Das Kabel

Oliver Samwer wütet im Medienviertel

Emerson Spartz ist 27 Jahre alt, lebt in Chicago und betreibt ein millionenschweres Unternehmen, zu dem etwa 30 Seiten mit viralem Content (Dose, OMG Facts) gehören. Der New Yorker hat ihn porträtiert und zum “König des Clickbaits” gekürt.

Für Medienmenschen liest sich das alles sehr desillusionierend, eine Art Samwer-Bruder mit Extra-Klischeefaktor (Steve-Jobs-Fotos an der Wand, auswändig gelernte Selbstbeschreibung, banalste Weisheiten wie “I realized that influence was inextricably linked to impact”) und keinem Interesse an Journalismus, sondern nur an der Neuverpackung von viralen Inhalten, um Bannerwerbung zu skalieren. Das funktioniert dann so:

At the bottom of a Dose post, there is usually a small “hat tip” (abbreviated as “H/T”). Many people don’t notice this citation, if they even reach the bottom of the post. On Dose’s first day of existence, its most successful list was called “23 Photos of People from All Over the World Next to How Much Food They Eat Per Day.” It was a clever illustration of global diversity and inequity: an American truck driver holding a tray of cheeseburgers and Starbucks Frappuccinos; a Maasai woman posing with eight hundred calories’ worth of milk and porridge. Beneath the final photograph, a line of tiny gray text read “H/T Elite Daily.” It linked to a post that Elite Daily, a Web site based in New York, had published a month earlier (“See the Incredible Differences in the Daily Food Intake of People Around the World”). That post, in turn, had linked to UrbanTimes (“80 People, 30 Countries and How Much They Eat on a Daily Basis”), which had credited Amusing Planet (“What People Eat Around the World”), which had cited a 2010 radio interview with Faith D’Aluisio and Peter Menzel, the writer and the photographer behind the project.

Natürlich erinnert das an Heftig, ist aber eine Stufe professioneller, weshalb das Stück Medienmenschen zur Lektüre empfohlen sei. Zu den Werkzeugen gehört ein Themen-Scan per Algorithmus, genaue Analytics, extreme A/B-Tests bei Überschriften und eine Entwicklungsabteilung, die nebenbei Apps baut (ironischerweise auch einen Tinder-Klon für die Gay-Community, also quasi die Neuverpackung des Tinder-Orginals Grindr).

Das ist für einen Tech-Publizisten schlicht State-of-the-Art, und ich bin überzeugt, dass Spartz Inc. nicht einmal das Demand Media des Facebook-Zeitalters werden wird. Nur sind intensive Datenauswertung, A/B-Tests in Echtzeit oder digitale Nebenprodukte im Jahr 2015 eben wie gesagt: State of the Art. Und ich frage mich, wie viele von uns Traditionsmedien den richtigen Werkzeugkasten haben und wie lange wir mit den bestehenden Strukturen die digitale Hyper-Professionalisierung im Backend mitgehen können.

Denken

2014

Irgendwo im Keller eines gelangweilten Beamten steht womöglich gerade eine Zeitmaschine, nur noch ein paar Handgriffe am Antrieb fehlen. Um das Jahr 2014 zu bewerten, müsste ich dort einsteigen und eine Dekade nach vorne fliegen. Es war das geopolitisch ereignisreichste Jahr seit langem, womöglich haben wir die erste Welle jener Konflikte ohne erkennbares Zentrum erlebt, die künftig unsere Zivilisation prägen werden (und wahrscheinlich nur im westlichen Denken des 20. Jahrhunderts neu erscheinen). Aber vielleicht sollten wir im Sinne des panta rhei – und angesichts des fehlenden Kellerschlüssels, um an die Zeitmaschine zu gelangen – auf Echtzeit-Interpretationen verzichten und erst einmal beobachten, was da kommt.

