Welches New Orleans?

New Orleans

Was ist New Orleans? Das kommt drauf an, wen Du an welchem Tag fragst und ob Du eine Stunde Zeit hast, damit ich Dir es erkläre. Nola ist der vielleicht freundlichste Ort, an dem ich je leben durfte. Nach San Francisco, wo Zwischenmenschlichkeit allzu oft mit geschäftsmäßiger Transaktionalität abgewickelt wurde, habe ich einen Ort großer Herzlichkeit kennenlernen dürfen. Natürlich gibt es die Gewalt, die Morde und Raubüberfälle, das Elend und die Tatsache, dass Du wirklich jeden Tag mehrmals über das Konzept von Ethnie/Rasse und den ganzen Kontext nachdenken musst. Wenn Du nicht gerade einem der vielen Schlaglöcher ausweichst. Aber das ist eben nur ein Teil des großen Ganzen, in dem ein Geist des Miteinander-Auskommens und des Carpe Diem wohnt. Denn niemand weiß, was morgen ist.

New Orleans

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New Orleans Impressions

New Orleans

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New Orleans ist die Stadt, wo Konföderierten-Nostalgiker und Rassisten auf eine schwarze und progressive Mehrheit treffen. Der Ort des wildesten Karnevals nördlich von Rio. Der atemberaubenden Schönheit der Architektur und des Verfalls. Wo Reichtum wohnt und bittere Armut. Wo die Straßen nachts so aussehen können, als hätte sich seit 100 Jahren nichts geändert außer der Autogrößen. Wo Künstler geschätzt und Underachiever nicht anhand ihrer Fehler beurteilt werden, sondern anhand ihres Charakters.

Der Ort, an dem Katrina die Zeit in einigen Gebäuden angehalten hat, die nun verlassen stehen – zu groß, um sie abzureißen, zu verfallen, um sie zu sanieren. Wo Menschen leben, die die Flut überlebt haben. Und Katzen, die sich auf die Speicher und Dächer retteten und sich dort von Mäusen ernährten.

New Orleans ist auch der Ort, in dem die großen Pipelines und Industrieanlagen ihre Schatten werfen, als Teil Louisiana ist es Teil eines Bereicherungskomplexes, der Umwelt und Arme enthemmt ausbeutet.

New Orleans Impressions

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XXX

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Ich habe New Orleans als Ort kennenlernen dürfen, der Dich in seinem besten Momenten einfach „da sein lässt“. In dem die Zeit sich träge entlang der Temperaturen biegt, die Grenzen zwischen Leben und Tod verschmelzen und die Natur sich am Ende immer noch holt, was sie braucht. In der Wolkenbrüche und heftige schwüle Hitze sich innerhalb von Minuten abwechseln können. Ein Ort, in dem die Unvernunft regiert und eine Unberechenbarkeit erschafft, die grandios oder grausam sein kann.

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Ich werde den Himmel über New Orleans nicht vergessen und die Menschen nicht. Und wenn sie mich einmal fragen, welche Stadt in diesem verrückten Land noch eine Seele hat und sich nicht der Clevelandisierung oder Manhattanisierung des Landes beugt, dann werde ich auf der Karte tief in den Süden deuten. Ich drücke dieser Stadt alle Daumen, denn sie ist zerbrechlich, wie ein Kartenhaus in der Sommerbrise. Und doch hat sie mich und mein Herz erobert mit ihrem Charme, ihrer Kraft und ihrer Herzlichkeit. I heart NO LA.

New Orleans

New Orleans

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Mehr über New Orleans, Louisiana, hier im Archiv.

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Auf den Spuren der Vergeblichkeit in Louisiana

Plaquemines Parish

Plaquemines Parish drowns tonight
When the morning comes, it will all be underground

(Jean Hates Sunrise: Plaquemines Parish)

Durch die Ninth Ward durch, raus aus der Stadt, an der Zucker-Raffinerie und den Fabriken vorbei, ein Stück den Mississippi runter. New Orleans, ich hatte es erwähnt, ist ein kaputtes Paradies. Aber hier draußen ist wenig Paradies, sondern vor allem postindustrielle Kargheit.

Plaquemines Parish

Entlang der Straße wird es schnell einsam. Verlassene Häuser, verbarrikadiert und dem Verfall preisgegeben. Zwischendurch dann wieder etwas Bewohntes, und ich frage mich, ob die Vertriebenen oder die Gebliebenen es besser haben.

