Dirk von Gehlen: „Das Pragmatismus-Prinzip“

Wenn Dirk von Gehlen ein neues Buch schreibt, eröffnet sich für mich immer eine zweite Ebene: Auf welche von den Ideen, mit denen er in unseren Gesprächen um sich wirft, hat er sich am Ende gestürzt? Welche seiner Nebensätze finde ich plötzlich zu massiven Gedanken oder Thesen ausformuliert?

Das “Pragmatismus-Prinzip”, das am Freitag erschienen ist (und das mir Dirk netterweise schon vorher gegeben hat), ist aus dieser Perspektive eine Art dvg-Essenz: Ein Plädoyer für Gelassenheit im Umgang mit Neuem und Uneindeutigem, ein Lob der Ratlosigkeit als idealen Startpunkt für kreative Lösungsansätze. Zitat:

„In einer Welt unlösbarer Probleme ist nicht die Ratlosigkeit ein Problem. Ratlosigkeit versetzt uns vielmehr erst wieder in die Lage, andere Lösungsansätze überhaupt zu denken. (…) Wir haben in ganz, ganz vielen Bereichen keine Lösungen. Überforderung bestimmt unsere Lage. Die Herausforderung der Gegenwart scheint also nicht darin zu liegen, sofort Lösungen für die Überforderung zu finden, sondern sich pragmatisch auf sie einzulassen – die Überforderung zu akzeptieren ist die erste Voraussetzung dafür, sie zu bewältigen.“

Im Jahr 2017 kommentiert er damit natürlich die (zunehmende?) Hysterie und Rechthaberei in gesellschaftlichen Debatten und unsere Gefangenschaft in Ritualen und Haltungen (auch, aber nicht nur anlässlich der Digitalisierung); andererseits versucht er, diverse Business-School-Ideen aus Denkschulen rund um das Design Thinking in einen größeren Kontext einzubetten, dem er geschickt den Namen “Kulturpragmatismus” (als Gegenstück zum Kulturpessismismus) gibt. Am Ende lässt sich aber wahrscheinlich konkret im Kleinen – in der eigenen Wahrnehmung, Firma, Organisation, Lebensplanung – am meisten mitnehmen (wer mit Organisationspsychologie zu tun hat und sein Gehirn freigepustet hat, kann gleich danach Eric Ries’ “The Leader’s Guide” lesen).

Auf mich hatte Dirks Buch eine beruhigende Wirkung; es sind gelassene 200 Seiten mit popintellektueller Zielstrebigkeit statt akademischen Argumentationsketten, pragmatisch als Bricolage und nicht als Manifest gestaltet. Dass er dabei immer von “dem Shruggie” ( ¯\_(ツ)_/¯ ) spricht, der etwas gut findet oder entdeckt oder sagt, hat mich allerdings etwas kirre gemacht. UND JETZT ANTWORTE NICHT MIT EINEM SHRUGGIE, DIRK!

Okay, ich bin auch ein staubtrockener Typ, wenn es um solche Kunstgriffe geht.

Was das “Pragmatismus-Prinzip” nicht bietet, ist eine Antwort auf Fragen jenseits der Haltung zu Neuem oder ungewohnten, überfordernden Situationen. Viele entstehende Konflikte der “komplexen Gegenwart” sind nicht über Haltungsreflexion und Vermittlung alleine zu lösen; die propagierte “Neugier” kollidiert vielmehr mit handfesten Interessen der Beteiligen.

Natürlich können wir dabei Denkschablonen erkennen und auch Ängste reflektieren, aber wenn ich zum Beispiel als Politiker* den Klimawandel als dringendes (aber lösbares) Problem erkannt habe, muss ich trotzdem eine Abwägung treffen, in der ich mich zwischen Arbeitsplätzen/Schlüsselindustrien (kurzfristig) und dem langfristigen Ziel (geringerer Anstieg der Erderwärmung) entscheiden muss – und es mit verschiedenen Interessengruppen zu tun habe. Und wir kommen gerade in ökologischen Fragen an einen Punkt, wo wir angesichts starker Wechselwirkungen zur Kompromisslosigkeit angehalten sind, um die schwerwiegendsten Folgen zu verhindern. Doch das scheint mir nicht unbedingt der Weg des Pragmatismus-Prinzips.

