Schalke – gestern und morgen

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Arena Auf Schalke

Nichts wird so schnell alt wie die letzte Saison, wenn sie schlecht war. Das gilt auf Schalke wie anderswo. Aber nirgendwo ist die Vorfreude auf die nächste Runde größer als in Gelsenkirchen, wenn mal wieder ein Umbruch stattfindet (vielleicht machen wir das deshalb regelmäßig).

Trotzdem vor dem Ausblick noch ein kleiner Rückblick, denn immerhin konnte ich die Saison 2015/16 so gut verfolgen wie schon lange nicht mehr: Fox überträgt Fußball in den USA und bietet Einzelspiel-Streaming an, durch den Umzug über zwei Zeitzonen beginnen die Samstagsspiele seit der Rückrunde um 8:30 Uhr statt um halb “ich sollte besser im Bett sein” sieben. Eigentlich eine ganz gute Zeit, um danach den Tag noch zu nutzen. Nur nachmittags um 15:30 Ortszeit setzt dann die Melancholie ein, weil die deutsche Fußball-Bio-Uhr den Anpfiff anzeigt, in Wirklichkeit aber schon alles vorbei ist.

Doch zurück zum Thema: Nach der vorangegangenen Rückrunde mit di Matteo, die selbst im Propaganda-Modus auf SchalkeTV recht armselig wirkte, sollte Breitenreiter spielerische Fortschritte und Konstanz reinbringen. Das klappte nicht, wie wir alle wissen. In Erinnerung bleiben eine (auch verletzungsbedingt) stets anfällige Abwehr und ein recht schematisches Offensivspiel, das von Leroy Sanès Einzelaktionen (und damit seiner Form) abhängig war und ein Mittelstürmer-Problem hat (sorry, Hunter). Das ist wenig, auch wenn man Breitenreiter zugute halten muss, dass er keinen Draxler-Ersatz bekam. So bleibt mir das erste Spiel in Bremen als Versprechen in Erinnerung, wie ein zügiger Fussek 2015/16 mit wirkungsvollem Pressing hätte aussehen könnten. Weitere überzeugende Spiele waren für mich Köln und Hoffenheim (auswärts) sowie Wolfsburg (daheim). Ich habe allerdings auch Geduldsheimsiege wie gegen Mainz zu schätzen gelernt habe, weil die trotz aller fehlenden Konstanz im Schalker Spiel seit Jahren recht konstant Punkte bringen.

Jetzt ist also Breitenreiter weg, mit ihm Horst Heldt. HH ist für mich Bundesliga-Vergleich ein ordentlicher Manager, was allerdings auch damit zu tun haben könnte, dass ich auch Andreas Müller erlebt habe und die Position in vielen deutschen Profivereinen die Schwachstelle ist. Unterm Strich setzte sich unter ihm jener langsame Niedergang fort, den Schalke im Profibereich seit 2007 erlebt (inklusive kleiner Ausreißer nach oben). Während dieser neun Jahre hat sich eine spielerische und taktische Modernisierung im Profifußball vollzogen, die Schalkes Übungsleiter nur in Bruchteilen umsetzen konnten. Das ist Heldts größtes Versäumnis, vor allem die in dieser Hinsicht verlorenen Keller-Jahre schmerzen. Eine Konstante, die länger als eine Sportvorstand-Amtszeit währt: Spieler in der Durchstartet-Phase ihrer Karriere (Rakitic, Neustädter, Christian Fuchs, Christian Poulsen) stagnieren am Berger Feld, häufig müssen sie weiterziehen, um ihre persönlichen fußballerischen Möglichkeiten auszureizen.

Eine weitere Konstante ist die permanente Unruhe. Jenseits aller Schalke-Leaks: 2015/16 war mit Alexander Jobst nur ein einziger Verantwortlicher an Bord, der die Bezeichnung “Kommunikator” verdient. Für einen Verein, bei dem Gerede so eine wichtige Rolle spielt, ist das erstaunlich. Ich würde mir die Abwahl von Clemens Tönnies wünschen, weil er Schalke mit seiner indiskreten Vereinspatriarchen-Art schon lange im Weg steht. Leider ist mir noch nicht ganz klar, wie sich die Gegner zusammensetzen und welche Langfrist-Pläne sie verfolgen. Ich bin aber auch weit weg (weshalb ich auch nichts zu Fanszenen-Entwicklungen sagen kann, außer dass “spielunabhängiger Support” weiterhin ganz großer Käse ist).

