Deutschland

Erinnerungen an den deutschen Sommer (im ICE-Speisewagen)

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ICE passiert ein Maisfeld

Sonntagnachmittag im Juli im ICE nach NRW.

“Prost”, sagt der Mann im besten Vorruhestands-Alter, schwingt sein Bier und sich selbst in die Ecke, wo der einzige andere Fahrgast sitzt und seinen Kaffee trinkt. Er blickt sich kurz verschwörerisch im leeren Speisewagen um und beugt sich rüber, beinahe flüsternd. “Ich komm’ grad‘ aus Bad Aibling.” Das “Aiiiii” zieht er dabei so herzhaft in die Länge, wie es nur der gekonnte Schlag der Ruhrpott-Zunge vermag.

“Meine Frau ist auf Kur. Hab sie gerade besucht. Der Rücken. Dat sin’ aber komische Regeln, die die da haben, die dürfen nicht raus abends nach zehn. Als ich damals auf Kur war, da sin’ wer immer abends umme Häuser gezogen. Nachts hab’ ich immer dem Zimmernachbar hochgebrüllt, der hat dann unten aufgemacht.” (nostalgisch lächelnd und am Bier nippend) Ich hab’ auch immer die Therapie geschwänzt. Dat war da oben anne Ostsee und die sind morgens Robben gucken und Gymnastik und so. Ich hab dann immer vom Balkon gewinkt, haha.

Aber Bad Aibling ist schon schön. (nachdenklich) Wir warn am Freitag inne Kneipe da, urig. Gutes Bier. Nur die Leute versteht man nicht. Ah, du bist mit ner Bayerin verheiratet? Verstehe ich, ich war mal mit ’ner Polin zusammen. Die hat am Ende besser deutsch gesprochen als ich. (lacht)

Ich war ja schon öfter auf Kur… Einmal, da warn’ Frau und Kinder gratt nache Scheidung ausgezogen, ich geh also noch zum Nachbarn, dasser die Blumen gießt, geb ihm den Schlüssel, schüttel’ die Hand und sach ‘Tschüss’ und ab auffe Kur. Dann sitz ich da am Abendessen, sacht die Frau gegenüber zu mir ‘Mensch, wat hast du denn für nen Ausschlag am Hals?’. ‘Ausschlag?”, sach ich (tippt Finger auf die Stirn), ‘Du bist wohl besoffen!’ Wir ham ja wirklich immer ordentlich wat weggekippt.

Ich geh aufs Zimmer, guck in’ Spiegel und seh: Ach Du Scheisse, ist ja wirklich rot im Gesicht, allet geschwollen, wie so Krater hat das ausgesehn. Ich zum Arzt, sacht der: Tja, Herr …, Sie ham Mumps. Hat ich mir die doch glatt beim Nachbar geholt, als der die Schlüssel gekricht hat…!

Mumps, da müssen die dat Kurhaus eigentlich dicht machen, Quarantäne und so. Ich sach so zum Arzt (listiger Blick): Wie wär ‘et denn, ich bleib ’n paar Tag auffem Zimmer und ihr gebt mir ne Woche extra dazu. Ja klar ham die dat gemacht, die wolln ja auch keine Scherereien.

Ah, du lebst in Amerika. Meine Frau und ich würden ja gern Thailand, schön warm, aber der Kreislauf. (Das Telefon klingelt, er zieht es raus und guckt). Ja, wennde vom Teufel sprichst. Frauen, wolln immer mitreden, auch wenn se gar nicht da sind. (Hebt ab und spricht ungefähr 30 Sekunden nickend mit ihr, nippt dabei am Bier).

Also, wo warn’ wer stehen geblieben? Ah, genau, also ich hab ja Verwandte in Australien, Schwester, Kusine. Alle ausgewandert. Früher hab’ ich die öfter besucht, ich war viel unterwegs… da hatte ich ja den Herzinfarkt auf dem Rückflug… jaja, Herzinfarkt. Also, ich hab mich schon in Singapur nich’ so gut gefühlt, dat war so heiß da, obwohl dat schon toll war auffem Hoteldach, Blick auf die ganze Stadt.

