Medienkram

Das persönliche Essay (und dessen Seltenheit)

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„Zu viele Menschen, die schreiben, haben nichts Interessantes zu sagen und sagen es nicht auf interessante Art“, schreibt Merve Emre in einem unterhaltsamen Text über den amerikanischen Trend zum „persönlichen Essay“. Die Anführungszeichen deuten an, dass in Deutschland eine vergleichbare Form nicht oder nur selten oder nur als Mischform existiert. In den USA dagegen fallen die Essay-Sammlungen der Autoren direkt aus dem Buchladen-Regel, weil gar kein Platz mehr ist vor lauter Persönlichem. Oft fallen sie in meinen Einkaufskorb, wie ich zugeben muss. Und genauso oft lege ich nach dem zweiten oder dritten Stück den Band weg, weil wieder jemand aus New York über irgendetwas Popkulturelles mit politischen Einsprengseln geschrieben hat und das viele Male in Variationen wiederholt. Insofern: Zustimmung zu Emres Kritik.

Andererseits ist das persönliche Essay in seiner besten Form jedoch mehr als bloße Befindlichkeit (vgl. John Jeremiah Sullivan), sondern der unterhaltsame Kampf eines Autors mit dem Leben und/oder seinem Thema. Wo wir deutschen Autoren uns oft hinter bestimmte Standardisierungen der Form zurückziehen (eine Seite Drei klingt wie eine Seite Drei, ein Spiegel-Essay wie ein Spiegel-Essay und das Subjektive wird in der Regel zu einer Kolumne gemacht), ringen die Amerikaner mit der Komplexität des Themas, über das sie schreiben, werden von den Schattierungen und Nuancen regelrecht verfolgt. Manchmal klugscheißen sie auch, klar – aber so exzessiv recherchieren und so prägnant formulieren wir deutschen Journalisten auch nicht, dass wir uns hier die Autorität der Stimme aus dem Nichts verdient haben. Aber vielleicht ist es auch einfacher und es gibt einfach zu viele Menschen, die schreiben und nichts Interessantes zu sagen haben und es nicht auf interessante Art sagen können.

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Breitbart in Deutschland

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Die deutschen Expansionspläne von Breitbart werden offenbar zügig umgesetzt, die Vorstellungsgespräche sollen bereits laufen. Wie bei allen Ablegern von US-Medienmarken erwarte ich ein kleines Büro, das vor allem auf Bildschirmarbeit setzt. Es gibt ein Publikum für Alt-Right-Realitäten, Teile davon warten bereits sehnsüchtig, so mein Eindruck.

Die Dismediation wird auch im deutschen Wahlkampf 2017 weiter fortgeschritten sein. Die Lösung für publizistische Portale kann nur lauten, möglichst viele Mitarbeiter weg vom Bildschirm und raus in die deutsche Realität zu schicken, aufzuschreiben, was ist. Normalen Menschen das Wort zu geben, sie erzählen zu lassen, wie es ihnen geht, was sie denken, hoffen, fühlen. Nicht als Elemente für das Sittengemälde eines Journalisten, sondern ein #NoFilter-Bild, das aus Tausenden kleinen Bildern besteht.

Ich bin gespannt, wie deutsche Medien den Wahlkampf 2017 präsentieren werden. Der größte Fehler in der Ableitung aus dem US-Wahlkampf wäre eine Personalisierung oder ein Parteimehrheitsspekulationswettbewerb mit Social-Media-Gewicht. Öffentliches Social Media zeigt nur einen Bruchteil der deutschen Bevölkerung. Zustände, Probleme, Lösungen – Politik und politische Berichterstattung klingt einfach, aber es ist kompliziert. Man kann es wegabstrahieren oder zu stark anekdotisieren.

Es ist kompliziert und 2017 wird eine Prüfung. Wir Medienmenschen können kaum beeinflussen, wen wir überhaupt noch erreichen. Aber wir können einen guten, sauberen Job machen. Dieser Anspruch muss existieren, denn er ist der Kern-Unterschied zwischen der Funktion des Journalismus und seiner Breitbartisierung.

P.S. Ich denke natürlich gerade viel über meine Arbeit in diesem komplexen US-Wahlkampf nach. Mehr darüber, wenn ich in diesem Prozess etwas weiter bin.

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Social Media in vier Jahren

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forbidden altar

Die USA-Troika der digitalen @SZ ist heute (Samstag) ab 16 Uhr für ein Panel des Zündfunk Netzkongresses zugeschaltet, ich habe begleitend etwas zu Social Media im Wahlkampf geschrieben. Dabei habe ich auch darüber nachgedacht, wie sich Social Media bis zur nächsten Wahl 2020 verändern könnte.

Das zu prognostizieren ist gar nicht so einfach.

Es ist ja nicht so, dass wir etwas erleben wie die langsame Verbreitung von Druckerpressen oder den Beginn des TV-Zeitalters, als es um die Ausdifferenzierung der linearer Programme und die Erfindung wiederholbarer Formate ging. Und selbst die beiden waren schwer zu vorherzusagen (Satelliten-TV, anyone?).