Christian Heidel traue ich – wie fast alle anderen Schalker – zu, unabhängig von der Aufsichtsrats-Zusammensetzung einige Entwicklungen zu korrigieren (Disclosure: okay, das galt bei mir auch für Magath). Er ist ein Transfer- und Struktur-Profi, kann hoffentlich die Geschäftsstelle hinter sich bringen (!) und dann mit klugen Entscheidungen den Rest des Vereins. Auf die angekündigte sportliche Gesamtausrichtung bin ich gespannt.

Zu Weinzierl als möglichem Trainer kann ich nur meinen Eindruck wiedergeben: Er scheint aus seinem Kader immer das Bestmögliche rausgeholt zu haben und einen schnörkellosen Fußball mit ein paar kleinen Positionskniffen spielen zu lassen (aber hey, ich bin nicht Spielverlagerung.de). Zudem hat er sich mit seiner Mannschaft schon mehrmals aus sportlichen Krisen herausgearbeitet. Das sind eigentlich ganz gute Voraussetzungen. Ich hoffe allerdings, dass Heidel und der neue Coach sich erst einmal an die Dimensionen und Besonderheiten von S04 gewöhnen können, bevor sie die Widrigkeiten einer “Schalker Krise” erleben.

The South Got Something To Say

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Seit wir im Süden leben, hat sich mein räumliches Gefühl für die USA verändert. Ich bin froh, nicht mehr an einer der beiden großen Küsten zu leben, sondern an einem Ort, der sich realer anfühlt und mir mehr Facetten des Landes zeigt.

Und ich verstehe die Menschen hier, die keine Lust haben, dass ihre Heimat als Flyover Country oder kulturell rückständige Provinz abgetan wird. Das hat nichts damit zu tun, Probleme wegzureden, sondern etwas mit dem Wunsch nach Respekt. In Deutschland ist das ja zwischen den „Metropolen“ und dem Rest des Landes ähnlich.

Das Video oben zeigt den Moment 1995, in dem der Süden sich auf die Landkarte des Hip Hop einbrannte. Damals war der Höhepunkt des Konflikts zwischen East und West Coast. Und dann geht André 3000 von Outkast bei den Source Awards unter Buhrufen auf die Bühne und sagt diesen Satz: „The South got something to say, that’s all I got to say.“

Das andere Google

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Die Alphabet-Lieblingstochter Google hat gestern eine ganze Suite von Assistenz-Szenarien vorgestellt, die nächste Stufe der Such-Evolution.

Der Großteil des Umsatzes wird allerdings absehbar weiterhin von der klassischen Websuche kommen. Interessanterweise kommen bereits 50 Prozent der Suchanfragen von Mobilgeräten, allerdings starten 50 Prozent der Nutzer keine einzige Suchanfrage pro Tag von ihrem Smartphone oder Tablet.

Wer sich ansieht, wie Google seine Mobil-Suche verändert hat, erkennt die Gegen-Strategie und auch das Problem. Die mobile Suche zeigt bei begehrten Keywords inzwischen mindestens drei Werbelinks an, bevor die organischen Resultate kommen. Das sind auf einem kleineren Display etwa anderthalb Bildschirme (man stelle sich das auf dem Desktop vor!).

In zwei Kategorien (Rezepte und Filme) hat Google damit begonnen, testweise über ein Foto-Info-Karussell (also nach der Card-Logik) zu navigieren. Das ist freundlicher für den Nutzer und öffnet den Weg für: Foto-Anzeigen, die sehr viel „nativer“ als die klassischen Textanzeigen wirken (mobil = visuell organisiert). Und sicherlich nicht zufällig beginnt Google, mobil auch in der Bildersuche Anzeigen auszuspielen.

Der Monetarisierungsdruck ist hoch, das ist weder verwunderlich, noch die Umsetzung verwerflich. Allerdings sei an Yahoo (oder diverse Banner-Trägerseiten) erinnert, wo ebenfalls irgendwann alles mit Anzeigen voll war und Niedergang signalisierte.

Aber wie gesagt: Noch funktioniert die Suche und Google hat mit Youtube eine dezidiert mobile Plattform. Der „Google Assistant“ bietet viele neue Möglichkeiten zur Einspeisung von Werbung. Doch anders als bei der Websuche ist nicht gesagt, dass Googles Assistenten-Technik derart überlegen ist, dass die Nutzer sie automatisch verwenden.

Im Messenger ist die Firma bereits zu spät dran (keine Ausdifferenzierungsmöglichkeit), das Wohnzimmer ist kein natürlicher Google-Ort und der Ruf, ein Datensammler zu sein, hilft dort sicherlich auch nicht. Und alles, was auf Android wandert, ist den strengen Blicken der europäischen Wettbewerbskontrolleure ausgesetzt. Googles Werbe-Umsatz der Zukunft ist ein kompliziertes Puzzle.