Zivilgesellschaft

 Kritik der Zivilgesellschaft (€)

„Dass ausgeprägte Zivilgesellschaftlichkeit per se zu einer Stabilisierung und Vertiefung von Demokratie und zu gesellschaftlichem Zusammenhalt führen werde, wie in Festreden zum ‚bürgergesellschaftlichen Engagement‘ regelmäßig behauptet, ist eine fahrlässige Vermutung. Vielmehr gewinnt man den Eindruck, als gebe es eine verborgene Gemeinsamkeit zwischen marktorthodoxen Wirtschaftsliberalen und gemeinsinnigen Bürgergesellschaftern. Die Wirtschaftsliberalen glauben bekanntlich fest an die „invisible hand“ des Marktes, die das Allgemeinwohl schon richten werde und ein Optimum an Vernunft zum Resultat hat. Die Bürgergesellschafter glauben ebenso fest an die unsichtbare Hand des selbstorganisierten dritten Sektors, dessen Aktivität im Ergebnis Gemeinsinn und Gemeinwohl hervorbringen müsste. Das allerdings ist höchst zweifelhaft. Denn am Ende aller Eigeninitiative muss nicht das wohlgeordnete Ganze, schon gar nicht das Gemeinwohl stehen.“

Lohnende Lektüre: Franz Walter erinnert anhand der Gründerkrise 1873 und der Weimarer Republik 1923 daran, dass aus der Vernetzung bürgerlicher Schichten nicht zwangsläufig eine Vernunftbewegung entstehen muss, wie gerne in den Appellen an die „Zivilgesellschaft“ gefordert wird. Sondern dass, in diesen Fällen, die dortige Reaktion auf Wirtschafts- und Gerechtigkeitskrisen das Land auf ein reaktionäres (1873) bis faschistisches Gleis setzte.

Bei der Lektüre ist mir aufgefallen, dass nicht nur die „Zivilgesellschaft“ ein recht unscharfer Begriff ist, sondern auch die heutige Idee dessen, was Bürgerlichkeit/Bürgertum etc. eigentlich bedeuten. Walters Text lässt sich ja je nach Vorliebe als elitär oder anti-elitär interpretieren – je nachdem, welche gesellschaftliche Position man dem Bürgerlichen zugesteht (ob diese Kategorien hilfreich sind, ist eine andere Frage).

(via)

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Chinas Scoring und das Versprechen dahinter

Simina Mistreanu mit einem sehr informierten Stück über Social Scoring in China, hier über ein Pilotprojekt in Rongcheng. Alle Bewohner starten mit 1000 Punkten.

„Wenn du ein Knöllchen bekommst, verlierst du fünf Punkte. Wenn dich die Stadt auszeichnet, zum Beispiel für eine Heldentat, ein Vorzeige-Geschäft oder wie du deine Familie unter ungewöhnlich harten Umständen unterstützt: Dein Score steigt um 30 Punkte. Für eine Auszeichnung einer Abteilung kriegst du fünf Punkte. Du kannst auch Punkte bekommen, wenn du für eine wohltätige Organisation spendest oder Freiwilligenarbeit in einem städtischen Programm absolvierst. (…) Je nach Punkten erhalten die Bewohner eine Note von A+++ bis D. Einige Verstöße haben große Folgen: Betrunken Auto zu fahren befördert dich sofort in die Kategorie C. Andererseits bedeutet A+++, dass du die öffentlichen Fahrräder ohne Kaution nutzen kannst (…), im Winter umgerechnet 50 Dollar Erlass auf die Heizrechnung erhältst oder vorteilhafte Konditionen bei Bankkrediten bekommst.“

Life Inside China’s Social Credit Laboratory

Entgegen dessen, was häufiger zu lesen ist, gibt es offenbar keine zentrale Datenbank. Ich bin mir sicher, dass es auch im Westen Anhänger dieses Extrem-Social-Scorings geben wird – bei weitem keine Mehrheit zwar (hoffe ich), aber durchaus Parteien und Bürger, die das wollen: als verschärfte Form des Nudging, im Glauben an die objektive Messbarkeit durch Daten, mit dem offiziellen Anspruch von gesellschaftlicher Fairness/Leistungsobjektivität (durch Konformität) und dem Versprechen von besserer Sicherheit/innerem Frieden. Wir sind zwar keine Anhänger des Konfuzianismus, aber die Maxime „Leistung muss sich lohnen“ ist am Ende doch recht kontextabhängig. Und dieser Kontext wird in den nächsten Jahrzehnten auch und immer stärker chinesisch beeinflusst sein, wenn wir auch gerade selber für die Normalisierung der Idee des Autoritarismus sorgen.

