Schwimmen, aber worin

The Communal Mind

Patricia Lockwood mit einem Essay über ihre Reisen durch das Internet. Essay trifft es nur insoweit, wie Naked Lunch ohne Protagonisten ein Essay sein könnte.

„Warum schrieben wir jetzt alle so? Weil eine neue Art von Verbindung zustande kommen musste – und Blinzeln, Synapse, ein kleiner Raum dazwischen war die einzige Möglichkeit, das zu schaffen. Oder weil, und das machte mehr Angst, das Portal es war, das so schrieb.

Sogar ein Schwall ernst formulierter Artikel mit dem Titel ‚Rate mal: Tech hat ein Ethikproblem‘ sorgte nicht dafür, dass Tech das Ethikproblem verkleinerte. Oh Mann. Wenn DAS es nicht schaffte, was dann?

Wir machten uns zunehmend Sorgen wegen dieses neuen Sinns für Humor. Anders als der alte Humor, der sich vor allem darum drehte, warum Schwarze und Weiße unterschiedlich Auto fuhren. War dieser neue Sinn für Humor nicht etwas beliebig? Die lustigste Sache war jetzt offensichtlich eine Werbeparodie über ein Produkt, das niemals existieren könnte. Und wie sollten wir darüber lachen können, wenn der Gedanke an ein Produkt, das nicht existieren kann, uns so unglücklich machte?“

Der Auszug wird der Gesamtheit nicht gerecht. Respekt an die London Review of Books. Auch so lässt sich eine Perspektive auf das Internet entwickeln. Vielleicht ist es die einzige Art, eine Perspektive auf das Internet zu entwickeln.

Warum so ängstlich?

Our Age of Anxiety
Gavin Jacobson über Frank Furedis „How Fear Works: Culture of fear in the 21st century“.

„Furedi diagnostiziert die Ursprünge dieser Angst Furedi und setzt sie in historischen Kontext. Dabei zeigt er, dass in der klassischen Welt und bis zur Zwischenkriegszeit Angst als eine moralische Frage betrachtet wurde, die auf Vorstellungen von Gut und Böse beruhte und der in dieser Logik Tugenden wie Courage entgegenwirkten. Die intellektuelle Dominanz der Psychologie seit den 1920ern hat nicht nur zur ‚De-Moralisierung der Angst‘ geführt, sondern auch ‚dabei geholfen, ein Narrativ zu konstruieren, das Angst als unkontrollierbare, autonome und lähmende Kraft darstellte‘.“

Aus der Frage, wie düster es denn wirklich ist/werden könnte, leitet sich auch die Handlungsfähigkeit ab. Oder auch nur das Gefühl, handlungsfähig oder -unfähig zu sein.

Die Idee der Aufklärung war, dass der Mensch sich der Unsicherheit stellen kann und dafür, so die modernere Ableitung daraus, keinen Gott und dessen Hilfe benötigt. Aber das Angst-Meme, ob vor Klimawandel oder Einwanderung, signalisiert eine Regression: eine Überzeugung, nichts tun zu können. Und doch entsteht aus dieser Angst nicht unbedingt Lähmung, sondern eine Re-Kollektivierung. Die politische Rechte ist dabei erfolgreicher als die Progressiven.

Das alles ist sehr widersprüchlich. In meinem Newsletter (ich freue mich über weitere Abonnenten!) hatte ich ja neulich die Frage gestellt, ob Politik unsere neue Religion ist. Aber was für eine Religion wäre das? Eine von Angst getriebene, die eine Apokalypse kennt (progressiv: Klimawandel; konservativ: Kontrollverlust), deren Gott sich aber nur in der Abwendung dieser Apokalypse zu erkennen gibt, weil wir nicht mehr an das Paradies glauben können? Tatsächlich ist ja in seiner herkömmlich-düsteren Auslegung auch im Christentum die Furcht vor der Hölle dominanter als die Vorstellung, einmal nach dem Tod in den Himmel zu kommen.

Grausamer Optimismus

The Best of a Bad Situation

Marco Roth von N+1 über Klimawandel und Anthropozän. „Wir sind Alltagsleugner des Klimawandels in dem Sinn, wie wir auch Alltagsleugner des Todes sind.“ Eine lange Achterbahnfahrt. Hier noch ein Auszug:

„Es ist eine Tragödie im postmodernen Sinn, in der die Tragik nicht dort liegt, wo Hegel dachte – im Konflikt zwischen zwei identisch gewichteten Sachverhalten, zwei gleichermaßen stichhaltigen Forderungen, die nur im nächsten Zeitalter oder Paradigma aufgelöst werden können. Vielmehr liegt sie in einem Kampf zwischen sinnlosen Sehnsüchten und verschiedenen Sets menschlicher Beschränktheiten.

