Leben

Logbuch (Schlamm, Intellektuelle im vernetzten Zeitalter)

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“Oh, neulich hat es einmal geregnet und da habe ich festgestellt, dass das ziemlich laut auf dem Dach ist.” Sagt die Zwischen-Vermieterin, die schon mehrere Jahre hier wohnt, neulich bei der Übergabe. Natürlich ist das Dach bei Regen lauter als ein Maschinengewehr, ist im vorderen Bereich ja auch aus Wellblech. “Oh, und letzte Woche war hier plötzlich auch alles voller Schlamm, da ist bei Regen etwas übergelaufen.” Sagt die Zwischen-Vermieterin, die schon mehrere Jahre hier wohnt, bei der Übergabe. Natürlich läuft die verstopfte Dachrinne über und der vordere Teil des Hauses voller Schlamm, wenn man den Gulli nicht zügig aufmacht. Das ist alles – Fließen sei Dank – halb so wild und vor allem amüsant, weil das offensichtliche Dauerproblem schnell mit einer kleinen Lüge zur Überraschung umdeklariert wird. Um dann im nächsten Moment offensichtlich als Lüge und Dauerproblem enttarnt zu werden. Als ließe sich so etwas nicht unter Erwachsenen normal ansprechen. Wir Menschen sind schon eine bizarre Spezies.

Christopher Lydons Interviewsendung höre ich oft sehr gerne, auch wenn er Noam Chomsky mit erstaunlicher, fast peinlicher Ehrfurcht entgegentritt. Natürlich ist Chomsky ein wichtiger politischer Denker, aber das Gespräch entlarvt auch sein Holzschnitt-Wissen, zum Beispiel wenn es um europäische Belange geht. Aber wenn wir im neuen Zeitalter der Super-Komplexität einen Erben finden wollen, der die vernetzten Zusammenhänge adäquat entwirrt, suchen wir wahrscheinlich lange und vergebens. Zumal bei den Konservativen, wo ich inzwischen oft die Ehrlichkeit in der Argumentation vermisse (auch wenn ich Publikationen wie Claremont Review etc. schätze). Und sowieso in Deutschland, wo Intellektualität sich inzwischen vorwiegend unter dem Radar aufhält und gerade im universitären Betrieb ein Mangel an Willen und Ausdruck herrscht, wenn es um die Verbreitung der eigenen Ideen und Thesen geht. Andererseits kann ich mir nicht vorstellen, dass dieser Zustand anhält.

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Logbuch (Sharing, Mexiko, Schriftsteller)

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Kafka

Beim Blick auf meine Gewohnheiten beobachte ich seit Jahren erschreckt, wie stark Social Media mich dazu bringt, nicht nur ständig Mitteilungen zu erwarten, sondern auch sonst das Leben um mich herum unter der Frage “Oh, sollte ich das teilen?” zu betrachten. Dabei ist es schon besser geworden, weil mich die psychischen Konsequenzen ziemlich nerven. So installiere ich Twitter und Instagram immer nur für ein paar Stunden auf meinem Telefon, wenn ich weiß, dass ich es brauche oder ein Bild hochladen will. Facebook habe ich gar nicht heruntergeladen, so schlau sollte jeder tracking-bewusste Mensch sein. Social Media ist wie Kettenrauchen (und Twitter wie der Schulhof mit seinen Cliquen), aber mein Job birgt leider auch eine gewisse ungesunde Informationsernährung (umso mehr versuche ich selber, gute Geistesnahrung zu produzieren).

Wirklich ärgerlich sind die Tage, an denen ich kleine Beobachtungen und große Gedanken finde, mir einen Blogeintrag vornehme – mir sogar Notizen dazu mache – und den dann niemals aufschreibe. Das Logbuch hier ist eine weitere Spielerei, um diversen Gedanken eine freie Form zu geben. Und ich muss mich zwingen, nicht nach Perfektion oder Pointen zu streben, auch wenn die Aufmerksamkeitsökonomie einen fetten Rant belohnt und für Logbücher nichts übrig hat.

