Technologie

Das Google-Manifest: Meritokratie vs. Affirmative Action

by

Buzzword Bingo: Meritocracy = political philosophy that holds power should be vested in individuals according to merit.

Über das „Google-Manifest“ wurde bereits viel geschrieben, teilweise wurde es verzerrend als „Anti-Diversitäts„-Memo dargestellt, was zur sachlichen Rezeption nicht beigetragen hat. Der Autor James Damore versucht ja durchaus, eine Art von neuer Diversitätspolitik zu entwerfen. Die Argumente aus der Verhaltenspsychologie erscheinen halbwegs korrekt wiedergegeben, aber völlig dekontextualisiert (siehe auch Schmitt hier). Er schreibt eher über eine idealen Laborfirma mit aus Statistiken herausgeschälten Mitarbeitern als über eine sozialen Konstruktion, die ein Unternehmen nun mal ist. Meine Zehnägel rollen sich auf bei der Forderung nach „De-Emphatisierung“ und ich weiß nicht, ob das etwas über den Autor, seinen Job oder Google aussagt.

Unter dem Strich ist es eine Herleitung des Status Quo, die geschichtlich schlecht falsch ist: Bis in die Achtziger gab es zahlreiche Programmiererinnen, 1985 in den USA mehr Studentinnen in diesem Fach als in Jura oder Medizin. Es hat sich also offenbar etwas in Bildungswesen und Branche geändert und dass das gegen „oh, es gibt da ein paar biologisch-psychologische Verschiedenheiten“ eingetauscht wird, ist ziemlich denkfaul (und die signalisierte Opferperspektive nervt, passt aber zum Zeitgeist).

Aber solche Konstruktionen im Vakuum sind nicht neu, im Silicon Valley existiert die Vergangenheit nur in dem angesagten Rahmen, der die Gegenwart und Zukunft rechtfertigt (derzeit noch Ausläufer des Steve-Jobs-Geniekults). Aber wie gesagt, ich mache es mir nicht so einfach, hinter den Zeilen einen „weißen Googler, der keine Frauen mag“ zu sehen.

Ich habe länger nachgedacht, ob die Entlassung gerechtfertigt ist oder eines der diversen Mitarbeiter-Lernprogramme genügen wurde. Letztlich gibt es zwei Begründungen, auch ohne auf die Ebene des moralischen Werturteils  einzugehen: eine rechtliche und eine betriebliche.
1. In der nächsten Diskriminierungsklage wird das Manifest aus der Schublade geholt werden. Und Google würde sich fragen lassen müssen, warum der Mitarbeiter immer noch dort arbeitet – ob das nicht am Ende eine schweigende Zustimmung bedeutet.
2. Der öffentliche Versand über eine Mailingliste und die mediale Aufmersamkeit hat nun natürlich ein Misstrauen geschaffen, wer denn wohl zurecht eingestellt wurde. Das kann keine Firma zulassen, denn einerseits ist es toxisch für den Umgang miteinander, zweitens eine eine indirekte Kritik an der Einstellungspraxis.

Die Debatte darüber, wer denn die Einstellung verdient hat, gibt es in größeren Tech-Firmen ständig. Bevor es so etwas sie Minderheitenförderung gab, kam sie meiner Erfahrung nach bei schnellen Masseneinstellungen in einzelnen Abteilungen auf: Mitarbeiter, die einen komplizierten Einstellungsprozess durchlaufen haben, sehen ungern die Kriterien aus Zeit- und Ressourcenmangel aufgeweicht.

Affirmative Action, also Minderheitenförderung, gibt nun einen neuen Anlass für diese Debatten. Dahinter verbirgt sich auch – siehe oben – die Vorstellung, das wirklich nur die Besten genommen werden und dort arbeiten. Das ist Teil des Mythos erfolgreicher Firmen – ein Bekannter von mir gehörte zu den 200 ersten Google-Mitarbeitern und schilderte mir lebhaft, wie grandios es war, dass in der Firma damals niemand auch nur leicht überdurchschnittlich war, sondern alle überragend in ihren Jobs waren. Eine Abteilung ohne Ausfall, das weiß jeder Mitarbeiter jedes Unternehmens, ist ab einer gewissen Größe sehr selten. Im Software-Bereich sowieso.

