Unterdessen

‘Children are being used as a tool’ in Trump’s effort to stop border crossings

„Die Trump-Regierung sagt, dass Eltern von ihren Kindern getrennt werden, weil sie mit dem illegalen Grenzübertritt eine Ordnungswidrigkeit begangen haben, was wiederum Gewahrsam in den Händen der Bundesbehörden bedeutet. Dort sind Kinder nicht zugelassen. Aber sobald Eltern ihre Zeit für dieses kleine Vergehen abgesessen haben, drohen ihnen immer noch Monate in den Abschiebeeinrichtungen, oft ohne eine Ahnung darüber, wo ihre Kinder sind. (…) Die Pflichtverteidigerin Azalea Aleman-Bendiks erzählt, einige ihrer Klientinnen hätten ihr gesagt, dass Grenzschützer ihnen die Kinder weggenommen und behauptet hätten, sie würden nun gebadet. Nach einigen Stunden dämmerte es den Müttern, dass die Kinder nicht zurückkommen werden. ‚Es ist unglaublich‘, sagte sie, ‚ich kann nicht glauben, was hier passiert.'“

Freihandel

Der Deal im Freihandel lautet: Günstigere Waren und größere Auswahl gegen den Verlust von Arbeitsplätzen in einigen Branchen, in der Regel im produzierenden Gewerbe. In Schwellenländern bedeuten Freihandel und Globalisierung die Möglichkeit, in die Mittelschicht aufzusteigen. Oft geschieht das erst in der nächsten Generation, wohlgemerkt: Wer heute in den Technologie- und Textilfabriken Asiens arbeitet, verdient zwar überdurchschnittlich Geld, sein Leben gleicht aber eher dem eines europäischen Fabrikarbeiters im Jahre 1850 als dem von 2018. Dennoch ist der gestiegene Lebensstandard, den viele Regionen in den vergangenen Jahrzehnten verbuchen konnten, ohne die globale Arbeitsteilung nicht zu denken.

Zum Begriff: Was einst als “Abwesenheit von Handelszöllen auf Produkte” bedeutete, wurde schon vor längerem auf die Harmonisierung von Regulierung und Deregulierung, auf das Urheber- und Patentrecht sowie das Finanzwesen ausgedehnt. Klauseln zu Arbeits- und Umweltstandards sind in den meisten Freihandelsabkommen dagegen in der Regel standardisiert unbestimmt formuliert und nicht einklagbar.

Zudem bedeutet Freihandel nicht zwingend ein Verbot von Subventionen, die Industrienationen in Regel weiter für den Agrarsektor sowie im Aufbau befindliche Industrien aufbringen. So brach in Mexiko nach der Einführung nordamerikanischen Freihandelsabkommen in den 1990ern die Mais-Wirtschaft ein, das Land wurde zum Importeur: der Mais vom großen Nachbarn, den die Bauern in den US-Bundesstaaten des mittleren Westens anbauen, war durch die Subventionen aus Washington günstiger. In der Folge kam es in einigen Regionen Mexikos zu einem regelrechten Exodus arbeitslos gewordener Bauern, die sich auf den Weg nach Norden machten, um in den USA illegal als Tagelöhner Geld zu verdienen.

Ein ähnliches Muster zeigt sich an den Verhandlungen der Europäische Union mit den afrikanischen Staaten über das Wirtschaftspartnerschaftsabkommen (WPA). Auch wegen der Androhung von Strafzöllen in die EU haben bereits zahlreiche Länder unterschrieben. Das WPA sieht vor, dass afrikanische Länder die Zölle auf Grundnahrungsmittel wie Getreide (außer Reis) und Milchpulver innerhalb von fünf Jahren abschaffen sowie keine neuen Schutzzölle verabschieden. Zugleich subventioniert die EU weiterhin Milchpulver oder Getreide, kann solche Agrarprodukte also günstiger anbieten. Dies dürfte Konsequenzen haben: 60 Prozent der Erwerbstätigen im Subsahara-Nationen Afrikas arbeiten in der Landwirtschaft, die Zollausfälle der Staaten Westafrikas summieren sich Schätzungen zufolge bis zum Jahr 2035 auf mehr als 32 Milliarden Euro.

