Das Fatale in Optimismus und Pessimismus

 Fatalism, Freedom, and the Fight for America’s Future

David Runciman arbeitet sich in diesem langen, lesenswerten Text an Optimismus und Pessimismus ab. Seine Feststellung: „Unterschiedliche Meinungen darüber, ob die Welt besser oder schlechter wird, sind zu einem weiteren Dialog unter Gehörlosen geworden“.

Runciman vereinigt aber beide Gegensätze unter einem Konzept, dem des Fatalismus: Die Vorstellungen eines Steven Pinker, dass wir den natürlichen zivilisatorischen Fortschritt nur durch fehlgeleiteten Pessimismus aufhalten können. Und die pessimistische Vorstellung, dass wir uns auf eine Katastrophe zu bewegen und überhaupt nichts ändern können. Beides (ich vereinfache sein komplexes Argument) beschränkt letztlich die Zukunft darauf, sich aus festgelegten Mustern der Gegenwart abzuleiten.

In diesem Zusammenhang ist auch Technoptimismus (zum Beispiel: wir werden technologische Lösungen finden, um die Folgen des Klimawandels zu mildern) für Runciman nicht selbsterfüllend, sondern selbstzerstörend – weil er nicht erkennt, dass darin ein sehr beschränkter Möglichkeitshorizont angelegt ist. Die Perspektive auf eine echte „offene Zukunft“ zu entwickeln heißt also, mit einer Katastrophe zu rechnen, ohne die Bereitschaft aufzugeben, sie durch harte Arbeit zu verhindern. Ein Paradox, in dem ich meine eigene Haltung wiederfinde.

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Jens Jessen (und der #MeToo-Moment)

Eine längere Notiz zum „bedrohten Mann“.

Eine Polemik ist in den seltensten Fällen ein ehrliches Debattenangebot, funktioniert aber im Kontext der Aufmerksamkeitsökonomie ungemein besser als ein sachlich gehauchtes “Moment mal, ich hätte da eine Kritik an der Diskussion anzumelden”.

Natürlich, es lässt sich erahnen, rede ich von Jens Jessens Stück zum Gegenwartsfeminismus. Dessen Schicksal entspricht derzeit insofern konsequent dem selbstgewählten Format, als es zunächst entsprechend der Aufmerksamkeitsökonomie vorwiegend nach Verpackung wie Social-Media-Ausschnitten, Überschrift und Aufmachung, nicht nach dem Inhalt beurteilt wurde (o twitter, o mores!). Aber ohnehin, die unter dem Text angemeldete Replik von Bernd Ulrich deutet es an, scheint man bei der Zeit vor allem unter sich debattieren zu wollen.

Leider trägt Jessens Text auch während der Lektüre nicht besonders viel zur Erhellung oder Debatte bei. Die argumentative Schwäche ist bereits darin angelegt, dass Jessen “dem neuen Feminismus” eine verachtende Stereotypisierung von Männern vorwirft. Was natürlich selbst eine Verallgemeinerung ist, “den Feminismus” gibt es schon seit den Siebzigern nicht in jener imaginierten Reinform und nicht jede Feministin der neuen Generation fotografiert männliche Tramper und versieht sie mit dem Hashtag #MöglicherTäter oder auf hält die Übermalung des Gomringer-Gedicht für einen Meilenstein der Emanzipation (um mal zwei Beispiele zu nennen, die ich persönlich für kontraproduktiv halte).

Der überzeichnete Vorwurf, als Mann wie Muslime kollektiv für die Taten Einzelner verantwortlich gemacht zu werden, ließe sich nach diesen Maßstäben also auch in den Gegenstand die Polemik hineinlesen – alle Frauen, die sich für Emanzipation oder einfach nur für ein Leben ohne Furcht vor männlicher Gewalt einsetzen (also eigentlich nicht einmal Feministinnen sind, sondern nur auf Menschenrechte pochen), sind mögliche Hardliner oder “Radikalfeministinnen”, wie JJ sie nennen würde (mich würde übrigens interessieren, ob die Recherche jenseits der Internet-Textexegese Recherche auch aus Gesprächen und Veranstaltungen bestand).

