Der Platz der Religion

Making Room for God

Der Historiker (und ehemalige kanadische Oppositionsführer) Michael Ignatieff wagt sich in obigem Essay daran, den zentralen Konflikt unserer Gegenwart zu ordnen: das Verhältnis zwischen „Liberalismus“ (also der säkularen, demokratischen Ordnung) und Religion. Er leitet drei Punkte ab, die ich für relevant halte:

(1) Wir als liberale Gesellschaft machen immer noch den Fehler, Religion als prägend für das ganze Leben eines Menschen zu sehen – und machen dadurch ihren Schutz zur zentralen Aufgabe der politischen Ordnung. Aber wie wäre es, wenn wir religiöse Bekenntnisse nicht getrennt von säkularen wie Veganismus oder Umweltschutz betrachten würden? Er zitiert den Philosophen Tim Crane: „Näher an der Wahrheit ist, dass alle Menschen, nicht ihre Meinungen, Respekt verdienen.“

(2) Seit der Aufklärung glaubt der Liberalismus, dass er am Ende zwangsläufig über den Glauben siegen wird und ihn in die private Sphäre zurückdrängen kann . Diese Idee der Säkularisierung verliert aber an Glaubwürdigkeit: Während sich einige Religionen (oder vielmehr ihre Interpretation) dem liberalen Verständnis öffnen (und sich das liberale Verständnis auch ständig neu austariert), definieren sich Evangelikale, konservative Katholiken und muslimische Fundamentalisten explizit gegen das, was sie als individualistische und hedonistische Ordnung betrachten. „Liberale Gesellschaften fahren nicht auf eisernen Schienen Richtung Freiheit – sie können das Gleis wechseln.“

(3) Zur Wirklichkeit liberaler Gesellschaften gehört, dass sie enttäuschen müssen. Es gibt keine glühenden Utopien, keine Erlösung, sondern (in den sozialdemokratisch-geprägten Staaten) nur die Verringerung von unverdientem Leid und von Ungerechtigkeit und die Vermehrung von Wohlstand und persönlicher Selbstverwirklichung. Der Sehnsucht vieler Menschen nach kollektiver Zugehörigkeit oder Zugehörigkeit zu Gemeinschaft und Traditionen können sie nicht befriedigen, und diese Lücken werden oft durch nicht-liberale Ideen gefüllt.

Ignatieffs Pointe ist, dass inzwischen auch manch Liberaler in der Religion flüchtet, während er den „immerfort kleiner werdenden Horizont der säkular-demokratische Ordnung“ betrachtet.

Über (1) lässt sich am längsten grübeln. Tatsächlich geben wir gerade in Deutschland der religiösen Prägung einen besonderen Platz, dessen Genese im Nachkriegsdeutschland-Kontext interessant zu verfolgen wäre. Ich persönlich tue mir qua Biografie und Spiritualität noch schwer, Lebensstil und Religion in die gleiche Schublade einzusortieren, weil religiöse Prägung mir „horizontal“ über alle Lebensbereiche zu verlaufen erscheint, Veganismus dagegen „vertikal“, also als „eine Entscheidung über einen bestimmten Teil meines Lebens“ betreffend. Vielleicht ist aber auch „Veganismus“ gar nicht die richtige Kategorie, sondern „Respekt vor dem Leben“ oder ähnliches.

In (3) wiederum hat sich meines Eindrucks nach in Europa auch über das progressive Spektrum hinaus die Erhaltung unserer Spezies durch den Kampf gegen Umwelt- und Klimaschäden als eine Art verbindendes Element durchgesetzt, wenn auch eher theoretisch als in der gelebten Praxis. Was wiederum zum Liberalismus passt: Die Verhinderung der Katastrophe als verbliebene Utopie.

Siehe auch:

 Westen ohne Gott
Identitätsmythen und das Vakuum unseres Fortschrittsbegriffs
John Stuart Mill als Religionsstifter

„Kulturgut Buch“

Digitaler Stress frisst Lesezeit
Die Deutschen lesen weniger Bücher, teilweise überhaupt keine mehr. Die Umsätze des Buchhandels sind noch stabil (wer liest, kauft mehr Bücher als früher), aber 25 Prozent aller Leser in Deutschland sind über 70.