Wer abseits der beiden großen amerikanischen Küsten lebt, trifft auf unterschiedliche Formen von Besiedlung und Entvölkerung. Natürlich gibt es auch hier draußen die Trailerparks, jene mobile Lebensform, die Europäern im Urlaub gerne das Amerika-Bild versaut. Doch etwas ist hier anders, die leeren Häuser sind groß und würden normalerweise schnell einen Käufer finden.

Plaquemines Parish

Plaquemines Parish

Plaquemines Parish

Der Bezirk hier, Plaquemines Parish, ist nicht besonders arm, das geht in Louisiana schlimmer. Es gibt noch Industrie entlang des Missisippi und ein bisschen Fischerei, auch nach Deepwater Horizon. Nahe der Flussmündung weiter südlich ist das große Terminal, wo sie die Kohle nach Europa und Thailand verschiffen. Oregon und Washington State wollten nicht mehr, Louisiana als Diener der Öl- und Chemieindustrie nimmt noch dankbar jeden Dreck, auch wenn die Anwohner den Ausbau letztes Jahr verhindert haben, weil Atemwegskrankheiten ganze Siedlungen plagen.

Plaquemines Parish

Aber Plaquemines Parish hat in den vergangenen Jahren begonnen, sich aufzulösen, nicht nur wegen des Landverlusts durch den steigenden Meeresspiegel: Im Süden traf hier 2005 Katrina auf Land. Dann Deepwater Horizon 2010, das Öl kam vom Meer rauf.

Oil Spill, Gulf of Mexico (NASA, International Space Station Science, 05/04/10)

Und schließlich: Hurrikan Isaac 2012. Wir machen in Braitwaithe Halt. Später erfahren wir, dass hier alles überflutet war, weil der Damm nicht gehalten hat.

In New Orleans fiel damals der Strom aus, hier mussten die Menschen überhastet fliehen. Viele kamen nie zurück, in den Häusern liegen noch Sachen. Vielleicht gehören sie auch Hausbesetzern, aber wer würde hier wohnen wollen?

Plaquemines Parish

Plaquemines Parish

Die Natur holt sich die Siedlung zurück, so wie sich die Natur hier schon immer nimmt, was sie möchte. Vielleicht sollte man die jüngere Geschichte des Süden Louisianas auch als tödliche Umarmung von Mensch und Natur verstehen, als unterschiedliche Prozeduren der Zerstörung.

In den vergangenen Jahren hat Plaquemines Parish mehr als 15 Prozent seiner Einwohner verloren. Der nächste Hurrikan kommt bestimmt, die Unverwüstlichen unter den wohlhabenden Hausbesitzern haben ihre Gebäude auf zehn Meter hohe Stelzen gesetzt. Andere sind einfach gegangen, weil die Hochwasserversicherung inzwischen einen fünfstelligen Jahresbetrag kostet.

Als ich später die Geschichte der Gegend nachlese, fällt mir auf, dass ich auch ein Haus fotografiert habe, in dem bei Isaac zwei Menschen ums Leben gekommen sind. Ein älteres Paar, das eigentlich nach Costa Rica auswandern wollte, es aber nie geschafft hat. Sie blieben, als der Sturm kam, und ertranken in ihrer Küche.

Es ist ein friedvoller Ort mit einer großen Eiche. Im späten Frühjahr, wenn die Moskitos noch nicht geschlüpft sind und die Sonne noch nicht unerbittlich brennt, könnte es ein Paradies sein. Doch ich habe gelernt, dass das Friedvolle hier niemals einfach friedvoll ist. Der nächste Kollaps der Zivilisation wartet, nur eine weitere Katastrophe entfernt.

Plaquemines Parish

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„Crime Scene“

New Orleans Crime Scene

Als ich mit dem Fahrrad vorbeikomme, haben sie den Motor schon abgestellt. Der Wagen lief noch, als sie den Mann auf dem Beifahrersitz fanden. Kopfschuss durch das Seitenfenster. Der Mann kämpft im Krankenhaus um sein leben, hier dagegen läuft die übliche Routine ab. Ein Dutzend Polizisten und die Spurensicherung sind dort. Die Nachbarschaft steht in gedämpfter Stimmung vor ihren Häusern, ein kleines Mädchen weint. Auf der Lokalseite Nola.com steht schon ein Artikel, die Reporterin fragt die Anwohner, was sie gesehen haben. Sie ist noch keine 30. Polizeireporter sind die Einstiegsjobs hier, meist machen ihn junge weiße Frauen. Ihr Fotograf knipst für die Bildergalerie.