Kleiner Verweis auf die Debatte in den USA: Das Fundament des Harpers-Textes vor wenigen Wochen über “Twitter-Feminismus” war durch eine selektive Online-Zitatauswahl ebenfalls recht wackelig, machte aber zumindest klar, dass sich die Kritik auf die netzpublizistisch-feministische Sphäre bezieht, die auch Jessen offenbar vorwiegend meint – und führte, wenn auch anonym, weibliche Kritikerinnen an oder konnte auf puritanische Entgleisungen wie die “Shitty Media Men List” verweisen.  Wie bei anderen Phänomenen vermischt sich aber auch bei #MeToo die amerikanische Situation und Wahrnehmung mit der Realität im eigenen Land. Was einerseits richtig ist, denn das macht den Moment so universell – und andererseits gefährlich, weil wir eben gerade im Rollenbild-, Berufs- und Uni-Kontext von sehr unterschiedlichen Sozialisationen und Strukturen reden (das heißt nicht, dass sexuelle Diskriminierung häufiger oder seltener ist – das lässt sich gar nicht feststellen, glaube ich. Was es heißt ist, dass wir anders geprägte Akteure in einem anderen Kontext erleben).

Was durch die marketing-gerechte Aufmandelung des “bedrohten Mannes” etwas verschüttgeht, ist die tatsächlich relevante Frage, wie integrativ der aus #MeToo abgeleitete Moment sein kann und muss – und was sich überhaupt gerade ändert.

Die Veränderung der Machtverhältnisse, so hat vor einiger Zeit die Kulturkritikerin Laura Kipnis festgestellt, geschieht heutzutage ja nicht in mehr die Erstürmung der Bastille, sondern in der Veränderung, wie wir über etwas reden und denken.

Mein subjektiver Eindruck ist, dass sich hier nach #MeToo gerade wirklich etwas ändert – und das, ausgelöst durch die öffentliche Debatte, vielleicht am konkretesten im privaten und beruflichen Kontext. Dort ist durchaus Raum für Einzelfallbetrachtungen, Ehrlichkeit, Nuancen, Zwiespältigkeiten und individuellen Erfahrungsabgleich mit dem Narrativ “da draußen”, während der öffentliche Diskurs inzwischen oft von den üblichen Kulturkampf-Ritualen überschattet wird (inklusive der Jessen’schen Pauschalisierungen, dem öden Maskulinisten-Geraune, aber auch des “alten weißen Mannes” und seiner Verwandten als gerne genutztes Rhetorik-Kantholz, das dem “Gutmenschen” ähnelt0). Diese “Backstage”-Bewegung ist vielleicht die langsamere, aber in ihr finden die wirklichen Veränderungen statt.

Wie stark die gesellschaftliche Wirkung allerdings jenseits des akademischen Milieus ist, lässt sich schwerer beantworten: 42 Prozent der Deutschen haben einer Umfrage zufolge von #MeToo noch nie etwas gehört.

Theoretisch wäre der Einstieg simpel: Fehlverhalten ausgesetzt zu sein – vom Alltagssexismus über Normübertretungen bis hin zum Verbrechen – ist eine universelle weibliche Erfahrung unabhängig von der Klassenzugehörigkeit, ob sie Frau, Freundin, Bekannte, Mutter oder Schwester betrifft, und der #MeToo-Moment ist für alle Geschlechter oft ein Empathie-Dynamo. Männern eröffnet sie damit nebenbei die Tür für eine Selbstreflexion von “Männlichkeit 1.

Aber unabhängig davon, dass die Diskussion darüber von Betroffenen eine Menge Mut zur Intimität erfordert, hat die Interpretation von #MeToo meinem Eindruck nach oft zwei Unschärfen: Die eine betrifft die Unterscheidung zwischen den Formen des Fehlverhaltens, die andere die Ausdehnung der Debatte auf den berechtigten Wunsch nach beruflicher Gleichberechtigung.

Beides entspringt natürlich der Kritik an den existierenden Machtverhältnissen zwischen den Geschlechtern. Aber es ist schwer vermittelbar, Sexismus und Vergewaltigung als zwei Seiten der gleichen Münze zu beschreiben – die Währung mag identisch sein, die Münze ist es nicht.