Ich muss natürlich immer an meinen Freund und Esoterik-Experten T. denken, der mir das Ende des Maya-Kalenders 2012 ganz nüchtern als “Beginn einer neuen Phase” im Lauf der Welt erklärte. 2014 hat dem Rationalisten in mir keine Gegenargumente geliefert (und der Esoteriker in mir sagt “siehste!”).

Dass ich dieses Jahr durch eine Maya-Ruine in Mexiko streunen durfte, wo dieser Kalender einen seiner Ursprünge hat wurde, passt da perfekt. Ohnehin war das Jahr voller persönlicher Großereignisse, alleine das Leben in San Francisco hätte 4905 Blogeinträge verdient. Dass ich diese nicht geschrieben habe, ist ein anderes Thema, aber ich gelobe Besserung.

Allen Besuchern dieses Blogs ein gesundes und erhellendes 2015!

Das Kabel

Journalismus in Messenger-Systemen

Wie lassen sich Messenger monetarisieren? Dieser Frage stellen sich derzeit fast alle Anbieter dieser Software, der Konsens ist: Die meisten Werbeformate sind in einer solch intimen Gesprächsumgebung derzeit nur schwer realisierbar. Im Moment ist viel von einer Form des “Zugangs” für Firmen die Rede, mit denen ein Nutzer ohnehin interagiert. Hier in den USA findet zum Beispiel viel Kundenservice bereits über Chats auf der Homepage von Unternehmen ab, dies könnte – mit einer Sales-Komponente – im Messenger Platz finden. Path testet das gerade mit einer Art Concierge-Funktion.

Der abgeschlossene Gesprächsraum (Gruppen-)Messenger ist auch für Medienmarken interessant. Die Abgegrenztheit bietet eine Form von Exklusivität, an die sich theoretisch auch ein Preisschild hängen lässt. Allerdings stellt sich die Frage, was genau in diesem Raum geboten werden kann (Hintergrund, Antworten auf Fragen, Gast-Auftritte, stärkere vertikale Fach-Debatten?), damit es nicht nur ein weiterer sozialer Ausspiel-Kanal wird. Und natürlich stehst Du als Betreiber sehr schnell vor Skalierungsfragen, die sich schon aus der linearen Darstellung von Diskussionen ergibt (ab wie vielen Teilnehmern schwindet das Gefühl der Exklusivität und/oder wird die Zahl der Debattenbeiträge zu groß?).

Gekoppelt mit der Tatsache, dass Push derzeit für User die Standard-Einstellung bei Messengern ist (-> Spam-Gefühl bei hoher Aktivität von Drittparteien), deutet das darauf hin, dass Massenmedien derzeit noch Probleme haben dürften, sich dort einzupassen – was sich mit der nächsten Funktion jedoch schon ändern kann. Was ich mir auf jeden Fall vorstellen kann: journalistische Einzelkämpfer in Longtail-Nischen, die in Messenger-Formaten die perfekte Plattform finden.

 

Das Kabel

Medium und Medienfirmen der anderen Art

Medium Medienwandel
Blick aus dem Medium-Office in San Francisco (Foto @dahul)

Medium ist eine Medienfirma, aber auch ein Technologie-Unternehmen. Zuordnen könnte ich es aber keiner der beiden Seiten.

Das ist wichtig, um zu verstehen, was Medium gerade macht. Es arbeiten dort Redakteure und es gibt sogar Magazine (Matter, Backchannel), die Aufgabe der Journalisten ist nicht nur, Inhalte zu produzieren oder auszuwählen: Vielmehr geht es auch und vor allem darum, die Frage zu klären “genügt unser CMS dafür, die Ideen umzusetzen, die ich habe?”

Ich halte das für schlau, weil sie unter diesen Voraussetzungen natürlich das das Limit des Machbaren ausreizen. Abgeglichen mit technischer Umsetzung und der Frage “braucht der Nutzer das?” hast Du im Idealfall stets das beste State-of-the-Art CMS. Und das ist wiederum wichtig, um bei einer UGC-Plattform weitere Nutzerkreise zu erschließen.

