Leben

Manfred Volkmar (1949-2017)

by

Hätte mich die Berliner Journalisten-Schule 2006 nicht in ihre Lehrredaktion aufgenommen, meine berufliche Laufbahn wäre anders verlaufen, mein Handwerk schlampig geblieben. Mit Schulleiter Manfred Volkmar verband mich ein seltsames Verhältnis: Wir schätzten uns, doch er zog immer die Augenbrauen über seinen mächtigen Brillengläsern zusammen, wenn ich von Blogs und Bürgerjournalismus erzählte. Wahrscheinlich würde er sich freuen, wenn er das hier lesen würde. Aber ein Nachruf auf einem Blog, einfach so aus dem Herzen heraus geschüttet… er hätte sich lächelnd einen milden Tadel nicht verkneifen können.

Manfred Volkmar war ein Mann, der die Form wahrte – ich habe ihn glaube ich nie ohne Anzug und Krawatte gesehen. Dabei war es im Sommer verdammt heiß dort oben im Verlagsgebäude am Alex. Und er war ein Wahrer journalistischer Formen und Standards, ohne darüber groß Aufhebens zu machen. Als Chefredakteur des Spandauer Volksblatts hatte er erlebt, wie die großen Nachwende-Ambitionen einer Lokalzeitung geendet hatten: mit dem Aufkauf durch Springer und der Umwandlung zum Anzeigenblatt. An die Zukunft des guten Journalismus glaubte er trotzdem mit der ihm eigenen Aufrichtigkeit. Blieb nicht sauberes Handwerk sauberes Handwerk, ein guter Text ein guter Text, ein guter Beitrag ein guter Beitrag?

Die branchenüblichen Symptome wie Missgunst und Besserwisserei waren ihm dabei fremd, als gesunder Berliner zog er trockenen Humor dem Standesdünkel vor. Er genoss das Lesen, den Blick auf die Medienbranche, ohne in ihr verrückt werden zu müssen. Morgens traf Volkmar oft vor allen anderen ein, in der Regel auf dem Fahrrad (als Berliner Ureinwohner besaß er geheimes Schleichweg-Wissen). Die Zeit nutzte er, um die aktuellen Zeitungen zu studieren, über die er dann tagsüber im Gespräch manch Kritisches bemerkte (“Also, mit diesem Thema aufzumachen…”), aber mit aufrichtig gemeintem Lob für diesen und jenen Artikel oder Kollegen niemals sparte. Und wenn er sich manchmal geräuschlos in eines unserer Seminare setzte, um hinten in der Ecke zuzuhören, genoss er es erkennbar, die nächste Generation beim Erlernen des Handwerks zu erleben. Er war stolz auf seine Absolventen.

Doch natürlich war dem kalten Hauch der ökonomischen Realitäten auch in der Journalistenschulen-Blase nicht zu entkommen. Die BJS hatte Geldprobleme, die Ausrüstung war veraltet und die Modernisierung derart überfällig, dass es oft zu Spannungen kam. Was allerdings in besagtem Verlagsgebäude am Alexanderplatz nichts Besonderes war: Ein paar Stockwerke höher hatte gerade ein Investor die Berliner Zeitung übernommen – für uns ein hilfreiches Extra-Seminar über das Zukunftsthema “Miese Stimmung in Print-Redaktionen”.

Journalist zu werden hieß, damals so sehr wie heute, die Zukunftsangst zu wählen. Am Ende ist es für alle aus unserer Klasse gut ausgegangen. Die BJS aber musste nur wenige Jahre später die kostenlose Journalisten-Ausbildung einstellen. Insgesamt hat Manfred Volkmar bis zum Ende seiner Ära 2012 mehr als 300 junge Menschen auf ihrem Weg in den Journalismus begleitet.

Im Juli dieses Jahres kam meine Lehrredaktion zu einem zehnjährigem Jubiläumstreffen zusammen. Für Nicht-Journalisten erklärt: Das ist eine Art Abi-Treffen, auf dem alle dunkle Vollrandbrillen tragen. Ich konnte nicht dabei sein, doch erinnerte mich natürlich auf der anderen Seite des Ozeans an die Zeit zurück. “Herr Kuhn”, hörte ich Volkmar mit seiner tiefen Stimme sagen, “so schnell schreiben Sie auch nicht, dass wir dafür schnellere Computer anschaffen müssen.”

Ich musste lachen, doch wie anders fühlt sich die Gewissheit an, diese Stimme nun wirklich und endgültig nur noch in der Erinnerung zu hören. Am 2. August ist Manfred Volkmar gestorben.

Facebooktwitterredditlinkedin

Logbuch (Schlamm, Intellektuelle im vernetzten Zeitalter)

by

“Oh, neulich hat es einmal geregnet und da habe ich festgestellt, dass das ziemlich laut auf dem Dach ist.” Sagt die Zwischen-Vermieterin, die schon mehrere Jahre hier wohnt, neulich bei der Übergabe. Natürlich ist das Dach bei Regen lauter als ein Maschinengewehr, ist im vorderen Bereich ja auch aus Wellblech. “Oh, und letzte Woche war hier plötzlich auch alles voller Schlamm, da ist bei Regen etwas übergelaufen.” Sagt die Zwischen-Vermieterin, die schon mehrere Jahre hier wohnt, bei der Übergabe. Natürlich läuft die verstopfte Dachrinne über und der vordere Teil des Hauses voller Schlamm, wenn man den Gulli nicht zügig aufmacht. Das ist alles – Fließen sei Dank – halb so wild und vor allem amüsant, weil das offensichtliche Dauerproblem schnell mit einer kleinen Lüge zur Überraschung umdeklariert wird. Um dann im nächsten Moment offensichtlich als Lüge und Dauerproblem enttarnt zu werden. Als ließe sich so etwas nicht unter Erwachsenen normal ansprechen. Wir Menschen sind schon eine bizarre Spezies.