Und auch die Kontextualisierung von #MeToo als Symptom für fehlende berufliche Gleichberechtigung mag aus einem kohärenten System stammen, in der Praxis aber halten es weniger theorieaffine Menschen mit Recht für zwei Paar Stiefel, ob ein Chef mir an den Hintern fasst oder sich korrekt verhält, aber die Beförderung verweigert, weil er für die Position einen Mann gewählt hat, mit dem er Bonding-Erfahrung hat.2

Fehlt es also an Differenzierung? Es ließe sich einwenden, dass das insofern unwichtig ist, weil der Lauf der Dinge – also eine “Systemreform” (oder wie auch immer man das nennen mag) sich ohnehin schon vollzieht. Allerdings ignoriert dies die Lehre der vergangenen Jahre, dass es keine “natürliche” und ungebremste zivilisatorische Bewegung zu progressiven Werten gibt. Und selbst ein Resultat mit neuen (oder zurück ins Gedächtnis gerufenen) Verhaltensnormen alleine fällt hinter dem Anspruch des #MeToo-Moments zurück, neben dem Sein des Geschlechterverhältnisses auch das Bewusstsein für Machtsituationen zu verändern (so interpretiere ich das zumindest).

Meine Ableitung daraus ist, dass wie bei allen politischen Veränderungswünschen das Thema natürlich auch jenseits der Peer-Group vermittelt werden muss. Oder, um David Brooks zum Wesen neuer sozialer Bewegungen zu zitieren: “Jede Bewegung, die heute Legitimation verdienen möchte, muss die Urheberschaft streuen. Der Ikea-Effekt lässt sich anwenden: Menschen wertschätzen das, an dessen Aufbau sie beteiligt waren.”

Das ist aber kein Ratschlag, ich bin kein Aktivist und will nicht mansplainen, auch wenn der Vorwurf nach mehr als 7000 Zeichen durchaus glaubwürdig vorgebracht werden kann. Vielleicht kann ich aber trotzdem einen Wunsch formulieren: Ich wünsche mir allgemein weniger Wehrlosigkeit im politischen Diskurswerkzeugkasten, weniger Clickbait in der gedruckten Zeit und mehr von jener erwachsenen Debatte, die ich im Privaten erleben darf.

 Natürlich ist ein Diskussionsbeitrag keine Freikarte für eine Antwort, natürlich symbolisiert der “weiße Mann” auch ein Privileg; aber wer das rhetorische Kantholz schwingt, muss damit leben, einen Vorwand zum Ausstieg zu liefern oder – folgenreicher – das Angebot zur männlichen Selbstreflexion auch interessierten Zeitgenossen (und -genossinnen) nicht ehrlich erscheinen zu lassen.

1  Dass #MeToo auch Männer ermutigt, über ihre Missbrauchserfahrungen zu reden, zeigt das Essay von Junot Díaz.

2 Ich spare mir aus Platzgründen eine Debatte darüber, wie bürgerlich oder nicht der karrierebezogene Feminismus ist und ob wir nicht die Möglichkeit einer Systemreform vergeben, wenn weibliche Führungskräfte letztlich nach den Shareholder-Value-Maßstäben handeln werden, denen auch ihre männlichen Gegenparts folgen.

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Die Gegenwart als fremdes Land

„Die Wiederbelebung des Stammesbewusstseins (…) erscheint wie eine mehr oder weniger spontane öffentliche Reaktion auf die weitreichenden, aber unzusammenhängenden Veränderungen existentieller Bedingungen, die gemeinsam darauf hinauslaufen, die Gegenwart nicht weniger wie ein ‚fremdes Land‘ aussehen und erscheinen zu lassen als es in unserer sich schnell verändernden modernen Welt bisher die Vergangenheit war. Diese Vergangenheit war berüchtigt für ihre Überraschungen und dafür, dass sie ihre Bewohner hartnäckig und wiederholt zu verblüffen wusste, sie ständig auf dem falschen Fuß erwischte – sie sprachlos machte, in die Irre führte und verwirrte.