Diese Meta-Gedanken habe ich aus den USA mit hier in den Süden gebracht. Ciudad de México, wo wir bis Ende August bleiben werden, behandelt uns bislang gut. Es sind noch zu viele Eindrücke, um im improvisierten Leben hier ein Muster zu finden. Ungleichheit, natürlich. Smog, aber hallo. Freundlichkeit, sehr viel mehr als erträumt. Ein gewisser Konservatismus – letzten Sommer hatte ich in New Orleans monatelang quasi keine lange Hose an, hier geht kein Mann beinfrei aus dem Haus (und fast keine Frau schulterfrei).

Die Abwicklung des Alltags ist für deutsche Verhältnisse ein Abenteuer – das Müllauto hält einmal am Tag hier an der nächsten Kreuzung, ein Mann geht mit der Klingel rum und alle Nachbarn bringen ihre Mülltüten und -tonnen hin, dazu ein kleines Trinkgeld. Die Mülltrennung macht dann ein ganzer Trupp von Helfern, der die Tüten durchsucht und Recycling, organisches und nicht-organisches trennt. Ohnehin spart man hier nirgends an Personal, nicht am Taco-Stand und nicht im Supermarkt. Alles ist voller kleiner spezialisierter Eckläden für Alltagsdinge, vom Schlosser über den Papierladen bis zum Mini-Geschäft für Hundebedarf. Die Kultur der Nachbarschaftlichkeit, die daraus entsteht, verschwindet in Deutschland gerade; in den USA ist sie längst ausgelöscht und ich bin mir sicher, dass sich auch hier eine Verbindung zur Polarisierung der Gesellschaft ziehen lässt.

Wenn ich nicht in Aktuellem versinke oder das spanische Kinderbuch “Mis Primera 1000 Palabras” aufschlage, lese ich zur Erholung den dritten Teil (Jahre der Erkenntnis) von Reiner Stachs Kafka-Biografie. Parallel auf die NYRB-Rezension der neuen Hemingway-Biografien gestoßen. Beide mythosgewordene Menschen auf ihre Art menschlich schwer erträglich, selbst ein Neurosen- und Lebensschauspieler-Versteher wie ich gerät an da an die Grenzen. Stach schreibt fantastisch, Hutchisson hatte ich mal auf dem Kindle angelesen und es ging auch sehr flüssig runter. Im Moment fällt es mir schwer, Muse für Brocken wie “The Religion of the Future” zu finden, zu voll ist mein Kopf. Ich würde gerne auch mal etwas über Peter Trawnys “Technik.Kapital.Medium” schreiben,  das mir eines der besten deutschsprachigen Bücher über die Digitalisierung zu sein scheint, wenn ich es nur verstehen würde… vielleicht vorher Mezcal konsumieren?

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Schalke – gestern und morgen

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Arena Auf Schalke

Nichts wird so schnell alt wie die letzte Saison, wenn sie schlecht war. Das gilt auf Schalke wie anderswo. Aber nirgendwo ist die Vorfreude auf die nächste Runde größer als in Gelsenkirchen, wenn mal wieder ein Umbruch stattfindet (vielleicht machen wir das deshalb regelmäßig).

Trotzdem vor dem Ausblick noch ein kleiner Rückblick, denn immerhin konnte ich die Saison 2015/16 so gut verfolgen wie schon lange nicht mehr: Fox überträgt Fußball in den USA und bietet Einzelspiel-Streaming an, durch den Umzug über zwei Zeitzonen beginnen die Samstagsspiele seit der Rückrunde um 8:30 Uhr statt um halb “ich sollte besser im Bett sein” sieben. Eigentlich eine ganz gute Zeit, um danach den Tag noch zu nutzen. Nur nachmittags um 15:30 Ortszeit setzt dann die Melancholie ein, weil die deutsche Fußball-Bio-Uhr den Anpfiff anzeigt, in Wirklichkeit aber schon alles vorbei ist.