Kolja Mensing vom Deutschlandfunk hat vergangene Woche dazu einige kluge Dinge gesagt:

“Ich glaube, wir haben so eine merkwürdige Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen. Es gibt halt immer noch den Diskurs des guten alten Literaturbetriebs, dessen Wurzeln irgendwo in der deutschen Nachkriegszeit liegen, in dem alle Beteiligten – Lektoren, Buchhändler, Kritiker – sich um ein verhältnismäßig kleines Segment vermeintlich anspruchsvoller Literatur gruppieren und nicht nach links und rechts schauen. Und auf der anderen Seite gibt es eben so ein modernes, urbanes und popkulturell sozialisiertes Milieu, das an ganz anderen Inhalten interessiert ist. (…) Ich glaube, man muss aus dieser ganzen, immer auch leicht dünkelhaften Rhetorik zum Kulturgut Buch erst einmal die Luft rauslassen, anstatt es – wie es der Börsenverein es ja jetzt offenbar vorhat – es zur Waffe im Kulturkampf gegenüber der digitalen Welt hochzurüsten.”

Kurz: Der Buchbranchen-Diskurs begegnet der Veränderung durch einen Konservatismus, der ohnehin nur diejenigen anspricht, die ihm bereits folgen und diese Ansicht teilen. Ähnlich gilt das auch für das deutsche Feuilleton. Ich habe es vor fünf Jahren in einem Beitrag hier verteidigt, was wohl etwas naiv war. Es ist den deutschen Feuilletons unterm Strich nicht gelungen, ein Verhältnis zum Zeitgeist zu entwickeln, sich entlang der oben beschriebenen Popkennerschaft neu zu definieren und daraus eine neue Form zu entwickeln. Dabei existiert gerade in unserer liquiden Kultur das Bedürfnis nach historischem Kontext, Meta-Referenzen und einer klugen Analyse im Blick auf Markt-, Mode- & Machtmechanismen. Nur findet die eben in der Regel in Social Media oder den englischsprachigen Publikationen statt.

(Via Christoph Kappes, Twitter)

Siehe auch:
 „Das unendliche Essay„

Freihandel

Der Deal im Freihandel lautet: Günstigere Waren und größere Auswahl gegen den Verlust von Arbeitsplätzen in einigen Branchen, in der Regel im produzierenden Gewerbe. In Schwellenländern bedeuten Freihandel und Globalisierung die Möglichkeit, in die Mittelschicht aufzusteigen. Oft geschieht das erst in der nächsten Generation, wohlgemerkt: Wer heute in den Technologie- und Textilfabriken Asiens arbeitet, verdient zwar überdurchschnittlich Geld, sein Leben gleicht aber eher dem eines europäischen Fabrikarbeiters im Jahre 1850 als dem von 2018. Dennoch ist der gestiegene Lebensstandard, den viele Regionen in den vergangenen Jahrzehnten verbuchen konnten, ohne die globale Arbeitsteilung nicht zu denken.

Zum Begriff: Was einst als “Abwesenheit von Handelszöllen auf Produkte” bedeutete, wurde schon vor längerem auf die Harmonisierung von Regulierung und Deregulierung, auf das Urheber- und Patentrecht sowie das Finanzwesen ausgedehnt. Klauseln zu Arbeits- und Umweltstandards sind in den meisten Freihandelsabkommen dagegen in der Regel standardisiert unbestimmt formuliert und nicht einklagbar.

Zudem bedeutet Freihandel nicht zwingend ein Verbot von Subventionen, die Industrienationen in Regel weiter für den Agrarsektor sowie im Aufbau befindliche Industrien aufbringen. So brach in Mexiko nach der Einführung nordamerikanischen Freihandelsabkommen in den 1990ern die Mais-Wirtschaft ein, das Land wurde zum Importeur: der Mais vom großen Nachbarn, den die Bauern in den US-Bundesstaaten des mittleren Westens anbauen, war durch die Subventionen aus Washington günstiger. In der Folge kam es in einigen Regionen Mexikos zu einem regelrechten Exodus arbeitslos gewordener Bauern, die sich auf den Weg nach Norden machten, um in den USA illegal als Tagelöhner Geld zu verdienen.