Mehr zu Chinas Strategie, hier im Kontext der neuen Seidenstraße, in diesem Vox.com-Video (angemerkt sei, dass die Realität sich immer als etwas unordentlicher und unberechenbarer als die Strategie herausstellt):

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Theater-Intrigen und Kulturpromiskuität

„Ein Mitarbeiter der Kulturverwaltung hält in einem internen Vermerk für Staatssekretär Renner fest, dass in Dercons Kalkulation die Mietkosten für Tempelhof fehlen. Das schien keine Rolle gespielt zu haben. Die Kosten des millionenschweren Umbaus eines Hangars zur Bühne wurden weder von Dercon noch von der Kulturverwaltung kalkuliert. Weder im Etat der Kulturverwaltung noch an anderer Stelle im Landeshaushalt werden dafür Mittel bereitgestellt. Die Tempelhof-Konstruktion ist von Anfang an ein Luftschloss.“

Der Fall Chris Dercon: Chronik eines erwartbaren Scheiterns

Berlin bleibt eben doch Berlin. Was in dem ganzen Dercon- und auch Lilienthal-Krach in München mitzuschwingen scheint, ist neben konsequenter Desorganisation der Verantwortlichen ein recht konservatives Theater-Stammpublikum – konservativ im Sinne von „haben uns an einen bestimmten Stil gewöhnt“.

Vielleicht hängt der Zuschauer-Rückgang aber neben dem Künstlerischen auch mit einer wachsenden „Kulturpromiskuität“ zusammen, ein ganz hilfreicher Trendbegriff hier drüben: Seit 2011 geben die US-Amerikaner weniger für Theater- oder Museenabos aus, sondern werden von loyalen Unterstützern einzelner Kultur-Institutionen zu – der wachsenden Auswahl folgend – ihren eigenen Kuratoren. Worin sich eine gewisse Ironie verbergen würde, Dercon war ja genau wegen seines Kuratoren-Ansatzes in Teilen des Berliner Theaterbetriebs so verhasst.

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Zuckerhearings

Zuckerberg vs. US Senate, Round 1: Reasonable Expectations
Privacy Beyond the Individual
Zuckerberg’s House Hearing, Toutiao’s Apology, Apple’s Siri Hire ($)

Wie wären die Reaktionen auf das Facebook-Hearing gewesen, wenn ein Computer dem US-Kongress Rede und Antwort gestanden hätte? Okay, natürlich lässt der Auftritt Zuckerbergs Rückschlüsse auf Facebook zu, weil er ja diesen ganzen Gründermythos etc. verkörpert und FB sehr darauf zugeschnitten ist. Aber diese ganze Performance-Rezeption, wie menschlich oder souverän er gewirkt hat, ist natürlich ein etwas schiefer Rahmen, wenn wir über Regulierung diskutieren wollen (mein eigenes Stück von Mittwochmorgen findet sich @SZ und ist mein Versuch, dem Performance-, Fachpolitik- und Rezeptionskontext Rechnung zu tragen).

Die drei oben verlinkten Stücke arbeiten recht gut heraus, um was es geht: Das Konzept von Privatsphäre in den USA und die Frage, was man „vernünftigerweise an Privatsphäre erwarten kann“ – die Debatte geht ja über Werbe-Tracking hinaus und betrifft auch digitale Überwachung, Durchsuchung etc.

Versteht also ein Nutzer zum Beispiel, dass er getrackt wird, wenn er eine Seite mit Like-Button besucht? Zuckerberg konnte die Senatoren und Abgeordnete dadurch etwas von der Debatte ablenken, dass er immer vom Eigentum der Nutzer an den Daten sprach, die sie explizit hochluden – aber natürlich gibt es eben auch die Daten, die Facebook über Nutzer sammelt und gruppiert (und dieser Datenkorb lässt sich eben nicht „herunterladen“). Und hier verläuft die Grundsatzdiskussion: Weiß der durchschnittliche Nutzer, welchem Tracking-Ausmaß er mit Bestätigung der AGBs zustimmt – wie verhält sich die Antwort auf diese Frage zu genannten „vernünftigen Erwartungen“?

