USA

Depolitisierung durch imperiales Theater

by

Imperial Theater

Die Mehrheit der amerikanischen Bevölkerung scheint immer noch willens, imperiale Machtdemonstrationen als Selbstbestätigung des American Exceptionalism zu betrachten – selbst, wenn die meisten Amerikaner im Prinzip inzwischen in ihrem theoretischen Verständnis des eigenen Landes isolationistisch oder multipolar denken. Solange keine US-Soldaten in Särgen nach Hause kommen, findet in USA stets eine kurzzeitige Depolitisierung durch Bomben statt.

Die Grenze der eigenen Verluste ist es, die Präsidenten beachten müssen – alles diesseits davon ist erlaubt oder geduldet, und Technologie erleichtert solche Eskalationen ohne viele tote amerikanische Soldaten. Im letzten Amtsjahr der  – allgemein als „zurückhaltend“ geltenden – Obama-Regierung warfen die USA mehr als 26.000 Bomben in sieben unterschiedlichen Ländern ab.

Unter Donald Trump, der als unpolitischer und prinzipienferner Präsident dem Pentagon freie Hand lebt, werden uns diese Akte noch stärker als sonst leer, mit Pathos statt Moral verziert, vorkommen. Dabei war der Bombenhagel auch vorher schon oft genug imperiales Theater. Ein Hammer, der überall Nägel finden möchte. Ich befürchte, wir sind in einem zynischen spät-imperialen Stadium angekommen, in dem Motivationen, Komplexitäten und Glaubwürdigkeiten gar keine Rolle mehr spielen. Irak, nur ohne Maskenspiel, ohne Colin Powell im UN-Sicherheitsrat. Und was heute Syrien ist, kann morgen Nordkorea und übermorgen Iran sein. Und wer möchte schon für solche Länder auf die Straße gehen?

Ich hoffe, dass ich mich irre, doch vom spanisch-amerikanischen Krieg bis zur Grenada-Invasion hat sich dieses Rezept in den vergangenen 120 Jahren allzu oft bewährt.

 

 

Facebooktwitterredditlinkedin

Auf den Spuren der Vergeblichkeit in Louisiana

by

Plaquemines Parish

Plaquemines Parish drowns tonight
When the morning comes, it will all be underground

(Jean Hates Sunrise: Plaquemines Parish)

Durch die Ninth Ward durch, raus aus der Stadt, an der Zucker-Raffinerie und den Fabriken vorbei, ein Stück den Mississippi runter. New Orleans, ich hatte es erwähnt, ist ein kaputtes Paradies. Aber hier draußen ist wenig Paradies, sondern vor allem postindustrielle Kargheit.

Plaquemines Parish

Entlang der Straße wird es schnell einsam. Verlassene Häuser, verbarrikadiert und dem Verfall preisgegeben. Zwischendurch dann wieder etwas Bewohntes, und ich frage mich, ob die Vertriebenen oder die Gebliebenen es besser haben.

Wer abseits der beiden großen amerikanischen Küsten lebt, trifft auf unterschiedliche Formen von Besiedlung und Entvölkerung. Natürlich gibt es auch hier draußen die Trailerparks, jene mobile Lebensform, die Europäern im Urlaub gerne das Amerika-Bild versaut. Doch etwas ist hier anders, die leeren Häuser sind groß und würden normalerweise schnell einen Käufer finden.

Plaquemines Parish

Plaquemines Parish

Plaquemines Parish

Der Bezirk hier, Plaquemines Parish, ist nicht besonders arm, das geht in Louisiana schlimmer. Es gibt noch Industrie entlang des Missisippi und ein bisschen Fischerei, auch nach Deepwater Horizon. Nahe der Flussmündung weiter südlich ist das große Terminal, wo sie die Kohle nach Europa und Thailand verschiffen. Oregon und Washington State wollten nicht mehr, Louisiana als Diener der Öl- und Chemieindustrie nimmt noch dankbar jeden Dreck, auch wenn die Anwohner den Ausbau letztes Jahr verhindert haben, weil Atemwegskrankheiten ganze Siedlungen plagen.

