Diskursmodi

 Essay Diskussion um Integration: Linke in der Diskursfalle

In Chemnitz ist Schreckliches passiert. Zuerst die Tötung eines Menschen, mutmaßlich durch Asylbewerber. Und danach haben sich rechte Kräfte solidarisiert, sie sind mit offenem Visier marschiert, ungehemmt: AfD, Pegida und andere rechtsradikale Gruppen im Schulterschluss. Da waren sie nicht nur virtuell im Netz aktiv, sondern analog und real, lautstark und zu Tausenden. Zum Glück hatten viele den Impuls, sich dagegenzustellen!

Doch zugleich schnappt hier schnell die Diskursfalle zu. Zweifellos ist es richtig, sich schützend vor die Ziele rechter Angriffe zu stellen: vor Asylbewerber, Migranten, Muslime. Unschuldige müssen mit allen Mitteln verteidigt werden, auch und gerade von der Zivilgesellschaft. Doch Demokraten sollten auch nicht blind, taub und stumm sein im Angesicht veritabler Herausforderungen, Konflikte und Probleme, die mit Einwanderung und Integration einhergehen – und die ja keineswegs neu sind.

Muslim zu sein, Flüchtling zu sein ist weder irgendein Makel noch ein Grund dafür, besonders unter Schutz gestellt und von rechtlichen Regelungen ausgenommen zu werden.

Als Grundlage für den Diskursmodus stimme ich Ahmad Mansours (Gesamt-)Artikel zu, auch wenn die realen Haltungen mir nuancenreicher zu sein scheinen. Flüchtlings-/Fremdenfeindlichkeit und Integrationsablehnung von Einwanderern haben gemeinsam, dass man a) schwer bemessen kann, wie verbreitet sie sind und sie b) auf einem Spektrum existieren, auf dem die Gesellschaft an irgendeiner Stelle einen Stopp-Punkt setzen muss. Angesichts unserer Geschichte und der jüngeren Vergangenheit macht mir persönlich die Gefahr des exzessiven Nativismus mehr Sorgen; ich bin aber der Meinung, dass illiberale und hermetische Gruppen aller Art der Gesellschaft in der Regel mehr Probleme als Gewinn bringen. Das zu knacken und dabei nicht Einzelne aufgrund oberflächlicher Merkmale in solche Gruppen-Schubladen zu stecken, ist unsere Aufgabe.

Wirkliche Freiheit

deeds before words
 Plain old untrendy troubles and emotions (2008)

Irgendwo in meinem Kopf – dort verstecken sich ja immer die besten Blogeinträge – befindet sich noch ein Entwurf für ein paar Fragen an die Gegenwart, mit deren Hilfe sich ein dringendes Bedürfnis nach einer Erneuerung formulieren lässt. Einer Erneuerung, die einen spirituellen Kern hat. Das klingt zunächst hippiesk, entspricht aber meiner Wahrnehmung.

Unsere Gefangenschaft in den Kleinigkeiten, die ständige Verwechslung des Gegenwärtigen mit dem Bedeutsamen, formieren sich zu einer Zeitdiagnose, individuell wie zivilisatorisch. Womöglich war das schon immer so, aber durch die Vernetztheit unserer Wahrnehmung erkennen wir in Umrissen, dass zu den Symptomen gegenwärtig auch ein ego-fixiertes Konzept von Empathie und ein Desinteresse an Nuancen gehört. Vielleicht werden wir irgendwann einmal herausfinden, ob und wie „Information Overflow“ oder die optimierte Denk-Bequemlichkeit einer hyperindividualisierten Gesellschaft das alles verstärkt haben.

Diese Woche ging hier ein Artikel rum, der zum Thema hatte, dass die gesundheitlichen Konsequenzen von Fettleibigkeit gar nicht so dramatisch sind und die Stigmatisierung übergewichtiger Menschen weit schlimmere gesundheitliche Folgen für sie hat. Freddie de Boer hat darauf eine interessante Antwort formuliert: In Social Media gab es viel Zustimmung zu besagtem Text, aber wer unter den Applaudierenden würde das Bekenntnis zur „Body Positivity“ damit unterfüttern, künftig nicht mehr auf seine eigene Figur zu achten und quasi solidarisch zuzunehmen, um die Stigmatisierung zu bekämpfen – also mit echter Verhaltensänderung? Wahrscheinlicher sei, dass die Begeisterten gleich nach dem Applaus-Tweet aufs Laufband steigen und danach einen Low-Carb-Snack essen. Body Positivity ist eben immer für die anderen. Was er meint:

