Denken

Fußnoten vom Fluss S01 E05

by

Mississippi River on a foggy February morning

Rollendes Notiz-Microblog

Herbst 2015 und ein Untersuchungsausschuss

Robin Alexander von der Welt hat ein Buch über die politischen Entscheidungen rund um die Flüchtlingskrise geschrieben (Auszug hier,€), in der von einem nicht durchgeführten Plan zur Abriegelung der Grenze am 13. September 2015 die Rede ist. Christoph Schwennicke vom Cicero leitet daraus die Notwendigkeit eines Untersuchungsausschusses ab. Schwennicke ist ein schlauer Typ, auch wenn ich oft nicht seiner Meinung bin. Als ich vergangenen Herbst die diversen Jahrestags-Nachrecherchen las, kam mir das Wort Untersuchungsausschuss allerdings auch in den Kopf, aber in anderem Zusammenhang. Genauer gesagt hatte ich ein Problem mit zwei Sachen:

  1. Die Gleichsetzung von „Einwanderung“ und „Asyl“ aufgrund einer fehlenden Einwanderungsstrategie. Statt zu differenzieren und zu sagen „einige werden bleiben, andere nach dem Krieg zurückkehren, wir werden jeden Fall prüfen, das hier ist ein Notfall“ war die Botschaft auch ein „da kommen Menschen und wir helfen und sie lösen nebenbei unsere wirtschaftlichen Probleme“. Zumindest kam diese Vermischung von Moral und Ökonomie damals bei mir so an (btw. Erkenntnis im Rückblick: Dinge können moralisch richtig aber politisch falsch sein. Das kommt oft vor, braucht aber immer gute Begründungen).
  2. Entgegen der Pauschalkritik wurde die Überforderung der Behörden in den Medien früh thematisiert, ich erinnere mich zum Beispiel an einige längere Geschichten im Spiegel. Das Ausmaß des acht- bis zehnwöchigen Kontrollverlusts, gerade bei der Registrierung, stellt sich auch in der Rückschau als beträchtlich heraus. Hier wäre meiner Meinung nach eine Untersuchung angebracht gewesen, ein Blick auf Strukturen und Versäumnisse bei der Planung, Verantwortlichkeiten. Das Problem war natürlich neben der politischen Konstellation in dieser Legislaturperiode, dass ein Untersuchungsausschuss inzwischen vorwiegend als parteipolitisches Werkzeug verwendet wird und Aufklärung oft ein Nebeneffekt ist. Ich frage mich, ob es ein ideales „Werkzeug“ gegeben hätte. Die fehlende Aufarbeitung, und darauf zielt Schwennicke ja auch ab, ist ein großes Versäumnis und der Schaden daraus nicht nur in Anti-Einwanderungs-Kreisen beträchtlich. (13. März)

Empathie

Danah Boyd hat einen sehr bewegenden Text geschrieben, in dem es über Empathie oder zumindest Perspektivwechsel geht. Auszug:

„My first breakthrough came when I started studying bullying, when I started reading studies about why punitive approaches to meanness and cruelty backfire. It’s so easy to hate those who are hateful, so hard to be empathetic to where they’re coming from. This made me double down on an ethnographic mindset that requires that you step away from your assumptions and try to understand the perspective of people who think and act differently than you do. I’m realizing more and more how desperately this perspective is needed as I watch researchers and advocates, politicians and everyday people judge others from their vantage point without taking a moment to understand why a particular logic might unfold.“

Es geht nicht darum, alle anderen Standpunkte zu akzeptieren, sondern darum, nicht sofort Schubladen aufzumachen und einzusortieren. Genau das vermisse ich in Social Media und darüber hinaus. Natürlich ist das Argument immer: Aber die andere Seite macht das auch nicht. Das ist in einigen Fällen richtig, aber das zu imitieren soll bitte genau wohin führen…? (13. März)

Daten-Analyse der Demokraten

Es war viel von Trumps Daten-Analyse die Rede, jetzt beleuchtet David Auerbach für NPlusOne die Wahlkampf-Berechnungen der Demokraten. Eigentlich wollte ich zitieren, aber die Seite ist gerade down. (13. März)

