Westen ohne Gott

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The Acropolis as seen from Mount Lycabettus

Von allen Erklärungen über unser fortschreitendes Zeitalter kommt mir als katholischem Agnostiker die Heimatlosigkeit zwischen Jerusalem und Athen am überzeugendsten vor. Jerusalem als Ort Gottes und des Glaubens; eine Stadt, deren Mauern die Überzeugung schützen. Der “aufgeklärte Mensch” kann hierher nicht mehr zurückkehren. Doch auch Athen, jener Ort der Aufklärung und des rationalen Denkens, scheint uns keine langfristige Heimat: Aufklärung bedeutet Zweifel, und in unserer ständigen Suchbewegung müssen wir jedes Fundament, das sich zu verfestigen beginnt, dekonstruieren.

In Zeiten des Konflikts bleibt uns die Heimatlosigkeit zwischen diesen Städten erspart, weil wir ins Jerusalem der Ideologien und “Gesellschaftskonzepte” flüchten können. Dies geschieht entgegen aller Athener Tradition immer wieder, und sei es nur im Glauben an Ideen wie dem “Fortschritt”. Daran ist nichts verwerflich, doch eben oft auch nur wenig beständig – ein Glaubensbekenntnis aus mangelnder Fantasie.   

Diese Jerusalems der vagen Gesellschaftskonzepte oder Ideologien mögen Erfüllung versprechen, ihnen fehlt jedoch eine Eigenschaft des Originals: die Transzendenz. In unserem erschöpften Wohlstand mögen wir vergessen haben, dass wir einst vor ihr geflohen sind, oft fliehen mussten; dass sie uns fehlt, können wir tief im Herzen nur selten vergessen. Materialismus und säkularer Humanismus mögen tagsüber dem Fluss der westlichen Zivilisation die Richtung geben, in der Nacht lässt uns die Leere manche wache Stunde verbringen.

Würden wir als eine Gesellschaft jenseits des Marktes, der materiellen Sicherheit nicht beraubt und mit dem Versprechen auf ökonomische Würde lebend, diesen Horror abschütteln können? Oder ist diese Heimatlosigkeit nicht doch unheilbar, da ihre Natur spirituell ist? Diese Fragen stellen sich wieder und schon immer (seit der Gründung Athens, quasi). Wir sind alleine, nur mit dem Werkzeug unseres Denkens ausgestattet. Und das Jerusalem der privaten, individualisierten Ideologie ist kein Rückzugsort mehr, da Rückzug unmöglich geworden und Kollisionen unvermeidbar geworden sind.

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Auf den Spuren der Vergeblichkeit in Louisiana

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Plaquemines Parish

Plaquemines Parish drowns tonight
When the morning comes, it will all be underground

(Jean Hates Sunrise: Plaquemines Parish)

Durch die Ninth Ward durch, raus aus der Stadt, an der Zucker-Raffinerie und den Fabriken vorbei, ein Stück den Mississippi runter. New Orleans, ich hatte es erwähnt, ist ein kaputtes Paradies. Aber hier draußen ist wenig Paradies, sondern vor allem postindustrielle Kargheit.

Plaquemines Parish

Entlang der Straße wird es schnell einsam. Verlassene Häuser, verbarrikadiert und dem Verfall preisgegeben. Zwischendurch dann wieder etwas Bewohntes, und ich frage mich, ob die Vertriebenen oder die Gebliebenen es besser haben.

Wer abseits der beiden großen amerikanischen Küsten lebt, trifft auf unterschiedliche Formen von Besiedlung und Entvölkerung. Natürlich gibt es auch hier draußen die Trailerparks, jene mobile Lebensform, die Europäern im Urlaub gerne das Amerika-Bild versaut. Doch etwas ist hier anders, die leeren Häuser sind groß und würden normalerweise schnell einen Käufer finden.

Plaquemines Parish

Plaquemines Parish

Plaquemines Parish

Der Bezirk hier, Plaquemines Parish, ist nicht besonders arm, das geht in Louisiana schlimmer. Es gibt noch Industrie entlang des Missisippi und ein bisschen Fischerei, auch nach Deepwater Horizon. Nahe der Flussmündung weiter südlich ist das große Terminal, wo sie die Kohle nach Europa und Thailand verschiffen. Oregon und Washington State wollten nicht mehr, Louisiana als Diener der Öl- und Chemieindustrie nimmt noch dankbar jeden Dreck, auch wenn die Anwohner den Ausbau letztes Jahr verhindert haben, weil Atemwegskrankheiten ganze Siedlungen plagen.

