Ein Notenbanker trauriger Gestalt

Written on 1 December 2008 by

Ben Bernanke
Sein Ansporn war seine Überzeugung, dass die Welt seine unmittelbare Gegenwart benötigte” (via trackrecord, Flickr)

Wann immer ich Ben Bernanke reden höre oder seine Entscheidungen sehe, bin ich unschlüssig. Weiß dieser Mensch, was er tut? Ist er der Retter oder der Totengräber der amerikanischen Volkswirtschaft?

Die Lektüre eines äußerst empfehlenswerten Porträts im New Yorker kommt mir deshalb wie der Schlüssel zu Bernankes Verhalten vor, auf den ich lange gewartet habe. Auf 15 Seiten breitet Autor John Cassidys den Werdegang des Fed-Chefs aus und verknüpft ihn mit den Ereignissen der vergangenen 18 Monate. In wenigen Sätzen bringt er das ganze Dilemmas des 54-Jährigen auf den Punkt:

Bernanke, working closely with Henry (Hank) Paulson, the Treasury Secretary, a voluble former investment banker, was determined to keep the financial sector operating long enough so that it could repair itself—a policy that he and his Fed colleagues referred to as the ‘finger-in-the-dike’ strategy.

Die Selbstreparatur ist fehlgeschlagen, wie wir inzwischen wissen. Der Deich hat so viele Löcher, dass Bernanke sich nun “neue Finger” machen muss – in Form von grünen Scheinen. Mag die Rettung von Bear Stearns (die ich kritisch gesehen habe) noch einem Plan zugrunde gelegen haben, haben Konsistenz und Nachvollziehbarkeit der Fed-Entscheidungen inzwischen ständig abgenommen. Die aktuelle Politik erscheint mir schlicht und einfach wie eine Strategie des Betens.

Der zukünftige Kurs der Fed könnte folgendermaßen aussehen: Als Inflationsexperte wird Bernanke alles daran setzen, eine lange und lähmende Deflation wie in Japan zu verhindern. Dafür reicht es nicht mehr, die Finanzbranche zu “beglücken”. Auch wenn der Staat inzwischen schon Garantien in Höhe von 8,5 Billionen Dollar übernommen hat; ­ die Umschichtung des Paulson-Plans und die Garantien für Kleinkredite lassen ahnen, dass es nun auch darum gehen wird, den amerikanischen Konsumenten mit neuen Krediten “rauszuhauen”.

Natürlich handelt es sich bei den oben genannten Summen um Garantien, aber ich rechne mit einer hohen Ausfallrate und damit gigantischen Kosten für den amerikanischen Staat. Die Folge könnte sein, dass die Deflation plötzlich in eine Hyperinflation dreht oder bereits die Erwartung einer Entwertung den Dollar massiv fallen lassen wird (erste Anzeichen sinkenden Vertrauens gibt es bereits). Hier wird vor allem China eine entscheidende Rolle spielen, denn Peking stützt den Dollar momentan noch mit Zukäufen, möchte aber sicherlich nicht seine Staatsreserven verfallen lassen.

Ich glaube nicht, dass Ben Bernanke von seiner Politik in seinem tiefsten Inneren überzeugt ist. Er weiß, dass nur eine weitere Blase (also: weitere Kredite an US-Konsumenten…) helfen kann, die US-Wirtschaft halbwegs vernünftig am Boden aufschlagen zu lassen. Ich bezweifle im Moment, dass dies funktionieren wird. Selbst wenn – die nächste Krise wäre nur um einige Jahre verschoben. Handelt er richtig? Wohl kaum. Hat er inzwischen noch eine Alternative? Ich fürchte nein, soll das Ponzi-Schema nicht in einer gigantischen Implosion der amerikanischen und damit auch der Weltwirtschaft münden.

