Das Standard-Narrativ genügt

Fragmentary Thoughts on Politics

„Mancher analysiert die Trump-Anhänger, als würden sie an seinen Lippen hängen und jede seiner bösartigen Lügen verteidigen. Aber das beschreibt nur einen kleinen Hardcore-Anteil, der zu viel Zeit online verbringt. In Wirklichkeit schenken die meisten dem Ganzen keine größere Aufmerksamkeit und müssen nicht viel mehr als das Standard-Narrativ von der „Voreingenommenheit liberaler Medien“ glauben (in dem alles, das zu ‚extrem‘ ist, erfunden sein muss, weil es gar nicht so schlimm sein kann), um die kognitive Dissonanz gering zu halten. Es geht nicht darum, dauernd die Lügen zu glauben, sondern darum, glaubwürdiges die Kenntnis eines Sachverhalts aus Ignoranz abstreiten zu können. Und das könnte ein schwierigeres Problem sein. Es geht nicht einmal darum, sie von der Wahrheit zu überzeugen. Sondern darum, sie davon zu überzeugen, dass sie möglicherweise Zugang zur Wahrheit haben und – noch schlimmer! – dafür verantwortlich gemacht werden, sie auch zu finden.“

10 Jahre nach dem Crash

Ich kann gar nicht so viel zitieren, wie ich in John Lanchesters Stück markiert habe. Ich kann nur vorhersagen, dass das Essay besser und vielschichtiger ist als 95 Prozent der Sachen, die in den kommenden Monaten zum zehnjährigen Jahrestag des Finanzkrisen-Beginns publiziert werden. Der Longread lohnt also.

Auf eine Sache möchte ich eingehen: Die Frage nach der gegenwärtigen Erzählung. Lanchester erinnert sich, wie Thatcher, Reagan und andere in den Achtzigern erfolgreich den Kapitalismus als ein System präsentierten, das seinen Alternativen überlegen ist und für den Großteil der Gesellschaft positive Folgen hat. Was hat sich seit dem geändert? Lanchester:

„In den letzten Jahrzehnten scheinen die Eliten davon abgerückt, Kapitalismus auf einer moralischen Basis zu verteidigen. Stattdessen verteidigen sie mit der Begründung des Realismus. Sie sagen: So funktioniert die Welt nun einmal. Das ist die Realität der modernen Märkte. Wir haben ein Wirtschaftssystem, das auf Wettbewerb aufbaut. Wir stehen im Wettbewerb mit China, mit Indien, wir haben hungrige Rivalen und wir müssen realistisch sein, wie hart wir arbeiten müssen, wie gut wir uns bezahlen müssen und wie verschwenderisch wir unsere Sozialstaaten gestalten können. Wir müssen den Tatsachen ins Auge sehen, was mit den Jobs passiert, die jetzt noch hier lokal gemacht werden aber auch in günstig international outgesourced werden könnten.
Das sind keine moralischen Rechtfertigungen. Die ethische Verteidigung des Kapitalismus ist zu wichtig, um sie unabsichtlich aufzugeben. Die moralische Grundlage einer Gesellschaft, das Verständnis ihrer eigenen ethischen Identität, kann nicht einfach lauten: ‚So ist die Welt nun einmal, komm‘ damit klar.'“

Nun gibt es aber diese moralische Begründung noch: Die absolute Armut (nach UN-Definition) ist seit der Krise von 19 Prozent auf unter neun Prozent gesunken – die Entwicklungs- und Schwellenländer profitieren. Lanchester führt die Elefanten-Kurve des hier bereits zitierten Branko Milanovic an, mit der dieser das Einkommenswachstum von 1988 bis 2008 erklärt. Dort, wo Gesicht und Stoßzahn liegen ist der Einkommenszuwachs geringer, der Graph geht nach unten. Hier befindet sich die Arbeiter- und Mittelschicht der westlichen Welt. Dort wo der Rüssel ist und steil nach oben geht, sind Oberschicht und Superreiche.

