Tesla-Hype vs. Chinas Realität

Artificial demand is driving the electric vehicle market in China

Tesla ist sexy, westlich und hat noch eine Personality-Geschichte zu erzählen – genau deshalb drehen sich fast alle Elektroauto-Geschichten um die Firma. Die mir aber halb so spannend erscheint, wenn ich das Ausmaß der chinesischen Elektroauto-Offensive sehe. Dagegen ist die deutsche Elektroauto-Prämie ein, pardon, Fliegenschiss. Aus dem verlinkten Marketplace-Segment.

James Cho (Automobil-Analyst): „Das ist in Wahrheit künstliche Nachfrage. Tatsächlich erleben wir eine der größten Verzerrungen des natürlichen Angebots und der Nachfrage, die wir in der Automobil-Welt je erlebt haben.“

Jennifer Pak (Korrespondentin): „Er spielt auf zwei Sachen an. Erstens: Elektroautos sind immer noch sehr teuer. Also bezuschusst die chinesische Regierung den Kauf mit 10.000 Dollar pro Auto, manchmal mehr. Dadurch kosten sie jetzt ungefähr so viel wie ein normales Auto. Aber in China bedeutet der Besitz eines Autos noch nicht, es fahren zu dürfen. Die Ausgabe von Nummernschildern ist beschränkt. In einigen großen Städten wie Peking muss man bei einer Lotterie mitmachen. Hier in Shanghai musst du sie ersteigern. Wenn du also ein Elektroauto kaufst, hat die Regierung versprochen, dass du das Nummernschild kostenlos dazu bekommst. Und nicht nur das: Du darfst die (Zulassungs-)Schlange überspringen und gleich losfahren.“

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Mexikos Niedergang

 Using Billions in Government Cash, Mexico Controls News Media
 The Social Contract Is Broken’: Inequality Becomes Deadly in Mexico
Earthquake Diary

Kein Land ist mir dieses Jahr so ans Herz gewachsen wie Mexiko – und kaum eines erlebt einen derartigen Niedergang. Mehr als 60 Morde pro Tag, die drohende Militarisierung des Wahlkampfs, die Kartelle und die allgegenwärtige Korruption und Hoffnungslosigkeit, Gerechtigkeit zu finden.

Ein Bekannter hatte mir bereits davon erzählt, wie die Regierung (und einige Bundesstaaten) erstaunliche Teile des Budgets für Marketing ausgibt. Im Radio hörtest Du in der Provinz, was der (chronisch unbeliebte) Präsident wieder Tolles gemacht hatte – in bezahlten Werbespots. Die NYT hat die Zusammenarbeit von Werbegeldern, Regierungskontrolle und journalistischer Korruption aufgegriffen. Die anderen beiden Stücke sind aus diesem Jahr und handeln von der Privatisierung der Sicherheit und die Korruption rund um den Häuserbau, die letztlich die Erdbeben tödlicher gemacht hat.

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Strategie vs. Reaktion

You spin me right round, baby right round.

„China packt große Dinge an, gute, schlechte oder mit Fehlern behaftete – während wir uns der Katastrophe nähern und sanft vor uns her summen, um dann unsere Telefone zu zücken.“ Das schreibt Ian Welsh drüben über die Frage, welche Länder wirklich noch strategisch denken. Ob China wirklich eine Welt von morgen plant oder im chinesischen Zeitverständnis nicht eher die von heute Nachmittag, sei dahingestellt.

Die Diagnose, dass der Westen reaktiv geworden ist, ist dagegen deutlich nachvollziehbar. In den USA, wo der Wohlstandstransfer zu Privatfirmen und ihren Eigentümern am fortgeschrittensten ist, sowieso. Auch Deutschland vermittelt – siehe Infrastruktur-Schäden – das Bild einer Gesellschaft, in der jene “ferne Zukunft” angekommen ist, in die man die Lösung von Problemen verschoben hat. In Sachen Digitalisierung jenseits der Industrie, in der Klima- und Umwelt-Politik, im Komplex Bildungszugang und rund um die “Deutschland AG” werden bald ähnliche Risse sichtbar, weil das “morgen” plötzlich “jetzt” ist.
Thomas Heaney hat die Merkel-Strategie vor der Wahl so beschrieben: „Ihr Trick ist es, die Kernprobleme ihres Landes zu vermeiden, während sie die Symptome geschickter behandelt als alle konservativen Politiker vor ihr.“

