So long, The Awl

Awl Ends

The Awl macht Ende des Monats dicht. Eine Horde junger Talente, die in einem ganz eigenen Sound geschrieben und sich nicht um Konventionen geschert haben. Für einige von ihnen war es ein Sprungbrett zu Größerem, für andere die Selbstfindung als Autoren.

Ich erinnere mich noch an das Gespräch mit einem Kollegen: „Das müsste es in Deutschland geben.“ – Antwort: „Das würde in Deutschland nie funktionieren.“ Aber selbst in den USA und mit theoretisch globalem Publikum reicht es offenbar nicht für die Refinanzierung der Nische (die Hoffnung, als Medium.com-Seite ein Modell zu finden, war wahrscheinlich fatal). Die vergangenen Jahre waren rein inhaltlich fantastisch für den amerikanischen Digitaljournalismus, außergewöhnliche Zines und Magazine, neue Sounds und Perspektiven. Wunderjahre, beinahe. Sie gehen langsam zu Ende. Immerhin hatten sie hier welche.

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Tech-Hype, Tech-Kritik, Journalismus

Will journalists feed the tech backlash — or help explain it?

“Können wir bitte, bitte auf die aktuelle Welle von Fehlern nicht mit einer starken Überreaktion antworten und zu endlos negativen Geschichten schwenken, sondern mit jener ausgewogenen und nachdenklichen Analyse, der es von Anfang an bedurft hätte? (…) Balance bedeutet im Journalismus nicht nur, beide Perspektiven in eine Geschichte einzufügen – es geht darum, ein Thema von so vielen Perspektiven wie möglich zu beleuchten. Nur positive oder nur negative Deutungen sind überhaupt nicht ausgewogen.”

Einigen wir uns doch darauf: Keine kuscheligen Access-Stücke in den Magazinen mehr; keine Facebook-Pressemitteilungen auf Portalen wie dem unsäglichen Techcrunch; keine unglaubwürdigen Hü-Hott-je-nach-Wetter-Haltung von Reportern. Kein wortreiches „Tech ist Teufelszeug, gemacht von A——–ern“ mehr ohne Sachkenntnis, Recherche, stichhaltige Argumente und zumindest den Ansatz konstruktiver Korrekturen.

Jaja, fromme Wünsche, ich weiß.

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Die Gefahr des anthropologischen Journalismus

Besuch in Roberts County, Texas

Unsere Gesellschaft tendiert Lebenswelt-Segregation, spezialisierte Berufsgruppen zu Strukturen, in denen sich die Vertreter immer “ähnlicher” werden. Für den Journalismus bedeutet das eine wachsende Gefahr, über Lebenswelten “anthropologisch” zu berichten: Besuche auf dem Land, in anderen sozialen Schichten oder bestimmten Milieus verwandeln sich in Texte, die sich wie Exkursionen lesen.

Als Korrespondent hat die Sache noch einmal einen Kniff: Auslandsberichterstattung hat immer einen anthropologischen Hauch, dies liegt auch in der Übersetzungsfunktion, die wir weiterhin zu leisten versuchen.

Als wir nun neulich im Norden von Texas waren, um über den Wahlkreis mit den prozentual meisten Trump-Wählern zu berichten, war die Frage nach dem Ansatz der zentrale Knackpunkt: Andere Medien – unter anderem die Bild – waren dorthin gefahren und hatten einfach Kurzmeinungen abgegriffen, eine Art Trump-Wähler-Freakshow. Wir wollten dagegen das Dorfleben dort darstellen, die Probleme und Haltung zur Welt (und, nebenbei, zum US-Präsidenten). Soweit das geht, wenn man nicht dort wohnt. Genau das wird aber genau in dem Moment wieder anthropologisch, wo wir dem deutschen Leser das ihm fremde Milieu vermitteln.

