NOFX und die Hepatitis-Badewanne

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NOFX habe ich erst um die Jahrtausendwende richtig zu schätzen gelernt und angesichts der grauenhaften Entwicklung, die sich dann via Blick 182 hin zu allem möglichen Casting-Quatsch vollzogen hat, ist meine Wertschätzung über die Jahre nur gestiegen. „The Decline“ ist weiterhin musikalisch der beste Song, den dieses Genre hervorgebracht hat.

Irgendwann im Frühsommer habe ich die Band-Autobiografie The Hepatitis Bathtub and Other Storiesgelesen und sie hat all das, was Titel und Bandgeschichte versprechen. Szenebericht (erstaunlich, wie viele Menschen im LA der Achtziger ihre Szene eingeschlagen bekamen), Lebens- und Drogenbeichte, ein Pissoir Wasserfall bizarrer, witziger und bitterer Anekdoten.

Je älter ich werde, desto erstaunlicher finde ich die ganzen Scheinwerferlicht-Mechanismen. Fußballspieler, die wir vergöttert haben, sind plötzlich Trainer irgendwelcher unterklassiger Mannschaften. Musiker müssen ihre Songs von vor 20 Jahren spielen oder touren alleine durch irgendwelche Mini-Läden.

Der Preis dafür, Geld und Aufmerksamkeit für etwas zu bekommen, was du liebst, ist oft die Gefangenschaft, auch nach dem Zenit von Schaffen oder Popularität damit weiter Geld verdienen zu müssen. NOFX haben das musikalisch und menschlich würdevoll gemacht, weil sie nie etwas darstellen wollten, was sie nicht sind. Dem bleiben sie in „Hepatitis Bathtub“ treu.

Offenheit und Offenheit

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Der niederländische Sozialpsychologe Mark Brandt bei Aeon über seine Forschung zur Offenheit für andere Meinungen (u.a. im akademischen Bereich):

„One might expect that people high in openness are less likely to connect perceived differences in attitudes and values to the expression of prejudice. For example, a person scoring high in openness might recognise that she disagrees with the values of Christian fundamentalists, but she might not express prejudice towards fundamentalists any more than towards any other group, including those that she agrees with. In the two studies we conducted, this was never the case. In fact, in one of those studies we found that perceptions of differences were correlated more strongly with prejudice for people high in openness than for people low in openness. That is, in our example, perceiving fundamentalists as having different attitudes and values was more tightly connected with prejudice for people high in openness.“

Das Ergebnis der Studie, so wie ich es verstanden habe: Als „offen“ oder „weniger offen“ klassifizierte Versuchspersonen bewerteten soziale Gruppen von konventionell (Christen, Republikaner) bis unkonventionell (LGBT, Atheisten). Die Versuchspersonen, die „offener“ waren, hatten weniger Vorurteile gegenüber unkonventionelle Gruppen, aber mehr Vorurteile gegen konventionelle Gruppen als die „nicht-offenen“ Versuchspersonen.

Brandt zitiert Nick Kristof mit dem feinen, auf das progressive Lager gemünzte Satz: „We’re fine with people who don’t look like us, as long as they think like us.“ Wir sind schnell dabei, „Offenheit für was?“ zu fragen und Ideen ohne ernstgemeinte Bewertung in Schubladen mit der Aufschrift „extrem“*, „rückwärtsgewandt“ oder „unangebracht“ zu stecken, obwohl wir eigentlich entweder die Idee nicht mögen oder einfach die Person/Gruppe, von der sie kommt. In Social Media ist das dauernd zu erleben, und das nervt mich, weil ich glaube, dass wir uns mehr abverlangen müssen, um einen guten Diskurs zu führen.

*das konservative Gegenstück ist, semantisch überraschend, „naiv“ oder „gutmenschelnd“.