Dass Meritokratie sehr viel mit Herkunft, (gerade in den USA) finanzieller Ausstattung oder Kontakte/sozialer Ähnlichkeit zu tun hat und eben nicht schlicht „der Beste setzt sich durch“ gilt, ist den Betroffenen – zumal bei einer überdurchschnittlichen Zahl von Elite-Uni-Absolventen – schwer beizubringen. Wer möchte denn trennen zwischen dem, was er/sie sich erarbeitet hat und dem, was einfach nur Glück im Kapitalismus des 21. Jahrhunderts ist? Genau deshalb ist Affirmative Action derzeit unter Beschuss, auch an den Unis. Dabei gibt es im Silicon Valley genug Beispiele für schlechte Personalentscheidungen im Middle Management, weil X gerade weiß, dass Y einen Job sucht etc. Wie überall eben.

Ich glaube aber, dass wir uns entscheiden müssen zwischen Meritokratie und Affirmative Action, beides zusammen geht nicht. Aber bei genauerer Betrachtung fällt das nicht schwer: Menschen vermeiden Umfelder, in denen sie unterrepräsentiert sind. Sie bei gleicher Qualifikation zu bevorzugen, kann zügig Abhilfe schaffen – auch wenn es für die ersten Generationen schwierig wird, denn sie werden – ähnlich wie im „Google-Manifest“ – stets nach „warum wurde er/sie eingestellt?“ bewertet. Doch die Normalisierung, siehe Nordeuropa, setzt mit der Zeit ein – und eine größere Auswahl an Bewerbern ist betriebswirtschaftlich sinnvoll (btw: Minderheiten- und Frauenförderung ist im Silicon Valley auch eine Möglichkeit, Löhne zu drücken).

Aber bis zu dieser Normalisierung müssen Unternehmen eben vertreten können, im Zweifel womöglich nicht die qualifiziertesten Bewerber einzustellen (und darauf hoffen, das weiter unten – also v.a. im Bildungswesen – ebenfalls die richtigen Maßnahmen getroffen werden). Doch hinter der Meritokratie steht ja ohnehin ein Menschenbild, das Skills im Gruppenkontext und Team-Arbeit nicht so hoch Gewichte wie den Einzelnen, der die Entscheidungen trifft.

Angesichts der derzeitigen Phase der Produktschwäche im Westküsten-Tech würde auch niemand behaupten, dass der bisherige Weg auch in der Zukunft der richtige sein wird. Ich persönlich glaube sogar, dass eine weniger überdrehte Ausprägung von Tech nur mit einer möglichst breiten Talentbasis mit Herkunft aus allen Bevölkerungsschichten möglich sein wird. Dazu gehört übrigens auch die Akzeptanz kultureller Heterogenität.

Facebooktwitterredditlinkedin

Augmented Reality (assoziativ notiert)

by

Priests Hole 360

Augmented Reality wird, Benedict Evans hat das notiert, mehr als nur die Einblendung von Digitalia in die physische Welt sein: Es muss eine Verbindung der beiden Sphären sein, inklusive der Erkennung von Katalogisierung der Objekte des Sichtfelds. Nur so wird AR funktionieren.

Das ist eine neue Ebene im Zeitalter der unendlichen Vermarktbarkeit, für Werbung, Informationen oder digitale Objekte.

  • Die Einblendung digitaler Objekte in die physische Welt.
  • Das Einblenden von Informationen zu Objekten im Sichtfeld.
  • Die Erweiterung oder Veränderung von Gegenständen durch digitale Bildmanipulation.