Herausgekommen ist oben verlinkte Reportage und das Fazit, dass den Menschen dort die Politik eigentlich ziemlich egal ist. So wie es weiterhin ein ziemlicher Balanceakt ist, in einem Land mit 300+ Millionen Menschen einen Ausschnitt zu finden, der ehrlich als Stellvertreter-Ausschnitt für etwas Allgemeines, Verbreitetes gelten kann.

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Das persönliche Essay (und dessen Seltenheit)

„Zu viele Menschen, die schreiben, haben nichts Interessantes zu sagen und sagen es nicht auf interessante Art“, schreibt Merve Emre in einem unterhaltsamen Text über den amerikanischen Trend zum „persönlichen Essay“. Die Anführungszeichen deuten an, dass in Deutschland eine vergleichbare Form nicht oder nur selten oder nur als Mischform existiert. In den USA dagegen fallen die Essay-Sammlungen der Autoren direkt aus dem Buchladen-Regel, weil gar kein Platz mehr ist vor lauter Persönlichem. Oft fallen sie in meinen Einkaufskorb, wie ich zugeben muss. Und genauso oft lege ich nach dem zweiten oder dritten Stück den Band weg, weil wieder jemand aus New York über irgendetwas Popkulturelles mit politischen Einsprengseln geschrieben hat und das viele Male in Variationen wiederholt. Insofern: Zustimmung zu Emres Kritik.

Andererseits ist das persönliche Essay in seiner besten Form jedoch mehr als bloße Befindlichkeit (vgl. John Jeremiah Sullivan), sondern der unterhaltsame Kampf eines Autors mit dem Leben und/oder seinem Thema. Wo wir deutschen Autoren uns oft hinter bestimmte Standardisierungen der Form zurückziehen (eine Seite Drei klingt wie eine Seite Drei, ein Spiegel-Essay wie ein Spiegel-Essay und das Subjektive wird in der Regel zu einer Kolumne gemacht), ringen die Amerikaner mit der Komplexität des Themas, über das sie schreiben, werden von den Schattierungen und Nuancen regelrecht verfolgt. Manchmal klugscheißen sie auch, klar – aber so exzessiv recherchieren und so prägnant formulieren wir deutschen Journalisten auch nicht, dass wir uns hier die Autorität der Stimme aus dem Nichts verdient haben. Aber vielleicht ist es auch einfacher und es gibt einfach zu viele Menschen, die schreiben und nichts Interessantes zu sagen haben und es nicht auf interessante Art sagen können.

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Breitbart in Deutschland

Die deutschen Expansionspläne von Breitbart werden offenbar zügig umgesetzt, die Vorstellungsgespräche sollen bereits laufen. Wie bei allen Ablegern von US-Medienmarken erwarte ich ein kleines Büro, das vor allem auf Bildschirmarbeit setzt. Es gibt ein Publikum für Alt-Right-Realitäten, Teile davon warten bereits sehnsüchtig, so mein Eindruck.

Die Dismediation wird auch im deutschen Wahlkampf 2017 weiter fortgeschritten sein. Die Lösung für publizistische Portale kann nur lauten, möglichst viele Mitarbeiter weg vom Bildschirm und raus in die deutsche Realität zu schicken, aufzuschreiben, was ist. Normalen Menschen das Wort zu geben, sie erzählen zu lassen, wie es ihnen geht, was sie denken, hoffen, fühlen. Nicht als Elemente für das Sittengemälde eines Journalisten, sondern ein #NoFilter-Bild, das aus Tausenden kleinen Bildern besteht.

Ich bin gespannt, wie deutsche Medien den Wahlkampf 2017 präsentieren werden. Der größte Fehler in der Ableitung aus dem US-Wahlkampf wäre eine Personalisierung oder ein Parteimehrheitsspekulationswettbewerb mit Social-Media-Gewicht. Öffentliches Social Media zeigt nur einen Bruchteil der deutschen Bevölkerung. Zustände, Probleme, Lösungen – Politik und politische Berichterstattung klingt einfach, aber es ist kompliziert. Man kann es wegabstrahieren oder zu stark anekdotisieren.

