Globus Lesetipps

Zeit der Macheten

Namen einiger identifizierter Opfer des Völkermords in Ruanda. (Foto: beccacantpark, Flickr, CC BY-NC-ND 2.0)

Am 6. März 1994 um 19:20 Uhr befand sich das Flugzeug des ruandischen Präsidenten Juvénal Habyarimana im Anflug auf den Flughafen Kigali, als es von zwei Raketen getroffen wurde. Wer sie abgefeuert hatte, ist bis heute nicht geklärt.

Bekannt ist, was auf den Tod des Hutus mit dem Spitznamen “Der Unbesiegbare” folgte. Die Ermordung fast einer Million Menschen auf brutalste Weise. Auch westliche Medien – selbst jene, die Afrika sonst ignorieren und stereotypisieren – schreiben dieser Tage über den Völkermord in Ruanda. Wer einmal ins Archiv steigt und sich die Berichte von 1994 ansieht, weiß, dass die Schlagzeilen damals andere waren.

Das Morden mit Macheten und Hacken, das routinemäßige Zerfetzen von als “Kakerlaken” bereits verbal der Einordnung als Mensch beraubten Männern, Frauen und Kindern – die Analyse der politischen und sozialen Umstände wird dieser Dimension des Genozids nicht vollends gerecht werden.

Der französische Journalist Jean Hatzfeld hat deshalb nach dem Völkermord die Überlebenden, aber auch die Täter dieses unfassbaren Verbrechens getroffen und deren Aussagen protokolliert. Seine Bücher “Nur das nackte Leben” und “Zeit der Macheten” (im Video unten ein Auszug) zeigen beide Perspektiven. Sie seien jedem empfohlen, der sich mit dem Ruanda von 1994 beschäftigen möchte – oder auch nur mit der Unmenschlichkeit im Menschen und die Reaktion jener, die ihr in brutalster Weise ausgesetzt sind. Und mit dem, wie Täter mit ihrer Schuld umgehen – auch und gerade ein deutscher Topos.

Linktipp: Der geschätzte Dominic Johnson hat auf taz.de eine ausführliche Leseliste zusammengestellt.

Globus

Die besten vegetarischen Restaurants

 

Bei Hermans (Foto: Shinnfean, Flickr, CC BY-NC-ND 2.0)

Wenn es etwas Bemerkenswertes an meinen zwei fleischlosen Jahrzehnten gibt, dann der Wandel der vegetarischen Gastro. Früher hatten vegetarische Restaurants im öffentlichen Ansehen etwas öko- und beinahe freakhaftes; heute findet sich dort häufig die junge Lifestyle-Crowd, die andere gerne hätten. Was für mich persönlich ein gutes vegetarisches Restaurant ausmacht? Neben dem Geschmack das Gefühl des Heimkommens, des Überwältigtseins von den Möglichkeiten, die diese Küche bietet. Hier die Restaurants, in denen ich diesen Aha-Effekt am intensivsten erlebt habe. Das ist nur eine Auswahl – ich freue mich über Hinweise in den Kommentaren und via Twitter.

Red Bamboo, New York

Das Red Bamboo liegt irgendwo im West Village von New York, ich erinnere mich daran, dass es beim Platz an der Tür immer ziemlich zog und es – wie in den meisten amerikanischen Restaurants – eher betriebsam als gemütlich war. Was mir aber ebenso im Gedächtnis geblieben ist: Fantastischen Pseudo-Fleisch-Kreationen wie das Bamboo Chicken Curry, und vor allem die fusion-artige Würze der Gerichte. Ich kann nicht sagen, nach welcher Küche es schmeckte; ich weiß nur, dass es ziemlich gut war.

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Hermans, Stockholm

Das Hermans ist längst kein Geheimtipp mehr, auch wenn das Restaurant im Stockholmer Hafen nicht leicht zu finden ist. Fast alles prägt sich ein: Der Ausblick auf das Meer und die anliegenden Kreuzfahrtschiffe, ein riesiger Außenbereich und ein Buffet, in dem sich Speisen aus allen Ecken der Welt kombinieren lassen, vom afghanischen Kichererbsengericht bis zur vegetarischen Paella. Und dann noch dieses Brot mit der gesalzenen Butter… Vielleicht der beste Ort, um den Sonnenuntergang in einer der skandinavischen Hauptstädte zu genießen.