Plaquemines Parish

Aber Plaquemines Parish hat in den vergangenen Jahren begonnen, sich aufzulösen, nicht nur wegen des Landverlusts durch den steigenden Meeresspiegel: Im Süden traf hier 2005 Katrina auf Land. Dann Deepwater Horizon 2010, das Öl kam vom Meer rauf.

Oil Spill, Gulf of Mexico (NASA, International Space Station Science, 05/04/10)

Und schließlich: Hurrikan Isaac 2012. Wir machen in Braitwaithe Halt. Später erfahren wir, dass hier alles überflutet war, weil der Damm nicht gehalten hat.

In New Orleans fiel damals der Strom aus, hier mussten die Menschen überhastet fliehen. Viele kamen nie zurück, in den Häusern liegen noch Sachen. Vielleicht gehören sie auch Hausbesetzern, aber wer würde hier wohnen wollen?

Plaquemines Parish

Plaquemines Parish

Die Natur holt sich die Siedlung zurück, so wie sich die Natur hier schon immer nimmt, was sie möchte. Vielleicht sollte man die jüngere Geschichte des Süden Louisianas auch als tödliche Umarmung von Mensch und Natur verstehen, als unterschiedliche Prozeduren der Zerstörung.

In den vergangenen Jahren hat Plaquemines Parish mehr als 15 Prozent seiner Einwohner verloren. Der nächste Hurrikan kommt bestimmt, die Unverwüstlichen unter den wohlhabenden Hausbesitzern haben ihre Gebäude auf zehn Meter hohe Stelzen gesetzt. Andere sind einfach gegangen, weil die Hochwasserversicherung inzwischen einen fünfstelligen Jahresbetrag kostet.

Als ich später die Geschichte der Gegend nachlese, fällt mir auf, dass ich auch ein Haus fotografiert habe, in dem bei Isaac zwei Menschen ums Leben gekommen sind. Ein älteres Paar, das eigentlich nach Costa Rica auswandern wollte, es aber nie geschafft hat. Sie blieben, als der Sturm kam, und ertranken in ihrer Küche.

Es ist ein friedvoller Ort mit einer großen Eiche. Im späten Frühjahr, wenn die Moskitos noch nicht geschlüpft sind und die Sonne noch nicht unerbittlich brennt, könnte es ein Paradies sein. Doch ich habe gelernt, dass das Friedvolle hier niemals einfach friedvoll ist. Der nächste Kollaps der Zivilisation wartet, nur eine weitere Katastrophe entfernt.

Plaquemines Parish

Facebooktwitterredditlinkedin

Fußnoten vom Fluss S01 E04

by

Abandoned Six Flags New Orleans

Rollendes Notiz-Microblog
(Foto: Der Freizeitpark „Six Flags“ am Stadtrand, der seit Katrina verlassen ist. Auf dem Eingangs-Billboard steht noch „Closed for storm“)

Trumps Gesundheitszustand

Reporter-Veteranin Elizabeth Drew in der New York Review of Books über die ersten Wochen der Trump-Ära:

„Trump’s possible mental deficiencies are also a troubling question: serious medical professionals suspect he has narcissistic personality disorder, and also oncoming dementia, judging from his limited vocabulary. (If one compares his earlier appearances on YouTube, for example a 1988 interview with Larry King, it appears that Trump used to speak more fluently and coherently than he does now, especially in some of his recent rambling presentations.) His perseverating about such matters as the size of his inauguration crowd, or the fantasy that three to five million illegal voters denied him a popular vote victory (he got these estimates from a dodgy source who has yet to offer documentation), or, as he told CIA employees, the number of times he’s been on the cover of Time (sometimes inflating the actual number) has become a joke, but it also suggests that there may be something troubling about his mental state.“