„Die Generation dieses jungen Gentleman ist verloren“, höre ich eine ältere schwarze Lady sagen, die sich auf der Treppe vor dem Haus unterhält. Es ist nicht klar, ob sie das Opfer meint, jemand anderen oder den Täter. Wenn es Gang-Sachen sind, schweigen Zeugen oft aus Angst. Selbst Morde bleiben hier häufig unaufgeklärt, vor allem, wenn Afroamerikaner die Opfer sind. Die Polizei hat nicht genügend Beamte. Immerhin: Die durchschnittliche Wartezeit auf die Polizei nach einem Anruf bei 911 ist inzwischen von 88 Minuten auf 74 Minuten gesunken. Bei Notfällen von 19 auf 15 Minuten. „Vielleicht war es ein Shootout?“, fragt ein junger Weißer einen jungen Schwarzen. Im Jahr 2016 wurden in New Orleans 171 Menschen ermordet, die Zahl von Schießereien mit mindestens einem getroffenen Menschen ist mehr als doppelt so hoch.

Der Tatort liegt 650 Meter von unserer Adresse entfernt, doch Entfernungen sagen nichts aus in dieser Stadt. Jeder Block ist anders. Und nach Tageszeit. Diese Stadt verändert ihr Wesen, wenn es Nacht wird, und man überlegt sich genau, wohin man nachts sicher mit dem Fahrrad kommen kann und weiß, in welchen Vierteln man auch im Auto auf den großen Straßen bleiben sollte. Wenn Du weiß bist, ist die Wahrscheinlichkeit sehr viel geringer, getötet zu werden. Ohnehin kennen sich Opfer und Täter meist. Aber Überfälle und Auto-Entführungen können dich zufällig erwischen, wenn du nicht gut aufpasst oder einfach Pech hast. Und natürlich entscheidet dein Gehirn nach Hautfarbe, wenn dir nachts in der Nachbarschaft ein oder mehrere Jungs entgegenkommen. Die Erkenntnis schmerzt, aber das ist so, auch wenn bei den Sachen <Mord der weiße Anteil sehr beachtlich ist.

Mit der Zeit gewöhnst du dich an solche Zustände. Angst spielt im Alltag keine Rolle, aber eine Gefühl der Vorsicht und Eingeschränktheit. Manchmal kommst Du an einem abgesperrten Tatort vorbei und fragst Dich, was schon wieder passiert ist. Ich lese noch manchmal in der „Crime“-Rubrik, was passiert. Du merkst, wie sich die einzelnen Stadtviertel entwickeln, wo wieder mehr passiert. Die Kriminalität lässt sich hier nicht ohne die hohe Schusswaffen-Quote und Drogensucht, aber auch nicht unabhängig von schwarzer Armut und menschenverachtender Einsperr-Praxis erklären. Das ist die Sache: Die meisten Menschen hier wollen einfach nur ein gutes Leben für sich und die Familie. Gesellschaft und Staat machen es den Schwarzen aber schwerer als den Weißen.

Gleichzeitig gibt es keine Entschuldigung für die Beiläufigkeit, mit der hier oft ein Leben ausgelöscht wird. Und nicht für die Brutalität, mit der das manchmal geschieht. (Achtung, drastisch) Was für ein Mensch ist dazu fähig, einem Vater in den Kopf zu schießen, während der seine dreijährige Tochter auf dem Arm hat und gerade mit Verwandten und Freunden grillt? Was für ein Perverser richtet ein junges Paar im Auto hin und tötet mit dabei das noch nicht geborene Kind, nur 14 Tage, bevor es auf die Welt gekommen wäre? Was ist das für eine Welt, in der ein kleiner Junge einen künstlichen Ausgang bekommt, weil er auf dem Rücksitz saß, als vorne im Auto der Körper seines Vater mit Kugeln durchlöchert wurde? Warum wird der junge Musiker, schon mit Vertrag als Produzent in Dallas ausgestattet und den Umzug vorbereitend, an einem sonnigen Sonntagnachmittag erschossen, während er alleine im Auto auf seine Freunde wartet? Zu viele Mütter haben hier ihre Söhne verloren, zu viele Söhne ihre Väter. Und viele dieser Verbrechen werden niemals aufgeklärt. Mörder leben in den Straßen dieser Stadt.

