Vor der Facebook-Distribution

 Ade, Schublade

Im Kampf um die immer kürzer werdende Aufmerksamkeitsspanne des Lesers spielen Eyecatcher und steile Thesen eine immer größere Rolle. Differenzierungen schrecken ab, weil sie nicht zum Hinsehen, Kaufen oder Klicken locken (sowie Arbeitszeit und Manpower benötigen).

Dabei müsste es doch eigentlich genau andersherum sein: Wie David Weinberger bemerkt, dessen Buch “Everything is Miscellaneous“ demnächst in deutscher Sprache (Titel: “Das Ende der Schublade“) erscheint, leben wir in einer Zeit, in der wir uns auf Unschärfen einstellen müssen. Die binäre Welt des Computers hat die binäre Weltsicht des „richtig oder falsch“ zum großen Teil überflüssig gemacht. Das bedeutet, dass die einfache Schlagzeile selbst eigentlich an Wert verlieren müsste, weil sie nicht mehr der Komplexität unserer Welt (und der durch das Netz erreichbaren Informationen) gerecht wird. Als Korrektiv führt Weinberger die Blogosphäre an, die einfache Dinge wieder kompliziert macht und verschiedene Hintergründe zusammenführt.

Soweit, so gut. Aber sind inzwischen nicht alle Formen der „Online-Publizistik“ an die Aufmerksamkeitsökonomie der sekundenschnellen „Pointe“ gekettet, zumindest, wenn es sich um Short-Tailer handelt? „Ja, aber“-Journalismus klickt sich im Netz genauso schlecht wie „Ja, aber“-Blogs.

Notiert habe ich das hier im März 2008, also vor mehr als zehn Jahren. Heute, in der zweiten Hälfte des Social-Media-Zeitalters, wissen wir mehr – zum Beispiel, dass sich ein erstaunlicher Teil der digitalen Öffentlichkeit tatsächlich binär organisiert. Aber viel schlauer sind wir heute nicht.

(Fun fact: Anders als dieses Mal wird in zehn Jahren Journalismus etwas anderes meinen)

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Schlechte Nachrichten… über Falschnachrichten

RSS-Titel und Link via John Naughton
Aus dem Abstract dieser Studie zitiert, die 126 000 via Twitter verteilte Geschichten analysiert hat: „The spread of true and false news online“ 

“Falschbehauptungen verbreiteten sich mit größerer Reichweite, schneller, tiefer und über weitere Teile des Netzwerks in allen Informations-Kategorien. Die Effekte waren bei politischen Nachrichten ausgeprägter als bei Nachrichten über Terrorismus, Naturkatastrophen, Wissenschaft, urbane Legenden oder Inhalte zu Finanzen. Wir fanden heraus, dass Falschnachrichten ungewöhnlicher waren als wahre Nachrichten, was nahelegt, dass Menschen ungewöhnliche Nachrichten mit größerer Wahrscheinlichkeit teilen. Falschnachrichten führten zu Angst, Abscheu und Überraschung in den Antworten; wahre Nachrichten Erwartungen, Traurigkeit, Begeisterung und Vertrauen. Entgegen der gängigen Meinung beschleunigten Bots die Verteilung von wahren und falschen Nachrichten ungefähr ähnlich. Dies legt nahe, dass Falschnachrichten sich nicht wegen der Bots schneller als die Wahrheit verbreiten, sondern weil Menschen sie mit größerer Wahrscheinlichkeit verbreiten.”

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RSS für alle

 Ein öffentlich-rechtlicher RSS-Reader und 29 weitere Ratschläge für ein freies Internet

Dirk schlägt drüben einen öffentlich-rechtlichen RSS-Reader vor und ich finde das fein.

Einmal, weil ich darin schon die Struktur des Kommenden erkenne. RSS als Technologie gilt als gestrig, aber das Prinzip weist in die Zukunft. Zumindest in die, die ich mir vorstelle (Achtung, Exkurs):

Ein dezentrales Netz ohne Identitätsbroker (ich verkneife mir den Block-Begriff), in der ich mir die Welt über Streams organisiere: (1) Ankommend Nachrichten-, Freundes- und Signal-Streams. (2) Ausgehend eigene Postings und Signale, Freigaben von Identitätsschichten (zum Beispiel abgestuft persönliche Interessen bis Verhalten/Ortung für die Werbevermarktung im Gegenzug für Geld oder Dienstnutzung). UI würde sich gar nicht so sehr von dem heutigen Smartphone unterscheiden, nur dass „Apps“ sehr viel unsichtbarer wären und wahrscheinlich sogar konzeptionell in etwas anderem aufgehen würden, vgl. „Tasks“ bei Home-Lautsprechern.