Christopher Lydons Interviewsendung höre ich oft sehr gerne, auch wenn er Noam Chomsky mit erstaunlicher, fast peinlicher Ehrfurcht entgegentritt. Natürlich ist Chomsky ein wichtiger politischer Denker, aber das Gespräch entlarvt auch sein Holzschnitt-Wissen, zum Beispiel wenn es um europäische Belange geht. Aber wenn wir im neuen Zeitalter der Super-Komplexität einen Erben finden wollen, der die vernetzten Zusammenhänge adäquat entwirrt, suchen wir wahrscheinlich lange und vergebens. Zumal bei den Konservativen, wo ich inzwischen oft die Ehrlichkeit in der Argumentation vermisse (auch wenn ich Publikationen wie Claremont Review etc. schätze). Und sowieso in Deutschland, wo Intellektualität sich inzwischen vorwiegend unter dem Radar aufhält und gerade im universitären Betrieb ein Mangel an Willen und Ausdruck herrscht, wenn es um die Verbreitung der eigenen Ideen und Thesen geht. Andererseits kann ich mir nicht vorstellen, dass dieser Zustand anhält.

Facebooktwitterredditlinkedin

Logbuch (Sharing, Mexiko, Schriftsteller)

by

Kafka

Beim Blick auf meine Gewohnheiten beobachte ich seit Jahren erschreckt, wie stark Social Media mich dazu bringt, nicht nur ständig Mitteilungen zu erwarten, sondern auch sonst das Leben um mich herum unter der Frage “Oh, sollte ich das teilen?” zu betrachten. Dabei ist es schon besser geworden, weil mich die psychischen Konsequenzen ziemlich nerven. So installiere ich Twitter und Instagram immer nur für ein paar Stunden auf meinem Telefon, wenn ich weiß, dass ich es brauche oder ein Bild hochladen will. Facebook habe ich gar nicht heruntergeladen, so schlau sollte jeder tracking-bewusste Mensch sein. Social Media ist wie Kettenrauchen (und Twitter wie der Schulhof mit seinen Cliquen), aber mein Job birgt leider auch eine gewisse ungesunde Informationsernährung (umso mehr versuche ich selber, gute Geistesnahrung zu produzieren).

Wirklich ärgerlich sind die Tage, an denen ich kleine Beobachtungen und große Gedanken finde, mir einen Blogeintrag vornehme – mir sogar Notizen dazu mache – und den dann niemals aufschreibe. Das Logbuch hier ist eine weitere Spielerei, um diversen Gedanken eine freie Form zu geben. Und ich muss mich zwingen, nicht nach Perfektion oder Pointen zu streben, auch wenn die Aufmerksamkeitsökonomie einen fetten Rant belohnt und für Logbücher nichts übrig hat.

Diese Meta-Gedanken habe ich aus den USA mit hier in den Süden gebracht. Ciudad de México, wo wir bis Ende August bleiben werden, behandelt uns bislang gut. Es sind noch zu viele Eindrücke, um im improvisierten Leben hier ein Muster zu finden. Ungleichheit, natürlich. Smog, aber hallo. Freundlichkeit, sehr viel mehr als erträumt. Ein gewisser Konservatismus – letzten Sommer hatte ich in New Orleans monatelang quasi keine lange Hose an, hier geht kein Mann beinfrei aus dem Haus (und fast keine Frau schulterfrei).

Die Abwicklung des Alltags ist für deutsche Verhältnisse ein Abenteuer – das Müllauto hält einmal am Tag hier an der nächsten Kreuzung, ein Mann geht mit der Klingel rum und alle Nachbarn bringen ihre Mülltüten und -tonnen hin, dazu ein kleines Trinkgeld. Die Mülltrennung macht dann ein ganzer Trupp von Helfern, der die Tüten durchsucht und Recycling, organisches und nicht-organisches trennt. Ohnehin spart man hier nirgends an Personal, nicht am Taco-Stand und nicht im Supermarkt. Alles ist voller kleiner spezialisierter Eckläden für Alltagsdinge, vom Schlosser über den Papierladen bis zum Mini-Geschäft für Hundebedarf. Die Kultur der Nachbarschaftlichkeit, die daraus entsteht, verschwindet in Deutschland gerade; in den USA ist sie längst ausgelöscht und ich bin mir sicher, dass sich auch hier eine Verbindung zur Polarisierung der Gesellschaft ziehen lässt.

Wenn ich nicht in Aktuellem versinke oder das spanische Kinderbuch “Mis Primera 1000 Palabras” aufschlage, lese ich zur Erholung den dritten Teil (Jahre der Erkenntnis) von Reiner Stachs Kafka-Biografie. Parallel auf die NYRB-Rezension der neuen Hemingway-Biografien gestoßen. Beide mythosgewordene Menschen auf ihre Art menschlich schwer erträglich, selbst ein Neurosen- und Lebensschauspieler-Versteher wie ich gerät an da an die Grenzen. Stach schreibt fantastisch, Hutchisson hatte ich mal auf dem Kindle angelesen und es ging auch sehr flüssig runter. Im Moment fällt es mir schwer, Muse für Brocken wie “The Religion of the Future” zu finden, zu voll ist mein Kopf. Ich würde gerne auch mal etwas über Peter Trawnys “Technik.Kapital.Medium” schreiben,  das mir eines der besten deutschsprachigen Bücher über die Digitalisierung zu sein scheint, wenn ich es nur verstehen würde… vielleicht vorher Mezcal konsumieren?

Facebooktwitterredditlinkedin