Und doch gibt es eben die andere Seite der „Inner City“. Die Lebensfreude, Gemeinschaftlichkeit, Hoffnung und Altersweisheit. Die Menschlichkeit. Aber ich frage mich, als ich den Tatort mit meinem Fahrrad hinter mir lasse: Wann, wann endlich kann die Menschlichkeit in New Orleans über Schmerz, Gewalt und Tod hinauswachsen und siegen?

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Jahreszeiten ohne Jahreszeiten

Bayou
Freitagnacht hat es hier an der Tür geklopft. Wenn es sich nicht um einen besoffenen Bekannten handelt, ist das in dieser Stadt ein Alarmsignal. Es gibt zu viele Schusswaffen, um während eines Einbruchs zuhause sein zu wollen. Doch es war nur der Wind aus Norden, der den Herbst mitgebracht hatte.

Oder das, was der Herbst hier dieses Jahr ist: Erstmals seit Mitte April tagsüber weniger als 25 und nachts unter 20 Grad. Ich musste erstmal Inventur im Schrank machen, weil ich wirklich nicht mehr wusste, welche langärmligen Kleidungsstücke ich noch besitze.

Das klingt fantastisch und ist es durchaus auch. Andererseits bin ich mit den Jahreszeiten groß geworden und vermisse sie ein wenig. Dieses Jahr habe ich Ende September in den Bergen hinter San Antonio das erste Herbstlaub gesehen, wie ich es aus Europa kenne. Es hat sich vertraut angefühlt. Und seltsam: Sowohl in Kalifornien, als auch jetzt in Louisiana funktionieren Jahreszeiten als Konzept nicht. In San Francisco war das Wetter immer ähnlich und selten gut, der Sommer völlig vernebelt. Hier in New Orleans breitet sich Sommerwetter über weite Teile des Kalenders aus und bringt die Zeit zum Schmelzen.

Ich erinnere mich noch, als ich im Mai auf dem Fahrrad durch die Stadt gefahren bin und es wie Hochsommer in Deutschland gerochen hat. Dieser Duft aus Sonne und in der Hitze röstendem Gras. Diese Tage daheim, wenn du weißt, dass die Sonne heute keine Gefangenen macht und selbst die Abende heiß werden.

Oh Junge, was wusste ich schon, was noch kommen würde.

Wir kannten den Sommer in New Orleans von Besuchen. Aber ihn zu leben – eine ganz andere Sache.

Der Sommer in New Orleans ist 35 Grad schwer, feucht wie ein gebrauchtes Handtuch und er macht deine Gedanken müde.

Ein damn hot motherfucker.

Oder, wie ein Einheimischer erklärte: “Du brauchst mich vor vier gar nicht für irgendwas anzurufen, ich gehe nicht aus dem Haus.”

Die Geckos flüchten in den Schatten und die Katzen machen unter dem Haus ein Dauerschläfchen, bis die Sonne unter lautem Protest-Zirpen der Grillen untergeht. Die Kakerlaken krabbeln durch den Garten und du bist froh, dass sie nicht die Flügel ausbreiten und in dein Haus flattern oder dir ins Gesicht klatschen. Sommer ist, wenn die Klimaanlage arbeitet und der Rest des Lebens stillzustehen scheint. Wenn Du dich immer umguckst, wo gerade Gewitterwolken aufziehen (August, damn you!). Wenn die Hinterhöfe den sauren Duft annehmen, der dich an den Italien-Urlaub deiner Kindheit erinnert.

Lake Ponchartrain

Wenn die Pimm’s Cup in den Bars den Sacerac verdrängt.

Wenn der beste Barbecue-Platz nicht in Deinem Garten, sondern unter dem Freeway ist.

Wenn du Sonntagnachmittag durch die Straßen läufst und auf der Veranda die Drinks geschlürft werden. Denn was gibt es sonst zu erledigen?

Wenn du mit Eisbeutel im Bett einschläfst.

Teile des Sommers waren hier wie der deutsche Winter: Du kannst eigentlich nicht aus dem Haus. Und Schnupfen hast du auch, von der wie immer viel zu ambitioniert operierenden Klimaanlage im Einkaufszentrum.

