Author: joha

Fußnoten vom Fluss S01 E05

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Mississippi River on a foggy February morning

Rollendes Notiz-Microblog

Herbst 2015 und ein Untersuchungsausschuss

Robin Alexander von der Welt hat ein Buch über die politischen Entscheidungen rund um die Flüchtlingskrise geschrieben (Auszug hier,€), in der von einem nicht durchgeführten Plan zur Abriegelung der Grenze am 13. September 2015 die Rede ist. Christoph Schwennicke vom Cicero leitet daraus die Notwendigkeit eines Untersuchungsausschusses ab. Schwennicke ist ein schlauer Typ, auch wenn ich oft nicht seiner Meinung bin. Als ich vergangenen Herbst die diversen Jahrestags-Nachrecherchen las, kam mir das Wort Untersuchungsausschuss allerdings auch in den Kopf, aber in anderem Zusammenhang. Genauer gesagt hatte ich ein Problem mit zwei Sachen:

  1. Die Gleichsetzung von „Einwanderung“ und „Asyl“ aufgrund einer fehlenden Einwanderungsstrategie. Statt zu differenzieren und zu sagen „einige werden bleiben, andere nach dem Krieg zurückkehren, wir werden jeden Fall prüfen, das hier ist ein Notfall“ war die Botschaft auch ein „da kommen Menschen und wir helfen und sie lösen nebenbei unsere wirtschaftlichen Probleme“. Zumindest kam diese Vermischung von Moral und Ökonomie damals bei mir so an (btw. Erkenntnis im Rückblick: Dinge können moralisch richtig aber politisch falsch sein. Das kommt oft vor, braucht aber immer gute Begründungen).
  2. Entgegen der Pauschalkritik wurde die Überforderung der Behörden in den Medien früh thematisiert, ich erinnere mich zum Beispiel an einige längere Geschichten im Spiegel. Das Ausmaß des acht- bis zehnwöchigen Kontrollverlusts, gerade bei der Registrierung, stellt sich auch in der Rückschau als beträchtlich heraus. Hier wäre meiner Meinung nach eine Untersuchung angebracht gewesen, ein Blick auf Strukturen und Versäumnisse bei der Planung, Verantwortlichkeiten. Das Problem war natürlich neben der politischen Konstellation in dieser Legislaturperiode, dass ein Untersuchungsausschuss inzwischen vorwiegend als parteipolitisches Werkzeug verwendet wird und Aufklärung oft ein Nebeneffekt ist. Ich frage mich, ob es ein ideales „Werkzeug“ gegeben hätte. Die fehlende Aufarbeitung, und darauf zielt Schwennicke ja auch ab, ist ein großes Versäumnis und der Schaden daraus nicht nur in Anti-Einwanderungs-Kreisen beträchtlich. (13. März)

Empathie

Danah Boyd hat einen sehr bewegenden Text geschrieben, in dem es über Empathie oder zumindest Perspektivwechsel geht. Auszug:

„My first breakthrough came when I started studying bullying, when I started reading studies about why punitive approaches to meanness and cruelty backfire. It’s so easy to hate those who are hateful, so hard to be empathetic to where they’re coming from. This made me double down on an ethnographic mindset that requires that you step away from your assumptions and try to understand the perspective of people who think and act differently than you do. I’m realizing more and more how desperately this perspective is needed as I watch researchers and advocates, politicians and everyday people judge others from their vantage point without taking a moment to understand why a particular logic might unfold.“

Es geht nicht darum, alle anderen Standpunkte zu akzeptieren, sondern darum, nicht sofort Schubladen aufzumachen und einzusortieren. Genau das vermisse ich in Social Media und darüber hinaus. Natürlich ist das Argument immer: Aber die andere Seite macht das auch nicht. Das ist in einigen Fällen richtig, aber das zu imitieren soll bitte genau wohin führen…? (13. März)

Daten-Analyse der Demokraten

Es war viel von Trumps Daten-Analyse die Rede, jetzt beleuchtet David Auerbach für NPlusOne die Wahlkampf-Berechnungen der Demokraten. Eigentlich wollte ich zitieren, aber die Seite ist gerade down. (13. März)