James Baldwin

Zitat aus dem Film „I Am Not Your Negro“ (hier auch in der NY Review of Books besprochen)
„In the case of the American Negro, from the moment you are born every stick and stone, every face, is white. Since you have not yet seen a mirror, you suppose you are, too. It comes as a great shock around the age of 5, 6 or 7 to discover that the flag to which you have pledged allegiance, along with everybody else, has not pledged allegiance to you. It comes as a great shock to see Gary Cooper killing off the Indians and, although you are rooting for Gary Cooper, that the Indians are you.“

Das Verhältnis von Schwarz und Weiß ist hier in dieser Stadt jeden Tag ein Thema, manchmal unbewusst, manchmal öffentlich, manchmal nur irgendwo dort hinten in Deinem Kopf. „I Am Not Your Negro“ hat meinen Pessimismus verstärkt, dass dieses Land jemals mit seiner Geschichte ins Reine kommen wird. „Vorgetäuschter Humanismus“ nennt es Baldwin an einer Stelle, glaube ich. Manchmal habe ich das Gefühl, dass dies eine Kern-Eigenschaft dieses Landes ist, die in guten Augenblicken nur verdrängt wird. (13. März)

Globale Geschichte

Jeremy Adelman auf Aeon mit einer Geschichte der globalen Perspektive auf Geschichte, die eben doch nicht von einer größeren Anerkennung von Kontinenten wie Asien oder Afrika her rührt:

„What are we to make of all this? First, the high hopes for cosmopolitan narratives about ‘encounters’ between Westerners and Resterners led to some pretty one-way exchanges about the shape of the global. It is hard not to conclude that global history is another Anglospheric invention to integrate the Other into a cosmopolitan narrative on our terms, in our tongues. Sort of like the wider world economy.

Secondly, to some extent, global history sounds like history fit for the now-defunct Clinton Global Initiative, a shiny, high-profile endeavour emphasising borderless, do-good storytelling about our cosmopolitan commonness, global history to give globalisation a human face. It privileged motion over place, histoires qui bougent (stories that move) over tales of those who got left behind, narratives about others for the selves who felt some connection – of shared self-interest or empathy – between far-flung neighbours of the global cosmopolis.“

Wir kommen jetzt in eine neue Phase, zu der es auch gehören wird, die kosmopolitischen Erzählungen der vergangenen Jahrzehnte nüchtern zu analysieren. Abstrakt gesprochen geht es um eine neues Verständnis des gleichzeitigen „Überall“ der Vernetztheit und des „hier und jetzt in der Welt“ des Ortes. Die Antworten auf „Wie hängt alles zusammen?“ und „woher komme ich und wo stehe ich?“ sind ja die Grundpfeiler dessen, was wir Identität nennen. Was glaube ich in den vergangenen Jahren vergessen wurde in den „die Welt ist flach“-Erzählungen ist die Suche nach jenen alten Verbindungen, die nicht mehr existieren und gekappt wurden. (13. März)

Wird ständig erweitert

Facebooktwitterredditlinkedin

Fußnoten vom Fluss S01 E03

by

31Big bend in Big Muddy ...

Rollendes Notiz-Microblog

Proteste gegen Trump

Mein Eindruck nach zwei Protestwochenenden: Außerhalb der Metropolen – New Orleans verglichen mit Washington – ist die Basis deutlich dünner (P.S. erstaunlich, dass in einer Stadt wie New Orleans mit 60+ Prozent Afroamerikanern vielleicht 25 von 1500 Demonstranten schwarz sind). Die Gefahr eines Protest-Burnouts ist real, zumal das Mittel mit der Zeit abstumpft. Ich kann es nochmal wiederholen – wenn die Progressiven sich nicht mit einem konkreten Gegenprogramm auf den Weg machen, das aus mehr als „alles außer Trump“ oder „alle gegen Trump“ besteht, wird sich mittelfristig strukturell nichts verändern (vgl. hierzu auch Freddie de Boer). Es lässt sich hier strategisch viel vom Neoliberalismus lernen: Wo ist das linke Colloque Walter Lippmann, was die progressive Mont Pelerin Society? Reiner Widerstandsprotest wird solche strategischen Probleme nicht lösen, ja sie sogar noch verschärfen. Die Perspektive lautet dann: Demokratische Präsidenten als Zwischen-Korrektiv, während das Land sich politisch und schließlich auch strukturell in die andere Richtung bewegt.(30. Januar 2017)

Moralische Polarisierung

Will Wilkinson hat vor kurzem die moralische/ökonomische Polarisierung in den USA stärker beleuchtet. Sehr lang und lesenswert. Hier liegen auch die Unterschiede zu Deutschland, wo die Unterschiede zwischen Stadt und Land oft deutlich geringer sind. Allerdings hat natürlich die Flüchtlingsfrage auf anderer Ebene einen Polarisierungseffekt.