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Evergreen Vegetarian House, Georgetown (Penang)

Fast jeder westliche Mensch hat sein kulinarisches Asien-Erwachen: Den Moment, in dem er feststellt, dass die Speisen der Region nur in Kombination mit Luft und Gerüchen vor Ort perfekt funktionieren. Mein Moment war der erste Besuch im Evergreen Vegetarian House auf der malaysischen Insel Penang. Auch hier gibt es ein Buffet, das vor allem Einheimische aufsuchen. Ich konnte mir die Namen der Speisen nie merken, noch wusste ich, welche Mischung Gemüse, Soja und Gewürzen sich dahinter genau verbarg. Ich bin aber gerne und oft wiedergekommen.

Reviews

Yoyo, Berlin

Gemach, Ihr Berliner. Natürlich könnte ich aus rein kulinarischen Gesichtspunkten das Koops oder nach Stadtkultur-Faktoren den Vöner wählen, aber das Yoyo ist mir näher. Weil ich da gerne war und auch heute während Besuchen in der Hauptstadt mindestens einmal hin muss. Weil das Publikum einfach da ist, nichts darstellen möchte sondern nur essen. Weil die Burger fantastisch und die Pommes mit Liebe handgeschnitzt wurden. Weil ich die Imbiss-Kultur mag und die Gegend, und überhaupt: Weil da ganz viel von meinem Leben drin hängt.

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Gracias Madre, San Francisco

Okay, ich war bislang erst einmal dort, aber schon das hat genügt. Einen veganen Mexikaner hätte ich mir in meinen kühnsten Träumen nicht vorstellen können. Aber es funktioniert, auch und gerade jenseits des Hype-Faktors. Was mir im Gedächtnis geblieben ist (neben des großen Andrangs): die liebevolle Dekoration des Essens, die kräftigen Beilagen, die das würzige Aroma der dampfenden Speisen. Voy a volver!

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Verdeo, Medellin

Im Medelliner Reichenviertel El Poblado – angeblich der einzigen Gegend, in der man als Auswärtiger nachts ohne Probleme auf die Straße gehen kann – befindet sich diese kleine subkulturell angehauchte Oase (und das Gefühl, neben dem Blingbling ums Eck auf eine solche zu stoßen, hatte ich wirklich). Im Gedächtnis geblieben sind mir nicht nur die bunten Tierbilder überall, sondern auch das gemütliche Ambiente und die moderne Fusion-Küche (z.B. marinierter Tofu mit Spaghetti). Geht man ein paar Meter Richtung Süden, findet sich gleich eine nette Open-Air-Bar mit Holzstamm-Stühlen, deren Namen ich vergessen habe.

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Natürlich ist die Liste nicht vollständig – und meine kulinarische Reise ist natürlich noch nicht zu Ende. Wer Tipps und Empfehlungen hat, wer einen Laden kennt, der hier unbedingt rein müsste: Her damit!

Denken

Was würde Jesus tun?

Über “The Logia of Yeshua”.

The Logia of Yeshua
Foto: Brother O’Mara (CC BY-NC-ND 2.0)

Wer war dieser Mann, den die Menschen Jesus Christus nennen? Ich glaube, diese Frage zählt, trotz oder gerade wegen der Säkularisierung. Weil dieser Mensch, oder vielmehr die Interpretation seines Lebens die Identität vieler Teile der Welt geformt hat. Weil er der vielleicht größte spirituelle Kraftquell in der Geschichte Menschheit war, ist und sein wird.

Was also, wenn wir Jesus Christus gar nicht kennen? Guy Davenport und Benjamin Urrutia haben sich auf die Suche nach dem Menschen Jesus gemacht, und dabei den Weg über seine Worte gewählt. “Das Evangelium ist das Grab der Logia“, schreiben sie in ihrem Vorwort zu “The Logia of Yeshua” (nur in englischer Sprache erhältlich). Die beiden Gelehrten haben die frühesten Niederschriften (kanonisch und nicht-kanonisch) von Jesus’ Worten identifiziert und übersetzt. Keine Heilsgeschichte, keine Biographie, keine Interpretation liefert das handliche Buch. Nur die ursprüngliche Überlieferung seiner Worte.