James Baldwin

Zitat aus dem Film „I Am Not Your Negro“ (hier auch in der NY Review of Books besprochen)
„In the case of the American Negro, from the moment you are born every stick and stone, every face, is white. Since you have not yet seen a mirror, you suppose you are, too. It comes as a great shock around the age of 5, 6 or 7 to discover that the flag to which you have pledged allegiance, along with everybody else, has not pledged allegiance to you. It comes as a great shock to see Gary Cooper killing off the Indians and, although you are rooting for Gary Cooper, that the Indians are you.“

Das Verhältnis von Schwarz und Weiß ist hier in dieser Stadt jeden Tag ein Thema, manchmal unbewusst, manchmal öffentlich, manchmal nur irgendwo dort hinten in Deinem Kopf. „I Am Not Your Negro“ hat meinen Pessimismus verstärkt, dass dieses Land jemals mit seiner Geschichte ins Reine kommen wird. „Vorgetäuschter Humanismus“ nennt es Baldwin an einer Stelle, glaube ich. Manchmal habe ich das Gefühl, dass dies eine Kern-Eigenschaft dieses Landes ist, die in guten Augenblicken nur verdrängt wird. (13. März)

Globale Geschichte

Jeremy Adelman auf Aeon mit einer Geschichte der globalen Perspektive auf Geschichte, die eben doch nicht von einer größeren Anerkennung von Kontinenten wie Asien oder Afrika her rührt:

„What are we to make of all this? First, the high hopes for cosmopolitan narratives about ‘encounters’ between Westerners and Resterners led to some pretty one-way exchanges about the shape of the global. It is hard not to conclude that global history is another Anglospheric invention to integrate the Other into a cosmopolitan narrative on our terms, in our tongues. Sort of like the wider world economy.

Secondly, to some extent, global history sounds like history fit for the now-defunct Clinton Global Initiative, a shiny, high-profile endeavour emphasising borderless, do-good storytelling about our cosmopolitan commonness, global history to give globalisation a human face. It privileged motion over place, histoires qui bougent (stories that move) over tales of those who got left behind, narratives about others for the selves who felt some connection – of shared self-interest or empathy – between far-flung neighbours of the global cosmopolis.“

Wir kommen jetzt in eine neue Phase, zu der es auch gehören wird, die kosmopolitischen Erzählungen der vergangenen Jahrzehnte nüchtern zu analysieren. Abstrakt gesprochen geht es um eine neues Verständnis des gleichzeitigen „Überall“ der Vernetztheit und des „hier und jetzt in der Welt“ des Ortes. Die Antworten auf „Wie hängt alles zusammen?“ und „woher komme ich und wo stehe ich?“ sind ja die Grundpfeiler dessen, was wir Identität nennen. Was glaube ich in den vergangenen Jahren vergessen wurde in den „die Welt ist flach“-Erzählungen ist die Suche nach jenen alten Verbindungen, die nicht mehr existieren und gekappt wurden. (13. März)

Wird ständig erweitert

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Fußnoten vom Fluss S01 E04

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Abandoned Six Flags New Orleans

Rollendes Notiz-Microblog
(Foto: Der Freizeitpark „Six Flags“ am Stadtrand, der seit Katrina verlassen ist. Auf dem Eingangs-Billboard steht noch „Closed for storm“)

Trumps Gesundheitszustand

Reporter-Veteranin Elizabeth Drew in der New York Review of Books über die ersten Wochen der Trump-Ära:

„Trump’s possible mental deficiencies are also a troubling question: serious medical professionals suspect he has narcissistic personality disorder, and also oncoming dementia, judging from his limited vocabulary. (If one compares his earlier appearances on YouTube, for example a 1988 interview with Larry King, it appears that Trump used to speak more fluently and coherently than he does now, especially in some of his recent rambling presentations.) His perseverating about such matters as the size of his inauguration crowd, or the fantasy that three to five million illegal voters denied him a popular vote victory (he got these estimates from a dodgy source who has yet to offer documentation), or, as he told CIA employees, the number of times he’s been on the cover of Time (sometimes inflating the actual number) has become a joke, but it also suggests that there may be something troubling about his mental state.“

