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„Kulturgut Buch“

Digitaler Stress frisst Lesezeit
Die Deutschen lesen weniger Bücher, teilweise überhaupt keine mehr. Die Umsätze des Buchhandels sind noch stabil (wer liest, kauft mehr Bücher als früher), aber 25 Prozent aller Leser in Deutschland sind über 70.

Kolja Mensing vom Deutschlandfunk hat vergangene Woche dazu einige kluge Dinge gesagt:

“Ich glaube, wir haben so eine merkwürdige Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen. Es gibt halt immer noch den Diskurs des guten alten Literaturbetriebs, dessen Wurzeln irgendwo in der deutschen Nachkriegszeit liegen, in dem alle Beteiligten – Lektoren, Buchhändler, Kritiker – sich um ein verhältnismäßig kleines Segment vermeintlich anspruchsvoller Literatur gruppieren und nicht nach links und rechts schauen. Und auf der anderen Seite gibt es eben so ein modernes, urbanes und popkulturell sozialisiertes Milieu, das an ganz anderen Inhalten interessiert ist. (…) Ich glaube, man muss aus dieser ganzen, immer auch leicht dünkelhaften Rhetorik zum Kulturgut Buch erst einmal die Luft rauslassen, anstatt es – wie es der Börsenverein es ja jetzt offenbar vorhat – es zur Waffe im Kulturkampf gegenüber der digitalen Welt hochzurüsten.”

Kurz: Der Buchbranchen-Diskurs begegnet der Veränderung durch einen Konservatismus, der ohnehin nur diejenigen anspricht, die ihm bereits folgen und diese Ansicht teilen. Ähnlich gilt das auch für das deutsche Feuilleton. Ich habe es vor fünf Jahren in einem Beitrag hier verteidigt, was wohl etwas naiv war. Es ist den deutschen Feuilletons unterm Strich nicht gelungen, ein Verhältnis zum Zeitgeist zu entwickeln, sich entlang der oben beschriebenen Popkennerschaft neu zu definieren und daraus eine neue Form zu entwickeln. Dabei existiert gerade in unserer liquiden Kultur das Bedürfnis nach historischem Kontext, Meta-Referenzen und einer klugen Analyse im Blick auf Markt-, Mode- & Machtmechanismen. Nur findet die eben in der Regel in Social Media oder den englischsprachigen Publikationen statt.

(Via Christoph Kappes, Twitter)

Siehe auch:
 „Das unendliche Essay

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Kommentar

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  1. Ich finds schon mal suuuper, dass Du den Titel des Beitrags in Anführungszeichen gesetzt hast.

    Und dann muss ich sagen, dass den Status den Kolja Mensing konstantiert, schon min. 20 Jahre alt ist. Als ich Mitte der 90er im ersten Semester Literaturwissenschaft studiert habe, wurde mir in der Einführungsveranstaltung mit etwas anderen Worten genau das gesagt. Hinten drangehängt wurde noch, sehr deutlich: „Was machen Sie hier eigentlich? Bestenfalls 1% von Ihnen wird einen Job in diesem Bereich bekommen.“

    Und schon damals gab es den sehr, sehr breiten und grossen Markt der Trivialliteratur, Harry Potter kam nur ein Jahr später …

    Das eigentliche Problem sehe ich an der Stelle, die Oliver Reichenstein mal irgendwo erwähnt hat: Wir, die Akademiker und Bildungsbürger, lesen ja nicht weniger, nur eben weniger Bücher. Das ändert aber unser Denken. „Einem“ Gedanken auf 400 Seiten ausgebreitet zu folgen, ist uns inzwischen eben ungewohnt und damit auch unsere Bereitschaft für die dahinterliegende Komplexität. Diese steigert sich aber in allen Bereichen der Gesellschaft immer weiter und weiter … es gibt also eine Diskrepanz zwischen der gesellschaftlichen Realität und unserer Bereitschaft ihr gedanklich zu folgen.

    Das scheint mir der eigentlich Kulturkampf zu sein, den es auszufechten gilt.

  2. @Ben: Word, gerade zu den letzten beiden Absätzen!
    (Ich persönlich halte in diesem Zusammenhang die Book Reviews – also die Magazine/Webseiten, die die Komplexität darzustellen versuchen, indem sie über mehrere Bücher zu einem Thema schreiben und eine Art Synthese schaffen, sehr hilfreich. Auch hier gibt es in Deutschland nichts, was sich mit der New York Review of Books oder der London Review of Books vergleichen lassen könnte).