(Fast nichts) zur SPD

Immerhin reden ja alle über sie.

Zur SPD würde mir als bundespolitischem Laien und Staatsbürger einiges einfallen. Dass jeder zu wissen glaubt, was die Partei im 20. Jahrhundert einmal groß gemacht hat – oder wie sie sein müsste, damit es wieder so wird. Und dass das alles die trostlose Realität für die Sozis nicht leichter macht. Darüber, dass diejenigen in der Publizistik, die aus Staatsräson die Teilnahme an der GroKo fordern, in vier Jahren sich naiv darüber wundern, warum die Sozialdemokratie kein Profil mehr hat.

Mir schwebt auch einiges im Kopf herum zu den Motivationen des Bundespräsidenten, der ja auch keine schwierigen Entscheidungen treffen möchte rund um die Regierungsbildung; oder zu denjenigen in der SPD-Fraktion, die Angst haben müssten, bei einer Neuwahl rauszufliegen. Darüber, wie schnell in Deutschland die Idee einer Minderheitsregierung abmoderiert wurde, als würde dann alles auseinanderfallen und bei der nächsten Wahl Sebastian Kurz auf dem Zettel stehen und der Russe vor der Tür stehen. Über die Projektionsfläche Martin Schulz und Angela Merkel als erfolgreichere Vertreterin des politischen Managerialism, dessen Ära mit dem dritten Weg begann und dessen Zeit jetzt abläuft. Und darüber, dass es doch eigentlich eine gute basisdemokratische Sache ist, so ergebnisoffen über eine Koalition abstimmen zu lassen.

Über den strategischen Fehler der Partei, in den vergangenen Jahren keine linke Bündnis-Option ins Spiel gebracht zu haben, was nicht nur zum Überleben geboten wäre, sondern auch angebracht anlässlich der globalen Unwucht im Spätkapitalismus (mehr politische Auswahl dürften sich doch selbst Neoliberale wünschen, oder nicht?). Dass es aber inzwischen beinahe wahrscheinlicher ist, dass SPD und Union irgendwann als Mittebündnis fusionieren.

Aaaaber: Ich habe jetzt Urlaub, deswegen ist hier erst einmal bis Anfang Februar Blogpause. Bis bald!

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Dirk von Gehlen: „Das Pragmatismus-Prinzip“

Wenn Dirk von Gehlen ein neues Buch schreibt, eröffnet sich für mich immer eine zweite Ebene: Auf welche von den Ideen, mit denen er in unseren Gesprächen um sich wirft, hat er sich am Ende gestürzt? Welche seiner Nebensätze finde ich plötzlich zu massiven Gedanken oder Thesen ausformuliert?

Das “Pragmatismus-Prinzip”, das am Freitag erschienen ist (und das mir Dirk netterweise schon vorher gegeben hat), ist aus dieser Perspektive eine Art dvg-Essenz: Ein Plädoyer für Gelassenheit im Umgang mit Neuem und Uneindeutigem, ein Lob der Ratlosigkeit als idealen Startpunkt für kreative Lösungsansätze. Zitat:

„In einer Welt unlösbarer Probleme ist nicht die Ratlosigkeit ein Problem. Ratlosigkeit versetzt uns vielmehr erst wieder in die Lage, andere Lösungsansätze überhaupt zu denken. (…) Wir haben in ganz, ganz vielen Bereichen keine Lösungen. Überforderung bestimmt unsere Lage. Die Herausforderung der Gegenwart scheint also nicht darin zu liegen, sofort Lösungen für die Überforderung zu finden, sondern sich pragmatisch auf sie einzulassen – die Überforderung zu akzeptieren ist die erste Voraussetzung dafür, sie zu bewältigen.“

Im Jahr 2017 kommentiert er damit natürlich die (zunehmende?) Hysterie und Rechthaberei in gesellschaftlichen Debatten und unsere Gefangenschaft in Ritualen und Haltungen (auch, aber nicht nur anlässlich der Digitalisierung); andererseits versucht er, diverse Business-School-Ideen aus Denkschulen rund um das Design Thinking in einen größeren Kontext einzubetten, dem er geschickt den Namen “Kulturpragmatismus” (als Gegenstück zum Kulturpessismismus) gibt. Am Ende lässt sich aber wahrscheinlich konkret im Kleinen – in der eigenen Wahrnehmung, Firma, Organisation, Lebensplanung – am meisten mitnehmen (wer mit Organisationspsychologie zu tun hat und sein Gehirn freigepustet hat, kann gleich danach Eric Ries’ “The Leader’s Guide” lesen).