„Es geht nicht darum, den Kampf gegen die Stigmatisierung der Fettleibigen zu beenden. Wir müssen kämpfen, um moralisch zu sein. (…) Der Punkt ist zu erkennen, dass das wirkliche persönliche Verhalten der lautesten Kritiker des Fat-Shamings signalisiert, dass diese Aufgabe viel, viel schwerer als angenommen ist. Und wenn die Aufgabe hart sein und lang dauern wird, wäre es klüger, keine Strategie einzusetzen, die auf der Grundlage basiert, dass es leicht und schnell geht. Ich meine damit die billigen Kicks des selbstgerechten Tweets. Wenn die Arbeit lang und hart sein wird, wäre es viel besser, subtil zu sein, verständig, ruhig, maßvoll. Um das Stigma gegen Übergewichtigkeit zu beenden, so scheint es mir, braucht es Erwachsene, die viele kleine Entscheidungen darüber treffen, wie sie sprechen, denken und handeln – und nichts davon wird das Lob ihrer Peer-Group hervorrufen… anders als besagte Tweets eben. Irgendwann haben die Leute, die unsere Kultur schreiben, sich selbst eingeredet, dass ärgerlich im Internet zu sein ein Mittel der Veränderung ist. Aber es ist nicht einmal ein Mittel, sie selbst zu ändern.“

Was Freddie de Boer schreibt, legt natürlich nicht nur den Mechanismus hinter Meinungsbekundungen zu diesem speziellen Thema offen. Seine Worte speisen sich aus seiner Erfahrung als Aktivist für faire Wohnbedingungen und aus der Tatsache, dass er selber einmal Teil der progressiven US-Twitterati war. Veränderung dauert lange und findet unter komplexen Einflüssen statt; wir sollten nicht erwarten, mit der Summe kommentierender Meinungsäußerungen das gleiche Ergebnis wie mit substanzieller Arbeit zu erreichen.

In diesem Zusammenhang denke ich in letzter Zeit manchmal an David Foster Wallace und seine Rede vor Uni-Absolventen aus dem Jahr 2005 (deutsch: „Das hier ist Wasser“). DFW zu zitieren ist natürlich selbst ein Klischee geworden, aber es ist die vielleicht beste Meditation über die Umrisse eines richtigen Lebens im falschen, die das 21. Jahrhundert hervorgebracht hat.

„Die wirklich wichtige Freiheit erfordert Aufmerksamkeit und Offenheit und Disziplin und Mühe und die Empathie, andere Menschen wirklich ernst zu nehmen und Opfer für sie zu bringen, wieder und wieder, auf unendlich verschiedene Weisen, völlig unsexy, Tag für Tag. Das ist echte Freiheit. Die Alternative ist die Gedankenlosigkeit, die Standardeinstellung, die Tretmühle – das ständige Nagen, etwas Unendliches gehabt und verloren zu haben.“

Was DFW skizziert, sind Wegmarken zur Bewusstheit, und von dort zu täglichem Handeln. So gut es geht, und so konsequent, wie es unsere Menschenpflicht vorgibt. Ich glaube nicht, dass unsere kollektive und vernetzte Echtzeit-Erfahrung der Welt diese Wegmarken zerstört, aber sie lenkt unseren Blick ab, und das in alle möglichen Richtungen. Wenn ich meinem Wunsch nach spiritueller Erneuerung einen Rahmen geben müsste, würde ich ihn deshalb über diesen drei Worten aufspannen: Bewusstheit statt Aufmerksamkeit.

(Übersetzung via)

Linux vs. Python (Tech-Kultur)

After Years of Abusive E-mails, the Creator of Linux Steps Aside

Linus Torvalds zieht sich vorläufig zurück, nachdem der New Yorker offenbar eine Geschichte über seinen beleidigenden und krassen Ton auf der Mailingliste der Linux-Kernel-Gruppe im Köcher hatte (was journalistisch wieder einmal zeigt, dass sich schon aus genauem Hinschauen gute Geschichten ergeben können).

