Was Mathieu von Rohr schreibt, klingt so einleuchtend wie es auf 140 Zeichen nur sein kann (zumindest, soweit er sich nur auf Frankreich bezieht). Sollte es allerdings wahr sein, wäre es kein erfreuliches Signal – denn der “Liberalismus”, den Macron vertritt (er selbst nennt es in Anlehnung an die US-Demokraten „Progressivismus“), mag den “Geschmack von links” tragen (thx, Martin Oetting); Macron selbst mag auch postmaterielle linke Positionen vertreten: Ökonomisch stellt er jenseits der Rhetorik vom “nordischen Modell” kaum einen der angeblichen Sachzwänge der vergangenen Jahrzehnte in Frage (Steuersenkungen, Deregulierung, Verpflichtung zur Austerität).

Macrons Kampagnen-Image von Veränderung steht damit in seltsamen Kontrast zu jenem Weiter-so nach jenen Rezepten, das seit der Krise 2008 diskreditiert ist, die Umverteilung verstärkt hat und in einer Welt des westlichen “Wachstum ≠ Jobswachstum” wohl auch nicht weiterhelfen. Vielleicht liegt es daran, dass die Franzosen den dritten Weg noch nie beschritten haben und ihn nun verspätet ausprobieren zu wollen, aber das alles erinnert stark an Tony Blair und seinen Managerialism. Und wer würde derzeit Tony Blair oder sonstigen Vertretern des “Dritten Wegs” zutrauen, die aktuellen Probleme zu lösen…

Wenn wir im 21. Jahrhundert wirklich “liberal” vs. “nationalistisch” erleben, dann ist “liberal” eigentlich der neue Konservatismus, mit mehr oder weniger kulturell progressiven Elementen. Vielleicht genügt das, ich bin davon überhaupt nicht überzeugt. Der politischen Linken würde in dieser Konstellation nur die Rolle einer politischen Geisel zukommen, die Mehrheit der politischen Ultra-Rechten immer wieder zu verhindern, ohne je der Option einer notwendigen Veränderung des ökonomischen Systems oder zumindest einer genuin progressiven Politik im Falle des Machtgewinns (vgl. Hollande-Schwenk) nahe zu kommen. Erfüllt sie diese Rolle nicht, wird sie zum Sündenbock. Kann man es ihr verdenken, dass sie dieses Spiel nicht mitmachen möchte?

Ich bin kein Frankreich-Kenner, aber glaube nicht, dass die Zurechnung der politischen Linken zum Lager der „Liberalen“ ihrem Programm oder diese Dichotomie der Komplexität der Probleme gerecht wird. Natürlich lassen sich die fast 20 Prozent für Mélenchon als Unterstützung für ein soziales Wohlfühlprogramm mit etwas Eliten-Kritik interpretieren, als erstaunliche Ausnahme der Regel. Aber nachdem man über Jahrzehnte auch den Front National in diese Schublade gesteckt hat, wäre vielleicht etwas Demut angebracht. Ich kann es nur wiederholen: Es gibt keine Rückkehr zur Normalität und zu der Übersichtlichkeit der Vergangenheit.

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