Während die deutschen Medien noch um das Verhältnis zwischen Lesern und Redaktionen ringen, arbeitet Medium nach dem klassischen Plattform-Drehbuch (aus dem ursprünglichen Konzept “Twitter für Longreads” abgeleitet). Lineare Geschäftsmodelle verschwinden, die Wertschöpfung steckt in den geschaffenen Interaktionen. Das gilt zu hundert Prozent für Web-Unternehmen, zu denen inzwischen eigentlich auch Verlage gehören.

Wer mehr über das Konzept wissen möchte, dem sei dieses Video von Sangeet Paul Choudary empfohlen.

Ein Unterschied zwischen “redaktionellem” Content und Nutzer-Inhalten fehlt und wäre auch unsinnig, bei Backchannel laufen beispielsweise die besten Tech-Geschichten auf Medium ein. Ein Magazin als Sammlung.

Wo das alles hinführt, weiß man glaube ich selber noch nicht. Es gab mal Gedanken über eine Paywall-Software, wurde mir erzählt, die dann aber verworfen wurde. Natürlich gibt es Native Advertising, aber erst einmal geht es um Wachstum, das unter anderem mit Staubsauger-Funktionen (Import your content) verstärkt werden soll. Vielleicht skalieren sie nicht schnell genug, bevor das Geld verbrannt ist. Vielleicht wird Medium das größte publizistische Web-Netzwerk der Welt. Vielleicht entwickelt sich das CMS zu einem Standard- und erfolgreichen B2B-Produkt (vgl. Chorus von Vox Media auf Steroiden). Oder zu einer Komplettlösung für Firmen-Marketing. Vielleicht wird es durch einen Exit zum Twitter-Feature für die Nische. Niemand weiß es.

Dennoch steckt in Medium eine einfache Wahrheit: Technologie ist nicht einfach ein “Instrument der Übermittlung” für einen Journalismus, dessen Inhalte vom Trägermedium unabhängig sind. Sie ist der Ausgangspunkt für alle Antworten auf Strategiefragen, und das sicherlich stärker, als dies viele Traditionsmedien mit ihrem Fokus auf das lineare Publishing-Modell erwarten.

P.S: Ich habe die Frage nach den Folgen der Content-Silos für das freie Web hier ausgeklammert, im Dezember habe ich dazu etwas geschrieben.

Das Kabel Denken

Lesen

Zehn lose Gedanken.
Zeitschriften

(1) Das auf dem Foto sind die Magazine, die nach zwei Wochen Urlaub in unserem Briefkasten lagen. Und vor unserer Tür, weil der Briefkasten voll war.

(2) Zeitschriften-Abos bekommst Du in den USA nachgeschmissen, ein Dollar pro Ausgabe für ein Magazin, das am Kiosk acht Dollar kostet. Meine Vorfreude beim Holen der Post ist grenzenlos beziehungsweise wird nur dadurch eingetrübt, dass einige Verlage meine Adressen hemmungslos verkaufen und ich jetzt von ultralibertären Republikanern Petitionen zugeschickt bekomme. Und von Robert Redford.

(3) Der sich daraus ergebende Druck besteht nicht darin, das Magazin “zu lesen“ – sondern zumindest ein, zwei Stücke konsumiert zu haben, damit man nicht das Gefühl hat, Geld rauszuschmeißen.

(4) Die Konkurrenz ist nicht nur die NYT-, SZ- oder WaPo-App, die Print-Lokalzeitung (Chronicle) oder die auf den E-Book-Reader geschickten Feedly-Stücke, sondern auch Twitter, das auch eine Form von Lesen ist (und eines mit Interaktionsmöglichkeit). Und ich bin noch nicht einmal Mobile Gamer oder exzessiver Whats-App-Schreiber. Von anderen Bildschirmen wie YouTube, Netflix etc. rede ich gar nicht.

