagsautor, den es derzeit gibt. Mit Hilfe kleiner Ereignisse kommt er zu großen, manchmal brutalen Erkenntnissen über die Conditio Humana, die uns allen klar sind, aber für die uns die Worte fehlen. In oben zitiertem Text denkt er einfach darüber nach, wie fragil unser Selbstbild und die sozialen Konventionen sind, die es nicht zusammenstürzen lassen.

Tim Kreider ist auch Cartoonist, allerdings ein furchtbar mittelmäßiger. Ich würde die Zeichnungen aus seinem Buch “We Learn Nothing“, das ich mir flugs besorgte, herausreißen, wäre der textliche Rest nicht so kostbar. Es geht um Liebe, Wut, Schwächen, Lügen – all das, was wir normalerweise verstecken.

Über die Bedeutung des Saufens:

Drunkenness and youth share in a certain reckless irresponsibility, and the illusion of timelessness. The young and the drunk are both temporarily exempt from that oppressive sense of obligation that ruins so much of our lives, the nagging worry that we really ought to be doing something productive instead. It’s the illicit savor of time stolen, time knowingly and joyfully squandered. There’s more than one reason we call it being “wasted”.

Über Liebe und Beziehungen:

The trick, I suppose, is to find someone with a touch of the pathology you require, but not so much that it will destroy you. But, as with drinking just enough to fell mellow and well-disposed toward the world, but not so much that you end up vomiting in the street, this can take some trial and error to calibrate.

Und so könnte ich das Blog anfüllen, bis es überquellen würde. Vielleicht ist Tim Kreider ein Wahrheitssucher, vielleicht ein Wahrheitssager. Vielleicht ist er auch nur ein ganz normaler Mensch. Absolut sicher aber ist er ein fantastischer Autor, den ich nur empfehlen kann.

In dieser losen Reihe bislang erschienen:

Schreiben wie… John Jeremiah Sullivan

Impressionen von da draußen

Impressionen von da draußen (Teil 5)

Nächste links: Erster Aldi hinter dem Eisernen Vorhang.

Geräusche, Töne, Bilder

Meine Podcast-Favoriten (Teil 2)

(Foto: EyalNow, Flickr, CC BY-NC-SA 2.0)

Vor etwas (hüstel) längerer Zeit habe ich meine Lieblingspodcasts in deutscher Sprache vorgestellt und eine Fortsetzung versprochen, in denen es um die englischsprachigen geht. Mit etwas Verzögerung darf ich sagen: Hier ist sie.

Podcasts BBC
Die BBC ist aus ganz verschiedenen Gründen eine meiner Lieblingspodcastquelle – kaum ein Sender bietet ein derart vielfältiges Themengebiet und recherchiert seine Berichte so gut durch. Vor allem die Ansätze gehen weit über das hinaus, was herkömmliche Medien bieten. Und nicht zuletzt, ich geb’ es zu, liebe ich das British English der Sprecher.

Business Daily (RSS hier)
Tägliche Wirtschaftssendung, bei der in 20 Minuten zwei, drei aktuelle Themen in Magazinform genauer behandelt werden. Das kann alles sein von der Sanierung von Mafia-Unternehmen bis zum Rohstoffboom in der Mongolei. Bonus: grandiose Kommentatoren (Lucy Kellaway!).

Documentaries (RSS hier)
Sehr aufwändig recherchierte Radiodokus, von witzig bis todernst. Warum können so wenige afrikanische Fußballstars mit Geld umgehen? Wie behandeln Männer Frauen im Nachtleben unterschiedlicher Kulturen? Was sind die Geschichten der Flüchtlinge, die im Mittelmeer ertrunken sind?

From Our Own Correspondent (RSS hier)
Quasi das Backstage-Material der BBC: Korrespondenten erzählen in Ich-Form Geschichten, Recherchen und Anekdoten.

Peter Day’s World Of Business (RSS hier)
Ich gebe zu: Ich bin ein großer, großer Fan von Peter Day. Wer hat schon vor Jahren etwas über 3-D-Drucker erzählt oder erklärt mir die wirtschaftlichen Folgen des demographischen Wandels in Japan derart unterhaltsam? Eine Art Sendung für Wirtschaftsintellektuelle, aber ich darf trotzdem zuhören.

Click (RSS hier)
Die Tech-Sendung. Ein wirklich sympathisches Moderatorenduo, das für die Podcasts noch feine Bonus-Blödeleien einbaut. Manchmal etwas sehr weit in der Nische, aber genau deshalb – und wegen des Fokus auf technische und gesellschaftliche Entwicklungen statt Gadgets – für mich genau richtig.

Wer sich über das aktuelle Geschehen informieren möchte und nicht nur wie ich jede Woche einmal seine Podcasts herunterlädt: Die Nachrichtensendungen sind ebenfalls eher Magazine und sehr hörenswert.

