So long, The Awl

Awl Ends

The Awl macht Ende des Monats dicht. Eine Horde junger Talente, die in einem ganz eigenen Sound geschrieben und sich nicht um Konventionen geschert haben. Für einige von ihnen war es ein Sprungbrett zu Größerem, für andere die Selbstfindung als Autoren.

Ich erinnere mich noch an das Gespräch mit einem Kollegen: „Das müsste es in Deutschland geben.“ – Antwort: „Das würde in Deutschland nie funktionieren.“ Aber selbst in den USA und mit theoretisch globalem Publikum reicht es offenbar nicht für die Refinanzierung der Nische (die Hoffnung, als Medium.com-Seite ein Modell zu finden, war wahrscheinlich fatal). Die vergangenen Jahre waren rein inhaltlich fantastisch für den amerikanischen Digitaljournalismus, außergewöhnliche Zines und Magazine, neue Sounds und Perspektiven. Wunderjahre, beinahe. Sie gehen langsam zu Ende. Immerhin hatten sie hier welche.

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American Hamlet

An Inconsistent Truth

Der Dokumentarfilmer Errol Morris über die Frage, ob den USA die Wahrheit verloren geht.

“[Die Ermordung John F. Kennedys] war ein Wendepunkt in der amerikanischen Geschichte, der endlos interpretiert und neu interpretiert wurde. Was wir am Ende daraus gelernt haben: Wir können der Regierung nicht vertrauen, sie hat Dinge vor uns zu verbergen, die Wahrheit. Dass das Interesse der Regierung nicht ist, mit uns die Geschichte oder was wirklich passiert ist zu teilen. (…) Egal, welcher Theorie du anhängst, ob Einzeltäter oder mehrere Schützen: Jemand versucht, etwas vor uns zu verbergen. Wenn die Warren Commission Recht hatte, hat sie das Ergebnis schlecht verkauft, Raum für sämtliche Verdächtigungen, Zweifel und Fragen gelassen. Was entstand, ist keine postfaktische Welt, sondern eine Welt, in der Paranoia in den Mittelpunkt rückt. Hamletartige Paranoia. (…) Ich stimme zu, dass die Kennedy-Ermordung der amerikanische Hamlet ist. Was ist mit Papa passiert? Wer hat Papa ermordet und warum – und sitzen wir wirklich in einem Nest voller Attentäter um uns herum?”

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„Don’t be evil“ und der Geist des Protestantismus

Don’t Be Evil: Fred Turner on Utopias, Frontiers, and Brogrammers

„Vor ungefähr zehn Jahren habe ich viel Zeit bei Google verbracht. Ich habe ein interessantes Loop erlebt: Es begann mit ‚Don’t be evil.‘ Dann wurde die Frage ‚Okay, aber was ist gut?‘. Nun, Informationen sind gut. Informationen befähigen Menschen. Also ist es gut, Informationen bereitzustellen. Okay, super. Wer stellt die Informationen bereit? Oh, richtig: Google macht das. Du landest also in diesem Loop, in dem was für die Menschen gut ist auch für Google gut ist und umgekehrt. Und das ist ein schwieriger Raum, in dem Du damit bist.
Ich glaube, der Impuls, die Welt zu retten ist sehr aufrichtig. Aber die Leute bringen den Impuls, die Welt zu retten und den Impuls, für die Firma das Beste herauszuholen, etwas durcheinander. Natürlich ist das eine alte protestantische Tradition.“

Die protestantische Verknüpfung war mir im Kontext der „Tech-Mission“ noch nie in den Sinn gekommen, aber ist natürlich völlig amerikanisch und in der Wirtschaft tief verankert (und wird nun einmal mehr als technologischer Idealismus globalisiert).

Aber das ist nicht der einzige schlaue Gedanke im Interview mit dem Stanford-Medienwissenschaftler und Buchautor Fred Turner, das ganze Gespräch ist seeehr spannend.

(via Airi Limpinen)

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Intellektuelle Faulheit und soziales Unbehagen

Hilfreiches zum Zeitgeist aus Frankfurt. Jürgen Kaube diese Woche in der FAZ:

Wenn der Eindruck nicht täuscht, fällt gerade vielen zur Gesellschaft, in der wir leben, so wenig ein, dass sie dankbar für jede Möglichkeit sind, alte Schlachten zumindest rhetorisch nachzustellen. Die Tatsächlichkeiten sozialen Elends in dieser Gesellschaft, die wirklichen Toten, die Opfer von Rechtsverletzungen, sind dafür dann nur Material und Anlass, wütend zu sein und Bescheid zu wissen, wer am Unglück Schuld trägt. Dieses Bescheidwissen macht sich keine Arbeit, denn nichts ist leichter als Meinen und in moralischer Absicht mitzuteilen, die anderen seien doch wirklich das Letzte, so gehe es doch bestimmt nicht weiter, solche Leute wolle doch niemand, der guten Herzens sei, zu Nachbarn. Diese Art von Moral ist wie die Nostalgie eine Form der intellektuellen Faulheit.

