Mississippi River on a foggy February morning

Rollendes Notiz-Microblog

Herbst 2015 und ein Untersuchungsausschuss

Robin Alexander von der Welt hat ein Buch über die politischen Entscheidungen rund um die Flüchtlingskrise geschrieben (Auszug hier,€), in der von einem nicht durchgeführten Plan zur Abriegelung der Grenze am 13. September 2015 die Rede ist. Christoph Schwennicke vom Cicero leitet daraus die Notwendigkeit eines Untersuchungsausschusses ab. Schwennicke ist ein schlauer Typ, auch wenn ich oft nicht seiner Meinung bin. Als ich vergangenen Herbst die diversen Jahrestags-Nachrecherchen las, kam mir das Wort Untersuchungsausschuss allerdings auch in den Kopf, aber in anderem Zusammenhang. Genauer gesagt hatte ich ein Problem mit zwei Sachen:

  1. Die Gleichsetzung von „Einwanderung“ und „Asyl“ aufgrund einer fehlenden Einwanderungsstrategie. Statt zu differenzieren und zu sagen „einige werden bleiben, andere nach dem Krieg zurückkehren, wir werden jeden Fall prüfen, das hier ist ein Notfall“ war die Botschaft auch ein „da kommen Menschen und wir helfen und sie lösen nebenbei unsere wirtschaftlichen Probleme“. Zumindest kam diese Vermischung von Moral und Ökonomie damals bei mir so an (btw. Erkenntnis im Rückblick: Dinge können moralisch richtig aber politisch falsch sein. Das kommt oft vor, braucht aber immer gute Begründungen).
  2. Entgegen der Pauschalkritik wurde die Überforderung der Behörden in den Medien früh thematisiert, ich erinnere mich zum Beispiel an einige längere Geschichten im Spiegel. Das Ausmaß des acht- bis zehnwöchigen Kontrollverlusts, gerade bei der Registrierung, stellt sich auch in der Rückschau als beträchtlich heraus. Hier wäre meiner Meinung nach eine Untersuchung angebracht gewesen, ein Blick auf Strukturen und Versäumnisse bei der Planung, Verantwortlichkeiten. Das Problem war natürlich neben der politischen Konstellation in dieser Legislaturperiode, dass ein Untersuchungsausschuss inzwischen vorwiegend als parteipolitisches Werkzeug verwendet wird und Aufklärung oft ein Nebeneffekt ist. Ich frage mich, ob es ein ideales „Werkzeug“ gegeben hätte. Die fehlende Aufarbeitung, und darauf zielt Schwennicke ja auch ab, ist ein großes Versäumnis und der Schaden daraus nicht nur in Anti-Einwanderungs-Kreisen beträchtlich. (13. März)

Empathie

Danah Boyd hat einen sehr bewegenden Text geschrieben, in dem es über Empathie oder zumindest Perspektivwechsel geht. Auszug:

„My first breakthrough came when I started studying bullying, when I started reading studies about why punitive approaches to meanness and cruelty backfire. It’s so easy to hate those who are hateful, so hard to be empathetic to where they’re coming from. This made me double down on an ethnographic mindset that requires that you step away from your assumptions and try to understand the perspective of people who think and act differently than you do. I’m realizing more and more how desperately this perspective is needed as I watch researchers and advocates, politicians and everyday people judge others from their vantage point without taking a moment to understand why a particular logic might unfold.“

Es geht nicht darum, alle anderen Standpunkte zu akzeptieren, sondern darum, nicht sofort Schubladen aufzumachen und einzusortieren. Genau das vermisse ich in Social Media und darüber hinaus. Natürlich ist das Argument immer: Aber die andere Seite macht das auch nicht. Das ist in einigen Fällen richtig, aber das zu imitieren soll bitte genau wohin führen…? (13. März)

Daten-Analyse der Demokraten

Es war viel von Trumps Daten-Analyse die Rede, jetzt beleuchtet David Auerbach für NPlusOne die Wahlkampf-Berechnungen der Demokraten. Eigentlich wollte ich zitieren, aber die Seite ist gerade down. (13. März)

James Baldwin

Zitat aus dem Film „I Am Not Your Negro“ (hier auch in der NY Review of Books besprochen)
„In the case of the American Negro, from the moment you are born every stick and stone, every face, is white. Since you have not yet seen a mirror, you suppose you are, too. It comes as a great shock around the age of 5, 6 or 7 to discover that the flag to which you have pledged allegiance, along with everybody else, has not pledged allegiance to you. It comes as a great shock to see Gary Cooper killing off the Indians and, although you are rooting for Gary Cooper, that the Indians are you.“

Das Verhältnis von Schwarz und Weiß ist hier in dieser Stadt jeden Tag ein Thema, manchmal unbewusst, manchmal öffentlich, manchmal nur irgendwo dort hinten in Deinem Kopf. „I Am Not Your Negro“ hat meinen Pessimismus verstärkt, dass dieses Land jemals mit seiner Geschichte ins Reine kommen wird. „Vorgetäuschter Humanismus“ nennt es Baldwin an einer Stelle, glaube ich. Manchmal habe ich das Gefühl, dass dies eine Kern-Eigenschaft dieses Landes ist, die in guten Augenblicken nur verdrängt wird. (13. März)

Globale Geschichte

Jeremy Adelman auf Aeon mit einer Geschichte der globalen Perspektive auf Geschichte, die eben doch nicht von einer größeren Anerkennung von Kontinenten wie Asien oder Afrika her rührt:

„What are we to make of all this? First, the high hopes for cosmopolitan narratives about ‘encounters’ between Westerners and Resterners led to some pretty one-way exchanges about the shape of the global. It is hard not to conclude that global history is another Anglospheric invention to integrate the Other into a cosmopolitan narrative on our terms, in our tongues. Sort of like the wider world economy.

Secondly, to some extent, global history sounds like history fit for the now-defunct Clinton Global Initiative, a shiny, high-profile endeavour emphasising borderless, do-good storytelling about our cosmopolitan commonness, global history to give globalisation a human face. It privileged motion over place, histoires qui bougent (stories that move) over tales of those who got left behind, narratives about others for the selves who felt some connection – of shared self-interest or empathy – between far-flung neighbours of the global cosmopolis.“

Wir kommen jetzt in eine neue Phase, zu der es auch gehören wird, die kosmopolitischen Erzählungen der vergangenen Jahrzehnte nüchtern zu analysieren. Abstrakt gesprochen geht es um eine neues Verständnis des gleichzeitigen „Überall“ der Vernetztheit und des „hier und jetzt in der Welt“ des Ortes. Die Antworten auf „Wie hängt alles zusammen?“ und „woher komme ich und wo stehe ich?“ sind ja die Grundpfeiler dessen, was wir Identität nennen. Was glaube ich in den vergangenen Jahren vergessen wurde in den „die Welt ist flach“-Erzählungen ist die Suche nach jenen alten Verbindungen, die nicht mehr existieren und gekappt wurden. (13. März)

Wird ständig erweitert

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