Podcasts NPR
NPR sind eigentlich auch sämtliche kleinen Public Radios und ich bin selbst immer überrascht, mit welch vergleichsweise geringen Mitteln (im Vergleich zur BBC) man großartige Sendungen und Beiträge produzieren kann. Meine Favoriten sind:

It’s All Politics (RSS hier)
Für Politicos und solche, die es werden wollen. Ron Elving und Ken Rudin gehören zum Witzigsten, was man im Podcast-Bereich hören kann – wenn man die Witze versteht, die etwas Insiderwissen und Sprachkenntnis voraussetzen.

This American Life (RSS hier)
Wenn eine Radiosendung, dann diese. Eine Folge, ein Thema, und dann richtig: Komplex, genreübergreifend, bewegend.

World Story Of The Day (RSS hier)
Kurz gesagt sind das alle Korrespondentenberichte, von Benin bis Berlin. Vor allem wegen der Hintergründigkeit und den Schwerpunkten (jüngst: Nashorn-Ausrottung und der Markt, der dahinter steckt) ziemlich gut. Kein Beitrag, der ohne Betroffene auskommt, “Experten“ erhalten eher einen Platz in der zweiten Reihe. Gut so!

WNYC’s Brian Lehrer (RSS hier)
Fällt inzwischen bei mir immer mal wieder runter, da die Segmente recht lang sind. Wenn “Bayern 2“ in Sachen moderierter Magazine Bundesliga ist, dann würde ich Brian Lehrers Show als das Brasilien in diesem Genre bezeichnen. Schlaue Gesprächsgäste über die unterschiedlichsten Themen; Call-In-Teile, die immer etwas zum Gelingen der Sendung beitragen und nicht nur Beiwerk sind.

Planet Money (RSS hier)
Meine Kurzbeschreibung wäre: Das Brandeins unter den Audio-Magazinen. Denke, das trifft es ganz gut.

On The Media (RSS hier)
Eine geschätzte Sendung mit dem geschätzten Moderatorenpaar Brooke Gladstone und Bob Garfield. Im Fokus steht weniger Medienbranchen-Talk als das große Ganze, inklusive ethischer Fragen, die sich eigentlich durch jeden Beitrag ziehen. Um es auf hiesige Maßstäbe herunter zu brechen: Fünf Minuten On The Media birgt mehr Informationsgehalt als fünf Monate den Newsfeed von Meedia checken.

Technology Podcast (RSS hier)
Keine eigene Sendung, sondern ein Zusammenschnitt der Tech-Beiträge einer Woche. Entsprechend unterschiedlich, von diversen Berichten über die Branche über Testberichte bis hin zu abseitigen Selbstversuchen.

Weitere Podcasts
The Economist
Das Heft, vorgelesen. Abonnenten erhalten kostenlosen Zugriff, ich selbst lade meist die Briefings und Special Reports runter – also genau die Sachen, zu denen ich in der Print-Ausgabe nicht komme, weil es zu viele Buchstaben sind.

Guardian Audio Edition
Der Guardian lässt einmal pro Woche seine schönsten Artikel vorlesen und will dafür nicht einmal Geld. Das hat mit dem Geschäft zu tun: Die Book-Reviews werden von Audible gesponsert, das wiederum die entsprechenden Werke als Audiobooks anbietet. Ich war positiv überrascht, die Auswahl ist stimmiger als beispielsweise die der Zeit.

New Yorker: The Political Scene
Meistens sehr D.C.-zentriert, aber inzwischen durchaus regelmäßiger Bestandteil meines Audio-Menüs. Konzept: Autoren und Redakteure des New Yorker diskutieren über aktuelle Themen.

Pop Tech Jam (RSS hier)
Einst der Tech-Podcast der New York Times, nun von den Moderatoren eigenständig weiterbetrieben. Eine Mischung aus Debatten über aktuelle Tech-Entwicklungen und Anwendertipps. Ein eingespieltes Moderatorenduo, das Spaß macht.

Das Kabel Globus Horizont

Obama, Prism und die Verschiebung der Schmerzgrenze

Gedanken zur Akzeptanz der Internet-Überwachung.

NSA Überwachung Internet

#NSAfail. (Foto: Mark Tunauckas, Flickr, CC BY 2.0)

Barack Obama 2007 zur Anti-Terror-Politik der Bush-Regierung:

“This Administration also puts forward a false choice between the liberties we cherish and the security we demand.“

Barack Obama 2013 zu seiner eigenen Anti-Terror-Politik:

“I think it’s important to recognize that you can’t have 100 percent security, and also then have 100 percent privacy and zero inconvenience. We’re going to have to make some choices as a society.“

Die Tragik der realpolitischen Evolution des Barack Obama liegt nicht nur darin, dass es sich hierbei um den wahrscheinlich liberalsten US-Präsidenten der nächsten 10 bis 20 Jahre handelt. Vielmehr verbirgt sich hinter dieser Positionsverschiebung auch eine, die wir in unserer Gesellschaft erleben werden. 1856 Datenzugriffe gab es im vergangenen Jahr laut New York Times, von der Durchsuchung von Konten bis hin zu Echtzeit-Überwachung. Bei der Größe der Datensätze, auf die #Prism theoretisch Zugriff erlaubt, ist die Wahrscheinlichkeit gering, betroffen zu sein. Damit sind wir wieder bei der Argumentation “Was soll die NSA denn mit meinen Daten anfangen?“.

