Neuronale Gedankenspiele

 How brains and machines can be made to work together

Seitdem ich 2014 mal etwas über neuronale Mensch-Maschine-Schnittstellen gemacht habe, verfolge ich das Feld mit einigem Interesse, ohne wirklich über das Laien-Stadium hinaus zu kommen. Neulich war eine größere Konferenz, Wired hatte eine größere Geschichte und jetzt beschreibt der Economist detailliert den Stand und die Hürden.

Wie immer taugt das Thema nicht zum Mainstream-Hype, weil größere Anwendungen ungefähr 10 bis 25 Jahre entfernt sind (wir reden hier immer noch von medizinischen Zulassungskriterien). Was nichts am Hype ändern wird, Gedanken-Interface, Elon Musk undsoweiter.

Faszinierend fand ich, wie viele unterschiedliche Lösungen gerade ausprobiert werden, auch durch Interesse und Geld aus Tech-Kreisen. Die meisten Projekte werden irgendwann wieder eingestampft, doch die Ergebnisse werden das Feld voranbringen und einige Entwicklungen beschleunigen, gerade in der Schmerztherapie oder der Überbrückung körperlicher Immobilität.

Ich kritisiere die „Tech-Branche“ häufiger; diese gezielte Steuerung von futuristischer R&D jenseits der Uni-Grundlagenforschung gehört zu den positiven Aspekten. Wenn sie auf die richtigen Felder zielt, zumindest (wir sprechen uns dann in 20 Jahren, wenn Zuck meine Gedanken-Updates monetarisiert).

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Dobrindts Aufsatz

Alexander Dobrindt macht klassisch konservative Identitätspolitik. Hinter seinem Aufsatz in der Welt verbirgt sich ein bisschen CSU-Grundsatzpapier (Heimat, individuelle Freiheit, innere Sicherheit) gemixt mit ein paar Kulturkampf-Provokation (am promintentesten, das ahistorische 68er-Dominanz-Narrativ). Das Ziel ist jene Tabuisierung, die inzwischen zum bevorzugten Standard-Werkzeug gehört. In diesem Fall skizziert er das, was die amerikanischen Konservativen in ihrer zynischsten Form versuchen: (1) Mitte-Links als abgehobene Eliten charakterisieren, sie anders als früher nicht als naiv, sondern unredlich und unsolidarisch darzustellen. (2) Nur angedeutet, da die politische Linke in Deutschland derzeit zu schwach ist: Die Linken in die Nähe zu Sozialismus, Anarchismus oder Staatszersetzung rücken (vgl. Antifa als linkes Stellvertreter-Gespenst 2017, zum Beispiel rund um G20 oder in den USA bei Anti-Trump, Uni-Aktivismus oder sogar den Gegendemonstranten Charlottesville).

Solche rhetorischen Versuche der Tabuisierung politischer Gegner gab es schon immer, sie werden nur extremer. Wenn wirklich noch einmal ein progressives Reformbündnis in Deutschland entstehen sollte, werden es die Gegner wahrscheinlich nicht wie Rot-Grün als planlose Spinner-Veranstaltung oder Rot-Rot-Grün als Umverteilungsmaschine verteufeln, sondern als staatsfeindliches Umerziehungsprojekt zum Kollektivismus, angetrieben von einer politischen Minderheit.

In Dobrindts harmlosem Aufsatz ist einiges davon angelegt, aber die AfD ist da natürlich schon viel weiter, dehnt die Vorwürfe auf Merkel aus und gibt ihnen eine klar völkische Note (Umverteilung = Umverteilung an “Nicht-Deutsche”). Dobrindt hat bei der Übermittlung seiner Botschaft zwei Probleme: (1) Seine Partei sitzt seit zwölf Jahren in der Regierung, die Rebellion lässt sich also als politische Masche identifizieren zumal er (2) bereits viele Rollen hatte, nie aber die des Überzeugungstäters.

Die politische Tabuisierung ist derzeit vielleicht das wichtigste Hilfsmittel im Kampf um den Platz im Overton-Fenster, entsprechend nutzen es alle politischen Seiten, wenn auch unterschiedlich radikal (und oft natürlich auch Überzeugung). Letztlich war sie in Demokratien schon immer ein Teil der politischen Willensbildung. Neu ist das Meta-Spiel, dem politischen Gegner die Tabuisierung der eigenen Position zu unterstellen und damit eine Opferrolle einzunehmen.