Dieses „Auf-Sicht-Fahren“ hat seine Ursache (oder ist es eher die Rechtfertigung?) auch in der deutschen Austeritäts-Geisteshaltung (vgl. Schuldenbremse) – letztlich also basiert es auf einer überholten Wirtschaftspolitik, die „Strategie“ vorgibt aber im Kern wichtige Entscheidungen in eine Zukunft verschiebt, in der nurmehr reaktiv gehandelt werden kann. Bekannte Beispiele in Deutschland sind der Breitbandausbau oder auch der staatliche Schutz für die deutsche Autoindustrie und dessen Unmöglichkeit in Anbetracht technologischer Veränderungen.

Andere Länder wie Griechenland, in das Austerität exportiert wurde, werden mit den Folgen von Schlussverkauf-Privatisierungen konfrontiert. Sie beschreiten letztlich einen ähnlichen Weg wie die USA: Marode öffentliche Systeme, die neben privaten Infrastrukturen mit finanziellen Zugangshürde existieren; eine Aufspaltung der Bevölkerung in jene, die sich Teilhabe leisten können und den wachsenden Teil derjenigen, deren Einfluss auf Zukunftsfragen sich einzig auf die Stimmabgabe bei Wahlen beschränkt.

Die daraus folgende Entfremdung schwingt als unartikulierte Gefahr auch Welshs Text mit: Die Hoffnung, die „Alternativlosigkeit“ der herrschenden Strukturen durch freier agierende, aber eben im Kern autoritäre Systeme aushebeln zu können. Trotz klarer Zeichen, dass es dafür auch bei uns dafür eine wachsende Sympathie gibt, werden grundsätzliche systemische Reformfragen aus der politischen Mitte nicht gestellt, sondern vielmehr weiterhin vor allem Symptome mit Ursachen verwechselt. Die “liberale Weltordnung” wirkt aus dieser Perspektive ziemlich konservativ.

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Logbuch: AI im weiteren Sinne & UK

Message From The Unseen World

Derzeit finden in Harvard einige Veranstaltungen zu lernenden Systemen (AI) und Ethikfragen statt, ich verfolge es allerdings aus Zeit- und Komplexitätsgründen nur am Rande. Offenbar hat aber Jonathan Zittrain eine Idee in den Raum geworfen, die mir in verschiedenen Formen begegnet: “At the AI Advance, Jonathan Zittrain said that organizations are a type of AI: governed by a set of rules, they grow and learn beyond their individuals, etc.”

Wer einmal in einem mittleren oder größeren Unternehmen gearbeitet hat, kennt den Wildwuchs an Regeln und Workflows in komplexen Organisationen. Entscheidungen werden oft aus Gründen getroffen, die rational nur unter völliger Kenntnis der Systemlogik erklärbar sind und die nicht an einer Person oder Abteilung, sondern an vielen erfüllten oder unerfüllten Bedingungen hängen. Das muss nicht dysfunktional, sondern einfach nur komplex und sich selbst entwickelnd sein. Ähnliches lässt sich über das Staatswesen oder auch soziale Konstrukte wie Religionsgemeinschaften sagen. Aus dieser Perspektive könnten wir Organisationen womöglich als AI im weiteren Sinne verstehen.

Die verschärfte These habe ich irgendwo einmal aufgeschnappt (Reddit? HackerNews?): Kapitalismus als erfolgreichste AI, der nicht nur eine Stabilisierung bis hin zur Unvorstellbarkeit eines alternativen Systems gelungen ist, sondern die in ihrer Marktmachung im Zweifel andere Systeme wie die Biosphäre oder Demokratie lenkend übernimmt, um sie auszubeuten und/oder nach den eigenen Metriken zu re-formieren. Düster.