Plaquemines Parish

Aber Plaquemines Parish hat in den vergangenen Jahren begonnen, sich aufzulösen, nicht nur wegen des Landverlusts durch den steigenden Meeresspiegel: Im Süden traf hier 2005 Katrina auf Land. Dann Deepwater Horizon 2010, das Öl kam vom Meer rauf.

Oil Spill, Gulf of Mexico (NASA, International Space Station Science, 05/04/10)

Und schließlich: Hurrikan Isaac 2012. Wir machen in Braitwaithe Halt. Später erfahren wir, dass hier alles überflutet war, weil der Damm nicht gehalten hat.

In New Orleans fiel damals der Strom aus, hier mussten die Menschen überhastet fliehen. Viele kamen nie zurück, in den Häusern liegen noch Sachen. Vielleicht gehören sie auch Hausbesetzern, aber wer würde hier wohnen wollen?

Plaquemines Parish

Plaquemines Parish

Die Natur holt sich die Siedlung zurück, so wie sich die Natur hier schon immer nimmt, was sie möchte. Vielleicht sollte man die jüngere Geschichte des Süden Louisianas auch als tödliche Umarmung von Mensch und Natur verstehen, als unterschiedliche Prozeduren der Zerstörung.

In den vergangenen Jahren hat Plaquemines Parish mehr als 15 Prozent seiner Einwohner verloren. Der nächste Hurrikan kommt bestimmt, die Unverwüstlichen unter den wohlhabenden Hausbesitzern haben ihre Gebäude auf zehn Meter hohe Stelzen gesetzt. Andere sind einfach gegangen, weil die Hochwasserversicherung inzwischen einen fünfstelligen Jahresbetrag kostet.

Als ich später die Geschichte der Gegend nachlese, fällt mir auf, dass ich auch ein Haus fotografiert habe, in dem bei Isaac zwei Menschen ums Leben gekommen sind. Ein älteres Paar, das eigentlich nach Costa Rica auswandern wollte, es aber nie geschafft hat. Sie blieben, als der Sturm kam, und ertranken in ihrer Küche.

Es ist ein friedvoller Ort mit einer großen Eiche. Im späten Frühjahr, wenn die Moskitos noch nicht geschlüpft sind und die Sonne noch nicht unerbittlich brennt, könnte es ein Paradies sein. Doch ich habe gelernt, dass das Friedvolle hier niemals einfach friedvoll ist. Der nächste Kollaps der Zivilisation wartet, nur eine weitere Katastrophe entfernt.

Plaquemines Parish

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Travis Kalanick

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Uber ist der Beweis dafür, dass das aktuelle Kapitel des Silicon-Valley-Tech auserzählt ist. Narzisstische MBA-Kapitalisten entwerfen Monopol-Platfformen oder Werkzeuge für die digitale Marktwerdung der Welt (B2B, Baby!). Aus Travis Kalanick könnte nicht einmal mehr für Aaron Sorkin einen psychologisch tiefgründigen Anti-Helden machen, Travis könnte auch Olli “ich dusche meine Zweifel weg” Samwer sein. Und das ist für keinen der beiden eine Adelung.

Aber das ist natürlich Popkultur-Perspektive; Fluch und Segen der Westküste ist, keine Vergangenheit zu kennen. Was heute der Import gängiger BWL-Konzepte kombiniert mit Datenanalyse, Monopolisierungs-Träumen und Gründer-Mythologie ist, kann morgen etwas Neues sein. Vielleicht sogar etwas Besseres, wir ignorieren ja derzeit die Möglichkeit des Besseren ein bisschen. Womöglich existiert es sogar bereits, weil jemand aus Versehen Micro-LSD zur Selbsterkenntnis statt zur Produktivitätssteigerung genommen hat. Hat in den frühen Sechzigern ja in der Gegend auch schon einmal gut funktioniert.

Vielleicht aber geht alles so weiter, Kapitalistan meets Talent mit Wall-Street-Werten meets Geschwätz. Im Schlepptau eine Armee von mittelmäßigen Glücksrittern, die sich an der Imitation kluger Köpfe versucht. Und die echten Augenöffner erleben wir in der Materialwissenschaft, mit Crispr oder im Energiesektor. Eine Zeit im Abklingbecken würde dem Tech-Hype ja durchaus gut tun.

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