 

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Das Fatale in Optimismus und Pessimismus

 Fatalism, Freedom, and the Fight for America’s Future

David Runciman arbeitet sich in diesem langen, lesenswerten Text an Optimismus und Pessimismus ab. Seine Feststellung: „Unterschiedliche Meinungen darüber, ob die Welt besser oder schlechter wird, sind zu einem weiteren Dialog unter Gehörlosen geworden“.

Runciman vereinigt aber beide Gegensätze unter einem Konzept, dem des Fatalismus: Die Vorstellungen eines Steven Pinker, dass wir den natürlichen zivilisatorischen Fortschritt nur durch fehlgeleiteten Pessimismus aufhalten können. Und die pessimistische Vorstellung, dass wir uns auf eine Katastrophe zu bewegen und überhaupt nichts ändern können. Beides (ich vereinfache sein komplexes Argument) beschränkt letztlich die Zukunft darauf, sich aus festgelegten Mustern der Gegenwart abzuleiten.

In diesem Zusammenhang ist auch Technoptimismus (zum Beispiel: wir werden technologische Lösungen finden, um die Folgen des Klimawandels zu mildern) für Runciman nicht selbsterfüllend, sondern selbstzerstörend – weil er nicht erkennt, dass darin ein sehr beschränkter Möglichkeitshorizont angelegt ist. Die Perspektive auf eine echte „offene Zukunft“ zu entwickeln heißt also, mit einer Katastrophe zu rechnen, ohne die Bereitschaft aufzugeben, sie durch harte Arbeit zu verhindern. Ein Paradox, in dem ich meine eigene Haltung wiederfinde.

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Kayfabe

Wrestlemania: Von Herzen amerikanisch

Wrestling fasziniert mich auf unterschiedlichsten Ebenen: Einige davon haben mit Storytelling zu tun, andere mit der Definition von gut/böse oder den unterschiedlichen Wahrnehmungsmodi, in denen der Theatersport funktioniert. Wrestling, das habe ich hier und in Mexiko gelernt, ist auch ganz unterschiedlich mit der Kultur eines Landes verwoben (gleiches gilt auch in Japan, das dritte große Wrestling-Land). Um es kurz zu machen: Ich habe zu dem Komplex im amerikanischen Kontext ein längeres Stück geschrieben, das oben verlinkt ist, und es war mir eine Herzensangelegenheit.

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Estland > Frankreich

Emmanuel Macron talks to Wired about France’s AI Strategy
From AI to Russia, here’s how Estonia’s President is planning the future

Wired hat in den vergangenen Tagen zwei interessante politische Interviews publiziert: Eines mit dem französischen Präsidenten Macron über „künstliche Intelligenz“, das andere mit Estlands Präsidentin Kaljulaid über zivile Digitalisierung und Cybersicherheit. Beide kann ich zur Lektüre empfehlen.

Interessant finde ich die unterschiedlichen Perspektiven, die aber natürlich durch die Themen etwas vorgegeben sind: Macron (bei mir stets unter Schwafel-Verdacht) sieht die Digitalisierung im Kontext der französischen Industrie- und Wirtschaftspolitik und quasi top-down, Kaljulaid dagegen scheint die Digitalprojekte aus den Bedürfnissen der Bevölkerung heraus zu entwickeln – und kann dabei zum Beispiel darauf bauen, dass die Esten der Regierung vertrauen, wenn sie eine Genom-Datenbank zur Erforschung von Gesundheitsrisiken initiiert und versichert, keinen Zugriff darauf zu haben.

Aus dieser Haltung des gegenseitigen Vertrauens und des Konzepts von Politik als (auch) zivilem Dienstleister lässt sich natürlich sehr viel mehr verwirklichen als einzig durch eine zentrale Steuerung von wirtschaftlichen Anreizen und Gesetzesrahmen.

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Vor der Facebook-Distribution

 Ade, Schublade

Im Kampf um die immer kürzer werdende Aufmerksamkeitsspanne des Lesers spielen Eyecatcher und steile Thesen eine immer größere Rolle. Differenzierungen schrecken ab, weil sie nicht zum Hinsehen, Kaufen oder Klicken locken (sowie Arbeitszeit und Manpower benötigen).

