Hitzacker an der Elbe 01

Ein bisschen überrascht stelle ich fest, dass kein deutschsprachiger Wikipedia-Eintrag zum Begriff „Rubrikenmärkte“ existiert. Eine Leerstelle, die natürlich der beinahe abgeschlossenen funktionalen Entbündelung gedruckter Zeitungen geschuldet ist.

Wir erinnern uns selten an die Zeitung aus der vorletzten Woche, noch seltener an die Rolle der Zeitung vor dem Internet-Zeitalter. Aber aus dieser Perspektive betrachtet lassen sich die Entwicklungen der vergangenen Woche so zusammenfassen: Facebook hat die nächsten bzw. letzten ehemaligen Zeitungsfunktionen übernommen.

Facebook Marketplace: Kleinanzeigen waren bereits vorher zu Craigslist/Ebay (USA) oder MeineStadt.de/Ebay/Online-Spezialmärkte (Deutschland) gewandert. FB versucht das im mobilen Zeitalter um die Geo-Komponente zu erweitern und durch die prominente Platzierung im UI quasi als Verhaltensmuster „reinzudrücken“. Damit ist es schon häufiger gescheitert, andererseits hat es auch finanziellen Spielraum, um semi-professionelle Verkäufer von Ebay/Craigslist rüberzulocken. Ich bin eher skeptisch, andererseits gibt es in der Tat noch keine gute Übersetzung dieser Funktion in Mobile. Und etwas in die Zukunft gedacht, sind Echtzeit-Märkte nicht nur im Bereich Waren, sondern auch bei Dienstleistungen eine logische Entwicklung und sicher auch bei Uber etc. auf dem Schirm. Eine gute Analyse zum Marketplace findet sich bei Ben Thompson(€).

Events from Facebook: Das sollte Verleger besonders schmerzen. Bislang waren Veranstaltungskalender im Web erstaunlich schlecht organisiert – klar, es gibt Eventbrite, Stadtportale etc. Aber insgesamt existierte keine einheitliche Plattform, die wirklich benutzbar war. Für mich waren (urbane) Veranstaltungskalender gerade in Deutschland genau der verbliebene Alt-Markt, den Verlage mit etwas Investment hätten erhalten können – als personalisierte, mobile Version und erweiterbare Plattform. „Ich bin jetzt gerade hier, zeige mir, was ich tun kann?“ ist die Smartphone-Frage der Zukunft und jetzt beantwortet sie Facebook.

FB-Apps außerhalb der Kernfunktionen sind häufig Flops, dieses Mal halte ich den Versuch für vielversprechender – die (bislang in den USA für iOS ausgerollte) Events-App funktioniert gut, mischt „die Welt da draußen“ und Events aus meinem Freundeskreis. Mehr braucht niemand. Hier in den USA pflegen Clubs, Museen und Organisationen ihren Facebook-Kalender recht gut, im Idealfall (für FB) wird der Druck durch die stärkere Gewichtung zunehmen. „Event“ ist ohnehin ein so breitgefasstes Konzept, dass privat und öffentlich verschwimmen.

Natürlich lassen sich Karten-Vorverkauf oder Verkauf prominenter Platzierungen dadurch noch einmal besser monetarisieren, dazu ist es der Einstieg in ein vertieftes Kalender-UI. Unter dem Strich aber plant FB bei Marketplace und Events erst einmal nichts anderes als auf der Hauptplattform: Content zusammenführen und dann Sichtbarkeit vermarkten. Plattform-Play eben.

Für Publisher, die an diesen Vertikalen früher verdienten, sind das natürlich keine guten Nachrichten. Und auch keine überraschenden. Die Wertschöpfung aus der Querfinanzierung wandert ab und es wird absehbar schwierig, das alleine über den Verkauf von „Content“ auszugleichen. Zumal dessen Bedeutung und Funktion sich im Kontext der Netzwerk-Wirtschaft ebenfalls bereits stark gewandelt hat.

 

 

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