(5) Ich hatte das Glück, Literaturwissenschaft zu studieren und damit schon eine Menge belletristischer Klassiker gelesen zu haben. Inzwischen hat mich mein Job und mein Interesse am Weltgeschehen sehr an aktuelle journalistische Texte gebunden. Die Phase geht jetzt vorbei, denn Literatur ist Literatur und Journalismus eben nur selten.

(6) Ich lese in der Regel sechs bis acht Bücher gleichzeitig, wobei das geschummelt ist, denn ein paar davon habe ich insgeheim schon aufgegeben, oder sie mich. Vielleicht ist es ein bisschen wie mit dem Essen, je größer die Auswahl, desto stärker die Abstumpfung.

(7) Sollte ich die Gelegenheit haben, werde ich Nick Hornby die Identität klauen. Er liest, darf darüber eine Kolumne schreiben und Autoren wie Karl Ove Knausgaard entdecken. Ich stelle mit Hornby vor, wie er sich einen Tee macht und einfach einen ganzen Nachmittag in einem Buch schmökert (glücklich grinsend, der Sack!), während meine Nachmittage meist daraus bestehen, journalistische Texte mit begrenztem Haltbarkeitsdatum zu schreiben und mich zu fragen, warum die Zeit so schnell dahingeht und der Tag keine 36 Stunden hat, von denen ich dann acht Stunden lesen könnte. Vielleicht.

(8) Ich überlege schon lange, was aus dem belesenen Intellektuelle des 20. Jahrhunderts wird (also aus dem Konzept). Vielleicht wird er nicht trotz, sondern wegen der überbordenden Masse an lesbarer Information nahezu aussterben. Ich weiß nicht, welches Konzept der Informiertheit an seine Stelle treten wird. Das Weltwissen ist zu groß und der Rückzugsort für tiefe Buch-Lektüren zu klein geworden. Nicht, dass die Zahl der Schopenhauer-Leser außerhalb der beruflichen Zwangsbeschäftigung bislang besonders groß gewesen wäre – das Netz macht aber nicht nur den direkten Zugang, sondern auch die Lektüre von Sekundärliteratur theoretisch überflüssig. Theoretisch deshalb, weil Wissen nicht mit einem Erkenntnisprozess verwechselt werden sollte.

(9) E-Book-Reader sind keine Brückentechnologie, sondern haben einen Vorteil in einer beachtlichen Zielgruppe: Im Gegensatz zu andere Mobilgeräten gibt es keine Ablenkung. Allerdings ist nicht gesagt, dass sich das Multitasking-Problem nicht technisch gelöst werden kann (z.B. eine API für “Beschäftigt-Status”).

(10) Ich habe keine Ahnung, ob Spritz und Social-Reading-Ideen wie Sobboks die Zukunft andeuten oder spät genug dran sind. Lesen ist nur ein befriedigender Prozess, wenn er reibungslos verläuft – und hier sind für solche Konzepte noch einige UI/Nutzerführungsprobleme zu lösen.

Gesichter im Spiegel

American Football vs. Fußball

Vergangenen Sonntag war ich das erste Mal bei einem NFL-Spiel. Die Oakland Raiders, derzeit so etwas wie der TSV 1860 München der Liga, gegen die San Diego Chargers. Natürlich haben die Raiders verloren, aber immerhin knapp dieses Mal. Warum Oakland? Weil die San Francisco 49ers so etwas wie Bayern München sind und die Eintrittspreise im neuen Stadion unerschwinglich sind. Ich mag Underdogs.