Noch ein paar Worte zur Wahl in Großbritannien, auch wenn sich Millionen Menschen besser auskennen: Ich kann mir gut vorstellen, dass Großbritannien und die USA künftig eine Art hyperkapitalistischen Block bilden, der dem Markt alles unterordnet und die Rolle des Staates auf das Management von Folgen der Ungleichheit beschränkt ist. Ähnlich also wie die Neoliberalisierung durch Thatcher & Reagan, nur ohne Gefolgschaft in den meisten anderen Industrienationen (aber wer weiß schon). Die Vision einer homogenen Wertegesellschaft im Geiste der 1950er Jahre sind nur der konservative Kitt für eine Idee, die zwangsläufig auf Kosten vieler Menschen geht, man sehe sich die aktuellen Folgen der Austerität an.  Labour mit seinen sozialdemokratischen (Cornyn) bis Managerialism(Reste New Labour)-Ideen scheint die Rolle eines unregelmäßigen Korrektivs zuzukommen, wenn aus der Partei nicht sowieso verschiedene eigenständige Organisationen werden.

Erstaunlich finde ich, dass beide Ideen einen konservativen Kern zu haben scheinen: Wertebewahrung (Tories) vs. Sozialstaatsbewahrung (Labour). Ich halte Sozialstaatsbewahrung für relevanter (weil er Ausdruck des Wertes Solidarität ist), nur fällt mir als Außenstehender immer stärker auf, wie sehr sich die Politik in Europa – in direkter Korrelation zur demographischen Entwicklung – auf den Status Quo und seinen Erhalt konzentriert.

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Werben um Amerikas klügste Köpfe

Nach dem Wahlsieg Emmanuel Macrons geht sein Video aus dem Februar viral, in dem er amerikanische Klimaforscher einlädt, nach Frankreich zu kommen. Man kann über ihn sagen, was man will, aber er hat etwas begriffen: Dass für wissenschaftsfreundliche Staaten die paläokonservative Trump-Regierung eine Chance bietet, kluge Köpfe aus den USA nach Europa zu locken. Noch ist es zu früh, aber die wissenschaftsfeindliche Unterströmung in den Vereinigten Staaten ist weder neu, noch wird sie verschwinden.

Warum überlegt sich Deutschland kein Programm, um die klügsten Köpfe (und das nicht nur aus den USA) anzulocken und hier in die universitäre Forschung zu holen? Mit den Laborbedingungen werden viele deutsche Unis nicht mithalten können; vielleicht aber mit Planungssicherheit, Familienfreundlichkeit und einer Verpflichtung zur Wissenschaft, die in den USA noch stärker als anderswo vom Vorbehalt privatwirtschaftlicher Finanzierung abhängig zu werden scheint. Das wäre doch mal etwas, wofür man einen Teil der Steuerüberschüsse verwenden könnte.

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Fillon vs. Le Pen

Ich bin kein Experte, habe aber eine Frage: Wenn ich die Wahl zwischen einem Rechtsnationalisten habe, der auf Neoliberalismus setzt (Fillon), und einer Rechtspopulistin, die den Sozialstaat zu schützen verspricht (Le Pen)… was ist genau nochmal das Wahl-Argument für Ersteren? Vernunft? Ich weiß nicht, ob die Linke den Kraftakt von 2002 übertreffen kann und für so eine Konstellation zu mobilisieren wäre. Aber gut, wir sind noch in der Frühphase und ich höre auf, die dunkle Kassandra zu spielen. Vielleicht hat der Deutschlandfunk ja recht und das sind Zeichen gelebter Demokratie , aber strategisch…
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Im Klimawandel

Küste-Louisiana

Der Sound dieses Jahrhunderts ist das Bersten der Gletscher an unseren Polen. Der Klimawandel ist bereits in einer fortgeschrittenen Phase und unten an der Küste von Louisiana trägt er maßgeblich dazu bei, dass sich das Meer Stück für Stück das Land einverleibt. Jeden Tag ein bisschen mehr.