Finanzhistoriker werden ihn ähnlich kritisch wie seinen Vorgänger Alan Greenspan bewerten, dessen Niedrigzinspolitik Bernanke zu einem Zeitpunkt nur halbherzig den Rücken kehrte, als anderswo schon längst vor einer Immobilienblase gewarnt wurde. Die späte Erkenntnis des Ausmaßes der Krise sowieso seine Regulations-Abstinenz haben den eigentlich soliden Finanzwissenschaftler Bernanke zu einem Jongleur werden lassen, zu einem Fed-Präsidenten, dessen zweite Amtszeit im Moment so unwahrscheinlich wie eine erneute Präsidentschaftskandidatur John McCains scheint.

Anders als die politischen Spieler des Bush-Zeitalters ist Bernanke allerdings kein rücksichtsloser Macher dunkler Machart; dennoch wird er den Exzessen der Bush-Jahre einmal zugerechnet werden. Nach dem Artikel im New Yorker zu urteilen, bleibt ihm wahrscheinlich nur die Rolle des Notenbankers trauriger Gestalt.


After the the Mumbai-attacks

Written on 29 November 2008 by

Terrorism may harm the relationship between India in Pakistan. It may hurt people’s trust into New Dehli’s political establishment even more.

Mumbai vigil(photo via lakshmananand, Flickr)

Bomb-blasts have become common news in India over the last few years. Still, the extent of the terrorist attacks on November 26th has been unprecedented.

Now, after the dust has settled and 195 people are said to have been killed, questions about the consequences turn up. There had been difficult relationships between Muslims and Hindus in different parts of India before (see this entry from October), but the tension could grow in provinces where both cultures clash in the strife for economic success and political dominance.

But as we have to remember, most people in India remain moderate and will continue to do so. The government may use Pakistan as a scape-goat and has already started the blame game, pointing its finger at the ISI, Islamabad’s most important secret service. Though Pakistan’s president Asif Ali Zardari recently replaced the head of the ISI, it is yet unclear how deep the connection of the agency and Islamic terrorists still are (especially in this case) and whether he will get enough influence to break these ties (very likely he won’t).

The secret service has a history of curbing terrorism against India, especially in the Kashmir-region; in 2001, after an attack on the Indian Parliament in New Dehli, India and Pakistan almost went to war after India accused the ISI to have backed the attackers. But as Mr. Zaradari and India’s Prime Minister Manmohan Singh are pragmatic and know their countries depend on trade with each other, there may be a good chance things will not escalate this time.

Mr. Singh might have a face an escalation at home, though. His government and its intelligence units have been letting the attackers walk into the door of India’s financial capital. This hurts everyone in India. The way the parties deal with the attacks hurts as well: As India finds itself in the middle of state elections, the opposition and the government use the attacks to accuse each other of failing.

Mr. Singh’s government has made mistakes, indeed. It downplayed the thread of jihadi-terrorism before and has failed to pay its security and police forces enough money to make them less open for taking bribes and turning a blind eye on what goes on around them. It has still not found a way to let more people participate in its economical success and growth.

But his party is not the only bad apple in the basket: The whole political class has failed to establish a climate of credibility and political accountability. Politicians are despised by most of the people because they are - rightly, in a lot of cases - seen to be only catering themselves and their business-connections. As power tops the common good on the political agenda, the country’s democratic basement is becoming more and more fragile.

The attacks may have come from the outside, but they have laid bare the failures of India’s political landscape. This may, besides the tragic death of so many people, be the true wound the terrorists have caused in India’s soul.


Journalistisches Crowdsourcing

Written on 25 November 2008 by

Hier die Präsentation, die ich auf dem Barcamp in Hamburg am Wochenende gehalten habe. Thema: Crowdsourcing im Journalismus (vielen Dank @DigiDave und @Ben für die Hilfe).