Es ist kompliziert und 2017 wird eine Prüfung. Wir Medienmenschen können kaum beeinflussen, wen wir überhaupt noch erreichen. Aber wir können einen guten, sauberen Job machen. Dieser Anspruch muss existieren, denn er ist der Kern-Unterschied zwischen der Funktion des Journalismus und seiner Breitbartisierung.

P.S. Ich denke natürlich gerade viel über meine Arbeit in diesem komplexen US-Wahlkampf nach. Mehr darüber, wenn ich in diesem Prozess etwas weiter bin.

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Social Media in vier Jahren

forbidden altar

Die USA-Troika der digitalen @SZ ist heute (Samstag) ab 16 Uhr für ein Panel des Zündfunk Netzkongresses zugeschaltet, ich habe begleitend etwas zu Social Media im Wahlkampf geschrieben. Dabei habe ich auch darüber nachgedacht, wie sich Social Media bis zur nächsten Wahl 2020 verändern könnte.

Das zu prognostizieren ist gar nicht so einfach.

Es ist ja nicht so, dass wir etwas erleben wie die langsame Verbreitung von Druckerpressen oder den Beginn des TV-Zeitalters, als es um die Ausdifferenzierung der linearer Programme und die Erfindung wiederholbarer Formate ging. Und selbst die beiden waren schwer zu vorherzusagen (Satelliten-TV, anyone?).

Social Media lebt und ist fast eine organische Angelegenheit, trotz der Funktionskontrolle durch die Plattformen. Der Lock-In-Effekt ist vielleicht bei Facebook am stärksten, das als Telefonbuch funktioniert (vgl. Ben Thompson) und sich in Richtung Terminal entwickelt – der Einstiegspunkt für die meisten denkbaren Online-Aktivitäten. Twitter ist schwer wegzudenken, aber monetisiert schlecht. Snapchat ist die erste genuin mobile Social-Media-Plattform (Instagram auch, aber nur wegen der Smartphone-Kamera), muss sich aber ständig anpassen mit der Gefahr, eingelernte Verhaltensmuster zu brechen und Nutzer zu vergraulen. Überhaupt, mobile: Wer weiß, wie sich das funktional mit Geo-Tangenten noch denken lässt.

Ein paar Trend-Skizzen:

Social Media wird privater: Ich glaube, dass Social Media eine eher gruppenorientierte Angelegenheit wird – wie eigentlich jetzt schon in FB- oder Whatsapp-Gruppen. Selbst Twitter könnte sich anders gruppieren, ich frage mich nur, wie. Es gibt einfach zu große und zu viele negative Feedback-Schleifen, zu viel Ärger. Eigentlich lässt sich die Entwicklung schon daran erkennen, wie viele Kommentare Facebook bei öffentlichen “Marken”-Postings inzwischen versteckt. Wahrscheinlich werden die Kommentare bei solchen “klassischen Content” nur noch über das Anwählen eines entsprechenden Symbols zu sehen sein. Snapchat zeigt, dass die Abwesenheit kompletter Sender-Empfänger-Transparenz ein Vorteil sein kann (zumindest, wenn es nicht um Analytics geht). Dazu geht die Entwicklung ohnehin deutlich in Richtung „packe alles in einen Chat“.

Identität wird wichtiger: Das hängt wie der obige Punkt mit Hate Speech zusammen, aber auch mit dem zu erwartenden Wettrennen mit immer besser imitierenden Bots. Identität, sei es durch “Bürgen” aus dem Bekanntenkreis oder Entzug der Verifizierung bei Etiketten-Verstößen – wird ein zentralerer Teil von Social Media. Die Grenzen dieses Ansatzes sind bei Facebook bereits sichtbar. Und natürlich gibt es auch ethische Fragen, gerade in repressiven Ländern (womöglich erleben wir eine automatisierte rechtliche Regionalisierung). Ich bin gespannt was passiert, wenn das ein deutscher Politiker vorschlägt (oder ist das schon passiert?).