Ein fremdes Land zu sein hat aufgehört, eine besondere und exklusive Eigenschaft der Vergangenheit darzustellen. Als Folge davon ist die Grenze, die die Vergangenheit von der Gegenwart trennt, nach und nach verblasst, ihre Grenzposten liegen fast alle verlassen da. Die Zukunft ist natürlich ebenfalls ein fremdes Land – allerdings lässt sich ein Interesse unserer Zeitgenossen erkennen, uns vor der Zukunft stärker und unüberwindbarer abschotten zu wollen als vor der Vergangenheit: Die Zahl der Touristen, die sich auf den Besuch und die Erkundungen im fremden Land namens Zukunft freuen, sinkt gerade rapide. Inzwischen beschränkt sie sich auf die abenteuerlustigsten und optimistischsten Zeitgenossen (und es handelt sich, sagen manche, um die Leichtherzigsten und Leichtsinnigsten unter uns).“

Aus Zygmunt Bauman: Retrotopia (Auszug = Eigenübersetzung aus der englischen Ausgabe, S. 57)

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Grenzen von Ökonomie (und unserer Vorstellung von Staaat vs. Markt)

„Vor ein paar Sommern besuchte ich die Präsentation einer Forschungsarbeit auf einer Manager-Konferenz. Dabei wurden wir in einem ungewöhnlichen Schritt in Gruppen einsortiert, um ‚die Lösung für ein Problem zu brainstormen‘. Das Problem, das gelöst werden sollte? Füllen sie die Leerstelle in folgendem Satz: ‚Gesetze verhalten sich zu Gerechtigkeit so wie Medizin zu Gesundheit so wie Geschäft zu ____.‘ Was ist die übergeordnete Ebene, jenseits der Erzeugung von Profit? Nach einer Stunde Brainstorming war nicht zu erkennen, dass irgendjemand die Antwort gefunden hatte.“

 The Limits of Corporate Activism

„Meine Hoffnung ist, dass die Linke aus der Trump-Ära lernt, den einfachen Gegensatz zwischen ‚dem Staat‘ und ‚dem Markt‘ aufzugeben, als wäre es progressiv, ersteren gegenüber letzterem zu bevorzugen. Trump zeigt uns, dass es keinen inhärent fortschrittlichen Impuls hinter der Staatsgewalt gibt – perverserweise sind wir den nächsten Jahren von der Welt der Großunternehmen abhängig, wenn es um institutionelle Fortschritte geht. Eine wirkliche Transformation wird nicht daraus entstehen, eine Seite der Dyade aus Staat/Markt oder politisch/ökonomisch der anderen vorzuziehen. Vielmehr wird es darum gehen, diese Unterscheidung abzulehnen und grundsätzlich die Formen und Ziele der Institutionen neu zu denken, die wir benötigen, um unser gemeinsames Leben zu organisieren.“

 The Eighteenth Brumaire of Donald Trump

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Funktionen von „Fake News“

Malaysia seeks 10 year-jail terms for ‚fake news‘

Die derzeitigen Funktionen von „Fake News“:

(1) Identifikation von Falschnachrichten/Falschinformationen
(2) Signalwort an das Publikum/die Anhängerschaft, bestimmte Informationen zu ignorieren
(3) Politischer Vorwand, um Zensurgesetze zu verabschieden

In diesem Zusammenhang drängt sich natürlich die Frage auf, ob „Fake News“ als analytischer Begriff oder Kategorie überhaupt noch eine Funktion erfüllt (-> Argumente dafür / dagegen).

Ich habe mal von einem „Bumerang-Begriff“ geschrieben, aber vielleicht kommen wir auch mit „semantischem Dual Use“ der Sache näher (nun ist Semantik immer mehrdeutig, in Zeiten des Kulturkampfs aber springt uns das ins Auge, zumal in einer digital vernetzten Kommunikationsstruktur die Begriffshoheit anders als im Zeitalter der Massenmedien hergestellt wird).

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Internet: Content und Kommunikation Anfang 2018 (Collage)

Ein paar Stellen, die ich mir in den vergangenen Tagen markiert habe.

