Deutschland

Werben um Amerikas klügste Köpfe

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Nach dem Wahlsieg Emmanuel Macrons geht sein Video aus dem Februar viral, in dem er amerikanische Klimaforscher einlädt, nach Frankreich zu kommen. Man kann über ihn sagen, was man will, aber er hat etwas begriffen: Dass für wissenschaftsfreundliche Staaten die paläokonservative Trump-Regierung eine Chance bietet, kluge Köpfe aus den USA nach Europa zu locken. Noch ist es zu früh, aber die wissenschaftsfeindliche Unterströmung in den Vereinigten Staaten ist weder neu, noch wird sie verschwinden.

Warum überlegt sich Deutschland kein Programm, um die klügsten Köpfe (und das nicht nur aus den USA) anzulocken und hier in die universitäre Forschung zu holen? Mit den Laborbedingungen werden viele deutsche Unis nicht mithalten können; vielleicht aber mit Planungssicherheit, Familienfreundlichkeit und einer Verpflichtung zur Wissenschaft, die in den USA noch stärker als anderswo vom Vorbehalt privatwirtschaftlicher Finanzierung abhängig zu werden scheint. Das wäre doch mal etwas, wofür man einen Teil der Steuerüberschüsse verwenden könnte.

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Leitkultur und praktische gesellschaftliche Verständigung

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Culture Clash - Zulu

Die aktuelle Leitkultur-Debatte ist eines dieser politischen Rituale des Social-Media-Zeitalters, bei dem es wenig Erkenntnisse, aber nur Gewinner gibt: De Maizière, weil er sich als Identitätskonservativer etabliert und ihm das hilft, sollte die CSU auf Joachim Hermann im nächsten Kabinett bestehen. CDU und CSU freuen sich über ein Thema, das für sie in Zeiten des Merkel’schen Polit-Pragmatismus (Managerialism) identitätsstiftend ist; die AfD kann de Maizières Thesen als Light-Version des Gebotenen darstellen. Das progressive Lager hat es ob der Flachheit der Innenminister-Ideen einfach, die ganze Debatte abzutun und einzelne Punkte als Beleg für die Banalität der Übung herauszugreifen. Dabei vermeidet es wie stets eine tiefere Diskussion über Standardisierungen des deutschen Selbstverständnises oder beschränkt sich darauf, auf das Grundgesetz zu verweisen.

Nein, das Grundgesetz genügt nicht – es mag einen organisatorischen Rahmen und Gesellschaft funktioniert nicht einfach als kulturelle Ableitung aus der Verfassung. Ich hätte hier in den USA vor der Einreise fünfmal die Verfassung lesen können und doch hätte ich keine Ahnung gehabt, wie das Land in der Praxis funktioniert. Und das, obwohl die Verfassung (oft mit Betonung der Bill of Rights) hier im Alltag deutlich präsenter ist.

Arno Orzessek hat darauf hingewiesen, dass der Begriff „Leitkultur“ selbst bereits eine tiefere Beschäftigung verhindert – er ist einfach totgeritten.  Würde man zum Beispiel „gesellschaftliche Verständigung“ daraus machen, man könnte im doppelten Sinne den Ritualen entfliehen: Denen in der Debatte (die freilich gewollt und in die Nutzung des Leitkultur-Begriffs eingepreist sind) ebenso wie der Reduzierung auf Rituale wie „wir geben einander die Hand“. Andererseits hat „gesellschaftliche Verständigung“ natürlich nichts für jene zu bieten, die anhand bestimmter Leitkultur-Kriterien eine Art Bekenntnis erwirken wollen.

Eine Diskussion über die Praxis gesellschaftlicher Verständigung halte ich für sinnvoll und sie betrifft nicht nur Einwanderer aus anderen Kulturkreisen, sondern uns als individualisierte und stark in Mikro-Gruppen organisierte Gesamtgesellschaft. Zumindest, wenn wir wollen, dass unser Umgang miteinander nicht alleine durch die Grenzen des gesetzlichen Rahmens bestimmt wird. Dieser andere Rahmen des angemessenen Umgangs mit einander und der Welt ist allerdings schwer zu definieren – er wird ja immer wieder ausverhandelt, im Kleinen im Persönlichen, in Erfahrungen, Urteilen und dem Austausch über sie. Und oft geht es ja nicht um den Rahmen selbst, sondern darum, wie wir mit Übertretungen umgehen – also welche Abweichung wir ablehnen und welche wir zulassen im Bewusstsein, dass sich dadurch mittelfristig gesellschaftliche Vorstellungen verschieben können. Das gilt in den aktuellen Debatten um Fragen wie „Was sind die Maßstäbe für Rassismus?“ genauso wie für „Wann hört ein kulturell überkommenes Frauenbild auf, Privatsache zu sein?“