Mehr Video (logo): Snapchat, Facebook, Instagram und Twitter entwickeln sich alle in Richtung Bewegtbild, ob zeitversetzt oder live. Youtube ist ohnehin daraus ausgelegt, nur schwach weiterentwickelt. Eigentlich wird Social Media also zu einem Update dessen, was heute Fernsehen ist. In den USA ist bereits deutlich spürbar, wie es sich weg vom linearen TV verschiebt, was natürlich für die Kabelfirmen keine guten Nachrichten sind.

Die Frage ist, was beim Push zu Video verloren geht (Kottke hat schön erklärt, warum Text einfach das beste Medium überhaupt ist) – und welche Lücken sich dadurch wieder auftun. Bei Video rechne ich auch weiterhin damit, dass die TKPs sinken durch das Überangebot an Content (wie auch bei Text). Irgendwann bist Du bei den Produktionskosten, wobei das zum Beispiel nicht dagegen sprechen wird, dass jemand wie Tomi Lahren  2020 eine der wichtigsten konservativen Stimmen sein wird. Ob im linearen TV, Youtube einer der Plattformen oder irgendeinem wirren Smartphone-Spinoff. VR sehe ich eher als Mini-Dialogmedium, AR vielleicht als Meme-Transporter, aber wo sollte das alles einfließen, wenn nicht in die Plattformen?

Die Bonus-Frage: Wie entwickelt sich Online-Werbung? Von Tracking über Adblocker bis zur Wirksamkeit stehen hinter Online-Werbung ziemlich viele Fragezeichen, ein Teil davon wird absichtlich kleingeredet und totgeschwiegen. Wird es zur großen Implosion kommen, zu geringerem Wachstum oder erleben wir große Fortschritte in den ? Die ganze Kontroverse um die Sichtbarkeit von Facebook-Videos (bzw. “Ab wann wird gezählt”) zeigt, dass viele Metriken ziemlich schwierig zu bewerten sind, solange sie in der Hand der Plattformen liegen. Wo es Freiheit in der Festlegung von Messgrößen gibt, wird getrickst.

Bonus-Idee: Ich glaube, wir werden deutlich weiter damit sein, uns funktionierende Soziale Netzwerke vorzustellen, die nicht nur primär Geld aus dem System extrahieren. Ob jetzt Blockchain, API oder ein Nischendienst, der Geld für Privatsphäre verlangt und trotzdem genügend Nutzer findet (lasst mich träumen, Freunde!).

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Facebook und Funktionen einer Zeitung

Hitzacker an der Elbe 01

Ein bisschen überrascht stelle ich fest, dass kein deutschsprachiger Wikipedia-Eintrag zum Begriff „Rubrikenmärkte“ existiert. Eine Leerstelle, die natürlich der beinahe abgeschlossenen funktionalen Entbündelung gedruckter Zeitungen geschuldet ist.

Wir erinnern uns selten an die Zeitung aus der vorletzten Woche, noch seltener an die Rolle der Zeitung vor dem Internet-Zeitalter. Aber aus dieser Perspektive betrachtet lassen sich die Entwicklungen der vergangenen Woche so zusammenfassen: Facebook hat die nächsten bzw. letzten ehemaligen Zeitungsfunktionen übernommen.

Facebook Marketplace: Kleinanzeigen waren bereits vorher zu Craigslist/Ebay (USA) oder MeineStadt.de/Ebay/Online-Spezialmärkte (Deutschland) gewandert. FB versucht das im mobilen Zeitalter um die Geo-Komponente zu erweitern und durch die prominente Platzierung im UI quasi als Verhaltensmuster „reinzudrücken“. Damit ist es schon häufiger gescheitert, andererseits hat es auch finanziellen Spielraum, um semi-professionelle Verkäufer von Ebay/Craigslist rüberzulocken. Ich bin eher skeptisch, andererseits gibt es in der Tat noch keine gute Übersetzung dieser Funktion in Mobile. Und etwas in die Zukunft gedacht, sind Echtzeit-Märkte nicht nur im Bereich Waren, sondern auch bei Dienstleistungen eine logische Entwicklung und sicher auch bei Uber etc. auf dem Schirm. Eine gute Analyse zum Marketplace findet sich bei Ben Thompson(€).

