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Fußnoten vom Fluss S01 E04

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Abandoned Six Flags New Orleans

Rollendes Notiz-Microblog
(Foto: Der Freizeitpark „Six Flags“ am Stadtrand, der seit Katrina verlassen ist. Auf dem Eingangs-Billboard steht noch „Closed for storm“)

Trumps Gesundheitszustand

Reporter-Veteranin Elizabeth Drew in der New York Review of Books über die ersten Wochen der Trump-Ära:

„Trump’s possible mental deficiencies are also a troubling question: serious medical professionals suspect he has narcissistic personality disorder, and also oncoming dementia, judging from his limited vocabulary. (If one compares his earlier appearances on YouTube, for example a 1988 interview with Larry King, it appears that Trump used to speak more fluently and coherently than he does now, especially in some of his recent rambling presentations.) His perseverating about such matters as the size of his inauguration crowd, or the fantasy that three to five million illegal voters denied him a popular vote victory (he got these estimates from a dodgy source who has yet to offer documentation), or, as he told CIA employees, the number of times he’s been on the cover of Time (sometimes inflating the actual number) has become a joke, but it also suggests that there may be something troubling about his mental state.“

Die geistige Gesundheit des 45. Präsidenten ist eine heikle Frage, auch für die Psychologen und Menschen aus dem Feld, die sich jetzt mit Fern-Warnungen zu Wort melden (hier in der New York Times). Nebenbei hilft eine Klassifikation als „geisteskrank“ natürlich auch seinen Kritikern, Verhalten und Charakter zu rationalisieren. Aber: Wir wissen es nicht. Entsprechend sei der bekannte Psychiater Allen Frances mit seiner Kritik an der Diagnosefreude zitiert:

„Most amateur diagnosticians have mislabeled President Trump with the diagnosis of narcissistic personality disorder. I wrote the criteria that define this disorder, and Mr. Trump doesn’t meet them. (…) Bad behavior is rarely a sign of mental illness, and the mentally ill behave badly only rarely. Psychiatric name-calling is a misguided way of countering Mr. Trump’s attack on democracy. He can, and should, be appropriately denounced for his ignorance, incompetence, impulsivity and pursuit of dictatorial powers. His psychological motivations are too obvious to be interesting, and analyzing them will not halt his headlong power grab. The antidote to a dystopic Trumpean dark age is political, not psychological.“ 

(16. Februar)

AI und AI-Theater

Erfreulichere Dinge: Eine der bislang besten Diskussionen über künstliche Intelligenz (ein Ausdruck, der mir weiterhin Bauschmerzen bereitet) fand neulich im Commonwealth Club von San Francisco statt und ist hier nachzuhören. Reporter-Legende John Markoff redet mit Technologie-Legende Jerry Kaplan über AI. Das Gespräch ist deshalb so gut, weil es den Hype und unsere Wahrnehmungsfallen von dem trennt, an dem gerade wirklich gearbeitet wird.  Kaplan:

„Es gibt dieses AI-Theater, diesen Anthropomorphismus wie bei Jeopardy [Auftritt des IBM-Computers Watson], wo du einen Kopf siehst und es scheint, als würde er nachdenken und ein Verstand dahinter sein, aber es ist ein Computer. (…) Das ist ein religiöses sprituelles Konzept auf der ganzen Welt, in Japan gibt es den Shintoismus, dass jedes Objekt einen Geist hat. Aber dieser Anthropomorphismus führt uns in die Irre, wenn wir über die praktischen Folgen dieser Technologie nachdenken. Es macht uns blind dafür, was wir durch sie erreichen können und wo wir vorsichtig sein müssen.“

Jerry Kaplan hat auch ein neues Buch zum Thema geschrieben(16. Februar)

Evolution komplexer Systeme


Im Whole Earth Catalog blättern, um die Entwicklung von Ideen der frühen Digitalkultur zu verstehen. Herbert Simons Artikel zur „Evolution komplexer Systeme“ von 1969 gelesen. Ich hatte immer gedacht, dass die Verhaltensökonomie als tragende Säule des Silicon Valley aus der BWL-isierung der Branche kommt, aber bei Simon ist es bereits in der Logik einer effizienten Problemlösung (oder eines effektiven System-Designs) angelegt. Und anders als heute gibt es noch einen Bezug zur Ableitung solcher Konzepte aus den Prozessen, die wir aus der Natur kennen. (16. Februar)