Der New Yorker stellt Torvalds den Python-Erfinder und Ex-BDFL Guido van Rossum entgegen, der im Artikel als Gegenmodell erscheint und sich ebenfalls – offensichtlich aus ganz anderen Gründen – zurückgezogen hat (Sidenote: jenseits von Inklusion versuch Python zum Beispiel gerade symbolisch, die Terminologie „Master und Slave“ zu ersetzen).

Ich kann das von außen nur schwer bewerten und Open Source ist natürlich eine eigene Crowd, aber die Symptome von generell wachsender Selbstreflexion in Tech-Organisationen machen mich optimistisch.

Natürlich muss niemand damit rechnen, dass sich an der fundamentalen Ausrichtung der gesamten „Branche“ (und was ist die „Branche“ in einer digitalisierten Welt anyway?) etwas ändert. Aber in einer Zeit, in der sich der Tech als Karikatur  von Werteüberzeugung erscheint und sich zudem der Schwerpunkt zunehmend von den USA Richtung China verlagert, schadet es nicht, der Wachstums- noch eine Nachdenkfunktion vorzuschalten. Die kommenden Monate werden seeeehr interessant, weil Google als Konzern mit starken Prä-2008-Techkultur-Markern vor der China-Entscheidung steht und das sicher heftige Auswirkungen haben wird.

Siehe auch:

IT-Ethik, aber für wen?
Silicon Valley: Wann kommt der Wertewandel? (2016)
Ungleichheit und die Legitimation von VC-Tech (2015)
Tech und seine Kulturen

Post-Lehman und 2020+

A decade after Lehman fell, the global economy is not better. It’s worse

„Einige Ökonomen halten den problematischen Trend niedriger Produktivität und Haushaltseinkommen für die Achillesferse, mit der die Industrienationen in die 2020er Jahre gehen. Dem Trend nach wird die Weltwirtschaft ungefähr 3 bis 3,5 Prozent wachsen, vor einem Jahrzehnt waren es 4 bis 4,5 Prozent. Das Resultat sind langsamere Lohn- und Gewinnsteigerungen, was zu niedrigeren Steuereinnahmen in einer Zeit führt, in denen die Kosten der Schuldenbedienung steigen. Anhaltende Niedrigzinsen blockieren die Möglichkeit der Zentralbanker, die Kreditkosten im Falle eines Abschwungs zu senken; was ihnen bleibt, istdann nicht viel mehr als beruhigende Plattitüden.

Zentralbanken haben vielleicht genügend Spielraum, um eine milde Rezession mit konventionellen Zinssenkungen abzufedern, aber ein stärkerer Abschwung würde mit großer Wahrscheinlichkeit ein weiteres Quantitative Easing benötigen. QE hat nicht mehr die mächtige Wirkung, die es 2008 hatte. Und ohne diese stehen nur Papiersoldaten in der Verteidigungslinie gegen einen weiteren Crash.“

Jenseits aller Debatten über Postwachstum (dessen Übergang ich im gegenwärtigen Systemrahmen für schwierig halte), ist die Logik natürlich entlarvend: Es gäbe genügend Möglichkeiten, die Steuerbasis zu erweitern und Vermögen stärker zu hinzuzuziehen. Aber das erscheint in der gegenwärtigen Mainstream-Denkart (derzeit) unwahrscheinlich, zumal das zumindest teilweise international vernetzt geschehen müsste. Stattdessen lassen sich im Krisenfall weitere Kürzungen in den Sozialsystemen und Privatisierungen absehen. Genau deshalb sind die investitionsschwachen Jahre der schwarzen Null in Deutschland so verschenkt. Ganz abgesehen davon, dass ihr ideologischer Kern in der nächsten Krise mit Sicherheit den Euro sprengen würde.