Auf mich hatte Dirks Buch eine beruhigende Wirkung; es sind gelassene 200 Seiten mit popintellektueller Zielstrebigkeit statt akademischen Argumentationsketten, pragmatisch als Bricolage und nicht als Manifest gestaltet. Dass er dabei immer von “dem Shruggie” ( ¯\_(ツ)_/¯ ) spricht, der etwas gut findet oder entdeckt oder sagt, hat mich allerdings etwas kirre gemacht. UND JETZT ANTWORTE NICHT MIT EINEM SHRUGGIE, DIRK!

Okay, ich bin auch ein staubtrockener Typ, wenn es um solche Kunstgriffe geht.

Was das “Pragmatismus-Prinzip” nicht bietet, ist eine Antwort auf Fragen jenseits der Haltung zu Neuem oder ungewohnten, überfordernden Situationen. Viele entstehende Konflikte der “komplexen Gegenwart” sind nicht über Haltungsreflexion und Vermittlung alleine zu lösen; die propagierte “Neugier” kollidiert vielmehr mit handfesten Interessen der Beteiligen.

Natürlich können wir dabei Denkschablonen erkennen und auch Ängste reflektieren, aber wenn ich zum Beispiel als Politiker* den Klimawandel als dringendes (aber lösbares) Problem erkannt habe, muss ich trotzdem eine Abwägung treffen, in der ich mich zwischen Arbeitsplätzen/Schlüsselindustrien (kurzfristig) und dem langfristigen Ziel (geringerer Anstieg der Erderwärmung) entscheiden muss – und es mit verschiedenen Interessengruppen zu tun habe. Und wir kommen gerade in ökologischen Fragen an einen Punkt, wo wir angesichts starker Wechselwirkungen zur Kompromisslosigkeit angehalten sind, um die schwerwiegendsten Folgen zu verhindern. Doch das scheint mir nicht unbedingt der Weg des Pragmatismus-Prinzips.

Dirk mag mir da widersprechen und hat mit einem Podcast zu seinem Buch schon die Plattform für solche Praxis-Fragen. Und das ist vielleicht das Erstaunlichste an diesem Typen: Er ist inzwischen ein “Gesamtwerk”, genauso Autor wie öffentlicher Nachdenker auf seinen diversen Kanälen. ʘ̚ل͜ʘ̚༽ Ich behaupte mal: seine persönliche Anwendung des Shruggie-Prinzips hatte einen Anteil daran. Wahrscheinlich schon lange bevor der Shruggie überhaupt erfunden wurde.

* um im Rahmen des „Neuen“ zu bleiben, um das sich das Buch dreht: zum Beispiel anhand eines neuen Wetterphänomens über Deutschland.

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Bitcoin-Euphorie, Blockchain-Hype: Was beides bedeutet

Foto Duncan Rawlinson, Flickr, CC by-nc

Für die Antwort hole ich mir Hilfe von Mark Blyth und Fred Wilson.
Mark Blyth ist ein politischer Ökonom der Brown University (und sollte längst so bekannt wie Paul Krugman sein, finde ich). Blyth über Bitcoin:

“Was Du hast, ist eine 400 Milliarden-Dollar Asset-Klasse. Die Investoren sind vor allem chinesische Spieler und Schmuggler und die Reichen, die in Unicorns aus dem Silicon Valley investiert haben und denen das zu langweilig wurde. Sie haben entschieden, ein Prestige-Asset zu kaufen. Je mehr von ihnen es kaufen, die Versorgung ist begrenzt, desto mehr geht der Kurs nach oben. Und es geht hoch und hoch und hoch und es ist super-volatil.
Ist es Geld? Wenn Du es jemandem erklären musst: ES IST KEIN GELD!
Ist es eine Wertaufbewahrung? Nein, es ist zu volatil.
Ist es ein Tauschmittel? Nein, weil alle es horten und auf die Wertsteigerung warten.
Ist es eine Verrechnungseinheit? Vielleicht, wenn Du gerne im Keller wohnst und immer Akte X liest. Aber normale Menschen nutzen Dollar.
Es ist also ein Haufen reicher Menschen, die Zeug kaufen und verkaufen. Mehr nicht. Was ist mit der Blockchain, der Technologie dahinter? Ich habe das seit zehn Jahren gehört und warte auf die Resultate und das wird auch 2018 so sein.”

Was also ist mit der Blockchain (hier meine Einführung von 2015, inzwischen gibt es viele Aktuellere)? Fred Wilson, VC bei Union Square Ventures (und als Investor in diverse Blockchain-Startups ein Optimist) in seinem Blog:

“2017 war das Jahr, in dem Crypto/Blockchain die Ekstase-Phase erreicht hat. Mehr als 3,7 Milliarden Dollar haben diverse Crypto-Teams und -Projekte eingesammelt, um die Infrastruktur des Internet 3.0 (das dezentralisierte Internet) zu bauen. (…) Nicht alles Geld wird gut eingesetzt werden, vielleicht sogar nur sehr wenig davon. Aber es ist wie beim Wahnsinn rund um das Internet 1.0 (Einwähl-Internet) in den späten Neunzigern, der das Kapital für die notwendige Breitband-Infrastruktur für das Internet 2.0 (Breitband/mobiles Internet) gesammelt hat – der Hype im Crypto-/Blockchain-Sektor sorgt für das Geld, um die Infrastruktur des dezentralen Internets aufzubauen. (…) Das ist die größte Story in Tech 2017, weil die Übergänge vom Internet 1.0 zum Internet 2.0 zum Internet 3.0 unglaubliche Möglichkeiten und Disruption auslösen.”

Beide drücken es perfekt aus. Mein Blockchain-Optimismus – also der über das Machbare, nicht den Hype – ist weiterhin groß, aber nicht unbegrenzt ist (vgl. mögliche nicht erkennbare Architektur-Fehler, Schwierigkeiten mit der Standardisierung, Plattform statt Protokoll). Ob wir aus der Technologie etwas anderes als die üblichen kapitalistischen Werk- und Spielzeuge machen, ist dagegen eine andere Frage.

Foto: Duncan Rawlinson, CC BY-NC 2.0

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Dobrindts Aufsatz

Alexander Dobrindt macht klassisch konservative Identitätspolitik. Hinter seinem Aufsatz in der Welt verbirgt sich ein bisschen CSU-Grundsatzpapier (Heimat, individuelle Freiheit, innere Sicherheit) gemixt mit ein paar Kulturkampf-Provokation (am promintentesten, das ahistorische 68er-Dominanz-Narrativ). Das Ziel ist jene Tabuisierung, die inzwischen zum bevorzugten Standard-Werkzeug gehört. In diesem Fall skizziert er das, was die amerikanischen Konservativen in ihrer zynischsten Form versuchen: (1) Mitte-Links als abgehobene Eliten charakterisieren, sie anders als früher nicht als naiv, sondern unredlich und unsolidarisch darzustellen. (2) Nur angedeutet, da die politische Linke in Deutschland derzeit zu schwach ist: Die Linken in die Nähe zu Sozialismus, Anarchismus oder Staatszersetzung rücken (vgl. Antifa als linkes Stellvertreter-Gespenst 2017, zum Beispiel rund um G20 oder in den USA bei Anti-Trump, Uni-Aktivismus oder sogar den Gegendemonstranten Charlottesville).