In diesem Zusammenhang Beispiel aus meiner fränkischen Heimat, das mit vergangenen Sommer erzählt wurde. In einem Dorf in unserer Gegend waren syrische Flüchtlinge in der Sporthalle untergebracht, man verstand sich gut und organisierte ein gemeinsames Fest am Feuerwehrhaus. Als bei besagtem Fest nun allerdings die „Gastgeber“ die Feuerwehr-Küche nicht benutzen wollten, ließen die männlichen „Gäste“ sie nicht herein. Der Grund lag darin, das dort drinnen gerade die Frauen Essen zubereiteten und Männer nicht erlaubt waren.

Solche Momente liegen ja hinter dem ganzen Leitkultur-Meme: Praktische Fragen, die über die emotionale Reaktion und das „wie reagiere ich?“ hinaus gehen. Geht mich das etwas an? Halte ich das für kulturell akzeptabel (also für eine unproblematische Abweichung)? Hoffe ich, dass sich das ändert und die die Küchentüre offen ist? Wenn ja, wann (fünf Jahre? 25 Jahre?) und wie wird das geschehen? Habe ich eine Pflicht, auf die gängigen kulturellen Normen und Sitten hinzuweisen (immerhin ist das ja die Gelegenheit dazu)? Und erzähle mir bitte niemand, dass er auf die Fragen innerhalb von wenigen Momenten eine Antwort hat.

(Wer möchte, kann noch die Beispiele „xenophob gefärbte Äußerungen im Freundeskreis“ oder, weniger kontrovers und für praxisnahe Pendler, „laute Handyvideos in öffentlichen Verkehrsmitteln gucken“, durchspielen)

De Maizière mag die gesellschaftliche Verständigung mit seinen Thesen in eine bestimmte Richtung verschieben wollen, aber auch ihm dürfte klar sein, dass dies nur Einfluss von vielen ist und wir von einem dezentralen Prozess sprechen (mit gutem Willen vorausgesetzt, dass es ihm wirklich als mehr als um Wahlkampf geht). Gesellschaft ist eine komplexe Angelegenheit, was sich am Beispiel Rechtsempfinden zeigt: Ich würde behaupten, dass in Deutschland die Toleranz für Bestechlichkeit gering ist. Schwarzarbeit hingegen ist verbreitet und wird im privaten Kreis bis zu einem gewissen Grad toleriert. Gesetzlich verboten ist beides, eines liegt jedoch innerhalb der gesellschaftlich akzeptierten Abweichung, das andere nicht.

Über den Rahmen und die akzeptablen Gebiete jenseits seines Rands zu streiten, halte ich nicht nur für sinnvoll, sondern sogar für geboten. Denn auch ohne „Leitkultur“ als rhetorisches Werkzeug würde niemand behaupten, dass sich alles wie von Gotteshand einpendelt oder gar wollen, dass Gesetze alleine dieses Gebiet abstecken.

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Erinnerungen an den deutschen Sommer (im ICE-Speisewagen)

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ICE passiert ein Maisfeld

Sonntagnachmittag im Juli im ICE nach NRW.

“Prost”, sagt der Mann im besten Vorruhestands-Alter, schwingt sein Bier und sich selbst in die Ecke, wo der einzige andere Fahrgast sitzt und seinen Kaffee trinkt. Er blickt sich kurz verschwörerisch im leeren Speisewagen um und beugt sich rüber, beinahe flüsternd. “Ich komm’ grad‘ aus Bad Aibling.” Das “Aiiiii” zieht er dabei so herzhaft in die Länge, wie es nur der gekonnte Schlag der Ruhrpott-Zunge vermag.