Ein ähnliches Muster zeigt sich an den Verhandlungen der Europäische Union mit den afrikanischen Staaten über das Wirtschaftspartnerschaftsabkommen (WPA). Auch wegen der Androhung von Strafzöllen in die EU haben bereits zahlreiche Länder unterschrieben. Das WPA sieht vor, dass afrikanische Länder die Zölle auf Grundnahrungsmittel wie Getreide (außer Reis) und Milchpulver innerhalb von fünf Jahren abschaffen sowie keine neuen Schutzzölle verabschieden. Zugleich subventioniert die EU weiterhin Milchpulver oder Getreide, kann solche Agrarprodukte also günstiger anbieten. Dies dürfte Konsequenzen haben: 60 Prozent der Erwerbstätigen im Subsahara-Nationen Afrikas arbeiten in der Landwirtschaft, die Zollausfälle der Staaten Westafrikas summieren sich Schätzungen zufolge bis zum Jahr 2035 auf mehr als 32 Milliarden Euro.

Die Beispiele sind bereits vereinfacht dargestellt. Sie zeigen aber, dass Freihandel auch Nebenwirkungen hat (no shit, Sherlock) und es auf systemischer Ebene Grundsatzfragen gibt  – zum Beispiel, welche Rolle Sozialstandards spielen oder ob Abkommen zwischen Regionen mit unterschiedlicher wirtschaftlicher Stärke Sinn ergeben. Und dabei ist noch nicht einmal vom chinesischen Modell des Schutzes heimischer Firmen durch Auflagen und Eigentums-Regelungen die Rede. Oder von globalen Firmenstrukturen und Steuervermeidung. Oder vom ökologischen Fußabdruck und Fragen des Postwachstums. Oder von Deutschland, das nicht nur durch Luxus-Produkte oder (noch) der Produktion von Maschinen und Anlagen in alle Welt ein Mega-Exporteur ist, sondern eben auch vom günstigen Euro-Wechselkurs profitiert, den das Land mit der DM nicht halten könnte.

Aber natürlich wird das alles im angebrochenen Handelskonflikt keine Rolle spielen, er wirft den Erkenntnisprozess sogar zurück: Ganz nach der Philosophie des US-Präsidenten geht es um das Recht des Stärkeren. Das Narrativ wird entlang der bekannten Orthodoxie verlaufen, die ja unter dem Stichwort „Friede durch Vernetzung“ zumindest innerhalb des Westens auch eine historisch-politische Komponente hat (allerdings nicht so sehr im Kolonial-Kontext).

Spätestens bei Autozöllen werden wir dann eine Patriotismus-Welle erleben und vielleicht für ein paar Monate sogar eine neue Legitimationserzählung für das vereinte Europa. Hyper-Aktivität rund um Symptome bei gleichzeitiger Stagnation in systemischen Fragen charakterisiert wohl auf absehbare Zeit unsere Gegenwart.

Siehe auch:
Ehrlichkeit und Freihandel
Freihandel II
Cocktails und Chauvinismus

Europas Doppel-Fluch

Europe’s curse of wealth

Der stets verständliche Branko Milanovic erklärt noch einmal mit schlichten Worten die beiden Wohlstandsflüche, unter denen Europa leidet. Erstens:

„Der erste Flucht des Wohlstands hat mit Migration zu tun. Die Tatsache, dass die Europäische Union so florierend und friedlich ist – verglichen mit den östlichen Nachbarn (Ukraine, Republik Moldau, der Balkan, Türkei) und, wichtiger, verglichen mit dem Nahen Osten und Afrika – macht sie zu einem exzellenten Auswanderungsziel. (…) Der Einkommensunterschied zwischen dem „Kerneuropa“ der früheren EU15 und dem Nahen Osten & Afrika ist nicht nur groß, es ist gewachsen. (…) Weil Menschen in Afrika ihre Einkommen verzehnfachen können, wenn sie nach Europa kommen, überrascht es nicht dass sie trotz aller Hindernisse, die Europa Migranten inzwischen in den Weg gelegt hat, weiterhin kommen. (wäre es zum Beispiel einem niederländischen Staatsbürger egal, wenn er in den Niederlanden 50 000 Euro pro Jahr verdient und eine halbe Million in Neuseeland?).“

Und zweitens:

„Europas Ungleichheit ist teilweise ebenfalls ein ‚Fluch des Wohlstands‘. Der Wohlstand von Ländern, deren Jahreseinkommen über viele Jahrzehnte steigt, wächst nicht nur im Verhältnis zum Einkommen, sondern stärker. Das liegt einfach an Ersparnissen und der Anhäufung von Reichtum. (…) Die Folge des wachsenden Wohlstands in Ländern ist, dass der Anteil des Einkommens aus Kapital stärker als das Bruttoinlandsprodukt wächst. (…) Vereinfacht gesagt: Die Einkommensquellen, die sehr ungleich verteilt sind (Profite, Zinsen, Dividenden) wachsen schneller als die weniger ungleich verteilte Quelle (Löhne). Wenn also der Wachstumsprozess an sich zu höherer Ungleichheit führt, wird deutlich, dass stärkere Maßnahmen notwendig sind, um das Ansteigen der Ungleichzeit zu verhindern. Doch in Europa fehlt, wie in den USA, der politische Wille (vielleicht ist er in einer Ära der Globalisierung, in der Kapital völlig frei verkehrt, auch schwer zu erzeugen), die Steuern auf hohe Einkommen zu erhöhen, die Erbschaftssteuer in vielen Ländern wieder einzuführen oder Politik für kleine, nicht für große Investoren zu machen. Was folgt ist eine politische Lähmung im Angesicht des politischen Aufruhrs.“

Flache Welten

Looking for Life on a Flat Earth

Alan Burdick mit einer ausführlichen Reportage über US-Amerikaner, die nicht daran glauben, dass die Erde rund ist. Zwischendurch hatte ich das Gefühl, dass ihn alle verschaukeln wollen, aber sie meinen es offensichtlich ernst. Wie so oft ist Youtube ein Einstiegsportal, diverse Verschwörungstheorien sind auch Teil des Weltbilds, je nach individueller Vorliebe. Daneben gibt es eine Kreationisten-Tangente, die uns erfreulicherweise in Europa fehlt.

Über die neue Irrationalität unseres Zeitalters ist schon viel geschrieben worden, ich warte noch auf eine vereinheitlichende Theorie. Ist sie Teil einer als kritisches Denken getarnten De-Abstrahierung, also einer Ungläubigkeit gegenüber allem, was an überliefertem Wissen unserer persönlichen Erfahrung/unseren aus unserem Lifestyle (und Medienkonsum) abgeleiteten Überzeugungen widerspricht? Am Ende ein Zitat aus dem Stück:

„Die Logik einer flachen Erde hypnotisiert und macht gleichzeitig irre. Es gibt keine Schwerkraft, nichts um sie einzudämmen, aber als Theorie erklärt sie weniger Phänomene, als sie widerlegen möchte. Auf dem Korridor traf ich einen Dokumentarfilmer (es gab einige auf der Konferenz), der die Flache-Erde-Community seit Monaten begleitet hatte. Sein Gesicht trug Züge der Verzweiflung. ‚Wenn du alles als Hoax abtust, solltest du besser etwas Klares haben, um es zu ersetzen‘, sagte er, seine Stimme näherte sich dabei einem Hirnschlag. ‚Wenn du mir erzählst, dass dein Auto nicht blau ist und ich frage dich, ‚welche Farbe hat dein Auto?‘, sag mir nicht ‚ich weiß es nicht, aber es ist nicht blau.‘ Welche Farbe hat dein verdammtes Auto?'“