Die geistige Gesundheit des 45. Präsidenten ist eine heikle Frage, auch für die Psychologen und Menschen aus dem Feld, die sich jetzt mit Fern-Warnungen zu Wort melden (hier in der New York Times). Nebenbei hilft eine Klassifikation als „geisteskrank“ natürlich auch seinen Kritikern, Verhalten und Charakter zu rationalisieren. Aber: Wir wissen es nicht. Entsprechend sei der bekannte Psychiater Allen Frances mit seiner Kritik an der Diagnosefreude zitiert:

„Most amateur diagnosticians have mislabeled President Trump with the diagnosis of narcissistic personality disorder. I wrote the criteria that define this disorder, and Mr. Trump doesn’t meet them. (…) Bad behavior is rarely a sign of mental illness, and the mentally ill behave badly only rarely. Psychiatric name-calling is a misguided way of countering Mr. Trump’s attack on democracy. He can, and should, be appropriately denounced for his ignorance, incompetence, impulsivity and pursuit of dictatorial powers. His psychological motivations are too obvious to be interesting, and analyzing them will not halt his headlong power grab. The antidote to a dystopic Trumpean dark age is political, not psychological.“ 

(16. Februar)

AI und AI-Theater

Erfreulichere Dinge: Eine der bislang besten Diskussionen über künstliche Intelligenz (ein Ausdruck, der mir weiterhin Bauschmerzen bereitet) fand neulich im Commonwealth Club von San Francisco statt und ist hier nachzuhören. Reporter-Legende John Markoff redet mit Technologie-Legende Jerry Kaplan über AI. Das Gespräch ist deshalb so gut, weil es den Hype und unsere Wahrnehmungsfallen von dem trennt, an dem gerade wirklich gearbeitet wird.  Kaplan:

„Es gibt dieses AI-Theater, diesen Anthropomorphismus wie bei Jeopardy [Auftritt des IBM-Computers Watson], wo du einen Kopf siehst und es scheint, als würde er nachdenken und ein Verstand dahinter sein, aber es ist ein Computer. (…) Das ist ein religiöses sprituelles Konzept auf der ganzen Welt, in Japan gibt es den Shintoismus, dass jedes Objekt einen Geist hat. Aber dieser Anthropomorphismus führt uns in die Irre, wenn wir über die praktischen Folgen dieser Technologie nachdenken. Es macht uns blind dafür, was wir durch sie erreichen können und wo wir vorsichtig sein müssen.“

Jerry Kaplan hat auch ein neues Buch zum Thema geschrieben(16. Februar)

Evolution komplexer Systeme


Im Whole Earth Catalog blättern, um die Entwicklung von Ideen der frühen Digitalkultur zu verstehen. Herbert Simons Artikel zur „Evolution komplexer Systeme“ von 1969 gelesen. Ich hatte immer gedacht, dass die Verhaltensökonomie als tragende Säule des Silicon Valley aus der BWL-isierung der Branche kommt, aber bei Simon ist es bereits in der Logik einer effizienten Problemlösung (oder eines effektiven System-Designs) angelegt. Und anders als heute gibt es noch einen Bezug zur Ableitung solcher Konzepte aus den Prozessen, die wir aus der Natur kennen. (16. Februar)

Trump und die Tech-Branche

Bevor es wieder in die Tiefen des Internet-Archives fällt: Hier mein Stück zum Verhältnis der Tech-Branche zu Trump, mit ein paar historischen/philosophischen Aspekten, die ich ganz interessant fand. (16. Februar)

US-Vertreter auf der Sicherheitskonferenz

Ich glaube nicht, dass Europa auf der Siko irgendetwas Handfestes über Ziele, Loyalitäten und Strategie der neuen US-Regierung herausfinden wird. Tillerson? Das Außenministerium ist derzeit isoliert und auf einen Behördenapparat reduziert. Pence? Sein Einfluss ist völlig unklar und nach der Flynn-Sache zweifelhaft, seine Rede gibt wohl bestenfalls ein Eindruck seines  weltanschaulichen Neocon-Gemischs und ein Ausblick auf seine Amtszeit in zwei bis drei Jahren. Mattis? Hat Budget und kann Truppen verschieben, aber ich wette einen Kasten Bier, dass er in anderthalb Jahren nicht mehr im Amt sein wird. Nein, im Weißen Haus arbeitet eine kleine Clique mit einem unaufmerksamen Chef an der Spitze; ihre Langfrist-Strategie wird auf absehbare Zeit trotz (oder wegen) aller Leaks eher Gegenstand von Kreml-Astrologie als von Analysen belastbarer Aussagen.