Facebooks Konkurrenz ist deshalb nicht nur Snap, sondern Amazon, Google, Microsoft auch Apple, wenn es ein Echtzeit-Social-Netzwerk von iOS-Nutzern aufbauen will. Gar nicht zu reden von denen, die im richtigen Moment (also in einigen Jahren) die richtige Killer-Anwendung erfinden. Doch wer das nächste Hit-Sichtgerät entwickelt (AR-Lesebrille, Linsen), hat die API und damit die Macht, einzuladen und auszusperren.

Noch ist unklar, ob wir es wirklich mit der neuen Plattform zu tun haben – und wer an dieser Ebene teilhaben wird: Diejenigen mit der Software oder auch diejenigen, die von der Software erkannt werden. Darin steckt auch die Frage nach den Möglichkeiten der Totalüberwachung, nach weiterem technologischem Ausgesetztsein ohne Einwilligung.

Der Zeitgeist sagt uns, dass Technologie uns von der physischen Welt isoliert; können wir daran glauben, dass wir unterschiedliche Menschen mit solcher Soft- und Hardware wieder zusammenbringen? Wer arbeitet daran und ist das überhaupt etwas, das die meisten Anwender wollen? Die Geburtstagsparty in VR, die bei der Keynote gezeigt wurde… nur die Kultur der Bay Area kann etwas hervorbringen, was sich noch leerer als die Hauspartys im San Francisco der Tech-Arbeiter anfühlt. Und das als Fortschritt verkaufen.

Doch der Zeitgeist sagt uns: Wir sind eine Zivilisation der von Zeitknappheit getriebenen Individualisten. Wir sind langsam bereit dazu, die kontrollierte Simulation der Überraschung vorzuziehen. Oder ist es die kontrollierte Überraschung, die wir suchen?

Technologie ist eine Ableitung von Kultur. Und solange wir ganzen Generationen unter ökonomischem Druck eine Kultur der Kontrolle, Effizienz und Selbstoptimierung anerziehen und diese Werte loben, werden sie genau nach diesen Kriterien Probleme identifizieren und ihre Software daran ausrichten. Es ist eine perverse Mechanik, weil wir alle daran beteiligt sind, als Produzenten und Konsumenten zugleich. Und Konsument-sein ist alles, was den meisten von uns bleiben wird. AR ist noch Jahre vom Höhepunkt entfernt, doch die Kulturveränderung hat keine Zeit mehr.

Facebooktwitterredditlinkedin

Travis Kalanick

by

Uber ist der Beweis dafür, dass das aktuelle Kapitel des Silicon-Valley-Tech auserzählt ist. Narzisstische MBA-Kapitalisten entwerfen Monopol-Platfformen oder Werkzeuge für die digitale Marktwerdung der Welt (B2B, Baby!). Aus Travis Kalanick könnte nicht einmal mehr für Aaron Sorkin einen psychologisch tiefgründigen Anti-Helden machen, Travis könnte auch Olli “ich dusche meine Zweifel weg” Samwer sein. Und das ist für keinen der beiden eine Adelung.

Aber das ist natürlich Popkultur-Perspektive; Fluch und Segen der Westküste ist, keine Vergangenheit zu kennen. Was heute der Import gängiger BWL-Konzepte kombiniert mit Datenanalyse, Monopolisierungs-Träumen und Gründer-Mythologie ist, kann morgen etwas Neues sein. Vielleicht sogar etwas Besseres, wir ignorieren ja derzeit die Möglichkeit des Besseren ein bisschen. Womöglich existiert es sogar bereits, weil jemand aus Versehen Micro-LSD zur Selbsterkenntnis statt zur Produktivitätssteigerung genommen hat. Hat in den frühen Sechzigern ja in der Gegend auch schon einmal gut funktioniert.

Vielleicht aber geht alles so weiter, Kapitalistan meets Talent mit Wall-Street-Werten meets Geschwätz. Im Schlepptau eine Armee von mittelmäßigen Glücksrittern, die sich an der Imitation kluger Köpfe versucht. Und die echten Augenöffner erleben wir in der Materialwissenschaft, mit Crispr oder im Energiesektor. Eine Zeit im Abklingbecken würde dem Tech-Hype ja durchaus gut tun.

Facebooktwitterredditlinkedin