CONTENT: When every undocumented action has an opportunity cost

„Jeder mit Zugang zum Internet kann ein Publikum finden, aber es kostet einigen geistigen Grundbesitz: Je mehr wir Social Media benutzen, desto stärker reorganisieren wir unsere Sprache nach dessen Vorgaben, desto stärker bestimmen seine Feeds, wie wir über etwas denken. Auf eine gewisse Art ist das der zeitlose Kompromiss zwischen dem Alleinsein und seinem Gegenteil: Wir können inmitten von Anderen sein, vorausgesetzt wir passen uns an ihre Bedürfnisse und Erwartungen an. Aber die “Anderen” sind in diesem Falle genauso Ausdruck und Nebendestilat der Plattformen, wie sie eine Gruppe von Menschen sind.“

The End of Virality

„Es gab diese Monokultur. Das war, worum es am Ende des vergangenen Jahrhunderts bei MTV ging: Du kommst auf den Sender und jeder kennt deinen Namen. Das Internet hat das zerstört und zum Schlüssel wurde, dass jeder im Internet über ein Thema redet. Das hat eine Weile funktioniert. Aber jetzt, so wie wir uns keine Witze mehr per E-Mail schicken, schicken wir keine süßen Videos oder ähnlichen Quatsch herum und wenn wir das auf unserer Facebook-Seite posten, ignorieren die meisten Leute es, weil den ganzen Tag irgendjemand ihnen ‘guck dir das an’ sagt und sie einfach nicht so viel Zeit haben.“

 The Cry of “Fake News” is the Echo of a Real Problem

„Jeder kann die fehlende Menschlichkeit im Content fühlen. Sie merken, dass er nach Schema F und Fließband aussieht. Sie erkennen, dass der ideologische Rahmen nicht unbedingt deshalb eingezogen wurde, weil die Redaktionen glauben, dass es die Wahrheit ist, sondern weil sie auf mehr Verbreitung über Facebook hoffen.“

 Say goodbye to the information age: it’s all about reputation now

„Wir müssen den Paradigmenwechsel vom Informationszeitalter hin zum Reputationszeitalter berücksichtigen, wenn wir versuchen, uns gegen ‘Fake News’ und andere Misinformations- und Desinformationstechniken verteidigen, die sich derzeit über gegenwärtige Gesellschaften ausbreiten. Eine mündige Bürgerin des digitalen Zeitalters sollte nicht das Erkennen und Bestätigen der Wahrhaftigkeit von Nachrichten beherrschen. Vielmehr sollte sie den reputativen Weg besagter Information rekonstruieren können, die Absichten derjenigen bewerten können, die sie in Umlauf gebracht haben und die Agenden jener Autoritäten herausfinden, die ihr Glaubwürdigkeit verliehen haben.“

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John Gray über Niall Fergusons „Türme und Plätze“

Circling the Square

Der Philosoph John Gray hatte in der „New York Review of Books“ ja bereits Sloterdijks Werk messerscharf (aber fair) analysiert. Jetzt knöpft er sich Niall Fergusons Geschichte-als-Netzwerk-Geschichte „The Square and the Tower“ (deutsch: „Türme und Plätze“) vor:

“ ‚The Square and the Tower‘ sollte man am besten als Präsentation der Whig-Geschichtsinterpretation für ein Publikum von Hedgefond-Investoren lesen. Aus einer Serie von historischen Schnappschüssen bestehend, dünn überzogen mit großen Ideen, entspricht das Buchformat – 60 Miniaturbild-Kapitel mit eingestreuten Diagrammen – der Powerpoint-Präsentation. Das ist keine historische Analyse, sondern eines jener Wirtschaftsbücher, die wir zum Inventar von Flughafen-Buchhandlungen geworden sind. Zwar besonders gelehrt, gehört ‚The Square and the Tower‘ in das gleiche Genre wie Malcolm Gladwells ‚The Tipping Point‘ und Thomas Friedmans ‚The World Is Flat‘.“

Fairerweise muss ich sagen, dass ein Ferguson-Verriss bei mir auf offene Ohren stößt. Mir kommt seine Geschichtsschreibung wie ein Versuch vor, eine Verklärung des Status Quo aus Perspektive der üblichen Davos-Besucher zu verfassen. Inklusive eines recht unreflektierten Einverständnisses mit den Dominanzstrategien der westlichen Zivilisation und der Evolution der Finanzwirtschaft bis 2008 (fairerweise muss ich auch zugeben, dass „Ascent of Money“ das letzte Buch war, das ich bis zum Ende geschafft habe).

