Ins zwölfte Jahr

In ein paar Tagen geht dieses Blog ins zwölfte Jahr. 2007 kam auch dieser Song raus, der wiederum das 20. Jubiläum von Public Enemy markierte. Ich bin immer wieder erstaunt, wie lange Sachen existieren, die sich eigentlich noch ziemlich neu und frisch anfühlen (Hip-Hop, als Privatmensch im Internet publizieren). Harder than you think, it’s a beautiful thing.

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Serienrückblick: Westworld

(Ohne Spoiler) Am Wochenende hat es hier karibisch geregnet, also ununterbrochen und schüttend. Eine gute Gelegenheit, die letzten Westworld-Folgen zu gucken. Ich war etwas überrascht, dass schon eine zweite Staffel geplant ist, weil die Serie etwas Endgültiges in ihrer Anlage hatte (oder ich mich vielleicht zu sehr an dem Crichton-Film orientiert hatte, den ich mal im Kontext von „Roboter-Bild der Siebziger“ zufällig auf Youtube durchscannend angeguckt hatte).

Ich bin nicht so euphorisch wie viele andere Zuschauer. Mir war es einfach zu brutal um der Effekte Willen, vielleicht stößt mir dieser Sadismus – nicht nur jener Figuren, sondern auch der Darstellung – auch wegen der ohnehin ausreichend brutalen Weltnachrichten und jener Entmenschlichung auf, die ich jeden Tag im Diskurs auf Social Media erlebe. Genau das aber natürlich macht Westworld auch zeitgeistig, genau wie die Frage, wie kaputt wir in unserem Amüsierverlangen sind. Aber die wird wahrscheinlich von den meisten nur im Kontext der Serienhandlung gestellt, die Inszenierung wird in der Regel nach rein ästhetischen Kriterien betrachtet. Für mich liegt dort der Unterschied zwischen Westworld und Serien wie die Sopranos.

Der ganze AI-Aspekt ist eher hinter dem “Erkenne dich selbst”-Narrativ verborgen, genau wie die Effekthascherei diverse Plot-Logikbrüche zu kaschieren scheint. Dadurch ist Westworld eine Serie für das Echtzeit-Zeitalter, immer irgendwo eine neue Plot-Wendung, eine neue Schießerei, ein neues Massaker. Sinn, der darüber hinausgeht, finden die Menschen-Figuren wie die Menschen-Zuschauer in der Auflösung des Labyrinth-Rätsels (“The Maze”). Aber dazu keine Spoiler von mir.

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Fröhlichen Advent mit Künstlicher Intelligenz

„Known to its creators as “neural karaoke”, the project from the University of Toronto can take any digital photo and transform it into a computer-generated singalong. It is a whimsical demonstration of what artificial intelligence (AI) might do for us beyond the familiar: giving voice to chatbots, wiping billions off the stock market, and ultimately destroying the human race.“ (via Guardian)

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The Night Of & Atlanta

Die Mini-Serie The Night of (HBO) war für mich der TV-Höhepunkt des Sommers, und Atlanta (FX) begleitet mich durch den Herbst. Beide erzählen Geschichten von Minderheiten (Pakistan/Muslim Americans & Black Americans), wobei The Night Of eher in der düsteren Justiz-/Gefängnis-/“Was ist Gerechtigkeit?“-Ecke spielt und Atlanta das afroamerikanische Leben in den Metropolen des Südens als desillusionierte Alltags-Comedy zeichnet. Durch meinen Wohnort sind mir Atlanta und die schwarze Kultur näher, wenn auch eher beobachtend. Beide vereint eine Nah-Perspektive auf Bevölkerungsgruppen, die in TV-Formaten bis Ende der Neunziger vor allem als Sideshows oder stereotypisiert vorkamen (eine Rolle, die derzeit im englischsprachigen TV häufig Hispanics ausfüllen).

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NOFX und die Hepatitis-Badewanne

NOFX habe ich erst um die Jahrtausendwende richtig zu schätzen gelernt und angesichts der grauenhaften Entwicklung, die sich dann via Blick 182 hin zu allem möglichen Casting-Quatsch vollzogen hat, ist meine Wertschätzung über die Jahre nur gestiegen. „The Decline“ ist weiterhin musikalisch der beste Song, den dieses Genre hervorgebracht hat.

Irgendwann im Frühsommer habe ich die Band-Autobiografie The Hepatitis Bathtub and Other Storiesgelesen und sie hat all das, was Titel und Bandgeschichte versprechen. Szenebericht (erstaunlich, wie viele Menschen im LA der Achtziger ihre Szene eingeschlagen bekamen), Lebens- und Drogenbeichte, ein Pissoir Wasserfall bizarrer, witziger und bitterer Anekdoten.

Je älter ich werde, desto erstaunlicher finde ich die ganzen Scheinwerferlicht-Mechanismen. Fußballspieler, die wir vergöttert haben, sind plötzlich Trainer irgendwelcher unterklassiger Mannschaften. Musiker müssen ihre Songs von vor 20 Jahren spielen oder touren alleine durch irgendwelche Mini-Läden.

Der Preis dafür, Geld und Aufmerksamkeit für etwas zu bekommen, was du liebst, ist oft die Gefangenschaft, auch nach dem Zenit von Schaffen oder Popularität damit weiter Geld verdienen zu müssen. NOFX haben das musikalisch und menschlich würdevoll gemacht, weil sie nie etwas darstellen wollten, was sie nicht sind. Dem bleiben sie in „Hepatitis Bathtub“ treu.

