Was Schmerz bedeutet

The Crisis of Intimacy in the Age of Digital Connectivity

Zur Wochenendlektüre empfohlen: Stephen Marche ohne Klischees über Intimität und Vernetzung. Der Ausschnitt ist nur ein Bruchteil vieler sortierender, fantastischer Gedanken.

„Der grundlegende Widerspruch ist so einfach wie zum Verzweifeln: das Teilen persönlicher Erfahrungen war nie verbreiteter, während Empathie – die Fähigkeit, die Bedeutung der persönlichen Erfahrung eines anderen Menschen zu erkennen – nie seltener war. In Philosophische Untersuchungen hat Wittgenstein genau dieses Problem angesprochen, die Bedeutung von Intimität und die Intimität von Bedeutung. ‚Das Wesentliche am privaten Erlebnis ist eigentlich nicht, daß Jeder sein eigenes Exemplar besitzt, sondern daß keiner weiß, ob der Andere auch dies hat, oder etwas anderes‘, schrieb er. ‚Es wäre also die Annahme möglich – obwohl nicht verifizierbar – ein Teil der Menschheit habe eine Rotempfindung, ein anderer Teil eine andere.‘ Wittgenstein glaubte, dass das unverifizierbar sei, aber das Internet hat es verifiziert: Ist das Kleid blau oder golden? Hörst du Yanny oder Laurel?“ (…)

Die einsetzende politische Katastrophe in den USA kann in einem Ausdruck beschrieben werden: Niemand glaubt, dass der Schmerz des anderen echt ist. Niemand glaubt, dass der Schmerz des anderen bedeutsam ist. Niemand erkennt den Schmerz des anderen. Das ist das Kernproblem der im Internet provozierten Empörung und Abscheu, der Hyperparteilichkeit, die so viele Rädchen in Bewegung setzt. Niemand ist willens zu akzeptieren, wie der andere seine Gefühle beschreibt. Die Welt der digitalen Konnektivität ist ein Haufen von Käfern in einem Haufen von Schachteln, die mit Drähten verbunden sind.“

Medien-Neigungen

Our cult of personality is leaving real life in the shade

George Monbiot über den Scheinwerferlicht-Effekt, also die Personalisierung komplexer Themen (und damit einhergehend ein Fokus auf öffentliche Persönlichkeiten). Der Artikel erschien vor der ganzen Atemlosigkeit rund um „Kanye goes to Washington“ und „Taylor Swift gibt Wahlempfehlung ab“.

„Welche Menschen würde man am ehesten in Interviews von Zeitungen erwarten? Diejenigen, die am meisten zu sagen haben vielleicht, oder die mit den erlebnisreichsten und seltsamsten Erfahrungen? Das könnten Philosophen sein, oder Ermittler, oder Ärzte, die in Kriegszonen arbeiten? Flüchtlinge, Polarwissenschaftler, Straßenkinder, Feuerwehrmänner, Base-Jumper, Aktivisten, Autoren oder Freitaucher? Nein. Es sind Schauspieler. Ich habe keine empirische Studie durchgeführt, aber ich würde schätzen, das irgendwas zwischen einem Drittel und der Hälfte aller großen Interviews in Zeitungen Menschen im Mittelpunkt hat, die ihren Lebensunterhalt damit verdienen, die Persönlichkeit von jemand anderem anzunehmen und die Worte zu sprechen, die jemand anderes sich ausgedacht hat.

Das ist ein derart bizarres Phänomen, dass wir es sicherlich verblüffend finden würden, hätte es sich nicht nach und nach entwickelt. Aber es erscheint mir die Funktion der Medien zu symbolisieren. Das Problem geht tiefer als ‚Fake News‘. Was es anbietet, sind Nachrichten über eine falsche Welt. (…)

Der Mangel der Medien an Einfallsreichtum und Perspektive ist nicht nur ermüdend. Er ist gefährlich. Es gibt eine besondere Art von Politik, die völlig um Persönlichkeiten herum gebaut ist. Eine Politik, in der Substanz, Evidenz und Analyse mit Symbolen, Slogans und Sinneseindrücken ersetzt wurden. Man nennt sie Faschismus. Wenn du politische Narrative um die Psychodramen von Politikern herum konstruierst, auch wenn sie dich nicht dazu auffordern, dann machst du den Weg frei für diejenigen, die dieses Spiel effektiver spielen können.“

