Trump Inauguration

Foto vom Ausflug an den Potomac.

Ich hatte schon begonnen, ausführlicher meine Eindrücke aus Washington aufzuschreiben, aber dreht sich alles so schnell weiter, dass das schon kalter Kaffee ist. Wer nachlesen/gucken möchte: Meine Werke zur unterschiedlichen Wahrnehmung der Amtseinführung, zu den Protesten und den Gedanken der Protestierenden, über die Erwartungen der Trump-Anhänger (Video) und die Demokraten während und nach Obama. Hier noch ein paar Mini-Gedanken:

Ich bleibe bei meiner Theorie: Trump-Anhänger teilen sich – vereinfacht gesagt – in zwei Gruppen auf. Gruppe A sieht ihn als neuen „Trainer“ der USA und werden ihn an irgendeinem Punkt nach Resultaten beurteilen. Für Gruppe B ist Trump das Team, sie werden ihn nie verlassen, egal was er tut. Völlig unklar erscheint mir, wie groß Gruppe A ist, nach welchen Maßstäben sie Ergebnisse beurteilen und aus welchen Mix sie sich informiert (um diese bewerten zu können). Aber wenn die Progressiven über Machtwechsel jenseits von Turnout reden, ist das die vielversprechendste Gruppe.

Das im Hinterkopf behaltend: Dass die Trump-Ära in unzählbaren Dingen ein Desaster werden könnte und sich gerade sehr schnell dazu entwickelt, heißt nicht, dass seine Amtszeit im eigenen Land nicht als Erfolg gelten könnte. Die Gesellschaft ist hier so strukturiert, dass viel den Bach runter gehen kann und du als Einzelner überhaupt nicht betroffen bist. US-Amerikaner sind Pragmatiker, wenn die materiellen Aspekte besser werden (Steuern, „gefühlt“ die Wirtschaft, etc.), rücken andere Dinge in den Hintergrund, wenn für sie überhaupt Mainstream-Verständnis da ist. Und man sollte nicht unterschätzen, dass Trump wirklich Veränderung bedeutet, mit welchen Konsequenzen auch immer. Das alles ist das Bannon-Play, denn in diesem Zuge lassen sich auch viele andere Trump’sche Haltungen und reaktionäre/nativistische Politik-Ansätze normalisieren. Nicht, dass Trump in seiner Irrationalität das perfekte Werkzeug für die Ausführung ist – aber er war das Vehikel, um überhaupt in diese Situation zu kommen.

Die progressive Strategie: Ich habe etwas Gegenwind bekommen, als ich mich über die angezündete Limousine in Washington aufgeregt habe. Das Argument ist immer: Was auch immer die Linke macht, der Rechten wird es egal sein. Das ist falsch: Die beiden Seiten befinden sich auch in einem Kampf der Bilder und das ist dankbare Munition, das alles als Freakshow darzustellen – auch für „normale“ Amerikaner, die zwar für Proteste Verständnis haben, nicht aber für Vandalismus. Alles ist Strategie und Disziplin ist alles für die Progressiven. Und was ist wirklich mit einer Memifizierung von Richard Spencer gewonnen, wie er auf die Fresse bekommt? Insgesamt bin ich einerseits optimistisch, dass die nächste Generation von Progressiven eine aktive Politisierung über Straßenproteste und performative Akte hinaus erlebt und etwas wie Graswurzel-Bewegungen entsteht. Andererseits fehlt es an kohärenter Politik und die Krux ist wie immer, diese auf unorganisierter Ebene zu entwickeln, ohne in Folklore-Konzepte wie Lokalismus zurückzufallen (oder schlicht wieder den „dritten Weg“ und Vertrauen in Blender-Konzepte wie Meritokratie als Konsens-Alternative zu verkaufen). Die Frage ist, ob für wirklich progressive Politik gerade eine US-Mehrheit da ist, in der auch oben genannte „Gruppe A“ aufgehen kann (und ob ich nicht zuviel Strategie erwarte in der gegenwärtigen Situation).

Sorgen, die ich im Auge behalte: Wissenschaftsfeindlichkeit, beginnende Entmenschlichung, Normalisierung auffälligen Verhaltens, Eskalation von Kleinigkeiten statt großer Linien, Pressefreiheit, Minderheitenrechte, Demonstrationsrecht, die nächste Phase des Wohlstandtransfers, Totschlag mit dem Label „unamerikanisch“, globale Ansteckung, Reduzierung meiner Arbeitstage auf aktuelle Entwicklungen des Trumpismus.

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