Wem hilft ein Trump-Rücktritt?

Nach einer DM-Diskussion auf Twitter und diesem Blogeintrag von Freddie de Boer eine Strategiefrage: Von welcher Konstellation profitiert das jeweilige Lager am meisten? Bei der GOP auf den ersten Blick: Trump als Präsident, aber von Pence/Ryan eingefangen und die konservative Agenda ohne Unfälle umsetzend. Bei den Demokraten: Trump als Präsident, der das Volk gegen sich aufbringt (aber nur korrigierbare Schäden anrichtet), in zwei Jahren Demokraten den Senat gewinnen lässt und in vier Jahren weg ist. Jetzt natürlich der Einwand: Aber Trump muss doch möglichst schnell weg, oder? Bei genauerer Überlegung (meines DM-Partners und de Boers): Dann kommt Pence und (vgl. de Boer) es gibt den Effekt einer gefühlten Rückkehr zur Normalität und zu politischen Gepflogenheiten, obwohl die Republikaner weiter ihre (respektive Ryans) Agenda umsetzen können und werden und ebenfalls eine Art Extrem-Präsident regieren würde. Das wäre bei genauerer Betrachtung auch das Ideal-Szenario für die GOP, zumal die oben genannte Konstellation (Umsetzung ohne Unfälle) ja gelinde gesagt wackelig ist. Was dazwischen steht: Risikoabwägung. Genauer gesagt das Szenario, dass das Trump-Lager vor den Midterms bei Gegenwind eine Masse von Primary-Gegenkandidaten für das Repräsentantenhaus ins Spiel bringt, die mit den Stimmen der Hardcore-Trumpisten rechnen können (wobei ein Amtsenthebungsverfahren natürlich Wahrnehmung und Macht-Gleichung verändern könnte, aber wie genau ist noch nicht kalkulierbar). Paradox: Strategisch müssten die Konservativen also eher an einer Absetzung Trumps arbeiten als die Demokraten. (31. Januar 2017)

Bannon und Lenin

David Auerbach weist darauf hin, dass bei Bannons Lenin-Referenz gerne etwas vergessen wird: Besagter Wladimir Iljitsch war ein erfolgreicher Revolutionär, aber im Regieren ziemlich schlecht:

Damit bleibt Bannon also seinem Vorbild treu, allerdings sollte man handwerklich schlechtes Regieren nicht mit unpopulär oder erfolglos verwechseln – die Basis ist zufrieden mit der Einlösung von Trumps Wahlversprechen. (3. Februar 2017)

Die neue amerikanische Spannbreite

Um die Perspektive der kommenden Jahre zu verstehen, empfehle ich zwei Texte: Businessweek über Trumps designierten Handelsminister Wilbur Ross und die Stärkung der Plutokratie, die den Staat schon immer als Vehikel für Profit und die Auslagerung von Kosten verwendet hat. Und den Economist zur Reform/Abschaffung von Obamas Gesundheitsreform, genauer gesagt: Die Idee, Menschen mit Vorerkrankungen in einen Extra-Pool von Versicherten zu packen. Das müsste dann subventioniert werden, wäre aber viel teurer, als die Republikaner wahrhaben wollen. Also müssten die Bundesstaaten einspringen, und was in Pleite-Regionen wie hier in Louisiana passieren würde, ist klar: Ein Mini-Zuschuss und als Reaktion auf fehlende Mittel entweder hohe Hürden für den Einstieg, absurd hohe Beiträge oder eine starke Deckelung von Leistungen. Für Menschen mit Vorerkrankungen, wohlgemerkt, also diejenigen mit dem größten Bedarf an Gesundheitsleistungen. Individualismus und Markt-Freiheit lässt sich manchmal mit Entsolidarisierung und Plünderung übersetzen. (3. Februar 2017)