Events from Facebook: Das sollte Verleger besonders schmerzen. Bislang waren Veranstaltungskalender im Web erstaunlich schlecht organisiert – klar, es gibt Eventbrite, Stadtportale etc. Aber insgesamt existierte keine einheitliche Plattform, die wirklich benutzbar war. Für mich waren (urbane) Veranstaltungskalender gerade in Deutschland genau der verbliebene Alt-Markt, den Verlage mit etwas Investment hätten erhalten können – als personalisierte, mobile Version und erweiterbare Plattform. „Ich bin jetzt gerade hier, zeige mir, was ich tun kann?“ ist die Smartphone-Frage der Zukunft und jetzt beantwortet sie Facebook.

FB-Apps außerhalb der Kernfunktionen sind häufig Flops, dieses Mal halte ich den Versuch für vielversprechender – die (bislang in den USA für iOS ausgerollte) Events-App funktioniert gut, mischt „die Welt da draußen“ und Events aus meinem Freundeskreis. Mehr braucht niemand. Hier in den USA pflegen Clubs, Museen und Organisationen ihren Facebook-Kalender recht gut, im Idealfall (für FB) wird der Druck durch die stärkere Gewichtung zunehmen. „Event“ ist ohnehin ein so breitgefasstes Konzept, dass privat und öffentlich verschwimmen.

Natürlich lassen sich Karten-Vorverkauf oder Verkauf prominenter Platzierungen dadurch noch einmal besser monetarisieren, dazu ist es der Einstieg in ein vertieftes Kalender-UI. Unter dem Strich aber plant FB bei Marketplace und Events erst einmal nichts anderes als auf der Hauptplattform: Content zusammenführen und dann Sichtbarkeit vermarkten. Plattform-Play eben.

Für Publisher, die an diesen Vertikalen früher verdienten, sind das natürlich keine guten Nachrichten. Und auch keine überraschenden. Die Wertschöpfung aus der Querfinanzierung wandert ab und es wird absehbar schwierig, das alleine über den Verkauf von „Content“ auszugleichen. Zumal dessen Bedeutung und Funktion sich im Kontext der Netzwerk-Wirtschaft ebenfalls bereits stark gewandelt hat.

 

 

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Belly of the Beast


Michael Lefsetz über Hollywood:

Live in the belly of the beast long enough and it seems so important. But when they go back thirty years and lay it all out, you remember the movies but don’t care about them and realize they’ve got no staying power. It’s as if all this work has been done for naught. As guys, and it is mostly guys, beat their chests, take credit and play chess with each other believing they’re Gary Kasparov when the truth is they’re kids playing Chinese checkers.

Tröstend und auch auf die Medienbranche passend. Zur Wiedervorlage in 30 Jahren markiert (10-15 genügen wahrscheinlich auch).

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Was kommt nach dem Journalismus der Massenmedien?

Kurz angeknüpft an die Antwort von Roy Greenslade auf ein weiteres Jarvis-Riff zum Ende der Massenmedien.

Ich bin pessimistisch, dass die meisten Verlagshäuser etc. rechtzeitig ein adäquates digitales Geschäftsmodell finden, um den anstehenden Einbruch des Print-Geschäfts zu überbrücken. Jarvis fällt dazu auch nichts ein, außer wie seit Jahren Experimente zu loben.