Ein kurzes Fazit: In der Diskussion wurden die vorgestellten Konzepte interessiert, aber skeptisch bewertet. Im Moment hat Crowdfunding inhaltliches Crowdsourcing als Hype abgelöst - ob es einmal dabei helfen wird, kritischen Journalismus zu erhalten? Ich hoffe, zumindest in Teilen, zögere aber, eine Prognose abzugeben. Die Einwände, die auch von den anderen Teilnehmern kamen: Nicht zuletzt haben wir in Deutschland keine philanthropische Grundhaltung, mit Micropayments kennen wir uns überhaupt nicht aus. Und wenn die Wirtschaft am Boden liegt, bleibt kaum Geld für einzelne Projekte auf Plattformen wie Spot.us oder Reelchanges übrig.

Im Bezug auf die “Weisheit der Vielen” sehe ich in Microblogging-Tools und kleinen Subcommunities (z.B. bei Facebook) weiterhin Potential für Journalisten bzw. alle, die mehr über einen Sachverhalt erfahren möchten. Nicht zuletzt die Debatte am Samstag in Hamburg hat gezeigt, dass es genügend schlaue Menschen gibt, auf deren Wissen man nicht verzichten sollte. Noch einmal vielen Dank an die Teilnehmer meiner Session!


Stunde der Amateure

Written on 20 November 2008 by

In der Finanzkrise entpuppen sich Profis als Amateure. Dabei bräuchten wir Könner gerade mehr denn je.
Börsenhändler
Weisheit der Vielen? (via daniel.gene, Flickr)

Im August 2006 verfasste der Journalist Nicholas Lehman für den New Yorker ein Stück mit dem Titel “Amateur Hour”. Darin beklagte er, dass Laien (Bürgerjournalisten) Branche und Gesellschaft ins Unglück stürzen würden, weil sie einfach keine Ahnung vom Metier hätten.

Michael Lewis hat in der aktuellen Ausgabe des US-Wirtschaftsmagazins Portfolio einen Artikel geschrieben, in der die Geschichte von Steve Eisman erzählt wird, der die Ignoranz der Finanzbranche gegen sie verwendete und mit seiner Investmentfirma schon früh auf den Kollaps des Wall-Street-Systems setzte.

Auch wenn Form und Thema voneinander entfernt sind, wirkt der Text wie der Konterpart zu Lehmans Theorie. Wer sieht, wie schnell es möglich war, an der Wall Street Karriere zu machen, wie hoch man ohne einen Funken Basiswissen steigen konnte, dem bleibt nur ein Fazit: Die Profis von heute sind Amateure.

Das ist eine Beobachtung, die wahrscheinlich in jeder Branche zu machen ist. Jeder Mensch kennt die Hochstapler, die sich mit Halbwissen und Charme durchschlagen. Und fragt sich, wie weit Menschen damit kommen und weshalb diese Dinge nicht auffliegen.

Lewis’ Artikel zeigt die Summe der Teile, zeigt, wie rücksichtsloses Nichtwissen(wollen) die ganze Welt aus den Fugen heben kann. Und doch ist die Finanzkrise nur eines von vielen Symptomen dafür, wie sich die globale Situation aufgrund von blinden, kurzfristig orientierten Entscheidungen immer wieder und immer mehr verschärft.

Gerade in Krisenzeiten ist der Mensch nicht dafür gemacht, seine Machtlosigkeit einzugestehen. Die lauen politischen Absichtserklärungen, Paulsons & Bernankes offensiv verkauftes Stochern im Nebel, das lächerliche deutsche Konjunkturprogramm oder die Geldverbrennung für die anstehenden Autoindustrie-Subventionen sind Ausdrucksformen einer simulierten Vollkontrolle über die Geschehnisse. Mit Können hat das nur wenig zu tun.

Das ist fatal: Jetzt wäre die Zeit gekommen, schnell und professionell zu handeln. Stattdessen steuern wir tiefer in die Krise, wachsen uns die Probleme so weit über den Kopf, dass sie inzwischen wahrscheinlich selbst von wirklichen Könnern (die es trotz allem in allen Branchen und Institutionen gibt) schwer zu meistern wären.