Die Beispiele sind bereits vereinfacht dargestellt. Sie zeigen aber, dass Freihandel auch Nebenwirkungen hat (no shit, Sherlock) und es auf systemischer Ebene Grundsatzfragen gibt  – zum Beispiel, welche Rolle Sozialstandards spielen oder ob Abkommen zwischen Regionen mit unterschiedlicher wirtschaftlicher Stärke Sinn ergeben. Und dabei ist noch nicht einmal vom chinesischen Modell des Schutzes heimischer Firmen durch Auflagen und Eigentums-Regelungen die Rede. Oder von globalen Firmenstrukturen und Steuervermeidung. Oder vom ökologischen Fußabdruck und Fragen des Postwachstums. Oder von Deutschland, das nicht nur durch Luxus-Produkte oder (noch) der Produktion von Maschinen und Anlagen in alle Welt ein Mega-Exporteur ist, sondern eben auch vom günstigen Euro-Wechselkurs profitiert, den das Land mit der DM nicht halten könnte.

Aber natürlich wird das alles im angebrochenen Handelskonflikt keine Rolle spielen, er wirft den Erkenntnisprozess sogar zurück: Ganz nach der Philosophie des US-Präsidenten geht es um das Recht des Stärkeren. Das Narrativ wird entlang der bekannten Orthodoxie verlaufen, die ja unter dem Stichwort „Friede durch Vernetzung“ zumindest innerhalb des Westens auch eine historisch-politische Komponente hat (allerdings nicht so sehr im Kolonial-Kontext).

Spätestens bei Autozöllen werden wir dann eine Patriotismus-Welle erleben und vielleicht für ein paar Monate sogar eine neue Legitimationserzählung für das vereinte Europa. Hyper-Aktivität rund um Symptome bei gleichzeitiger Stagnation in systemischen Fragen charakterisiert wohl auf absehbare Zeit unsere Gegenwart.

Siehe auch:
Ehrlichkeit und Freihandel
Freihandel II
Cocktails und Chauvinismus

James Byrd jr.

The Shocking Legacy of America’s Worst Modern-Day Lynching

Heute vor 20 Jahren verprügelten drei weiße Männer in der osttexanischen Kleinstadt Jasper den Afroamerikaner James Byrd jr.. Sie urinierten auf ihn, banden ihn an einen Pick-Up-Truck und schleiften den 49-Jährigen durch die Straßen. James Byrd jr. war Gutachten zufolge noch am Leben, als sein Körper dabei gegen einen Durchlass prallte und ihm der Kopf abgetrennt wurde.

Menschen mit Verwandtschaft dort erzählen mir, dass das Grenzgebiet zwischen Texas und Louisiana in Sachen Rassenhass das schlimmste ist. Weiß und Schwarz stehen sich in unterdrückter Feindseligkeit gegenüber. Dass es noch zur Jahrtausendwende zu einem Lynchmord kommen konnte, symbolisiert dabei die Machtverhältnisse. Genau wie die Schändung von Byrds Grab 2004 durch zwei Teenager. Oder die Aussagen im oben verlinkten Stück aus dem Jahr 2018: „Ich weiß nicht, ob ein Drogendeal falsch gelaufen ist oder so. Aber ich kann sagen, das hatte nichts mit der Rasse zu tun“, sagt ein weißer Bewohner, „die Menschen in Jasper wissen das.“

Der Prozess endete mit zwei Todesurteilen, von denen eines 2011 vollstreckt wurde, sowie einmal lebenslanger Haft. Hinweise auf ein anderes Motiv als Hass gab es nicht. Der Sänger Matthew Mayfield thematisierte die Ermordung Byrds in seinem Song „Still Alive“.

Cocktails und Chauvinismus (Trump)

A Four-Star Dumpster Fire’: More on America’s Current Foreign Policy

James Fallows vom Atlantic muss keine Leserkonferenzen veranstalten, sondern hat schon seit Jahren eine Community aus schlauen Lesern aufgebaut, mit denen er öffentlich über seine Stücke und Notizen diskutiert.