Lanchester fragt:

„Was wäre, wenn die Regierungen der Industrienationen ihren Bürgern einfach sagen würden, das genau das der Deal ist? Der Pitch würde sich ungefähr so anhören: Wir leben in einem globalen Wettbewerb, es gibt Milliarden verzweifelt armer Menschen und damit ihr Lebensstandard sich verbessert, muss unserer im relativen Maßstab sinken. Vielleicht sollten wir das aus moralischen Gründen akzeptieren: Wir waren hier lange genug reich, um nun die Früchte des Wohlstands mit unseren Brüdern und Schwestern zu teilen. Die Antwort wäre: Okay, in Ordnung – aber werdet den Rüssel los. Denn wenn wir einen relativen Rückgang erleben, warum sollten die Reichen – warum sollten die ‚Ein-Prozent“ – nicht genaus wie wir schlechter dran sein?“

Jordan Peterson

Jordan Peterson: „One Thing I am Not is Naive“
Freedom & Tyranny with Dr. Jordan Peterson
The Intellectual We Deserve
Why Jung Would Not Approve of Jordan Peterson
On Peterson, Political Correctness, and Postmodernism
A Critique of Jordan Peterson (+ Part II)

Vor einigen Monaten war der kanadische Philosoph Jordan Peterson bei Bill Maher (siehe Video). Der Hype wird vielleicht auch noch im deutschen Mainstream ankommen, wenn ein Verlag sein Selbsthilfebuch „12 Rules“ übersetzen wird (die FAZ hatte ihn im April schon einmal angelobt, quasi).

Nachdem ich mich genauer mit seinen Thesen beschäftigt habe, verfestigt sich langsam der Eindruck, dass diese Form von Netz-Konservatismus außer plakativen Feindbildern (böse Marxisten-Postmodernisten-Studenten!) und einer reaktionäreren Form von Neoliberalismus (Hierarchien sind Naturphänomene! Räume Zimmer und Lebenslauf auf, bevor Du demonstrieren gehst!) nichts zu bieten hat, in Petersons Fall offenbar nicht einmal ein fundiertes Wissen über seine (linken) Feindbilder oder Jungs Archetypen-Verständnis. Was nichts daran ändert, dass gefühlige Gegenwartskritik offenbar funktioniert und Peterson Hallen mit jungen Männern füllt. Dass diese intellektuelle Leere so viel Anziehungskraft hat und sich gerade zum Mainstream-Konservatismus hochstapelt, sollte auch progressiven Zeitgenossen Sorgen machen.

Wie Menschen

Learning to talk to each other like human beings

Der Blick in die Diskussionen auf Social Media zum Thema du jour macht mich oft ziemlich hoffnungslos. Rituale von Rechthaberei, rhetorischer Höchstdramatisierung und ritualisiertem Tugend-Signal gegenüber dem eigenen Stamm sind inzwischen selbst bei sonst klugen und differenzierten Menschen der gängige Modus. Selbst in banalen Angelegenheiten wird jede entdeckte Flatulenz als Beweis für die Existenz eines gigantischen Misthaufens herangezogen. Fragen werden fast ausschließlich rhetorisch gestellt. Irgendwie ziemlich unsympathisch, das alles. Und leicht schwachsinnig.

Jaja, es gibt natürlich auch andere Seiten und von Social Media genervt zu sein, ähnelt der Klage über das schlechte Wetter. Und ich stelle auch fest, dass ein Teil der Genervtheit vom Wiedererkennen meines eigenen Klugscheißer-Drangs stammt. Aber irgendwie wird dort ja auch ein Teil unserer Medienrealität hergestellt. Irgendetwas bildet es ab. Bei den oben verlinkten Worten von Adam Kotsko habe ich mich deshalb abgeholt gefühlt:

„Jeden Morgen wenn ich die Nachrichten lese und die leeren Riffs und Witze darüber, wächst in mir die Überzeugung, dass wir alle lernen müssen, miteinander wie menschliche Wesen zu reden. Ich werde nicht behaupten, dass das die revolutionärste Sache ist oder die wichtigste – aber sie ist notwendig, wenn wir unser Schicksal nicht der lautesten und brutalsten Person auf ‚unserer Seite‘ anvertrauen wollen. Vielleicht wird es funktionieren, wahrscheinlich nicht, und wenn es nicht funktioniert, werden wir keine Möglichkeit haben herauszufinden, was falsch gelaufen ist und was wir verändern können.“