Über die intellektuelle Faulheit der Debatten

Woher kommt das alles? Harry Nutt in der Frankfurter Rundschau über die Frage, ob die Politik überhaupt noch die richtigen Ursachen bekämpfen kann:

Aber was ist sozial gerecht? Während die soziologischen Lesarten der gesellschaftlichen Desintegration noch stark an einem traditionellen Schichtenmodell orientiert waren, muss man heute wohl eher von etwas wie einer Dynamik der sozialen Entwertung sprechen, die jeden erwischen kann. Nicht selten nimmt man sie fast beiläufig als lästige Begleiterscheinung einer technologischen Modernisierung hin.

 Dynamik der sozialen Entwertung

Sowohl die Kaube-Diagnose als auch die Nutt’sche „Dynamik der sozialen Entwertung“ sind hilfreiche Ideen-Anker. Sie beschreiben mehr oder weniger Gesamtgesellschaftliches, beides scheint mir auch in einer Wechselwirkung zu stehen. Jetzt die Preisfrage: Welche ist das?

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Tesla-Hype vs. Chinas Realität

Artificial demand is driving the electric vehicle market in China

Tesla ist sexy, westlich und hat noch eine Personality-Geschichte zu erzählen – genau deshalb drehen sich fast alle Elektroauto-Geschichten um die Firma. Die mir aber halb so spannend erscheint, wenn ich das Ausmaß der chinesischen Elektroauto-Offensive sehe. Dagegen ist die deutsche Elektroauto-Prämie ein, pardon, Fliegenschiss. Aus dem verlinkten Marketplace-Segment.

James Cho (Automobil-Analyst): „Das ist in Wahrheit künstliche Nachfrage. Tatsächlich erleben wir eine der größten Verzerrungen des natürlichen Angebots und der Nachfrage, die wir in der Automobil-Welt je erlebt haben.“

Jennifer Pak (Korrespondentin): „Er spielt auf zwei Sachen an. Erstens: Elektroautos sind immer noch sehr teuer. Also bezuschusst die chinesische Regierung den Kauf mit 10.000 Dollar pro Auto, manchmal mehr. Dadurch kosten sie jetzt ungefähr so viel wie ein normales Auto. Aber in China bedeutet der Besitz eines Autos noch nicht, es fahren zu dürfen. Die Ausgabe von Nummernschildern ist beschränkt. In einigen großen Städten wie Peking muss man bei einer Lotterie mitmachen. Hier in Shanghai musst du sie ersteigern. Wenn du also ein Elektroauto kaufst, hat die Regierung versprochen, dass du das Nummernschild kostenlos dazu bekommst. Und nicht nur das: Du darfst die (Zulassungs-)Schlange überspringen und gleich losfahren.“

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Neuronale Gedankenspiele

 How brains and machines can be made to work together

Seitdem ich 2014 mal etwas über neuronale Mensch-Maschine-Schnittstellen gemacht habe, verfolge ich das Feld mit einigem Interesse, ohne wirklich über das Laien-Stadium hinaus zu kommen. Neulich war eine größere Konferenz, Wired hatte eine größere Geschichte und jetzt beschreibt der Economist detailliert den Stand und die Hürden.

Wie immer taugt das Thema nicht zum Mainstream-Hype, weil größere Anwendungen ungefähr 10 bis 25 Jahre entfernt sind (wir reden hier immer noch von medizinischen Zulassungskriterien). Was nichts am Hype ändern wird, Gedanken-Interface, Elon Musk undsoweiter.

Faszinierend fand ich, wie viele unterschiedliche Lösungen gerade ausprobiert werden, auch durch Interesse und Geld aus Tech-Kreisen. Die meisten Projekte werden irgendwann wieder eingestampft, doch die Ergebnisse werden das Feld voranbringen und einige Entwicklungen beschleunigen, gerade in der Schmerztherapie oder der Überbrückung körperlicher Immobilität.

Ich kritisiere die „Tech-Branche“ häufiger; diese gezielte Steuerung von futuristischer R&D jenseits der Uni-Grundlagenforschung gehört zu den positiven Aspekten. Wenn sie auf die richtigen Felder zielt, zumindest (wir sprechen uns dann in 20 Jahren, wenn Zuck meine Gedanken-Updates monetarisiert).

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Social Media und unsere Stimmung (#LikedMinded)

Is Social Media bad for you? The Evidence and the Unknowns

Die BBC startet unter dem Hashtag #LikeMinded eine Doku-Reihe zu den Auswirkungen von Social Media auf unserer geistiges Wohlbefinden. Zum Auftakt fassen sie die Ergebnisse der bisherigen Studien zusammen. Das Ergebnis: Die eigene Charaktereigenschaft und Vorerkrankungen (oder: Erfahrungen?) beeinflussen die Effekte maßgeblich, und natürlich fehlt es an Datenmaterial. Das ist nicht spektakulär, aber differenzierter als die Ausschnitte und gefühlten Wahrheiten, die wir uns dazu immer gegenseitig präsentieren.

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