Ich persönlich bin kein Fan dieser Methoden/Rituale, weil in den Feindbild-Skizzen auch der Weg zu einer Entmenschlichung des Gegners erkennbar ist. Aber sie ist ein Zeichen der Zeit und nicht alle muss wie hier drüben ins Extreme ausarten. Und wahr ist auch: Dobrindts Aufsatz wäre ohne diese Provokation gar nicht wahrgenommen worden, der Rest ist ähnlich dünn wie damals De Maizière und seine Leitkultur-Thesen. Ich weiß gar nicht, ob mich dieser fantasielose Gefühls- und Regel-Konservatismus beruhigen (weil: vgl. USA, UK, Österreich etc.) oder mir Sorgen machen soll (weil er Ratlosigkeit signalisiert).

Anmerkung: In der Überschrift stand zuerst Dobrinth. Ich bin immer verwirrt, wenn CSU-Politiker Namen haben, die nicht mit -er enden (Stoiber, Seehofer, Aigner, Söder, Müller). Selbst in der Mitte ist es kompliziert, ich muss zum Beispiel die Zahl der Rs bei Joachim Herrmann immer googeln. My bad!

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Social Media und unsere Stimmung (#LikedMinded)

Is Social Media bad for you? The Evidence and the Unknowns

Die BBC startet unter dem Hashtag #LikeMinded eine Doku-Reihe zu den Auswirkungen von Social Media auf unserer geistiges Wohlbefinden. Zum Auftakt fassen sie die Ergebnisse der bisherigen Studien zusammen. Das Ergebnis: Die eigene Charaktereigenschaft und Vorerkrankungen (oder: Erfahrungen?) beeinflussen die Effekte maßgeblich, und natürlich fehlt es an Datenmaterial. Das ist nicht spektakulär, aber differenzierter als die Ausschnitte und gefühlten Wahrheiten, die wir uns dazu immer gegenseitig präsentieren.

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Trump, „Fake News“ und Wesentliches

A teachable moment on “fake news”

“Der Autor, Michael Wolff, ist bekannt für Übertreibungen und sogar Fälschungen, inklusive Gesprächen, die in so lebhaftem Detail wiedergegeben sind, dass sie auf irgendeiner Ebene erfunden sein müssen. (…) Wesentliche Teile des Buches sind wahrscheinlich Bullshit (…), nichtsdestrotz schicken Menschen die Trump hassen die saftigsten Auszüge rum. (…) Mir ist das egal, will aber nur darauf hinweisen, dass die andere Seite ihre übertriebenen ‘Fake News’-Geschichten genauso konsumiert.”

Adam Kotsko wirft im Zusammenhang um das neue Trump-Buch den Anker der Rationalität aus. Sein Argument geht noch weiter und der Text sei ans Herz gelegt. Es geht darum, wie wir unsere politische Haltung entwickeln und aus dieser Übertreibungen und Lügen „sinngemäß“, wenn vielleicht nicht wörtlich, Glauben schenken. Daraus schließt er, dass sich die Progressiven sich in eine Sackgasse manövrieren, wenn sie „wir sind die Rationalen und die anderen die Pritimitiven, die alles für bare Münze nehmen.“

Mein Beitrag dazu ist (in guten Momenten), das Wesentliche nicht aus den Augen zu verlieren. In diesem Fall sind das jene oft versteckten radikalen Umbauten und Erlasse, mit denen die amerikanische Regierung längst begonnen hat, ein anderes Land aus den USA zu machen.

Trumps Streit mit Bannon lenkt vom Wesentlichen ab

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Prekäre Solidarität

Das Prekariat ist die Sphäre der entwerteten Arbeit und der entrechteten Menschen. Es ist eine Klasse, die keine Partei und keine Organisation, kein Projekt und kein Bewusstsein hat. Es ist die Klasse der nachhaltig Vereinzelten. Es gibt das akademisch-kulturelle Prekariat, es gibt das Dienstleistungsprekariat, es gibt das digital-„kreative“ Prekariat, das „Kognitariat“, es gibt das industrielle und postindustrielle Prekariat, und nicht zuletzt gibt es ein landwirtschaftliches Prekariat (…) Wir sind alle unterbezahlt, unsicher beschäftigt, vom Überlebenskampf ermattet und zugleich (…) in solch unterschiedlichen kulturellen, körperlichen und ästhetischen Umständen, dass uns der Gedanke von Solidarität und Gemeinschaft gar nicht kommt.

Debatte Gespaltenes Prekariat: Traumschiff und Nagelstudio

Die Leerstelle, die Georg Seeßlen hier umreißt, heißt Solidarität. Die Menschen blicken nach oben statt zur Seite. Aus eigener Erfahrung: Obwohl der Beruf des Journalismus in den kommenden 15 Jahren dem des freischaffenden Künstlers noch ähnlicher wird (und für viele Freie bereits ist), würde ich viele Berufsgenossen als bürgerlich orientiert beschreiben.