In Deutschland halte ich a) weitere Fusions-Erleichterungen b) die Anerkennung von Gemeinnützigkeit von Nonprofit-Journalismus für die wahrscheinlich nächsten Schritte. Davor kommt der reduzierte Mehrwertsteuersatz für digitale Presseerzeugnisse, aber der hat mit der Lösung der Strukturfragen nichts zu tun.

Eventuell wird es in ein paar Jahren auf eine Form von Bailout durch Medienabgabe hinauslaufen, aber das ist – auch angesichts der Lügenpresse-Rufe – genauso unsicher wie auf technischer Ebene bessere Bezahlstrukturen durch Blockchain oder Plattform-Abrechnungen, die zumindest kleinere Einheiten von Legacy-Medien retten. Wahrscheinlich ist es einfacher zu prognostizieren, was kommen wird, als was übrig bleibt.

Was ich am Horizont sehe:

  • Kontextabhängige Systeme zur Nachrichtendistribution, wobei Nachrichten sehr viel breiter gefasst werden. Push macht auch keinen Unterschied zwischen “Weltereignis” und anderen Signalen. Ich habe hierzu schon einmal etwas geschrieben und bin skeptisch, dass Content-Produzenten hier an der Wertschöpfung größer teilhaben werden, wenn sie nicht selbst zu Technologie-Akteuren werden.
  • Die Form des Journalismus, die wir heute noch als “Data Journalism” bezeichnen, der aber stärker an Datenerhebung/Wissenschaft (rücken wird. Beispiel: Armut in Deutschland anhand von Statistiken, Umfragen und draußen im Feld, im Dialog.
  • Obige Organisationen können genau wie kleine, nach Themen agierende Einheiten von Stiftungen oder Mäzenen (auch im Sinne von Crowdfunding-Mäzenentum) bezahlt werden. Themen-basierte Akteure sind auch nicht immer auf direkte Monetarisierung angewiesen (vgl. simples Interesse oder Reputationsaufbau, der andere Einnahmequellen erschließt).
  • Mäzenen-/Stiftungs-/Crowd-Finanzierung spielt auch für investigative Journalisten(kollektive) eine Rolle, die sich auf gesellschaftlich relevante Themen konzentrieren (Informationsfreiheits-Anfragen würde ich dazu zählen). In allen genannten mit finanziellem Ausgleich verbundenen Fällen gibt es ethische Fallstricke.
  • Hyperlokale Berichterstattung mit fließenden Grenzen zum Aktivismus, unbezahlt und instabil, um Geo- und Interessensgemeinschaften gebaut.
  • “Lebenswelten”-Communitys, aus kleinen Einheiten erstellt und durch Native Advertising bezahlt oder direkt von Marken unterhalten (vgl. Red Bull)
  • Weiterhin (hoffentlich) ein öffentlich-rechtliches Mediensystem für die Grundversorgung, aber (hoffentlich) strukturell stärker von politischer Nähe entkoppelt.

Die Prognose ist nicht gerade optimistisch, aber ich lasse Platz für positive Überraschungen, neue Berufsbilder oder gefundene Querfinanzierungen. Das Endspiel ist ohnehin nicht die Rettung der Verlage, sondern eine informierte Gesellschaft, und dafür braucht es eher Struktur- als Format-Arbeit. Auch wenn ich mir natürlich wünschen würde, dass mit gutem Journalismus perspektivisch Geld zu verdienen ist.

 

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Burn, baby, burn

Business Insider über Odyssey:

„Odyssey recently raised $25 million in a round led by Michael Lazerow, who sold his startup Buddy Media to Salesforce for $800 million, and Columbus Nova’s Jason Epstein. Both will be joining Odyssey’s board. Odyssey’s total funding sits at $32 million.

Odyssey is a bit like a college paper on steroids. The startup has a stable of over 10,000 writers, aged 18-28, who produce around one piece a week. Odyssey then relies on the social networks of the individual writers to push out the content to the masses.

Each writer has to apply, and the main criteria for acceptance, Burns explains, is having a unique perspective — and being able to turn in an article once a week. These writers are not paid.

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