 The problem with real news – and what we can do about it

Rob Wijnberg von De Correspondent, das jetzt auch in die USA expandiert:

„Das Problem sind nicht liberale Neigungen, sondern die Neigungen zum gegenwärtig Passierenden. (…)

Nach fast allen großen gesellschaftlichen Schocks, von Massenvernichtungswaffen über die Finanzkrise über Brexit bis zu Trump, stellen Menschen in den Nachrichtenmedien die stets gleiche Frage: Warum haben wir das nicht kommen sehen?

Die übliche Antwort lautet: ideologische Voreingenommenheit. Journalisten sind ‚zu links‘ oder ‚zu liberal‘ und so wollen sie nicht wahrnehmen, was wirklich passiert. Ich glaube, es gibt eine bessere Antwort. Die Nachrichtenmedien haben die falsche Definition von Nachrichten.

Lehman Brothers pleite, Großbritannien steigt aus der EU aus, Trumps Wahl sind wirklich spektakuläre, außergewöhnliche Ereignisse. Aber sie sind auch das Resultat von langsamen, unauffälligen systemischen Trends. Von Phänomenen, die nicht heute passieren, sondern jeden Tag – und deshalb niemals einen Aufhänger entwickeln, der sie als ‚Nachricht‘ verkaufbar macht. Phänomene, die auch zu alltäglich sind, um sensationelle Überschriften oder Klicks zu generieren.“

Routinehafte Personalisierung von Themen und eine Priorisierung dessen, was gerade passiert: Beides sind prädigitale Trends, die im reizabhängigen Umfeld der Micro Moments (siehe: unterbrechende Medien) aber natürlich bestens funktionieren und deshalb oft übernommen bzw. beibehalten worden sind. Beides hat auch seine Berechtigung, allerdings bis zu einem gewissen Grad. Der exzessive Fokus darauf signalisiert Denkfaulheit: Die Themen-Personalisierung setzt oft voraus, dass Leser gar kein Interesse an komplexen Sachverhalten haben. Die Gegenwarts-Fixierung fußt auf einem Medienmodell, das als Kernaufgabe immer noch den Transport von Nachrichten wahrnimmt, sich also am 20. Jahrhundert orientiert.

Erkenntnisse wie oben sind keine weltfremde Medienkritik, sondern auch von strategischer Relevanz. Das Mediengeschäft hängt, zumindest für die entsprechend positionierten Marken, eng mit dem moralischen Verständnis der eigenen Aufgabe zusammen – und mit der Wahrnehmung des Kunden, ob eine Marke dieser Aufgabe gerecht wird. Von außen betrachtet scheint mir das langsam als Paradigma auch in Deutschland einzusickern.

In den USA hat neben vielen anderen Faktoren auch die neue Konkurrenzsituation dazu beigetragen, dass Kernaufgaben und publizistische Rituale strategisch hinterfragt werden und die Dinge etwas heftiger in Bewegung sind. Ein deutschsprachiges Vox.com und mehr echtes Reporting nach handwerklichen US-Maßstäben bei Vice.de & Buzzfeed.de. Dazu noch drei Correctivs, vier Krautreporter, zwei Republik.chs und von mir aus auch ein paar Einzelkämpfer in spannenden Nischen. Das alles würde sicherlich mehr Dynamik und Ausdifferenzierung in die deutsche Mainstream-Digitalmedienwelt bringen. Dass sie sich aber am Ende ausdifferenzieren wird, steht für mich außer Frage.