Ich befürchte, dass schwere Jahre bevorstehen, dazu nicht zuletzt eine Reorganisation des Währungswesens. Ich habe die naive Hoffnung noch nicht aufgegeben, dass dann der Moment kommt, in dem wirkliche Könner ran dürfen, keine faulen Kompromisse und neue Blasen entstehen und auch keine unsinnige Einzelinteressen den Weg zu einer gesunderen Marktwirtschaft stoppen können. Manchmal träume ich auch davon, dass wir schon auf dem Weg dorthin sind, obwohl die aktuellen Entscheidungen zum großen Teil in eine andere Richtung deuten.

Ob die Menschen, die unser System einmal reparieren, “Profis“ oder “Amateure“ sein werden, spielt keine Rolle. Der einsame Mahner Eisman hat kein BWL-Zertifikat, er ist Jurist und übertrieb seine Vorkenntnisse, als er ins Finanzwesen einstieg. Genauso wenig wie viele der Finanzblogger, die eine solch großartige Krisen-Berichterstattung machen, Journalisten sind. Lehmans These hat sich wieder als falsch erwiesen: Der entscheidende Unterschied ist nicht der zwischen Amateuren und Profis, sondern der zwischen Neugier und Ignoranz. Die Finanzblogger und den Skeptiker Eisman vereint der Drang, immer wieder Fragen zu stellen und keine Wahrheit als endgültig zu betrachten.

Das ist eine Eigenschaft, die nicht hoch genug zu bewerten ist - ob im Nachrichtengeschäft, der Finanzindustrie oder irgendeiner anderen Branche. Gerade die “Profis“ sollten sie wieder zu schätzen lernen.

Disclosure: Ich bin Journalist, habe aber mit der Kritik keine bestimmte Person oder Redaktion im Sinn.


Tag der Einewelt-Wunschträume

Written on 16 November 2008 by

Absichtserklärungen sind keine Lösungen: Der G-20-Gipfel mutete historisch an, war konkret jedoch nicht viel mehr als ein mediales Spektakel.

G-20 GruppenbildFotos für Einewelt-Fantasien (via downingstreet, Flickr).

Hier würde eine Analyse der Ergebnisse des G-20-Gipfels in Washington stehen, wenn es denn welche geben würde. Denn außer der Feststellung, dass die G 8 an Einfluss verliert (was ich bereits gefordert hatte) , die man eigentlich schon ob der Gästeliste hätte treffen können, gibt es nichts, rein gar nichts zu berichten

Die G 20 haben erkannt, dass es sich bei den aktuellen Entwicklungen um eine Krise handelt. Glückwunsch für so viel Einsicht, sagt der Zyniker. Doch die internationale Lösung, die angestrebt wird, erschöpfte sich an diesem Wochenende in Symbolfotos und lauwarmen Erklärungen, die Handlungen ersetzen sollen. Natürlich kann die Welt von einem solchen Kurztreffen unter der Schirmherrschaft einer lahmen Ente nicht viel erwarten, doch bereits der G-8-Klimagipfel 2007 hat gezeigt, dass zwischen Vorschlagsgesten und konkreten Maßnahmen Welten liegen können.

Der IWF soll mehr Aufsichtsmacht erhalten, doch vorher müsste er eigentlich dringend reformiert werden. Der Wunsch nach gemeinsamen Standards und Bilanzierungsregeln ist löblich, doch wer die Macht der Finanzlobby kennt, ahnt, wie viel Wasser noch in diesen Wein gekippt werden kann. Ähnliches gilt für Steueroasen: Ein paar symbolische Schließungen kleinerer Schwarzgeldhäfen wird es geben; wer jedoch glaubt, Länder die Schweiz würde ihren Unique Selling Point aufgeben, muss naiv so sein wie mancher Kommentator, der ob dieser Wochenend-Veranstaltung Lob oder gar Euphorie verfällt.