Trump und die Tech-Branche

Bevor es wieder in die Tiefen des Internet-Archives fällt: Hier mein Stück zum Verhältnis der Tech-Branche zu Trump, mit ein paar historischen/philosophischen Aspekten, die ich ganz interessant fand. (16. Februar)

US-Vertreter auf der Sicherheitskonferenz

Ich glaube nicht, dass Europa auf der Siko irgendetwas Handfestes über Ziele, Loyalitäten und Strategie der neuen US-Regierung herausfinden wird. Tillerson? Das Außenministerium ist derzeit isoliert und auf einen Behördenapparat reduziert. Pence? Sein Einfluss ist völlig unklar und nach der Flynn-Sache zweifelhaft, seine Rede gibt wohl bestenfalls ein Eindruck seines  weltanschaulichen Neocon-Gemischs und ein Ausblick auf seine Amtszeit in zwei bis drei Jahren. Mattis? Hat Budget und kann Truppen verschieben, aber ich wette einen Kasten Bier, dass er in anderthalb Jahren nicht mehr im Amt sein wird. Nein, im Weißen Haus arbeitet eine kleine Clique mit einem unaufmerksamen Chef an der Spitze; ihre Langfrist-Strategie wird auf absehbare Zeit trotz (oder wegen) aller Leaks eher Gegenstand von Kreml-Astrologie als von Analysen belastbarer Aussagen.

Uber-Kultur

Susan Fowler, eine angesehene Programmiererin aus der Bay Area, hat die Kultur von Sexismus und Missmanagement bei ihrem Ex-Arbeitgeber Uber dokumentiert. Jeder, der sich für Westküsten-Tech interessiert, sollte ihren Blogeintrag lesen. Uber war schon zu meiner Zeit in der Bay Area als Arbeitgeber bekannt, zu dem man in der Regel nur für die IPO, nicht für die Firmenkultur oder Mission geht. Daran wird sich auch nichts ändern. Teile der Bay Area haben ihren moralischen Kompass von der Wall Street gekauft. Chefs prägen in der Tech-Branche die Firmenkultur, erfolgreiche Chefs die Kultur insgesamt… zwei Worte: Travis Kalanick. Wie auch immer, zwei Randbemerkungen noch: Stack-Ranking ist oft eine genauso blöde Idee wie Open Floor Plans, weil am Ende immer Charakter des Vorgesetzten oder verdeckte Politik das Ergebnis beeinflussen… aber wegen des Messbarkeits-Fetischs in der Branche wird es so schnell nicht verschwinden. Oh, und wie viele Geschichten aus der Tech-Branche muss ich noch lesen, in denen HR (also die Personalabteilung) dem Mitarbeiter nur Ansprechbarkeit bei Problemen vorspielt, in Wahrheit aber das Klagerisiko gegen den Vorstand mit irreführenden Aussagen minimieren will?

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Fußnoten vom Fluss S01 E03

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31Big bend in Big Muddy ...

Rollendes Notiz-Microblog

Proteste gegen Trump

Mein Eindruck nach zwei Protestwochenenden: Außerhalb der Metropolen – New Orleans verglichen mit Washington – ist die Basis deutlich dünner (P.S. erstaunlich, dass in einer Stadt wie New Orleans mit 60+ Prozent Afroamerikanern vielleicht 25 von 1500 Demonstranten schwarz sind). Die Gefahr eines Protest-Burnouts ist real, zumal das Mittel mit der Zeit abstumpft. Ich kann es nochmal wiederholen – wenn die Progressiven sich nicht mit einem konkreten Gegenprogramm auf den Weg machen, das aus mehr als „alles außer Trump“ oder „alle gegen Trump“ besteht, wird sich mittelfristig strukturell nichts verändern (vgl. hierzu auch Freddie de Boer). Es lässt sich hier strategisch viel vom Neoliberalismus lernen: Wo ist das linke Colloque Walter Lippmann, was die progressive Mont Pelerin Society? Reiner Widerstandsprotest wird solche strategischen Probleme nicht lösen, ja sie sogar noch verschärfen. Die Perspektive lautet dann: Demokratische Präsidenten als Zwischen-Korrektiv, während das Land sich politisch und schließlich auch strukturell in die andere Richtung bewegt.(30. Januar 2017)

Moralische Polarisierung

Will Wilkinson hat vor kurzem die moralische/ökonomische Polarisierung in den USA stärker beleuchtet. Sehr lang und lesenswert. Hier liegen auch die Unterschiede zu Deutschland, wo die Unterschiede zwischen Stadt und Land oft deutlich geringer sind. Allerdings hat natürlich die Flüchtlingsfrage auf anderer Ebene einen Polarisierungseffekt.