Das Problem ist nicht da draußen

This Is Not A Blip

„[Für Viele] im politischen und politiknahen Establishment besteht der Weg aus dieser [Vertrauens-]Rezession darin, den Weg zurück zum Ancien Regíme zu finden. Multilateralisten versuchen das öffentliche Vertrauen in Multilateralität dadurch wieder herzustellen, dass sie weiter Multilateralisten sind. Die Antwort auf schlechte Institutionen sind Institutionen. Die Nöte der globalen liberalen Weltordnung verlangen nicht weniger, sondern mehr von der globalen liberalen Weltordnung. Wir haben die Krankheit diagnostiziert. Und ihre Heilung wird offenbar ihre Ursache sein.

Aber das gegenwärtige politische Klima ist nicht nur ein Wettermuster, das vorbei geht. Das ist nicht nur ‚eine Phase‘, um den Ausdruck sich selbst tröstender homophober Eltern zu gebrauchen. Es handelt sich nicht um eine Verirrung oder ein Zwischenspiel. Politisch, ökonomisch, kulturell haben wir die Grenze von der Trockenheit zur Aridisierung überschritten, von der Krankheit zum Verfall. Das ist keine kleine Abweichung. (…)

Der gegenwärtige Aufstieg des reaktionären Populismus muss im Kontext der Geschichte der liberalen Demokratie betrachtet werden. Am besten versteht man ihn als Kollision zwischen zwei Gruppen und zwei Bereichen, die früher in sicherem Abstand zu einander blieben: der eingekapselte Markt, mit seinen Regeln von Wettbewerb und Imperativen der Anhäufung und Wachstum, und die widerspenstigen Forderungen der Bevölkerung, die von hyperaktiven Informationsübermittlungskanälen der sozialen und digitalen Medien gefüttert werden. Es ist die Rache der Bevölkerung – wie stark der Blip-Denker auch behauptet, dass die Krise des Liberalismus in Wahrheit eine Krise der Demokratie ist.

Statt diese Kollision als das zu sehen, was sie ist – die Freilegung einer folgenreichen Spannung in der liberalen Ordnung, die immer schon da war und nie verschwinden wird – und die Forderungen der Menschen ernst zu nehmen, glaubt der Blip-Denker, den alten Waffenstillstand zwischen Liberalismus und Demokratie zurückbringen zu können. Das Problem ist dort draußen, im Bewusstsein der Öffentlichkeit, nicht in den Institutionen, in die die Öffentlichkeit ‚Vertrauen‘ verloren hat. Der Blip-Denker glabt, dass die Bevölkerung sich verändern muss, nicht die Welt.“

Wütende Artikel wie diese sind… gut! Progressive laufen Gefahr, im Wunsch nach der unmöglichen Rückkehr zur Normalität zu blinden Verteidigern des Status Quo zu werden – oder bestenfalls im Macron’schen Modus des „Yuppie-Populismus“ (Zitat Pankaj Mishra) die Lösung zu sehen, die doch im Kern nichts anderes als eine weitere Auflage jenes „Dritten Wegs“ ist: PR-technisch oft versiert, intellektuell abgewirtschaftet und ohne größeren Nachweis, die Probleme des 21. Jahrhunderts ernsthaft lösen zu können oder wollen.

Wenn ich die Geschichte der kapitalistischen Zivilisation wie Jason Moore aber als „Aneignung von menschlichen und außermenschlichen Naturen“ betrachte (genauer: vier Naturen, „four cheaps“ -Nahrungsmittel, Arbeitskraft, Energie und Rohstoffe), dann liegt der Schluss nahe, dass der weitere Weg – also eine fortgesetzte Aneignung/Akkumulation unter den bereits beschleunigten Bedingungen – zivilisatorischer Selbstmord wäre, weil wir am Limit sind. Veränderung wäre also das Los der Stunde, doch die Progressiven und der verbliebene Rest links der Mitte scheuen sich, ohne die beiden Wörter „aber schrittweise“ überhaupt vor die Bürger zu treten. Doch was sich als Vernunft kleidet, könnte sich im historischen Rückblick einmal als bloße Feigheit entpuppen.

