in USA

American Hustle

Donald Trump

Meine Gedanken zur US-Wahl fließen noch, doch ich bin ein paar Tage weg vom Schirm und gieße sie hier in die Form. Das hier ist mein Wissen, mein Eindruck, mein Gefühl. Nicht mehr, nicht weniger.

(1) Ich habe mich selten so fremd hier gefühlt wie in dem Moment, als ich am Mittwochmorgen aufwachte. Ich glaube, vielen Amerikanern geht es auch so.
(2) Etwas ändert sich gerade und es ist schwer zu sagen, was in meinem Kopf ist und was im kollektiven Bewusstsein. Demokraten hier sind am Boden, Studenten demonstrieren. Es liegt ein Gefühl der Unsicherheit in der Luft, das schwer zu beschreiben ist. Die Frage, was passiert hier?
(3) Mein persönlicher Tiefpunkt: Ich habe mich am Donnerstag dabei erwischt, beim Late-Show-Gucken die Kurzbio von Heinz Rühmann nachzuschlagen. Es lief gerade Jimmy Fallon.
(4) Ich habe den Luxus, beruflich mit Menschen aller Hintergründe und Hautfarben zu tun haben zu dürfen und habe im Bekanntenkreis Demokraten und Republikaner. Ich lebe im Süden und verstehe glaube ich die konservative amerikanische Weltsicht, auch wenn ich vieles davon nicht teile. Aber natürlich lebe ich in einer Blase, dem Außenseitertum des Ausländers. Die Übernahme vieler Gehirne durch Fox News, Talk Radio und jetzt Alt-Right-Medien ist das eine, aber es gibt auch vernünftige Menschen. Die nichts zu verlieren hatten, weil sie auf einem sicheren Wohlstandsniveau angekommen sind. Aber für die Obamacare oder die Aussicht auf den Aufstieg von Minderheiten offenbar genug war, um das amerikanische Leben als Nullsummenspiel zu begreifen, in dem sie nicht zu kurz kommen dürfen. Die dafür bereit sind, die Institutionen beschädigt zurückzulassen und einen unerfahrenen Hustler ins Weiße Haus zu schicken. Das ist ein großer Aspekt des amerikanischen Individualismus, und ich hatte ihn naiverweise unterschätzt. Aber: Das ist das Recht der Wähler und ich bin nur zu Gast. Und: Wählen Deutsche altruistisch?
(5) Es wird hart für Minderheiten, und das ist für mich die bitterste Konsequenz, weil das jedem reflektierenden Weißen klar war, ökonomisch auch teilweise direkt gewünscht. Braune, schwarze, muslimische Menschen, aber auch Juden werden jetzt von den Hardlinern der Trump-Bewegung ins Visier genommen, die ersten drei Gruppen werden an vielen Orten institutionalisiert Probleme bekommen. Dieses Misstrauen ist in der Welt und der künftige Präsident kennt Rassismus nur als Instrument, nicht als Problem. Und ich fürchte er wird davon Gebrauch machen, im verschärften Maße, wenn sein Kredit jenseits der Hardcore-Basis schwindet. Und er wird es mit der Hundepfeife tun. Ein Nullsummenspiel unter den Vorzeichen ethnischer Identität – wenn das die Zukunft ist, wird es ungemütlich.
(7) Natürlich wäre vieles leichter gewesen, hätten die Demokraten jemand anderen aufgestellt. Aber Hillary Clinton hat die Mehrheit der Stimmen erhalten. Trotzdem gibt es Lehren: Die Sozialdemokratie hat von Bill Clinton gelernt, den Kapitalismus zu lieben. Jetzt sollte sie von der Niederlage Hillary Clintons lernen, dass der Konsens mit den herrschenden Wirtschaftsverhältnissen aufgekündigt werden muss.
(8) Re: Die Machtfrage. Joel Hirst  hat den Kernkonflikt gut beschrieben: “Those who lose these periodic contests cry – but the tears are not for the contest, not really. They are in fact mourning the murder of our 10th Amendment, though they don’t know it. Limited government – those who win don’t understand the point. Don’t see it as important. Oh, but when you lose, it hits you. The use of government as a tool for social engineering becomes scary when it is wielded by your ‘enemies’. A club with which to beat our foes into submission is fine, when we wield the club! But if they get it…? And then we wonder why the fight over the greatest of all clubs is contentious?”
(9) Eine zarte Hoffnung ist, dass Trump wirklich als Außenseiter bestimmte Dinge anders und besser machen kann, ein Pragmatiker sein wird. Es ist die Hoffnung, dass das Amt einen Menschen wachsen lässt. Nicht viel in seinem bisher enthüllten Charakter oder seinem Lebensverlauf deutet darauf hin. Trump interessierte Politik im engeren Sinne bislang nicht, er ist schon seit langem ein Verkäufer seiner Marke. Der 8. November war sein größter Deal. Aber wir werden sehen.