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„Didn’t know the man“

Wir kamen gerade von der David-Bowie-Gedächtnisparade, als mich der Typ neben dem Eingang der Bar sofort erkannte: „Hey, Du bist der Thin White Duke“, begrüßte er mich grinsend, während ich die weiße Schminke schon wieder versehentlich an meinem silbernen Jackett abwischte. Wir kamen ins Gespräch, er erwähnte, dass er Musiker sei, in ein paar Bands Tasteninstrumente spiele und heute seinen freien Abend für entspannte Getränke habe. Nein, auf der Bowie-Parade vorhin sei er nicht gewesen. „Didn’t know the man.“ Ein gleichgültiges Achselzucken, die nächste Kippe angeglüht. Er habe Bowie in den Siebzigern ein paar Mal live gesehen, als er noch drüben in Philly (Philadelphia) gelebt habe, mehr nicht.

„Didn’t know the man“, und das überhaupt nicht abwertend gegenüber dem Werk gemeint. Ich mag diesen Schlag Berufsmusiker, dem das ganze Drumherum egal und übertriebenes Gehabe fremd ist.

„‚Peace, David Bowie,‘ said Prince, quietly and a little unexpectedly, as he was sitting at his piano at Paisley Park. ‚I only met him once. He was nice to me. Seems like he was nice to everyone.'“

 

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„Vinyl“ ist die Serie, die Apple gut gestanden hätte

Am Sonntag lief auf HBO Vinyl an, eine Gemeinschaftsarbeit von Martin Scorsese und Mick Jagger (dessen Sohn auch eine Rolle hat). Ich fand den Piloten, anders als Kollege Kreye, fantastisch – das dreckige New York der Siebziger und die Mad Men der Musikindustrie vermischt mit einer Prise brutaler Sopranos-Zwischenmenschlichkeit. Vielleicht nicht der neue Goldstandard (die wenigen Frauenfiguren sind sehr deutlich Mad Men entnommen), aber auf jeden Fall wieder eine HBO-Serie am oberen Qualitätslimit.

Und während der ganzen Zeit dachte ich: Das ist die Serie, die Apple produzieren hätte sollen. Nun ist noch nicht einmal gesichert, dass Apple Serien-Content filmen wird, aber der Bezug wäre offensichtlich: Neben erfundenen Bands treten auch Legenden wie Led Zeppelin, David Bowie oder Bo Diddly auf (von Schauspielern verkörpert), dazu ist Hauptfigur Richie Finestra ein wandelndes Musiklexikon, ein leidenschaftlicher Liebhaber guter Songs, der verschiedene Strömungen in Bezug setzt: Genau das also, was Apple Music sein will. Vinyl als Einstieg in das musikalische Universum, ermöglicht von und in Apple. Die vermarktbaren Querverbindungen sind unendlich.

Stattdessen macht man nun offenbar etwas mit fuckin‘ Dr. Dre, wahrscheinlich, weil er gerade in der Apple-Kantine rumsaß. Aber natürlich ist unklar, ob jemand Scorsese und Jagger ihre Serie an eine Newcomer-Firma in diesem Bereich verkauft hätte (eigentlich sollte Vinyl ein Film werden). Und ich weiß auch nicht, ob Apple sich als selbsternannter Konzern der Makellosigkeit in Sachen Brutalität und Sexualisierung soweit aus dem Fenster lehnen würde wie HBO, das diese Grenzen schon lange ausgetestet hat. Beides sind relevante Fragen für das mögliche Content-Play aus Cupertino.

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Future Chronicles: Zukunft ist Gegenwart

Future_Chronicles

Ich ahne, dass meine Print-Ausgabe der Future Chronicles wegen unseres Umzugs irgendwo in einer amerikanischen Lagerhalle gestrandet ist, aber ich bin schon mit dem E-Book zufrieden. Denn was die Agentur Hyperraum als „Magazin aus der Zukunft“ realisiert hat, ist gut geworden, viel besser sogar, als es das Kickstarter versprach.

Die erste Ausgabe erzählt die Geschichte des Internets von 1962 bis 2096 im Stile des klassischen Magazin-Journalismus. Ich habe es einmal irgendwo anlässlich dieser Post-Work-SciFi-Geschichte in The Awl erwähnt (oder gedacht?): Nachdenken über Technologie sollte in einem viel breiteren Möglichkeitsraum stattfinden.

Die Future Chronicles erreichen das durch einen einfachen Trick: Die Artikel blicken nicht zurück, sondern sind in der jeweiligen Zeit verankert. So ist der Blick auf den Computer von 1962 keiner von heute zurück, sondern er stammt (vermeintlich) aus der Gegenwart von damals. Und von Text zu Text wird immer deutlicher erkennbar, welch gewaltiges… System? gibt es ein Wort dafür?… wir Menschen da gebaut haben, und dass wir jetzt schon in einer SciFi-Welt leben (ich bin noch nicht ganz durch und werde hier nicht die Zukunft nach 2016 spoilern).

Wer selber lesen möchte: Future Chronicles, Ausgabe 1, lässt sich hier bestellen (Print, E-Book).

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