Die geistige Gesundheit des 45. Präsidenten ist eine heikle Frage, auch für die Psychologen und Menschen aus dem Feld, die sich jetzt mit Fern-Warnungen zu Wort melden (hier in der New York Times). Nebenbei hilft eine Klassifikation als „geisteskrank“ natürlich auch seinen Kritikern, Verhalten und Charakter zu rationalisieren. Aber: Wir wissen es nicht. Entsprechend sei der bekannte Psychiater Allen Frances mit seiner Kritik an der Diagnosefreude zitiert:

„Most amateur diagnosticians have mislabeled President Trump with the diagnosis of narcissistic personality disorder. I wrote the criteria that define this disorder, and Mr. Trump doesn’t meet them. (…) Bad behavior is rarely a sign of mental illness, and the mentally ill behave badly only rarely. Psychiatric name-calling is a misguided way of countering Mr. Trump’s attack on democracy. He can, and should, be appropriately denounced for his ignorance, incompetence, impulsivity and pursuit of dictatorial powers. His psychological motivations are too obvious to be interesting, and analyzing them will not halt his headlong power grab. The antidote to a dystopic Trumpean dark age is political, not psychological.“ 

(16. Februar)

AI und AI-Theater

Erfreulichere Dinge: Eine der bislang besten Diskussionen über künstliche Intelligenz (ein Ausdruck, der mir weiterhin Bauschmerzen bereitet) fand neulich im Commonwealth Club von San Francisco statt und ist hier nachzuhören. Reporter-Legende John Markoff redet mit Technologie-Legende Jerry Kaplan über AI. Das Gespräch ist deshalb so gut, weil es den Hype und unsere Wahrnehmungsfallen von dem trennt, an dem gerade wirklich gearbeitet wird.  Kaplan:

„Es gibt dieses AI-Theater, diesen Anthropomorphismus wie bei Jeopardy [Auftritt des IBM-Computers Watson], wo du einen Kopf siehst und es scheint, als würde er nachdenken und ein Verstand dahinter sein, aber es ist ein Computer. (…) Das ist ein religiöses sprituelles Konzept auf der ganzen Welt, in Japan gibt es den Shintoismus, dass jedes Objekt einen Geist hat. Aber dieser Anthropomorphismus führt uns in die Irre, wenn wir über die praktischen Folgen dieser Technologie nachdenken. Es macht uns blind dafür, was wir durch sie erreichen können und wo wir vorsichtig sein müssen.“

Jerry Kaplan hat auch ein neues Buch zum Thema geschrieben(16. Februar)

Evolution komplexer Systeme


Im Whole Earth Catalog blättern, um die Entwicklung von Ideen der frühen Digitalkultur zu verstehen. Herbert Simons Artikel zur „Evolution komplexer Systeme“ von 1969 gelesen. Ich hatte immer gedacht, dass die Verhaltensökonomie als tragende Säule des Silicon Valley aus der BWL-isierung der Branche kommt, aber bei Simon ist es bereits in der Logik einer effizienten Problemlösung (oder eines effektiven System-Designs) angelegt. Und anders als heute gibt es noch einen Bezug zur Ableitung solcher Konzepte aus den Prozessen, die wir aus der Natur kennen. (16. Februar)

Trump und die Tech-Branche

Bevor es wieder in die Tiefen des Internet-Archives fällt: Hier mein Stück zum Verhältnis der Tech-Branche zu Trump, mit ein paar historischen/philosophischen Aspekten, die ich ganz interessant fand. (16. Februar)

US-Vertreter auf der Sicherheitskonferenz

Ich glaube nicht, dass Europa auf der Siko irgendetwas Handfestes über Ziele, Loyalitäten und Strategie der neuen US-Regierung herausfinden wird. Tillerson? Das Außenministerium ist derzeit isoliert und auf einen Behördenapparat reduziert. Pence? Sein Einfluss ist völlig unklar und nach der Flynn-Sache zweifelhaft, seine Rede gibt wohl bestenfalls ein Eindruck seines  weltanschaulichen Neocon-Gemischs und ein Ausblick auf seine Amtszeit in zwei bis drei Jahren. Mattis? Hat Budget und kann Truppen verschieben, aber ich wette einen Kasten Bier, dass er in anderthalb Jahren nicht mehr im Amt sein wird. Nein, im Weißen Haus arbeitet eine kleine Clique mit einem unaufmerksamen Chef an der Spitze; ihre Langfrist-Strategie wird auf absehbare Zeit trotz (oder wegen) aller Leaks eher Gegenstand von Kreml-Astrologie als von Analysen belastbarer Aussagen.