Siehe auch:

10 Jahre nach dem Crash
Deutschland, Euro-Krise, Griechenland (2015)
GroKo-Sommerbilanz

Probleme @ Change Management (zwei Konzepte)

In den vergangenen Monaten sind mir zwei Konzepte begegnet, die mir helfen, organisatorische Herausforderungen im Change Management besser zu verstehen. Das eine ist von Samo Burja und dreht sich um Bürokratien – also jenen Organisationsformen, die ab einer gewissen Größe fast jedes Unternehmen zu prägen beginnen. Buria unterscheidet zwischen Bürokratien mit „Besitzer“ und solchen, die autonom funktionieren, also nach eigener Logik und unabhängig von der Hierarchie im Organigramm, und deshalb kaum zu reformieren sind (oder in Richtung des nötigen Wandels zu drehen). Der ganze Artikel lohnt sich, hier ein Zitat:

How to Use Bureaucracies

„Beginne bei jeder Organisation mit der Frage, ob es eine Bürokratie ist. Wenn das zutrifft, erwarte von ihr ein höchst stereotypes Verhalten. Sie wird sich neuen Herausforderungen nicht besonders anpassen können und die Dinge außerhalb der vorausgesetzten Ontologie ihrer Büroarbeit und internen Arbeitsteilung nicht akurat bewerten können.

Wenn die Organisation eine Bürokratie ist, können wir fragen: Gehört die Bürokratie jemandem oder wurde sie zurückgelassen? Wenn sie jemandem gehört, kannst Du erwarten, dass eine ausreichend große Herausforderung am Ende dazu führt, dass sie sich reorganisiert. Du wirst dich auch an den Besitzer wenden können, damit er Probleme beseitigt oder eine Form der Kooperation findet, die von der Bürokratie selbst nicht verstanden wird. (…)

Wir finden uns umgeben von einer bürokratisierten Landschaft. Was getan oder nicht getan werden kann, wird von den Organisationen bestimmt, aus der sie sich zusammensetzt. Der ständige Drang talentierter Personen, ihre Macht aufzubauen und mit ungelernten Büro-Mitarbeitern klarzukommen (eine Kategorie, die Ökonomen anerkennen und stärker analysieren sollten) haben die Landschaft mit vielen großen Organisationseinheiten übersät. Einige werden geführt, andere wurden schon lange verlassen. Einige schaffen es weiterhin, lebensnotwendige soziale Funktionen zu erfüllen, andere schleppen sich dahin und machen einem das Leben schwer.“

Das zweite Konzept ist von Arthur L. Stinchcombe zu „Organizational Imprinting“ (organisatorischer Prägung). Zum Nachlesen auf Wikipedia:

Imprinting (Organizational Theory)

Weil ich im Netz keine gute Zusammenfassung gefunden habe, hier kurz meine Beschreibung: Stinchcombe leitet das Verhalten von Unternehmen in verschiedenen Phasen einerseits davon ab, welche Werte, Entscheidungen und Mythen zur Gründungszeit dominiert haben – vereinfacht ausgedrückt eine Prägung wie bei einem Kind (Freud lässt grüßen). Später wurde die Theorie offenbar noch etwas ausgebaut, denn ich habe sie so kennengelernt: Firmen und Organisationen orientieren in ihrem Verhalten an jener Zeit, in der sie am erfolgreichsten waren – zum Beispiel an den Zielen oder an den Strukturen, die damals eingeführt wurden bzw. Träger des Erfolgs waren. All das wird in dem Moment zur Belastung, in dem die Mission sich ändert oder Veränderungen in jenen Abteilungen am notwendigsten sind, die einst Pfeiler des Erfolgs darstellten.

Anders als die Problemdiagnose lässt sich die Lösung nicht so einfach in ein Konzept fassen: Ich kenne aus Firmen-Erzählungen unterschiedliche Herangehensweisen, von Change Agents an Schnittstellen, neuen Zwischen-Hierarchien, firmeninternen Schattennetzwerken bis zu Greenfield-Projekten/-Zukäufen (mit klar festgelegter Strategie über die weitere Integration) oder der völligen Neuplanung der Strukturen.

Ein Knopf, den es zu drücken gilt

 we are not just post-truth, we are post-communication

„Das Problem mit Social Media ist die süchtig machende Konstanz der Impulse. Das Schreiben ist durch eine regelmäßige Abfolge von unregelmäßigen Atemzügen und Irrlichtern ersetzt worden. Kommunikation existiert nicht mehr und daraus folgt, dass es keine Bedingungen gibt, unter denen Wahrheit in irgendeinem bestimmbaren oder umsetzbaren Sinn existiert. Was übrig bleibt ist, dass du sagen kannst, etwas gesehen zu haben. Ich kann einen Knopf drücken und dich wissen lassen, dass ich es auch gesehen habe und dann ist dieser Moment für immer vorbei, sobald er passiert ist. Nichts kann daraus entstehen, weil nichts mehr aus irgendetwas entstehen kann.“