Der Niedergang des Nationalstaats

The demise of the nation state

„Nach so vielen Jahrzehnten der Globalisierung sind Wirtschaft und Information erfolgreich aus der Autorität nationaler Regierungen herausgewachsen. Die Verteilung planetaren Wohlstands und der Ressourcen wird heute von kaum einem politischen Mechanismus angefochten. Aber dies zuzugeben, würde eine Akzeptanz des Endes der Politik bedeuten. (…) Der libertäre Traum – veraltete Bürokratien ergeben sich makellosen High-Tech-Systemen der Unternehmen, die dann das Management alles Lebens und aller Ressourcen übernehmen – erscheint heute eine wahrscheinlichere Zukunftsperspektive als die Fantasie, zur Sozialdemokratie zurückzukehren.

Regierungen, die von äußeren Kräften kontrolliert werden und deshalb nur bedingt Einfluss auf nationale Angelegenheiten haben: so war es schon immer in den ärmsten Nationen der Welt. Aber im Westen fühlt es sich wie eine furchterregende Rückkehr zu primitiver Verletzlichkeit an. Der Angriff auf die politische Autorität ist nicht nur ein ‚wirtschaftliches‘ oder ‚technologisches‘ Ereignis. Es ist ein epochaler Umsturz, der westliche Bevölkerungen zersplittert und beraubt hinterlässt.“

Rana Dasgupta beschreibt ausführlich und in großer Klarheit die Gegenwart und führt dabei verschiedene Erklärungen zusammen, die derzeit herumgeistern. Im kommenden Jahr erscheint sein Essay in Buchlänge und ich traue ihm zu, in die
Sphären eines  Pankaj Mishra aufzusteigen. Seine Botschaft ist wichtig und doch weder ins Bewusstsein der Bürgerlich-Konservativen, noch in das der Progressiven eingedrungen: Es  wird keine Rückkehr zur Normalität geben und das Zeitfenster für eine Systemreform wird sich in absehbarer Zeit schließen.

Endspiel

„Am Mittwoch bestätigten Wissenschaftler der University of California in San Diego, dass der April-Durchschnitt der atmosphärischen CO2-Konzentration zum ersten Mal in unserer Geschichte 410 Teile pro Million (ppm) überschritten hat. (…) In wenig mehr als einem Jahrhundert rasender Verbrennung fossiler Energieträger haben wir Menschen die Atmosphäre unseres Planeten Dutzende Male schneller als der natürliche Klimawandel verändert. Die Kohlendioxid-Konzentration ist nun 100 ppm höher als alle direkten Messungen des antarktischen Kerneises der vergangenen 800 000 Jahre, und wahrscheinlich signifikant höher als alles, was unser Planet seit 15 Millionen Jahren erlebt hat. Das beinhaltet auch Zeitalter, in denen die Erde größtenteils eisfrei war.“

Humans didn’t exist the last time there was this much CO2 in the air

Baby Breitbarts

„Der im Februar 2017 gestartete Tennessee Star ist Teil eines größeren Trends undurchsichtiger, auf lokale Themen konzentrierter, ideologischer Medien, die sich als traditionelle Zeitungen verkleiden. Vom Arizona Monitor bis zum Maine Examiner sind im ganzen Land Webseiten mit unterschiedlicher Glaubwürdigkeit aufgetaucht, deren Layouts an die überparteilichen Medien erinnern sollen. Das Ziel ist, die Lokalpolitik zu beeinflussen und das Vakuum zu füllen, das der finanzielle Kollaps von Lokalzeitungen hinterlassen hat.“

Baby Breitbarts to pop up across the country?

Wie ich bereits unten geschrieben habe: Es entsteht gerade ein Markt. Die USA sind dabei nach Talk Radio, Fox News, Breitbart und Co., Social-Media-Influencern/Spamern reif für die Lokalisierung der rechtskonservativen Propaganda. Sei es durch die nationalen TV-Lokalsender von Sinclair oder die oben beschriebenen „Baby Breitbarts“. Kombiniere das mit einem ohnehin ideologisierten Teil der Bevölkerung und der sichtbaren reaktionären Wissenschafts- und Bildungsfeindlichkeit, und du hast das, was die Amerikaner einen „Perfect Storm“ nennen. You ain’t seen nothin‘ yet.