Uber-Kultur

Susan Fowler, eine angesehene Programmiererin aus der Bay Area, hat die Kultur von Sexismus und Missmanagement bei ihrem Ex-Arbeitgeber Uber dokumentiert. Jeder, der sich für Westküsten-Tech interessiert, sollte ihren Blogeintrag lesen. Uber war schon zu meiner Zeit in der Bay Area als Arbeitgeber bekannt, zu dem man in der Regel nur für die IPO, nicht für die Firmenkultur oder Mission geht. Daran wird sich auch nichts ändern. Teile der Bay Area haben ihren moralischen Kompass von der Wall Street gekauft. Chefs prägen in der Tech-Branche die Firmenkultur, erfolgreiche Chefs die Kultur insgesamt… zwei Worte: Travis Kalanick. Wie auch immer, zwei Randbemerkungen noch: Stack-Ranking ist oft eine genauso blöde Idee wie Open Floor Plans, weil am Ende immer Charakter des Vorgesetzten oder verdeckte Politik das Ergebnis beeinflussen… aber wegen des Messbarkeits-Fetischs in der Branche wird es so schnell nicht verschwinden. Oh, und wie viele Geschichten aus der Tech-Branche muss ich noch lesen, in denen HR (also die Personalabteilung) dem Mitarbeiter nur Ansprechbarkeit bei Problemen vorspielt, in Wahrheit aber das Klagerisiko gegen den Vorstand mit irreführenden Aussagen minimieren will?

Die Progressiven und Trump, Folge 1523

Nein, ich unterschreibe nicht die Theorie, dass die Progressiven an Trumps Aufstieg schuld sind. Zumindest nicht so sehr, wie oft getan wird. Aber sie sollten sich endlich eine Strategie überlegen. Aber dieser Twitter-Thread zu dem Stück, der die kulturelle Entfremdung moderater Republikaner von den Demokraten beschreibt, symbolisiert alles, was dabei falsch läuft: Schubladen, Abstempelei, Rückzug in die eigene moralische Überlegenheit.

Okay, das ist natürlich – wie immer bei Social Media – etwas willkürlich herausgegriffen. Aber ein infantiler Rückzug in die politische Nische oder auf einen moralischen Thron wäre genau das Gegenteil dessen, was den progressiven Teil der Gesellschaft in seinem vitalen Kern immer ausgemacht hat: Eine Ableitung eigener Positionen nicht einzig aus einer Tradition oder vorgefertigten Schablonen heraus – nein, die Reflexion der eigenen Haltung und Erkenntnis aus der Auseinandersetzung mit Komplexität. Genau das hat die Demokraten in den USA oft – im Vergleich zur GOP – so erwachsen erscheinen lassen. Und egal, wie der Gegner spielt: Das aufzugeben, wäre fahrlässig und würde letztlich zur Implosion führen. (23. Februar)

Griechische Realitäten

Aus dem Tagesspiegel:
„Eine Studie des Verbands der Kleinunternehmer zeigt, wie weit das Land im achten Jahr der Krise und Kredite abgebrannt ist: 37 Prozent der Familien leben mit weniger als 10.000 Euro im Jahr. Für die Hälfte der griechischen Haushalte sind die Renten der Eltern und Großeltern die Haupteinnahmequelle geworden.“

Austerität wird einmal als einer der fatalen Ideologien des frühen 21. Jahrhunderts in die Geschichte eingehen, und Schäubles Rolle wird entsprechend bewertet werden. (via Stefan Sell)

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Fußnoten vom Fluss S01 E03

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31Big bend in Big Muddy ...