Ich sitz also im Flieger, dat war unerträglich, und denk noch: hoffentlich keine Vogelgrippe, dat war nämlich damals. Ich hab geschwitzt, richtig wie im Fieber, ging in alle Knochen. Wir also raus ausm Flieger in Düsseldorf, ich erinner’ mich noch, dat war der Freitagabend vom Karneval und wir ham Glück, dass wir die letzte Regionalbahn noch kriegen. Ich sach noch, da stimmt wat nich mit mir und dann sin’ wer schon im Blaulicht in die Klinik nach Essen unterwegs, zwölf Stunden ham’ se mich operiert ‘Mensch, Herr …, dat war höchste Eisenbahn’, hat der Professor gesacht. Aber war natürlich allet kaputt innendrin, nich’ nur dat Herz… die Blase ham’ se mir rausgenommen und mit nem Stück von meim’ Darm geflickt. Jaja, dat geht. War keine Vogelgrippe, immerhin (lacht). Ah, sinnwa schon da, ich muss umsteigen nach Mühlheim. Wir ham’ ja keinen Intercity-Bahnhof, weisste warum (hebt den Zeigefinger)? Weil dat zu steil zum anfahren wär’ für den Schnellzuch. Also, hat mich gefreut, bis die Tage!”

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Der unbekannte Nichtwähler

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Benjamin Wallace-Wells im New Yorker über die Mobilisierung der Nichtwähler durch Sanders und Trump:

But compare voters to non-voters and you get two very different-looking groups. The non-voters are younger, according to a 2014 Pew study. They are also less educated and have lower incomes. On the whole, there are fewer Protestants and more Catholics among non-voters than among voters, as well as fewer whites. Non-voters and voters might have roughly the same view of the Democrats, but you wouldn’t expect them to have the same view of much else.

In 2013, the political scientists Jan Leighley, of American University, and Jonathan Nagler, of New York University, published the results of a study that compared, among other things, the political views of voters and non-voters, dating back to 1972. On most social issues (abortion, L.G.B.T. rights), there was no measurable difference between them. Non-voters were more inclined toward isolationism. (Leighley and Nagler thought this might be because non-voters knew more soldiers than voters, and were more reluctant to see them sent into conflict.) The difference on economic matters was much more dramatic. Non-voters, Leighley and Nagler found, favored much more progressive economic policies than voters did.

Erstaunlich, so wie die ganze Entwicklung ein interessantes Zukunftssignal ist. Deutschland ist nicht direkt vergleichbar, aber die Mobilisierung bei den jüngsten Landtagswahlen ist interessant und mit der Antwort auf „für wen haben ehemalige Nichtwähler gestimmt?“ nur oberflächlich ausgelotet. Ich würde gerne die Papiere aus den deutschen Parteizentralen dazu lesen, die sicher gerade verfasst werden (vor allem die Linke würde mich interessieren, vgl. die jüngsten Wagenknecht-Testballons).

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Gemeinnützigkeit und Politisierung

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Demokratiet har plads til os alle
Interessantes Stück von Andreas Zielcke zum Problem, dass gemeinnützige Organisationen in Deutschland eigentlich nur anerkannt werden dürfen, wenn sie unpolitisch sind.

Schon die steuerliche Grundregel verrät ihre Herkunft aus einer anderen Zeit: „Eine Körperschaft verfolgt gemeinnützige Zwecke“, lautet diese Regel in § 52 Abgabenordnung (AO), ‚wenn ihre Tätigkeit darauf gerichtet ist, die Allgemeinheit auf materiellem, geistigem oder sittlichem Gebiet selbstlos zu fördern.‘ Die Formel stammt aus den Zwanzigerjahren. Kann die ‚Allgemeinheit‘ heute noch ’sittlich‘ gefördert werden?“

Eigentlich logisch, dass hier eine Neudefinition fällig ist und der Staat der Gemeinnützigkeit nicht eine Armlänge Abstand zur Bedingung machen kann.

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