(10) Meine Prognose (Educated Guess I): Trump wird der Einheizer mit demagogischen Elementen bleiben, doch hinter den Kulissen wird Pence alles leiten. Und wir hatten geglaubt, Cheney sei mächtig gewesen. Pence wird in Washington Entscheidungen treffen, während The Donald in seinem New Yorker Penthouse sitzt oder auf Kundgebungen gegen die Medien hetzt. Trump ist ein politischer Anfänger, sie werden auf ihm wie auf einer Violine spielen, aber ihn interessiert Politik ohnehin nicht, sondern nur die Reaktion auf ihn selbst. Ich nehme an, dass er nach zwei, drei Jahren das Interesse verlieren und zurücktreten wird. Zu viele unangenehme Aufgaben, zu viele Formalitäten, zu viele Proteste.
(11) (Educated Guess II) Die Republikaner werden ihr Ding durchziehen. Am meisten tut es mir für die Natur weh, die hier in den meisten Regionen nie viel mehr als ein kolonialisierbares Stück Land war. Für uns und das Klima, für die Menschen, die für das Wahlergebnis bezahlen werden, ohne es zu verantworten zu haben. Der amerikanische Kapitalismus ist längst the big American Fraud. Es werden noch mehr Geld aus den Menschen und Ressourcen aus der Natur gepresst, und wer arm ist oder untere Mittelschicht, wird es merken. Big Oil, Big Coal, Big Pharma, Big Insurance, Big Banks reiben sich die Hände. Oh, Trump hatte etwas anderes versprochen? Überraschung… (für Widerspruch, siehe 9)
(12) Aktuell mache ich mir wegen der Folgen für den Supreme Court und die Spionage-Behörden Sorgen. Mittelfristig viel stärker beschäftigt mich die völlige Dezentralisierung und damit die Umstellung des Lehrplans auf politisch genehme Ideen in vielen Gegenden. Das ist der Kampf um die Köpfe von morgen. Nichts macht mich pessimistischer für dieses Land als die Perspektive für Bildung (und die Wissenschaft, btw).
(13) American Fascism? Ich glaube, die Institutionen sind stark genug. Die Wähler sind ein Korrektiv, in beide Richtungen. Das ist Demokratie. Aber es gibt keine Gewissheiten mehr, es gibt keine Karte für das Gebiet, auf das wir uns nun bewegen. Himmel, es gibt für einen Teil der Bevölkerung nicht mal mehr Fakten. Hier in den USA wird es ein doppeltes Spiel, mit politischen Signalen, Wahrheiten, Stimmungen. Es wird Versuche geben, Proteste zu delegitimieren und als Krawall darzustellen. Es gibt die Gefahr eines amerikanischen Faschismus (oder besser Autoritarismus), der von einem Großteil der Bevölkerung nicht als solcher erkannt wird, weil die negativen Auswirkungen sie nicht betreffen. Es ist aber nicht das wahrscheinlichste Szenario, glaube ich.
(14) Es gab es immer die Buchanans, Hardings, Bush IIs. Präsidenten, die Schaden anrichteten, aber am Ende verschwanden oder abgewählt wurden. Aber dies ist eine Zeit der Veränderung. Es wird ein Test für alle Institutionen, die schwächste davon die freie Presse.
(15) Re: US-Medien. Ganz ehrlich: Es wird hart. Der Umgang mit Trump ist ein Test zur falschen Zeit, der Wahlkampf ist noch nicht aufgearbeitet. Es braucht nur noch ein paar Handgriffe, um die Pressefreiheit verschwinden zu lassen, ohne gegen die Verfassung zu verstoßen. Das fehlende Geschäftsmodell, Einschüchterungen, Realitätswirrwarr, Mega-Klagen. Diejenigen, die überleben, brauchen unsere Unterstützung.
(16) Natürlich habe ich Fehler gemacht. Zu viel Trump als Phänomen wahrscheinlich, im Kontext der Aufmerksamkeitsökonomie (oder ware wir Journalisten naiv zu glauben, dass Worte Bedeutung haben). Zu wenig die komplexen ethnischen Verhältnisse erklärt. Ich habe versucht, Klischees über Amerikaner zu vermeiden und war glaube ich fair, aber nicht naiv. Wir hatten auch Policy, vielleicht zu wenig, aber einem ausländischen Publikum angemessen.  Das Trump-Wahlprogramm wollten die Menschen erst am Mittwoch lesen, btw. Die Liste wird nächste Woche sicher anders aussehen.
(17) Social Media ist angeschlagen, aber vielleicht anders, als wir denken: Ich habe mehrmals persönlich und imTalk Radio das konservative Narrativ vom “manipulierten Facebook-Feed” gehört, noch kurz vor der Wahl. Das Thema ist nur aufgeschoben. Alles ist ein neues Spiel jetzt, auch Tech, und das über die USA hinaus. Persönlich: Wenn ich könnte, würde ich Social Media drosseln. Das war schon vor der Wahl so. Es bereichert mein Leben nicht mehr so sehr, wie es mir emotional schadet und Zeit frisst.
(17) Was Deutschland lernen kann? Redet miteinander, auch wenn Eure Freunde andere politische Meinungen haben. Respektiert das Landleben, respektiert das Anderssein, seht den Menschen, bleibt den Tatsachen treu. Glaubt nicht, dass liberaler Fortschritt ein Naturgesetz ist. Arbeitet daran, die Dinge besser zu machen.