Doch zurück zum Thema: Nach der vorangegangenen Rückrunde mit di Matteo, die selbst im Propaganda-Modus auf SchalkeTV recht armselig wirkte, sollte Breitenreiter spielerische Fortschritte und Konstanz reinbringen. Das klappte nicht, wie wir alle wissen. In Erinnerung bleiben eine (auch verletzungsbedingt) stets anfällige Abwehr und ein recht schematisches Offensivspiel, das von Leroy Sanès Einzelaktionen (und damit seiner Form) abhängig war und ein Mittelstürmer-Problem hat (sorry, Hunter). Das ist wenig, auch wenn man Breitenreiter zugute halten muss, dass er keinen Draxler-Ersatz bekam. So bleibt mir das erste Spiel in Bremen als Versprechen in Erinnerung, wie ein zügiger Fussek 2015/16 mit wirkungsvollem Pressing hätte aussehen könnten. Weitere überzeugende Spiele waren für mich Köln und Hoffenheim (auswärts) sowie Wolfsburg (daheim). Ich habe allerdings auch Geduldsheimsiege wie gegen Mainz zu schätzen gelernt habe, weil die trotz aller fehlenden Konstanz im Schalker Spiel seit Jahren recht konstant Punkte bringen.

Jetzt ist also Breitenreiter weg, mit ihm Horst Heldt. HH ist für mich Bundesliga-Vergleich ein ordentlicher Manager, was allerdings auch damit zu tun haben könnte, dass ich auch Andreas Müller erlebt habe und die Position in vielen deutschen Profivereinen die Schwachstelle ist. Unterm Strich setzte sich unter ihm jener langsame Niedergang fort, den Schalke im Profibereich seit 2007 erlebt (inklusive kleiner Ausreißer nach oben). Während dieser neun Jahre hat sich eine spielerische und taktische Modernisierung im Profifußball vollzogen, die Schalkes Übungsleiter nur in Bruchteilen umsetzen konnten. Das ist Heldts größtes Versäumnis, vor allem die in dieser Hinsicht verlorenen Keller-Jahre schmerzen. Eine Konstante, die länger als eine Sportvorstand-Amtszeit währt: Spieler in der Durchstartet-Phase ihrer Karriere (Rakitic, Neustädter, Christian Fuchs, Christian Poulsen) stagnieren am Berger Feld, häufig müssen sie weiterziehen, um ihre persönlichen fußballerischen Möglichkeiten auszureizen.

Eine weitere Konstante ist die permanente Unruhe. Jenseits aller Schalke-Leaks: 2015/16 war mit Alexander Jobst nur ein einziger Verantwortlicher an Bord, der die Bezeichnung “Kommunikator” verdient. Für einen Verein, bei dem Gerede so eine wichtige Rolle spielt, ist das erstaunlich. Ich würde mir die Abwahl von Clemens Tönnies wünschen, weil er Schalke mit seiner indiskreten Vereinspatriarchen-Art schon lange im Weg steht. Leider ist mir noch nicht ganz klar, wie sich die Gegner zusammensetzen und welche Langfrist-Pläne sie verfolgen. Ich bin aber auch weit weg (weshalb ich auch nichts zu Fanszenen-Entwicklungen sagen kann, außer dass “spielunabhängiger Support” weiterhin ganz großer Käse ist).

Christian Heidel traue ich – wie fast alle anderen Schalker – zu, unabhängig von der Aufsichtsrats-Zusammensetzung einige Entwicklungen zu korrigieren (Disclosure: okay, das galt bei mir auch für Magath). Er ist ein Transfer- und Struktur-Profi, kann hoffentlich die Geschäftsstelle hinter sich bringen (!) und dann mit klugen Entscheidungen den Rest des Vereins. Auf die angekündigte sportliche Gesamtausrichtung bin ich gespannt.

Zu Weinzierl als möglichem Trainer kann ich nur meinen Eindruck wiedergeben: Er scheint aus seinem Kader immer das Bestmögliche rausgeholt zu haben und einen schnörkellosen Fußball mit ein paar kleinen Positionskniffen spielen zu lassen (aber hey, ich bin nicht Spielverlagerung.de). Zudem hat er sich mit seiner Mannschaft schon mehrmals aus sportlichen Krisen herausgearbeitet. Das sind eigentlich ganz gute Voraussetzungen. Ich hoffe allerdings, dass Heidel und der neue Coach sich erst einmal an die Dimensionen und Besonderheiten von S04 gewöhnen können, bevor sie die Widrigkeiten einer “Schalker Krise” erleben.

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