Zuckerhearings

Zuckerberg vs. US Senate, Round 1: Reasonable Expectations
Privacy Beyond the Individual
Zuckerberg’s House Hearing, Toutiao’s Apology, Apple’s Siri Hire ($)

Wie wären die Reaktionen auf das Facebook-Hearing gewesen, wenn ein Computer dem US-Kongress Rede und Antwort gestanden hätte? Okay, natürlich lässt der Auftritt Zuckerbergs Rückschlüsse auf Facebook zu, weil er ja diesen ganzen Gründermythos etc. verkörpert und FB sehr darauf zugeschnitten ist. Aber diese ganze Performance-Rezeption, wie menschlich oder souverän er gewirkt hat, ist natürlich ein etwas schiefer Rahmen, wenn wir über Regulierung diskutieren wollen (mein eigenes Stück von Mittwochmorgen findet sich @SZ und ist mein Versuch, dem Performance-, Fachpolitik- und Rezeptionskontext Rechnung zu tragen).

Die drei oben verlinkten Stücke arbeiten recht gut heraus, um was es geht: Das Konzept von Privatsphäre in den USA und die Frage, was man „vernünftigerweise an Privatsphäre erwarten kann“ – die Debatte geht ja über Werbe-Tracking hinaus und betrifft auch digitale Überwachung, Durchsuchung etc.

Versteht also ein Nutzer zum Beispiel, dass er getrackt wird, wenn er eine Seite mit Like-Button besucht? Zuckerberg konnte die Senatoren und Abgeordnete dadurch etwas von der Debatte ablenken, dass er immer vom Eigentum der Nutzer an den Daten sprach, die sie explizit hochluden – aber natürlich gibt es eben auch die Daten, die Facebook über Nutzer sammelt und gruppiert (und dieser Datenkorb lässt sich eben nicht „herunterladen“). Und hier verläuft die Grundsatzdiskussion: Weiß der durchschnittliche Nutzer, welchem Tracking-Ausmaß er mit Bestätigung der AGBs zustimmt – wie verhält sich die Antwort auf diese Frage zu genannten „vernünftigen Erwartungen“?

 

Facebooktwitterredditlinkedin

Estland > Frankreich

Emmanuel Macron talks to Wired about France’s AI Strategy
From AI to Russia, here’s how Estonia’s President is planning the future

Wired hat in den vergangenen Tagen zwei interessante politische Interviews publiziert: Eines mit dem französischen Präsidenten Macron über „künstliche Intelligenz“, das andere mit Estlands Präsidentin Kaljulaid über zivile Digitalisierung und Cybersicherheit. Beide kann ich zur Lektüre empfehlen.

Interessant finde ich die unterschiedlichen Perspektiven, die aber natürlich durch die Themen etwas vorgegeben sind: Macron (bei mir stets unter Schwafel-Verdacht) sieht die Digitalisierung im Kontext der französischen Industrie- und Wirtschaftspolitik und quasi top-down, Kaljulaid dagegen scheint die Digitalprojekte aus den Bedürfnissen der Bevölkerung heraus zu entwickeln – und kann dabei zum Beispiel darauf bauen, dass die Esten der Regierung vertrauen, wenn sie eine Genom-Datenbank zur Erforschung von Gesundheitsrisiken initiiert und versichert, keinen Zugriff darauf zu haben.

Aus dieser Haltung des gegenseitigen Vertrauens und des Konzepts von Politik als (auch) zivilem Dienstleister lässt sich natürlich sehr viel mehr verwirklichen als einzig durch eine zentrale Steuerung von wirtschaftlichen Anreizen und Gesetzesrahmen.

Facebooktwitterredditlinkedin

Live by the API, die by the API

„Instagram hat ohne Vorwarnung viele der inoffiziellen Apps, die an die Plattform angedockt sind, kaputt gemacht. Am Wochenende überraschte es Entwickler mit einer massiven Reduzierung der erlaubten Anfragen an die Instagram-API, indem es das Limit von 5000 auf 200 Anfragen pro Stunde senkte. (…) Einige Entwickler gehen davon aus, dass die Änderung mit dem Versuch des Mutterkonzerns Facebook zu tun hat, nach der endlosen Reihe von Datenskandalen die Daten-Privatheit zu verbessern. (…) Dies könnte dazu führen, dass viele Entwickler dem Instagram-Ökosystem den Rücken kehren – nicht, dass die Firma besonders scharf auf einige dieser Programme war. Reports+ verlangt zum Beispiel 3,99 US-Dollar pro Monat, um Menschen Analytics über ihre Instagram-Follower zu liefern (…) Reports+ hat seit Oktober 2016 mehr als 18 Millionen US-Dollar über den App Store und Google Play umgesetzt, alleine im vergangenen Monat 1,2 Millionen.“

Instagram suddenly chokes off developers as Facebook chases privacy

Kleines Selbstzitat aus 2015:

„Die großen Identitätsanbieter sind proprietäre soziale Betriebssysteme, und sie folgen ihren eigenen, von Aktionärsansprüchen geprägten Regeln. Wer Software für Content-Silos baut, muss sich klar darüber sein: Sobald eine Nutzung oder eine Funktion das Geschäft eines Identitätsanbieters gefährdet, werden diese den Zugang abklemmen.“

Lebe auf der API, stirb auf der API. Ich kann mir aber vorstellen, dass wir in ein, zwei Jahren aus unterschiedlichsten Richtungen (Forschung, Regulierer, Firmen aus den angeschlossenen Ökosystemen) Rufe nach verpflichtenden API-Konzepten hören werden.