Siehe auch:
Es wird keine Rückkehr zur Normalität geben (2016)
Der Niedergang des Nationalstaats
 „Liberal“ vs. „nationalistisch“?
Globalismus und das schlafende progressive Lager (2016)
Der theologische Kapitalismus (2009)

Wahlbilanz

Wie mein Heimatdorf gewählt hat (Zweitstimmen):
CSU: 57,6%
SPD: 6,5%
Freie Wähler:  6,5%
Bündnis 90 / Grüne: 5,9%
FDP: 2,3%
Linke: 0,6% (= 1 Stimme)
AfD: 15,3%

Genauer gesagt gehören noch ein kleineres Nachbardorf und ein Weiler zum Einzugsgebiet des Wahllokals. Briefwahl ist nicht dabei, die geht an die „Gemmee“ (a.k.a. Gemeinde).

Kaltfront

20 Grad weniger innerhalb der nächsten 18 Stunden. Das Wetter in Central Texas ist für mich weiterhin eine Obsession, langsam verstehe ich ungefähr, warum die Temperaturen sich so schnell ändern (Luft vom Golf vs. Luft aus Kanada und das ungebremst, da die Gebirge dazwischen von Norden nach Süden verlaufen). Im Winter verstärkt sich das Phänomen und ist als „Texas Norther“ oder auch „Blue Norther“ bekannt, wenn unter dunkelblauem Himmel die Temperatur wie ein Stein in Richtung Gefrierpunkt fällt, um teilweise 14 Grad pro Stunde.

Am 11.11.1911 traf der Great Blue Norther auf den Mittleren Westen und den Norden von Texas, in Springfield (Missouri) wurden am Nachmittag noch 27 Grad Celsius gemessen, um Mitternacht waren es minus 11 Grad. Der Temperatursturz löste als Nebenwirkung auch einige Tornados aus.

Spiral Jetty

Spiral Jetty Robert Smithson

Im Rückspiegel verschwindet die Golden Spike, jener Ort, an dem 1869 die Eisenbahnen aus Osten und Westen erstmals verbunden wurden – ein Moment, der jetzt mehrmals täglich für Touristen nachgestellt wird. Bald schon lassen wir Rattern und Dampf der Loks hinter uns, vor uns nur noch trockene Felsen und eine Menge Staub. Hinter einer Kurve steigt ebenfalls Rauch auf, wenn auch in unregelmäßige Intervallen. Kein Feuer wie sich herausstellt, sondern zwei junge Typen, die mit ihrer AR-15 in die öde Landschaft ballern. Was man so macht an einem heißen Samstagmorgen in Utah.

Der Weg zur Spiral Jetty führt in gewisser Weise über meine Vorstellungskraft hinaus. Vor etlichen Jahren – ich weiß nicht mehr, ob ich Teenager oder schon Student war – hatte ich Fotos von ihr in einem Kunstbuch gesehen. Es muss sich um eine Aufnahme aus der Video-Dokumentation gehandelt haben, denn Schöpfer Robert Smithson ist in meiner Erinnerung von oben zu sehen und springt mit fettem Grinsen auf den Steinen herum. Die Idee, aus Basalt eine geometrische Form irgendwo in einem gottverlassenen See aufzuschütten, sprengte mein Kunstverständnis. Land Art. Alleine der Name klang nach Größenwahn. Und wo sollte ich dieses “Land” verorten, das da zu sehen war? Hätte Smithson sein Werk auf dem Mars platziert, es hätte mir nicht weiter entfernt vorkommen können.

Der Weg zur Spiral Jetty führt zum Großen Salzsee, vor allem aber – wie fast alle Wege in Utah – weg von der Zivilisation. Und auf einen Privatpfad, für den das Auto nicht gemacht ist. Was allerdings an Google Maps liegt. Kein Bewohner des amerikanischen Westens vertraut auf Online-Karten. Wege werden je nach Jahreszeit zu Schlammfallen oder Flüssen, Abkürzungen führen ins Nichts und haben schon manchen desorientierten Autofahrer in der Wüste das Leben gekostet. In unserem Fall kostet der Umweg nur Nerven. Dornbüsche bohren sich in den Lack der Seitentüren und machen fiese Kratzgeräusche. Ein gewagtes Wendemanöver später sind wir zurück auf der Hauptstraße, zwei Tierkadaver und einige Meilen weiter am Rand des Salzsees angelangt.