Wem hilft ein Trump-Rücktritt?

Nach einer DM-Diskussion auf Twitter und diesem Blogeintrag von Freddie de Boer eine Strategiefrage: Von welcher Konstellation profitiert das jeweilige Lager am meisten? Bei der GOP auf den ersten Blick: Trump als Präsident, aber von Pence/Ryan eingefangen und die konservative Agenda ohne Unfälle umsetzend. Bei den Demokraten: Trump als Präsident, der das Volk gegen sich aufbringt (aber nur korrigierbare Schäden anrichtet), in zwei Jahren Demokraten den Senat gewinnen lässt und in vier Jahren weg ist. Jetzt natürlich der Einwand: Aber Trump muss doch möglichst schnell weg, oder? Bei genauerer Überlegung (meines DM-Partners und de Boers): Dann kommt Pence und (vgl. de Boer) es gibt den Effekt einer gefühlten Rückkehr zur Normalität und zu politischen Gepflogenheiten, obwohl die Republikaner weiter ihre (respektive Ryans) Agenda umsetzen können und werden und ebenfalls eine Art Extrem-Präsident regieren würde. Das wäre bei genauerer Betrachtung auch das Ideal-Szenario für die GOP, zumal die oben genannte Konstellation (Umsetzung ohne Unfälle) ja gelinde gesagt wackelig ist. Was dazwischen steht: Risikoabwägung. Genauer gesagt das Szenario, dass das Trump-Lager vor den Midterms bei Gegenwind eine Masse von Primary-Gegenkandidaten für das Repräsentantenhaus ins Spiel bringt, die mit den Stimmen der Hardcore-Trumpisten rechnen können (wobei ein Amtsenthebungsverfahren natürlich Wahrnehmung und Macht-Gleichung verändern könnte, aber wie genau ist noch nicht kalkulierbar). Paradox: Strategisch müssten die Konservativen also eher an einer Absetzung Trumps arbeiten als die Demokraten. (31. Januar 2017)

Bannon und Lenin

David Auerbach weist darauf hin, dass bei Bannons Lenin-Referenz gerne etwas vergessen wird: Besagter Wladimir Iljitsch war ein erfolgreicher Revolutionär, aber im Regieren ziemlich schlecht:

Damit bleibt Bannon also seinem Vorbild treu, allerdings sollte man handwerklich schlechtes Regieren nicht mit unpopulär oder erfolglos verwechseln – die Basis ist zufrieden mit der Einlösung von Trumps Wahlversprechen. (3. Februar 2017)

Die neue amerikanische Spannbreite

Um die Perspektive der kommenden Jahre zu verstehen, empfehle ich zwei Texte: Businessweek über Trumps designierten Handelsminister Wilbur Ross und die Stärkung der Plutokratie, die den Staat schon immer als Vehikel für Profit und die Auslagerung von Kosten verwendet hat. Und den Economist zur Reform/Abschaffung von Obamas Gesundheitsreform, genauer gesagt: Die Idee, Menschen mit Vorerkrankungen in einen Extra-Pool von Versicherten zu packen. Das müsste dann subventioniert werden, wäre aber viel teurer, als die Republikaner wahrhaben wollen. Also müssten die Bundesstaaten einspringen, und was in Pleite-Regionen wie hier in Louisiana passieren würde, ist klar: Ein Mini-Zuschuss und als Reaktion auf fehlende Mittel entweder hohe Hürden für den Einstieg, absurd hohe Beiträge oder eine starke Deckelung von Leistungen. Für Menschen mit Vorerkrankungen, wohlgemerkt, also diejenigen mit dem größten Bedarf an Gesundheitsleistungen. Individualismus und Markt-Freiheit lässt sich manchmal mit Entsolidarisierung und Plünderung übersetzen. (3. Februar 2017)

