„Don’t be evil“ und der Geist des Protestantismus

Don’t Be Evil: Fred Turner on Utopias, Frontiers, and Brogrammers

„Vor ungefähr zehn Jahren habe ich viel Zeit bei Google verbracht. Ich habe ein interessantes Loop erlebt: Es begann mit ‚Don’t be evil.‘ Dann wurde die Frage ‚Okay, aber was ist gut?‘. Nun, Informationen sind gut. Informationen befähigen Menschen. Also ist es gut, Informationen bereitzustellen. Okay, super. Wer stellt die Informationen bereit? Oh, richtig: Google macht das. Du landest also in diesem Loop, in dem was für die Menschen gut ist auch für Google gut ist und umgekehrt. Und das ist ein schwieriger Raum, in dem Du damit bist.
Ich glaube, der Impuls, die Welt zu retten ist sehr aufrichtig. Aber die Leute bringen den Impuls, die Welt zu retten und den Impuls, für die Firma das Beste herauszuholen, etwas durcheinander. Natürlich ist das eine alte protestantische Tradition.“

Die protestantische Verknüpfung war mir im Kontext der „Tech-Mission“ noch nie in den Sinn gekommen, aber ist natürlich völlig amerikanisch und in der Wirtschaft tief verankert (und wird nun einmal mehr als technologischer Idealismus globalisiert).

Aber das ist nicht der einzige schlaue Gedanke im Interview mit dem Stanford-Medienwissenschaftler und Buchautor Fred Turner, das ganze Gespräch ist seeehr spannend.

(via Airi Limpinen)

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Bitcoin-Euphorie, Blockchain-Hype: Was beides bedeutet

Foto Duncan Rawlinson, Flickr, CC by-nc

Für die Antwort hole ich mir Hilfe von Mark Blyth und Fred Wilson.
Mark Blyth ist ein politischer Ökonom der Brown University (und sollte längst so bekannt wie Paul Krugman sein, finde ich). Blyth über Bitcoin:

“Was Du hast, ist eine 400 Milliarden-Dollar Asset-Klasse. Die Investoren sind vor allem chinesische Spieler und Schmuggler und die Reichen, die in Unicorns aus dem Silicon Valley investiert haben und denen das zu langweilig wurde. Sie haben entschieden, ein Prestige-Asset zu kaufen. Je mehr von ihnen es kaufen, die Versorgung ist begrenzt, desto mehr geht der Kurs nach oben. Und es geht hoch und hoch und hoch und es ist super-volatil.
Ist es Geld? Wenn Du es jemandem erklären musst: ES IST KEIN GELD!
Ist es eine Wertaufbewahrung? Nein, es ist zu volatil.
Ist es ein Tauschmittel? Nein, weil alle es horten und auf die Wertsteigerung warten.
Ist es eine Verrechnungseinheit? Vielleicht, wenn Du gerne im Keller wohnst und immer Akte X liest. Aber normale Menschen nutzen Dollar.
Es ist also ein Haufen reicher Menschen, die Zeug kaufen und verkaufen. Mehr nicht. Was ist mit der Blockchain, der Technologie dahinter? Ich habe das seit zehn Jahren gehört und warte auf die Resultate und das wird auch 2018 so sein.”

Was also ist mit der Blockchain (hier meine Einführung von 2015, inzwischen gibt es viele Aktuellere)? Fred Wilson, VC bei Union Square Ventures (und als Investor in diverse Blockchain-Startups ein Optimist) in seinem Blog:

“2017 war das Jahr, in dem Crypto/Blockchain die Ekstase-Phase erreicht hat. Mehr als 3,7 Milliarden Dollar haben diverse Crypto-Teams und -Projekte eingesammelt, um die Infrastruktur des Internet 3.0 (das dezentralisierte Internet) zu bauen. (…) Nicht alles Geld wird gut eingesetzt werden, vielleicht sogar nur sehr wenig davon. Aber es ist wie beim Wahnsinn rund um das Internet 1.0 (Einwähl-Internet) in den späten Neunzigern, der das Kapital für die notwendige Breitband-Infrastruktur für das Internet 2.0 (Breitband/mobiles Internet) gesammelt hat – der Hype im Crypto-/Blockchain-Sektor sorgt für das Geld, um die Infrastruktur des dezentralen Internets aufzubauen. (…) Das ist die größte Story in Tech 2017, weil die Übergänge vom Internet 1.0 zum Internet 2.0 zum Internet 3.0 unglaubliche Möglichkeiten und Disruption auslösen.”

Beide drücken es perfekt aus. Mein Blockchain-Optimismus – also der über das Machbare, nicht den Hype – ist weiterhin groß, aber nicht unbegrenzt ist (vgl. mögliche nicht erkennbare Architektur-Fehler, Schwierigkeiten mit der Standardisierung, Plattform statt Protokoll). Ob wir aus der Technologie etwas anderes als die üblichen kapitalistischen Werk- und Spielzeuge machen, ist dagegen eine andere Frage.

