Texas Tragedy Tours

Ein paar Fotos von einem Roadtrip Richtung Norden.

Dealey Plaza, Dallas

Die Tragödie der Ermordnung John F. Kennedys ist nicht nur die eines nationalen Traumas, sondern auch die möglicher alternativer Geschichtsverläufe: kein Vietnam, ein anderer kalter Krieg, eine versöhnlichere Zukunft. Vielleicht. Der Schmerz hängt auch damit zusammen, dass ein derart unbedeutender Typ wie Lee Harvey Oswaldden US-Präsidenten umbringen kann (Disclosure: ich halte die Einzeltäter-Theorie als Erklärung für den Tatverlauf für ziemlich schlüssig). Hätte der Secret Service wie zu anderen Gelegenheiten Schützen auf den Dächern postiert, wäre der Baum (im ersten Bild rechts unten) so groß wie heute gewesen oder damals schon die Beschilderung über der Straße existiert… wie gesagt, die Kennedy-Ermordung ist eben auch jenseits der Tat-Theorien eine Einladung, über den Konjunktiv nachzudenken (Das erste Foto ist ein Stockwerk über dem Buchlager-Eckfenster, von dem geschossen wurde, aufgenommen. Die beiden Kreuze auf der Straße zeigen die Position der Limousine, als die Schüsse fielen).

Dealey Plaza Dallas John F. Kennedy Schulbuchlager

Mt. Carmel Center, Waco

Wenn die Kennedy-Ermordung 1963 den US-Amerikanern Misstrauen gegen den Staat und seine Sicherheitsorgane lehrte, dienten einigen von ihnen die Geschehnisse von Waco dreißig Jahre später als Beweis für die Feindseligkeit des Staates. Nach einem Schusswechsel mit mehreren toten Agenten belagerte das FBI wochenlang das Gelände der christlichen Davidianer-Sekte und stürmte es am Ende mit Panzern und Tränengas. Ein ausbrechendes Feuer tötete 74 Menschen, darunter den Sektenführer David Koresh. Der Neonazi Timothy McVeigh führte als direkte Reaktion 1995 den Bombenanschlag von Oklahoma City aus (168 Tote, mehr als 900 Verletzte).

Morgen, am 19. April 2018, ist der 25. Jahrestag. Was genau in Waco passiert ist, bleibt trotz der quasi-öffentlichen Verhandlungen unklar. Letztlich lässt sich fehlende interkulturelle Kommunikation als eine Ursache für die Tragödie ausmachen: Das FBI kommunizierte mit dem (mehrere Mädchen zwischen 10 und 16 missbrauchende) Koresh und seinen Leuten lange wie mit einem Geiselnehmer, ohne sich in das Wertesystem der Fundamentalisten hineinzuversetzen, um eine Lösung zu finden. Der Gebäudekomplex ist total abgebrannt, vor einigen Jahren wurde eine Kapelle errichtet, die aber nicht mehr benutzt wird. Konservative und Interessierte können sich dort von freundlichen Menschen erklären lassen, wie niederträchtig der Staat ist (nur echt mit „Hillary for Prison 2016“-Banner im Kapellen-Innenraum). Gedenksteine erinnern an die Toten, aber auch an die Opfer von Oklahoma.

Waco Branch Davidianer Gedenkort Texas

George W. Bush Library, Dallas

Beim Besuch der George W. Bush Library ist mir wieder eingefallen, was für schlimme Jahre das waren. Die Tragödie der US-Amerikaner ist, einen als Cowboy verkleideten Dynastie-Sprössling gewählt zu haben, zu dessen größter Leistung das Management eines Baseball-Clubs und die Führung eines Bundesstaats waren, der sich durch die Einnahmen aus Ölbohrungs-Rechten sorgenfrei um die Verteilung von Geld und Ideologie kümmern kann. Unser aller Tragödie ist, dass „Dubya“ eben nicht Präsident irgendeines Landes war und die Irak-Invasion nicht nur das eigene Imperium beschädigt hat, sondern auch im Nahen Osten und damit der direkten europäische Nachbarschaft eine moderne Version des 30-jährigen Krieg ausgelöst hat.