Uber-Kultur

Susan Fowler, eine angesehene Programmiererin aus der Bay Area, hat die Kultur von Sexismus und Missmanagement bei ihrem Ex-Arbeitgeber Uber dokumentiert. Jeder, der sich für Westküsten-Tech interessiert, sollte ihren Blogeintrag lesen. Uber war schon zu meiner Zeit in der Bay Area als Arbeitgeber bekannt, zu dem man in der Regel nur für die IPO, nicht für die Firmenkultur oder Mission geht. Daran wird sich auch nichts ändern. Teile der Bay Area haben ihren moralischen Kompass von der Wall Street gekauft. Chefs prägen in der Tech-Branche die Firmenkultur, erfolgreiche Chefs die Kultur insgesamt… zwei Worte: Travis Kalanick. Wie auch immer, zwei Randbemerkungen noch: Stack-Ranking ist oft eine genauso blöde Idee wie Open Floor Plans, weil am Ende immer Charakter des Vorgesetzten oder verdeckte Politik das Ergebnis beeinflussen… aber wegen des Messbarkeits-Fetischs in der Branche wird es so schnell nicht verschwinden. Oh, und wie viele Geschichten aus der Tech-Branche muss ich noch lesen, in denen HR (also die Personalabteilung) dem Mitarbeiter nur Ansprechbarkeit bei Problemen vorspielt, in Wahrheit aber das Klagerisiko gegen den Vorstand mit irreführenden Aussagen minimieren will?

Die Progressiven und Trump, Folge 1523

Nein, ich unterschreibe nicht die Theorie, dass die Progressiven an Trumps Aufstieg schuld sind. Zumindest nicht so sehr, wie oft getan wird. Aber sie sollten sich endlich eine Strategie überlegen. Aber dieser Twitter-Thread zu dem Stück, der die kulturelle Entfremdung moderater Republikaner von den Demokraten beschreibt, symbolisiert alles, was dabei falsch läuft: Schubladen, Abstempelei, Rückzug in die eigene moralische Überlegenheit.

Okay, das ist natürlich – wie immer bei Social Media – etwas willkürlich herausgegriffen. Aber ein infantiler Rückzug in die politische Nische oder auf einen moralischen Thron wäre genau das Gegenteil dessen, was den progressiven Teil der Gesellschaft in seinem vitalen Kern immer ausgemacht hat: Eine Ableitung eigener Positionen nicht einzig aus einer Tradition oder vorgefertigten Schablonen heraus – nein, die Reflexion der eigenen Haltung und Erkenntnis aus der Auseinandersetzung mit Komplexität. Genau das hat die Demokraten in den USA oft – im Vergleich zur GOP – so erwachsen erscheinen lassen. Und egal, wie der Gegner spielt: Das aufzugeben, wäre fahrlässig und würde letztlich zur Implosion führen. (23. Februar)

Griechische Realitäten

Aus dem Tagesspiegel:
„Eine Studie des Verbands der Kleinunternehmer zeigt, wie weit das Land im achten Jahr der Krise und Kredite abgebrannt ist: 37 Prozent der Familien leben mit weniger als 10.000 Euro im Jahr. Für die Hälfte der griechischen Haushalte sind die Renten der Eltern und Großeltern die Haupteinnahmequelle geworden.“

Austerität wird einmal als einer der fatalen Ideologien des frühen 21. Jahrhunderts in die Geschichte eingehen, und Schäubles Rolle wird entsprechend bewertet werden. (via Stefan Sell)

Facebooktwitterredditlinkedin