Neonationalismus als Geschäftsmodell

Wie Regierungen die Geschichte ihrer Völker umdeuten

Der ungarnische Historiker Balázs Trencsényi:

“In Ungarn geht man im nationalen Geschichtsdiskurs nun zurück zu den Sumerern, zu Mesopotamien und behauptet, die einzige Nation, die von den ältesten Zivilisationen abstamme, seien die heutigen Ungarn.”

Und weiter im DLF-Bericht von Suzanne Krause über die Historiker-Tagung in Paris:

“Die Mär von den sumerischen Vorfahren sei von der national-konservativen Orbán-Regierung zum Kult erhoben worden (…). Daraus habe sich eine Marketing-Strategie entwickelt, ein Business-Zweig, speziell für die Jugend. Mit nationalistischer Rockmusik, Sommercamps, Sportangeboten. Balázs Trencsényi: ‘Da werden japanische Kampfsportarten wie Karate und Judo leicht abgewandelt als traditionell ungarische ausgegeben. Die werden nun an der Militärschule gelehrt, bei der Soldatenausbildung. Mehr und mehr verschwimmt der Unterschied zwischen realen historischen Fakten und dem, was offiziell als solches gilt. Und wenn dann der Staat darin investiert, wird nach und nach aus diesem eigentlich alternativen para-historischen Diskurs der normative, dem sich die Leute anschließen müssen.”

Ich will jetzt nicht den ganzen Nationalismus-Diskurs wieder aufrollen, aber einen Aspekt herausgreifen, der hier ganz gut rauskommt: Neben konservativer Identitätspolitik, Kritik an globaler Entgrenzung, Schattierungen von Patriotismus und  Chauvinismus oder sonstigen Formen der Überzeugtheit kann der Neonationalismus eben auch ganz opportunistisch Aussicht auf einen Markt sein. Die Möglichkeit, in der Politik schnell aufzusteigen, als Publizist ein Publikum zu finden oder eben direkt, siehe die Karate-Kurse in Ungarn, eine neu entstandene Kundschaft zu bedienen.

Die alte Gleichung [Wirtschaftlicher Druck/Gier + Wachstumsperspektiven des Zielmarkts =  Bereitschaft zur Umsetzung] gilt natürlich auch hier. Das Problem ist nicht nur, dass Überzeugtheit und Opportunismus von außen oft schwer zu trennen sind1 (diese Kritik also vielleicht angebracht wäre, aber nur selten fundiert erscheinen kann), sondern dass der Mensch sie nach kurzer Zeit selbst nicht auseinanderhalten kann, wenn er über seine eigenen Beweggründe nachdenkt 2.

1 Die Frage ist auch: spielt die Unterscheidung eine Rolle in dem Sinne, dass ein „uneigentlicher“ Naionalismus, Liberalismus, Sozialismus etc. existiert, der sich de facto oder moralisch vom „überzeugten“ unterscheiden würde, vgl. Mitläufer-Debatte.
2 Abgesehen davon, dass „Überzeugtheit“ eben auch ein Produkt unterschiedlicher Faktoren ist.

Zwei Nachdenk-Reihen

The Conversation: Revolutions and Counter-Revolutions
 The Economist: Open Future

Die verlinkten Reihen oben seien ans Herz gelegt: The Conversation, neben Aeon das beste Akademiker-Ideenmagazin, beschäftigt sich mit den gesellschaftlichen Veränderungen, die anstehen oder sich bereits vollziehen. Der Economist lotet auf dem Fundament der „liberalen Ordnung und ihrer ergebnisoffene Zukunft“ (so meine Interpretation) verschiedene Felder wie Technologie, Märkte und Meinungsfreiheit im 21. Jahrhundert aus. Angenehme Abwechslungen zu dem Gesummse, das um die jeweiligen Aufreger du jour gemacht wird.