Einsamkeit und Totalitarismus

Does Loneliness Give Rise to Totalitarianism?

„Die totalitäre Geisteshaltung, wie Hannah Arendt sie beschreibt, entwickelt sich aus der Einsamkeit, die Menschen dazu bringt, in linearer Weise zu denken und sich vorwiegend mit Katastrophismus zu beschäftigen. Dieser Katastrophismus, verschlimmert von den rasenden Gedanken der Isolation, führt ihnen immer den schlimmstmöglichen Ausgang vor ihr gestörtes, ideologisch beeinflusste geistigen Auge.

Totalitarismus ist deshalb ein ’selbstmörderisches Entkommen aus dieser Realität‘, bei dem Männer und Frauen gemeinsam im Gleichschritt marschieren, die Parolen des Regimes rufend, dessen Herrschaft sie mit ihrer Komplizenschaft ermöglicht haben. Sie opfern die furchtbare und furchterregende Leere der Einsamkeit, die eine atomisierte Individualität mit sich bringt, zugunsten der Gruppe – einem Superorganismus, der endlich ihrem Leben jene Bedeutung gibt, die sie so verzweifelt gesucht haben, die das bodenlose Loch der Leere zu stopfen scheint, das sich anfühlte, als würde es den Kern ihrer Existenz verschlingen.“

Siehe auch:
Einsamkeit: „Einige von uns haben niemanden von euch“
Das Problem ist nicht da draußen
Gewöhnungseffekte
Es wird keine Rückkehr zur Normalität geben (2016)

US-Reformen und der Faktor Krieg

Talking Politics Guide to … the US Constitution

David Runciman im Gespräch mit dem Historiker Gary Gerstle. In ganzer Länge hörenswert, hier ein Auszug:10

Gary Gerstle: „Die amerikanische Demokratie steckt fest, aber durch Verfassung hat sie auch eine Geschichte, festzustecken. Weil die Verfassung fragmentierte die Macht zwischen den drei Zweigen der Regierung und zwischen der Zentralregierung und den Bundesstaaten fragmentiert. Dadurch ist es sehr schwierig, in normalen Zeiten großflächigen Wandel zu beeinflussen. Deshalb war die amerikanische Politik immer von sozialen Bewegungen abhängig, die außerhalb der formalen politischen Sphäre entstanden sind. (…) Es ist nicht das erste Mal, dass die amerikanische Demokratie feststeckt, und wenn wir uns an die Auflösung der Lähmungsmomenten in der Vergangenheit ansehen, kam die Energie von außerhalb der formalen politischen Kanäle, durch soziale Bewegungen und Aufstände, die die politische Klasse unter Druck setzen konnten, Dinge zu tun, die sie sonst nicht hätten tun können. Eine ähnliche Form könnte in den kommenden 10 bis 15 Jahren notwendig sein, um die Blockade der amerikanischen Politik zu lösen.“

David Runciman: „Oder die andere Sache, die diese Blockade auflöst, ist Krieg.

Gerstle: „Ja…ja. Und ich glaube es ist eine gute Frage, ob Amerika Krieg braucht um die Probleme zu lösen, an denen es in Friedenszeiten scheitert. Der New Deal in den 1930ern und die progressive Epoche zwischen 1900 und 1915 sind Beispiele für Zeitalter großflächiger Reformen, in denen Krieg nicht präsent war. Aber wenn wir uns an die unterschiedlichen Vermächtnisse erinnern: der erste Weltkrieg kam am Ende der progressiven Ära und viel von dem Erreichten wurde danach zurückgebaut. Das Gleiche hätte mit dem New Deal passieren können, wäre nicht direkt nach dem zweiten Weltkrieg der kalte Krieg gekommen. Und die große Zeit der Reform, der konstitutionellen Überarbeitung, lag in einer Zeit des Kriegs oder Fast-Kriegs, was der kalte Krieg. Die Frage ist also legitim, ob Amerika seinen Einfallsreichtum ohne Krieg zurückgewinnen kann.“