Der Jesus, der hier spricht, ist ein anderer als der christliche. Er erscheint so wütend wie liebend, so weltlich wie mit Gott verbunden. Ein selbstbewusster jüdischer Freiheitskämpfer mit spirituellem Anspruch. Nichts wirkt nach der Lektüre fremdartiger als der romantische, sanfte Jesus des Neuen Testaments. “If you haven’t understood the alef, how can you teach others the beth?“, fragt er. Es klingt wie ein Vorwurf gegen jenen Absolutheitsanspruch, den seine Nachfolger formuliert haben.  “You have seen your brother, you have seen your God”, ist einer der anderen Sätze, der ein anderes Bild von Autoriät und Gottesglauben vermittelt, als wir es kennen. Einige Aussprüche entsprechen denen des Evangeliums, andere sind ähnlich, aber doch ohne den Spin der Interpretation durch die frühen Christenführer. Einiges überrascht, so seine Ablehnung der Beschneidung oder des Fleischkonsums.

Ich lese gerne in diesem Buch. Es suggeriert keine Wahrheit, sondern gibt uns einige ursprünglichen Stücke jenes Puzzles in die Hand, aus dem später das Christentum wurde. Wie wir diese Puzzleteile wahrnehmen, wo wir sie in unser Weltbild einsetzen, ist eine sehr subjektive Sache. Genau deshalb ist es “The Logia of Yeshua” eine Inspiration.

Horizont

Ich gehe nach San Francisco

Ein paar Worte zu meiner Zukunft.

San Francisco Journalisten
(Foto: davidyuweb, Flickr, CC BY-NC-ND 2.0)

Anfang März steige ich in ein Flugzeug und fliege nach Austin zur South-by-Southwest. Das alleine wären schon fabelhaft, doch das Abenteuer beginnt damit erst. Nach der SXSW werde ich mich auf den Weg nach San Francisco machen. Und dort erst einmal bleiben.

Ab April werde ich von der amerikanischen Westküste aus arbeiten. Als Autor für Süddeutsche.de zunächst für zwei Jahre. Um den Lesern schon morgens Analysen zu Politik, Wirtschaft und Technologie zu liefern. Und natürlich, um die Berichterstattung aus dem Silicon Valley auszubauen. Es wird auch noch der ein oder andere Auftraggeber dazukommen, wer Interesse an meinen journalistischen Diensten und Geschichten aus der Bay Area und dem Valley hat (+ nicht in direkter Konkurrenz zu SZ.de steht): Ich freue mich auf Deine/Ihre E-Mail. Ich kann übrigens auch Radio.

Natürlich ist das eine große Veränderung, aber eine logische, die meinen Interessen entspricht. Ich bin sehr dankbar für die Chance (@Stefan!) und freue mich wie Bolle – auch wenn ich die tägliche Arbeit mit den wundervollen Menschen von Süddeutsche.de vermissen werde. Immerhin darf ich eine Kollegin mitnehmen, aus privaten Gründen: Die phänomenale Beate Wild begleitet mich als freie Autorin (und sie ist ebenfalls open for business im Bereich Gesellschaft, Reise, Tech, Lifestyle und mehr). Ist ja nicht schlecht, einen Even-Earlier-Adopter an seiner Seite zu haben.

Natürlich habe ich viele Gedanken, Ideen und Pläne – aber alles zu seiner Zeit. Ich freue mich auf den Can-Do-Geist Kaliforniens, auf die Menschen dort und ihre Ideen. Ich werde mich inspirieren, aber nicht davontragen lassen. Ein kritischer Gast und Geist sein. Mich verändern, aber ich selbst bleiben.

In diesem Blog werde ich auf jeden Fall über das Leben dort berichten, über die kleine und großen Dinge, die passieren. Es wird aufregend. Beruhigend ist: Anders als seinerzeit Kai Diekmann besitze ich bereits eine beachtliche Hoodie-Sammlung.

PS: Mein englischsprachiger Twitter-Account: @johakuhn

Lesetipps Linkbündel

Lesetipps: Auto-Blackbox, Technologisierung, Friedrich, Internetreparaturen

Foto via @Doug88888 Flickr, CC

The Next Data Privacy Battle May Be Waged Inside Your Car

Was passiert mit den digitalen Geodaten aus der Auto-Blackbox? Die amerikanische Debatte wird richtig spannend, wenn wir z.B. daran denken, dass Google gerade versucht, das zentrale OS für die ersten Generationen selbstfahrender Autos zu entwickeln. Darum geht es, nicht um irgendwelche Android-Bediensysteme in Audis.