Deshalb beginnt jetzt eigentlich die gute Zeit, selbst wenn ich mich wieder in die Funktionsweise einer Jacke einarbeiten muss. Beim Blick auf die Temperaturen hat sich irgendwann die nostalgische Vorstellung des Heimat-Herbstes vom realexistierenden “einstellige Temperaturen, und das tagsüber”-Herbst geschieden. Andererseits, der Frühling dann wieder…

Ninth Ward

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Hurrikan-Saison an der Golfküste

Von Ende August bis Anfang Oktober ist die Hochphase der Hurrikan-Saison im Golf von Mexiko. Anders als ein kalifornisches Erdbeben kommen Stürme mit Ankündigung, aber halbwegs Gewissheit gibt es meist erst etwa 48 Stunden vor dem Eintreffen an der Küste – und selbst dann kann sich die Route noch etwas ändern. Und die Folgen können je nach Windstärke andauernde tropische Regenfälle, Stromausfall (von wenigen Stunden bis hin zu mehreren Wochen) oder Evakuierung sein.

Wenn du hier lebst, lernst du, was wichtig ist. Wenn du verreist, packst du die wichtigsten Dokumente in eine verschließbare Box und verstaust sie weit weg vom Boden, falls es während der Abwesenheit Überschwemmungen gibt. Am besten steckst du vor dem Urlaub den Kühlschrank aus, weil deine Wohnung sonst nach einem mehrtägigen Stromausfall sehr unangenehm riechen wird und Kakerlaken eingezogen sind.

Bei den Vorräten ist die Faustregel mindestens eine Woche Wasser und für drei Tage Essen, das nicht gekocht werden muss oder auf dem Gartengrill funktioniert. Dazu Taschenlampen, Kerzen und ein Radio. Es gibt erstaunliche Erfindungen, die Taschenlampe, Radio und Solar-Ladegerät verbinden (U-S-A! U-S-A!).

Doch das größte Problem ist bei Temperaturen von 27 Grad nachts, 32+ Grad tagsüber und 60+ Prozent Luftfeuchtigkeit natürlich, dass die Klimaanlage ausfallen wird. Und New Orleans ist im Sommer ohne Klimatisierung ziemlich schwer erträglich, zumindest im 21. Jahrhundert und für verweichlichte Zugereiste wie uns. Neulich haben wir für andauernde Stromausfälle den Tipp „in die kalte Badewanne legen und sich abends in den Schlaf trinken“ bekommen.

Und der Sturm stellt dich irgendwann vor die Frage, ob du bleibst oder gehst. Das Auto muss aufgetankt sein, du packst die wichtigsten Dokumente und etwas Nahrung ein und fährst los. Du solltest wissen, in welche Richtung. Wenn du Pech und keine Verwandten hast, sind die Motels in einem Umkreis von mehreren Hundert Kilometern ausgebrucht. Wenn du viel Pech hast und dich zu spät entscheidest, stehst du im Mega-Stau, weil hier nur drei Straßen aus der Stadt führen (nördlich von hier ist der riesige Lake Pontchartrain, der nur über zwei Brücken überquert werden kann)

All das bleibt uns hoffentlich erspart. Ich habe in den vergangenen Wochen viel über Stürme gelernt, wie sie sich bilden, was sie begünstigt und ihre Route beeinflusst. Ich verstehe jetzt das Spaghetti-Modell mit den verschiedenen Routen-Prognosen. Naja, ein bisschen zumindest. Der Golf von Mexiko ist sehr heiß dieses Jahr, die Regenfälle und Überschwemmungen westlich von hier zeugen davon. Eine tropische Depression kann hier zu einem Sturm wachsen.

Im Moment ist ein solches System (Bezeichnung „Tropical Depression 9“, bis es Sturmstärke und einen Namen bekommt) an die amerikanische Küste unterwegs, aber es trifft am Donnerstag wohl Florida. Ich habe viel gelernt über Stürme, aber das theoretische Wissen genügt mir ehrlich gesagt. Aber natürlich wird irgendwann wieder ein Hurrikan die Stadt treffen, das ist sicher.