Facebooktwitterredditlinkedin

IT-Ethik (aber für wen?)

Computer science faces an ethics crisis. The Cambridge Analytica scandal proves it.

Ex-Googler Yonathan Zunger schreibt nach dem Facebook-Datenmissbrauch über die Notwendigkeit ethischer Richtlinien in der IT-Branche – und vergleicht es mit den Feldern der Chemie (nach dem Dynamit) und Physik (nach der Atombombe).

Das ist alles sehr richtig und sehr gut, aber was er nur andeutet: Die Verantwortung trifft eben auch die MBAs/BWLer, die in Tech aktiv sind und eine Menge der Entscheidungen und Kennzahlen festlegen, nach denen optimiert wird (siehe auch: „Tech und seine Kulturen“).

Ich will die Techies gar nicht ausnehmen, im Gegenteil: die Debatte ist überfällig, wichtig und wird viel zu leise geführt – ich schreibe ja seit ein paar Jahren immer mal wieder darüber. Aber warum haben wir es schon vor Jahrzehnten aufgegeben, bei Kindern der Betriebswirtschaft irgendwelchen ethischen Haltungen einzufordern, als würden sie nur mit Bilanzzahlen und nicht mit Menschen und Ressourcen hantieren?

Facebooktwitterredditlinkedin

Leben in der Überwachungsmaschine

„Die großen Debatten über Werte und Politik-Ideen, die Wahlkampfteams bereitstellen und in die sie einsteigen sollen, werden durch psychografisch abgeleitete Botschaften ersetzt, die auf jenen immer kleiner werdenden Teil der Gesamtwählerschaft angewendet werden, der noch als überredungsfähig gilt. Die Organisation allen Online-Lebens durch Datenauswertungs-Operationen lässt dieses Ziel erreichbar erscheinen, während eine ganze Industrie von Daten-Wissenschaftlern und Meinungsforscher es als unaufhaltsam verkaufen.“

Cambridge Analytica and Our Lives Inside the Surveillance Machine

(Related Linkdump: Mein Stück zu den Zuck-Interviews)

Facebooktwitterredditlinkedin

Internet: Content und Kommunikation Anfang 2018 (Collage)

Ein paar Stellen, die ich mir in den vergangenen Tagen markiert habe.

CONTENT: When every undocumented action has an opportunity cost

„Jeder mit Zugang zum Internet kann ein Publikum finden, aber es kostet einigen geistigen Grundbesitz: Je mehr wir Social Media benutzen, desto stärker reorganisieren wir unsere Sprache nach dessen Vorgaben, desto stärker bestimmen seine Feeds, wie wir über etwas denken. Auf eine gewisse Art ist das der zeitlose Kompromiss zwischen dem Alleinsein und seinem Gegenteil: Wir können inmitten von Anderen sein, vorausgesetzt wir passen uns an ihre Bedürfnisse und Erwartungen an. Aber die “Anderen” sind in diesem Falle genauso Ausdruck und Nebendestilat der Plattformen, wie sie eine Gruppe von Menschen sind.“

The End of Virality

„Es gab diese Monokultur. Das war, worum es am Ende des vergangenen Jahrhunderts bei MTV ging: Du kommst auf den Sender und jeder kennt deinen Namen. Das Internet hat das zerstört und zum Schlüssel wurde, dass jeder im Internet über ein Thema redet. Das hat eine Weile funktioniert. Aber jetzt, so wie wir uns keine Witze mehr per E-Mail schicken, schicken wir keine süßen Videos oder ähnlichen Quatsch herum und wenn wir das auf unserer Facebook-Seite posten, ignorieren die meisten Leute es, weil den ganzen Tag irgendjemand ihnen ‘guck dir das an’ sagt und sie einfach nicht so viel Zeit haben.“

 The Cry of “Fake News” is the Echo of a Real Problem

„Jeder kann die fehlende Menschlichkeit im Content fühlen. Sie merken, dass er nach Schema F und Fließband aussieht. Sie erkennen, dass der ideologische Rahmen nicht unbedingt deshalb eingezogen wurde, weil die Redaktionen glauben, dass es die Wahrheit ist, sondern weil sie auf mehr Verbreitung über Facebook hoffen.“

