in Denken, Horizont

Es wird keine Rückkehr zur Normalität geben

U-Turn

In diesen Kopfschmerzkino-Zeiten verspricht ein Szenario Linderung: Trump wird innerhalb kürzester Zeit verschwunden sein, sei es durch Amtsenthebung oder Rücktritt. Alles wird… vielleicht nicht normal, aber der Weg geht zurück in geordnete Bahnen des regulären zivilisatorischen Fortschritts.

Das wird nicht passieren.

Der neue US-Präsident ist nur ein Symptom für die bereits angebrochenen Veränderungen. Der Siegeszug von Globalisierung, Software und digitaler Vernetzung führt in die nächste Phase der Automatisierung, mit schwer absehbaren Folgen für den Arbeitsmarkt und damit das soziale Gefüge. Der Konsum-Kapitalismus ist nach fast 100 Jahren in beinahe alle Strukturen und Regionen der Welt und des Privaten vorgedrungen – und es wird immer deutlicher, dass er in seiner Hyper-Endversion keine Ko-Existenz mit der Demokratie kennt, sondern zwei auf Ausdehnung angelegte Systeme gerade nur noch auf Kosten des jeweils anderen wachsen können. Someone’s gotta give und die tragische Möglichkeit, dass demokratische Industrienationen statt “Demokratie und Post-Kapitalismus” nun “Hyper-Kapitalismus und Autokratie” wählen, erscheint nicht mehr so irrational wie noch vor zwölf Monaten. Der Pfad in den Tribalismus ist vorgezeichnet und führt durch die einsetzenden Effekte des Klimawandels (globale Migrationgsströme wegen Trockenheit, Landverödung, Überflutung) steiler in die Tiefe als gedacht.

Das ist die düstere Version oder besser: Ein guter Ausgangspunkt um zu verstehen, dass wir die gegenwärtigen Strukturen nicht retten können, sondern sie grundlegend verändern müssen. Die Aufgabe ist einfach zu formulieren (Entwurf), aber schwer umzusetzen: Der Übergang in eine Welt, die Menschen über das Private hinaus Sinn in ihrem Leben und Tun finden lässt, ohne dass diese den einfachen, aber gefährlichen Weg des ideologischen Kollektivismus beschreiten müssen. Dass jetzt selbst im DAX-Mainstream über das bedingungslose Grundeinkommen diskutiert wird, geht auf materieller Seite in diese Richtung, aber beantwortet nicht die Fragen nach dem Sinn unseres Tagwerks, ob das nun Arbeit ist oder was auch immer.

Das war schon vor Trump klar – der Webfehler des amerikanischen Konservatismus (und vielleicht des amerikanischen Geistes schlechthin) ist, den Kapitalismus mit mehr Kapitalismus reformieren zu wollen, weil die Freiheit des Einzelnen dort ideenhistorisch längst nicht mehr von der Freiheit des Marktes entkoppelt wird*. Doch nicht Kapital ist das Problem, im Kontext des technologisch Möglichen sind das vielleicht nicht einmal Ressourcen – sondern die Verteilung. Der deutsche VC Albert Wenger hat in “World After Capital” beispielsweise einen Entwurf  für eine mögliche nächste Phase der westlichen Zivilisation vorgelegt, Peter Frase in “Four Futures” verschiedene Szenarien des Zugangs zu Wohlstand und Teilhabe. Und Robin Hanson hat darauf hingewiesen, wo es bei der Umsetzung von institutioneller Innovation fehlt.  Das alles ist nicht ohne Schwächen, aber eine Grundlage und die Debatte hat bereits begonnen.

Ich weiß, dass das im Kontext möglicher globaler Entwicklungen durch die Trump-Wahl ein bisschen naiv klingt (und womöglich unabsichtlich paternalistisch). Aber auch dieser Wahlausgang scheint einen Trend zu bestätigen, ein in den westlichen Industrienationen (auch von mir) geteiltes Gefühl, Teil automatisierter Markt-Abläufe zu sein und kaum Handlungsspielraum zu haben. Und die Alternative kann nicht die Bewahrung des Status Quo oder schlichte Moralargumentation sein. Meine Hoffnung ist, dass darin die Grundlage einer positiven Identitätsstiftung liegt, die dem Trend der auf Ausschluss (“das Andere”) angelegten Mikro-Gemeinschaften entgegenwirkt. Und ja, ich weiß, dass viele Menschen längst in diesen Mikro-Gemeinschaften ihre „echte Welt“ in Zeiten der Dismediation gefunden zu haben. Aber ich glaube an die Vernunft und das Problembewusstsein der Mehrheit (auch und gerade in Deutschland), die Veränderbarkeit der Geschichte im Schlechten wie im Guten. Ich lasse diesen Absatz über den russischen Philosophen Alexander Herzen in seiner Zweideutigkeit unkommentiert:

In From the „Other Shore“, Herzen insisted that there are no definitive solutions, that history has no aim, and that at any moment multiple futures are possible. “There is no libretto…. In history, all is improvisation, all is will, all is ex tempore.” The contrast, Kelly observes, could not be more striking. To think that one has solved the riddle of history and that all morality is on one’s own side is to justify literally any action one might take, and so [Isaiah] Berlin regarded Herzen as having foreseen what the twentieth century so amply demonstrated: that the greatest evil is committed by those who would extirpate it forever.

Fußnoten(*):

*Für republikanische Entscheidungsträger ohnehin ein Deckmantel für den Kapitalabfluss von Privat- in Firmenvermögen (belohnt wird, wer mehr aus diesem System bekommt, als ihm abgezogen wurde)

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