Dirk mag mir da widersprechen und hat mit einem Podcast zu seinem Buch schon die Plattform für solche Praxis-Fragen. Und das ist vielleicht das Erstaunlichste an diesem Typen: Er ist inzwischen ein “Gesamtwerk”, genauso Autor wie öffentlicher Nachdenker auf seinen diversen Kanälen. ʘ̚ل͜ʘ̚༽ Ich behaupte mal: seine persönliche Anwendung des Shruggie-Prinzips hatte einen Anteil daran. Wahrscheinlich schon lange bevor der Shruggie überhaupt erfunden wurde.

* um im Rahmen des „Neuen“ zu bleiben, um das sich das Buch dreht: zum Beispiel anhand eines neuen Wetterphänomens über Deutschland.

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Tesla-Hype vs. Chinas Realität

Artificial demand is driving the electric vehicle market in China

Tesla ist sexy, westlich und hat noch eine Personality-Geschichte zu erzählen – genau deshalb drehen sich fast alle Elektroauto-Geschichten um die Firma. Die mir aber halb so spannend erscheint, wenn ich das Ausmaß der chinesischen Elektroauto-Offensive sehe. Dagegen ist die deutsche Elektroauto-Prämie ein, pardon, Fliegenschiss. Aus dem verlinkten Marketplace-Segment.

James Cho (Automobil-Analyst): „Das ist in Wahrheit künstliche Nachfrage. Tatsächlich erleben wir eine der größten Verzerrungen des natürlichen Angebots und der Nachfrage, die wir in der Automobil-Welt je erlebt haben.“

Jennifer Pak (Korrespondentin): „Er spielt auf zwei Sachen an. Erstens: Elektroautos sind immer noch sehr teuer. Also bezuschusst die chinesische Regierung den Kauf mit 10.000 Dollar pro Auto, manchmal mehr. Dadurch kosten sie jetzt ungefähr so viel wie ein normales Auto. Aber in China bedeutet der Besitz eines Autos noch nicht, es fahren zu dürfen. Die Ausgabe von Nummernschildern ist beschränkt. In einigen großen Städten wie Peking muss man bei einer Lotterie mitmachen. Hier in Shanghai musst du sie ersteigern. Wenn du also ein Elektroauto kaufst, hat die Regierung versprochen, dass du das Nummernschild kostenlos dazu bekommst. Und nicht nur das: Du darfst die (Zulassungs-)Schlange überspringen und gleich losfahren.“

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Bitcoin-Euphorie, Blockchain-Hype: Was beides bedeutet

Foto Duncan Rawlinson, Flickr, CC by-nc

Für die Antwort hole ich mir Hilfe von Mark Blyth und Fred Wilson.
Mark Blyth ist ein politischer Ökonom der Brown University (und sollte längst so bekannt wie Paul Krugman sein, finde ich). Blyth über Bitcoin:

“Was Du hast, ist eine 400 Milliarden-Dollar Asset-Klasse. Die Investoren sind vor allem chinesische Spieler und Schmuggler und die Reichen, die in Unicorns aus dem Silicon Valley investiert haben und denen das zu langweilig wurde. Sie haben entschieden, ein Prestige-Asset zu kaufen. Je mehr von ihnen es kaufen, die Versorgung ist begrenzt, desto mehr geht der Kurs nach oben. Und es geht hoch und hoch und hoch und es ist super-volatil.
Ist es Geld? Wenn Du es jemandem erklären musst: ES IST KEIN GELD!
Ist es eine Wertaufbewahrung? Nein, es ist zu volatil.
Ist es ein Tauschmittel? Nein, weil alle es horten und auf die Wertsteigerung warten.
Ist es eine Verrechnungseinheit? Vielleicht, wenn Du gerne im Keller wohnst und immer Akte X liest. Aber normale Menschen nutzen Dollar.
Es ist also ein Haufen reicher Menschen, die Zeug kaufen und verkaufen. Mehr nicht. Was ist mit der Blockchain, der Technologie dahinter? Ich habe das seit zehn Jahren gehört und warte auf die Resultate und das wird auch 2018 so sein.”

Was also ist mit der Blockchain (hier meine Einführung von 2015, inzwischen gibt es viele Aktuellere)? Fred Wilson, VC bei Union Square Ventures (und als Investor in diverse Blockchain-Startups ein Optimist) in seinem Blog:

“2017 war das Jahr, in dem Crypto/Blockchain die Ekstase-Phase erreicht hat. Mehr als 3,7 Milliarden Dollar haben diverse Crypto-Teams und -Projekte eingesammelt, um die Infrastruktur des Internet 3.0 (das dezentralisierte Internet) zu bauen. (…) Nicht alles Geld wird gut eingesetzt werden, vielleicht sogar nur sehr wenig davon. Aber es ist wie beim Wahnsinn rund um das Internet 1.0 (Einwähl-Internet) in den späten Neunzigern, der das Kapital für die notwendige Breitband-Infrastruktur für das Internet 2.0 (Breitband/mobiles Internet) gesammelt hat – der Hype im Crypto-/Blockchain-Sektor sorgt für das Geld, um die Infrastruktur des dezentralen Internets aufzubauen. (…) Das ist die größte Story in Tech 2017, weil die Übergänge vom Internet 1.0 zum Internet 2.0 zum Internet 3.0 unglaubliche Möglichkeiten und Disruption auslösen.”

Beide drücken es perfekt aus. Mein Blockchain-Optimismus – also der über das Machbare, nicht den Hype – ist weiterhin groß, aber nicht unbegrenzt ist (vgl. mögliche nicht erkennbare Architektur-Fehler, Schwierigkeiten mit der Standardisierung, Plattform statt Protokoll). Ob wir aus der Technologie etwas anderes als die üblichen kapitalistischen Werk- und Spielzeuge machen, ist dagegen eine andere Frage.

Foto: Duncan Rawlinson, CC BY-NC 2.0

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Prekäre Solidarität

Das Prekariat ist die Sphäre der entwerteten Arbeit und der entrechteten Menschen. Es ist eine Klasse, die keine Partei und keine Organisation, kein Projekt und kein Bewusstsein hat. Es ist die Klasse der nachhaltig Vereinzelten. Es gibt das akademisch-kulturelle Prekariat, es gibt das Dienstleistungsprekariat, es gibt das digital-„kreative“ Prekariat, das „Kognitariat“, es gibt das industrielle und postindustrielle Prekariat, und nicht zuletzt gibt es ein landwirtschaftliches Prekariat (…) Wir sind alle unterbezahlt, unsicher beschäftigt, vom Überlebenskampf ermattet und zugleich (…) in solch unterschiedlichen kulturellen, körperlichen und ästhetischen Umständen, dass uns der Gedanke von Solidarität und Gemeinschaft gar nicht kommt.

Debatte Gespaltenes Prekariat: Traumschiff und Nagelstudio

Die Leerstelle, die Georg Seeßlen hier umreißt, heißt Solidarität. Die Menschen blicken nach oben statt zur Seite. Aus eigener Erfahrung: Obwohl der Beruf des Journalismus in den kommenden 15 Jahren dem des freischaffenden Künstlers noch ähnlicher wird (und für viele Freie bereits ist), würde ich viele Berufsgenossen als bürgerlich orientiert beschreiben.