Jacksonians und Schubladen

Der konservative Professor Walter Russell Mead hat in Foreign Affairs ein gutes Stück über Trumpisten als Jacksonians geschrieben, also in der Tradition der Anhänger Andrew Jacksons stehend. Das ist hilfreich, außer, dass sich viele der Elemente meiner Meinung nach überhaupt nicht aus Jacksons Zeit und Wählerbasis ableiten lassen, ohne der eine äußerst grobe Vereinfachung vorzunehmen. Der Punkt ist: Darum geht es gar nicht, „Jacksonian“ ist einfach nur ein neuer Begriff, um nicht alte Schubladen der Gegenwart aufmachen zu müssen. Das hilft für ein neues Verstehen und wäre auch generell in der Debatte rund um Kategorien wie „Linke“, „Rechte“ oder auch „Nazis“, „Gutmenschen“, etc. erfreulich. Die „Jacksonians“ selbst sind meiner Meinung nach hier allerdings sehr viel mehr an einer Sprachbewaffnung (Schneeflocken etc.) interessiert, während die Progressiven ihrerseits sich zwar um Differenzierung bemühen, oft aber auf auch in Klischees verfallen („alte weiße Männer“). Beide Seiten benutzen Sprache natürlich als Raum der Gruppen-Abgrenzung, für mich eines der größten Probleme in dieser Phase der Desintegration alter Strukturen. Es bilden sich gerade neue Muster und Konstellationen, für die wir einige Kategorien modifizieren oder erst finden müssen, um eine hellsichtige Debatte führen zu können. Wie das im Zeitalter der polarisierten Gefühle möglich sein soll, steht auf einem anderen Blatt. (6. Februar)

Paradigmenwechsel: Stream statt Programm

Trotz aller Politik-Dinge beschäftige ich mich natürlich weiter mit Technologie und bin dabei mit großer Begeisterung auf Matt Lockes Stück „The Schedule and the Stream“ gestoßen. Es geht um den Paradigmenwechsel vom „Programm“ (Broadcast-Zeitalter) zum „Fluss“ und dem damit einhergehenden Verlust von Kontext als radikalster Nebenwirkung.

„We imagined utopias in which information was free, with infinite copies of everything, distributed seamlessly to everyone. But the real cultural impact of digital networks is not abundance, but de-contextualization — the transgression of information from one context to another in ways that are out of our control.“

Die Fragestellung: Wie lässt sich ein öffentlicher Raum herstellen, in dem Kontext geliefert werden kann, wenn es sich beim Stream um eine personalisierte Form handelt. Puh, eine Menge zu verdauen, alleine um die Fragestellung völlig zu erfassen. (6. Februar)

Signale, Sender, Empfänger und ein Manifest

Aus dem „Infernal Machine Collective Manifesto“ der Hedgehog Review zur Amtseinführung des neuen US-Präsidenten:

„It’s therefore time we collect and meet in a common, contested, conflicted, complex field that we variously call research, criticism, scholarship, philosophy, or science. Let us inaugurate a collective, a collective that might form a community, but that cannot and should not be an academic “discipline,” inasmuch as it is academic but undisciplined thinking that we need.
It’s time to collect, and to be collected. Let us be philosophical, whimsical, constructive, critical, and confused. But let us collect, and be collected. Let us write proverbs, poetry, commentary, essays, explorations, and maybe even code. But let us collect, and be collected. Let us listen, learn, make notes, draw connections, and consider diagrams. But let us collect, and be collected, with ecumenical means in search of effective voice.“

Die Hedgehog Review ist ein völliges Nischenmedium, aber einer meiner Lieblingsorte für erstaunliche Gedanken und Verknüpfungen. Und in dem Manifest steckt etwas, das fehlt – im Wortsinn undiszipliniertes akademisches Denken über das, was gerade technologisch, kulturell und politisch passiert. (6. Februar)

Das Esalen Institute und große Erzählungen

Mitgründer Michael Murphy spricht in diesem Podcast über die Entstehung des Esalen Institute, der Pionier-Einrichtung des Human Potential Movements an der kalifornischen Westküste. Darin beschreibt er auch, was das Institut nicht erreicht hat:
„Wir wollten eine neue Vision der menschlichen Möglichkeiten bieten, warum wir hier auf dieser Erde sind. Aus dieser Perspektive haben wir es nicht geschafft. (…) Es war damals etwas in der Luft, wie es heute nicht mehr ist (…) Es ist immer noch „Work in Progress“. Eine Perspektive auf die Welt, die unsere besten Engel für uns gewinnt. Es gab damals kein Isis, diese extreme Form von Fundamentalismen. Diesen Verlust im universitären Bereich an großen Erzählungen. Es ist aus der Mode gekommen, die Welt als großes Ganzes zu sehen.“