Jacksonians und Schubladen

Der konservative Professor Walter Russell Mead hat in Foreign Affairs ein gutes Stück über Trumpisten als Jacksonians geschrieben, also in der Tradition der Anhänger Andrew Jacksons stehend. Das ist hilfreich, außer, dass sich viele der Elemente meiner Meinung nach überhaupt nicht aus Jacksons Zeit und Wählerbasis ableiten lassen, ohne der eine äußerst grobe Vereinfachung vorzunehmen. Der Punkt ist: Darum geht es gar nicht, „Jacksonian“ ist einfach nur ein neuer Begriff, um nicht alte Schubladen der Gegenwart aufmachen zu müssen. Das hilft für ein neues Verstehen und wäre auch generell in der Debatte rund um Kategorien wie „Linke“, „Rechte“ oder auch „Nazis“, „Gutmenschen“, etc. erfreulich. Die „Jacksonians“ selbst sind meiner Meinung nach hier allerdings sehr viel mehr an einer Sprachbewaffnung (Schneeflocken etc.) interessiert, während die Progressiven ihrerseits sich zwar um Differenzierung bemühen, oft aber auf auch in Klischees verfallen („alte weiße Männer“). Beide Seiten benutzen Sprache natürlich als Raum der Gruppen-Abgrenzung, für mich eines der größten Probleme in dieser Phase der Desintegration alter Strukturen. Es bilden sich gerade neue Muster und Konstellationen, für die wir einige Kategorien modifizieren oder erst finden müssen, um eine hellsichtige Debatte führen zu können. Wie das im Zeitalter der polarisierten Gefühle möglich sein soll, steht auf einem anderen Blatt. (6. Februar)

Paradigmenwechsel: Stream statt Programm

Trotz aller Politik-Dinge beschäftige ich mich natürlich weiter mit Technologie und bin dabei mit großer Begeisterung auf Matt Lockes Stück „The Schedule and the Stream“ gestoßen. Es geht um den Paradigmenwechsel vom „Programm“ (Broadcast-Zeitalter) zum „Fluss“ und dem damit einhergehenden Verlust von Kontext als radikalster Nebenwirkung.

„We imagined utopias in which information was free, with infinite copies of everything, distributed seamlessly to everyone. But the real cultural impact of digital networks is not abundance, but de-contextualization — the transgression of information from one context to another in ways that are out of our control.“

Die Fragestellung: Wie lässt sich ein öffentlicher Raum herstellen, in dem Kontext geliefert werden kann, wenn es sich beim Stream um eine personalisierte Form handelt. Puh, eine Menge zu verdauen, alleine um die Fragestellung völlig zu erfassen. (6. Februar)

Signale, Sender, Empfänger und ein Manifest

Aus dem „Infernal Machine Collective Manifesto“ der Hedgehog Review zur Amtseinführung des neuen US-Präsidenten:

„It’s therefore time we collect and meet in a common, contested, conflicted, complex field that we variously call research, criticism, scholarship, philosophy, or science. Let us inaugurate a collective, a collective that might form a community, but that cannot and should not be an academic “discipline,” inasmuch as it is academic but undisciplined thinking that we need.
It’s time to collect, and to be collected. Let us be philosophical, whimsical, constructive, critical, and confused. But let us collect, and be collected. Let us write proverbs, poetry, commentary, essays, explorations, and maybe even code. But let us collect, and be collected. Let us listen, learn, make notes, draw connections, and consider diagrams. But let us collect, and be collected, with ecumenical means in search of effective voice.“

Die Hedgehog Review ist ein völliges Nischenmedium, aber einer meiner Lieblingsorte für erstaunliche Gedanken und Verknüpfungen. Und in dem Manifest steckt etwas, das fehlt – im Wortsinn undiszipliniertes akademisches Denken über das, was gerade technologisch, kulturell und politisch passiert. (6. Februar)

Das Esalen Institute und große Erzählungen

Mitgründer Michael Murphy spricht in diesem Podcast über die Entstehung des Esalen Institute, der Pionier-Einrichtung des Human Potential Movements an der kalifornischen Westküste. Darin beschreibt er auch, was das Institut nicht erreicht hat:
„Wir wollten eine neue Vision der menschlichen Möglichkeiten bieten, warum wir hier auf dieser Erde sind. Aus dieser Perspektive haben wir es nicht geschafft. (…) Es war damals etwas in der Luft, wie es heute nicht mehr ist (…) Es ist immer noch „Work in Progress“. Eine Perspektive auf die Welt, die unsere besten Engel für uns gewinnt. Es gab damals kein Isis, diese extreme Form von Fundamentalismen. Diesen Verlust im universitären Bereich an großen Erzählungen. Es ist aus der Mode gekommen, die Welt als großes Ganzes zu sehen.“