Aber was weiß ich schon, ich bin nur ein Deutscher in New Orleans.

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Kommentar

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  1. Lieber Herr Kuhn, das war bis jetzt der ausgeglichenste und fairste Beitrag zur Causa Trump, den ich bisher gelesen habe. Vielen Dank dafür. Und alles Gute für Sie, die Amerikaner undden Rest der Welt.

  2. Ich hab ja – ausser Bloggen – nie viel Social Media gemacht. Aber meinen endgültiger Ausstieg auf den letzte grossen Plattformen hätte ich mit „Es bereichert mein Leben nicht mehr so sehr, wie es mir emotional schadet und Zeit frisst.“ nicht besser beschreiben können. Das nur als Erstes.

    Dann … ich hatte ungefähr zwölft Punkte, an denen ich gerne irgendwie was zu dem geschrieben hätte, was Du oben aufgeschrieben hast, aber dann kommt – wie bei dem ganzen Trump-Ding – immer der Moment in dem man denkt „Ach, nee, irgendwie doch nicht.“ Und darum fasse ich mal zusammen: Als Linker war es für mich nie einfach, irgendwo ausserhalb meines Freundeskreises oder Blogs sowas wie „Politisches Engagement“ zu zeigen, trotz wahrlich nicht fehlender Überzeugungen. Aber die 68er und die eigene Jugend in den 80er und 90er hat einen irgendwie werkzeuglos und ausweglos zurückgelassen. Selbst die wenigen Momente grösserer linker Dynamik in meinem Leben – wie Sea Shepherd, Attac, Obamas Wahlkampf, Occupy Wallstreet – war immer irgendwie für mich unadaptierbar, unumarmbar. Ich erwische mich manchmal dabei zu denken, dass mich die Ironie der Monty Pythons – die ja auch nur ausdruck einer ironischen Teil-Generation war, zu der ich mal meinen Vater zähle – für immer für ernsthaftes politisches Engagement versaut hat. Aber das ist latürnich Quatsch.

    Vor allem aber lässt die aktuelle Situation, die einen als Linken ja irgendwie zum Was-anders-machen drängt, jetzt eben mit noch mehr Ratlosigkeit zurück. Wie sollen die Werkzeuge und Institutionen (wie Parteien und NGOs), von denen ich seit sovielen Jahren so wenig halte, nun doch eine Wirkung haben, ein Ausweg, ein Weg für mich sein?

  3. Bis auf Punkt 17 gehe ich mit. Aber warum soll ich Rassisten repsektieren? Warum soll ich die „Meinung“ respektieren das alle Muslime aus dem Land geschmissen werden sollen? Warum soll ich die „Meinung“ respektieren, das „die Weiber ja schliesslich selber schuld sind“?

  4. Vielen Dank für den Beitrag. Gerne lese ich mehr davon. Alle wollen wissen wohin die Reise mit The Donald geht. Ich glaube wir Deutschen haben uns seit dem Krieg sehr gut hinter Amerika versteckt. Trump wird von uns mehr Selbstständigkeit verlangen. Das ist gut so. Wir Deutschen haben es uns leicht gemacht: “ Lass das mal die Amis machen.“ ( Kuweit, Irak, Abrüstungsverträge mit den Russen usw.) Hinterher kann man sie wunderbar kritisieren. Das funktioniert so nicht mehr. Für mich wird ab sofort der beste Politiker der sein, der uns aus den Konflikten der Welt heraushält, so gut es geht. Aber ohne Scheckbuchdiplomatie. Wird wahrscheinlich die Quadratur des Kreises – aber dafür bezahlen wir die Leute doch auch gut, oder?
    Von den Medien verlange ich mehr Information und weniger Einschätzung. Das kann ich selbst. Und es ist auch meine Aufgabe als Konsument. Sie geben doch keine eindeutigen Kauforderempfehlungen bei Börsenkursen! Ich verlange die Meinungen der einfachen Leute zu hören. Schlagerstars und Berufspolitiker liegen so oft falsch in Ihren Prognosen und Einschätzungen. Ganz einfach weil sie keine belastbare Verbindung zur Mittelschicht mehr haben. Und gerade jetzt interessiert mich nichts mehr, als die Meinung der einfachen Leute in den USA. Also bitte Herr Kuhn. Ich warte mit Spannung. Herzliche Grüße aus dem Osten Deutschlands – dem schönen Thüringen. Thomas Wolf

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  • Es wird keine Rückkehr zur Normalität geben – kopfzeiler.org November 17, 2016

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