Rollendes Notiz-Microblog

Proteste gegen Trump

Mein Eindruck nach zwei Protestwochenenden: Außerhalb der Metropolen – New Orleans verglichen mit Washington – ist die Basis deutlich dünner (P.S. erstaunlich, dass in einer Stadt wie New Orleans mit 60+ Prozent Afroamerikanern vielleicht 25 von 1500 Demonstranten schwarz sind). Die Gefahr eines Protest-Burnouts ist real, zumal das Mittel mit der Zeit abstumpft. Ich kann es nochmal wiederholen – wenn die Progressiven sich nicht mit einem konkreten Gegenprogramm auf den Weg machen, das aus mehr als „alles außer Trump“ oder „alle gegen Trump“ besteht, wird sich mittelfristig strukturell nichts verändern (vgl. hierzu auch Freddie de Boer). Es lässt sich hier strategisch viel vom Neoliberalismus lernen: Wo ist das linke Colloque Walter Lippmann, was die progressive Mont Pelerin Society? Reiner Widerstandsprotest wird solche strategischen Probleme nicht lösen, ja sie sogar noch verschärfen. Die Perspektive lautet dann: Demokratische Präsidenten als Zwischen-Korrektiv, während das Land sich politisch und schließlich auch strukturell in die andere Richtung bewegt.(30. Januar 2017)

Moralische Polarisierung

Will Wilkinson hat vor kurzem die moralische/ökonomische Polarisierung in den USA stärker beleuchtet. Sehr lang und lesenswert. Hier liegen auch die Unterschiede zu Deutschland, wo die Unterschiede zwischen Stadt und Land oft deutlich geringer sind. Allerdings hat natürlich die Flüchtlingsfrage auf anderer Ebene einen Polarisierungseffekt.

Wem hilft ein Trump-Rücktritt?

Nach einer DM-Diskussion auf Twitter und diesem Blogeintrag von Freddie de Boer eine Strategiefrage: Von welcher Konstellation profitiert das jeweilige Lager am meisten? Bei der GOP auf den ersten Blick: Trump als Präsident, aber von Pence/Ryan eingefangen und die konservative Agenda ohne Unfälle umsetzend. Bei den Demokraten: Trump als Präsident, der das Volk gegen sich aufbringt (aber nur korrigierbare Schäden anrichtet), in zwei Jahren Demokraten den Senat gewinnen lässt und in vier Jahren weg ist. Jetzt natürlich der Einwand: Aber Trump muss doch möglichst schnell weg, oder? Bei genauerer Überlegung (meines DM-Partners und de Boers): Dann kommt Pence und (vgl. de Boer) es gibt den Effekt einer gefühlten Rückkehr zur Normalität und zu politischen Gepflogenheiten, obwohl die Republikaner weiter ihre (respektive Ryans) Agenda umsetzen können und werden und ebenfalls eine Art Extrem-Präsident regieren würde. Das wäre bei genauerer Betrachtung auch das Ideal-Szenario für die GOP, zumal die oben genannte Konstellation (Umsetzung ohne Unfälle) ja gelinde gesagt wackelig ist. Was dazwischen steht: Risikoabwägung. Genauer gesagt das Szenario, dass das Trump-Lager vor den Midterms bei Gegenwind eine Masse von Primary-Gegenkandidaten für das Repräsentantenhaus ins Spiel bringt, die mit den Stimmen der Hardcore-Trumpisten rechnen können (wobei ein Amtsenthebungsverfahren natürlich Wahrnehmung und Macht-Gleichung verändern könnte, aber wie genau ist noch nicht kalkulierbar). Paradox: Strategisch müssten die Konservativen also eher an einer Absetzung Trumps arbeiten als die Demokraten. (31. Januar 2017)

Bannon und Lenin

David Auerbach weist darauf hin, dass bei Bannons Lenin-Referenz gerne etwas vergessen wird: Besagter Wladimir Iljitsch war ein erfolgreicher Revolutionär, aber im Regieren ziemlich schlecht:

Damit bleibt Bannon also seinem Vorbild treu, allerdings sollte man handwerklich schlechtes Regieren nicht mit unpopulär oder erfolglos verwechseln – die Basis ist zufrieden mit der Einlösung von Trumps Wahlversprechen. (3. Februar 2017)