Als Smithson 1970 die Spirale aufschüttete, war es radikaler Protest (finanziert von einer Milliarden-Erbin freilich). Gegen die drückende Enge des Ateliers, das Museale der bildenden Kunst und den Massenkonsum der Pop Art. Land Art gehört niemandem und damit allen, keiner kann mit ihr Handel treiben. “Die Spirale ist ein spiritualisierter Kreis”, heißt es in Nabokovs Autobiografie. In Smithsons Fall ist sie eine Form, die in geologischen und klimatischen Prozesse der Jahrtausende lebt. “Eine blanke Präsenz, gleichgültig gegenüber dem Wasser, dem sie ausgesetzt ist“, wie einmal die New York Times schrieb. 1970 war auch der erste Earth Day.

Gut zwei Jahrzehnte war die Spirale unter der Wasseroberfläche des Sees verschwunden. Seitdem der Westen 2010 in eine “Mega-Trockenheit” eintrat, ist wiederum das Wasser verschwunden. Steine inmitten von Salzkristallen. Wir müssen nicht auf dem Basalt balancieren, um zum Ende der Spirale zu gelangen, der Weg ist ein Spaziergang am Salzstrand. In der Ferne, sicherlich anderthalb, zwei Kilometer weg, leuchtet rötlich der ständig schrumpfende See. Am Horizont flirrend die Berge. Eine Mondlandschaft mit biblischer Note, passend zu den klimatischen Endzeiten, in denen wir uns bewegen. Moses spaltete das Rote Meer. Aber was, wenn das Meer nicht zurückkehrt?

Smithsons Kinderarzt und Bekannter war, wie der New Yorker einmal notiert hat, der Poet William Carlos Williams. “Keine Ideen, sondern in Dingen” (Paterson). Während wir uns auf den Rückweg machen, verfolgt von Tausenden Fliegen, die sich im Herbst rasend an das Leben klammern, geht mir dieser Satz aus der New York Times nicht mehr aus dem Kopf, den ich am Vorabend gelesen hatte. Nachdem Smithson 1973 in einem Flugzeug tödlich verunglückt war, als er gerade ein neues Land-Objekt im Norden von Texas suchte, würdigte Peter Schjeldahl dessen Arbeit mit einem monumentalen Satz: “Er schuf Fantasien, so echt wie Berge.”

Beide Fotos CC BY-SA, Johannes Kuhn.

Menschengemacht

Final call to save the world from ‚climate catastrophe‘

„‚Wissenschaftler könnten in Großbuchstaben TUT JETZT ETWAS, IDIOTEN schreiben, aber sie müssen das über Fakten und Zahlen sagen‘, sagte Kaisa Kosonen von Greenpeace. (…) ‚Und das haben sie.'“ Die Forscher haben diese Fakten und Zahlen verwendet, um eine Welt mit einem gefährlichen Fieber zu beschreiben, ausgelöst durch Menschen. Wir glaubten, dass die Veränderungen kontrollierbar wären, wenn wir die Erwärmung in diesem Jahrhundert unter 2 Grad halten könnten. Das stimmt nicht mehr. Die neue Studie sagt, dass jenseits von 1,5 Grad alles einem Würfelspiel mit der Bewohnbarkeit unseres Planeten gleicht. Und die 1,5-Grad-‚Leitplanke‘ könnte schon 2030, also in zwölf Jahren, durchbrochen sein. Der Bericht kommt zu dem Schluss, dass harte Entscheidungen nicht länger verzögert werden können. Wenn die Länder der Welt nicht bald handeln, werden sie sich noch mehr auf unerprobte Technologien verlassen müssen, um das Kohlendioxid aus der Luft zu entfernen – ein teurer und unsicherer Weg.“

Aus: Sarah Sentilles – Draw Your Weapons 

„Wir wanderten auf einem Pfad entlang durch die Borstenkiefern hindurch. Wüstenbeifuß und blasse Felsen und der Himmel. Ruhe. Der älteste Baum im Gehölz ist Methuselah [Methusalem] genannt worden, nach Noahs Großvater, von dem die Bibel sagt, dass er kurz vor der Flut starb und der älteste Mensch auf dem Planeten war. Methuselah der Baum ist viel älter als sein menschlicher Namensvetter – 4789 Jahre alt, was bedeutet, dass er auf dem Planeten seit ungefähr 2773 vor Christus gelebt hat.