Technology and jobs: Coming to an office near you

Der aktuelle Economist mit einem Titelthema, das in der Luft liegt, aber noch viel zu wenig wahrgenommen wird: Die Technologisierung der Arbeitswelt, und was das für die Gesellschaften bedeutet.

If this analysis is halfway correct, the social effects will be huge. Many of the jobs most at risk are lower down the ladder (logistics, haulage), whereas the skills that are least vulnerable to automation (creativity, managerial expertise) tend to be higher up, so median wages are likely to remain stagnant for some time and income gaps are likely to widen.

Stagnierender Wohlstand, nochmals wachsende Unterschiede zwischen arm und reich. Die Reaktion darauf ist eine der größten Herausforderungen der nächsten Jahre. Das komplette Briefing gibt es hier. Und ich habe vor einiger Zeit auch darüber gebloggt.

Was für Minister Friedrich wichtig ist: Gemüse

Warum ich gerne bei Süddeutsche.de arbeite? Weil wir die Freiheit und Kreatitävit haben, genau solche Sachen wie der Kollege Michi König zu machen.

Die Reparatur des Internets hat begonnen

Der Text setzt im Nachhinein betrachtet vielleicht etwas viel voraus, aber mir war es wichtig. Ich arbeite – für Online-Verhältnisse – schon länger an dem Thema, jenseits des wöchentlichen Snowden-Geheuls auch zu zeigen, dass es Menschen gibt, die daran etwas ändern wollen und können. Kudos an Hakan und Pascal. Leider war mein Part (der politische) der deprimierendste. Und witzigerweise gab es den Arbeitstitel “Das Internet reparieren” schon vor dem Lobo-Text.

(Fast) zufällig ausgewählte Tweets:

 

Lesetipps Linkbündel

Lesetipps: Nashörner, Odday Alatiki, Ressentiments, neue Kriege

Foto via gmacfadyen Flickr, CC

 

Kenyan rhinos cannot survive in the wild, says charity 

NPR hatte ja vor einiger Zeit einen Schwerpunkt zu den bedrohten Nashörnern in Kenia und Vietnam, dabei ging es auch darum, ob die Jagd-Freigabe letztlich sogar dabei helfen könnte, die Tiere vor dem Aussterben zu schützen. Fakt ist: Es sieht nicht gut aus, das Geschäft ist einfach zu gut, die Preise auf dem asiatischen Markt rechtfertigen jedes Risiko, das Wilderer eingehen. Der Satz “Wander alone like a rhinoceros” gewinnt eine traurige neue Bedeutung.

Von Zaatari nach Clausthal-Zellerfeld

Einem talentierten jungen Syrer via Crowdfunding das Studium in Deutschland ermöglichen – tolle Aktion von Rico Grimm und Detlef Gürtler. Das Geld für das Sperrkonto ist schon zusammen, jetzt gibt es was für den Start in Deutschland. Mehr bei Dirk.

Hinter der Begeisterung steckt Unsicherheit

Andrian Kreye sehr klug über Hitzlsperger und die Frage nach der Rolle von Ressentiments in aufgeklärten Gesellschaften.

Die neuen Kriege

Wer das Gefühl hat, dass sein Optimismus für 2014 einen Dämpfer vertragen könnte: Es gibt da zwei Gegenmittel. Diese BBC-Dokumentation über die sich entwickelnden Konflikte im nördlichen und östlichen Afrika, sowie dieses NYT-Stück über die gewaltsam ausgetragenen inner-islamischen Streitigkeiten im Nahen Osten. Entwicklungen sind natürlich nie linear, aber denkt man das in die Zukunft, waren die Instabilitäten durch die Arabellionen nur der Anfang. Das Schlagwort “30-jähriger Krieg” wird nicht umsonst inzwischen immer häufiger genannt.

(Fast) zufällig ausgewählte Tweets (irgendwie mag das Theme das Original-Layout nicht):

 

Lesetipps Linkbündel

Lesetipps: Morozov, Blog-Vernetzung, Greenwald

Foto via Alp ICT (Switzerland) Flickr, CC

Anmerkung: Mit Hilfe von Pinboard, Feedly und Ifttt versuche ich, mir die Linkposts etwas zu vereinfachen. Was immer noch sehr kompliziert ist, aber mir hoffentlich dabei hilft, hier wieder öfter etwas zu posten.

