Technologie

Augmented Reality (assoziativ notiert)

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Priests Hole 360

Augmented Reality wird, Benedict Evans hat das notiert, mehr als nur die Einblendung von Digitalia in die physische Welt sein: Es muss eine Verbindung der beiden Sphären sein, inklusive der Erkennung von Katalogisierung der Objekte des Sichtfelds. Nur so wird AR funktionieren.

Das ist eine neue Ebene im Zeitalter der unendlichen Vermarktbarkeit, für Werbung, Informationen oder digitale Objekte.

  • Die Einblendung digitaler Objekte in die physische Welt.
  • Das Einblenden von Informationen zu Objekten im Sichtfeld.
  • Die Erweiterung oder Veränderung von Gegenständen durch digitale Bildmanipulation.

Facebooks Konkurrenz ist deshalb nicht nur Snap, sondern Amazon, Google, Microsoft auch Apple, wenn es ein Echtzeit-Social-Netzwerk von iOS-Nutzern aufbauen will. Gar nicht zu reden von denen, die im richtigen Moment (also in einigen Jahren) die richtige Killer-Anwendung erfinden. Doch wer das nächste Hit-Sichtgerät entwickelt (AR-Lesebrille, Linsen), hat die API und damit die Macht, einzuladen und auszusperren.

Noch ist unklar, ob wir es wirklich mit der neuen Plattform zu tun haben – und wer an dieser Ebene teilhaben wird: Diejenigen mit der Software oder auch diejenigen, die von der Software erkannt werden. Darin steckt auch die Frage nach den Möglichkeiten der Totalüberwachung, nach weiterem technologischem Ausgesetztsein ohne Einwilligung.

Der Zeitgeist sagt uns, dass Technologie uns von der physischen Welt isoliert; können wir daran glauben, dass wir unterschiedliche Menschen mit solcher Soft- und Hardware wieder zusammenbringen? Wer arbeitet daran und ist das überhaupt etwas, das die meisten Anwender wollen? Die Geburtstagsparty in VR, die bei der Keynote gezeigt wurde… nur die Kultur der Bay Area kann etwas hervorbringen, was sich noch leerer als die Hauspartys im San Francisco der Tech-Arbeiter anfühlt. Und das als Fortschritt verkaufen.

Doch der Zeitgeist sagt uns: Wir sind eine Zivilisation der von Zeitknappheit getriebenen Individualisten. Wir sind langsam bereit dazu, die kontrollierte Simulation der Überraschung vorzuziehen. Oder ist es die kontrollierte Überraschung, die wir suchen?

Technologie ist eine Ableitung von Kultur. Und solange wir ganzen Generationen unter ökonomischem Druck eine Kultur der Kontrolle, Effizienz und Selbstoptimierung anerziehen und diese Werte loben, werden sie genau nach diesen Kriterien Probleme identifizieren und ihre Software daran ausrichten. Es ist eine perverse Mechanik, weil wir alle daran beteiligt sind, als Produzenten und Konsumenten zugleich. Und Konsument-sein ist alles, was den meisten von uns bleiben wird. AR ist noch Jahre vom Höhepunkt entfernt, doch die Kulturveränderung hat keine Zeit mehr.

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Travis Kalanick

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Uber ist der Beweis dafür, dass das aktuelle Kapitel des Silicon-Valley-Tech auserzählt ist. Narzisstische MBA-Kapitalisten entwerfen Monopol-Platfformen oder Werkzeuge für die digitale Marktwerdung der Welt (B2B, Baby!). Aus Travis Kalanick könnte nicht einmal mehr für Aaron Sorkin einen psychologisch tiefgründigen Anti-Helden machen, Travis könnte auch Olli “ich dusche meine Zweifel weg” Samwer sein. Und das ist für keinen der beiden eine Adelung.

Aber das ist natürlich Popkultur-Perspektive; Fluch und Segen der Westküste ist, keine Vergangenheit zu kennen. Was heute der Import gängiger BWL-Konzepte kombiniert mit Datenanalyse, Monopolisierungs-Träumen und Gründer-Mythologie ist, kann morgen etwas Neues sein. Vielleicht sogar etwas Besseres, wir ignorieren ja derzeit die Möglichkeit des Besseren ein bisschen. Womöglich existiert es sogar bereits, weil jemand aus Versehen Micro-LSD zur Selbsterkenntnis statt zur Produktivitätssteigerung genommen hat. Hat in den frühen Sechzigern ja in der Gegend auch schon einmal gut funktioniert.

Vielleicht aber geht alles so weiter, Kapitalistan meets Talent mit Wall-Street-Werten meets Geschwätz. Im Schlepptau eine Armee von mittelmäßigen Glücksrittern, die sich an der Imitation kluger Köpfe versucht. Und die echten Augenöffner erleben wir in der Materialwissenschaft, mit Crispr oder im Energiesektor. Eine Zeit im Abklingbecken würde dem Tech-Hype ja durchaus gut tun.