Das existentielle Problem des nuklearen Zeitalters, und nun des Klimawandels, ist eine Abwandlung von dem, was Lauren Berlant grausamen Optimismus nennt: Die Instinkte und Gewohnheiten, die einmal unserem Überleben und Gedeihen dienten, wirken nun auf unsere Zerstörung hin – und enthüllen sich in vieler Hinsicht als etwas, das schon immer in diese Richtung gewirkt hat. So fühlt sich Aussterben von innen an.“

Freundschaftsreste

Facebook: Where Friendships Go to Never Quite Die

Julie Beck mit dem Stück zu „15 Jahre Facebook“, das ich mit Gewinn gelesen habe.

„Die Seite hat eine völlig neue Kategorie von Beziehung hervorgebracht, eine Kategorie, die den Großteil der menschlichen Geschichte einfach nicht hätte existieren können: Die Überbleibsel-Freundschaft. Es ist eine Freundschaft, von der du dich weg entwickelt hast, die normalerweise langsam verklungen wäre, aber die dank Facebook stattdessen immer noch herumhängt. Zugang zu diesem Netzwerk von Menschen zu haben, die du einst kanntest, kann erfreulich sein – ein Kuriositätenkabinett von Erinnerungen. Oder auch nerven: Wenn diese schönen Erinnerungen von den neuen Postings eines alten Freundes verdorben werden. Oder hilfreich, wenn du eine große Gruppe nach Informationen fragen möchtest. Aber sie ist vor allem: neu und ungewöhnlich.“

Facebook (also die blaue App) ist das private Adressbuch des 21. Jahrhunderts. Mit der Möglichkeit, alle kurz anzufunken, ohne dass es persönlich wird. Und wie wir nur selten einen einzelnen Menschen aus unserem Notizbuch nach Jahren anrufen, ohne einen Grund zu haben, gibt es auch auf Facebook Konventionen, die eine Auffrischung solcher Beziehungen verhindern.

Das Stück untersucht solche Konventionen, die Unterschiede in der Tiefe der Freundschaft (unter anderem gilt die Faustregel: je mehr Kommunikationswege, desto enger) und die Vorteile und Nebenwirkungen. Das Fazit:

„[Facebook] gibt dir Kräfte, die bislang kein Mensch hatte: Du kannst mit nur einem Klick eine Versammlung aus allen Menschen einberufen, die du jemals getroffen hast, und sie um Rat in allen großen wie kleinen Dingen fragen. Aber als Gegenleistung musst Du die leeren Hüllen dieser Beziehungen betrachten, wann auch immer du dich einloggst.“

Allerdings beides nur, wenn der Algorithmus es will.

Radikal kompliziert

Finding the Future in Radical Rural America

Elizabeth Catte über die Appalachen, die ja gerne als Proto-Trump-Region porträtiert werden:

„Wir behalten immer noch die Narrative bei, die so hart daran gearbeitet haben, den Zustand des Landes zu vereinfachen und genaue Linien zu ziehen: blaue Städte, rote ländliche Gegenden, ein paar Wechselwähler-Vororte. ‚In einer Zeit politischen Tumults sehnen wir uns nach schnellen Sicherheiten‘, schrieb die Soziologin Arlie Russell Hochschild in ihrem Buch ‚Strangers in Their Own Land‘ (2016). Und wirklich, das größte Geschenk, das sich immer weiter verschenkt, hat die Linke der politischen Rechten seit 2016 nicht mit ein paar überzeugten Sozialisten gemacht, sondern mit dem Mythos, das Trump-Wähler unerforscht und monolithisch sind. (…) Ländliche Orte werden oft als Orte der Abwesenheit imaginiert, von farbigen Menschen über moderne Annehmlichkeiten bis zu radikalen Politikideen. Die Wahrheit ist wie üblich komplizierter.“

Sie erzählt dann von der Gewerkschaftstradition und dem progressiven Aktivismus, der dort heute noch vereinzelt zu erleben ist, zum Beispiel im Bildungswesen. Wenn es um die Wahl „Geld oder Menschen“ geht, wird immer noch die Frage gestellt: Auf welcher Seite stehst du? Diese Nuancen aber verschwinden oft hinter dem Klischee, alle werden in die armselige bis reaktionäre Schublade gesteckt.

Ähnliches habe ich in meiner Zeit im Süden erlebt: An den Küsten verdächtigen viele Zeitgenossen die weißen Southerner erst einmal, sämtlich rassistisch zu sein und blickt auf sie herab. Aber auch die Afroamerikaner werden von Afroamerikanern anderswo oft mit hochgezogenen Augenbrauen betrachtet: Warum leben sie immer noch im Landstrich der ehemaligen Sklaverei und sind nicht wie so viele andere nach Norden oder Westen gezogen? Ziel solcher Vorurteile zu sein verbindet Schwarz und Weiß und bindet an ihre Heimat.