Die neue amerikanische Spannbreite

Um die Perspektive der kommenden Jahre zu verstehen, empfehle ich zwei Texte: Businessweek über Trumps designierten Handelsminister Wilbur Ross und die Stärkung der Plutokratie, die den Staat schon immer als Vehikel für Profit und die Auslagerung von Kosten verwendet hat. Und den Economist zur Reform/Abschaffung von Obamas Gesundheitsreform, genauer gesagt: Die Idee, Menschen mit Vorerkrankungen in einen Extra-Pool von Versicherten zu packen. Das müsste dann subventioniert werden, wäre aber viel teurer, als die Republikaner wahrhaben wollen. Also müssten die Bundesstaaten einspringen, und was in Pleite-Regionen wie hier in Louisiana passieren würde, ist klar: Ein Mini-Zuschuss und als Reaktion auf fehlende Mittel entweder hohe Hürden für den Einstieg, absurd hohe Beiträge oder eine starke Deckelung von Leistungen. Für Menschen mit Vorerkrankungen, wohlgemerkt, also diejenigen mit dem größten Bedarf an Gesundheitsleistungen. Individualismus und Markt-Freiheit lässt sich manchmal mit Entsolidarisierung und Plünderung übersetzen. (3. Februar 2017)

Jacksonians und Schubladen

Der konservative Professor Walter Russell Mead hat in Foreign Affairs ein gutes Stück über Trumpisten als Jacksonians geschrieben, also in der Tradition der Anhänger Andrew Jacksons stehend. Das ist hilfreich, außer, dass sich viele der Elemente meiner Meinung nach überhaupt nicht aus Jacksons Zeit und Wählerbasis ableiten lassen, ohne der eine äußerst grobe Vereinfachung vorzunehmen. Der Punkt ist: Darum geht es gar nicht, „Jacksonian“ ist einfach nur ein neuer Begriff, um nicht alte Schubladen der Gegenwart aufmachen zu müssen. Das hilft für ein neues Verstehen und wäre auch generell in der Debatte rund um Kategorien wie „Linke“, „Rechte“ oder auch „Nazis“, „Gutmenschen“, etc. erfreulich. Die „Jacksonians“ selbst sind meiner Meinung nach hier allerdings sehr viel mehr an einer Sprachbewaffnung (Schneeflocken etc.) interessiert, während die Progressiven ihrerseits sich zwar um Differenzierung bemühen, oft aber auf auch in Klischees verfallen („alte weiße Männer“). Beide Seiten benutzen Sprache natürlich als Raum der Gruppen-Abgrenzung, für mich eines der größten Probleme in dieser Phase der Desintegration alter Strukturen. Es bilden sich gerade neue Muster und Konstellationen, für die wir einige Kategorien modifizieren oder erst finden müssen, um eine hellsichtige Debatte führen zu können. Wie das im Zeitalter der polarisierten Gefühle möglich sein soll, steht auf einem anderen Blatt. (6. Februar)

Paradigmenwechsel: Stream statt Programm

Trotz aller Politik-Dinge beschäftige ich mich natürlich weiter mit Technologie und bin dabei mit großer Begeisterung auf Matt Lockes Stück „The Schedule and the Stream“ gestoßen. Es geht um den Paradigmenwechsel vom „Programm“ (Broadcast-Zeitalter) zum „Fluss“ und dem damit einhergehenden Verlust von Kontext als radikalster Nebenwirkung.