Evgeny vs. the internet : Columbia Journalism Review

“Part of my job is to raise the cost of producing bullshit in this area, and to make sure people pay for that with shame, with being ridiculed, with harsh reviews, whatever.”
Ich bin kein großer Fan von dem Absolutheitsanspruch, mit dem Evgeny Morozov seine Digitalkritik versieht (und ihr auch letztlich die Argumente unterordnet, seinen Thesen also selber schadet). Aber er hat seinen Platz in der Debatte, spielt intellektuell vier Klassen höher als ich und erscheint mir nach Lektüre dieses CJR-Porträts als Charakter um einiges erklärbarer.

Ein Netz aus Blogs | anmut und demut

Ben ist auch ein Internet-Pessimist, aber dafür auch ein ziemlich digitalbegeisterter Bastler. Seine neue Idee läuft darauf hinaus, für sich und befreundete Blogs ein dezentrales Tumblr-Modell zu basteln. Dezentral ist in Internet-Angelegenheiten gut. Immer. Gerade im Zeitalter der Internet-Silos.

Vot iz a Giornalist?

Ich habe große Probleme mit der Debatte zur Frage “Ist Glenn Greenwald ein Journalist?”. Warum sollte er es nicht sein? Weil er eine Meinung hat? Weil hinter seinen Texten und Auftritten ein Mensch mit einen Anliegen zu erkennen ist? Günther Hack geht es offenbar ähnlich, er verweist, dass wir bei “Powerbroker”-Journalisten derartige Fragen nicht stellen. Insofern sind mir Journalisten-Aktivisten lieber als jene, die sich als Königsmacher sehen und ihre Motivation hinter der Rolle des angeblich neutralen Beobachters verstecken.

Predictions 2014: A Difficult Year To See | John Battelle’s Search Blog

John Battelle schreibt eigentlich über Tech, aber ihm macht gerade der Klimawandel viel größere Sorgen als die Branche. In seinen Prognosen für 2014 hat er nun beides verwoben. Und natürlich sieht er das Valley als großen Faktor bei der technologischen Antwort auf die Erderwärmung (und fordert ein “Manhattan Project”, eine etwas unglückliche Wortwahl). Evgeny Morozov dürfte sich in seinem Heilsglauben-Argument bestätigt sehen (fand den Artikel trotzdem lesenswert).

 

Denken

Worüber ich meine Meinung geändert habe

 

Foto: Zane Selvans (CC BY-NC-SA 2.0)

Jahresrückblicke und ich – schwierige Sache, das. Nicht nur wegen Jauch und Co, sondern auch hier. Sonst blogge ich ja immer meine Jahresliste oder Gedankensnippets, aber in diesem Jahr bin ich ohnehin wenig zum Schreiben gekommen und ziemlich viele für die Öffentlichkeit bestimmte Gedanken habe ich via Twitter in die Welt geschickt.  Und überhaupt: Hinterher sind wir immer schlauer.

Insofern ist es konsequent, was Radiomoderator Brian Lehrer bei WNYC gemacht hat. Der hat die Hörer seiner Call-In-Show nämlich schlicht gefragt: “Worüber haben Sie 2013 Ihre Meinung geändert?“. Das klingt banal, ist aber schwierig zu beantworten – und zudem so gar nicht besonders in Mode, denn gerade im Online-Diskurs geht es ja häufig um das “Recht haben” respektive “Recht behalten”.

Worüber habe ich also im Jahr 2013 meine Meinung geändert? Ich musste ehrlich gesagt etwas länger nachdenken.