Ich bin schon seit Kindesbeinen Football-Fan und habe früher die Spiele immer Sonntagabend im Allied-Forces-Radio auf UKW verfolgt. Aber nicht nur deshalb war das Spiel etwas Besonderes. Ein paar kurze Eindrücke

  • Don’t bring your guns: Man ist ja als Auswärtsfan in der Bundesliga viel gewohnt, aber Oakland war ungefähr auf dem Niveau von Energie Cottbus (okay, es gab mehr als eine Toilette). Es herrscht ein Verbot für Taschen fast aller Größen, man darf nur eine kleine Tüte mitnehmen. Bei der Taschenabgabe muss man ganz genau aufpassen, denn gestapelt wird alles ohne System, was wiederum beim Abholen zu freundlichen Ratespielen führt. Warum der Terz? Die Veranstalter wollen Geld am Catering verdienen, aber es gibt in Kalifornien auch eine Menge Schusswaffen, die besser nicht ins Stadion sollten. So ist es ganz logisch, dass man auch noch durch einen Metalldetektor am Eingang muss.
  • Bier für 12 Dollar: Tickets gibt es nicht unter 50 Dollar und wer sich betrinken möchte, sollte gerade mit seinem Startup einen Exit hingelegt haben. 12 Dollar kostet ein Bier (ca. 0,4 Liter). Vielleicht zahlt man auch für die Ausgiebigkeit des Service, gemächlicher als in amerikanischen Stadien geht es in keinem Bierausschank der Welt zu. Dass trotzdem sehr viele Besoffene rumlaufen, liegt daran, dass den ganzen Morgen auf dem Parkplatz gebechert und gegrillt wird. Selbst im Damenklo wurde gekotzt, wie mir berichtet wurde.
  • Wilde Meute: Anders als in der Bundesliga existiert keine Fangesangs-Kultur, außer ein langezogenes Raiiiiders oder den obligatorischen “Defense!”-Rufen. Auswärtsfans gibt’s aufgrund der Distanzen auch wenige, selbst bei einem kalifornischen Derby wie am Sonntag liegen fast 800 Kilometer zwischen den Städten. Anders als beim Baseball und meistens beim Basketball ist es trotzdem sehr laut: Die Menschen brüllen einfach, gerade bei gegnerischen Spielzügen (um die Ansagen es Quarterbacks zu übertönen). Das erinnert dann wirklich an das Gladiatoren-Klischee, das mancher Deutsche vom American Football hat, inklusive des Publikums. Die Bierbauch- und Dauerwellenquote ist übrigens ungefähr so hoch wie in den Achtzigern auf Schalke. Speisen wie Nachos mit Käsesoße sorgen dafür, dass das durchschnittliche Fan-Kampfgewicht nicht zu sinken droht.
  • Tanzkultur: Okay, die Zuschauer singen doch. Und sie tanzen. Weil so viele Pausen zwischen den Spielzügen sind, werden immer brechend laut diverse Mitgröhl-Hits eingespielt, manchmal darf das Publikum sogar abstimmen. Sport ist hier viel stärker Unterhaltung als in Deutschland, weshalb der Party-Faktor eine wichtige Rolle spielt.
  • Sie reden miteinander! Ähnlich wie der Fußball in Deutschland die unterschiedlichsten Milieus zusammenbringt, reden beim Football plötzlich Schwarz und Weiß und Braun miteinander, als gäbe es die ganzen Probleme im täglichen Umgang miteinander nicht. Wer die getrennten Sphären im Alltag (selbst in Kalifornien) erlebt, freut sich über diese Normalität, die leider an den anderen Tagen der Woche keine ist.
  • Fan-Sein: Baseball und Football sind Volkssportarten, aber die extreme Hingabe, die man von deutschen Vereinen kennt, fehlt meines Eindrucks nach beim Großteil der Fans. Das System funktioniert natürlich auch anders: Die Raiders waren beispielsweise lange in Los Angeles angesiedelt, bevor der Eigentümer sie nach Oakland umzog. Unvorstellbar in Deutschland. Ebenfalls inexistent ist der Existenzkampf: Die Raiders haben eine Bilanz von null Siegen und fünf Niederlagen, aber aus der NFL kann wie aus den anderen Großsport-Ligen niemand absteigen – die Saison ist also praktisch gelaufen. So kannst Du Dich darüber aufregen, dass die Mannschaft keine guten Wide Receiver hat, aber das war es schon, der Rest ist Achselzucken.

