The Acropolis as seen from Mount Lycabettus

Von allen Erklärungen über unser fortschreitendes Zeitalter kommt mir als katholischem Agnostiker die Heimatlosigkeit zwischen Jerusalem und Athen am überzeugendsten vor. Jerusalem als Ort Gottes und des Glaubens; eine Stadt, deren Mauern die Überzeugung schützen. Der “aufgeklärte Mensch” kann hierher nicht mehr zurückkehren. Doch auch Athen, jener Ort der Aufklärung und des rationalen Denkens, scheint uns keine langfristige Heimat: Aufklärung bedeutet Zweifel, und in unserer ständigen Suchbewegung müssen wir jedes Fundament, das sich zu verfestigen beginnt, dekonstruieren.

In Zeiten des Konflikts bleibt uns die Heimatlosigkeit zwischen diesen Städten erspart, weil wir ins Jerusalem der Ideologien und “Gesellschaftskonzepte” flüchten können. Dies geschieht entgegen aller Athener Tradition immer wieder, und sei es nur im Glauben an Ideen wie dem “Fortschritt”. Daran ist nichts verwerflich, doch eben oft auch nur wenig beständig – ein Glaubensbekenntnis aus mangelnder Fantasie.   

Diese Jerusalems der vagen Gesellschaftskonzepte oder Ideologien mögen Erfüllung versprechen, ihnen fehlt jedoch eine Eigenschaft des Originals: die Transzendenz. In unserem erschöpften Wohlstand mögen wir vergessen haben, dass wir einst vor ihr geflohen sind, oft fliehen mussten; dass sie uns fehlt, können wir tief im Herzen nur selten vergessen. Materialismus und säkularer Humanismus mögen tagsüber dem Fluss der westlichen Zivilisation die Richtung geben, in der Nacht lässt uns die Leere manche wache Stunde verbringen.

Würden wir als eine Gesellschaft jenseits des Marktes, der materiellen Sicherheit nicht beraubt und mit dem Versprechen auf ökonomische Würde lebend, diesen Horror abschütteln können? Oder ist diese Heimatlosigkeit nicht doch unheilbar, da ihre Natur spirituell ist? Diese Fragen stellen sich wieder und schon immer (seit der Gründung Athens, quasi). Wir sind alleine, nur mit dem Werkzeug unseres Denkens ausgestattet. Und das Jerusalem der privaten, individualisierten Ideologie ist kein Rückzugsort mehr, da Rückzug unmöglich geworden und Kollisionen unvermeidbar geworden sind.

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