Peak
Wir haben Peak Content erreicht: Es gehen jeden Tag so viele Texte, Videos, Filme, Audios, Bilder online, dass unsere Aufmerksamkeit schon mit dem interessanten Material von 24 Stunden ein Menschenleben lang beschäftigt wäre. Peak Content bedeutet nicht unbedingt, dass die Zahl der Inhalte abnimmt (es gehen global weiterhin Erstnutzer online und die Definition von „Content“ erweitert sich gerade, vgl. Interaktionen etc.); wohl aber wird die Zahl der Menschen sinken, die für deren Erstellung noch bezahlt werden.

Ich habe zu den hier in den USA sichtbaren Veränderungen etwas in mein – in den kommenden Wochen irgendwann erscheinendes inzwischen erschienenes Medienmenü geschrieben (Fettungen von mir):

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Deutsche Medien leben noch von den Resten einer demographischen Dividende, weil die Altersstruktur einige Veränderungen etwas verzögert. Die Krise vieler durch Risikokapital finanzierten Medien-Startups wird Deutschland erspart bleiben, weil es dort so etwas nicht gibt. Aber gerade hier hat sich ein genuiner Online-Journalismus entwickelt, der auch die Verlagshäuser gezwungen hat, agiler zu werden. Die Erfahrungen und Experimentierfreude haben viele junge US-Journalisten reifen lassen, handwerklich und persönlich.

Die Distributionsfragen ähneln sich in beiden Ländern und sind schwer zu beantworten. Hier gibt es viele Überlegungen zum Kontext: Wo genau im Informationssystem erreiche ich Menschen noch, auf welche Dienste/Plattformen/Signale muss ich aufsetzen? Was ist zum Beispiel das Äquivalent zu Ubers Integration in Google Maps? Und wie verändert sich die Landschaft, wenn lernende Maschinen (oder „künstliche Intelligenz“) einmal als App-Store vorliegen und wir mit ihrer Hilfe mediale Informations-Architektur entwerfen?

Die Frage nach Native Advertising ist hier schon beantwortet (mit „ja, klar“). Die algorithmische Produktion von Nachrichten dürfte in den nächsten 18 Monaten den US-Mainstream mit voller Wucht erreichen. Theoretisch könnte das auch in Deutschland viel menschliche Arbeitskraft für sinnvollere Aufgaben freisetzen, aber wir ahnen alle, was wirklich passieren wird.

Das alles ist sehr weit weg vom Erstellen und Verteilen von Inhalten, auf dem redaktionelle Arbeit traditionell basiert. Das wird nicht verschwinden, aber das Medien-Ökosystem hat den Wandel von Knappheit zu Überfluss schon lange vollzogen und sortiert sich entsprechend um. Viele Lösungen – und damit auch die Wertschöpfung – werden softwarebasiert sein. (…)
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Passenderweise bin ich am Wochenende durch den – kuratierenden – NYTimes-Newsletter auf einen Redef-Artikel gestoßen, der die Folgen von Knappheit -> Überfluss im Kontext künftiger Influencer-Systeme beschreibt. Influencer kuratieren Inhalte und einige der reichweitenstärksten von ihnen setzen – ähnlich wie Social-Media-Superstars heute – darauf Geschäftsmodelle auf. Medienmenschen sollten sich einiges davon anstreichen, so wie ich mir das hier (digital) angemalt habe:

„For most curators (and audiences), the distinction between content type (e.g. art, music, film, TV) and class (‚premium‘, ‚low-grade‘, ‚UGC‘) is without value. They curate according to their voice and interests, not library categorizations.“

In gewisser Weise reden wir von einem Bundle, aber nicht von dem Bundle, das die Legacy-Medien gerade zu retten versuchen, sondern eher von… der App von Kylie Jenner???  (ich war nach der Erwähnung im Redef-Artikel auch verblüfft, aber das Konzept kommt hin).

Ich glaube aber, das wir es am Ende mit menschlichen und automatisierten Kuratierungssystemen zu tun haben werden.

  • Mögliche Eigenschaften menschlicher Kuratierungssysteme: Von Persönlichkeit und unverwechselbarem Interessens-/Kenntnis-/Meinungs-/Unterhaltungs-„Wasserzeichen“ geprägt; Monetarisierung abhängig von Plattform-Strategie (Empfehlungsmechanismen auf sozialen Netzwerken derzeit nicht mit finanziellen Anreizen verknüpft), individuell von Reichweite oder Nische.
  • Mögliche Eigenschaften automatischer Kuratierungssysteme: Auf lernender Software (AI) basierend, neben Interessenbezug vor allem stark nach Kontext ausgerichtet (fyi: ich arbeite gerade an einer Skizze zu solchen Kontexten in der nächsten Generation von Sensoren). Auf OS- oder Plattform-Ebene, oder von Plattform zu Plattform migrierbar (vgl. heute Apps in Messengern wie Wechat, Kontext-Streams in Slack etc.). Monetarisierung abhängig von Datenbasis, Qualität des Service und Zahl der Konkurrenzanbieter.

Natürlich sind Mischformen möglich, so wie die „menschlichen“ Kuratoren Einzelpersonen oder Marken sein können. Was beide Kuratierungssysteme verbindet: Sie zielen auf den Einstiegspunkt, nicht auf den Endpunkt.

Nun stellt sich Medienmenschen die logische Frage, ob klassische Medienangebote dort eine Rolle haben und was das noch mit der Aufgabe des Journalismus zu tun hat, wie wir ihn kennen. Ich erlaube mir eine Gegenfrage: Was hat das Erstellen und Verteilen von Inhalten zum aktuellen Weltgeschehen*, dessen Resultat eine „absurde Gleichheit“ (thx, John Hermann) von Themen und Seiten ist, noch mit der Realität der Informationsdistribution im 21. Jahrhundert zu tun? Sollten wir nicht diese neue, vernetzte Realität als Grundlage anerkennen um zu entscheiden, welche journalistischen Aufgaben es sich überhaupt zu retten lohnt?

*das letztlich eine tradierte Funktion der linearen Massenmedien des 20. Jahrhunderts ist.