Ich glaube, die großen Erzählungen kommen gerade wieder in Mode, aber im Kontext des vermessenen und durchanalysierten Menschen, ohne Utopie, noch nicht einmal mit kohärentem Alternativ-Entwurf – ja eher sogar als dystopisches Szenario. Ich bin gerade dabei, das alles einzusortieren und beschäftige mich in dem Kontext auch mit der damaligen Gegenkultur, der Rolle der Psychoanalyse und den Debatten bzw. wo die Abzweigung zu Reagan und den dritten Weg lagen. (11. Februar)

Dieses Blog und darüber hinaus

Ich überlege immer mal wieder, ein Blog über Zukunftsdinge zu starten und das hier als privates Notizbuch zu verwenden. Dann aber erinnere ich mich, dass ich den Glauben an „Content“ verloren habe und es vielleicht sinnvoller wäre, mit einer Schubkarre Sand an den Strand zu fahren. Der Vergleich ist nicht ganz fair, aber ich habe nicht das Gefühl, in der gegenwärtigen Plattform-Architektur viel gewinnen zu können. Die Anhäufung sozialen Kapitals ist ja aus professioneller „Autoren“-Perspektive nicht nur ein Dopamin-Schuss, sondern auch der Kampf gegen eine willkürlich einsetzende Unsichtbarkeit, gegen das Verschwinden im Strom der vielen Menschen und Meinungen. Nichts bleibt, also vielleicht doch besser die Gedanken in einem Buch zusammenlaufen lassen? Aber auch das ist „Content“ und der Spätkapitalismus hat gerade uns Menschen in sterbenden Professionen gelehrt, vorhandene Zeit mit sinnvoller beruflicher Weiterqualifikation zu verbringen (was ich gerade einerseits durch Auffrischung meiner Frontend-Kenntnisse und Abwägung weiterer Schritte tue, andererseits ignoriere, weil es so viel über Leben, Erde und Menschheit zu lernen – auch: zu lesen – gibt, das nicht in eine LinkedIn-Tabelle passt). (11. Februar)

Wird ständig erweitert.

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Fußnoten vom Fluss SE 01 E02

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The Fountains at Bellagio

Rollendes Notiz-Microblog

CES 2017

Die CES (hier mein Stück über VR/AR, hier eine launige Zusammenfassung des Besuchs) verlief relativ ereignislos, im Sinne von „kein Wow-Effekt“. Einige interessante Microtrends und Updates, dazu ein deutlich erkennbarer Shift zu Hardware + Service als nächste Phase der Digitalisierung. Und eine gewisse existenzielle Leere in mir im Hinblick auf wirklich hilfreiche Technologie im Sinne von „hilft, die Zivilisation vor dem Kollaps zu bewahren“ oder zumindest „hilft dem Einzelnen über reinen Komfort hinaus“. Aber natürlich wäre das auch viel erwartet für die CES. Eine positive Entwicklung: Die Verbreitung mobiler Solarplatten, in Afrika reden wir ja bereits von einer Auslassung des fossilen Zeitalters (auf der CES ging es natürlich um Camping-Nutzungsszenarien). (9. Januar)

China vs. Silicon Valley

Hier ein @SZ-Stück von mir zur Frage, ob China das Silicon Valley überholen kann. Einerseits fehlt dazu noch einiges, andererseits ist auch in der kalifornischen Technologie viel Geld in „Me-too“-Produkte geflossen. Wobei natürlich Geld im Zeitalter der Niedrigzinsen keine Rolle spielt. Auf jeden Fall würde ich gerne mal einen Monat in Shenzhen leben und recherchieren, um ein Gefühl für den Stand der Dinge dort zu bekommen. (9. Januar)

Big Data Shift

Interessant aus einem Gespräch und außerhalb des Feldes kaum wahrgenommen: Die sinkende Bedeutung von Big Data für AI-Anwendungen wegen der Fähigkeit, Datensätze zum self-learning leicht zu modifizieren. Das würde wahrscheinlich kein „Tabula rasa“ im Bezug auf den Vorsprung von Google, Tesla, Facebook etc. in ihren jeweiligen Feldern bedeuten, aber doch das Engineering als Faktor wieder in den Vordergrund rücken. War mir nicht klar. (tl;dr wg. Nachfrage: Es hieß immer, dass dir riesige Datensätze einen Vorteil im Training von AI verschaffen. Stimmt nicht mehr, Software kannbestehende Daten modulieren (vgl. sowas wie Drehen von Bildern) und dadurch große Datenbasis simulieren.) (9. Januar)