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Identitätsmythen und das Vakuum unseres Fortschrittsbegriffs

Nach meinen etwas fruchtlosen Gedanken zu einem „inklusiven Nationalismus“ kommt dieses hilfreiche Video der New York Times rechten Zeit. Es ist ein simpler Einstieg in die Konstruktion nationaler Identitäten. Ein neuer Mythos gemeinsamer Werte jenseits der Nation, so endet Max Fisher, müsste genauso stark wie der nationale Identitätsmythos sein.

Es gibt einen Mythos, der in den vergangenen Jahrzehnten ähnlich dominant, ja dominanter war: Fortschritt. Georg Seeßlen, für mich einer der gewissenhaftesten Publizisten der deutschen Gegenwart, hat das Konzept jüngst einmal auseinander genommen. Die Fortschrittserzählung, argumentiert er, bestehe inzwischen nur noch aus einer auf das Ökonomische reduzierten Perspektive (vgl. Erich Fromm), die sich in dieser dreifachen Gleichung zusammenfassen lässt:

Fortschritt = Arbeit, Fortschritt = Geschichte, Fortschritt = Wachstum.

Er kommt am Ende zu dem Ergebnis, dass die Mission einer progressiven Linken eben nicht nur in der Organisation des Fortschritts liegen kann, sondern in einer Neuvermessung seiner Idee, aus der sich auch ein verändertes Geschichtsverständnis ableitet. Er hat dies  so formuliert:

„Vielleicht wäre es eine der vornehmsten Aufgaben einer neuen Linken, neben einer sozialen Neuorganisation des Fortschritts auch über seinen Wert nachzudenken. In Antonio Gramscis eingangs zitierter Unterscheidung des Werdens von der Ideologie des Fortschritts (die wahrhaft Epoche gemacht hat) steckt eine Möglichkeit. Es geht nicht nur um eine ‚bessere‘ Verteilung von Wachstum und Wohlstand, nicht um mehr Kontrolle hier und weniger Profitgier dort, es geht vielmehr um eine Neubestimmung von Fortschritt und Geschichte. Weder ist diese linear und planvoll noch jener ‚Gesetz‘ und Wert an sich. Jeder Fortschritt ist nur eine Option unter vielen, an jedem Fortschritt gibt es die regressive Kehrseite. Eine wirklich neue Linke orientierte sich nicht an der Ideologie des Fortschritts, sondern an der Praxis des Glücks. Für möglichst viele.“

Diese Arbeit könnte am Ende, wenn sie wirklich schonungslos gängige Konzepte und Denkfallen meidet, in der Tat einen kraftvollen humanistischen Mythos hervorbringen. Und ich brauche nicht zu erwähnen, dass die Zeit drängt.

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Was Reputation zählt

Der kontroverse und – in meinen Augen – oft famos bloggende Programmierer Michael O. Church über das Verhältnis von Begabung/Führungseigenschaften und Reputation in der modernen Berufswelt (ich habe etwas freier übersetzt):

„Begabung spielt im Arbeitsalltag keine Rolle, weil es erfolgreich aus der Gleichung herausgenommen wurde. Ein kluger Manager setzt nicht das Schicksal seiner Firma aufs Spiel in der Hoffnung auf die sporadische Verfügbarkeit hochtalentierter Mitarbeiter. Er versucht einen Weg zu finden, der die Pünktlichkeit der Züge garantiert, obwohl mittelmäßige Menschen sie lenken. Das ist eine verwirrende Erkenntnis für mich, aber meine Existenz in einem Arbeitsbüro bedeutet – aus der Perspektive eines auf Kostensenkung bedachten MBA – dass jemand Mist gebaut hat. Ein fähigerer Manager würde die teuren, streitlustigen hochtalentierten Leute mit sofort einsatzfähiger Mittelmäßigkeit ersetzen. (…) Unsere Gesellschaft mag begabte Führungskräfte wollen, aber sie braucht sie wirtschaftlich eigentlich nicht besonders. Und weil die Nachfrage nach Top-Talenten zusammengebrochen ist, wird der Ruf und seine soziale Manipulation immer wichtiger. (…) Wer sich früher auf seine Fähigkeiten verlassen konnte, muss heute auf seine Reputation zurückgreifen. Warum? Weil das Unternehmensmanagement, nach den selbst gesteckten Kriterien zumindest, funktioniert. Das System funktioniert auch mit mittelmäßigem Input bestens. Gut genug zu sein um über der Reputationsfalle zu stehen, ist viel schwieriger geworden. Früher oder später gibt es keinen Grad von Befähigung und Talent, der dich entkommen lässt. Das ist eine unheimliche Vorstellung.“