Doch zurück zum Öffi-RSS: Es gibt drei Punkte, die mir in Sachen Umsetzung eingefallen sind. Das eine ist, die Notwendigkeit, ihn zu begründen – Dirk macht das ja drüben, aber natürlich genügt es nicht, dass er zur Europäischen Rundfunkunion nach Genf geht und dort an die Tür klopft. Vielleicht wird die Idee ja Teil eines größeren Aktivisten-/NGO-Aufschlags zum Schutz des Web (bin gespannt, was zum 25. WWW-Geburtstag Ende April aus dieser Ecke kommen wird).

Die Notwendigkeit ist aber natürlich auch an die Distribution geknüpft. Das WWW explodierte ja (auch) deshalb, weil Microsoft als Reaktion auf Mosaic/Netscape den Internet Explorer standardmäßig in Windows installierte. Da kommen wir beim Öffi-RSS – dessen Software sich ja nicht groß von Privatangeboten unterscheiden und nicht unbedingt durch Netzwerkeffekte exponentiell wachsen wird – schnell zu Marketing-, Markt- und Missionsfragen.

Damit hängt natürlich auch die Praxis zusammen, in Deutschland im Rundfunkstaatsvertrag geregelt, bis zum kleinsten Strichpunkt umkämpft und europaweit immer stärker unter Druck. Infrastruktur gehört (vielleicht gibt es kleine Ausnahmen) nicht zu den ÖR-Aufgaben, sondern ist Mittel zum Zweck, eigenen Content auszuliefern (von Sendetechnik bis Mediathek). Hier zeigt sich das Problem, die Digitalisierung zu verstehen: Software könnte ein Mittel zur Erfüllung des Informationsauftrags sein, aber ÖR definiert sich eben als Content-Produzent und steckt darin erst einmal fest. Einen ähnlichen Fehler haben in den vergangenen 10-15 Jahren ja viele Printverlage/Medienhäuser 1  gemacht, weshalb die Veränderungen in nächsten zehn Jahren ziemlich… aber lassen wir das.

Ergänzung: Okay, es ist nur ein blöder RSS-Reader, vielleicht mach‘ ich die Sache ein bisschen zu kompliziert. Aber die Sache mit den Öffentlich-Rechtlichen IST kompliziert, politisiert und was auch immer.

1 Fairerweise: Ein paar von ihnen haben es versucht, nur wenige davon erfolgreich. Axel Springer wäre der einzige deutsche Verlag, der die technologische Reputation hätte, den RSS-Reader als Dienstleister umzusetzen, aber medienpolitisch spielen da natürlich andere Konflikte rein, jenseits der Frage, ob die Umsetzung in öffentlicher Hand bleiben sollte.

 

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Wie erfolgreich war die „Internet Research Agency“?

Alex Madrigal über die russische Social-Media-Propaganda im US-Wahlkampf 2016:

„Kein Zweifel: Das war nach eigener Beschreibung und objektiv ‚Informationskrieg‘. Es ging darum, Zwietracht und Misstrauen im amerikanischen Wahlvolk zu säen. Und mit ein paar Dutzend Leuten – ungefähr 80 zur besten Zeit – haben sie 150 Millionen Menschen über Facebook und Instagram erreicht. Im September 2016 (…) lag das monatliche Budget bei 1,25 Millionen US-Dollar. Für ihr Geld haben sie einiges gekriegt.

Viele Teile von Muellers Anklageschrift die allerdings unheilvoll für die Uneingeweihten klingen, lesen sich wie die grundsätzlichsten Strategien dessen, was als ‚Audience Development‘ bekannt ist. Manöver, die für Außenstehende hochentwickelt klingen, die aber jeder Firmen-Marketingmitarbeiter und viele Medienunternehmen kennen und selbst anwenden. (…) Ich drücke es mal so aus: Wenn die Internet Research Agency ein Medien-Startup wäre, würden sie für ihr Medienkönnen wahrscheinlich keine neue Runde Risikokapital erhalten.“

Russia’s Troll Operation Was Not That Sophisticated

Alex macht in seinem Artikel die wichtige Unterscheidung zwischen der Existenz dieser Propaganda und ihrer einfachen Verbreitung via der Plattformen von Facebook Inc. einerseits, der „Internet Research Agency“ als Internet-Klitsche mit 0815-Strategien andererseits. Das Problem ist logischerweise, dass der Einfluss schwer messbar ist – es geht um Internet-Stimmungen gekoppelt mit anderen medialen (und persönlichen) Einflüssen, und auch um die Reaktion auf extremere Sichtweisen (zum Beispiel Postings linker Sockenpuppen).