  • Bayern: Ich bin im Freistaat aufgewachsen und erinnere mich noch gut an meine Kindheit auf dem Land. Eine derartige Bigotterie wie die der – inzwischen weitgehend verstorbenen – Kriegsgeneration möchte ich niemandem wünschen, der Glauben an die Zivilisation in sich trägt. Und eigentlich dachte ich, dass dieses obrigkeitshörige, unterhinterfragend konservative Bayern zumindest zum Teil der Vergangenheit angehört, genau wie die Wucherungen des Filz. Aber von Mollath über die Modellauto-Affäre bis zur Stimmverteilung bei der Landtagswahl: “Bayern halt” lasse ich wieder als gültiges Erklärungsmuster für Leben und Wirken im Freistaat zu.
  • Vorhersagbarkeit politischer Entwicklungen: Eigentlich dachte ich immer, mit genügend Wissen und Kenntnis über Akteure, deren Macht und Motiv ließen sich die meisten politischen Langzeit-Entwicklungen mehr oder minder absehen. Der Backlash in Ägypten, der Bürgerkrieg in Syrien, Thailand (und das sind nur die Konflikte, die mir einfallen) haben aber gezeigt: Es ist in einigen Fällen zwecklos. Genau wie die westliche Einteilung von “die Guten” und “die Bösen” oder die Anwendung moralischer Maßstäbe auf einige komplexe Konflikte. Wenn wie in Kairo Säkulare gegen Islamisten putschen und diese verfolgen, dann passt das nicht in die bestehende Bewertungslogik. Und auch auf die Frage “Muss die Welt in Syrien eingreifen und wenn ja, wie?” gibt es keine befriedigende Antwort, was aber nichts daran ändert, dass diese Entscheidung getroffen werden muss. Und all das wird noch komplexer.
  • Pressefreiheit im Westen: Es war weniger eine Meinung, als eine Hoffnung. Dass es einen Kern der Pressefreiheit gibt, der in den westlichen Demokratien geschützt bleibt. Aus Tradition, aus dem Wissen, dass sie unabdingbar für das Gemeinwesen ist. Aber von den Aktionen des US-Justizministeriums gegen AP über die UK-Regierungsäußerungen zum Guardian bis hin zu einigen Vorfällen in Deutschland: Die Zivilgesellschaft wird sich strecken müssen, um die Freiheit zu verteidigen, Akte des Journalismus (egal ob von Profis oder “Amateuren”) künftig ohne Angst vollbringen zu können.
  • Sascha Lobo. Der ist mir sofort eingefallen. Ich habe ihn lange eher für einen geschwätzigen Zeitgenossen gehalten, aber er hat in diesem Jahr einige der besten und schlauesten deutschsprachigen Kolumnen geschrieben. Die Zukunft des Journalismus findet sprachlich auch in seinen Beiträgen statt.
  • Die Bundesliga: Ich bin ein Kind der Bundesliga, mich hat sie schon immer mehr als Champions League interessiert. Und doch: Ich langweile mich, weil klar ist, wer in den kommenden Jahren Meister wird. Hätte ich nie gedacht, dass das einmal passieren wird. Von wegen “beste Bundesliga aller Zeiten”.

Natürlich kommen dazu noch viele private Punkte und einiges, was mir nicht einfällt oder ich vergessen habe; zudem bin ich in einigen Fragen optimistischer als vor einem Jahr (Euro-Krise, Medien nach dem Medienwandel). Insgesamt aber ist das überraschend wenig. Eigentlich ein guter Vorsatz, dass auf dieser Liste heute in einem Jahr mehr steht. Damit einhergehend sei Hemingway mit einem Wunsch zitiert, den ich mir generell für den Diskurs im Netz und anderswo wünsche:

“When people talk, listen completely. Don’t be thinking what you’re going to say. Most people never listen.”

Worüber habt Ihr Eure Meinung geändert? Ich freue mich auf Kommentare!

Update: “Dass Aluhüte Spinner sind”, schreibt der geschätzte Egghat zu seiner Meinungsänderung. Gut formuliert. Ich hatte über die NSA-Affäre nachgedacht und war zu dem Schluss gekommen, dass mich zwar das Ausmaß, nicht aber die Tatsache der Überwachung überrascht hatte. Aber der Hinweis darauf, dass einige Verschwörungstheorien nun alleine durch das Ausmaß der Snowden-Enthüllungen etwas plausibler erscheinen, ist ziemlich gut.

Das Kabel

Medium beunruhigt mich

Foto: Maria Johnson, Flickr, CC BY-NC 2.0

Seit einiger Zeit ist Medium, das Portal von Twitter- und Blogger-Gründer Evan Williams online. Das Layout und die Präsentation der Texte fand ich von Beginn an überzeugend, doch auf Anregung des geschätzten Kollegen von Gehlen (selbst Crossposter) habe ich mich nun näher damit beschäftigt, auch mit dem Backend. Es ist, kurz gesagt, beunruhigend.

