John Jeremiah Sullivan

John Jeremiah Sullivan (Foto: David Shankbone, Flickr, CC BY 2.0)

Ich gebe zu: Bis gestern Nachmittag hat mir der Name John Jeremiah Sullivan nichts gesagt. Ich hatte mal etwas von einem Autor gehört, der über den Beinahe-Tod seines Bruders durch einen Mikrofon-Stromschlag schrieb, auch war sein Disneyland-Stück aus dem NYTimesMag vergangenes Jahr auf meiner Leseliste (und versauerte dort).

Gestern nun habe ich erstmals einen Text von ihm gelesen – auf Empfehlung von Byliner. Nachdem ich „The Final Comeback of Axl Rose“ aus dem Jahr 2006 verschlungen hatte, kaufte ich mir gleich seine Essaysammlung Pulphead, die offenbar Ende vergangenen Jahres überall in den Himmel gelobt wurde. Die Begeisterung hält an.

Ich kann John Jeremiah Sullivans Stücke jedem, der sich für ungewöhnliche Autoren, gute Texte und die Zukunft des Journalismus interessiert, ans Herz legen. Er schreibt nicht nur geistreich, witzig, und selbstironisch, sondern verkörpert für mich eine Form von „NewNewJournalism“. Seine Stücke sind persönlich, mit eigenen Erfahrungen und Gedanken, Reflexionen über seine Recherchen und seine Rolle, die er in Gesprächen mit seinen Gegenübern einnimmt. Er setzt sich über die Grundsätze hinweg, die zumindest in Deutschland gelten (einige Stücke, z.B. im Reiseteil der Zeit ausgenommen): Der Autor als überpersonaler Erzähler, der sich zurücknimmt. Die Rolle des Beobachters, des Analytikers, wird mit der eigenen Persönlichkeit, den eigenen Erfahrungen verknüpft. Das, was die Kulturtechnik des Bloggens wieder in den Vordergrund geholt hat, wird mit der klassischen Reportage verschmolzen und lässt eine Schreibform entstehen, die stilbildend sein könnte.

Stilbildend? Womöglich ist das zu viel gesagt, denn nicht jeder schreibt brillant wie Mr. Sullivan – und nicht überall würde das, was er macht, funktionieren (beware of clones!). Ich glaube aber, dass wir auch in Deutschland die Reportage endlich mit all den Ebenen denken müssen, die Sullivan einbezieht. Ohne Angst vor der Verwendung des “Ich“ statt des blödsinnigen “man“. Wie befreiend das sein kann, habe ich bei Bloggertramp erlebt. In einem Zeitalter, in dem Autoren aus dem Schatten der Marke und das Netz die Form befreit, haben wir keinen Grund mehr, uns zu verstecken.

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