Methuselah ist nicht gekennzeichnet und hätte jeder Baum sein können, an dem wir vorbeikamen. Ihn zu kennzeichnen, ein Schild mit „DAS IST METHUSELAH, DAS ÄLTESTE BEKANNTE LEBENDE WESEN“ hinzustellen, würde ihn möglichem Schaden aussetzen, stand in einer Broschüre, die ich am Besucherzentrum mitgenommen hatte. Es würde die Menschen verleiten, ihn abzuholzen. Ihre Initialen in den Stamm zu ritzen. Einen Ast abzuschneiden und mit nach Hause zu nehmen. Ihn anzuzünden.

In der Broschüre stand die Geschichte eines Geologen, der Eiszeit-Frostsysteme erforschte und ein Team mitnahm, um die Borstenkiefern zu untersuchen. Er wollte genau wissen, wie alt sie sind, um eine Kaltzeit-Zeitleiste zu entwickeln. Er hatte ein Kernbohr-Werkzeug dabei, einen Bohrer. Er bohrte in einige der Bäume hinein, entnahm einen kleinen Zylinder, zählte die Ringe. Doch dann lief etwas schief: Sein Werkzeug blieb in einer der Borstenkiefern stecken.

Er und sein Team kamen zu dem Schluss, am besten den Baum zu fällen, um das Werkzeug herauszuholen. Sie brauchten das Werkzeug, überlegten sie, und es gab keine Möglichkeit, so weit weg und alleine in der Wildnis an ein anderes zu kommen. Es gibt so viele andere Bäume hier draußen, dachte der Mann. Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass genau dieser Baum mit meinem Werkzeug drin der älteste ist?

Er ordnete an, den Baum zu fällen.

Er war mehr als fünftausend Jahre alt. Bereits 500 Jahre alt, als die Pyramiden in Ägypten gebaut wurden. 3000 Jahre alt, als Jesus auf der Erde umher wanderte. Die älteste Borstenkiefer. Das älteste lebende Wesen. Und dieser Wissenschaftler tötete es.“

Wo Gott jetzt lebt

Diary: Meghan O’Gieblyn, On Writing the Midwest

„Wenn ich über Religion schreibe, bestehen die Magazinredakteure oft darauf, die Pew-Studie aus dem Jahr 2014 erwähnen, die den Aufstieg der ‚Nichts-von-dem“ beschreibt – junge Menschen, die keine religiöse Zugehörigkeit beanspruchen. Dabei geht es darum, die allgemeine Vorstellung zu bestätigen, dass Amerika seine abergläubische Vergangenheit hinter sich lässt und standhaft in Richtung Zukunft schreitet.

Vielleicht stimmt das. Aber als jemand, der diesen Weg selber gegangen ist, kann ich versichern, dass solche Lebensreisen selten linear oder unkompliziert sind. William James merkte einmal an, dass ‚die heftigsten Revolutionen in den Überzeugungen eines Menschen das meiste seiner alten Ordnung bestehen lassen.‘ In anderen Worten: Sogar wenn jemand äußerlich eine lange gehegte Überzeugung anprangert, bleibt die Architektur der Idee erhalten und kann von anderen Dingen bewohnt werden.