Buzzfeed und Trump

Nach all dem Gerede über Fake News ist es unverantwortlich von Buzzfeed, das Trump-Dossier zu veröffentlichen, obwohl sie nichts davon nachrecherchieren oder durch eine zweite Quelle bestätigen konnten. Wenn eine Redaktion anfängt, für Aufmerksamkeit und den Nachweis einer kritischen Haltung journalistische Standards (und damit auch kritisches Denken) wegzuwerfen, wird das eine unheilvolle Richtung nehmen. Und das Problem ist im Jahr 2017: Ein „Mainstream-Medium“ wird schnell als Beispiel für „alle Mainstream-Medien“ herbeigezogen. (10. Januar)

Fake News: Begriffe als Bumerang

Eine Lehre aus der Trump-PK heute: „Fake News“ ist – wie von diversen Menschen vorhergesehen – ein neuer Kampfbegriff, der von der künftigen US-Regierung für sämtliche Formen kritischer Berichterstattung verwendet werden wird (Buzzfeed hat eine Steilvorlage geliefert, die PK noch mehr als sonst für Meta-Debatte zu nutzen). Genau wie der Begriff „Alt-Right“ unter Propagandisten wie Hannity (sorry, nichts anderes ist er) und Co. zur „Alt Far Left“ wird und sicherlich bald flächendeckend Einsatz findet, um kritische Medien und politische Gegner zu diskreditieren.
P.S.: Ich mag Buzzfeed und halte sie bei Longreads für sehr viel besser und präziser arbeitend als viele deutsche Medien. Genau deshalb ärgert mich die Veröffentlichung des Dossiers so (11. Januar).

Google: Die fetten Jahre sind vorbei?

Charles Arthur hat drüben bei sich ein paar Alphabet-Meldungen der vergangenen Tage verlinkt: Ein möglicher Verkauf des (erst vor drei Jahren übernommenen) Satelliten-Dienstes Skybox, die Suche nach eine Käufer für den Glasfaser-Dienst Fiber, Stellenabbau im ehemaligen Drohnen-Programm Titan. Wir erinnern uns: Für die Robotersparte (Boston Dynamics) sucht Alphabet auch noch Käufer. Von einer Re-Fokussierung der Alphabet-Gruppierung auf absehbare Profit-Projekte war bereits im Dezember in der Businessweek zu lesen. Kombiniert damit, wie Google seine Suche in den vergangenen zwölf Monaten mit neuen Werbeplätzen zugeballert hat, um die Umsatzziele zu erreichen, ergeben sich durchaus Krisensymptome. Nicht Krisensymptome im Yahoo-Sinn, sondern schlicht mittelfristig stagnierende Umsätze. Wenn sich der Goog über die AMP-Linkstruktur gerade mehr oder weniger offensichtlich das mobile Web einverleiben möchte, ist das sogar eher ein defensiver Schachzug.

Jenseits der persönlichen Assistenten sollte ich mich mal ausführlicher mit den unterschiedlichen Android-Systemen beschäftigen. Als Informationsunternehmen muss es ja darum gehen, die Signale der nächsten Generation (vernetzte Geräte, Sensoren, etc.) möglichst vollständig tracken und auswerten zu können. Vielleicht orientierte ich mich aber noch zu sehr an der Idee von Google als digitalem Weltlogistik-Konzern, der über alles beinahe in Echtzeit Infos hat und auf diese Infos Dienste aufsetzt. (12. Januar)

Welchen Trump bekommt die Welt?

Brad DeLong hat vier Politiker im Angebot, mit denen Trump vergleichbar wäre: Reagan, Schwarzenegger, Berlusconi, Mussolini. Sehr interessante Perspektiven, vor allem weil er Reagan und Schwarzenegger jenseits der Klischees betrachtet.
Zu Trump noch eine Anmerkung: Ich bin mit dieser ganzen „roten Gefahr“ weiterhin sehr vorsichtig, weil auf progressiver Seite viel Wunschdenken dabei ist, Illegitimität bestätigt zu sehen, und das ausgerechnet von der CIA (btw: die „Wahl“ wurde nicht gehackt, sondern der Wahlkampf). Gleiches gilt für den unbewiesenen Moskau-Bericht dieses UK-Spions („Buzzfeed-Dossier„). Im Umkehrschluss ist klar: Trumps Schuldenstruktur muss auf den Tisch, um wenigstens einen Bruchteil an Transparenz herzustellen. Ich kann auch nur davor warnen, sich US-Geheimdienste zu wünschen, die den Präsidenten zu Fall bringen, nur weil man selbst ihn für eine Gefahr hält. Es gelten weiterhin die Buchstaben des Gesetzes und der Wille der Wähler. (12. Januar)