Solche rhetorischen Versuche der Tabuisierung politischer Gegner gab es schon immer, sie werden nur extremer. Wenn wirklich noch einmal ein progressives Reformbündnis in Deutschland entstehen sollte, werden es die Gegner wahrscheinlich nicht wie Rot-Grün als planlose Spinner-Veranstaltung oder Rot-Rot-Grün als Umverteilungsmaschine verteufeln, sondern als staatsfeindliches Umerziehungsprojekt zum Kollektivismus, angetrieben von einer politischen Minderheit.

In Dobrindts harmlosem Aufsatz ist einiges davon angelegt, aber die AfD ist da natürlich schon viel weiter, dehnt die Vorwürfe auf Merkel aus und gibt ihnen eine klar völkische Note (Umverteilung = Umverteilung an “Nicht-Deutsche”). Dobrindt hat bei der Übermittlung seiner Botschaft zwei Probleme: (1) Seine Partei sitzt seit zwölf Jahren in der Regierung, die Rebellion lässt sich also als politische Masche identifizieren zumal er (2) bereits viele Rollen hatte, nie aber die des Überzeugungstäters.

Die politische Tabuisierung ist derzeit vielleicht das wichtigste Hilfsmittel im Kampf um den Platz im Overton-Fenster, entsprechend nutzen es alle politischen Seiten, wenn auch unterschiedlich radikal (und oft natürlich auch Überzeugung). Letztlich war sie in Demokratien schon immer ein Teil der politischen Willensbildung. Neu ist das Meta-Spiel, dem politischen Gegner die Tabuisierung der eigenen Position zu unterstellen und damit eine Opferrolle einzunehmen.

Ich persönlich bin kein Fan dieser Methoden/Rituale, weil in den Feindbild-Skizzen auch der Weg zu einer Entmenschlichung des Gegners erkennbar ist. Aber sie ist ein Zeichen der Zeit und nicht alle muss wie hier drüben ins Extreme ausarten. Und wahr ist auch: Dobrindts Aufsatz wäre ohne diese Provokation gar nicht wahrgenommen worden, der Rest ist ähnlich dünn wie damals De Maizière und seine Leitkultur-Thesen. Ich weiß gar nicht, ob mich dieser fantasielose Gefühls- und Regel-Konservatismus beruhigen (weil: vgl. USA, UK, Österreich etc.) oder mir Sorgen machen soll (weil er Ratlosigkeit signalisiert).

Anmerkung: In der Überschrift stand zuerst Dobrinth. Ich bin immer verwirrt, wenn CSU-Politiker Namen haben, die nicht mit -er enden (Stoiber, Seehofer, Aigner, Söder, Müller). Selbst in der Mitte ist es kompliziert, ich muss zum Beispiel die Zahl der Rs bei Joachim Herrmann immer googeln. My bad!

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Twitter 2017 ™

Müsste ich meinen Eindruck von Twitter 2017 ™ beschreiben, ich würde das Bild einer Party wählen: Einer netten Party, denn du kannst ohne soziale Hemmschwellen interessante Menschen und Ideen kennenlernen.

Gut, die Gäste gruppieren sich häufig um die Selbstdarsteller, Prominenten und Besserwisser. Geschenkt, wo ist das anders? Neuankömmlinge sitzen erst einmal in der Ecke rum und reden verschämt mit sich selbst. Na gut. Einige Gäste wollen auch gar nicht reden, sondern verteilen Flyer und brüllen Slogans für ihre Sache. Angeblich sind hier auch Roboter unterwegs, aber wie in Westworld sollen sie äußerlich nicht von regulären Partygästen zu unterscheiden sein. Aber was weiß ich schon?