„We imagined utopias in which information was free, with infinite copies of everything, distributed seamlessly to everyone. But the real cultural impact of digital networks is not abundance, but de-contextualization — the transgression of information from one context to another in ways that are out of our control.“

Die Fragestellung: Wie lässt sich ein öffentlicher Raum herstellen, in dem Kontext geliefert werden kann, wenn es sich beim Stream um eine personalisierte Form handelt. Puh, eine Menge zu verdauen, alleine um die Fragestellung völlig zu erfassen. (6. Februar)

Signale, Sender, Empfänger und ein Manifest

Aus dem „Infernal Machine Collective Manifesto“ der Hedgehog Review zur Amtseinführung des neuen US-Präsidenten:

„It’s therefore time we collect and meet in a common, contested, conflicted, complex field that we variously call research, criticism, scholarship, philosophy, or science. Let us inaugurate a collective, a collective that might form a community, but that cannot and should not be an academic “discipline,” inasmuch as it is academic but undisciplined thinking that we need.
It’s time to collect, and to be collected. Let us be philosophical, whimsical, constructive, critical, and confused. But let us collect, and be collected. Let us write proverbs, poetry, commentary, essays, explorations, and maybe even code. But let us collect, and be collected. Let us listen, learn, make notes, draw connections, and consider diagrams. But let us collect, and be collected, with ecumenical means in search of effective voice.“

Die Hedgehog Review ist ein völliges Nischenmedium, aber einer meiner Lieblingsorte für erstaunliche Gedanken und Verknüpfungen. Und in dem Manifest steckt etwas, das fehlt – im Wortsinn undiszipliniertes akademisches Denken über das, was gerade technologisch, kulturell und politisch passiert. (6. Februar)

Das Esalen Institute und große Erzählungen

Mitgründer Michael Murphy spricht in diesem Podcast über die Entstehung des Esalen Institute, der Pionier-Einrichtung des Human Potential Movements an der kalifornischen Westküste. Darin beschreibt er auch, was das Institut nicht erreicht hat:
„Wir wollten eine neue Vision der menschlichen Möglichkeiten bieten, warum wir hier auf dieser Erde sind. Aus dieser Perspektive haben wir es nicht geschafft. (…) Es war damals etwas in der Luft, wie es heute nicht mehr ist (…) Es ist immer noch „Work in Progress“. Eine Perspektive auf die Welt, die unsere besten Engel für uns gewinnt. Es gab damals kein Isis, diese extreme Form von Fundamentalismen. Diesen Verlust im universitären Bereich an großen Erzählungen. Es ist aus der Mode gekommen, die Welt als großes Ganzes zu sehen.“

Ich glaube, die großen Erzählungen kommen gerade wieder in Mode, aber im Kontext des vermessenen und durchanalysierten Menschen, ohne Utopie, noch nicht einmal mit kohärentem Alternativ-Entwurf – ja eher sogar als dystopisches Szenario. Ich bin gerade dabei, das alles einzusortieren und beschäftige mich in dem Kontext auch mit der damaligen Gegenkultur, der Rolle der Psychoanalyse und den Debatten bzw. wo die Abzweigung zu Reagan und den dritten Weg lagen. (11. Februar)

Dieses Blog und darüber hinaus

Ich überlege immer mal wieder, ein Blog über Zukunftsdinge zu starten und das hier als privates Notizbuch zu verwenden. Dann aber erinnere ich mich, dass ich den Glauben an „Content“ verloren habe und es vielleicht sinnvoller wäre, mit einer Schubkarre Sand an den Strand zu fahren. Der Vergleich ist nicht ganz fair, aber ich habe nicht das Gefühl, in der gegenwärtigen Plattform-Architektur viel gewinnen zu können. Die Anhäufung sozialen Kapitals ist ja aus professioneller „Autoren“-Perspektive nicht nur ein Dopamin-Schuss, sondern auch der Kampf gegen eine willkürlich einsetzende Unsichtbarkeit, gegen das Verschwinden im Strom der vielen Menschen und Meinungen. Nichts bleibt, also vielleicht doch besser die Gedanken in einem Buch zusammenlaufen lassen? Aber auch das ist „Content“ und der Spätkapitalismus hat gerade uns Menschen in sterbenden Professionen gelehrt, vorhandene Zeit mit sinnvoller beruflicher Weiterqualifikation zu verbringen (was ich gerade einerseits durch Auffrischung meiner Frontend-Kenntnisse und Abwägung weiterer Schritte tue, andererseits ignoriere, weil es so viel über Leben, Erde und Menschheit zu lernen – auch: zu lesen – gibt, das nicht in eine LinkedIn-Tabelle passt). (11. Februar)

Wird ständig erweitert.

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