George W. Bush Presidential Library Dallas

Southfork Ranch, Parker

Okay, ich gebe zu, dass die Ranch aus der TV-Serie Dallas nicht unbedingt ein Ort der Tragödie ist. Abgesehen vielleicht davon, dass dort einige fiese Intrigen gesponnen wurden und J.R. Ewing – wie alle Familienmitglieder-Figuren, deren Darsteller gestorben sind- ein Grab auf dem Grundstück der Ranch bekommen hat. Inschrift: „The Only Deal He Ever Lost.“ Vielleicht passt die Ranch aber doch zum Tragödien-Motto, denn Dallas stand ja wie wenige andere Serie für das Abfeiern von Materialismus, Reichtum und Gier, dem „American Way of Life“ der Reagan-Ära also, der sich ziemlich gut exportieren ließ. Passenderweise hat der ehemalige Eigentümer der Ranch das Anwesen einst beim Poker verspielt, der aktuelle Besitzer versucht die Ranch mit Führungen, Fan-Treffen oder Events in der Scheune so gut es geht zu Geld zu machen. Den Besuch kann man sich leider sparen.

Dallas Southfork Ranch Texas Führung Grab J.R. Ewing

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Kayfabe

Wrestlemania: Von Herzen amerikanisch

Wrestling fasziniert mich auf unterschiedlichsten Ebenen: Einige davon haben mit Storytelling zu tun, andere mit der Definition von gut/böse oder den unterschiedlichen Wahrnehmungsmodi, in denen der Theatersport funktioniert. Wrestling, das habe ich hier und in Mexiko gelernt, ist auch ganz unterschiedlich mit der Kultur eines Landes verwoben (gleiches gilt auch in Japan, das dritte große Wrestling-Land). Um es kurz zu machen: Ich habe zu dem Komplex im amerikanischen Kontext ein längeres Stück geschrieben, das oben verlinkt ist, und es war mir eine Herzensangelegenheit.

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Rosemary’s Neocon Baby

McMaster to Resign as National Security Adviser, and Will Be Replaced by John Bolton
It’s Time to Panic Now

„Seine Agenda heißt nicht ‚Frieden durch Stärke‘, das Motto der konventionelleren republikanischen Falken (…), sondern vielmehr Regimewechsel durch Krieg. Er ist ein Neocon ohne die moralische Inbrunst einiger, die das Etikett ebenfalls tragen – das heißt, er will Unterdrückungsregime nicht für die Verbreitung der Demokratie umstürzen, sondern um die amerikanische Macht auszudehnen.“

Ich würde die komplexen internationalen Mechaniken unterschätzen, würde ich jetzt einen US-israelischen Militärkonflikt mit Iran vorhersagen. Aber die Chancen sind durch John Bolton gestiegen.  Imperiales Theater für Trumps Wahlkampf 2020, es würde passen.

(RSS-Titel via)

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Texas White House (fatales Grillfest für den Kanzler)

Das Foto habe ich neulich aufgenommen, es zeigt Pool und Herrenhaus von Lyndon B. Johnsons Ranch, ungefähr anderthalb Stunden von Austin entfernt. Gelände (1100 Hektar) und Haus sind Nationalpark und deshalb für alle zu besichtigen.

LBJ, nur wenige Meter entfernt aufgewachsen, verbrachte hier als Präsident seine Wochenenden und Urlaube, hielt sogar Kabinettssitzungen unter der Eiche im Garten ab. Manchmal empfing er Staatsgäste, unter anderem Ende Dezember 1963 den deutschen Kanzler Ludwig Erhard.

Damals veranstaltete Johnson für die deutsche Delegation ein Grillfest und karrte den Jugendchor aus dem nahe gelegenen Fredericksburg an – das Texas Hill County ist einer der amerikanischen Flecken mit der größten deutschen Siedlertradition. Die deutschen Gäste waren begeistert und Erhard ließ sich prompt um den Finger wickeln: Johnson ignorierte seine Idee, Westdeutschland könnte die DDR der Sowjetunion abkaufen. Stattdessen verpflichtete der US-Präsident den deutschen Kanzler dazu, die amerikanischen Verluste wegen der Truppen-Stationierung in Westdeutschland durch Rüstungskäufe künftig vollständig auszugleichen – obwohl die Bundeswehr absehbar weder Bedarf, noch die Bundesregierung das Geld haben würde.

In den Jahren danach stiegen durch den Vietnamkrieg die Militärausgaben der USA rapide, 1966 verlangten sie deshalb drastisch erhöhte Zahlungen aus Bonn. Erhard geriet in Haushaltsnöte und konnte seinen „Freund“ Johnson nicht zu einem Rabatt beim Devisenausgleich überreden. Das Haushaltsdefizit brachte schließlich die schwarz-gelbe Regierung zum Platzen und besiegelte das Ende von Erhards Kanzlerschaft. Auch Johnsons Präsidentschaft blieb wegen Vietnam unvollendet und ohne eine zweite vollständige Amtszeit. LBJ starb 1973 nach einem Herzinfarkt im Schlafzimmer der Ranch und liegt auf dem Anwesen begraben.