Die Weltfinanzwirtschaft ist in den vergangenen Jahren zu einem gigantischen Problem geworden, dessen ganzes Ausmaß sich in den nächsten Monaten noch weiter entfalten wird, mit großen Folgen für Weltwirtschaft und Währungssystem. Eine-Welt-Romantiker mögen aus den Washingtoner Bildern vom Samstag große Hoffnungen ziehen, Realisten wissen, dass es selten in der Natur von Nationen liegt, um der Gemeinschaft Willen auf ihre Vorteile zu verzichten. Die Staatschefs mögen medial ihre Handlungsfähigkeit signalisieren - die Zeit zum Lösen der akuten Probleme nimmt deshalb noch lange nicht zu. Im Gegenteil.


EU and Russia: Neither friend nor foe

Written on 13 November 2008 by

The European Union shows weakness once more, as it continues to negotiate with Russia without its pre-conditions fulfilled. How the relationship will evolve remains unclear - on both sides.

Russia Map European UnionWho hates Russia? Not that easy to tell. (via moacirpdsp, Flickr)

At an emergency meeting on September 1st, the leaders of the 27 EU countries agreed to make things crystal-clear: If Russia does not draw back its troops from the positions they gained in the Georgian war in August, there would be no further negotiations about a new partnership and co-operation agreement (PCA).

Two months later, Russia has not followed the EU’s conditions and its troops continue to dwell in the Georgian rebel regions. Still, the EU-Russia summit this Friday will mark a return to business-as-usual with French President Nicolas Sarkozy Sarkozy and Russian President Dmitry Medvedev being widely expected to set a new date of talks in important areas like trade and energy.

What happened? On Monday, most of the European Foreign Ministers agreed to silently bury the pre-conditions (the EU Commission is in charge of negotiations, anyway). From one perspective, continuing talks seem reasonable, as Europe will depend on energy imports from Russia in the coming years and there needs to be a common policy by EU states, as a fragmented position would lead countries to cut bilateral deals with Mr. Medwedew’s country.

In my opinion, giving in so fast was wrong. But the move just lays open an all familiar weakness: The European Union is far from being even a soft power; it is a pudding power. Compared to Russia, where large parts of the economy are interwoven with the state, EU policy has been streamlined by economic needs and therefore features pragmatism, for good or worse.

Russia’s ambitions remain unclear: There are hopes the country can surprise the world by changing its direction into becoming more liberal again, but it also can affirm the world’s dark nightmares about it becoming more authoritarian and imperialistic, be that out of the need to build a common ground for the people not to realize the growing gap between a few rich and so many poor.

Security issues will be a major topic on Friday, as Russia will propose a “new security agenda” to build rules for what it sees as a threat from NATO. On the other hand, Europe comes forward with new plans to secure energy independence from Russia ahead of the summit.

Both can be seen as substance to negotiate about and shows that both sides try to get in charge. With its agreement to bury pre-conditions for negotiations, the EU looks in the weaker position, though Russia needs European technology (and its markets for energy) to make its economy competitive.

The truth is, both sides are weak, not only because of the financial crisis: Russia has not found its role between an imperial, an intermediary-power or even an self-isolated power (apart from what it sees belongs to its spehere of influence). Europe, for its part, has once again failed to speak with one voice and will fail to do so as it cannot get itself to function as a political, not a mere economic power. This will not stop business: There will be an agreement on trade and energy sooner or later.

This may calm things down for once, but bigger questions remain to be answered by future history: The Georgian war may have been an important symbolic moment; on the ground, but it may need a bigger crisis to bring the affair between the EU and Russia out of the ambush and into the light. Not until then we may finally see whether the two will treat each other as friend or foe.