Globus

Dave Eggers: The Circle

Für die ersten 200 Seiten von Dave Eggers “The Circle” habe ich vier Wochen, für die letzten 250 ein paar Stunden gebraucht. “Wordy” sei Eggers, hatte mich eine Bekannte gewarnt, und im ersten Teil des Buches fanden sich dafür auf quasi jeder Seite Bestätigungen. Dass am Ende der Science Fiction Plot noch Fahrt aufnimmt, entschädigt etwas.

Aber natürlich ist da die andere Seite, das Lob der deutschen Feuilletonisten, Eggers habe die Digitalisierung der Menschheit weitergedacht und zu einer Dystopie ausgebaut, die wir Reisenden des 21. Jahrhunderts in einigen Jahren erst vollends begreifen würden. Wer den Plot nicht kennt: Eine junge Frau fängt einen Job im Tech Unternehmen The Circle an, das als eine Art Mega-Google die Entprivatisierung der Welt vorantreibt, die in einem digitalen Autoritarismus mündet (oder nicht? Keine Spoiler an dieser Stelle).

Es gehört zu den Stärken des Buches, dass es das Sektenhafte einiger Tech-Unternehmen böse karikiert und die Überforderung des Einzelnen durch ständiges wie sinnloses Liken und Posten durch Übertreibung auf den Punkt bringt. Zu den Schwächen gehört, dass Geld (also der Silicon-Valley-Kapitalismus) keine Rolle spielt, die Prämisse “Tech Konzerne wollen alles an die Öffentlichkeit zerren” im Realitätsabgleich nicht mehr stimmt (es genügt inzwischen, die Daten in den Vermarktungssilos zu hinterlassen, was eine andere Sache ist). Vor allem aber ist The Circle deutlich anzumerken, dass die Idee im Vordergrund steht und die Figuren nur als Erfüllungsgehilfen bei der Umsetzung agieren. Entsprechend flach sind die psychologischen Konstruktionen rund um die Protagonistin und die Menschen, die sie trifft.

Ist The Circle also empfehlenswert? Als Dystopie ein bisschen (aber: oh boy, diese ersten 200 Seiten). Als Roman zur Digitaldebatte meiner Meinung nach kaum. Es sei denn, man sieht in amerikanische Tech-Konzerne ohnehin die Kräfte, deren Ziel die Unterjochung der Menschheit unter die Philosophie der Post Privacy ist. “Haben Sie Eggers gelesen? Da ist alles beschrieben”, ersetzt auf mancher Cocktail-Party sicherlich die nuancierte Auseinandersetzung mit den wirklich relevanten Fragen der Digitalisierung und des Tech-Kapitalismus,

Das Kabel

Alex Blumberg – Geschichte eines Journo-Gründers

Wer die NPR-Sendungen This American Life und Planet Money kennt, der weiß: Alex Blumberg (rechts neben einem Kollegen) ist ein guter Typ. Und ein mutiger, denn er hat seinen Job aufgegeben, um ein Podcast-Unternehmen zu gründen. Und weil er Journalist und Geschichtenerzähler ist, dokumentiert er den steinigen Weg: Startup heißt der Backstage-Podcast, er ist voller Hoffnung, Zweifel, Humor und Ehrlichkeit (man lernt nebenbei viel über Pitches, Investoren und Gründungs-Kleinigkeiten). Vor allem aber stellt er eine menschliche Nähe her, die sich viele Journalisten nie erlauben würden.