Ob in Louisiana, West Virginia, Texas, Oregon oder Kansas: Die Regionalgeschichte ist zu facettenreich, die Kämpfe waren zu hart, um einfach nur Schubladen aufzumachen und zu glauben, man könne eine Region auf gegenwärtige Klischees schrumpfen, dort verstauen und ihr oder ihren Bewohnern damit gerecht werden.

Das Veto der Oligarchen

The audacity of America’s oligarchy

„Die Demokraten sind gewarnt: Wenn sie nächstes Jahr einen Pro-Steuer-Kandidaten wählen, um gegen Donald Trump abzulösen, wird vermutlich ein Milliardär als Spielverderber antreten. Ob der ehemalige Starbucks-Chef Howard Schultz oder jemand anderes, ist zweitrangig. Jeder Drittparteien-Plutokrat hätte die Mittel, den Demokraten die notwendigen Stimmen abzunehmen, um Mr. Trumps Wiederwahl zu ermöglichen. Der Rückschluss ist klar: Ein großer Teil der amerikanischen Plutokratie würde eine zweite Trump-Amtszeit riskieren, damit ihre Steuern niedrig bleiben.“

Das schreibt nicht ein Linker auf Jacobin, sondern Edward Luce von der Financial Times. Ich verwende in Texten über die USA bereits länger analog zu Russland das Wort „Oligarchen“. Nicht aus ideologischen Gründen, sondern weil das Wort die realen Verhältnisse am besten wiedergibt.

Batman, Gesetzesbrecher

Anwälte gehören zu den unbeliebtesten Personengruppen in den USA. Zumindest ist das mein Eindruck („He’s such a lawyer“ ist kein Kompliment). Was die Juristen aber nicht davon abhält (oder vielmehr dazu nötigt), extrem viel Werbung zu machen. Auf riesigen Plakaten entlang von Freeways, auf Social Media und im Lokalfernsehen. „Better Call Saul“ ist noch einer der seriöseren Kampagnen.

Im Zeitalter der Viralität aber muss natürlich alles eine Stufe interessanter sein. Der Anwalt Ed Herman aus St. Louis nimmt sich der Sache an und versucht herauszufinden, wie viele Gesetze Batman gebrochen hat.

(via)

All Under Heaven (天下)

Liefert das Technoide in unserer Gegenwart Rückschlüsse darauf, wie sich das Technoide in der Zukunft manifestieren wird? Wer zu Beginn des 19. Jahrhunderts lebte, war wahrscheinlich von der Erfindung der Gaslaterne beeindruckt. Aber konnte er daraus die Glühbirne ableiten oder ein Hintergrundlicht, das bewegende Bilder und Text auf einen elektrisierten Schirm strahlte? Und dennoch existierte schon damals die Laterna Magica, und das als Massenmedium.

Worauf ich hinaus will: Unsere Vorstellungen der Zukunft sind bruchstückhaft, weil wir nie wissen, welche Elemente sich verwandeln, was verschwindet und welche Prinzipien bleiben. Die Zukunft ist ein zufälliger Bricoleur. Und so landen wir häufig im Klischee. Das Technoide wird zum Beispiel oft mit einer Fremdheit zum Mensch-sein kombiniert, ein altes SciFi-Meme. In dem Video, das der Digitalkünstler Rick Farin für den Designer Xander Zhou gemacht hat, schwingt das ebenfalls mit (beinahe zum Lachen). Doch da ist auch etwas anderes: Menschlichkeit als zentrales Element. Keine Post-Apokalypse, nicht mal eine Apokalypse, wie Farin im Interview erzählt. Wie es im Video heißt: „The stakes were high, staying human.“ Und das alles in einem Video für relativ herkömmliche Mode. Seltsam.

Marktdesign und Augäpfel

The Art of Eyeball Harvesting

Das Logic-Magazin hat mit dem Verhaltensökonom (und Enkel des Staatsgründers von Singapur, es ist kompliziert) Shengwu Li über Marktdesign gesprochen. Konkret geht es um die Werbe-Anzeigenmärkte, in diesem Falle Google, Facebook und sonstige programmatische Werbung. Ich glaube, das ist einer der hilfreichsten Texte für einen Eindruck, wie viele Mittelscomputer die Datenpakete aus einem Cookie anfassen oder warum Facebook einen Mittelsmaschinen-Vorteil hat. In digitalisierten Umfeldern dürfte Marktdesign auch eines der wichtigsten Werkzeuge sein, um „Unwucht via Software“ zu korrigieren (oder auch zu schaffen). Irgendwie ist das ziemlich weit weg von unserer eindimensionalen Markt-Vorstellung oder den Moraldebatten über Tech-Firmen, aber wir lernen ja.