The Talent Crash

Was auch immer man von MCs Selbstbild und dem skizzierten Konzept von Begabung/Führungseigenschaft halten möchte: Niemand wird bestreiten, dass das (Online- und netzwerkende)Reputationsmanagement inzwischen zum wichtigsten Faktor auf der Meta-Ebene des Berufslebens geworden ist.

In einer zurechnungsfähigen Welt würde niemand wahrscheinlich freiwillig diese schwachsinnigen Business-Pseudo-Klugheiten auf LinkedIn posten, um dann dafür von irgendwelchen Netzwerkern ein Like zu kriegen. Oder sich auf einen dieser verklemmten Business-Mixer nach Feierabend schleppen, an die ich mich aus meiner Zeit in München und San Francisco noch ganz gut erinnere.

Aber jeder kennt natürlich jemanden, der fantastische Kenntnisse, Fähigkeiten und Eigenschaften hat, aber wegen fehlender Reputationspflege auf völlig unterfordernden Karriere-Pfaden oder sogar in der Sackgasse gelandet ist. Oder jemandem, dessen Reputation so blendend ist, dass er trotz wiederholtem Erreichen des Peter-Prinzips ganz gut in der Unternehmenswelt voran- oder zumindest rumkommt.

Wie MC richtig bemerkt, ist die Personalauswahl nach Reputation für viele Manager der logische, schmerzlose Weg. Allerdings leiden die Firmen dann oft unter dem bekannten Symptom: die Züge fahren pünktlich ab, aber sie fahren ins Nirgendwo.

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Fortgesetzte Heimatdiskurse

Die lesenswerte Alice Greschkow wagt eine eine Gesellschaftsprognose:

Sowohl die wirtschaftliche Liberalisierung, als auch die Flüchtlingsbewegung hat ein Momentum geschaffen, in welchem die Sehnsucht nach sozialer Sicherheit und Suche nach einer gemeinsamen Identität steigen. Ich prognostiziere, dass in einigen Jahren liberale Lebensmodelle lediglich in urbanen Metropolregionen in finanziell sicheren und [sic.] Gruppen gelebt werden, während der Rest des Landes sich kulturell konservativ entwickelt und Verbundenheit durch gemeinsame Werte suchen wird. Die Frage, die sich mir stellt, ist, ob ein Heimatbegriff wirtschaftlich solidarisch und sozial inklusiv gestaltet wird, oder ob er ethnisch exklusiv und radikal kapitalistisch sein wird.

Deutschlands Zukunft: Heimat und Zusammenhalt

Ich habe auf Heimat und der Idee eines „inklusiven Nationalismus“ hier zuletzt auch herum gekaut. Und habe weiter Probleme, mir darauf einen Reim zu machen. Der beschriebene Patriotismus existierte in spielerischer Form ja ungefähr von 2006 bis 2015 und hatte durchaus auch eine Werte-Tangente. Dann wurde er von Teilen des nationalkonservativen bis rechten Lagers als linke Gesellschaftsillusion diffamiert (die Flüchtlingskrise war in diesen Fällen häufiger auch Anlass für die Grundsatzkritik an der Möglichkeit einer „Deutschwerdung“).

Deshalb bleibt mir das mögliche Fundament des inklusiven Nationalismus weiterhin rätselhaft. Wäre das der CDU-Patriotismus der vergangenen Jahre, nur mit allen Reglern auf 11? (womit wohl ungefähr bei der CSU rauskäme) Eine Form von sozialdemokratisch angehauchten Sozialstaatsstolzes, der zivilisatorisch berechtigt wäre, aber nur schwer mit den Sorgen vor der Abstiegsgesellschaft vereinbar ist? Ich suche weiterhin nach Ideen, die nicht in den Chauvinismus führen. Im Zeitalter der westlichen Gefühlskrisen aber ist – in Abwesenheit neuer progressiver Alternativen – genau dies der logische Endpunkt vieler nationalistischer Wege.

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