Dabei müsste es doch eigentlich genau andersherum sein: Wie David Weinberger bemerkt, dessen Buch “Everything is Miscellaneous“ demnächst in deutscher Sprache (Titel: “Das Ende der Schublade“) erscheint, leben wir in einer Zeit, in der wir uns auf Unschärfen einstellen müssen. Die binäre Welt des Computers hat die binäre Weltsicht des „richtig oder falsch“ zum großen Teil überflüssig gemacht. Das bedeutet, dass die einfache Schlagzeile selbst eigentlich an Wert verlieren müsste, weil sie nicht mehr der Komplexität unserer Welt (und der durch das Netz erreichbaren Informationen) gerecht wird. Als Korrektiv führt Weinberger die Blogosphäre an, die einfache Dinge wieder kompliziert macht und verschiedene Hintergründe zusammenführt.

Soweit, so gut. Aber sind inzwischen nicht alle Formen der „Online-Publizistik“ an die Aufmerksamkeitsökonomie der sekundenschnellen „Pointe“ gekettet, zumindest, wenn es sich um Short-Tailer handelt? „Ja, aber“-Journalismus klickt sich im Netz genauso schlecht wie „Ja, aber“-Blogs.

Notiert habe ich das hier im März 2008, also vor mehr als zehn Jahren. Heute, in der zweiten Hälfte des Social-Media-Zeitalters, wissen wir mehr – zum Beispiel, dass sich ein erstaunlicher Teil der digitalen Öffentlichkeit tatsächlich binär organisiert. Aber viel schlauer sind wir heute nicht.

(Fun fact: Anders als dieses Mal wird in zehn Jahren Journalismus etwas anderes meinen)

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Live by the API, die by the API

„Instagram hat ohne Vorwarnung viele der inoffiziellen Apps, die an die Plattform angedockt sind, kaputt gemacht. Am Wochenende überraschte es Entwickler mit einer massiven Reduzierung der erlaubten Anfragen an die Instagram-API, indem es das Limit von 5000 auf 200 Anfragen pro Stunde senkte. (…) Einige Entwickler gehen davon aus, dass die Änderung mit dem Versuch des Mutterkonzerns Facebook zu tun hat, nach der endlosen Reihe von Datenskandalen die Daten-Privatheit zu verbessern. (…) Dies könnte dazu führen, dass viele Entwickler dem Instagram-Ökosystem den Rücken kehren – nicht, dass die Firma besonders scharf auf einige dieser Programme war. Reports+ verlangt zum Beispiel 3,99 US-Dollar pro Monat, um Menschen Analytics über ihre Instagram-Follower zu liefern (…) Reports+ hat seit Oktober 2016 mehr als 18 Millionen US-Dollar über den App Store und Google Play umgesetzt, alleine im vergangenen Monat 1,2 Millionen.“

Instagram suddenly chokes off developers as Facebook chases privacy

Kleines Selbstzitat aus 2015:

„Die großen Identitätsanbieter sind proprietäre soziale Betriebssysteme, und sie folgen ihren eigenen, von Aktionärsansprüchen geprägten Regeln. Wer Software für Content-Silos baut, muss sich klar darüber sein: Sobald eine Nutzung oder eine Funktion das Geschäft eines Identitätsanbieters gefährdet, werden diese den Zugang abklemmen.“

Lebe auf der API, stirb auf der API. Ich kann mir aber vorstellen, dass wir in ein, zwei Jahren aus unterschiedlichsten Richtungen (Forschung, Regulierer, Firmen aus den angeschlossenen Ökosystemen) Rufe nach verpflichtenden API-Konzepten hören werden.

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Auferstehungen

Die Doku „Fall and Winter“ (von 2013) vollzieht Tod und Auferstehung im Kontext der drohenden ökologischen Katastrophe nach: Sie beschreibt das heranbrechende Zeitalter zivilisatorischer Instabilität und zeigt dann Ideen für das auf, was man oft „ein anderes Leben“ nennt. Natürlich lässt sich diesem Film unter anderem vorwerfen, dass die vorgeschlagenen Lösungen im Kontext der Probleme naiv sind. Inhaltlich würde ich dem gar nicht widersprechen, nur werden wir ohne einen Schuss Naivität das anstehende Zeitalter wahrscheinlich nicht bewältigen können.

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