Manchmal fliegt auch ein Molotow-Cocktail durch den Raum und es gibt Aufregung, und auf dem Weg zur Toilette sieht man durch den Türspalt, wie in einem Nebenraum ein paar Gäste verprügelt und beschimpft werden. Unangenehm, aber wer will sich schon in fremde Angelegenheiten einmischen. Gut, dass die Abwasserleitung kaputt ist und die Toilette direkt ungefiltert und den See fließt, aus dem unser Dorf sein Trinkwasser bekommt… nicht schön. Aber ich frage mich wirklich, warum ich seit Ewigkeiten die gleichen Gesichter sehe und keine neuen Gäste mehr kommen. Seltsam.

tl; dr: Twitter 2017 ™ ist also ungefähr so kaputt wie das Weltgeschehen da draußen, das es ja auch abbildet und beeinflusst. Aber manchmal eben auch wie ein guter Moment mit Freunden, selbst wenn man die Menschen dahinter nicht “kennt”. Ich bin inzwischen an einem Punkt, wo ich mir die moralische Frage stelle: Ist es richtig, ein Werkzeug zu benutzen, mit dem andere Menschen gemobbt und psychisch destabilisiert werden?

Und nein, das ist jetzt keine Debatte über freie Meinung etc., sondern eher über die Art, wie wir im Netz miteinander umgehen in großen Gruppen und nach welchen Mustern wir handeln. Wenn Cornel West und Ta-Nehisi Coates diskutieren und sich dann eine Horde Neonazis einmischt und rumtrollt (um nur ein Beispiel zu nehmen), hat das eben nichts mit öffentlichem Diskurs zu tun. Und klar kann ich jetzt sagen “If you can’t stand the heat, get out of the kitchen”, aber das ist aus unterschiedlichsten Gründen ein fahles Argument, einer davon: es gibt nicht so viele Küchen und Wahrnehmung funktioniert nun einmal derzeit durch die Pipelines der Social-Media-Firmen.

Ich werde das natürlich in diesem Text nicht lösen können. Ich habe mich schon in den vergangenen zwölf Monaten mit Snark, Reflex-Aufregung und ähnlichem Likesammel-Verhalten auf Social Media zurückzuhalten versucht. Für den Twitter-Ago war diese Zurückhaltung (kombiniert mit meinem Hang zu speziellen US- und Nischenthemen) ziemlich uninteressant.

Die nächste Stufe ist, mein aktives Microblogging vorwiegend hierher zu verlegen. Das gibt mir Raum zum Nachdenken, macht mich zum Eigentümer dieser Gedanken und stützt die Strukturen des dezentralen Webs. Ich glaube, dass ich damit nur eine Entwicklung zu kleineren Einheiten vollziehe, die wir in den nächsten Jahren auch auf den Social-Media-Plattformen selbst erleben werden. Und ich freue mich über jeden Besucher und Kommentierenden hier!

Mein RSS-Feed.

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Sollten Wissenschaftler bloggen?

Der Tagesspiegel hat die Frage – anlässlich der Geisteswissenschaftler-Konferenz „kurz und gut“ – aufgegriffen. Meine Antwort hätte vor zehn Jahren „Ja!!“ gelautet, jetzt bin ich eher beim „Ja, aber…“. Was ist das „Aber“? Natürlich im Plattform-Zeitalter Relevanz und Reichweite vs. Zeitaufwand. Niemand kann damit rechnen, ein Publikum für sein Soziologie-Blog zu finden. Die beiden IMO am besten gepflegten deutschen Wissenschaftsblogs sind auch keine einzelnen Geistes- oder Sozialwissenschaftler, sondern Gruppenblogs vom Spektrum-Verlag (Scilogs) und von Fraunhofer. Mainstream-Gassenhauer sind beide nicht, aber sie versuchen, der Forschungs-Community einen Raum zu geben.