„Jobs to be done“

Clumping and Clastering

Im Exponent-Podcast beschreibt Ben Thompson von Stratechery noch einmal ein Kernkonzept der Digitalisierung: Denken in „Jobs, die zu erledigen sind“ statt in „Produkten“. Thompson:

“Einige sahen das iPhone als Weiterentwicklung einer Technologie, die damalige Mobiltelefone ersetzen wird. Aber das ist nur der Formfaktor. Der eigentliche Markt ist Personal Computing. Und wenn du den hernimmst, war er nicht nur viel größer als der Mobiltelefon-Markt, sondern er hatte großen Spielraum, die Definition von “Personal Computing” zu erweitern, sobald du nicht mehr an einen Desktop oder Laptop gebunden bist. Und das war, wo sich die ganze Wertschöpfung befand.

Es ist so menschlich, Fehler zu machen und etwas als logische Abfolge zu betrachten. Was kam davor, mit dem wir es vergleichen können? Aber die wirklichen Durchbruch-Produkte und übergroßen Bewertungen entstehen daraus, die Definition zu erweitern, was ein Job ist, der erledigt werden muss – und diesen Teil des Marktes einzufangen und nicht nur ein Produkt oder einen vorherigen Formfaktor zu ersetzen.”

Siehe auch:
Das neue Bundle
Gemeinnutz und technologische Entwicklung

Rusbridgers Vermächtnis

 Alan Rusbridger: Breaking News – The Remaking of Journalism and Why It Matters Now

Die Rusbridger-Memoiren haben ihre Längen und ihre blinden Flecken (zum Beispiel der finanzielle Zustand des Guardian am Ende seiner Amtszeit). Aber die Lektüre ruft in Erinnerung, dass sich kaum ein Verantwortlicher in der Medienbranche so intensiv mit der Digitalisierung auseinandergesetzt hat. Nicht nur im Bezug auf das Geschäftsmodell, sondern vor allem systemisch – was heißt „Publishing“, wenn Information frei zirkuliert, das ehemalige Publikum sich auf Augenhöhe befindet und die Schwächen der alten Formate deutlich werden?

Gerade als Chef einer Zeitung war das ungewöhnlich und im Blick auf den deutschsprachigen Raum wird deutlich, dass eine solche Vordenker-Figur in Legacy-Führungsfunktion zwischen 1995 und 2015 schmerzlich gefehlt hat (um Rusbridgers Amtszeit als Referenzrahmen zu nehmen). Ohne diesen Ehrgeiz wäre der Guardian heute eine auf Großbritannien fixierte Digitalmarke wie der Telegraph.

Natürlich war das nicht allein Rusbridgers Verdienst, sondern nicht zuletzt dem Input aus der zweiten Reihe – Aaron Pilhofer, Emily Bell etc. – zu verdanken. Und auch die Auseinandersetzung mit dem, was digitale Publizistik heute sein muss, ist noch nicht beendet. Selbst wenn das Schlagwort „Paid Content“ dazu verführt, das beiseite zu wischen oder im Legacy-Geist zu beantworten. Gerade weil die 2020er eine (gelinde gesagt) stürmische Zeit werden, wird sie eher noch wichtiger.

Rusbridgers Idee des „Open Journalism“ erschien manch klassischem Journalisten einst und auch heute, angesichts der harten Auseinandersetzungen in Social Media, beinahe rührend naiv. Und doch liegt in ihr der Schlüssel zu dem, was im Englischen mit dem schönen Wort „Accountability“ beschrieben wird. Deshalb habe ich mich vor ein paar Tagen sehr gefreut, dass mit Tortoise eine neue britische Redaktion versucht, mit Open Journalism in das kommende Jahrzehnt zu gehen. Das Projekt geht in den kommenden Tagen online, ich bin gespannt.

Machtfragen

The antidote to civilisational collapse

Ich habe mir viele Stellen in diesem ausführlichen Economist-Interview (>40 Minuten Lesezeit) mit Adam Curtis markiert. Zum Beispiel:

„(…) Macht. Das ist ein Wort, das im gegenwärtigen Moment fast nie diskutiert wird. Es gibt eine enorme Macht, die über uns ausgeübt wird und wir haben keine Ahnung, wie wir ihr entgegentreten können. Wie Sie gesagt haben, alle haben das Gefühl, dass das hier funktioniert. Und das ist weil bestimmte Menschen Macht haben und sie zugunsten ihrer eigenen Interessen einsetzen, nicht für uns.