Die Menschen von hier haben von Kleinauf gelernt, was zu tun ist und wie sie sich versorgen müssen, soweit sie dazu in der Lage sind. Aber der Rest? Neulich meinte jemand von hier, die ganze „New Orleans Renaissance“ durch die jungen Zugezogenen aus New York und sonstwo werde spätestens nach dem nächsten größeren Sturm vorbei sein. „Sie werden alle verschwinden, sobald sie mal vier Wochen ohne Strom gelebt haben.“

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Leben in den Projects

Mack Terrance über seine Kindheit in der Sozialsiedlung Magnolia:

„You’re out in the courtyard, maybe playing two-hand touch football and a guy just walks up to another guy and just shoots him 20, 30 times. (…) Over time it becomes normal to where it’s, ‚Oh, somebody got killed? OK. Whatever.‘ And that’s pretty much how it was growing up in the Magnolia projects. (…) There’s a saying in New Orleans that explains it all:’Murder make you famous.‘ If you murder a few people, the women are going to love you. That’s crazy. It sounds crazy. It is crazy. But that’s New Orleans. She sees fast money, nice clothes, nice shoes. ‚I can go shopping in Saks. My boyfriend sells drugs. He killed five people. That’s my boyfriend.‘ Now she has a name.“

Seine ganze Geschichte ist sehr lesenswert, weil sie einen schonungslosen Blick auf die Realität dort (und seinen eigenen Werdegang) gibt. Magnolia gehörte zu den „Big Four“ Projects, die wegen ihrer Gewaltkriminalität zu den kaputtesten Orten der USA gehörten (und Projects sind in fast jeder Stadt Kriminalitätsbrennpunkte). Das Stadtviertel Central City war lange der Ort mit den meisten Gefängnisinsassen pro Einwohner in den USA.

New Orleans public housing

Nach Katrina wurden die meisten Projects abgerissen (im Bild St. Bernard im Jahr 2006), eine umstrittene Entscheidung, denn natürlich bekam ein Großteil der Bewohner keinen adäquaten Ersatz. Und Wohnungsgutscheine nimmt fast kein Vermieter. Inzwischen hat sich viel von der Gewalt in den Osten der Stadt verlagert, ohne dass es in den meisten anderen Vierteln nachts besonders sicher wäre. Und so freundlich die Neubauten auf den Projects-Geländen aussehen, Central City ist einer der Orte, den Du mit dem Fahrrad auch tagsüber meidest und nach Einbruch der Dunkelheit selbst im Auto nur auf Hauptstraßen durchquerst.

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Burroughs in New Orleans

Mississippi River - Ship Rounding Algiers Point in New Orleans - Headed Upriver

„It was on a road that ran across a swampy field. The house was a dilapidated old heap with sagging porches running around and weeping willows in the yard; the grass was a yard high, old fences leaned, old barns collapsed.“

So beschreibt Jack Kerouac in On The Road seinen ersten Eindruck vom Haus, in dem William S. Burroughs lebte. Es liegt in Algiers, einem Stadtteil von New Orleans auf der anderen Seite der Brücke.

Die Welt aus On The Road war für mich als Teenager eine jener Landschaften, die sich mit solcher Macht in deiner Fantasie aufbauen, dass du sie noch Jahrzehnte später besuchen kannst. Gerade der Mississippi, dieser in der Dunkelheit dampfende braune Fluss war fast ein mythischer Ort. Dass ich ihn einmal sehen, riechen, ja sogar in seiner Nähe leben würde wäre für mein Teenager-Ich ein zu gewaltiger Sprung in meiner Vorstellungskraft gewesen. Mit Nähe ist leider wirklich nur Nähe gemeint, denn ein Großteil des Flussufers ist hier zugebaut oder abgesperrt.

Diesen Zustand beklagte in On the Road schon Burroughs himself, der 1948/49 mit seiner Familie in New Orleans lebte – vor allem, um in der Hafenstadt seiner Heroinsucht nachzugehen. „Furchtbar langweilig“ nannte er die Stadt, was auch daran lag, dass Weiße damals nicht in die Viertel der Schwarzen gehen durften (und umgekehrt). Denn musikalisch war New Orleans damals vielleicht das musikalische Zentrum der Welt (1949 führte Louis Armstrong als König die afroamerikanische „Zulu-Parade“ im Karneval an, während Burroughs auf der anderen Flussseite in einer anderen Welt lebte).

Auch Algiers ist heute geteilt, aber wie fast ganz New Orleans entlang sozialer Linien (die leider oft mit der ethnischen Zugehörigkeit zusammenfallen): Es gibt Richtung Fluss einige wohlhabende und relativ friedliche Ecken, um ihre Zukunft ringende Familien aus der Mittelschicht und auch viel Armut und Perspektivlosigkeit. Es ist nicht einfach, hier seine Kinder großzuziehen, es gibt keine Jobs und immer wieder knallt es. Neulich haben sich zwei Autofahrer gestritten, dann aufeinander geballert und sind dabei in ein Haus gerast.