Ich glaube, die großen Erzählungen kommen gerade wieder in Mode, aber im Kontext des vermessenen und durchanalysierten Menschen, ohne Utopie, noch nicht einmal mit kohärentem Alternativ-Entwurf – ja eher sogar als dystopisches Szenario. Ich bin gerade dabei, das alles einzusortieren und beschäftige mich in dem Kontext auch mit der damaligen Gegenkultur, der Rolle der Psychoanalyse und den Debatten bzw. wo die Abzweigung zu Reagan und den dritten Weg lagen. (11. Februar)

Dieses Blog und darüber hinaus

Ich überlege immer mal wieder, ein Blog über Zukunftsdinge zu starten und das hier als privates Notizbuch zu verwenden. Dann aber erinnere ich mich, dass ich den Glauben an „Content“ verloren habe und es vielleicht sinnvoller wäre, mit einer Schubkarre Sand an den Strand zu fahren. Der Vergleich ist nicht ganz fair, aber ich habe nicht das Gefühl, in der gegenwärtigen Plattform-Architektur viel gewinnen zu können. Die Anhäufung sozialen Kapitals ist ja aus professioneller „Autoren“-Perspektive nicht nur ein Dopamin-Schuss, sondern auch der Kampf gegen eine willkürlich einsetzende Unsichtbarkeit, gegen das Verschwinden im Strom der vielen Menschen und Meinungen. Nichts bleibt, also vielleicht doch besser die Gedanken in einem Buch zusammenlaufen lassen? Aber auch das ist „Content“ und der Spätkapitalismus hat gerade uns Menschen in sterbenden Professionen gelehrt, vorhandene Zeit mit sinnvoller beruflicher Weiterqualifikation zu verbringen (was ich gerade einerseits durch Auffrischung meiner Frontend-Kenntnisse und Abwägung weiterer Schritte tue, andererseits ignoriere, weil es so viel über Leben, Erde und Menschheit zu lernen – auch: zu lesen – gibt, das nicht in eine LinkedIn-Tabelle passt). (11. Februar)

Wird ständig erweitert.

Facebooktwitterredditlinkedin

Fußnoten vom Fluss SE 01 E02

by

The Fountains at Bellagio

Rollendes Notiz-Microblog

CES 2017

Die CES (hier mein Stück über VR/AR, hier eine launige Zusammenfassung des Besuchs) verlief relativ ereignislos, im Sinne von „kein Wow-Effekt“. Einige interessante Microtrends und Updates, dazu ein deutlich erkennbarer Shift zu Hardware + Service als nächste Phase der Digitalisierung. Und eine gewisse existenzielle Leere in mir im Hinblick auf wirklich hilfreiche Technologie im Sinne von „hilft, die Zivilisation vor dem Kollaps zu bewahren“ oder zumindest „hilft dem Einzelnen über reinen Komfort hinaus“. Aber natürlich wäre das auch viel erwartet für die CES. Eine positive Entwicklung: Die Verbreitung mobiler Solarplatten, in Afrika reden wir ja bereits von einer Auslassung des fossilen Zeitalters (auf der CES ging es natürlich um Camping-Nutzungsszenarien). (9. Januar)

China vs. Silicon Valley

Hier ein @SZ-Stück von mir zur Frage, ob China das Silicon Valley überholen kann. Einerseits fehlt dazu noch einiges, andererseits ist auch in der kalifornischen Technologie viel Geld in „Me-too“-Produkte geflossen. Wobei natürlich Geld im Zeitalter der Niedrigzinsen keine Rolle spielt. Auf jeden Fall würde ich gerne mal einen Monat in Shenzhen leben und recherchieren, um ein Gefühl für den Stand der Dinge dort zu bekommen. (9. Januar)

Big Data Shift

Interessant aus einem Gespräch und außerhalb des Feldes kaum wahrgenommen: Die sinkende Bedeutung von Big Data für AI-Anwendungen wegen der Fähigkeit, Datensätze zum self-learning leicht zu modifizieren. Das würde wahrscheinlich kein „Tabula rasa“ im Bezug auf den Vorsprung von Google, Tesla, Facebook etc. in ihren jeweiligen Feldern bedeuten, aber doch das Engineering als Faktor wieder in den Vordergrund rücken. War mir nicht klar. (tl;dr wg. Nachfrage: Es hieß immer, dass dir riesige Datensätze einen Vorteil im Training von AI verschaffen. Stimmt nicht mehr, Software kannbestehende Daten modulieren (vgl. sowas wie Drehen von Bildern) und dadurch große Datenbasis simulieren.) (9. Januar)