Beunruhigend gut, ist damit auf der einen Seite gemeint. Medienhäuser basteln seit Jahren an ihren CMS’ herum und dann schafft Medium ein Backend, das äußerst intuitiv und ansprechend ist. Eigentlich genauso reibungslos, wie ich es mir überall wünschen würde (dabei haben wir ein gutes System!). Dazu bietet es Funktionen, über die wir Journalisten schon lange nachdenken: Tweets von Textpassagen (ja, hat die NYT inzwischen auch) und Annotationen, also Kommentare zu bestimmten Worten, Sätzen oder Absätzen.

Und dann wäre noch die Botschaft, die ich aus Medium herauslese: Wenn Silicon Valley will, kann es mit ein paar Handgriffen (okay, und ein paar Millionen) mal schnell eine Plattform hochziehen, gegenüber der die Traditionsmedien in Sachen Lesererfahrung nur alt aussehen können.

Ich weiß nicht, ob  Medium fliegen wird, womöglich ist es ein Eitelkeitsprojekt, das sich aufgrund Mangel an Profil und Inhalten mit wachsender Gewohnheit selbst erledigt. Andererseits war das auch die Prognose für Tumblr. Eine größere Nische sehe ich auf jeden Fall – und damit auch eine Gefahr für selbstgehostete Blogs. Denn WordPress, geben wir es zu, wirkt dagegen ziemlich altbacken. Das ist die zweite Sache, die mich beunruhigt: Dass der Blogsilo-Trend, der mit Tumblr begann, sich mit Medium fortsetzt. Und zwar mit solcher Macht, dass das Internet auch auf diesem Feld auf absehbare Zeit im ummauerten Garten spielt.

P.S: Hier übrigens meine kleine Medium-Seite.

Das Kabel Horizont

Braucht uns der Computer noch?

(Foto: Moleitau, Flickr, CC BY-NC-SA 2.0)

Computer übernehmen einmal viele unserer Jobs und machen uns damit auf dem Arbeitsmarkt überflüssig. Zum ersten Mal begegnete mir diese Idee meiner Erinnerung nach in “Adolf: Äch bin schon wieder da!”, dem Hitler-Comic von Walter Moers.  Im Jahr 2040, so die Utopie, würden die Menschen nicht mehr arbeiten müssen und ihre Zeit sinnvoll verbringen. Alles andere übernähmen Roboter und Computer. Hitler war sehr erstaunt, als er mit seinem Zeitmaschinenhelm dort eintraf.

In den vergangenen Jahren hat das Thema naturgemäß an Bedeutung gewonnen, im Buch “Race Against The Machine” wurden 2011 erstmals so richtig die Konsequenzen durchdacht (die Ergebnisse sind eher ambivalent). Jüngst haben dazu auch Constanze Kurz und Frank Rieger mit “Arbeitsfrei” ein Buch dazu veröffentlicht.

Auch der amerikanische Ökonom Tyler Cowen greift das Thema nun offenbar in “Average Is Over: Powering America beyond the Age of the Great Stagnation” auf und dekliniert die gesellschaftlichen Folgen durch. Amerika, so seine Theorie, werde zum Zwei-Klassen-Land, in denen nur etwa 15 Prozent der Bürger künftig so etwas wie Wohlstand finden können – weil sie, so die Kurzform, nicht durch Computer und Automatisierungsprozesse ersetzbar sind beziehungsweise für deren Koordination und Steuerung gebraucht werden.

Es ist ein ziemlich düsteres Bild, in dem zum Beispiel San Francisco und Manhattan mehr oder minder zur Reichen-Enklave werden, und Cowen will damit natürlich auch die Reaktion auf die Finanzkrise von 2008 kritisieren. Im Interview mit Business Insider zieht er einen drastischen Schluss:

You could put it this way; the great stagnation will end for some people, but not for everyone.  And just ask yourself the question: are you more productive working with the computer or is maybe the computer better off without you?

Dieser letzte Satz hat für mich eine fundamentale Wucht, eine erschlagende Logik. Wahrscheinlich sollte ihn jeder, der in der postindustriellen Gesellschaft noch eine berufliche Zukunft vor sich hat, ernst nehmen.