Und mittendrin in diesem urbanen Mosaik steht das Burroughs-Haus, es hat sogar ein Erinnerungsschild im Garten (und der Nachbar jätet Unkraut).

Former Home William S. Burroughs

Natürlich ist das Haus viel kleiner als in meiner Fantasie, aber so ist das irgendwie immer mit der Realität. Und darum geht es auch nicht, sondern darum, dass ich auch schon einmal hier war: Dort, wo sie im Garten saßen und redeten und rauchten und sich zudröhnten und tranken. Weil ich dabei war, als ich es las.

Jetzt ist keiner mehr da, alle sind sie ihren Weg gegangen. Burroughs musste 1949 nach Mexiko fliehen, weil sie ihn mit Drogen erwischt hatten. In Mexiko dann erschoss er aus Versehen sein Frau, aber das ist eine andere Geschichte und irgendwann sind sie dann alle gestorben. Aber diese Momente, diese wenigen Tage hier, die bleiben für immer. Und ich kann es riechen, was Kerouac damals im Frühling beschrieben hat, weil wieder Frühling ist und der hier vermutlich immer so riechen wird, solange noch Menschen in diesem modernen Atlantis leben:

„The air was so sweet in New Orleans it seemed to come in soft bandannas; and you could smell the river and really smell the people, and mud, and molasses, and every kind of tropical exhalation with your nose suddenly removed from the dry ices of a Northern winter.“

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Buttermilk Drops – eine Geschichte aus New Orleans

Buttermilk Drops

Buttermilk Drops sind ein zauberhaftes Gebäck aus New Orleans. Ein feiner Buttermilch-Teig (bei Bedarf mit Frucht-Anteil), frittiert und überzogen mit Zitronenglasur, geformt zu runden Mini-Krapfen. So einfach – und doch so gut, dass ich als Franke mit höchsten Ansprüchen an Krapfen-Gebäck überwältigt bin. So sehr, dass ich regelmäßig mein Fahrrad umsteuern muss, weil es Richtung Gentilly abbiegen will (oder ist es mein Unterbewusstsein?).

In Gentilly verirren sich nur selten Touristen, die Gegend gehört zum raueren Teil der 7th Ward und gerade die St. Bernard ist eine dieser Straßen, die in der Abenddämmerung ihren Charakter ändern. Dort in der Nähe steht die Buttermilk Drop Bakery. Manchmal trinken ein paar Jungs vor der Tür oder aus dem Kofferraum ihres Autos Bier, die Kultur des Abhängens ist nicht nur Zeichen der Entspanntheit dieser Stadt, sondern auch der Perspektivlosigkeit afroamerikanischer Männer.

Buttermilk Drops

Drin ist die Einrichtung eher schlicht, hinten die Backstube, vorne die Auslage mit Donuts und den Buttermilk Drops. In der Mitte können Kunde und Verkäufer durch ein kleines Fenster kommunizieren. Ich nehme an, sie haben hier schlechte Erfahrungen gemacht. In New Orleans bleibt keine Tankstelle, keine Bäckerei, kein Eisladen von Raubüberfällen verschont.

Buttermilk Drops

Aber das alles würde – abgesehen von den Backwaren – die Buttermilk Drop Bakery noch nicht außergewöhnlich machen, wäre da nicht ihr Chefbäcker: Dwight Henry ist inzwischen einem größeren Publikum als Wink, der Vater im Film „Beasts of the Southern Wild“ bekannt. Er wurde entdeckt, als er Donuts beim Dreh im Süden Louisianas servierte. Auch in „Twelve Years A Slave“ spielte er später eine Nebenrolle.

In einer Stadt wie New Orleans kann ein Bäcker zum Schauspieler werden und niemand hält das für ungewöhnlich, weil hier ziemlich viele Menschen irgendeinem kreativen Hustle nachgehen. Typisch New Orleans ist allerdings auch, dass sehr viele Dinge hier in Ärger münden.

Genau wie die Geschichte von Dwight Henry und den Buttermilk Drops: Vor anderthalb Jahren eröffnete er einen ähnlichen Laden im French Quarter und zerstritt sich offenbar mit dem (Mit)eigentümer der Original-Bäckerei, denn der zeigte ihn an: Henry hatte sich dort mehrere Tausend Dollar aus der Kasse genommen.