LBJ hat einem Vertrauten den Besuch laut Spiegel einmal so beschrieben: „Dieser Erhard hat ein Riesentheater um mich gemacht. Der wäre auch in den Stall gegangen und hätte meine Kühe gemolken, wenn er ihre Zitzen gefunden hätte.“

Archivbilder via YouTube.

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Ihr Vietnam

Eine Leserin bei Charles Arthur drüben hat angemerkt, dass Schul-Massaker und Waffendebatte für heranwachsende Amerikaner „ihr Vietnam“ sein könnte. „Ihre Leben werden von Entscheidungen der ‚Erwachsenen‘ bedroht, die keine Ahnung von den anstehenden Veränderungen in der Gesellschaft haben.“

Vielleicht stimmt das, zumindest ist es erstaunlich, wie geschickt die Schüler aus Parkland den Zynismus in der Debatte entlarven, auch und gerade über Social Media. Ob sie mehr als symbolische Zugeständnisse erreichen, lässt sich daraus noch nicht ableiten. Nach Occupy Wall Street habe ich die Theorie gelesen, dass es anders als 1968 heute in den USA (und anderen westlichen Nationen) nicht mehr genügend junge Menschen gibt, um über eine Jugendbewegung große gesellschaftliche Veränderungen herbeizuführen.

Was mich persönlich freut: Ziemlich viele negative Generationen-Klischees über die verzogenen, unpolitischen Millennials führt das natürlich ad absurdum. The kids are alright. Wahrscheinlich sind viele von ihnen sogar die Vernünftigeren, weil sie den Irrsinn erkennen, mit dem wir uns schon abgefunden haben (aber ich will nicht ein neues Generationen-Klischee raushauen).

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Wenn Ölfreunde die Umweltbehörde leiten

Accused of Clean Air Act violations, Shell agrees to $10 million of pollution controls in Norco

“Shell Chemical LP hat sich bereit erklärt, für 10 Millionen Dollar Ausrüstung zur Verschmutzungskontrolle in ihrer Chemiefabrik in Norco (Louisiana) zu installieren. Regulierungsbehörden hatten dem Energiegiganten in einer Klage vorgeworfen (…) Anwohner durch die illegale Nutzung von vier ihrer Anlagen zum Abfackeln von Gas seit mehr als zwei Jahrzehnten in Gefahr gebracht zu haben. Die neuen Kontrollen sollen jährlich 150 Tonnen Schadstoffe eliminieren. Shell wurde vorgeworfen, die Abfackel-Anlagen ohne ordentliche Genehmigung verändert zu haben. Die Änderungen sorgten für ‘einen signifikanten Anstieg von Emissionen’. (…) Teil der Einigung ist, dass Shell 350.000 Dollar Zivilstrafe zahlen wird. Davon werden 87.500 Dollar an das Umweltqualitätsbehöde von Louisiana gehen. (…) Die Klage hatte ursprünglich viel mehr gefordert: 302 Millionen Dollar bundesbehördliche Strafen und 251 Millionen Dollar für den Bundesstaat.”

Norco liegt nördlich von New Orleans am Mississippi. Das ist dort, wo der Radweg an einer Chemiefabrik endet, nachdem man schon an zahlreichen Chemiefabriken vorbeigefahren ist. Ich rekapituliere nochmal: Shell kümmert sich 20 Jahre nicht um Verschmutzungsregulierung. Zu den freigesetzten Giftstoffen gehören diverse Partikel, die im Zusammenhang mit Leukämie und weiblicher Unfruchtbarkeit stehen – die Gegend heißt im Volksmund „Cancer Alley“. Shell rüstet seine Anlage nach und zahlt 350 000 Dollar statt möglicher 500 Millionen Dollar (das nennt man dann wohl nicht „Einigung in der Mitte“).

Chef der Umweltbehörde ist Scott Pruitt, als Abgeordneter bereits ein enger Freund der Öl- und Gasindustrie. Er hat mit Justizminister Jeff Sessions in diesem Monat die Klage eingereicht, die Einigung kam prompt. Es ist ein guter Deal. Nicht für die Anwohner und die Umwelt oder das Gerechtigkeitsverständnis, sondern für Shell. Ich gehe davon aus, dass unter dieser Regierung gerade einige Firmen ihre Verstöße gegen das Umweltrecht mit solch vorteilhaften Vergleichen abwickeln.

