The Fountains at Bellagio

Rollendes Notiz-Microblog

CES 2017

Die CES (hier mein Stück über VR/AR, hier eine launige Zusammenfassung des Besuchs) verlief relativ ereignislos, im Sinne von „kein Wow-Effekt“. Einige interessante Microtrends und Updates, dazu ein deutlich erkennbarer Shift zu Hardware + Service als nächste Phase der Digitalisierung. Und eine gewisse existenzielle Leere in mir im Hinblick auf wirklich hilfreiche Technologie im Sinne von „hilft, die Zivilisation vor dem Kollaps zu bewahren“ oder zumindest „hilft dem Einzelnen über reinen Komfort hinaus“. Aber natürlich wäre das auch viel erwartet für die CES. Eine positive Entwicklung: Die Verbreitung mobiler Solarplatten, in Afrika reden wir ja bereits von einer Auslassung des fossilen Zeitalters (auf der CES ging es natürlich um Camping-Nutzungsszenarien). (9. Januar)

China vs. Silicon Valley

Hier ein @SZ-Stück von mir zur Frage, ob China das Silicon Valley überholen kann. Einerseits fehlt dazu noch einiges, andererseits ist auch in der kalifornischen Technologie viel Geld in „Me-too“-Produkte geflossen. Wobei natürlich Geld im Zeitalter der Niedrigzinsen keine Rolle spielt. Auf jeden Fall würde ich gerne mal einen Monat in Shenzhen leben und recherchieren, um ein Gefühl für den Stand der Dinge dort zu bekommen. (9. Januar)

Big Data Shift

Interessant aus einem Gespräch und außerhalb des Feldes kaum wahrgenommen: Die sinkende Bedeutung von Big Data für AI-Anwendungen wegen der Fähigkeit, Datensätze zum self-learning leicht zu modifizieren. Das würde wahrscheinlich kein „Tabula rasa“ im Bezug auf den Vorsprung von Google, Tesla, Facebook etc. in ihren jeweiligen Feldern bedeuten, aber doch das Engineering als Faktor wieder in den Vordergrund rücken. War mir nicht klar. (tl;dr wg. Nachfrage: Es hieß immer, dass dir riesige Datensätze einen Vorteil im Training von AI verschaffen. Stimmt nicht mehr, Software kannbestehende Daten modulieren (vgl. sowas wie Drehen von Bildern) und dadurch große Datenbasis simulieren.) (9. Januar)

Buzzfeed und Trump

Nach all dem Gerede über Fake News ist es unverantwortlich von Buzzfeed, das Trump-Dossier zu veröffentlichen, obwohl sie nichts davon nachrecherchieren oder durch eine zweite Quelle bestätigen konnten. Wenn eine Redaktion anfängt, für Aufmerksamkeit und den Nachweis einer kritischen Haltung journalistische Standards (und damit auch kritisches Denken) wegzuwerfen, wird das eine unheilvolle Richtung nehmen. Und das Problem ist im Jahr 2017: Ein „Mainstream-Medium“ wird schnell als Beispiel für „alle Mainstream-Medien“ herbeigezogen. (10. Januar)

Fake News: Begriffe als Bumerang

Eine Lehre aus der Trump-PK heute: „Fake News“ ist – wie von diversen Menschen vorhergesehen – ein neuer Kampfbegriff, der von der künftigen US-Regierung für sämtliche Formen kritischer Berichterstattung verwendet werden wird (Buzzfeed hat eine Steilvorlage geliefert, die PK noch mehr als sonst für Meta-Debatte zu nutzen). Genau wie der Begriff „Alt-Right“ unter Propagandisten wie Hannity (sorry, nichts anderes ist er) und Co. zur „Alt Far Left“ wird und sicherlich bald flächendeckend Einsatz findet, um kritische Medien und politische Gegner zu diskreditieren.
P.S.: Ich mag Buzzfeed und halte sie bei Longreads für sehr viel besser und präziser arbeitend als viele deutsche Medien. Genau deshalb ärgert mich die Veröffentlichung des Dossiers so (11. Januar).

Google: Die fetten Jahre sind vorbei?

Charles Arthur hat drüben bei sich ein paar Alphabet-Meldungen der vergangenen Tage verlinkt: Ein möglicher Verkauf des (erst vor drei Jahren übernommenen) Satelliten-Dienstes Skybox, die Suche nach eine Käufer für den Glasfaser-Dienst Fiber, Stellenabbau im ehemaligen Drohnen-Programm Titan. Wir erinnern uns: Für die Robotersparte (Boston Dynamics) sucht Alphabet auch noch Käufer. Von einer Re-Fokussierung der Alphabet-Gruppierung auf absehbare Profit-Projekte war bereits im Dezember in der Businessweek zu lesen. Kombiniert damit, wie Google seine Suche in den vergangenen zwölf Monaten mit neuen Werbeplätzen zugeballert hat, um die Umsatzziele zu erreichen, ergeben sich durchaus Krisensymptome. Nicht Krisensymptome im Yahoo-Sinn, sondern schlicht mittelfristig stagnierende Umsätze. Wenn sich der Goog über die AMP-Linkstruktur gerade mehr oder weniger offensichtlich das mobile Web einverleiben möchte, ist das sogar eher ein defensiver Schachzug.