Die Perspektive ist zwar nicht mehr die der Prä-Ruheständler in den Redaktionen, denen die Errungenschaft jahrzehntelanger Tarifverträge und relativer wirtschaftlicher Stabilität die Möglichkeit zu Wohlstandsinvestitionen gegeben hat (nicht selten in urbane Immobilien). Aber die eigenen Probleme mit denen eines Musikers oder Schauspielers (Arbeitskraft-Angebot > Nachfrage, unendlicher Content bei abnehmenden Monetarisierungs-Möglichkeiten, etc.) zu vergleichen oder gar mit ebenfalls in Zeitverträgen, Leiharbeit und finanziellen Sorgen steckenden Arbeitskräften in Dienstleistung oder Industrie – das ist selten.

Würden wir nicht in unseren Berufssilos feststecken, der Glaube an eine existierende Meritokratie würde wahrscheinlich viel schneller der Frage nach dem Klassenbewusstsein weichen.

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Doppelbödigkeit der Technologien

The Telecom Revolution is Mostly Authoritarian

Ian Welsh über Doppelbödigkeit neuer Technologien:

  • Schrift: Zugang zu wissen, Buchführung über Sklaven, Weizen und Steuern
  • Buchdruck: Machtverlust des Katholizismus, Festigung absolutistischer Staaten
  • Telegrafie: Internationale Kommunikation, Zentralisierung von Macht in Hauptstädten
  • Digitale Technologien: Unabhängigkeit von Experten, effektive Überwachung

Der Buchdruck-Vergleich scheint mir etwas wackelig, aber natürlich gilt in allen Fällen: Wer Tim Wu gelesen hat, kann natürlich Technologie nicht von der Analyse der Machtverteilung rund um die Backend-Kontrolle trennen (vgl. Western Union in den USA). Unter dem Strich sind wir in der Netzwerk-Entwicklung noch nicht am Ende (Quantenverschlüsselung, Blockchain-Dezentralisierung), aber mit Staat und Wirtschaft dominieren inzwischen zwei Akteure, deren Prioritäten (unterschiedlich interpretierte „innere Sicherheit“ bzw. Nutzer-Aggregation und Lock-In) der Idee einer User-Selbstverwaltung/Dezentralisierung entgegen laufen.

Ob dies eine aus der Technologie heraus „gegebene“ Entwicklung ist, dürften Historiker schon innerhalb des nächsten Jahrzehnts feststellen können. Ich glaube allerdings, dass wir dann zum Beispiel deutlicher den Zusammenhang zwischen Niedrigzinsen nach der (vorwiegend atlantischen) Wirtschafts- und Finanzkrise 2008 und dem Hyper-Wachstum des Tech-Sektors erkennen werden.

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Hör‘ auf, seinen Namen zu googeln

„Ein anderer Vorfall gab mir jüngst einen erschütternden Einblick in die Möglichkeiten der staatlichen Überwachung: Ich traf mich mit einer sensiblen und gut platzierten Quelle mit Hilfe eines Mittelsmannes. Nach dem Treffen, das vor ein paar Jahren in Europa stattfand, recherchierte ich über die Quelle. Eine Stunde später rief mich der Mittelsmann an und sagte: ‚Hör‘ auf, seinen Namen zu googeln.'“

The Biggest Secret – My Life as a New York Times Reporter in the Shadow of the War on Terror

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Tech-Hype, Tech-Kritik, Journalismus

Will journalists feed the tech backlash — or help explain it?

“Können wir bitte, bitte auf die aktuelle Welle von Fehlern nicht mit einer starken Überreaktion antworten und zu endlos negativen Geschichten schwenken, sondern mit jener ausgewogenen und nachdenklichen Analyse, der es von Anfang an bedurft hätte? (…) Balance bedeutet im Journalismus nicht nur, beide Perspektiven in eine Geschichte einzufügen – es geht darum, ein Thema von so vielen Perspektiven wie möglich zu beleuchten. Nur positive oder nur negative Deutungen sind überhaupt nicht ausgewogen.”

Einigen wir uns doch darauf: Keine kuscheligen Access-Stücke in den Magazinen mehr; keine Facebook-Pressemitteilungen auf Portalen wie dem unsäglichen Techcrunch; keine unglaubwürdigen Hü-Hott-je-nach-Wetter-Haltung von Reportern. Kein wortreiches „Tech ist Teufelszeug, gemacht von A——–ern“ mehr ohne Sachkenntnis, Recherche, stichhaltige Argumente und zumindest den Ansatz konstruktiver Korrekturen.

Jaja, fromme Wünsche, ich weiß.

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