(…) Das Problem, das ich mit einem Großteil des investigativen Journalismus habe ist, dass er immer sagt: ‚Es muss mehr investigativen Journalismus geben‘. Ich entgegne da: ‚Wenn du mir sagst, dass eine Menge reicher Menschen keine Steuern zahlen, bin ich schockiert, aber nicht überrascht – weil ich das weiß. Ich will nicht noch einen weiteren Artikel lesen, der mir davon berichtet.‘ Was ich möchte ist ein Artikel der mir verrät, warum, wenn mir das berichtet wird, nichts passiert und sich nichts verändert. Und niemand hat mir das je erklärt.“

Wenn es genug wäre?

The Miracle of the Mundane

Ich habe Heather Havrileskys Essayband („What If This Were Enough?“) dieses Jahr mit großem Genuss gelesen, auch wenn der Spätkapitalismus ein trostloses Thema ist. Ein Auszug:

„Viele von uns lernen, eine klare und präzise Vision von dem zu konstruieren, was wir wollen. Aber uns wurde niemals beigebracht, wie wir das genießen, was wir wirklich haben. Es wird immer mehr Siege geben, um die es zu kämpfen gilt; mehr Fremde zu überzeugen; mehr Bilder zu sammeln und an unsere Visionstafeln zu hängen. Es ist hart, das zu wollen, was wir haben; es ist einfacher, alles auf der Welt haben zu wollen. Das ist also, wie wir heute leben: Wir stopfen uns bis obenhin voll, aber irgendwie macht das uns nur nervöser, verwirrter und hungriger. Wir rasen nach vorne – manisch, unzufrieden und im Dauerzustand der Verlorenheit. 

Unser verwirrter Zustand verletzt uns nicht nur individuell; er behindert unsere Fähigkeit, zusammen an einer besseren Welt zu arbeiten. Wir können nicht für Gerechtigkeit aufstehen und Veränderungen beeinflussen, solange wir nicht gelernt haben, leere Versuchungen, schillernde Wegweiser in die Sackgasse und banale Ablenkungen fortzustoßen. (…)

Vor dem Hintergrund dieser Landschaft gilt es alles zu feiern, was die Wildheit und Komplexität der menschlichen Seele feiert. Das gilt global, in Lebensgemeinschaften, und es ist wahr in einem einzelnen Menschen. Das Gegenmittel für eine Welt, die uns kranke Geschichten über uns selbst erzählt und uns das Gift einträufelt, uns hilflos zu fühlen, ist der Glaube an unsere eigene Welt und unsere Community und an uns selbst. Wir müssen wieder mit dem in Verbindung treten, was es heißt, menschlich zu sein: zerbrechlich, furchtbar fehlbar und ständig Demut lernend. Wir müssen an die widersprüchliche Natur der Menschheit glauben und sie umarmen.“

„Es ist genug“, schreibt sie am Ende. Und meint dabei uns alle und uns selbst. Wir genügen uns, um uns aufeinander zu bewegen zu können.

 

Texas Pastorale

Ein perfekter Sturm auf dem Meer beginnt meistens, wenn mehrere Faktoren zusammenkommen. In Texas aber kann ich einem Opossum schon begegnen, wenn ich im falschen Moment die Haustür öffne. Was mir neulich passiert ist, als ich die Post holen wollte. Das Opossum saß auf der Türschwelle und guckte hoch. Ich guckte runter. Und machte erschreckt wieder zu.

Dass es Opossums jahrelang gelingt, durch die Maschen der Zivilisation zu schlüpfen, die das dicht besiedelte Austin in Jahrzehnten geknüpft hat, ist leicht zu erklären: Obwohl die Stadt wächst, gibt es noch einige grüne, fast wilde Abschnitte. Wir wohnen zum Beispiel an einer kleinen Waldschlucht, obwohl die Autobahn nur 279 Meter Luftlinie entfernt liegt.