Foto: Duncan Rawlinson, CC BY-NC 2.0

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Neuronale Gedankenspiele

 How brains and machines can be made to work together

Seitdem ich 2014 mal etwas über neuronale Mensch-Maschine-Schnittstellen gemacht habe, verfolge ich das Feld mit einigem Interesse, ohne wirklich über das Laien-Stadium hinaus zu kommen. Neulich war eine größere Konferenz, Wired hatte eine größere Geschichte und jetzt beschreibt der Economist detailliert den Stand und die Hürden.

Wie immer taugt das Thema nicht zum Mainstream-Hype, weil größere Anwendungen ungefähr 10 bis 25 Jahre entfernt sind (wir reden hier immer noch von medizinischen Zulassungskriterien). Was nichts am Hype ändern wird, Gedanken-Interface, Elon Musk undsoweiter.

Faszinierend fand ich, wie viele unterschiedliche Lösungen gerade ausprobiert werden, auch durch Interesse und Geld aus Tech-Kreisen. Die meisten Projekte werden irgendwann wieder eingestampft, doch die Ergebnisse werden das Feld voranbringen und einige Entwicklungen beschleunigen, gerade in der Schmerztherapie oder der Überbrückung körperlicher Immobilität.

Ich kritisiere die „Tech-Branche“ häufiger; diese gezielte Steuerung von futuristischer R&D jenseits der Uni-Grundlagenforschung gehört zu den positiven Aspekten. Wenn sie auf die richtigen Felder zielt, zumindest (wir sprechen uns dann in 20 Jahren, wenn Zuck meine Gedanken-Updates monetarisiert).

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Social Media und unsere Stimmung (#LikedMinded)

Is Social Media bad for you? The Evidence and the Unknowns

Die BBC startet unter dem Hashtag #LikeMinded eine Doku-Reihe zu den Auswirkungen von Social Media auf unserer geistiges Wohlbefinden. Zum Auftakt fassen sie die Ergebnisse der bisherigen Studien zusammen. Das Ergebnis: Die eigene Charaktereigenschaft und Vorerkrankungen (oder: Erfahrungen?) beeinflussen die Effekte maßgeblich, und natürlich fehlt es an Datenmaterial. Das ist nicht spektakulär, aber differenzierter als die Ausschnitte und gefühlten Wahrheiten, die wir uns dazu immer gegenseitig präsentieren.

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Doppelbödigkeit der Technologien

The Telecom Revolution is Mostly Authoritarian

Ian Welsh über Doppelbödigkeit neuer Technologien:

  • Schrift: Zugang zu wissen, Buchführung über Sklaven, Weizen und Steuern
  • Buchdruck: Machtverlust des Katholizismus, Festigung absolutistischer Staaten
  • Telegrafie: Internationale Kommunikation, Zentralisierung von Macht in Hauptstädten
  • Digitale Technologien: Unabhängigkeit von Experten, effektive Überwachung

Der Buchdruck-Vergleich scheint mir etwas wackelig, aber natürlich gilt in allen Fällen: Wer Tim Wu gelesen hat, kann natürlich Technologie nicht von der Analyse der Machtverteilung rund um die Backend-Kontrolle trennen (vgl. Western Union in den USA). Unter dem Strich sind wir in der Netzwerk-Entwicklung noch nicht am Ende (Quantenverschlüsselung, Blockchain-Dezentralisierung), aber mit Staat und Wirtschaft dominieren inzwischen zwei Akteure, deren Prioritäten (unterschiedlich interpretierte „innere Sicherheit“ bzw. Nutzer-Aggregation und Lock-In) der Idee einer User-Selbstverwaltung/Dezentralisierung entgegen laufen.

Ob dies eine aus der Technologie heraus „gegebene“ Entwicklung ist, dürften Historiker schon innerhalb des nächsten Jahrzehnts feststellen können. Ich glaube allerdings, dass wir dann zum Beispiel deutlicher den Zusammenhang zwischen Niedrigzinsen nach der (vorwiegend atlantischen) Wirtschafts- und Finanzkrise 2008 und dem Hyper-Wachstum des Tech-Sektors erkennen werden.

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Hör‘ auf, seinen Namen zu googeln

„Ein anderer Vorfall gab mir jüngst einen erschütternden Einblick in die Möglichkeiten der staatlichen Überwachung: Ich traf mich mit einer sensiblen und gut platzierten Quelle mit Hilfe eines Mittelsmannes. Nach dem Treffen, das vor ein paar Jahren in Europa stattfand, recherchierte ich über die Quelle. Eine Stunde später rief mich der Mittelsmann an und sagte: ‚Hör‘ auf, seinen Namen zu googeln.'“

The Biggest Secret – My Life as a New York Times Reporter in the Shadow of the War on Terror

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Tech-Hype, Tech-Kritik, Journalismus

Will journalists feed the tech backlash — or help explain it?