Vier Szenarien für die Zukunft der Rassenbeziehungen

Wie verändert sich die Rolle ethnischer Herkunft in den USA? Noah Smith hat verschiedene Szenarien aufgeschrieben, von „wird weniger wichtig“ über „Hispanics und Asiaten werden ‚weiß‘ gezählt“ über eine Rückkehr zu klassischen Definitionen wie „italo-amerikanisch“ bis hin zum düsteren „Politik wird Ethnopolitik“. Als Europäer ist man überrascht und überwältigt, wie ethnische Herkunft hier in vielen unterschiedlichen Facetten eine Rolle spielt, weil Erzählung (sind doch alles Amerikaner!) und Alltag (ah, das ist ja typisch für xyz-Amerikaner) so weit auseinanderklaffen. Aber natürlich ist das Ausverhandeln dieser Verhältnisse Teil eines multiethnischen Staates, weshalb ich die Lektüre von Smiths Text empfehle. (12. Januar)

Bärenfallen der Spracherkennung

Aus dem Economist-Schwerpunkt zur digitalen Spracherkennung und semantischen Fallstricken:
„‚Who plays Thor in ‘Thor’?‘ Your correspondent could not remember the beefy Australian who played the eponymous Norse god in the Marvel superhero film. But when he asked his iPhone, Siri came up with an unexpected reply: ‚I don’t see any movies matching ‘Thor’ playing in Thor, IA, US, today.‘ Thor, Iowa, with a population of 184, was thousands of miles away, and “Thor”, the film, has been out of cinemas for years. Siri parsed the question perfectly properly, but the reply was absurd, violating the rules of what linguists call pragmatics: the shared knowledge and understanding that people use to make sense of the often messy human language they hear.“ (13. Januar)

Lebenslanges digitales Lernen

Dirk von Gehlen schließt drüben @SZ die Debatte über „Wie sollte die Digitalisierungsdebatte aussehen?“ vorläufig ab, was ich sehr begrüße. Er erwähnt ein Bildungssystem für Erwachsene (vgl. „lebenslanges Lernen“) im Zeitalter der Automatisierung, was auch das Economist-Schwerpunktthema diese Woche ist. Dass gleich der erste Artikel mit dem Startup einsteigt, bei dem ich meinen Programmierkurs gemacht habe (General Assembly), ist ein netter Zufall und passt ganz gut. Natürlich mache auch ich mir Gedanken, welche Qualifikationen ich mir aneignen sollte und was ich eigentlich möchte. Dass ich seit Januar nicht mehr Vollzeit arbeite, gibt mir etwas Raum dafür.

Als Journalist ist relativ absehbar, dass in den kommenden drei bis zehn Jahren ein großer Teil der bezahlten Jobs verschwinden, sich von den Kernaufgaben des Journalismus entfernen oder schlicht schlechte Arbeitsbedingungen bieten wird, sich also letztlich bereits sichtbare Entwicklungen fortsetzen und verstärken werden. Natürlich will ich mithelfen, dass die Kernfunktionen des Journalismus (eine informierte Gesellschaft ermöglichen) auch in Zukunft erhalten bleiben. Nur kann dies im Kontext der fortgesetzten Digitalisierung auch etwas völlig anderes bedeuten, als sich in und an der Medienbranche abzuarbeiten. Mehr noch: Viele drängende Probleme der Menschheit erfordern neue Ansätze, die jenseits von Fortschrittsglauben und Veränderungspessimismus liegen. Das ist es, was mich fasziniert, worüber ich mir Gedanken mache und woran ich gerne arbeiten möchte. Ich weiß also noch nicht, wie mein Beruf morgen aussehen oder ob meine Berufung überhaupt ein Beruf sein wird; ich bin mir aber sicher, dass mich die neue Lernphase meines Berufslebens auf den Weg dorthin bringen wird. (15. Januar)

Wird ständig fortgesetzt.

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