Hurrikan-Saison an der Golfküste

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Von Ende August bis Anfang Oktober ist die Hochphase der Hurrikan-Saison im Golf von Mexiko. Anders als ein kalifornisches Erdbeben kommen Stürme mit Ankündigung, aber halbwegs Gewissheit gibt es meist erst etwa 48 Stunden vor dem Eintreffen an der Küste – und selbst dann kann sich die Route noch etwas ändern. Und die Folgen können je nach Windstärke andauernde tropische Regenfälle, Stromausfall (von wenigen Stunden bis hin zu mehreren Wochen) oder Evakuierung sein.

Wenn du hier lebst, lernst du, was wichtig ist. Wenn du verreist, packst du die wichtigsten Dokumente in eine verschließbare Box und verstaust sie weit weg vom Boden, falls es während der Abwesenheit Überschwemmungen gibt. Am besten steckst du vor dem Urlaub den Kühlschrank aus, weil deine Wohnung sonst nach einem mehrtägigen Stromausfall sehr unangenehm riechen wird und Kakerlaken eingezogen sind.

Bei den Vorräten ist die Faustregel mindestens eine Woche Wasser und für drei Tage Essen, das nicht gekocht werden muss oder auf dem Gartengrill funktioniert. Dazu Taschenlampen, Kerzen und ein Radio. Es gibt erstaunliche Erfindungen, die Taschenlampe, Radio und Solar-Ladegerät verbinden (U-S-A! U-S-A!).

Doch das größte Problem ist bei Temperaturen von 27 Grad nachts, 32+ Grad tagsüber und 60+ Prozent Luftfeuchtigkeit natürlich, dass die Klimaanlage ausfallen wird. Und New Orleans ist im Sommer ohne Klimatisierung ziemlich schwer erträglich, zumindest im 21. Jahrhundert und für verweichlichte Zugereiste wie uns. Neulich haben wir für andauernde Stromausfälle den Tipp „in die kalte Badewanne legen und sich abends in den Schlaf trinken“ bekommen.

Und der Sturm stellt dich irgendwann vor die Frage, ob du bleibst oder gehst. Das Auto muss aufgetankt sein, du packst die wichtigsten Dokumente und etwas Nahrung ein und fährst los. Du solltest wissen, in welche Richtung. Wenn du Pech und keine Verwandten hast, sind die Motels in einem Umkreis von mehreren Hundert Kilometern ausgebrucht. Wenn du viel Pech hast und dich zu spät entscheidest, stehst du im Mega-Stau, weil hier nur drei Straßen aus der Stadt führen (nördlich von hier ist der riesige Lake Pontchartrain, der nur über zwei Brücken überquert werden kann)

All das bleibt uns hoffentlich erspart. Ich habe in den vergangenen Wochen viel über Stürme gelernt, wie sie sich bilden, was sie begünstigt und ihre Route beeinflusst. Ich verstehe jetzt das Spaghetti-Modell mit den verschiedenen Routen-Prognosen. Naja, ein bisschen zumindest. Der Golf von Mexiko ist sehr heiß dieses Jahr, die Regenfälle und Überschwemmungen westlich von hier zeugen davon. Eine tropische Depression kann hier zu einem Sturm wachsen.

Im Moment ist ein solches System (Bezeichnung „Tropical Depression 9“, bis es Sturmstärke und einen Namen bekommt) an die amerikanische Küste unterwegs, aber es trifft am Donnerstag wohl Florida. Ich habe viel gelernt über Stürme, aber das theoretische Wissen genügt mir ehrlich gesagt. Aber natürlich wird irgendwann wieder ein Hurrikan die Stadt treffen, das ist sicher.

Die Menschen von hier haben von Kleinauf gelernt, was zu tun ist und wie sie sich versorgen müssen, soweit sie dazu in der Lage sind. Aber der Rest? Neulich meinte jemand von hier, die ganze „New Orleans Renaissance“ durch die jungen Zugezogenen aus New York und sonstwo werde spätestens nach dem nächsten größeren Sturm vorbei sein. „Sie werden alle verschwinden, sobald sie mal vier Wochen ohne Strom gelebt haben.“