In diesem Falle meldet sich u.a. ein Militärangehöriger mit seiner Theorie zu Wort. Er glaubt, dass drei Faktoren die außenpolitischen Entscheidungen der aktuellen US-Regierungen beeinflussen:

(1) Die Annahme, dass amerikanische Macht und Ressourcen unendlich sind (was nicht stimmt).
(2) Die Annahme, dass die USA als außergewöhnliche Nation (vgl. American Exceptionalism) tatsächlich alles fordern und bekommen kann, das sie will. Das alle Gegner alles aufgeben und dankbar dafür sein müssen, dass sie weiter existieren dürfen. (siehe: Chauvinismus)
(3) Die Annahme, dass militärische Macht alles löst und die einzige Art ist, Stärke zu zeigen – also eine Ignoranz gegenüber „Soft Power“.

Er folgert:

„Diese Annahmen sind zu einem gefährlichen Cocktail geworden, weil POTUS [Trump] glaubt, dass kurzfristige Siege langfristiges Scheitern wert sind; dass Außenpolitik einzig ein Bereich des Theaters ist; und dass, womöglich der größte Egoisimus dieser Perspektive, die Welt sich von Natur aus um die Launen der USA dreht, die sich dadurch abschotten kann, aber immer noch den Ton angibt.“

Der Militärangehörige ist am Ende optimistisch, dass sich die Fehler nach der Trump-Ära korrigieren lassen. Aber natürlich stellt sich die Frage, welchen Sinn dann die Erwartung von Spielräumen oder sogar Verhandlungen an sich machen (die Strategie, auf seine Eitelkeit zu setzen, ist ja trotz nur zufallsbasierter Erfolge die derzeit gängige).

Oder, um auf einen gerade viel geteilten Twitter-Thread mit vereinfachend-psychologisierender Note zu verweisen:

Seine Wähler wollten jemanden, der mit einem Schraubenschlüssel das System verkantet. Die Welt hat ihn bekommen.

Europas Doppel-Fluch

Europe’s curse of wealth

Der stets verständliche Branko Milanovic erklärt noch einmal mit schlichten Worten die beiden Wohlstandsflüche, unter denen Europa leidet. Erstens:

„Der erste Flucht des Wohlstands hat mit Migration zu tun. Die Tatsache, dass die Europäische Union so florierend und friedlich ist – verglichen mit den östlichen Nachbarn (Ukraine, Republik Moldau, der Balkan, Türkei) und, wichtiger, verglichen mit dem Nahen Osten und Afrika – macht sie zu einem exzellenten Auswanderungsziel. (…) Der Einkommensunterschied zwischen dem „Kerneuropa“ der früheren EU15 und dem Nahen Osten & Afrika ist nicht nur groß, es ist gewachsen. (…) Weil Menschen in Afrika ihre Einkommen verzehnfachen können, wenn sie nach Europa kommen, überrascht es nicht dass sie trotz aller Hindernisse, die Europa Migranten inzwischen in den Weg gelegt hat, weiterhin kommen. (wäre es zum Beispiel einem niederländischen Staatsbürger egal, wenn er in den Niederlanden 50 000 Euro pro Jahr verdient und eine halbe Million in Neuseeland?).“

Und zweitens:

„Europas Ungleichheit ist teilweise ebenfalls ein ‚Fluch des Wohlstands‘. Der Wohlstand von Ländern, deren Jahreseinkommen über viele Jahrzehnte steigt, wächst nicht nur im Verhältnis zum Einkommen, sondern stärker. Das liegt einfach an Ersparnissen und der Anhäufung von Reichtum. (…) Die Folge des wachsenden Wohlstands in Ländern ist, dass der Anteil des Einkommens aus Kapital stärker als das Bruttoinlandsprodukt wächst. (…) Vereinfacht gesagt: Die Einkommensquellen, die sehr ungleich verteilt sind (Profite, Zinsen, Dividenden) wachsen schneller als die weniger ungleich verteilte Quelle (Löhne). Wenn also der Wachstumsprozess an sich zu höherer Ungleichheit führt, wird deutlich, dass stärkere Maßnahmen notwendig sind, um das Ansteigen der Ungleichzeit zu verhindern. Doch in Europa fehlt, wie in den USA, der politische Wille (vielleicht ist er in einer Ära der Globalisierung, in der Kapital völlig frei verkehrt, auch schwer zu erzeugen), die Steuern auf hohe Einkommen zu erhöhen, die Erbschaftssteuer in vielen Ländern wieder einzuführen oder Politik für kleine, nicht für große Investoren zu machen. Was folgt ist eine politische Lähmung im Angesicht des politischen Aufruhrs.“