“Meine Frau ist auf Kur. Hab sie gerade besucht. Der Rücken. Dat sin’ aber komische Regeln, die die da haben, die dürfen nicht raus abends nach zehn. Als ich damals auf Kur war, da sin’ wer immer abends umme Häuser gezogen. Nachts hab’ ich immer dem Zimmernachbar hochgebrüllt, der hat dann unten aufgemacht.” (nostalgisch lächelnd und am Bier nippend) Ich hab’ auch immer die Therapie geschwänzt. Dat war da oben anne Ostsee und die sind morgens Robben gucken und Gymnastik und so. Ich hab dann immer vom Balkon gewinkt, haha.

Aber Bad Aibling ist schon schön. (nachdenklich) Wir warn am Freitag inne Kneipe da, urig. Gutes Bier. Nur die Leute versteht man nicht. Ah, du bist mit ner Bayerin verheiratet? Verstehe ich, ich war mal mit ’ner Polin zusammen. Die hat am Ende besser deutsch gesprochen als ich. (lacht)

Ich war ja schon öfter auf Kur… Einmal, da warn’ Frau und Kinder gratt nache Scheidung ausgezogen, ich geh also noch zum Nachbarn, dasser die Blumen gießt, geb ihm den Schlüssel, schüttel’ die Hand und sach ‘Tschüss’ und ab auffe Kur. Dann sitz ich da am Abendessen, sacht die Frau gegenüber zu mir ‘Mensch, wat hast du denn für nen Ausschlag am Hals?’. ‘Ausschlag?”, sach ich (tippt Finger auf die Stirn), ‘Du bist wohl besoffen!’ Wir ham ja wirklich immer ordentlich wat weggekippt.

Ich geh aufs Zimmer, guck in’ Spiegel und seh: Ach Du Scheisse, ist ja wirklich rot im Gesicht, allet geschwollen, wie so Krater hat das ausgesehn. Ich zum Arzt, sacht der: Tja, Herr …, Sie ham Mumps. Hat ich mir die doch glatt beim Nachbar geholt, als der die Schlüssel gekricht hat…!

Mumps, da müssen die dat Kurhaus eigentlich dicht machen, Quarantäne und so. Ich sach so zum Arzt (listiger Blick): Wie wär ‘et denn, ich bleib ’n paar Tag auffem Zimmer und ihr gebt mir ne Woche extra dazu. Ja klar ham die dat gemacht, die wolln ja auch keine Scherereien.

Ah, du lebst in Amerika. Meine Frau und ich würden ja gern Thailand, schön warm, aber der Kreislauf. (Das Telefon klingelt, er zieht es raus und guckt). Ja, wennde vom Teufel sprichst. Frauen, wolln immer mitreden, auch wenn se gar nicht da sind. (Hebt ab und spricht ungefähr 30 Sekunden nickend mit ihr, nippt dabei am Bier).

Also, wo warn’ wer stehen geblieben? Ah, genau, also ich hab ja Verwandte in Australien, Schwester, Kusine. Alle ausgewandert. Früher hab’ ich die öfter besucht, ich war viel unterwegs… da hatte ich ja den Herzinfarkt auf dem Rückflug… jaja, Herzinfarkt. Also, ich hab mich schon in Singapur nich’ so gut gefühlt, dat war so heiß da, obwohl dat schon toll war auffem Hoteldach, Blick auf die ganze Stadt.

Ich sitz also im Flieger, dat war unerträglich, und denk noch: hoffentlich keine Vogelgrippe, dat war nämlich damals. Ich hab geschwitzt, richtig wie im Fieber, ging in alle Knochen. Wir also raus ausm Flieger in Düsseldorf, ich erinner’ mich noch, dat war der Freitagabend vom Karneval und wir ham Glück, dass wir die letzte Regionalbahn noch kriegen. Ich sach noch, da stimmt wat nich mit mir und dann sin’ wer schon im Blaulicht in die Klinik nach Essen unterwegs, zwölf Stunden ham’ se mich operiert ‘Mensch, Herr …, dat war höchste Eisenbahn’, hat der Professor gesacht. Aber war natürlich allet kaputt innendrin, nich’ nur dat Herz… die Blase ham’ se mir rausgenommen und mit nem Stück von meim’ Darm geflickt. Jaja, dat geht. War keine Vogelgrippe, immerhin (lacht). Ah, sinnwa schon da, ich muss umsteigen nach Mühlheim. Wir ham’ ja keinen Intercity-Bahnhof, weisste warum (hebt den Zeigefinger)? Weil dat zu steil zum anfahren wär’ für den Schnellzuch. Also, hat mich gefreut, bis die Tage!”

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