Hessen: Nur Verlierer

Written on 9 November 2008 by

Andrea Ypsilanti ist in Hessen gescheitert. Weil den politischen Parteien Fantasie und Konsequenz fehlen, wird Roland Koch profitieren.

Als noch geträumt wurde. (via stopptstaudinger, Flickr)

Andrea Ypsilanti tritt nicht mehr an, mit ihr geht der Wunsch vieler linker Genossen, auch die West-SPD gegenüber der Linkspartei zu öffnen. Über das vermeintliche Gewissen der vier Abweichler hat weissgarnix bereits alles geschrieben. Der geneigte Beobachter fragt sich, weshalb die Berufung auf das eigene Gewissen beispielsweise nicht bei Entscheidungen über sog. “Terrorismusbekämpfungsgesetze“ Anwendung findet. Ist es die Knute des Fraktionszwangs? Nein, es ist der Terror des Verhältniswahlrechts, wie wir es in Deutschland in seiner aktuellen Form praktizieren.

Ich glaube weder an Hintermänner in Berlin, noch sehe ich Beweise, dass Ypsilanti von der hessischen Energiewirtschaft zu Fall gebracht worden ist. Ich glaube aber, obwohl katholisch, genauso wenig daran, dass das Gewissen die hessischen Abgeordneten exklusive Dagmar Metzger kurz vor dem 3. November wie einst der Heilige Geist die Jünger an Pfingsten heimgesucht hat. Vielleicht werden die Geschichtsbücher einmal ein objektiveres Bild davon geben, wo zwischen Opportunismus, Gruppenzwang und realen Zweifeln die Wahrheit liegen könnte.

Tatsache ist, dass Andrea Ypsilanti sich unfähig gezeigt hat, die Tastatur der PPP-Spiele (Partei, Posten und Possen) zu steuern. Auch wenn die Medienberichterstattung oft überhitzt war: Für eine zukünftige Ministerpräsidentin hat Frau Ypsilanti zu viele handwerkliche, rhetorische und psychologische Fehler gemacht. Punkt. Dass ihr Nachfolger Thorsten Schäfer-Gümbel aus der Hinterbank der Fraktion stammt und als größte Qualifikation aufweist, dem linken Lager anzugehören, zeigt, dass die Einigung der Partei im Moment das Letzte ist, was die ehemalige Spitzenkandidatin der SPD als Erbe hinterlassen möchte. Am 19. Januar 2009 dürfte deshalb auch Frau Ypsilantis Weg als Landes- und Fraktionsvorsitzende endgültig am Ende sein.

Die Verlierer sind Parteien und Wähler in Hessen: Wem soll man nach diesem Theater noch seine Stimme geben? Der SPD, die in ihrem aktuellen Zustand der Karrikatur einer Partei gleicht? FDP oder Grünen, die sich schon nach der vergangenen Wahl unfähig zeigten, sich an der Aufgabe einer Regierungsfindung mit eindeutigen Mehrheiten (Jamaika, Ampel) zu beteiligen? Der hessischen Linkspartei, deren Personal und Programmatik im Moment noch einfach nur ein Witz von gestern ist? Der CDU mit Roland Koch?

Tatsächlich wird Roland Koch profitieren, ein Mann, der wiederholt klar gemacht hat, dass er für Wahlerfolge keinerlei Rücksicht auf Ethik, Moral und Anstand nimmt – und dessen Regierung in der vergangenen Legislaturperiode genügend Fehler (Schulreform, Wählertäuschung beim Flughafenausbau) gemacht hat, um ihre Abwahl zu rechtfertigen.

Hessen hat eine andere Lösung als Schwarz-Gelb verdient. Schade, dass die dortigen Politiker keinerlei Fantasie zu haben scheinen, eine solche auch ohne Hintertürchen und Kartenhaus-Modelle umzusetzen.


Reagan-Revolution, revers

Written on 5 November 2008 by

Obamas Sieg offenbart eine weitere Bush-Erblast: Die Republikaner stehen programmatisch und personell schwer geschwächt da. Sollten sich die Flügel nicht einigen, drohen lange Jahre der quälenden Selbstfindung auf der Oppositionsbank.