Strategien der Entmenschlichung

Warum Gauland und die AfD Geschichte umschreiben wollen

„Der Geschichtsrevisionismus der AfD kann insofern nicht getrennt betrachtet werden von den vielfältigen anderen menschenfeindlichen Äußerungen, die Deutschland in den vergangenen Wochen und Monaten ertragen musste. Wenn Alice Weidel von ‚Kopftuchmädchen‘ und alimentierten Messermännern und anderen Taugenichtsen‘ spricht, (…), dann geht es immer darum, ein Kategoriensystem neu zu etablieren, dem das Land nach 1945 abgeschworen hatte: Zwischen Menschen von Wert und Menschen, die weniger Wert haben. Es geht dabei nicht darum, Deutschland zu erregen. Im Gegenteil. (…) Es geht darum, die Wachsamkeit der deutschen Gesellschaft zu zermürben.“

Und natürlich geht es, siehe das vorangestellte „Ja, wir bekennen uns zu unserer Verantwortung für die 12 Jahre. Aber,…“ auch darum, den Tabubruch so einzubetten, dass Kritik daran in den Kontext der guten alten „Nazikeule“ gestellt werden kann. Das ist die Strategie. An Gauland ist nichts außer seinem Anzug bürgerlich .

Flache Welten

Looking for Life on a Flat Earth

Alan Burdick mit einer ausführlichen Reportage über US-Amerikaner, die nicht daran glauben, dass die Erde rund ist. Zwischendurch hatte ich das Gefühl, dass ihn alle verschaukeln wollen, aber sie meinen es offensichtlich ernst. Wie so oft ist Youtube ein Einstiegsportal, diverse Verschwörungstheorien sind auch Teil des Weltbilds, je nach individueller Vorliebe. Daneben gibt es eine Kreationisten-Tangente, die uns erfreulicherweise in Europa fehlt.

Über die neue Irrationalität unseres Zeitalters ist schon viel geschrieben worden, ich warte noch auf eine vereinheitlichende Theorie. Ist sie Teil einer als kritisches Denken getarnten De-Abstrahierung, also einer Ungläubigkeit gegenüber allem, was an überliefertem Wissen unserer persönlichen Erfahrung/unseren aus unserem Lifestyle (und Medienkonsum) abgeleiteten Überzeugungen widerspricht? Am Ende ein Zitat aus dem Stück:

„Die Logik einer flachen Erde hypnotisiert und macht gleichzeitig irre. Es gibt keine Schwerkraft, nichts um sie einzudämmen, aber als Theorie erklärt sie weniger Phänomene, als sie widerlegen möchte. Auf dem Korridor traf ich einen Dokumentarfilmer (es gab einige auf der Konferenz), der die Flache-Erde-Community seit Monaten begleitet hatte. Sein Gesicht trug Züge der Verzweiflung. ‚Wenn du alles als Hoax abtust, solltest du besser etwas Klares haben, um es zu ersetzen‘, sagte er, seine Stimme näherte sich dabei einem Hirnschlag. ‚Wenn du mir erzählst, dass dein Auto nicht blau ist und ich frage dich, ‚welche Farbe hat dein Auto?‘, sag mir nicht ‚ich weiß es nicht, aber es ist nicht blau.‘ Welche Farbe hat dein verdammtes Auto?'“

Der Niedergang des Nationalstaats

The demise of the nation state

„Nach so vielen Jahrzehnten der Globalisierung sind Wirtschaft und Information erfolgreich aus der Autorität nationaler Regierungen herausgewachsen. Die Verteilung planetaren Wohlstands und der Ressourcen wird heute von kaum einem politischen Mechanismus angefochten. Aber dies zuzugeben, würde eine Akzeptanz des Endes der Politik bedeuten. (…) Der libertäre Traum – veraltete Bürokratien ergeben sich makellosen High-Tech-Systemen der Unternehmen, die dann das Management alles Lebens und aller Ressourcen übernehmen – erscheint heute eine wahrscheinlichere Zukunftsperspektive als die Fantasie, zur Sozialdemokratie zurückzukehren.