Die Perspektive ist zwar nicht mehr die der Prä-Ruheständler in den Redaktionen, denen die Errungenschaft jahrzehntelanger Tarifverträge und relativer wirtschaftlicher Stabilität die Möglichkeit zu Wohlstandsinvestitionen gegeben hat (nicht selten in urbane Immobilien). Aber die eigenen Probleme mit denen eines Musikers oder Schauspielers (Arbeitskraft-Angebot > Nachfrage, unendlicher Content bei abnehmenden Monetarisierungs-Möglichkeiten, etc.) zu vergleichen oder gar mit ebenfalls in Zeitverträgen, Leiharbeit und finanziellen Sorgen steckenden Arbeitskräften in Dienstleistung oder Industrie – das ist selten.

Würden wir nicht in unseren Berufssilos feststecken, der Glaube an eine existierende Meritokratie würde wahrscheinlich viel schneller der Frage nach dem Klassenbewusstsein weichen.

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Hör‘ auf, seinen Namen zu googeln

„Ein anderer Vorfall gab mir jüngst einen erschütternden Einblick in die Möglichkeiten der staatlichen Überwachung: Ich traf mich mit einer sensiblen und gut platzierten Quelle mit Hilfe eines Mittelsmannes. Nach dem Treffen, das vor ein paar Jahren in Europa stattfand, recherchierte ich über die Quelle. Eine Stunde später rief mich der Mittelsmann an und sagte: ‚Hör‘ auf, seinen Namen zu googeln.'“

The Biggest Secret – My Life as a New York Times Reporter in the Shadow of the War on Terror

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Breitbandausbau und der Vectoring-Irrweg

„Das Problem in Deutschland ist, dass wir im Vergleich zu anderen Ländern stark zurückgefallen sind, dass die anderen Länder beim Breitbandausbau sehr viel weiter sind, weil sie die letzten Jahre dazu genutzt haben, Glasfasernetze auszurollen, die bei uns noch sehr vereinzelt zum Einsatz kommen.“

Wenn das Internet nicht ankommt
Guter Einstieg in die deutsche Breitband-Landschaft. Das Zulassen von Vectoring wird sich noch als eine der übelsten Hinterlassenschaft aus den Jahren der schwarzen Null erweisen.

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Honduras und die Moralität des Neoliberalismus

Port of Roatan

Der Deutschlandfunk mit einem Hintergrund über die geplanten Sonderwirtschaftszonen in Honduras:

„Zehntausende neue Arbeitsplätze will der Präsident mit den neuen Zonen schaffen. Am Ende seiner Rede wendet sich der Präsident an seine Kritiker. Die seien ohnehin immer gegen alles, ewige Nörgler und Bedenkenträger – aber auch ihnen will er sagen: Die ZEDE werden das Land revolutionieren. Markige Worte! Doch würden die ZEDE tatsächlich Wirklichkeit, dann wären sie in der Tat eine Revolution. Mit ihnen entstünden neue, fast autonome Ministaaten, in denen nicht die Gesetze und die Rechtsprechung von Honduras, sondern die des jeweiligen Investors gelten: In dieser Form ein Novum – weltweit.“

Die Anerkennung des Neoliberalismus mag offiziell in Trümmern liegen, er selbst dominiert angesichts fehlender Ideen – nicht einmal über Schritte zu einem Reformkapitalisus werden diskutiert – altbekannte und auch neue Zonen. Reduzierte Regierungsausgaben, Privatisierung sozialer Güter und die Vergesellschaftlichung von Risiken und Pflichten (siehe Paradise Papers) der Kapitaleigentümer setzen sich auch fast zehn Jahre nach Beginn der Finanzkrise fort, als hätte es nie einen Einschnitt gegeben.