In den USA ist die Lage anders, aus drei Gründen: (1) Die englische Sprache entgrenzt das Publikum auf (fast) die ganze Welt.  (2) Der amerikanische Wissenschaftsbetrieb legt – anders als in Deutschland – Wert auf eine Mischung von Intellektualität und Verständlichkeit. Wer an der Uni ist, lernt schreiben. Aeon veröffentlicht Essays, die eher Magazin- als Fachbeiträge sind, sich nicht davor scheuen, komplex zu sein – aber eben auch nicht auf Unterhaltsamkeit verzichten. Sie übertreffen das Niveau deutscher Feuilletons stets um ein Vielfaches. (3) Gerade amerikanische Wissenschaftler sind häufig politisch und haben nicht selten ein Sendungsbewusstsein, das über das eigene Fachgebiet hinaus geht. Mein Feedreader ist voller Psychologen, Soziologen, Physiker, die Lust auf Diskurs haben. Als stellvertretendes Beispiel sei „An und für sich“ (nein, nicht deutschsprachig) von Adam Kotsko und anderen Theologen genannt. Das deutsche Universitätswesen scheint mir per se damit zufrieden, unter sich, innerhalb der Fachdebatten und weg von gesellschaftlichen Standpunkten zu bleiben. Dann braucht es sich allerdings – gerade in den Geisteswissenschaften – nicht zu wundern, wenn seine Ideen unentdeckt und die Relevanz im weltweiten Diskurs oft auf die „Provinz“ oder sogar nur das eigene Instituts-Stockwerk beschränkt bleibt.

 

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Korruption, Gier und Nihilismus

greed

Die Steuerreform der Republikaner ist ein weiterer Schritt zu jenem Ziel, das immer größere Teile der amerikanischen Konservativen bereits seit Mitte des 20. Jahrhunderts verfolgen: Die Abschaffung des New Deals, jener Gesetze also, die den USA in den 1930ern ein Sozialsystem bescherte, das diesen Namen auch verdient.

Inzwischen geben sie sich nicht einmal mehr Mühe, die Umverteilung von unten nach oben, von öffentlicher in die private Hand, argumentativ zu rechtfertigen. Müssen sie auch nicht. Für sie geht es um die Erfüllung von Großspender-Interessen. Für die meisten Anhänger geht es um das “Gewinnen” – wenn der aktuelle Präsident etwas erreicht hat, dann die Vollendung des Werks, das Talk Radio und Fox News über Jahrzehnte betrieben haben: Trump ist für viele Menschen nicht mehr der amtierende Coach von Team USA, dessen Bewertung vom Erfolg abhängt. Er und seine Gefährten sind das Team.

Der politische Prozess war ein Skandal und es wird einmal in den Geschichtsbüchern zu lesen sein, wie viele Lobbyisten an der letzten Fassung mitgeschrieben haben. Der nächste Schritt ist klar: Angesichts des massiven Defizits werden die Republikaner Forderungen nach einer “Reform” des Sozialsystems, der öffentlichen Gesundheitsprogramme und des Bildungswesens erheben, die aus massiven Kürzungen und Privatisierungen besteht. Das wird schwieriger, aber nicht unmöglich: Die republikanische Partei betreibt die Entsolidarisierung der Gesellschaft, die Aktivisten am rechten Rand treiben die Entmenschlichung von politischen Gegnern und jenen voran, die angeblich ohne eigenen “Verdienst” Leistungen erhalten – Arme, Minderheiten und Menschen ohne Aufenthaltserlaubnis. “So etwas wie Gesellschaft gibt es nicht”, sagte einst Margaret Thatcher. In den Vereinigten Staaten lässt sich erleben was passiert, wenn die Politik dieses Mantra ernst nimmt.

Der amerikanische Individualismus und die aus ihm geformte Struktur der Gesellschaft hilft ihnen dabei. Wie ich schon häufiger geschrieben habe: In den USA ist es noch einfacher als in Deutschland, sich davon abzukapseln, was diese Politik anrichtet. Vorausgesetzt, man hat ein bisschen Geld und Status. In sozial segregierten Städten wie New York, San Francisco oder Austin können progressive Amerikaner auf der moralisch richtigen Seite leben und auf irgendwelche Russland-Beweise hoffen, ohne überhaupt die Folgen der Trump-Ära im Alltag zu spüren.

