in Denken

Identitätsmythen und das Vakuum unseres Fortschrittsbegriffs

Nach meinen etwas fruchtlosen Gedanken zu einem „inklusiven Nationalismus“ kommt dieses hilfreiche Video der New York Times rechten Zeit. Es ist ein simpler Einstieg in die Konstruktion nationaler Identitäten. Ein neuer Mythos gemeinsamer Werte jenseits der Nation, so endet Max Fisher, müsste genauso stark wie der nationale Identitätsmythos sein.

Es gibt einen Mythos, der in den vergangenen Jahrzehnten ähnlich dominant, ja dominanter war: Fortschritt. Georg Seeßlen, für mich einer der gewissenhaftesten Publizisten der deutschen Gegenwart, hat das Konzept jüngst einmal auseinander genommen. Die Fortschrittserzählung, argumentiert er, bestehe inzwischen nur noch aus einer auf das Ökonomische reduzierten Perspektive (vgl. Erich Fromm), die sich in dieser dreifachen Gleichung zusammenfassen lässt:

Fortschritt = Arbeit, Fortschritt = Geschichte, Fortschritt = Wachstum.

Er kommt am Ende zu dem Ergebnis, dass die Mission einer progressiven Linken eben nicht nur in der Organisation des Fortschritts liegen kann, sondern in einer Neuvermessung seiner Idee, aus der sich auch ein verändertes Geschichtsverständnis ableitet. Er hat dies  so formuliert:

„Vielleicht wäre es eine der vornehmsten Aufgaben einer neuen Linken, neben einer sozialen Neuorganisation des Fortschritts auch über seinen Wert nachzudenken. In Antonio Gramscis eingangs zitierter Unterscheidung des Werdens von der Ideologie des Fortschritts (die wahrhaft Epoche gemacht hat) steckt eine Möglichkeit. Es geht nicht nur um eine ‚bessere‘ Verteilung von Wachstum und Wohlstand, nicht um mehr Kontrolle hier und weniger Profitgier dort, es geht vielmehr um eine Neubestimmung von Fortschritt und Geschichte. Weder ist diese linear und planvoll noch jener ‚Gesetz‘ und Wert an sich. Jeder Fortschritt ist nur eine Option unter vielen, an jedem Fortschritt gibt es die regressive Kehrseite. Eine wirklich neue Linke orientierte sich nicht an der Ideologie des Fortschritts, sondern an der Praxis des Glücks. Für möglichst viele.“

Diese Arbeit könnte am Ende, wenn sie wirklich schonungslos gängige Konzepte und Denkfallen meidet, in der Tat einen kraftvollen humanistischen Mythos hervorbringen. Und ich brauche nicht zu erwähnen, dass die Zeit drängt.

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