31Big bend in Big Muddy ...

Rollendes Notiz-Microblog

Proteste gegen Trump

Mein Eindruck nach zwei Protestwochenenden: Außerhalb der Metropolen – New Orleans verglichen mit Washington – ist die Basis deutlich dünner (P.S. erstaunlich, dass in einer Stadt wie New Orleans mit 60+ Prozent Afroamerikanern vielleicht 25 von 1500 Demonstranten schwarz sind). Die Gefahr eines Protest-Burnouts ist real, zumal das Mittel mit der Zeit abstumpft. Ich kann es nochmal wiederholen – wenn die Progressiven sich nicht mit einem konkreten Gegenprogramm auf den Weg machen, das aus mehr als „alles außer Trump“ oder „alle gegen Trump“ besteht, wird sich mittelfristig strukturell nichts verändern (vgl. hierzu auch Freddie de Boer). Es lässt sich hier strategisch viel vom Neoliberalismus lernen: Wo ist das linke Colloque Walter Lippmann, was die progressive Mont Pelerin Society? Reiner Widerstandsprotest wird solche strategischen Probleme nicht lösen, ja sie sogar noch verschärfen. Die Perspektive lautet dann: Demokratische Präsidenten als Zwischen-Korrektiv, während das Land sich politisch und schließlich auch strukturell in die andere Richtung bewegt.(30. Januar 2017)

Moralische Polarisierung

Will Wilkinson hat vor kurzem die moralische/ökonomische Polarisierung in den USA stärker beleuchtet. Sehr lang und lesenswert. Hier liegen auch die Unterschiede zu Deutschland, wo die Unterschiede zwischen Stadt und Land oft deutlich geringer sind. Allerdings hat natürlich die Flüchtlingsfrage auf anderer Ebene einen Polarisierungseffekt.

Wem hilft ein Trump-Rücktritt?

Nach einer DM-Diskussion auf Twitter und diesem Blogeintrag von Freddie de Boer eine Strategiefrage: Von welcher Konstellation profitiert das jeweilige Lager am meisten? Bei der GOP auf den ersten Blick: Trump als Präsident, aber von Pence/Ryan eingefangen und die konservative Agenda ohne Unfälle umsetzend. Bei den Demokraten: Trump als Präsident, der das Volk gegen sich aufbringt (aber nur korrigierbare Schäden anrichtet), in zwei Jahren Demokraten den Senat gewinnen lässt und in vier Jahren weg ist. Jetzt natürlich der Einwand: Aber Trump muss doch möglichst schnell weg, oder? Bei genauerer Überlegung (meines DM-Partners und de Boers): Dann kommt Pence und (vgl. de Boer) es gibt den Effekt einer gefühlten Rückkehr zur Normalität und zu politischen Gepflogenheiten, obwohl die Republikaner weiter ihre (respektive Ryans) Agenda umsetzen können und werden und ebenfalls eine Art Extrem-Präsident regieren würde. Das wäre bei genauerer Betrachtung auch das Ideal-Szenario für die GOP, zumal die oben genannte Konstellation (Umsetzung ohne Unfälle) ja gelinde gesagt wackelig ist. Was dazwischen steht: Risikoabwägung. Genauer gesagt das Szenario, dass das Trump-Lager vor den Midterms bei Gegenwind eine Masse von Primary-Gegenkandidaten für das Repräsentantenhaus ins Spiel bringt, die mit den Stimmen der Hardcore-Trumpisten rechnen können (wobei ein Amtsenthebungsverfahren natürlich Wahrnehmung und Macht-Gleichung verändern könnte, aber wie genau ist noch nicht kalkulierbar). Paradox: Strategisch müssten die Konservativen also eher an einer Absetzung Trumps arbeiten als die Demokraten. (31. Januar 2017)

Bannon und Lenin

David Auerbach weist darauf hin, dass bei Bannons Lenin-Referenz gerne etwas vergessen wird: Besagter Wladimir Iljitsch war ein erfolgreicher Revolutionär, aber im Regieren ziemlich schlecht:

Damit bleibt Bannon also seinem Vorbild treu, allerdings sollte man handwerklich schlechtes Regieren nicht mit unpopulär oder erfolglos verwechseln – die Basis ist zufrieden mit der Einlösung von Trumps Wahlversprechen. (3. Februar 2017)

Die neue amerikanische Spannbreite

Um die Perspektive der kommenden Jahre zu verstehen, empfehle ich zwei Texte: Businessweek über Trumps designierten Handelsminister Wilbur Ross und die Stärkung der Plutokratie, die den Staat schon immer als Vehikel für Profit und die Auslagerung von Kosten verwendet hat. Und den Economist zur Reform/Abschaffung von Obamas Gesundheitsreform, genauer gesagt: Die Idee, Menschen mit Vorerkrankungen in einen Extra-Pool von Versicherten zu packen. Das müsste dann subventioniert werden, wäre aber viel teurer, als die Republikaner wahrhaben wollen. Also müssten die Bundesstaaten einspringen, und was in Pleite-Regionen wie hier in Louisiana passieren würde, ist klar: Ein Mini-Zuschuss und als Reaktion auf fehlende Mittel entweder hohe Hürden für den Einstieg, absurd hohe Beiträge oder eine starke Deckelung von Leistungen. Für Menschen mit Vorerkrankungen, wohlgemerkt, also diejenigen mit dem größten Bedarf an Gesundheitsleistungen. Individualismus und Markt-Freiheit lässt sich manchmal mit Entsolidarisierung und Plünderung übersetzen. (3. Februar 2017)

Jacksonians und Schubladen

Der konservative Professor Walter Russell Mead hat in Foreign Affairs ein gutes Stück über Trumpisten als Jacksonians geschrieben, also in der Tradition der Anhänger Andrew Jacksons stehend. Das ist hilfreich, außer, dass sich viele der Elemente meiner Meinung nach überhaupt nicht aus Jacksons Zeit und Wählerbasis ableiten lassen, ohne der eine äußerst grobe Vereinfachung vorzunehmen. Der Punkt ist: Darum geht es gar nicht, „Jacksonian“ ist einfach nur ein neuer Begriff, um nicht alte Schubladen der Gegenwart aufmachen zu müssen. Das hilft für ein neues Verstehen und wäre auch generell in der Debatte rund um Kategorien wie „Linke“, „Rechte“ oder auch „Nazis“, „Gutmenschen“, etc. erfreulich. Die „Jacksonians“ selbst sind meiner Meinung nach hier allerdings sehr viel mehr an einer Sprachbewaffnung (Schneeflocken etc.) interessiert, während die Progressiven ihrerseits sich zwar um Differenzierung bemühen, oft aber auf auch in Klischees verfallen („alte weiße Männer“). Beide Seiten benutzen Sprache natürlich als Raum der Gruppen-Abgrenzung, für mich eines der größten Probleme in dieser Phase der Desintegration alter Strukturen. Es bilden sich gerade neue Muster und Konstellationen, für die wir einige Kategorien modifizieren oder erst finden müssen, um eine hellsichtige Debatte führen zu können. Wie das im Zeitalter der polarisierten Gefühle möglich sein soll, steht auf einem anderen Blatt. (6. Februar)

Paradigmenwechsel: Stream statt Programm

Trotz aller Politik-Dinge beschäftige ich mich natürlich weiter mit Technologie und bin dabei mit großer Begeisterung auf Matt Lockes Stück „The Schedule and the Stream“ gestoßen. Es geht um den Paradigmenwechsel vom „Programm“ (Broadcast-Zeitalter) zum „Fluss“ und dem damit einhergehenden Verlust von Kontext als radikalster Nebenwirkung.