Wie sieht ein Opossum aus? Für ein Foto reichen die kurzen Begegnungen nicht, deshalb ein Stockphoto:

Auch wenn sie einen anderen Eindruck erwecken: Opossums sind genialistische, aber mit schlechtem Augenlicht ausgestattete Speisereste-Finder. Jeder Wahl-Texaner lernt, dass sie aus Grillresten oder liegengebliebenem Katzenfutter-Material vor der Tür Hüftgold spinnen können. Oder erlebt es. Im Sommer hatten wir einen Futterspender für Kolibris aufgestellt. Er ist einer Blüte nachempfunden, aber an das eingefüllte Zuckerwasser kommen nur die spitzen Kolibri-Schnäbel.

Aus intelligentem Design aber folgt nicht unbedingt gute Verarbeitung, unser Futterhaus tropfte und so fanden wir in einer stickigen Sommernacht ein Opossum auf unserer Terrasse, wie es eifrig das Zuckerwasser vom Holzboden schleckte. Und zwar so eifrig, dass wir es gleich zwei Mal vertreiben mussten.

Ein anderes Mal, als wir das Futterhäuschen abends hängen ließen, fanden wir dagegen später eine Gruppe Kakerlaken in der Zuckerpfütze zugange. Dem Eindruck nach ebenso eifrig, aber weit weniger willkommen.

Der Sommer war hier ohnehin brutal, 34 bis 42 Grad, nachts nur selten unter 24. Und vor allem trocken, monatelang. Als würde das Klima im Jahr 2018 das Wetter nutzen, um alte Rechnungen mit dem Öl-Bundesstaat Texas zu begleichen. Nachdem der texanische Sommer Fahrt aufgenommen hatte, hielten wir lange inne, wie jemand der die Wahrheit kennt, aber sie nicht auszusprechen wagt: Die Hitze ist noch unerträglicher als in New Orleans.

Irgendwann ging ich dazu über, nicht nur unsere spärlichen Pflanzen und den dürren Rasen zu wässern, sondern auch die umliegenden Bäume, deren Blätter sich Ende Juli teilweise gelb zu färben begannen.

Die einäugige und furchtbar traumatisierte Streunerkatze, die wir manchmal fütterten, erschien nur noch kurz vor Sonnenuntergang, schnaufend und in ihrem Maine-Coon-Pelz sichtlich zu warm unterwegs. Und auf dem Baum gegenüber legte sich in jenen Abendstunden die dort wohnende Waschbärin erschöpft zur Kühlung auf einen Ast – nach einiger Zeit erschienen auch die drei Waschbär-Welpen, von denen wir nichts gewusst hatten, vor der Baumhöhle (zwei davon im Bild).

Texas Waschbären im Baum

Einmal gingen wir nachts auf die Terrasse und schalteten versehentlich das Licht an. Dabei erwischten wie die ganze Familie bei Kletterübungen in der Baumkrone. Meistens aber finden wir nur draußen, wenn es heller Morgen wird und irgendwo ein Bus die Grenze nach Texas überquert, mit echten oder erfundenen Passagieren, unsere Mülltonnen durchwühlt vor (in der Waschbär-Hauptstadt Toronto wurden 2017 die Mülltonnen aus diesem Grund neu designt).

Nun ist es Winter, das Waldstück ist kahl, die Kolibris sind in den Süden geflüchtet. Doch von den Bäumen singen Vögel, die immer wieder das Futterhaus auf unserer Terrasse ansteuern. Die prächtigsten von allen sind die Rotkardinäle (Football-Fans als Wappentier der Arizona Cardinals bekannt), von denen ein Paar uns immer besucht. Manchmal setzen sich nach Sonnenuntergang Eulen auf unser Dach und rufen in die Nacht.

Neulich gingen bei uns die Alarmglocken an; jemand von der anderen Seite der Waldschlucht hatte gemeldet, dass er eine Gruppe Coyoten auf der Straße gesehen habe – jene Coyoten womöglich, die hier im Sommer in der Nähe des Flusses mehr als ein Dutzend Haustiere verspeist haben.