Regierungen, die von äußeren Kräften kontrolliert werden und deshalb nur bedingt Einfluss auf nationale Angelegenheiten haben: so war es schon immer in den ärmsten Nationen der Welt. Aber im Westen fühlt es sich wie eine furchterregende Rückkehr zu primitiver Verletzlichkeit an. Der Angriff auf die politische Autorität ist nicht nur ein ‚wirtschaftliches‘ oder ‚technologisches‘ Ereignis. Es ist ein epochaler Umsturz, der westliche Bevölkerungen zersplittert und beraubt hinterlässt.“

Rana Dasgupta beschreibt ausführlich und in großer Klarheit die Gegenwart und führt dabei verschiedene Erklärungen zusammen, die derzeit herumgeistern. Im kommenden Jahr erscheint sein Essay in Buchlänge und ich traue ihm zu, in die
Sphären eines  Pankaj Mishra aufzusteigen. Seine Botschaft ist wichtig und doch weder ins Bewusstsein der Bürgerlich-Konservativen, noch in das der Progressiven eingedrungen: Es  wird keine Rückkehr zur Normalität geben und das Zeitfenster für eine Systemreform wird sich in absehbarer Zeit schließen.

Trump, Aufmerksamkeit und die unendliche Echtzeit

(1) „That is what Power Looks Like“: As Trump prepares for 2020, Democrats are losing the only fight that matters
(2) Facebook, Snapchat and the Dawn of the Post-Truth Era
(3) In the Trump Era, We Are Losing the Ability to Distinguish Reality from Vacuum

Drei Beiträge, die ich in einen Zusammenhang stellen möchte. In (1) beklagt Peter Hamby (ironischerweise inzwischen Snap-Newschef) in Vanity Fair, dass Trump mit seiner ständigen Erzeugung von Aufmerksamkeit dafür sorgt, dass niemand weiß, was eigentlich die Demokraten gerade machen (und für was sie stehen).

In (2) bilanziert der ehemalige Facebook-Produktmanager Antonio García Martínez, der seine Erfahrung im Buch  Chaos Monkeys verarbeitet hat, das Social-Media-Zeitalter: Wir kehren demnach in den Modus der vorschriftlichen Epochen zurück, in denen Wahrheit in der Regel eine Sache des Hörensagens war. Zitat: „Dies wird die am besten dokumentierte Epoche in der amerikanischen Geschichte sein, aber niemand wird sich einig sein, was passiert ist.“

In (3) weist Masha Gessen darauf hin, dass die Hyperstimulierung durch Trump-Nachrichten uns (bzw. US-Amerikaner) an die Echtzeit kettet. Einen einzigen Tag zu verpassen, bedeutet Anschluss an die Entwicklungen zu verlieren – doch was an diesem einzigen Tag passiert, ist in der nächsten Woche bereits wieder abgelöst und irrelevant. Was in dieser gedrängten Zeit verloren geht, ist demnach die Fähigkeit, moralische Urteile zu fällen – denn diese benötigen eine historische Perspektive, die über den Tag oder die Ära hinaus geht.

Die banalste Synthese aus diesen drei Texten lautet vielleicht, dass die Aufmerksamkeitsökonomie netto zu einer gewaltige zivilisatorische Energieverschwendung führt. Im besten Falle. Sollten wir allerdings – Worst Case – in einem neuen Zeitalter westlicher Autokratien bis hin zum Neofaschismus landen, werden Historiker einmal feststellen, dass neben den Verwerfungen von Spätkapitalismus und Klimawandel die Aufmerksamkeitsökonomie eine dritte wichtige Voraussetzung für diese Wende war (sie ist ja letztlich aus der Marktbarmachung aller dezentralen Konstellationen abgeleitet, in denen bisherige Vermittler überflüssig wurden). Damit meine ich nicht Populismus per se, der wie ich finde durchaus seine Berechtigung hat, sondern die zunehmende Irrelevanz der Unterschiede zwischen Ursache und Wirkung, Tatsachen-Kontext und Interpretation – und unsere Anpassung daran.

Die optimistischere Perspektive ist, dass der Zugang zu historischem Wissen, Reflexion  und persönlicher Erfahrung als Fundament eines Gegenentwurfs heute ebenfalls recht einfach herzustellen ist – und auch notwendig, um die planetarischen Herausforderungen zu meistern. Nur ist dieser Weg eben derzeit schwieriger, benötigt mehr Zeit und belohnt uns mit weniger Endorphinen.