Am deutlichsten zeigt sich das in den Demonstrationen auf amerikanischen Straßen, die via Facebook aus St. Petersburg „organisiert“ wurden: Zwar tauchten offenbar vergleichsweise wenige Leute dort auf, doch alleine die Tatsache, dass du eine amerikanische Menschengruppe mit ein paar Mausklicks aus Russland auf die Straße bringen kannst, ist erstaunlich (CIA und KGB brauchten seinerzeit in Lateinamerika und Asien noch Mitarbeiter vor Ort).

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Glaubwürdigkeitsfragen

Die Zeitungsverleger, die Große Koalition und der erfolgreiche Lobbyismus. Erneut eine fragwürdige Sonderregelung für die Verleger bei den Zeitungszustellern

“Gotcha” lässt sich mit “Erwischt” übersetzen und inzwischen die beliebteste Gattung der Kritik: der ohne großen Aufwand erbrachte Heuchelei-Nachweis – A sagt X, aber tut das Gegenteil davon. Oft ist gesagtes “X” oder getanes Gegenteil aus dem Zusammenhang gegriffen oder die Realität komplexer (was jeder weiß, der ein Leben lebt). Das wiederum lässt sich nicht ganz so einfach erklären.

Genauso verhält es sich mit der Trennung von Redaktion und Verlag. Und genau deshalb ist es Gift für die Glaubwürdigkeit journalistischer Verlagsprodukte, wenn die Verleger nun pünktlich zum Ende der Mindestlohn-Ausnahme für Zeitungszusteller für ein paar Jahre einen Teil des Arbeitgeber-Rentenbeitrags erlassen bekommen. “Erwischt” können jetzt wieder diejenigen unter Kommentare und Recherchen zu Gerechtigkeitsdebatten, Arbeitnehmerrechten oder der Rentenfrage schreiben. Oder gleich zu allem, was über die Große Koalition verfasst wird.

Nun können Leser solche Art von Kritik, wenn sie nicht mehr als das “Erwischt” mit ein paar Ausrufezeichen dahinter ist, in der Regel einordnen. Und doch scheint man im Verlagswesens nicht begriffen zu haben, dass gerade die Anforderungen in Sachen Glaubwürdigkeit steigen und sich das eben nicht nur auf Vergehen wie redaktionelle Werbekunden-Küngelei beschränkt, sondern auf eine Haltung zur Gesellschaft und den Verpflichtungen von Unternehmen.

Mal ganz abgesehen davon, dass Zeitungszusteller Mindestlohn und angemessene Rentenansprüche verdient haben. Neben den Nachtschicht-Druckern und Krisengebiet-Reportern haben sie vielleicht den härtesten Job im Geschäft.

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So long, The Awl

Awl Ends

The Awl macht Ende des Monats dicht. Eine Horde junger Talente, die in einem ganz eigenen Sound geschrieben und sich nicht um Konventionen geschert haben. Für einige von ihnen war es ein Sprungbrett zu Größerem, für andere die Selbstfindung als Autoren.

Ich erinnere mich noch an das Gespräch mit einem Kollegen: „Das müsste es in Deutschland geben.“ – Antwort: „Das würde in Deutschland nie funktionieren.“ Aber selbst in den USA und mit theoretisch globalem Publikum reicht es offenbar nicht für die Refinanzierung der Nische (die Hoffnung, als Medium.com-Seite ein Modell zu finden, war wahrscheinlich fatal). Die vergangenen Jahre waren rein inhaltlich fantastisch für den amerikanischen Digitaljournalismus, außergewöhnliche Zines und Magazine, neue Sounds und Perspektiven. Wunderjahre, beinahe. Sie gehen langsam zu Ende. Immerhin hatten sie hier welche.

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Tech-Hype, Tech-Kritik, Journalismus

Will journalists feed the tech backlash — or help explain it?

“Können wir bitte, bitte auf die aktuelle Welle von Fehlern nicht mit einer starken Überreaktion antworten und zu endlos negativen Geschichten schwenken, sondern mit jener ausgewogenen und nachdenklichen Analyse, der es von Anfang an bedurft hätte? (…) Balance bedeutet im Journalismus nicht nur, beide Perspektiven in eine Geschichte einzufügen – es geht darum, ein Thema von so vielen Perspektiven wie möglich zu beleuchten. Nur positive oder nur negative Deutungen sind überhaupt nicht ausgewogen.”