Social Media lebt und ist fast eine organische Angelegenheit, trotz der Funktionskontrolle durch die Plattformen. Der Lock-In-Effekt ist vielleicht bei Facebook am stärksten, das als Telefonbuch funktioniert (vgl. Ben Thompson) und sich in Richtung Terminal entwickelt – der Einstiegspunkt für die meisten denkbaren Online-Aktivitäten. Twitter ist schwer wegzudenken, aber monetisiert schlecht. Snapchat ist die erste genuin mobile Social-Media-Plattform (Instagram auch, aber nur wegen der Smartphone-Kamera), muss sich aber ständig anpassen mit der Gefahr, eingelernte Verhaltensmuster zu brechen und Nutzer zu vergraulen. Überhaupt, mobile: Wer weiß, wie sich das funktional mit Geo-Tangenten noch denken lässt.

Ein paar Trend-Skizzen:

Social Media wird privater: Ich glaube, dass Social Media eine eher gruppenorientierte Angelegenheit wird – wie eigentlich jetzt schon in FB- oder Whatsapp-Gruppen. Selbst Twitter könnte sich anders gruppieren, ich frage mich nur, wie. Es gibt einfach zu große und zu viele negative Feedback-Schleifen, zu viel Ärger. Eigentlich lässt sich die Entwicklung schon daran erkennen, wie viele Kommentare Facebook bei öffentlichen “Marken”-Postings inzwischen versteckt. Wahrscheinlich werden die Kommentare bei solchen “klassischen Content” nur noch über das Anwählen eines entsprechenden Symbols zu sehen sein. Snapchat zeigt, dass die Abwesenheit kompletter Sender-Empfänger-Transparenz ein Vorteil sein kann (zumindest, wenn es nicht um Analytics geht). Dazu geht die Entwicklung ohnehin deutlich in Richtung „packe alles in einen Chat“.

Identität wird wichtiger: Das hängt wie der obige Punkt mit Hate Speech zusammen, aber auch mit dem zu erwartenden Wettrennen mit immer besser imitierenden Bots. Identität, sei es durch “Bürgen” aus dem Bekanntenkreis oder Entzug der Verifizierung bei Etiketten-Verstößen – wird ein zentralerer Teil von Social Media. Die Grenzen dieses Ansatzes sind bei Facebook bereits sichtbar. Und natürlich gibt es auch ethische Fragen, gerade in repressiven Ländern (womöglich erleben wir eine automatisierte rechtliche Regionalisierung). Ich bin gespannt was passiert, wenn das ein deutscher Politiker vorschlägt (oder ist das schon passiert?).

Mehr Video (logo): Snapchat, Facebook, Instagram und Twitter entwickeln sich alle in Richtung Bewegtbild, ob zeitversetzt oder live. Youtube ist ohnehin daraus ausgelegt, nur schwach weiterentwickelt. Eigentlich wird Social Media also zu einem Update dessen, was heute Fernsehen ist. In den USA ist bereits deutlich spürbar, wie es sich weg vom linearen TV verschiebt, was natürlich für die Kabelfirmen keine guten Nachrichten sind.

Die Frage ist, was beim Push zu Video verloren geht (Kottke hat schön erklärt, warum Text einfach das beste Medium überhaupt ist) – und welche Lücken sich dadurch wieder auftun. Bei Video rechne ich auch weiterhin damit, dass die TKPs sinken durch das Überangebot an Content (wie auch bei Text). Irgendwann bist Du bei den Produktionskosten, wobei das zum Beispiel nicht dagegen sprechen wird, dass jemand wie Tomi Lahren  2020 eine der wichtigsten konservativen Stimmen sein wird. Ob im linearen TV, Youtube einer der Plattformen oder irgendeinem wirren Smartphone-Spinoff. VR sehe ich eher als Mini-Dialogmedium, AR vielleicht als Meme-Transporter, aber wo sollte das alles einfließen, wenn nicht in die Plattformen?

Die Bonus-Frage: Wie entwickelt sich Online-Werbung? Von Tracking über Adblocker bis zur Wirksamkeit stehen hinter Online-Werbung ziemlich viele Fragezeichen, ein Teil davon wird absichtlich kleingeredet und totgeschwiegen. Wird es zur großen Implosion kommen, zu geringerem Wachstum oder erleben wir große Fortschritte in den ? Die ganze Kontroverse um die Sichtbarkeit von Facebook-Videos (bzw. “Ab wann wird gezählt”) zeigt, dass viele Metriken ziemlich schwierig zu bewerten sind, solange sie in der Hand der Plattformen liegen. Wo es Freiheit in der Festlegung von Messgrößen gibt, wird getrickst.

Bonus-Idee: Ich glaube, wir werden deutlich weiter damit sein, uns funktionierende Soziale Netzwerke vorzustellen, die nicht nur primär Geld aus dem System extrahieren. Ob jetzt Blockchain, API oder ein Nischendienst, der Geld für Privatsphäre verlangt und trotzdem genügend Nutzer findet (lasst mich träumen, Freunde!).

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