Buzzfeed und Trump

Nach all dem Gerede über Fake News ist es unverantwortlich von Buzzfeed, das Trump-Dossier zu veröffentlichen, obwohl sie nichts davon nachrecherchieren oder durch eine zweite Quelle bestätigen konnten. Wenn eine Redaktion anfängt, für Aufmerksamkeit und den Nachweis einer kritischen Haltung journalistische Standards (und damit auch kritisches Denken) wegzuwerfen, wird das eine unheilvolle Richtung nehmen. Und das Problem ist im Jahr 2017: Ein „Mainstream-Medium“ wird schnell als Beispiel für „alle Mainstream-Medien“ herbeigezogen. (10. Januar)

Fake News: Begriffe als Bumerang

Eine Lehre aus der Trump-PK heute: „Fake News“ ist – wie von diversen Menschen vorhergesehen – ein neuer Kampfbegriff, der von der künftigen US-Regierung für sämtliche Formen kritischer Berichterstattung verwendet werden wird (Buzzfeed hat eine Steilvorlage geliefert, die PK noch mehr als sonst für Meta-Debatte zu nutzen). Genau wie der Begriff „Alt-Right“ unter Propagandisten wie Hannity (sorry, nichts anderes ist er) und Co. zur „Alt Far Left“ wird und sicherlich bald flächendeckend Einsatz findet, um kritische Medien und politische Gegner zu diskreditieren.
P.S.: Ich mag Buzzfeed und halte sie bei Longreads für sehr viel besser und präziser arbeitend als viele deutsche Medien. Genau deshalb ärgert mich die Veröffentlichung des Dossiers so (11. Januar).

Google: Die fetten Jahre sind vorbei?

Charles Arthur hat drüben bei sich ein paar Alphabet-Meldungen der vergangenen Tage verlinkt: Ein möglicher Verkauf des (erst vor drei Jahren übernommenen) Satelliten-Dienstes Skybox, die Suche nach eine Käufer für den Glasfaser-Dienst Fiber, Stellenabbau im ehemaligen Drohnen-Programm Titan. Wir erinnern uns: Für die Robotersparte (Boston Dynamics) sucht Alphabet auch noch Käufer. Von einer Re-Fokussierung der Alphabet-Gruppierung auf absehbare Profit-Projekte war bereits im Dezember in der Businessweek zu lesen. Kombiniert damit, wie Google seine Suche in den vergangenen zwölf Monaten mit neuen Werbeplätzen zugeballert hat, um die Umsatzziele zu erreichen, ergeben sich durchaus Krisensymptome. Nicht Krisensymptome im Yahoo-Sinn, sondern schlicht mittelfristig stagnierende Umsätze. Wenn sich der Goog über die AMP-Linkstruktur gerade mehr oder weniger offensichtlich das mobile Web einverleiben möchte, ist das sogar eher ein defensiver Schachzug.

Jenseits der persönlichen Assistenten sollte ich mich mal ausführlicher mit den unterschiedlichen Android-Systemen beschäftigen. Als Informationsunternehmen muss es ja darum gehen, die Signale der nächsten Generation (vernetzte Geräte, Sensoren, etc.) möglichst vollständig tracken und auswerten zu können. Vielleicht orientierte ich mich aber noch zu sehr an der Idee von Google als digitalem Weltlogistik-Konzern, der über alles beinahe in Echtzeit Infos hat und auf diese Infos Dienste aufsetzt. (12. Januar)

Welchen Trump bekommt die Welt?

Brad DeLong hat vier Politiker im Angebot, mit denen Trump vergleichbar wäre: Reagan, Schwarzenegger, Berlusconi, Mussolini. Sehr interessante Perspektiven, vor allem weil er Reagan und Schwarzenegger jenseits der Klischees betrachtet.
Zu Trump noch eine Anmerkung: Ich bin mit dieser ganzen „roten Gefahr“ weiterhin sehr vorsichtig, weil auf progressiver Seite viel Wunschdenken dabei ist, Illegitimität bestätigt zu sehen, und das ausgerechnet von der CIA (btw: die „Wahl“ wurde nicht gehackt, sondern der Wahlkampf). Gleiches gilt für den unbewiesenen Moskau-Bericht dieses UK-Spions („Buzzfeed-Dossier„). Im Umkehrschluss ist klar: Trumps Schuldenstruktur muss auf den Tisch, um wenigstens einen Bruchteil an Transparenz herzustellen. Ich kann auch nur davor warnen, sich US-Geheimdienste zu wünschen, die den Präsidenten zu Fall bringen, nur weil man selbst ihn für eine Gefahr hält. Es gelten weiterhin die Buchstaben des Gesetzes und der Wille der Wähler. (12. Januar)