„We imagined utopias in which information was free, with infinite copies of everything, distributed seamlessly to everyone. But the real cultural impact of digital networks is not abundance, but de-contextualization — the transgression of information from one context to another in ways that are out of our control.“

Die Fragestellung: Wie lässt sich ein öffentlicher Raum herstellen, in dem Kontext geliefert werden kann, wenn es sich beim Stream um eine personalisierte Form handelt. Puh, eine Menge zu verdauen, alleine um die Fragestellung völlig zu erfassen. (6. Februar)

Signale, Sender, Empfänger und ein Manifest

Aus dem „Infernal Machine Collective Manifesto“ der Hedgehog Review zur Amtseinführung des neuen US-Präsidenten:

„It’s therefore time we collect and meet in a common, contested, conflicted, complex field that we variously call research, criticism, scholarship, philosophy, or science. Let us inaugurate a collective, a collective that might form a community, but that cannot and should not be an academic “discipline,” inasmuch as it is academic but undisciplined thinking that we need.
It’s time to collect, and to be collected. Let us be philosophical, whimsical, constructive, critical, and confused. But let us collect, and be collected. Let us write proverbs, poetry, commentary, essays, explorations, and maybe even code. But let us collect, and be collected. Let us listen, learn, make notes, draw connections, and consider diagrams. But let us collect, and be collected, with ecumenical means in search of effective voice.“

Die Hedgehog Review ist ein völliges Nischenmedium, aber einer meiner Lieblingsorte für erstaunliche Gedanken und Verknüpfungen. Und in dem Manifest steckt etwas, das fehlt – im Wortsinn undiszipliniertes akademisches Denken über das, was gerade technologisch, kulturell und politisch passiert. (6. Februar)

Das Esalen Institute und große Erzählungen

Mitgründer Michael Murphy spricht in diesem Podcast über die Entstehung des Esalen Institute, der Pionier-Einrichtung des Human Potential Movements an der kalifornischen Westküste. Darin beschreibt er auch, was das Institut nicht erreicht hat:
„Wir wollten eine neue Vision der menschlichen Möglichkeiten bieten, warum wir hier auf dieser Erde sind. Aus dieser Perspektive haben wir es nicht geschafft. (…) Es war damals etwas in der Luft, wie es heute nicht mehr ist (…) Es ist immer noch „Work in Progress“. Eine Perspektive auf die Welt, die unsere besten Engel für uns gewinnt. Es gab damals kein Isis, diese extreme Form von Fundamentalismen. Diesen Verlust im universitären Bereich an großen Erzählungen. Es ist aus der Mode gekommen, die Welt als großes Ganzes zu sehen.“

Ich glaube, die großen Erzählungen kommen gerade wieder in Mode, aber im Kontext des vermessenen und durchanalysierten Menschen, ohne Utopie, noch nicht einmal mit kohärentem Alternativ-Entwurf – ja eher sogar als dystopisches Szenario. Ich bin gerade dabei, das alles einzusortieren und beschäftige mich in dem Kontext auch mit der damaligen Gegenkultur, der Rolle der Psychoanalyse und den Debatten bzw. wo die Abzweigung zu Reagan und den dritten Weg lagen. (11. Februar)

Dieses Blog und darüber hinaus

Ich überlege immer mal wieder, ein Blog über Zukunftsdinge zu starten und das hier als privates Notizbuch zu verwenden. Dann aber erinnere ich mich, dass ich den Glauben an „Content“ verloren habe und es vielleicht sinnvoller wäre, mit einer Schubkarre Sand an den Strand zu fahren. Der Vergleich ist nicht ganz fair, aber ich habe nicht das Gefühl, in der gegenwärtigen Plattform-Architektur viel gewinnen zu können. Die Anhäufung sozialen Kapitals ist ja aus professioneller „Autoren“-Perspektive nicht nur ein Dopamin-Schuss, sondern auch der Kampf gegen eine willkürlich einsetzende Unsichtbarkeit, gegen das Verschwinden im Strom der vielen Menschen und Meinungen. Nichts bleibt, also vielleicht doch besser die Gedanken in einem Buch zusammenlaufen lassen? Aber auch das ist „Content“ und der Spätkapitalismus hat gerade uns Menschen in sterbenden Professionen gelehrt, vorhandene Zeit mit sinnvoller beruflicher Weiterqualifikation zu verbringen (was ich gerade einerseits durch Auffrischung meiner Frontend-Kenntnisse und Abwägung weiterer Schritte tue, andererseits ignoriere, weil es so viel über Leben, Erde und Menschheit zu lernen – auch: zu lesen – gibt, das nicht in eine LinkedIn-Tabelle passt). (11. Februar)

Wird ständig erweitert.

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