we are post-fiction as well

„Begleitende Kommentare sind nicht unehrlich. Sie sind automatisiert. Niemand vernünftiges kann das Genre mit menschengemachter Prosa vergleichen. Es ‚ehrlich‘ oder ‚unehrlich‘ zu nennen wäre so, als würde man einer Hauspflanze Emotionen zuschreiben. Und doch…so schmerzhaft diese Gegenwartsprosa ist – körperlich, sie tut weh, es tut weh sie zu konsumieren – so wenig sie mich in irgendeiner Weise nährt, ich konsumiere sie weiterhin. Ein beinahe ununterbrochener Strom. Echte, chemische Sucht. Ich muss diese kleinen Stöße und Impulse weiter kriegen. Ich muss dieses kleine Twitter-Herz traktieren, meiner Stimme auf unbedeutende, traurige Art Gehör verschaffen. Ich muss.“

Sommer-Leseliste (und das Scheitern)

Sommer-Leselisten sind in der Regel ein Schwindel. Eine kleine als Kultursignal getarnte Angeberei. Oder ein guter Vorsatz, dem alles mögliche dazwischen kommt. Die Sonne, das Schwimmbad, die Familie, das Smartphone oder der kürzere aktuelle Text, der weniger Eindenken benötigt.

Das ist natürlich auch bei mir so, die Bücher da oben sind sozusagen meine guten Vorsätze gewesen. Edmund Wilsons „To The Finland Station“ zum Beispiel werde ich nie zu Ende lesen, da bin ich mir ziemlich sicher. Nicht, weil es ein schlechtes Buch wäre, sondern weil die Kulturgeschichte des Kommunismus bis zu Lenins Ankunft in St. Petersburg ziemlich viele Umwege nimmt. Dabei hatten sowohl Bill Clinton (als prägendstes Buch seiner jungen Jahre) als auch Mario Vargas Llosa (der dieses Jahr quasi eine Liberalismus-Version vorgelegt hat) heiß davon geschwärmt.

Oder Martin Amis, den ich schon wieder in die Hände der Bücherei gegeben habe. Vielleicht, weil er ein Snob ist und das gerne durchscheinen lässt. Oder, weil ich heulend niedersinke, weil seine stilistische Gewandtheit jeden meiner Sätze wie einen unfreiwilligen Gewaltakt aussehen lässt. Dann ist da Tommy Oranges vielgelobter Roman „There There“, der die Gegenwartskultur der Native Americans wieder sichtbar macht. Den habe ich gelesen, und das durchaus mit Vergnügen – aber mit einer echten Furcht vor einem sich andeutenden Unglück im Plot. Denn schlimme Sachen passieren inzwischen auch so genug. Eigentlich sollte ich nur noch Stifter lesen, wo die Menschen in die Berge gucken und gut ist es.

Armina Cains „Creature“ wiederum schlage ich so selten auf, weil jede der kleinen Geschichten sich nach der ersten Lektüre in Luft aufzulösen scheint, und mit ihr dieses ungewöhnliche und reizvolle Gefühl, das ich beim Lesen empfinde. Also nasche ich nur davon. Fernando Pessoas Opus „The Book of Disquiet“ dagegen öffne ich immer wieder, obwohl ich seine Ehrlichkeit über die Welt und das Menschliche fürchte. Aber ich lese es nicht von vorne nach hinten, sondern zufällig und nur für wenige Minuten. Ron Butlins „The Sound of My Voice“ habe ich bestellt, weil ich eine Werbung für die Neuauflage in einer britischen Zeitschrift sah. Es ist schön dünn und kam passenderweise aus einem schottischen Antiquariat, denn Butlin ist Schotte und die Hauptfigur ein Alkoholiker, der seinen Alltag mit beinahe kafka’schen Augen betrachtet.

Und James Hawes‘ „Die kürzeste deutsche Geschichte“ ist ein Mitbringsel aus dem deutschen Frühsommer, kurz genug, um es bei zwei Gläsern Wein an einem einzigen Nachmittag zu lesen (und durch die offenbar auch von Churchill vertretene These, dass das ehemalige Preußen und sein Junkertum nie zum gewachsenen Deutschland gepasst hat und für alle geschichtlichen Verwerfungen verantwortlich ist, recht aktuell erscheint. Holzschnitt-Geschichtsschreibung, aber unterhaltsam).