Weiterhin kommen die Begründungen dabei auch moralisch daher: Wir Deutschen beispielsweise lieben den semantischen Zusammenhang von Schuld und Schulden, der die moralisch Argumentation für die Austeritätspolitik in Griechenland zu einem verständlichen Wortspiel macht. Und ist nicht Honduras von Gewalt destabilisiert und somit ein idealer Kandidat, um den nächsten Privatisierungsversuch auszuprobieren?

Die Frustration über kaum handlungsfähige Nationalstaaten. Die Neuordnung dieser Staaten in kleinere und heftiger um die schrumpfende Zahl menschlicher Arbeitsplätze konkurrierende Einheiten. Die teure Aufrechterhaltung physischer und sozialer Infrastrukturen (oder, im Nahen Osten, ihre Reparatur). All dies bietet hervorragende Möglichkeiten für Privatfirmen oder Investment-Vehikel, neue Rendite-Gelegenheiten zu erschließen. Von der Entwicklung der Großkonzerne zu quasi-staatlichen Akteuren bis hin zu eigenen Betreibern staatsähnlicher Gebilde ist dabei nur ein logischer Schritt.

Und wir werden es womöglich sogar für richtig halten, weil uns nichts mehr jenseits der Logik der vergangenen 45 Jahre einfällt und wir irgendwann mit der moralischen Begründung “solange es den Menschen dort besser geht” zufrieden sein werden (Alternativlosigkeit unter einem anderen Namen). Doch reden wir von Menschen oder von Arbeitskräften? Die Antwort ist schon lange uneindeutig geworden, auch das eine Symbol der vergangenen Jahrzehnte. Wie Daniel Stedman Jones es sinngemäß formulierte: Es existiert wohl keine Utopie in der Menschheitsgeschichte, die derart vollständig realisiert wurde wie der Neoliberalismus.

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Strategie vs. Reaktion

You spin me right round, baby right round.

„China packt große Dinge an, gute, schlechte oder mit Fehlern behaftete – während wir uns der Katastrophe nähern und sanft vor uns her summen, um dann unsere Telefone zu zücken.“ Das schreibt Ian Welsh drüben über die Frage, welche Länder wirklich noch strategisch denken. Ob China wirklich eine Welt von morgen plant oder im chinesischen Zeitverständnis nicht eher die von heute Nachmittag, sei dahingestellt.

Die Diagnose, dass der Westen reaktiv geworden ist, ist dagegen deutlich nachvollziehbar. In den USA, wo der Wohlstandstransfer zu Privatfirmen und ihren Eigentümern am fortgeschrittensten ist, sowieso. Auch Deutschland vermittelt – siehe Infrastruktur-Schäden – das Bild einer Gesellschaft, in der jene “ferne Zukunft” angekommen ist, in die man die Lösung von Problemen verschoben hat. In Sachen Digitalisierung jenseits der Industrie, in der Klima- und Umwelt-Politik, im Komplex Bildungszugang und rund um die “Deutschland AG” werden bald ähnliche Risse sichtbar, weil das “morgen” plötzlich “jetzt” ist.
Thomas Heaney hat die Merkel-Strategie vor der Wahl so beschrieben: „Ihr Trick ist es, die Kernprobleme ihres Landes zu vermeiden, während sie die Symptome geschickter behandelt als alle konservativen Politiker vor ihr.“

Dieses „Auf-Sicht-Fahren“ hat seine Ursache (oder ist es eher die Rechtfertigung?) auch in der deutschen Austeritäts-Geisteshaltung (vgl. Schuldenbremse) – letztlich also basiert es auf einer überholten Wirtschaftspolitik, die „Strategie“ vorgibt aber im Kern wichtige Entscheidungen in eine Zukunft verschiebt, in der nurmehr reaktiv gehandelt werden kann. Bekannte Beispiele in Deutschland sind der Breitbandausbau oder auch der staatliche Schutz für die deutsche Autoindustrie und dessen Unmöglichkeit in Anbetracht technologischer Veränderungen.