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Fußnoten vom Fluss S01 E04

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Abandoned Six Flags New Orleans

Rollendes Notiz-Microblog
(Foto: Der Freizeitpark „Six Flags“ am Stadtrand, der seit Katrina verlassen ist. Auf dem Eingangs-Billboard steht noch „Closed for storm“)

Trumps Gesundheitszustand

Reporter-Veteranin Elizabeth Drew in der New York Review of Books über die ersten Wochen der Trump-Ära:

„Trump’s possible mental deficiencies are also a troubling question: serious medical professionals suspect he has narcissistic personality disorder, and also oncoming dementia, judging from his limited vocabulary. (If one compares his earlier appearances on YouTube, for example a 1988 interview with Larry King, it appears that Trump used to speak more fluently and coherently than he does now, especially in some of his recent rambling presentations.) His perseverating about such matters as the size of his inauguration crowd, or the fantasy that three to five million illegal voters denied him a popular vote victory (he got these estimates from a dodgy source who has yet to offer documentation), or, as he told CIA employees, the number of times he’s been on the cover of Time (sometimes inflating the actual number) has become a joke, but it also suggests that there may be something troubling about his mental state.“

Die geistige Gesundheit des 45. Präsidenten ist eine heikle Frage, auch für die Psychologen und Menschen aus dem Feld, die sich jetzt mit Fern-Warnungen zu Wort melden (hier in der New York Times). Nebenbei hilft eine Klassifikation als „geisteskrank“ natürlich auch seinen Kritikern, Verhalten und Charakter zu rationalisieren. Aber: Wir wissen es nicht. Entsprechend sei der bekannte Psychiater Allen Frances mit seiner Kritik an der Diagnosefreude zitiert:

„Most amateur diagnosticians have mislabeled President Trump with the diagnosis of narcissistic personality disorder. I wrote the criteria that define this disorder, and Mr. Trump doesn’t meet them. (…) Bad behavior is rarely a sign of mental illness, and the mentally ill behave badly only rarely. Psychiatric name-calling is a misguided way of countering Mr. Trump’s attack on democracy. He can, and should, be appropriately denounced for his ignorance, incompetence, impulsivity and pursuit of dictatorial powers. His psychological motivations are too obvious to be interesting, and analyzing them will not halt his headlong power grab. The antidote to a dystopic Trumpean dark age is political, not psychological.“ 

(16. Februar)

AI und AI-Theater

Erfreulichere Dinge: Eine der bislang besten Diskussionen über künstliche Intelligenz (ein Ausdruck, der mir weiterhin Bauschmerzen bereitet) fand neulich im Commonwealth Club von San Francisco statt und ist hier nachzuhören. Reporter-Legende John Markoff redet mit Technologie-Legende Jerry Kaplan über AI. Das Gespräch ist deshalb so gut, weil es den Hype und unsere Wahrnehmungsfallen von dem trennt, an dem gerade wirklich gearbeitet wird.  Kaplan:

„Es gibt dieses AI-Theater, diesen Anthropomorphismus wie bei Jeopardy [Auftritt des IBM-Computers Watson], wo du einen Kopf siehst und es scheint, als würde er nachdenken und ein Verstand dahinter sein, aber es ist ein Computer. (…) Das ist ein religiöses sprituelles Konzept auf der ganzen Welt, in Japan gibt es den Shintoismus, dass jedes Objekt einen Geist hat. Aber dieser Anthropomorphismus führt uns in die Irre, wenn wir über die praktischen Folgen dieser Technologie nachdenken. Es macht uns blind dafür, was wir durch sie erreichen können und wo wir vorsichtig sein müssen.“

Jerry Kaplan hat auch ein neues Buch zum Thema geschrieben(16. Februar)

Evolution komplexer Systeme


Im Whole Earth Catalog blättern, um die Entwicklung von Ideen der frühen Digitalkultur zu verstehen. Herbert Simons Artikel zur „Evolution komplexer Systeme“ von 1969 gelesen. Ich hatte immer gedacht, dass die Verhaltensökonomie als tragende Säule des Silicon Valley aus der BWL-isierung der Branche kommt, aber bei Simon ist es bereits in der Logik einer effizienten Problemlösung (oder eines effektiven System-Designs) angelegt. Und anders als heute gibt es noch einen Bezug zur Ableitung solcher Konzepte aus den Prozessen, die wir aus der Natur kennen. (16. Februar)