“Können wir bitte, bitte auf die aktuelle Welle von Fehlern nicht mit einer starken Überreaktion antworten und zu endlos negativen Geschichten schwenken, sondern mit jener ausgewogenen und nachdenklichen Analyse, der es von Anfang an bedurft hätte? (…) Balance bedeutet im Journalismus nicht nur, beide Perspektiven in eine Geschichte einzufügen – es geht darum, ein Thema von so vielen Perspektiven wie möglich zu beleuchten. Nur positive oder nur negative Deutungen sind überhaupt nicht ausgewogen.”

Einigen wir uns doch darauf: Keine kuscheligen Access-Stücke in den Magazinen mehr; keine Facebook-Pressemitteilungen auf Portalen wie dem unsäglichen Techcrunch; keine unglaubwürdigen Hü-Hott-je-nach-Wetter-Haltung von Reportern. Kein wortreiches „Tech ist Teufelszeug, gemacht von A——–ern“ mehr ohne Sachkenntnis, Recherche, stichhaltige Argumente und zumindest den Ansatz konstruktiver Korrekturen.

Jaja, fromme Wünsche, ich weiß.

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Eric Schmitt raus bei Alphabet

Irgendwo in meinem Notizbuch steht noch die Frage „Wann schickt Google Eric Schmitt nach Hause?“. Nicht einmal wegen der Think-Tank-Geschichte, sondern weil Alphabet unter Trump & dem republikanischen Kongress ein anderes Spiel spielt – und Mr. Schmitt zu sehr mit den Demokraten in Verbindung gebracht wird. Jetzt ist es passiert.

Schmitt hat für mich von außen immer die Gegenströmung unter dem „Don’t be evil“-Ethos symbolisiert, die Bereitschaft zur völligen Geschäftemacherei, das Streben nach unterschiedlichsten Geschmäckern der Macht. Ohne ihn wäre der Konzern ein anderer. Nicht so erfolgreich, mit einer 50/50-Chance etwas funktionaler (der Middle-Management-Überhang fing ja unter ihm an… aber ich glaube nicht, dass Larry Page die Wachstumsphasen davor besser gemeistert hätte). Vielleicht auch ehrlicher?

(Notiz für die Weihnachtstage: CSS anpassen…)

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AI, das fleischlose Wesen

Red Maw

Obwohl es an Metaphern nicht mangelt, unterschätzen wir ihren Einfluss auf die Architektur unserer Systeme. Niemand würde Einspruch erheben, wenn ich das menschliche Gehirn mit einem Computer vergleichen würde. Spräche ich dagegen lernenden Maschinen (also “AI”, künstliche Intelligenz) die Funktionsfähigkeit ab, weil sie keinen Körper haben, würde ich Stirnrunzeln ernten. In unserer Wahrnehmung sind Computer körperlose Wesen, letztlich also reine Software (die Abstraktionen durch Cloud, Voice etc. verstärken diesen Trend, haben ihn aber nicht ausgelöst).

Das ist allerdings nicht selbstverständlich: Auf der konzeptionellen AI-Ebene wurde über die Frage der Körperlichkeit schon vor Jahrzehnten gestritten,  vor allem im Kontext der Selbsterkenntnis. Wie kann eine kybernetisches Wesen sein eigenes Wesen (im Sinne von “das bin ich”) verstehen und sich damit auch in Relation zu anderen Wesen mit anderen Eigenschaften und Interessen setzen, wenn ihm die Körperlichkeit fehlt? Diese Körperlichkeit, die wir Menschen stets spüren, ist ja nicht zuletzt untrennbar verbunden mit unserer Angst vor dem Tod, die unser Handeln maßgeblich bestimmt.

Ist also ein Wesen, das weder Selbstreferenz noch Wissen um die eigene Vergänglichkeit hat, zu Emotionen fähig, die nicht nur ein Werkzeug sind, um ein Resultat zu erreichen (ähnlich den emotionalen Manipulationen, die Kleinkinder bei ihren Eltern einsetzen, sobald sie deren Reaktionsstruktur erkennen)? Wenn die Antwort “nein” lautet, würde selbst die am meisten entwickelte “künstliche Intelligenz” letztlich nur eine bessere Version jener (auf Verhaltenspsychologie basierenden) lernenden Spielautomaten sein, wie sie im Kern von Social-Media-Software und den UX-Konzepten der auf Aufmerksamkeit optimierten Apps bereits vorhanden sind.

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