Andere Länder wie Griechenland, in das Austerität exportiert wurde, werden mit den Folgen von Schlussverkauf-Privatisierungen konfrontiert. Sie beschreiten letztlich einen ähnlichen Weg wie die USA: Marode öffentliche Systeme, die neben privaten Infrastrukturen mit finanziellen Zugangshürde existieren; eine Aufspaltung der Bevölkerung in jene, die sich Teilhabe leisten können und den wachsenden Teil derjenigen, deren Einfluss auf Zukunftsfragen sich einzig auf die Stimmabgabe bei Wahlen beschränkt.

Die daraus folgende Entfremdung schwingt als unartikulierte Gefahr auch Welshs Text mit: Die Hoffnung, die „Alternativlosigkeit“ der herrschenden Strukturen durch freier agierende, aber eben im Kern autoritäre Systeme aushebeln zu können. Trotz klarer Zeichen, dass es dafür auch bei uns dafür eine wachsende Sympathie gibt, werden grundsätzliche systemische Reformfragen aus der politischen Mitte nicht gestellt, sondern vielmehr weiterhin vor allem Symptome mit Ursachen verwechselt. Die “liberale Weltordnung” wirkt aus dieser Perspektive ziemlich konservativ.

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Stabil und unpolitisch? Deutschland im Sommer

Jürgen Kaube hat in der FAZ Erkenntnisse aus einem lesenswerten Merkur-Aufsatz von Christoph Möllers destilliert (wie bereits zuvor Gustav Seibt). Der Vorwurf, der an die Deutschen ergeht, erscheint mit “unpolitisch” oder “depolitisiert” falsch umschrieben: Im Durchschnitt würde ich das Interesse am Zeitgeschehen in Deutschland höher einschätzen als in den meisten anderen Nationen. Und wer in die USA blickt, dem kann auch nicht an der Extrem der Politisierung aller Sphären gelegen sein.

Weil allerdings politisches Interesse bereits mit “politischem Handeln” gleichgesetzt wird, bleibt eine Leerstelle. Gefüllt hat sie in den vergangenen Jahren Angela Merkel mit einer eigenen Form von politischem Managerialism – also jener in Europa von Tony Blair geprägten Idee, Politik letztlich als ideologiefreie Anpassung an wirtschaftliche Notwendigkeiten im Sinn des Neoliberalismus zu begreifen und nur an den Extremen regulierend einzugreifen (Extreme im Merkel’schen Sinne erscheinen stets als messbare öffentliche Meinungsausschläge). Weil Managerialism nicht zwangsläufig zu einer erfolgreiche Wirtschaft führt, eine erfolgreiche Wirtschaft aber politischen Managerialism bedingt, hatte die Kanzlerin der eigenen Bevölkerung nicht allzu viele Härten aufzuerlegen (im Falle der südeuropäischen Staaten sieht dies freilich anders aus).

Beide Phänomene, eine Entkernung des Politischen im Persönlichen und der Erfolg dieser indirekten Technokratie, lassen sich wahrscheinlich aus der Geschichte der Bundesrepublik ableiten: Der Gründungsmythos ist weniger im Grundgesetz als im Wirtschaftswunder zu suchen, eine breit verankerte Form von Verfassungspatriotismus konnte sich angesichts der Kriegsschuld in den ersten Jahrzehnten so schlecht entwickeln wie jede andere Form von Patriotismus im klassischen Sinn. Und so ist auch die ständig präsente Moralisierung, die Möllers der deutschen Haltung zurecht diagnostiziert, weniger als fundamentalrechtliche oder soziale Prinzipien als an Wohlstand und (wirtschaftlichen) Erfolg geknüpft, gerade wenn dieser Erfolg sich aus dem Vergleich mit anderen Nationen ergibt.