Reagan RevolutionBye, Bye oder Rückwärtsgang? (via Brettlider, Flickr)

Das Erbe der Bush-Administration, es wird in Raten ausbezahlt: Zwei Kriege, eine kaputte Wirtschaft und seit gestern auch für alle offensichtlich, eine heruntergewirtschaftete Partei. Die gestrige Niederlage der Republikaner ist auch der Untergang von Karl Roves Traum, die Vereinigten Staaten durch eine geistig-moralische Wende auf Jahrzehnte zu einer konservativen Nation zu machen.

Amerika ist kein Einzelfall: Der Konservatismus ist auch in Europa, trotz einer Vielzahl an Regierungschef, programmatisch und moralisch angeschlagen. In Frankreich und England, mit Abstrichen in Deutschland, haben die konservativen Parteichefs den Weg zum pragmatischen Populismus eingeschlagen, schmerzhafte programmatische Diskussionen aber ausgespart. Auch bei den Republikanern gibt es Bestrebungen, den Weg zurück zum Populismus zu finden, wie bereits im Vorwahlkampf der Erfolg von Mike Huckabee bewies. Vor allem im Süden, verkörpert durch die South-Carolina-Connection Katon Dawson und Mark Sanford, findet eine Mischung aus Populismus und striktem Konservativismus in Fragen wie Abtreibung und Homo-Rechten starken Rückhalt.

Dennoch gibt es nach den Jahren der Bush-Administration, deren Politik sozialkonservative Lobbygruppen krass bevorzugte, auch eine moderate Gegenbewegungen in der Partei, für mich durch Floridas Gouverneur Charlie Crist symbolisiert, der in meinen Augen bereits jetzt mehr als ein Geheimtipp für die republikanische Präsidentschaftskandidatur 2012 ist.

Nach dem Bail-Out möchte sich auch eine andere Gruppe immer lauter Gehör verschaffen: Die Libertären, die jegliche stattliche Eingriffe in den Markt ablehnen. Für sie ist der Paulson-Plan eine der größten Sünden von Regierung und absegnenden republikanischen Kongressabgeordneten. Allerdings fehlt es dieser Strömung, abgesehen vom in der Partei als Persona-non-grata geltenden Ron Paul, an bekannten Gesichtern - doch in einer Zeit, in welcher der Staat immer mehr Aufgaben übernehmen wird, könnte diese Bewegung durchaus an Fahrt gewinnen.

Bereits in den nächsten Tagen werden erbitterte Macht- und Richtungskämpfe beginnen Sollten die Republikaner die Zeit bis zu den nächsten Kongresswahlen in zwei Jahren allerdings mit Programmfehden verbringen, könnten sie darauf angewiesen sein, sich schlicht als Opposition zum Obama-Programm zu konstituieren – und überließen damit den Demokraten die Agenda. An eine Gingrich-Revolution wie 1994 ist kaum zu denken, zudem entpuppte sich diese damals nicht zuletzt aufgrund fehlender programmatischer Unterfütterung als Strohfeuer.

Der 4. November 2008 könnte sich für die Republikaner vielmehr als das reverse Wiederholung der Reagan-Revolution von 1980 entpuppen, das den Post-Carter-Demokraten quälende Jahre der Selbstfindung und zwölf Jahre außerhalb des Weißen Hauses bescherten. Ironischerweise könnten die Republikaner gefordert sein, sich nun von genau diesen Idealen der Reagan-Revolution Abschied zu nehmen. Allerdings könnte Reagan auch im 21. Jahrhundert ein ziemlich langes Ideenleben beschert sein: Trotz Obamas klaren Siegs dürfen wir nicht vergessen, dass die USA in ihrer Struktur weiterhin konservativ sind.