Einigen wir uns doch darauf: Keine kuscheligen Access-Stücke in den Magazinen mehr; keine Facebook-Pressemitteilungen auf Portalen wie dem unsäglichen Techcrunch; keine unglaubwürdigen Hü-Hott-je-nach-Wetter-Haltung von Reportern. Kein wortreiches „Tech ist Teufelszeug, gemacht von A——–ern“ mehr ohne Sachkenntnis, Recherche, stichhaltige Argumente und zumindest den Ansatz konstruktiver Korrekturen.

Jaja, fromme Wünsche, ich weiß.

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Die Gefahr des anthropologischen Journalismus

Besuch in Roberts County, Texas

Unsere Gesellschaft tendiert Lebenswelt-Segregation, spezialisierte Berufsgruppen zu Strukturen, in denen sich die Vertreter immer “ähnlicher” werden. Für den Journalismus bedeutet das eine wachsende Gefahr, über Lebenswelten “anthropologisch” zu berichten: Besuche auf dem Land, in anderen sozialen Schichten oder bestimmten Milieus verwandeln sich in Texte, die sich wie Exkursionen lesen.

Als Korrespondent hat die Sache noch einmal einen Kniff: Auslandsberichterstattung hat immer einen anthropologischen Hauch, dies liegt auch in der Übersetzungsfunktion, die wir weiterhin zu leisten versuchen.

Als wir nun neulich im Norden von Texas waren, um über den Wahlkreis mit den prozentual meisten Trump-Wählern zu berichten, war die Frage nach dem Ansatz der zentrale Knackpunkt: Andere Medien – unter anderem die Bild – waren dorthin gefahren und hatten einfach Kurzmeinungen abgegriffen, eine Art Trump-Wähler-Freakshow. Wir wollten dagegen das Dorfleben dort darstellen, die Probleme und Haltung zur Welt (und, nebenbei, zum US-Präsidenten). Soweit das geht, wenn man nicht dort wohnt. Genau das wird aber genau in dem Moment wieder anthropologisch, wo wir dem deutschen Leser das ihm fremde Milieu vermitteln.

Herausgekommen ist oben verlinkte Reportage und das Fazit, dass den Menschen dort die Politik eigentlich ziemlich egal ist. So wie es weiterhin ein ziemlicher Balanceakt ist, in einem Land mit 300+ Millionen Menschen einen Ausschnitt zu finden, der ehrlich als Stellvertreter-Ausschnitt für etwas Allgemeines, Verbreitetes gelten kann.

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Das persönliche Essay (und dessen Seltenheit)

„Zu viele Menschen, die schreiben, haben nichts Interessantes zu sagen und sagen es nicht auf interessante Art“, schreibt Merve Emre in einem unterhaltsamen Text über den amerikanischen Trend zum „persönlichen Essay“. Die Anführungszeichen deuten an, dass in Deutschland eine vergleichbare Form nicht oder nur selten oder nur als Mischform existiert. In den USA dagegen fallen die Essay-Sammlungen der Autoren direkt aus dem Buchladen-Regel, weil gar kein Platz mehr ist vor lauter Persönlichem. Oft fallen sie in meinen Einkaufskorb, wie ich zugeben muss. Und genauso oft lege ich nach dem zweiten oder dritten Stück den Band weg, weil wieder jemand aus New York über irgendetwas Popkulturelles mit politischen Einsprengseln geschrieben hat und das viele Male in Variationen wiederholt. Insofern: Zustimmung zu Emres Kritik.

Andererseits ist das persönliche Essay in seiner besten Form jedoch mehr als bloße Befindlichkeit (vgl. John Jeremiah Sullivan), sondern der unterhaltsame Kampf eines Autors mit dem Leben und/oder seinem Thema. Wo wir deutschen Autoren uns oft hinter bestimmte Standardisierungen der Form zurückziehen (eine Seite Drei klingt wie eine Seite Drei, ein Spiegel-Essay wie ein Spiegel-Essay und das Subjektive wird in der Regel zu einer Kolumne gemacht), ringen die Amerikaner mit der Komplexität des Themas, über das sie schreiben, werden von den Schattierungen und Nuancen regelrecht verfolgt. Manchmal klugscheißen sie auch, klar – aber so exzessiv recherchieren und so prägnant formulieren wir deutschen Journalisten auch nicht, dass wir uns hier die Autorität der Stimme aus dem Nichts verdient haben. Aber vielleicht ist es auch einfacher und es gibt einfach zu viele Menschen, die schreiben und nichts Interessantes zu sagen haben und es nicht auf interessante Art sagen können.

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