Das gilt für Kulturen wie für den Einzelnen; unsere zunehmend säkulare Landschaft ist auf viele Arten immer noch vom Erbe des Christentums geprägt. Die Bezeugung dauert fort in den Räumen des Zwölf-Schritte-Programms und im zeitgenössischen Schreiben über Mutterschaft, die oft die Form eines Bekehrungserlebnisses annimmt. Zugleich lebt die epische Glaubenserzählung der messianischen Erlösung weiter, in den utopischen Visionen des Transhumanismus und dem endlosen Bogen des Fortschritts, den der Liberalismus beschwört.“

Vom Bürgerkrieg

On Civil War
Der von mir häufiger zitierte Adam Kotsko in seinem Blog:

„Seit Reagan haben die Republikaner jeden Bereich der Regierung, den sie jemals kontrolliert haben, als ihr Erbrecht betrachtet. Clinton und Obama waren in ihren Augen unrechtmäßig, weil den Republikanern die Präsidentschaft gehört. Dasselbe gilt, sogar stärker, für den Supreme Court. (…) Du kannst keine auf Parteien aufbauende repräsentative Demokratie haben, wenn eine der Parteien die Legitimität der anderen Partei nicht anerkennt. Die Voraussetzung ist, dass die Macht wechselt und jede Partei das Recht hat, ihre Agenda umzusetzen, während sie die Macht hat. Republikaner lehnen diesen Grundsatz ab. Für sie ist jeder demokratische Präsident, jede demokratische Kongressmehrheit eine absolute Notsituation. Nur noch wenige Republikaner sind bereit für den traditionellen politischen Kuhhandel, wenn ihre Partei in der Minderheit ist, während viele Demokraten dazu bereit sind. (…)

Wir sind an einem Punkt, an dem die Demokraten – indem sie bei dem System, wie es ist, mitspielen – objektiv gesehen existieren, um den Republikanern prozedurale Deckung zu geben. Und mir ist nicht klar, wie man aus diesem Muster ausbrechen kann, denn der öffentliche Diskurs ist derart systematisch korrupt und falsch. Die Wähler der Republikaner sind derart gehirngewaschen mit der Vorstellung, die Demokraten kontrollierten heimlich alles, dass sie unter dem Strich immun gegen die Idee sind, dass die Republikaner das System manipulieren. Sogar wenn es den Demokraten gelänge, ihrer eigenen Basis klarzumachen, dass die Republikaner illegitim sind, hätten sie keine Möglichkeit, institutionelle Macht auszuüben – und würden damit nur weitere Rechtfertigungen für die republikanische Gewohnheit (die unter Trump verstärkt wurde) bieten, nur für die eigene ‚Basis‘ zu regieren und die Oppositionspartei und öffentliche Meinung zu verachten.

Ich halte wie viele andere den Vorschlag für reizvoll, die Republikaner zu delegitimieren und mit ihnen das gesamte konstitutionelle System. Aber ohne plausible Alternative mit der Inanspruchnahme, den Willen des Volkes durchzusetzen, führt die Deligitimierung des Systems zu einer Situation, in der Gewalt entscheidet – und ich glaube wir wissen alle, wer gewinnen würde, wenn es hart auf hart kommt. Aber es gibt sicherlich einen Punkt, an dem der Versuch einen Bürgerkrieg zu vermeiden, bedeutet, schon vorher den Sieg abzugeben. Vielleicht kommt es gerade schon hart auf hart – aber in diesem Fall ist unklar, wie es weitergehen soll. Ein Wahlsieg ist eine Option, aber die Republikaner haben ihre Basis bereits darauf vorbereitet, die Gültigkeit von Wahlergebnissen abzulehnen.“

Decisive Political Victory is the Only Way to End This Cold Civil War

Leserkommentar im Trumpismus-Überbau-Blog „American Greatness“:

„Wenn die Konservativen gewinnen, werden Schwule weiterhin heiraten dürfen, aber müssen vielleicht über die Straße zu einem säkularen Bäcker, um ihre Hochzeitstorte zu bekommen. Abtreibung wird immer noch legal sein, aber eine Frau muss in einen abtreibungsfreundlichen Bundesstaat reisen, um sie durchzuführen. Und die Antifa kann immer noch protestieren, aber wird das gewaltlos tun müssen oder ins Gefängnis wandern. Das Schlimmste, was passieren könnte, wäre das Ende der Zuschüsse für NPR (ich hoffe fieberhaft darauf).