Das heißt nicht, dass die gegenwärtigen Entwicklungen unumkehrbar sind und sich die Opposition erschöpft ins Private zurückzieht. Es wächst gerade eine Generation progressiver Aktivisten heran, die diese Entsolidarisierung erkennt und sich ihr entgegen stellt. Doch wie klein wirkt der mühsam aufgebaute Fortschritt, wenn die große Abrissbirne auf ihn niederfährt. Die Politik des “Schritt für Schritt” der Demokraten – zum Beispiel eine Gesundheitsreform unter großer Rücksichtnahme auf die Versicherungsbranche statt eines gesetzlichen Systems – ist gescheitert. Sie beruhte auf der Fehlannahme, dass es einen “natürlichen Fortschritt” gibt. Doch demokratische Gesellschaften werden auch im 21. Jahrhundert nicht zwangsläufig immer demokratischer, wie wir inzwischen alle wissen. Mehr noch: Jede Errungenschaft kann verschwinden, und das innerhalb kurzer Zeit.

Das ist die Botschaft, die wir Deutsche aus den USA 2017 vernehmen sollten. Entsolidarisierung und Entmenschlichung sind auch bei uns ein Thema. Darüber hinaus gibt es derzeit nichts, was wir von hier drüben auf der anderen Seite des Atlantiks lernen können. Das Amerika, das wir kennen und dessen demokratische Tradition viele von uns schätzen, verschwindet gerade und wird zu etwas anderem.

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AI, das fleischlose Wesen

Red Maw

Obwohl es an Metaphern nicht mangelt, unterschätzen wir ihren Einfluss auf die Architektur unserer Systeme. Niemand würde Einspruch erheben, wenn ich das menschliche Gehirn mit einem Computer vergleichen würde. Spräche ich dagegen lernenden Maschinen (also “AI”, künstliche Intelligenz) die Funktionsfähigkeit ab, weil sie keinen Körper haben, würde ich Stirnrunzeln ernten. In unserer Wahrnehmung sind Computer körperlose Wesen, letztlich also reine Software (die Abstraktionen durch Cloud, Voice etc. verstärken diesen Trend, haben ihn aber nicht ausgelöst).

Das ist allerdings nicht selbstverständlich: Auf der konzeptionellen AI-Ebene wurde über die Frage der Körperlichkeit schon vor Jahrzehnten gestritten,  vor allem im Kontext der Selbsterkenntnis. Wie kann eine kybernetisches Wesen sein eigenes Wesen (im Sinne von “das bin ich”) verstehen und sich damit auch in Relation zu anderen Wesen mit anderen Eigenschaften und Interessen setzen, wenn ihm die Körperlichkeit fehlt? Diese Körperlichkeit, die wir Menschen stets spüren, ist ja nicht zuletzt untrennbar verbunden mit unserer Angst vor dem Tod, die unser Handeln maßgeblich bestimmt.

Ist also ein Wesen, das weder Selbstreferenz noch Wissen um die eigene Vergänglichkeit hat, zu Emotionen fähig, die nicht nur ein Werkzeug sind, um ein Resultat zu erreichen (ähnlich den emotionalen Manipulationen, die Kleinkinder bei ihren Eltern einsetzen, sobald sie deren Reaktionsstruktur erkennen)? Wenn die Antwort “nein” lautet, würde selbst die am meisten entwickelte “künstliche Intelligenz” letztlich nur eine bessere Version jener (auf Verhaltenspsychologie basierenden) lernenden Spielautomaten sein, wie sie im Kern von Social-Media-Software und den UX-Konzepten der auf Aufmerksamkeit optimierten Apps bereits vorhanden sind.

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Honduras und die Moralität des Neoliberalismus

Port of Roatan

Der Deutschlandfunk mit einem Hintergrund über die geplanten Sonderwirtschaftszonen in Honduras:

„Zehntausende neue Arbeitsplätze will der Präsident mit den neuen Zonen schaffen. Am Ende seiner Rede wendet sich der Präsident an seine Kritiker. Die seien ohnehin immer gegen alles, ewige Nörgler und Bedenkenträger – aber auch ihnen will er sagen: Die ZEDE werden das Land revolutionieren. Markige Worte! Doch würden die ZEDE tatsächlich Wirklichkeit, dann wären sie in der Tat eine Revolution. Mit ihnen entstünden neue, fast autonome Ministaaten, in denen nicht die Gesetze und die Rechtsprechung von Honduras, sondern die des jeweiligen Investors gelten: In dieser Form ein Novum – weltweit.“