Demnächst beginnt der Diebstahl-Prozess, eine Haftstrafe droht. Henry streitet in einem separaten Zivilprozess darüber, ob er Teilhaber des Ladens war (und damit rechtmäßig Geld aus der Kasse nahm). Es ist etwas chaotisch und hässlich, nebenbei kam noch heraus, dass Henry vor ein paar Jahren bei einer Superbowl-Party einen Mann erstochen hat, seiner Aussage zufolge aus Notwehr (die Staatsanwaltschaft erhebt keine Anklage). Die Pfade und Verhältnisse sind etwas verworrener hier, und das Glück etwas flüchtiger. Und Leben und Tod bahnen sich irgendwo dazwischen ihren Weg.

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New Orleans: Null Toleranz (für schlechtes Essen)

Nola_Restaurants

Natürlich muss ich, wenn ich über New Orleans rede, über das Essen reden. Ich habe noch nie in einer Stadt gelebt, in der Kochkunst eine solch exponierte Rolle einnimmt. Die Menschen schwelgen hier in Erinnerungen an Mahlzeiten, wie in Deutschland über legendäre Fußball-Spiele geredet wird.

Selbst in Imbiss-Läden ist das Essen in der Regel gut, außergewöhnlich gut zum Teil (außerhalb des French Quartiers zumindest). Das scheint damit zu tun haben, dass es hier keine gesellschaftliche Toleranz für schlechtes Essen gibt. Und doch würde niemand hier eine ordentliche Portion Reis und Bohnen ablehnen. Ordentlich bedeutet hier übrigens schmackhaft, nicht groß. Ganz der französischen Tradition entsprechend geht es um das Erlebnis, nicht die schiere Masse.

Als Vegetarier bleibt mir ein Teil der Cajun und Creole Kitchen (der Unterschied ist hier beschrieben) verwehrt, und ich hadere ein bisschen damit, wenn auch nur geschmacklich. Andererseits wurden inzwischen schon viele Gerichte in das Fleischlose übersetzt oder neu erfunden; und neulich erzählte mir die Besitzerin des famosen Kochbuch-Ladens hier ums Eck, dass sie hier seit Jahrzehnten als Vegetarierin gut lebt. Und außerdem ist – jenseits des French Quarter zumindest – New Orleans nicht nur die Stadt von Meeresfrüchten, Fisch und lange gekochtem Fleisch, sondern hat auch außergewöhnliche Mexikaner, Italiener, Jamaikaner, Vietnamesen etc.

Was ich in San Francisco gastronomisch vermisst habe, waren Außenbereiche. Die gibt es hier überall und sie sind, Golf-Klima sei Dank, fast ganzjährig nutzbar. Hier ist viel Platz und auch viel kaputt, aber eben auch mit viel Liebe wieder hergerichtet (vielleicht auf dem dunklen Foto vom Casa Borrega oben erkennbar). Die Architektur hier lädt ein, etwas Besonderes aus Grundstück und Einrichtung zu machen.

Und dann wäre da noch die Kombination Essen und Alkohol: Fast alle Restaurants haben eine gut bestückte Bar, häufig in einem separaten Raum; fast alle Bars, Vinotheken oder Clubs haben wiederum eine eigene Küche oder einen Kochplatz, der von täglich rotierenden Köchen oder Wander-Caterern besetzt wird. Und habe ich erwähnt, dass uns bislang keine schlechten Köche untergekommen sind? Du hörst also einen Pianisten, eine Jazzband, eine lokale Rockcombo oder irgendeinen Solo-Künstler mit seltsamem Instrument, trinkst günstig (Cuba Libre 4 US-Dollar!!??) und isst, was die Küche so hergibt. Zur Happy Hour – die in einigen Läden länger als ein Arbeitstag dauert – intensivieren Touristen und mancher Einheimische diese Praxis.

Die Schattenseite einer solchen Trinkkultur: Hier gibt es die Sitte, betrunken Auto zu fahren, weshalb man nachts im Verkehr höllisch aufpassen muss. Eine freundlichere Folge der Esskultur: Während in San Francisco die Jogger meist dürre Fitness-Puritaner waren, ist der Stadtpark von New Orleans ein Treffpunkt für all jene, die gegen die sichtbaren Folgen der guten Küche anlaufen.

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