Angesichts von Automatisierung/Digitalisierung und absehbar marginalem Wachstum, aber auch anlässlich der längst sichtbar gewordenen globalen Instabilität durch die Folgen klimabedingter Migration ist dies riskant. Der auf Fragen wie Sicherheit in allen Facetten, Rente oder sogar “Vollbeschäftigung” verengte Nicht-Wahlkampf ist ein Symptom dafür, dass die “Re-politisierung” – auch angesichts der Reaktionen auf die Flüchtlingskrise – eher als Gefahr denn als erstrebenswert wahrgenommen wird. Das ist eine Strategie, die im Status Quo fußt und seinen Erhalt letztlich als Ziel hat. Doch können wir wirklich damit rechnen? Und wenn nein, was heißt für ein Deutschland in einem national instabileren Kontext?

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„Liberal“ vs. „nationalistisch“?

Was Mathieu von Rohr schreibt, klingt so einleuchtend wie es auf 140 Zeichen nur sein kann (zumindest, soweit er sich nur auf Frankreich bezieht). Sollte es allerdings wahr sein, wäre es kein erfreuliches Signal – denn der “Liberalismus”, den Macron vertritt (er selbst nennt es in Anlehnung an die US-Demokraten „Progressivismus“), mag den “Geschmack von links” tragen (thx, Martin Oetting); Macron selbst mag auch postmaterielle linke Positionen vertreten: Ökonomisch stellt er jenseits der Rhetorik vom “nordischen Modell” kaum einen der angeblichen Sachzwänge der vergangenen Jahrzehnte in Frage (Steuersenkungen, Deregulierung, Verpflichtung zur Austerität).

Macrons Kampagnen-Image von Veränderung steht damit in seltsamen Kontrast zu jenem Weiter-so nach jenen Rezepten, das seit der Krise 2008 diskreditiert ist, die Umverteilung verstärkt hat und in einer Welt des westlichen “Wachstum ≠ Jobswachstum” wohl auch nicht weiterhelfen. Vielleicht liegt es daran, dass die Franzosen den dritten Weg noch nie beschritten haben und ihn nun verspätet ausprobieren zu wollen, aber das alles erinnert stark an Tony Blair und seinen Managerialism. Und wer würde derzeit Tony Blair oder sonstigen Vertretern des “Dritten Wegs” zutrauen, die aktuellen Probleme zu lösen…

Wenn wir im 21. Jahrhundert wirklich “liberal” vs. “nationalistisch” erleben, dann ist “liberal” eigentlich der neue Konservatismus, mit mehr oder weniger kulturell progressiven Elementen. Vielleicht genügt das, ich bin davon überhaupt nicht überzeugt. Der politischen Linken würde in dieser Konstellation nur die Rolle einer politischen Geisel zukommen, die Mehrheit der politischen Ultra-Rechten immer wieder zu verhindern, ohne je der Option einer notwendigen Veränderung des ökonomischen Systems oder zumindest einer genuin progressiven Politik im Falle des Machtgewinns (vgl. Hollande-Schwenk) nahe zu kommen. Erfüllt sie diese Rolle nicht, wird sie zum Sündenbock. Kann man es ihr verdenken, dass sie dieses Spiel nicht mitmachen möchte?

Ich bin kein Frankreich-Kenner, aber glaube nicht, dass die Zurechnung der politischen Linken zum Lager der „Liberalen“ ihrem Programm oder diese Dichotomie der Komplexität der Probleme gerecht wird. Natürlich lassen sich die fast 20 Prozent für Mélenchon als Unterstützung für ein soziales Wohlfühlprogramm mit etwas Eliten-Kritik interpretieren, als erstaunliche Ausnahme der Regel. Aber nachdem man über Jahrzehnte auch den Front National in diese Schublade gesteckt hat, wäre vielleicht etwas Demut angebracht. Ich kann es nur wiederholen: Es gibt keine Rückkehr zur Normalität und zu der Übersichtlichkeit der Vergangenheit.

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