Vier Szenarien für die Zukunft der Rassenbeziehungen

Wie verändert sich die Rolle ethnischer Herkunft in den USA? Noah Smith hat verschiedene Szenarien aufgeschrieben, von „wird weniger wichtig“ über „Hispanics und Asiaten werden ‚weiß‘ gezählt“ über eine Rückkehr zu klassischen Definitionen wie „italo-amerikanisch“ bis hin zum düsteren „Politik wird Ethnopolitik“. Als Europäer ist man überrascht und überwältigt, wie ethnische Herkunft hier in vielen unterschiedlichen Facetten eine Rolle spielt, weil Erzählung (sind doch alles Amerikaner!) und Alltag (ah, das ist ja typisch für xyz-Amerikaner) so weit auseinanderklaffen. Aber natürlich ist das Ausverhandeln dieser Verhältnisse Teil eines multiethnischen Staates, weshalb ich die Lektüre von Smiths Text empfehle. (12. Januar)

Bärenfallen der Spracherkennung

Aus dem Economist-Schwerpunkt zur digitalen Spracherkennung und semantischen Fallstricken:
„‚Who plays Thor in ‘Thor’?‘ Your correspondent could not remember the beefy Australian who played the eponymous Norse god in the Marvel superhero film. But when he asked his iPhone, Siri came up with an unexpected reply: ‚I don’t see any movies matching ‘Thor’ playing in Thor, IA, US, today.‘ Thor, Iowa, with a population of 184, was thousands of miles away, and “Thor”, the film, has been out of cinemas for years. Siri parsed the question perfectly properly, but the reply was absurd, violating the rules of what linguists call pragmatics: the shared knowledge and understanding that people use to make sense of the often messy human language they hear.“ (13. Januar)

Lebenslanges digitales Lernen

Dirk von Gehlen schließt drüben @SZ die Debatte über „Wie sollte die Digitalisierungsdebatte aussehen?“ vorläufig ab, was ich sehr begrüße. Er erwähnt ein Bildungssystem für Erwachsene (vgl. „lebenslanges Lernen“) im Zeitalter der Automatisierung, was auch das Economist-Schwerpunktthema diese Woche ist. Dass gleich der erste Artikel mit dem Startup einsteigt, bei dem ich meinen Programmierkurs gemacht habe (General Assembly), ist ein netter Zufall und passt ganz gut. Natürlich mache auch ich mir Gedanken, welche Qualifikationen ich mir aneignen sollte und was ich eigentlich möchte. Dass ich seit Januar nicht mehr Vollzeit arbeite, gibt mir etwas Raum dafür.

Als Journalist ist relativ absehbar, dass in den kommenden drei bis zehn Jahren ein großer Teil der bezahlten Jobs verschwinden, sich von den Kernaufgaben des Journalismus entfernen oder schlicht schlechte Arbeitsbedingungen bieten wird, sich also letztlich bereits sichtbare Entwicklungen fortsetzen und verstärken werden. Natürlich will ich mithelfen, dass die Kernfunktionen des Journalismus (eine informierte Gesellschaft ermöglichen) auch in Zukunft erhalten bleiben. Nur kann dies im Kontext der fortgesetzten Digitalisierung auch etwas völlig anderes bedeuten, als sich in und an der Medienbranche abzuarbeiten. Mehr noch: Viele drängende Probleme der Menschheit erfordern neue Ansätze, die jenseits von Fortschrittsglauben und Veränderungspessimismus liegen. Das ist es, was mich fasziniert, worüber ich mir Gedanken mache und woran ich gerne arbeiten möchte. Ich weiß also noch nicht, wie mein Beruf morgen aussehen oder ob meine Berufung überhaupt ein Beruf sein wird; ich bin mir aber sicher, dass mich die neue Lernphase meines Berufslebens auf den Weg dorthin bringen wird. (15. Januar)

Wird ständig fortgesetzt.

Facebooktwitterredditlinkedin