Genau deshalb ist es die perfekte Idee, um Begleiter für Blumbergs neuen Weg zu sammeln. Würde er seine Hörer um Geld bitten (was er sicherlich tun wird), ich würde ihn schon jetzt von Herzen unterstützen.

Denken

Alte Säcke

Ich habe neulich erstaunt mitbekommen, dass Blumfeld eine Reunion-Tour spielen. Nicht, dass das mich betreffen würde, aber ich erinnere mich noch daran, dass einige Freunde von mir damals 2007 zur Abschiedstour gingen.

Jetzt sind sie also zurück, genau wie NIN, deren Abschiedskonzert ich damals in Berlin gesehen habe. Und wie zahlreiche andere Bands, die seit Jahren mit Material aus den Neunzigern umhertouren. So ist das Geschäft, Musik in einer Einheit zu machen, ist ja auch noch Jahre später recht erfüllend. Und dann gibt es in manchen Fällen noch die materiellen Zwänge.

Und doch hat es schon etwas Trauriges, denn das Publikum altert ja mit und kommt wegen der alten Songs, deren Zeitgeist natürlich inzwischen durch Nostalgie ersetzt wurde. Die Reunion-Bands erinnern uns an unsere Jugend, aber wenn wir auf die Bühne und ins Publikum gucken, eben auch an unser Alter. Noch kann ich keinen Trost darin finden, vielleicht meide ich deshalb diese Veranstaltungen.

Andererseits lerne ich jetzt die “Älteren” von damals, die wir als Teenager bei den Punkrock-Konzerten hinten an der Bar stehen sahen. Meist männlich, nicht selten junggesellig, mit Shirts von Bands, ihre beste Phase ungefähr in unserem Geburtsjahr hatten. Und ich bekomme Respekt für das Interesse an neuer Musik, denn sie hätten sich ja auf den Besuch von Reunion-Touren beschränken können. Wenn Ihr mich also in ein paar Jahren sucht: ich stehe dahinten irgendwo. In meinem Go-Faster-Nuns-Shirt.

Denken Globus

Die beste aller Zeiten

Klammern wir die Privatsphäre aus, liegt für den politischen Menschen die beste Zeit stets in der Vergangenheit. Zumindest, wenn wir von beste mit “friedvoll und ruhig” gleichsetzen.

In meiner eigenen Erinnerungen wirken die Neunziger in der Rückschau fast wie ein Paradies, auf Normalmaß zurückschrumpfende Imperien und eine Welt, in der das Ende der Geschichte wirklich möglich schien. Doch natürlich gab es damals die Balkan-Kriege, und obwohl mein politisches Bewusstsein in diesem Jahrzehnt erst am Erwachen war, erinnere ich mich deutlich an die Krassheit eines Krieges in Europa.

Von den Konflikten in der Ukraine und dem Zerfall des Nahen Osten aus betrachtet wirken sogar die Nullerjahre erträglich. Der Irak-Krieg und dessen Folgen waren ja damals in Deutschland vor allem eine staatspolitisch-moralische Debatte (im Irak selbst und in den USA freilich war dies ganz anders, und natürlich sind mir die großen afrikanischen Kriege bewusst).

Aber natürlich ist heute so gesehen immer noch eine gute Zeit für die Bundesrepublik. In diesem Ukraine-Stück des Guardian ist von Barkeepern die Rede, die inzwischen an der Front kämpfen müssen. Das erlaubt einen Blick darauf, we ein Krieg eine Gesellschaft auseinander sprengt. Die (gerechtfertigte) Wertschätzung für die eigenen Soldaten, aber auch die Kaputtheit vieler Veteranen hier in den USA zeigt, wie es in einem Land aussieht, das eigenlich ständig mit Krieg lebt, obwohl hier selbst schon lange Frieden herrscht.

Es ist ein echtes Wunder, dass die Deutschen unter 70 keine dieser Erfahrungen am eigenen Leib machen mussten.