Wer sich nicht mit grundsätzlichen Fragen der Freiheit beschäftigt, nimmt Prism als etwas Abstraktes wahr. Das ist eine Konsequenz der (in der Logik von NSA und Co. zwingenden) Geheimhaltung selbst kleinster Details. Jetzt, da das Programm bekannt ist, steckt das Weiße Haus der New York Times, wie ein Terroranschlag mit Hilfe der so gewonnenen Daten vereitelt wurde und verschiebt das Narrativ in die Richtung der Logik des “das alles hat seinen Grund“. Der Leaker dieser Geschichte wird sicherlich nicht verfolgt.

Von den Tausenden anderen Fällen, dem damit wahrscheinlichen einhergehenden Überfang wird niemand erfahren, natürlich auch nicht die Betroffenen (und das sind ja nicht nur die Zielpersonen, sondern unter anderem auch deren Mail- und Chatkontakte). Passender Treppenwitz: Der Supreme Court lehnt derzeit eine Prüfung der ergänzten Sicherheitsgesetze von 2008 ab, weil natürlich niemand beweisen kann, dass er überwacht wurde. Kafka war ein glücklicher Mensch, möchte man sagen.

Weil ohnehin amerikanische Staatsbürger von Prism nicht betroffen sind (ein bisschen Überfang stört da nicht), wird es keine großen Diskussionen, keine Reform von FISA und FISC geben. Weiterhin gibt es keine Transparenz darüber, wie Regierung und Geheimdienste die Sicherheitsgesetze interpretieren. Über die Rechtmäßigkeit der Zugriffe entscheidet ein Geheimgericht (FISC), das von einem konservativen Supreme-Court-Richter eingesetzt wird, offenbar seit Jahren ohne große Nachfragen die Telefonanbieter zur Vorratsdatenspeicherung verpflichtet und eher Teil der Sicherheitsarchitektur als Kontrollinstanz ist. Der Kongress wird informiert, unterliegt aber natürlich der Geheimhaltungspflicht – die warnenden Andeutungen zweier Senatoren vor den Greenwald-Enthüllungen lesen sich wie Hilfeschreie.

Aber das alles betrifft uns natürlich nicht. Denn wer nichts zu verbergen hat, kommt nicht ins Visier, wie uns die US-Regierung versichert. Ob wir es in der physischen Welt akzeptieren würden, wenn wir künftig unsere Briefe nicht mehr verschließen könnten und damit rechnen müssten, dass der Postbote sie vor der Auslieferung beim Verfassungsschutz vorbeibringt?

Kleine Welt

Problemlösung, Bavarian Style: Wegbefördern?

(Foto: Connor395, Flickr, CC BY 2.0)

Ein Polizist bricht im Dienst einer mit Handschellen gefesselten jungen Frau das Nasenbein und Teile ihrer Augenhöhle.  Die in Erklärungsnot geratene  Polizei durchsucht das Haus der Frau (um 6 Uhr morgens, nebenbei erwähnt), beschlagnahmt ihr Handy und durchforstet es – nach bisherigem Kenntnisstand offenbar erfolglos – nach Kontakten in die Drogenszene. Nebenbei lesen die Ermittler auch noch fleißig die Korrespondenz der Frau mit einem Journalisten mit. Pressefreiheit ist in manchen Momenten offenbar einfach nur ein Wort.

Was, wenn diese dubiosen und wenig ergebnisoffenen Ermittlungsaktionen bislang zu keiner Anklage gegen die Frau geführt haben, sondern einzig und mit einiger Verzögerung der prügelnde Polizist angeklagt wird? Und was, wenn dessen Chef, der Münchner Polizeipräsident Wilhelm Schmidbauer, zunächst das Zuschlagen des Polizisten als “konsequente Vorgehensweise“ bezeichnet und später die Fotos des entstellten Opfers in den Medien für das “schlechte Bild“ seiner Behörde in der Öffentlichkeit verantwortlich macht?

Wie würden Sie als Oberster Dienstherr reagieren? Wie es scheint hat der bayerische CSU-Innenminister Joachim Herrmann da eine Idee: Münchens Polizeipräsident Schmidbauer hat gute Karten, demnächst zum Landespolizeipräsidenten aufzusteigen. Probleme einfach wegbefördern – es wäre ein interessanter Ansatz des Ministers, das Vertrauen in die bayerische Polizei wiederherzustellen.

Update, 11.6.: Schmidbauer ist nun offiziell zum Landespolizeipräsidenten ernannt worden.