Daneben gäbe es noch einige abgebrochene Anfänge (Ted Chiangs Science Fiction) und angefangene Hörbücher (Tony Judts Europa-Geschichte, !50 Stunden!) zu erwähnen oder die Vorfreude auf die Bücher, die im Herbst auf mich warten (Michael Pollans Geschichte psychedelischer Drogen und David Auerbachs Autobiografie). Oder im Regal stehen, ungelesen bis angelesen, bereit für ihren zweiten Akt. Ich habe mir ja angewöhnt, nicht zu Ende gelesene Bücher als gute Freunde zu betrachten: auch ohne näheren Kontakt ist es gut zu wissen, dass sie da sind.

Info: Das Blog macht Spätsommerpause. Bis bald!

Die große Gespreiztheit

The Democratic Coming Apart

David Runciman im Interview über sein Buch „How Democracy Ends“, in dem er unter anderem eine erschlaffte demokratische Kultur im Jahr 2053 skizziert (Achtung, die historische Perspektive ist sehr britisch zentriert):

„Ich glaube, die Demokratie verspricht den Menschen zwei Dinge: Würde (indem sie eine Stimme erhalten) und Resultate. Sie verspricht, Probleme zu lösen. Ich denke, diese beiden Sachen werden sich in der Demokratie zukünftig weiter und weiter voneinander entfernen. Es wird in dieser Welt Problemlösungen geben, aber sie werden nicht durch die Äußerung der Stimme erreicht, wofür eigentlich Wahlen da sind.
In mancher Hinsicht erleben wir gerade eine Phase, in der die Möglichkeiten der Stimmäußerung nicht zwangsläufig für Würde und Anerkennung da ist. Digitale Technologie verspricht mehr Problemlösung und eine lautere Stimme, aber es verspricht nicht unbedingt eine größere Verbindung zwischen beidem. Meine Beschreibung des Jahres 2053 dient teilweise als Hintergrund für eine Welt, in der beides immer weiter voneinander weg ist: es gibt zahlreiche, unabhängige Kandidaten, Popstar-Kandidaten, und sie verwenden Technologie für neue innovative Wahlkampf-Formen. Vielleicht gibt es auch mehr Problemlösungen, aber das passiert nicht durch diesen Prozess.
(…)
Wenn wir das Spiel historischer Analogien spielen und eine Zeit auswählen sollen, dann wären die 1890er ein viel besserer Leitfaden für die Gegenwart als die 1930er. Das Jahrzehnt nach 1890 war eine große Dekade des Populismus, der Ungleichheit und der technischen Revolution. Genauso wie es viele Verschwörungstheorien und Frieden gab – vor allen Dingen war es das Ende einer relativ langen Friedenszeit. Ich glaube, dass Populismus ein Produkt des Friedens ist, nicht des Kriegs.
Es gibt eine hoffnungsvolle Version der Geschichte der 1890er. Die führt in das frühe 20. Jahrhundert, wo im Grunde die Sozialdemokratie in Europa erfunden und in den Vereinigten Staaten alle möglichen progressiven Politikideen umgesetzt wurden, inklusive der Entflechtung von Monopolen. Ich schreibe in meinem Buch viel darüber, was wir lernen könnten und ich glaube es gibt ähnliche Voraussetzungen um zu erwarten, dass wir etwas Ähnliches tun werden.“

Wem gehört das Wetter?

Volkswagen accused of ruining Mexican crops with weather-altering ‚hail cannons‘

„Volkswagen wird beschuldigt, Ackerpflanzen in der Nähe einer seiner Fabriken in Mexiko ruiniert zu haben, indem es Technologien zur Veränderung des Wetters eingesetzt hat. Örtliche Gruppen haben den deutschen Autobauer beschuldigt, mit dem Einsatz von Hagelkanonen eine Trockenheit ausgelöst zu haben. Die Kanonen schießen mit Überschall in die Luft, um die Bildung von Hagel zu verhindern. Die Geräte werden genutzt, um die auf dem Fabrikgelände abgestellten Autos vor Dellen durch Hagelkörner zu schützen. Nach den Beschwerden hat Volkswagen angekündigt, den Einsatz der Kanonen in seiner Fabrik in Puebla zu reduzieren.“