 Say goodbye to the information age: it’s all about reputation now

„Wir müssen den Paradigmenwechsel vom Informationszeitalter hin zum Reputationszeitalter berücksichtigen, wenn wir versuchen, uns gegen ‘Fake News’ und andere Misinformations- und Desinformationstechniken verteidigen, die sich derzeit über gegenwärtige Gesellschaften ausbreiten. Eine mündige Bürgerin des digitalen Zeitalters sollte nicht das Erkennen und Bestätigen der Wahrhaftigkeit von Nachrichten beherrschen. Vielmehr sollte sie den reputativen Weg besagter Information rekonstruieren können, die Absichten derjenigen bewerten können, die sie in Umlauf gebracht haben und die Agenden jener Autoritäten herausfinden, die ihr Glaubwürdigkeit verliehen haben.“

Facebooktwitterredditlinkedin

Facebook-Komplex(ität)

 Foot-in-Mouthbook
 The Difference Between Google And Facebook, Facebook’s Pedantry, Facebook and the Value of Data ($)
 Folgenschwere Tage für die Tech-Branche
 Hogwarts Analytica
SZ-FAQ
Jonathan Albright über Facebook Graph v1.0. (Twitter-Thread)

Es wird noch ein paar Monate dauern, bis die Facebook-Cambridge-Analytica-Sache korrekt entwirrt sein wird. Details über die 50 Millionen Nutzerdaten, das konkrete Targeting-Publikum von CA (die als Aufschneider bekannt sind) während des Wahlkampfs, die genauen Abläufe bei der Lösch-Anfrage, weitere Datenabfluss-Apps in the Wild etc. Das wird am Ende weniger im Gedächtnis bleiben als der Eindruck, daher auch mein oben verlinktes Stück im Kontext der vergangenen Tage.

Ich war überrascht, dass die ganze Freundesinfo-Absaug-Sache so überraschend kam, darüber wurde damals auch jenseits der Telefonbuch-Geschichten meiner Erinnerung nach durchaus berichtet. Aber wahrscheinlich nicht gut genug, ein Blick ins DIZ-Archiv  zeigt mir, dass die Einführung des Like-Buttons auf Webseiten größere Aufmerksamkeit erhielt.

Eine Hoffnung: Vielleicht kommen wir jetzt zu einer klugen Debatte über Microtargeting, das nicht dadurch besser wird, dass es Bill Clintons Berater eingeführt haben und Obama es für seine Wahlsiege nutzte (die wachsende Granularität und die Nutzung für Negativ-Botschaften sind letztlich Weiterentwicklungen der Methodik). Wenn wir Pech haben, passiert unterm Strich nicht viel außer Aufregung und Facebook hat ein Argument gefunden, externen Soziologen und anderen Wissenschaftlern den Zugang zu den APIs – unter anderem zur Messung von Facebook-Effekten – zu verwehren.

 

Facebooktwitterredditlinkedin

Service Public

Ein zeitgemässer Service Public in (vorerst) 13 Punkten (Radio & TV sind nicht dabei)

Philipp Meier hat sich gemeinsam mit einigen anderen umtriebigen Schweizern überlegt (auch im Kontext der „No Billag-„Initiative), welche „Dienstleistungen der Öffentlichkeit an der Öffentlichkeit“ zeitgemäß sind. Für den deutschen Kontext würde man wahrscheinlich „öffentliche Aufgaben im Kontext der Digitalisierung“ oder so ähnlich sagen.

Wie auch immer: Es ist ein sehr gutes Fundament für kommende Reformdebatten, der öffentlich-rechtliche RSS-Reader kommt ebenso vor wie die Commons und das Recht auf schnelles Internet und digitale Bildung. (Gerade digitale Seniorenbildung scheint in Deutschland im Vergleich zu den Schuldebatten  ein unterschätztes Thema, inklusive der unterschiedlichen Bedürfnisse)

Facebooktwitterredditlinkedin

Youtube, Wikipedia und Outsourcing

YouTube Is Realizing It May Be Bad for All of Us

Youtube verlinkt unter Videos künftig auf Wikipedia, um Verschwörungstheorien zu entkräften. Was absehbar zu neuen Edit-Wars führen wird, wenn auch die Wiki-Zugriffspolitik auf Artikel inzwischen recht ausgefeilt ist (die Wikimedia hatte Google nicht einmal über ihre neue Policy informiert). Aber die Frage ist sowieso, ob überhaupt jemand die Links wahrnimmt oder sich vom Gegenteil überzeugen lässt.

Sowohl Facebook als auch Youtube wirken hilflos in ihren Versuchen, die redaktionelle Verantwortung von sich weisen zu können und gleichzeitig halbwegs sinnvoll einer gesellschaftlichen Verantwortung gerecht zu werden (oder zumindest den Eindruck zu erwecken). Dass Google jetzt dafür auf ein von freiwilliger Arbeit der Wikipedia-Community zurückgreift, signalisiert eine große Abstumpfung gegenüber dem Eindruck, den Big Tech gerade hinterlässt.

Facebooktwitterredditlinkedin