Dort zu stehen, wo bald nur noch Wasser ist. Zu ahnen, dass mir diese Gegend als Gebiet der Verwüstung wieder begegnen wird. Die Nähe von Ursache – die Bohrtürme etwas weiter südlich – und Wirkung. Das Gespräch mit Menschen, die hier vom Fischfang leben, „on and of the land“, wie es so schön heißt. Und die wissen, dass ihre Spuren im Wasser verschwinden werden. All das schwingt in dem mit, was ich für @SZ geschrieben habe.

Der Planet verändert sich, heißt es immer wieder. Das ist so wahr wie banal: er ist ständig dabei, sich zu verändern und Craig Childs hat mit „Apocalyptic Planet“ eine bemerkenswerte Meditation dazu verfasst. Die Welt, die wir sehen und erleben, ist in den Dimensionen von Erdplatten und Ozeanen nur ein Atemzug. Und doch würde ich mir von Herzen wünschen, dass unsere Spezies noch etwas Zeit bekäme. Dass dieser Moment, den wir „menschliche Zivilisation“ nennen, nicht bereits wieder am Erlöschen ist.

Isle de Jean Charles

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Trump als Mann ohne Eigenschaften

David Auerbach, einer der klügsten Denker zwischen Software und Gesellschaft, macht auf Crooked Timber eine interessante Beobachtung: Trump als gegenwärtiger Moosbrugger, dem Lustmörder aus Musils „Mann ohne Eigenschaften“ (von dem ich, Disclosure, nicht einmal das erste Buch zu Ende gelesen habe, was allerdings nicht am Roman liegt).

Sein Stück ist lesenswert, auch wenn Trump-Psychologisierung natürlich – wie bei allen Politikern vor und dann später wieder als Gegenbewegung zu ihrer Historisierung – immer Pop-Psychologisierung ist. Ein Auszug:

„Trump’s psychology only makes sense after this traditional conception of ego is discarded. I do not think that the ADHD-addled Trump cares how he is remembered; all there is for him is the attention, the worship, the now. For Trump, who defines himself only against his immediate surroundings, liminal forms of relating take precedence over any and all values, facts, or even goals. This lack of temporal awareness and planning may be his downfall, since all he knows is immediate escalation and pandering in pursuit of the immediate win. If he amassed an army of brownshirts, he couldn’t be bothered to give them orders.“

Trump als Mann ohne Eigenschaften (die Bezeichnung bezieht sich bei Musil nicht nur auf Moosbrugger) und entkernte Persönlichkeit ist ein Motiv, das auch im Parteitagsbericht des fabelhaften Eliot Weinberger in der London Review of Books anklingt und sich in mein Gedächtnis eingegraben hat:

„His self-aggrandisement is so unbounded, his persona has eaten his person. He routinely refers to himself as ‘Trump’ or ‘Mr Trump’ and even his family members at the convention struggled to come up with some anecdotes about the man who inhabits this character.“

Angesichts dessen, was Der Mann ohne Eigenschaften an geschichtlichen Entwicklungen vorwegnimmt, lässt dies natürlich schaudern. Im Roman heißt es doch auch: „Wenn die Menschheit als Ganzes träumen könnte, müßte Moosbrugger entstehn.“

Ich fürchte nicht die Wiederholung der Geschichte, die Parallele ist mir zu schlampig. Was ich fürchte, ist ein Zeitalter allgemeiner Entkernung im streng gezogenen Rahmen jener Normcore-Identität, in der nur der Konsumerismus als Ritual und Regel verbleibt. Und würden wir uns in unserer Entkernung nicht nach einem Menschen ohne Eigenschaften sehnen, in dem wir unser Spiegelbild – oder sogar das, was wir verloren haben – erkennen?

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Startup-Innovation von unten nach oben

Der Guardian in einer neuen Serie über Technologie in Afrika:

Innovation is often more bottom-up than top-down, though. “What’s interesting now among African startups is that they’re less about something really innovative in a specific app itself, but rather they are thinking about innovative ways to solve real problems in the market,” says Ory Okolloh, a well-known technology commentator.

Der richtige Weg, anstatt nur Produkte für die Josh Constines dieser Welt zu bauen. Artikel & Serie zeichnen ein differenziertes Bild von diesem Ansatz und den Erfolgen & Misserfolgen auf dem afrikanischen Kontinent.

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