Wenn die politische Linke gewinnt…nun, die Erwartung wird sein, dass wir uns ihrem Willen beugen oder die Konsequenzen tragen. Verliere deinen Job, deine Schusswaffen, deine Redefreiheit und dein Recht auf Gottesdienst, verliere alles, was dir wichtig ist. Und wenn du einer linken Regierung immer noch #Widerstand leistest, wirst du dein Leben verlieren, wenn sie den Mob schicken, um dich anzuzünden.

So sieht die Sache unverhohlen aus, Leute.“

 

Brasilien, Bolsonaro

 Jair Bolsonaro’s Model Isn’t Berlusconi. It’s Goebbels.

„Er möchte, dass Kriminelle kurzerhand erschossen werden, statt vor Gericht gestellt zu werden. Er präsentiert indigene Menschen als ‚Parasiten‘ und setzt sich für an die Eugenik angelehnte Formen der Geburtenkontrolle ein. Bolsonaro warnt vor der Gefahr durch Flüchtlinge aus Haiti, Afrika und dem Nahen Osten; er nennt sie ‚Abschaum der Menschheit‘ und sich sogar dafür ausgesprochen, dass die Armee sich um sie kümmert.

Er äußert sich regelmäßig rassistisch und frauenfeindlich. Zum Beispiel hat er Afro-Brasilianer beschuldigt, übergewichtig und faul zu sein, er hat Züchtigung von Kindern verteidigt, um diese daran zu hindern, homosexuell zu werden. Er hat Homosexualität und Pädophilie gleichgesetzt und einer Abgeordneten gesagt: ‚Ich würde dich nicht vergewaltigen, weil du es nicht verdienst.‘ (…)

Kürzlich hat Bolsonaro erklärt, eine Wahlniederlage niemals zu akzeptieren und signalisiert, dass die Armee ihm Recht geben könnte. (…) Er hat die Möglichkeit eines Staatsstreichs angedeutet. Er begrüßt das Erbe lateinamerikanischer Dikaturen und ihrer schmutzigen Kriege und ist ein Bewunderer des chilenischen Generals Augusto Pinochet und anderer autoritärer Herrscher. Und wie die argentinischen Generäle der 1970er und Adolf Hitler selbst, sieht Bolsonaro keine Legitimierung der Opposition, die für ihn tyrannische Kräfte repräsentiert. Vergangenen Monate erklärte er, dass seine politischen Gegner, die Mitglieder der Arbeiterpartei, exekutiert werden sollten.“

Bolsonaro in der ersten Runde mit mehr als 45 Prozent. Dunkle Zeiten, fast überall, wohin man blickt. Die deutsche Industrie kann bald beweisen, ob sie etwas aus ihrer Rolle im Lateinamerika der 1970er gelernt hat. Der Verband der brasilianischen Industrie (CNI) hat bei Bolsonaros Auftritt schon einmal heftig geklatscht, nachdem dieser zu verstehen gab, dass die Wirtschaft (wie die gesamte Geld-Elite, die auch seine Basis ist) nichts befürchten muss.

Und noch ein aufschlussreicher Beitrag dazu:

 Brazilian General Election 2018 |OT| Memes are the only instituition operating normally (Beitrag des brasilianischen Nutzers NeonZ im Resetera-Videospielforum)

„Ich habe immer gedacht, dass rechte Kandidaten gewählt werden, wenn sie Hilfe, staatliche Wohlfahrt und sogar Verbesserung der öffentlichen Dienstleistungen versprochen haben, sogar wenn klar war, dass das nicht mehr ihr Ziel ist, sobald sie im Amt sind. Bolsonaros Popularität widerlegt das im Kern völlig. Es scheint, als würden die Menschen glauben, dass gewaltsame Unterdrückung erfolgreich die Gewaltverbrechen eindämmen wird, ohne sie jemals selbst zu treffen – und dass der Staat nur Geld verschwendet (und Korruption begünstigt), wenn er Sozialprogramme auflegt oder Minderheiten schützt.

Ich fühle keinen Frust, wenn dies am Ende das Ergebnis sein sollte. Die Menschen werden die Regierung bekommen, die sie wollen, auch wenn es im Kern etwas ist, das ich schlicht ‚böse‘ nennen würde. Sie werden nicht getäuscht oder hereingelegt.“