Die Anerkennung des Neoliberalismus mag offiziell in Trümmern liegen, er selbst dominiert angesichts fehlender Ideen – nicht einmal über Schritte zu einem Reformkapitalisus werden diskutiert – altbekannte und auch neue Zonen. Reduzierte Regierungsausgaben, Privatisierung sozialer Güter und die Vergesellschaftlichung von Risiken und Pflichten (siehe Paradise Papers) der Kapitaleigentümer setzen sich auch fast zehn Jahre nach Beginn der Finanzkrise fort, als hätte es nie einen Einschnitt gegeben.

Weiterhin kommen die Begründungen dabei auch moralisch daher: Wir Deutschen beispielsweise lieben den semantischen Zusammenhang von Schuld und Schulden, der die moralisch Argumentation für die Austeritätspolitik in Griechenland zu einem verständlichen Wortspiel macht. Und ist nicht Honduras von Gewalt destabilisiert und somit ein idealer Kandidat, um den nächsten Privatisierungsversuch auszuprobieren?

Die Frustration über kaum handlungsfähige Nationalstaaten. Die Neuordnung dieser Staaten in kleinere und heftiger um die schrumpfende Zahl menschlicher Arbeitsplätze konkurrierende Einheiten. Die teure Aufrechterhaltung physischer und sozialer Infrastrukturen (oder, im Nahen Osten, ihre Reparatur). All dies bietet hervorragende Möglichkeiten für Privatfirmen oder Investment-Vehikel, neue Rendite-Gelegenheiten zu erschließen. Von der Entwicklung der Großkonzerne zu quasi-staatlichen Akteuren bis hin zu eigenen Betreibern staatsähnlicher Gebilde ist dabei nur ein logischer Schritt.

Und wir werden es womöglich sogar für richtig halten, weil uns nichts mehr jenseits der Logik der vergangenen 45 Jahre einfällt und wir irgendwann mit der moralischen Begründung “solange es den Menschen dort besser geht” zufrieden sein werden (Alternativlosigkeit unter einem anderen Namen). Doch reden wir von Menschen oder von Arbeitskräften? Die Antwort ist schon lange uneindeutig geworden, auch das eine Symbol der vergangenen Jahrzehnte. Wie Daniel Stedman Jones es sinngemäß formulierte: Es existiert wohl keine Utopie in der Menschheitsgeschichte, die derart vollständig realisiert wurde wie der Neoliberalismus.

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Nach Jamaika

The London Pantomime Horse Race

Es wird keine Rückkehr zur Normalität geben, und dazu gehört offensichtlich auch, dass man eben nicht mit bundeskoalitionären Einigungen aus Staatsräson rechnen kann. Das spiegelt die Erfahrung aus anderen Ländern: Wer sich gegen das Establishment stellt, wird immer den Erhalt der reinen Lehre dem Kompromiss vorziehen. Und die Lindner-FDP stilisiert sich nun einmal als Außenseiter-Partei.

Ich weiß gar nicht, ob die Liberalen bei einer Neuwahl dafür bestraft würden. Dass Lindner die Sondierungen strategisch implodieren ließ, mag ihn im Kommentariat vorgehalten werden – ob die meisten Wähler das so sehen?  Jamaika erweckte ja den Eindruck, ein visionsloses Regierungskonstrukt des Managerialism zu werden, oder so zumindest die Überlieferung des Berliner Geschehens. Die historische Bedeutung ergab sich aus der Konstellation und der (nun bestätigten) Quasi-Unmöglichkeit, aus diesen vier Beinen ein lauffähiges Pantomimen-Pferd zu machen.

Hinter all den Streitthemen – Klima, Flüchtlinge, Energiepolitik, Finanzen etc. – sehe ich aus der Ferne immer ein bisschen diesen parteiübergreifenden bundesbürgerlichen Wunsch hervorlugen: einen Status Quo, der auch in der Zukunft funktioniert. Der Wunsch ist menschlich, seine Widersprüche sind im Jahr 2017 selbsterklärend.

 

 

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