Trump und die Tech-Branche

Bevor es wieder in die Tiefen des Internet-Archives fällt: Hier mein Stück zum Verhältnis der Tech-Branche zu Trump, mit ein paar historischen/philosophischen Aspekten, die ich ganz interessant fand. (16. Februar)

US-Vertreter auf der Sicherheitskonferenz

Ich glaube nicht, dass Europa auf der Siko irgendetwas Handfestes über Ziele, Loyalitäten und Strategie der neuen US-Regierung herausfinden wird. Tillerson? Das Außenministerium ist derzeit isoliert und auf einen Behördenapparat reduziert. Pence? Sein Einfluss ist völlig unklar und nach der Flynn-Sache zweifelhaft, seine Rede gibt wohl bestenfalls ein Eindruck seines  weltanschaulichen Neocon-Gemischs und ein Ausblick auf seine Amtszeit in zwei bis drei Jahren. Mattis? Hat Budget und kann Truppen verschieben, aber ich wette einen Kasten Bier, dass er in anderthalb Jahren nicht mehr im Amt sein wird. Nein, im Weißen Haus arbeitet eine kleine Clique mit einem unaufmerksamen Chef an der Spitze; ihre Langfrist-Strategie wird auf absehbare Zeit trotz (oder wegen) aller Leaks eher Gegenstand von Kreml-Astrologie als von Analysen belastbarer Aussagen.

Uber-Kultur

Susan Fowler, eine angesehene Programmiererin aus der Bay Area, hat die Kultur von Sexismus und Missmanagement bei ihrem Ex-Arbeitgeber Uber dokumentiert. Jeder, der sich für Westküsten-Tech interessiert, sollte ihren Blogeintrag lesen. Uber war schon zu meiner Zeit in der Bay Area als Arbeitgeber bekannt, zu dem man in der Regel nur für die IPO, nicht für die Firmenkultur oder Mission geht. Daran wird sich auch nichts ändern. Teile der Bay Area haben ihren moralischen Kompass von der Wall Street gekauft. Chefs prägen in der Tech-Branche die Firmenkultur, erfolgreiche Chefs die Kultur insgesamt… zwei Worte: Travis Kalanick. Wie auch immer, zwei Randbemerkungen noch: Stack-Ranking ist oft eine genauso blöde Idee wie Open Floor Plans, weil am Ende immer Charakter des Vorgesetzten oder verdeckte Politik das Ergebnis beeinflussen… aber wegen des Messbarkeits-Fetischs in der Branche wird es so schnell nicht verschwinden. Oh, und wie viele Geschichten aus der Tech-Branche muss ich noch lesen, in denen HR (also die Personalabteilung) dem Mitarbeiter nur Ansprechbarkeit bei Problemen vorspielt, in Wahrheit aber das Klagerisiko gegen den Vorstand mit irreführenden Aussagen minimieren will?

Die Progressiven und Trump, Folge 1523

Nein, ich unterschreibe nicht die Theorie, dass die Progressiven an Trumps Aufstieg schuld sind. Zumindest nicht so sehr, wie oft getan wird. Aber sie sollten sich endlich eine Strategie überlegen. Aber dieser Twitter-Thread zu dem Stück, der die kulturelle Entfremdung moderater Republikaner von den Demokraten beschreibt, symbolisiert alles, was dabei falsch läuft: Schubladen, Abstempelei, Rückzug in die eigene moralische Überlegenheit.

Okay, das ist natürlich – wie immer bei Social Media – etwas willkürlich herausgegriffen. Aber ein infantiler Rückzug in die politische Nische oder auf einen moralischen Thron wäre genau das Gegenteil dessen, was den progressiven Teil der Gesellschaft in seinem vitalen Kern immer ausgemacht hat: Eine Ableitung eigener Positionen nicht einzig aus einer Tradition oder vorgefertigten Schablonen heraus – nein, die Reflexion der eigenen Haltung und Erkenntnis aus der Auseinandersetzung mit Komplexität. Genau das hat die Demokraten in den USA oft – im Vergleich zur GOP – so erwachsen erscheinen lassen. Und egal, wie der Gegner spielt: Das aufzugeben, wäre fahrlässig und würde letztlich zur Implosion führen. (23. Februar)

Griechische Realitäten

Aus dem Tagesspiegel:
„Eine Studie des Verbands der Kleinunternehmer zeigt, wie weit das Land im achten Jahr der Krise und Kredite abgebrannt ist: 37 Prozent der Familien leben mit weniger als 10.000 Euro im Jahr. Für die Hälfte der griechischen Haushalte sind die Renten der Eltern und Großeltern die Haupteinnahmequelle geworden.“

Austerität wird einmal als einer der fatalen Ideologien des frühen 21. Jahrhunderts in die Geschichte eingehen, und Schäubles Rolle wird entsprechend bewertet werden. (via Stefan Sell)

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