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Wie erfolgreich war die „Internet Research Agency“?

Alex Madrigal über die russische Social-Media-Propaganda im US-Wahlkampf 2016:

„Kein Zweifel: Das war nach eigener Beschreibung und objektiv ‚Informationskrieg‘. Es ging darum, Zwietracht und Misstrauen im amerikanischen Wahlvolk zu säen. Und mit ein paar Dutzend Leuten – ungefähr 80 zur besten Zeit – haben sie 150 Millionen Menschen über Facebook und Instagram erreicht. Im September 2016 (…) lag das monatliche Budget bei 1,25 Millionen US-Dollar. Für ihr Geld haben sie einiges gekriegt.

Viele Teile von Muellers Anklageschrift die allerdings unheilvoll für die Uneingeweihten klingen, lesen sich wie die grundsätzlichsten Strategien dessen, was als ‚Audience Development‘ bekannt ist. Manöver, die für Außenstehende hochentwickelt klingen, die aber jeder Firmen-Marketingmitarbeiter und viele Medienunternehmen kennen und selbst anwenden. (…) Ich drücke es mal so aus: Wenn die Internet Research Agency ein Medien-Startup wäre, würden sie für ihr Medienkönnen wahrscheinlich keine neue Runde Risikokapital erhalten.“

Russia’s Troll Operation Was Not That Sophisticated

Alex macht in seinem Artikel die wichtige Unterscheidung zwischen der Existenz dieser Propaganda und ihrer einfachen Verbreitung via der Plattformen von Facebook Inc. einerseits, der „Internet Research Agency“ als Internet-Klitsche mit 0815-Strategien andererseits. Das Problem ist logischerweise, dass der Einfluss schwer messbar ist – es geht um Internet-Stimmungen gekoppelt mit anderen medialen (und persönlichen) Einflüssen, und auch um die Reaktion auf extremere Sichtweisen (zum Beispiel Postings linker Sockenpuppen).

Am deutlichsten zeigt sich das in den Demonstrationen auf amerikanischen Straßen, die via Facebook aus St. Petersburg „organisiert“ wurden: Zwar tauchten offenbar vergleichsweise wenige Leute dort auf, doch alleine die Tatsache, dass du eine amerikanische Menschengruppe mit ein paar Mausklicks aus Russland auf die Straße bringen kannst, ist erstaunlich (CIA und KGB brauchten seinerzeit in Lateinamerika und Asien noch Mitarbeiter vor Ort).

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Dystopia

Es fällt mir immer schwerer Science-Fiction-Dystopie, Science-Fiction-Dystopie-Parodie und amerikanische Realität zu unterscheiden. 400.000 US-Dollar hat eine Schule im Südwesten Indianas für dieses System bezahlt.

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Winter in Texas

Niemand hatte mir verraten, dass Winter im südlichen Texas so kalt werden kann.
Und er ist für texanische Verhältnisse wirklich kalt, es hat zwei Mal geschneit und geht nachts dauernd auf knapp über Null runter. An einen ähnlichen Winter kann sich fast niemand erinnern (was auch daran liegt, dass hier viele Leute in den vergangenen zehn Jahren hierhergezogen sind).

Der Bademeister im Freibad (das natürlich geöffnet hat) trägt nicht nur einen Neopren-Anzug, sondern auch noch einen Mantel drüber.
Der Kolumnist der örtlichen Tageszeitung wünscht sich die Hundetage zurück. Die sind im Sommer, wenn es hier wochenlang um die 40 Grad haben kann.

Die Häuser hier – Holz meets Gipswände meets fehlende Isolation – sind nicht für die Kälte gemacht. Die Palmen auch nicht. Wenn der Gefrierpunkt naht, beginnt die Panik – Vermieter und Fernsehen erinnern daran, die Wasserhähne tropfen zu lassen, damit die Leitungen nicht einfrieren. Ich kann immer noch nicht sagen, ob das ein sinnloses Ritual oder wirklich hilfreich ist.

Während ich das fertig schreibe, hat sich das Wetter innerhalb von 24 Stunden gedreht. Von +1 auf +21 Grad. Im Nachbarschaftsbad ist fast kein Platz mehr im Becken, die Vögel und Eichhörnchen flattern und rennen wie irre umher. Niemand hatte mir verraten, dass Texas das Land der extremen Wetterschwankungen ist.

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