Verkörpern die Coyoten das Böse? Gibt es das? Oder ist es nicht vielmehr die voranschreitende Zivilisation, die ihnen den Lebensraum nimmt und sie in die Nähe der Menschen zwingt? Unser texanisches Naturidyll ist brüchig, aber es geht ihm immerhin besser als dieser Tage dem ironiefreien Pathos im Journalismus (R.I.P.).

Ich blicke in die Dunkelheit. Kein Insekt fliegt, keine Zikade gibt dem Wald diese Aura des Dschungels, die ihn im Sommer umgibt. Nichts singt, nur das regelmäßige Rauschen der Autobahn ist zu hören. Doch dann ertönt leise ein Song in unserem Wohnzimmer, er ist von den Ramones:

I love you and you love me
And that’s the way it’s got to be
I loved you from the start
Cause Christmas ain’t the time for breaking each other’s hearts

Merry Christmas, I don’t want to fight tonight

Disclosure: Dieser Blogbeitrag wurde mit Text- und Versatzstücken aus Gegenwartsdebatten  angereichert.

Bekenntniszivilisation

Machine Politics

Der Computerhistoriker Fred Turner in seinem langen, lesenswerten Essay:

„Mit der Zeit, nachdem neue Medien unser öffentliches Leben getränkt haben, und nachdem die Kinder der 1960er zu den Eliten von heute geworden sind, haben wir verstanden: Wenn wir einen Platz auf der politischen Bühne haben wollen, müssen wir unsere Innenleben nach außen sichtbar machen. Wir müssen sagen, wer wir sind. Wir müssen uns bekennen.

Wenn [der prominente US-Neonazi] Richard Spencer sich Vertreter einer schikanierten Minderheit nennt oder wenn Donald Trump seinen Ärger auf Twitter herauslässt, benutzen sie die gleichen Strategien wie die Demonstranten der 1960er oder auch der #MeToo-Bewegung heute. Diese Beobachtung zu treffen bedeutet nicht, die Anliegen zu vergleichen – überhaupt nicht. Aber ob wir wie Trump lügen oder lang verborgene Wahrheiten wie die Mitglieder von #MeToo offenlegen: Diejenigen, die Macht in der öffentlichen Sphäre von heute erhalten wollen, müssen in einem zutiefst persönlichen Idiom sprechen. Sie müssen jene authentische Individualität ausstrahlen, von der das Committee for National Morale glaubte, dass es das einzige Bollwerk gegen den Totalitarismus im Ausland und daheim sei.“

Ich kann – die kommenden Tage bieten sich an – die Lektüre dieser Parallelgeschichte des Internets als Geistesgeschichte nur empfehlen. Einige der Themen sind auch Teil dieser Blogskizzen.

Zu meinen vielleicht stärksten Eindrücken der jüngeren Vergangenheit gehört unser gebrochenes Verhältnis zum Individualismus: Als Konsumbürger-Individualismus Ressourcen zerstörend und spirituell entleerend; als Selbstverwirklichungsindividualismus Solidarität erschwerend und kollektives Handeln verunmöglichend; als Grundprinzip und Fundament unseres Strebens aber in der westlichen Zivilisation aus unterschiedlichen Lagern und Erfahrungen für alternativlos erklärt. Zitierter Absatz scheint mir nahe zu legen, dass nun der Individualismus einen stärker charismatischen Akzent erhält. Die Weltbilder sind ja ohnehin schon personalisiert, nun kommt offensichtlich das Sendungsbewusstsein hinzu.

Was sich daraus ableiten lässt – ich kann es nicht überblicken. Die mächtigste Gegenbewegung zum Individualismus wurzelt zumindest nicht in einem neuen Kommunitarismus oder einer solidarischen Kapitalismusreform, sondern in einem Wunsch nach Homogenisierung, die ja oft eine Vorstufe des Kollektivismus ist*. Dass dabei „authentische Individualität“ ein wichtiger Faktor bei der Umsetzung ist, gehört allerdings nicht zu den neuen Phänomenen.

*Die Ironie ist, dass Progressive wie Reaktionäre der jeweils anderen Seite den Homogenisierungs-Vorwurf machen.