Congratulations, Barack Obama

Written on 5 November 2008 by

Obama Ohio

Die großen US-Fernsehsender schlagen Ohio Barack Obama zu. Man soll den Tag nicht vor dem Abend (bzw. in unserem Fall Morgen) loben, aber ich gehe davon aus, dass Barack Obama der neue Präsident der Vereinigten Staaten wird. Gratulation für eine große Kampagne, die viele Hoffnungen geweckt hat. Die Gratulation für den Sieg spare ich mir der Form halber noch einige Stunden.


Der Stil von Statthaltern

Written on 2 November 2008 by

Auch wenn Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann ein gern gewähltes Symbol für den Ungeist des Kapitalismus ist: Verheerender agieren die Chefs der ehemaligen Staatsunternehmen Bahn, Telekom und Post.
Josef Ackermann
Nicht der Einzige (via WorldEconomicForum, Flickr)

Josef Ackermann ist eine Emo-Waffe: Auch an gehobenen Stammtischen kann die Erwähnung seines Namens die Emotionen schnell hochkochen lassen. Wer also das nächste Mal Großtante Fridas Kaffeetisch zum Wackeln bringen möchte, dem seien die drei Silben Ak-ker-mann empfohlen.

Nun gibt es am Chef der Deutschen Bank freilich viel auszusetzen. Nicht jeder hierzulande kommt mit seiner offensiven der kalvinistischen Arbeitslehre zurecht, die viel eher in den anglo-amerikanischen Kulturraum als ins beschauliche Deutschland zu passen scheint.

Selbst wenn er mit einem Hauch von moralischer Entrüstung argumentiert und glaubt, Banker müssten sich für die Inanspruchnahme des Rettungspakets “schämen“, steckt dahinter das Kalkül, die Mitbewerber durch diese Stigmatisierung unter Druck zu setzen.
Derlei Taktiken muss man ebenso wenig goutieren wie Victory-Zeichen bei Bereicherungsprozessen, doch Ackermann ist Chef eines Privatunternehmens und damit dem Gesetz und seinen Aktionären verpflichtet. Wer den Rahmen für das Handeln des Schweizers ändern möchte, wende sich also an seinen Bundestagsabgeordneten oder kaufe Aktien der Deutschen Bank.

Es sind meiner Meinung nach weniger die “Ackermänner“ dieses Landes, als die Mehdorns, Zumwinkels und Obermanns, die unseren Gesellschaftsvertrag vor schwere Bewährungsproben stellen. Sie stehen Unternehmen vor, die komplett (Bahn) oder teilweise im Besitz der Bundesrepublik Deutschland und damit des Steuerzahlers sind. Und doch gebären Sie sich nicht, als wären sie sich dieser, ja überhaupt einer Verantwortung bewusst. Im Gegenteil: Die Rücksichtslosigkeit gegenüber und Ausbeutung von Kunden zur Beschleunigung des Börsengangs (Mehdorn), das Abwiegeln und halbherzige Verfolgen von schwerem Missbrauch von Kundendaten (Obermann) oder der absolute Führungskraft-Offenbarungseid durch mutmaßliche Steuerhinterziehung (Zumwinkel) – das alles zeugt von einer Mentalität, die nicht wirtschaftlichen Führungskräften, sondern Statthaltern gemäß ist. Die Führungsetagen der ehemaligen Staatsunternehmen, so hat es den Anschein, sehen sich ihrer Aufgabe zur Gewinnerzielung verpflichtet, gehen dabei aber noch immer vor, als besäßen sie die Freiheiten von Akteuren einer undurchsichtigen Staatsbürokratie.

Der Bundesregierung tut gut daran, die Grundbausteine unternehmerischen Wirkens genau unter die Lupe zu nehmen. Vorher sollte sie allerdings erst einmal überprüfen, wie es um die Grundsätze ihrer ehemaligen Staatskonzerne bestellt ist.


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