Jenseits der persönlichen Assistenten sollte ich mich mal ausführlicher mit den unterschiedlichen Android-Systemen beschäftigen. Als Informationsunternehmen muss es ja darum gehen, die Signale der nächsten Generation (vernetzte Geräte, Sensoren, etc.) möglichst vollständig tracken und auswerten zu können. Vielleicht orientierte ich mich aber noch zu sehr an der Idee von Google als digitalem Weltlogistik-Konzern, der über alles beinahe in Echtzeit Infos hat und auf diese Infos Dienste aufsetzt. (12. Januar)

Welchen Trump bekommt die Welt?

Brad DeLong hat vier Politiker im Angebot, mit denen Trump vergleichbar wäre: Reagan, Schwarzenegger, Berlusconi, Mussolini. Sehr interessante Perspektiven, vor allem weil er Reagan und Schwarzenegger jenseits der Klischees betrachtet.
Zu Trump noch eine Anmerkung: Ich bin mit dieser ganzen „roten Gefahr“ weiterhin sehr vorsichtig, weil auf progressiver Seite viel Wunschdenken dabei ist, Illegitimität bestätigt zu sehen, und das ausgerechnet von der CIA (btw: die „Wahl“ wurde nicht gehackt, sondern der Wahlkampf). Gleiches gilt für den unbewiesenen Moskau-Bericht dieses UK-Spions („Buzzfeed-Dossier„). Im Umkehrschluss ist klar: Trumps Schuldenstruktur muss auf den Tisch, um wenigstens einen Bruchteil an Transparenz herzustellen. Ich kann auch nur davor warnen, sich US-Geheimdienste zu wünschen, die den Präsidenten zu Fall bringen, nur weil man selbst ihn für eine Gefahr hält. Es gelten weiterhin die Buchstaben des Gesetzes und der Wille der Wähler. (12. Januar)

Vier Szenarien für die Zukunft der Rassenbeziehungen

Wie verändert sich die Rolle ethnischer Herkunft in den USA? Noah Smith hat verschiedene Szenarien aufgeschrieben, von „wird weniger wichtig“ über „Hispanics und Asiaten werden ‚weiß‘ gezählt“ über eine Rückkehr zu klassischen Definitionen wie „italo-amerikanisch“ bis hin zum düsteren „Politik wird Ethnopolitik“. Als Europäer ist man überrascht und überwältigt, wie ethnische Herkunft hier in vielen unterschiedlichen Facetten eine Rolle spielt, weil Erzählung (sind doch alles Amerikaner!) und Alltag (ah, das ist ja typisch für xyz-Amerikaner) so weit auseinanderklaffen. Aber natürlich ist das Ausverhandeln dieser Verhältnisse Teil eines multiethnischen Staates, weshalb ich die Lektüre von Smiths Text empfehle. (12. Januar)

Bärenfallen der Spracherkennung

Aus dem Economist-Schwerpunkt zur digitalen Spracherkennung und semantischen Fallstricken:
„‚Who plays Thor in ‘Thor’?‘ Your correspondent could not remember the beefy Australian who played the eponymous Norse god in the Marvel superhero film. But when he asked his iPhone, Siri came up with an unexpected reply: ‚I don’t see any movies matching ‘Thor’ playing in Thor, IA, US, today.‘ Thor, Iowa, with a population of 184, was thousands of miles away, and “Thor”, the film, has been out of cinemas for years. Siri parsed the question perfectly properly, but the reply was absurd, violating the rules of what linguists call pragmatics: the shared knowledge and understanding that people use to make sense of the often messy human language they hear.“ (13. Januar)

Lebenslanges digitales Lernen

Dirk von Gehlen schließt drüben @SZ die Debatte über „Wie sollte die Digitalisierungsdebatte aussehen?“ vorläufig ab, was ich sehr begrüße. Er erwähnt ein Bildungssystem für Erwachsene (vgl. „lebenslanges Lernen“) im Zeitalter der Automatisierung, was auch das Economist-Schwerpunktthema diese Woche ist. Dass gleich der erste Artikel mit dem Startup einsteigt, bei dem ich meinen Programmierkurs gemacht habe (General Assembly), ist ein netter Zufall und passt ganz gut. Natürlich mache auch ich mir Gedanken, welche Qualifikationen ich mir aneignen sollte und was ich eigentlich möchte. Dass ich seit Januar nicht mehr Vollzeit arbeite, gibt mir etwas Raum dafür.

Als Journalist ist relativ absehbar, dass in den kommenden drei bis zehn Jahren ein großer Teil der bezahlten Jobs verschwinden, sich von den Kernaufgaben des Journalismus entfernen oder schlicht schlechte Arbeitsbedingungen bieten wird, sich also letztlich bereits sichtbare Entwicklungen fortsetzen und verstärken werden. Natürlich will ich mithelfen, dass die Kernfunktionen des Journalismus (eine informierte Gesellschaft ermöglichen) auch in Zukunft erhalten bleiben. Nur kann dies im Kontext der fortgesetzten Digitalisierung auch etwas völlig anderes bedeuten, als sich in und an der Medienbranche abzuarbeiten. Mehr noch: Viele drängende Probleme der Menschheit erfordern neue Ansätze, die jenseits von Fortschrittsglauben und Veränderungspessimismus liegen. Das ist es, was mich fasziniert, worüber ich mir Gedanken mache und woran ich gerne arbeiten möchte. Ich weiß also noch nicht, wie mein Beruf morgen aussehen oder ob meine Berufung überhaupt ein Beruf sein wird; ich bin mir aber sicher, dass mich die neue Lernphase meines Berufslebens auf den Weg dorthin bringen wird. (15. Januar)

Wird ständig fortgesetzt.

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