Der Platz der Religion

Making Room for God

Der Historiker (und ehemalige kanadische Oppositionsführer) Michael Ignatieff wagt sich in obigem Essay daran, den zentralen Konflikt unserer Gegenwart zu ordnen: das Verhältnis zwischen „Liberalismus“ (also der säkularen, demokratischen Ordnung) und Religion. Er leitet drei Punkte ab, die ich für relevant halte:

(1) Wir als liberale Gesellschaft machen immer noch den Fehler, Religion als prägend für das ganze Leben eines Menschen zu sehen – und machen dadurch ihren Schutz zur zentralen Aufgabe der politischen Ordnung. Aber wie wäre es, wenn wir religiöse Bekenntnisse nicht getrennt von säkularen wie Veganismus oder Umweltschutz betrachten würden? Er zitiert den Philosophen Tim Crane: „Näher an der Wahrheit ist, dass alle Menschen, nicht ihre Meinungen, Respekt verdienen.“

(2) Seit der Aufklärung glaubt der Liberalismus, dass er am Ende zwangsläufig über den Glauben siegen wird und ihn in die private Sphäre zurückdrängen kann . Diese Idee der Säkularisierung verliert aber an Glaubwürdigkeit: Während sich einige Religionen (oder vielmehr ihre Interpretation) dem liberalen Verständnis öffnen (und sich das liberale Verständnis auch ständig neu austariert), definieren sich Evangelikale, konservative Katholiken und muslimische Fundamentalisten explizit gegen das, was sie als individualistische und hedonistische Ordnung betrachten. „Liberale Gesellschaften fahren nicht auf eisernen Schienen Richtung Freiheit – sie können das Gleis wechseln.“

(3) Zur Wirklichkeit liberaler Gesellschaften gehört, dass sie enttäuschen müssen. Es gibt keine glühenden Utopien, keine Erlösung, sondern (in den sozialdemokratisch-geprägten Staaten) nur die Verringerung von unverdientem Leid und von Ungerechtigkeit und die Vermehrung von Wohlstand und persönlicher Selbstverwirklichung. Der Sehnsucht vieler Menschen nach kollektiver Zugehörigkeit oder Zugehörigkeit zu Gemeinschaft und Traditionen können sie nicht befriedigen, und diese Lücken werden oft durch nicht-liberale Ideen gefüllt.

Ignatieffs Pointe ist, dass inzwischen auch manch Liberaler in der Religion flüchtet, während er den „immerfort kleiner werdenden Horizont der säkular-demokratische Ordnung“ betrachtet.

Über (1) lässt sich am längsten grübeln. Tatsächlich geben wir gerade in Deutschland der religiösen Prägung einen besonderen Platz, dessen Genese im Nachkriegsdeutschland-Kontext interessant zu verfolgen wäre. Ich persönlich tue mir qua Biografie und Spiritualität noch schwer, Lebensstil und Religion in die gleiche Schublade einzusortieren, weil religiöse Prägung mir „horizontal“ über alle Lebensbereiche zu verlaufen erscheint, Veganismus dagegen „vertikal“, also als „eine Entscheidung über einen bestimmten Teil meines Lebens“ betreffend. Vielleicht ist aber auch „Veganismus“ gar nicht die richtige Kategorie, sondern „Respekt vor dem Leben“ oder ähnliches.

In (3) wiederum hat sich meines Eindrucks nach in Europa auch über das progressive Spektrum hinaus die Erhaltung unserer Spezies durch den Kampf gegen Umwelt- und Klimaschäden als eine Art verbindendes Element durchgesetzt, wenn auch eher theoretisch als in der gelebten Praxis. Was wiederum zum Liberalismus passt: Die Verhinderung der Katastrophe als verbliebene Utopie.

Siehe auch:

 Westen ohne Gott
Identitätsmythen und das Vakuum unseres Fortschrittsbegriffs
John Stuart Mill als Religionsstifter

„Kulturgut Buch“

Digitaler Stress frisst Lesezeit
Die Deutschen lesen weniger Bücher, teilweise überhaupt keine mehr. Die Umsätze des Buchhandels sind noch stabil (wer liest, kauft mehr Bücher als früher), aber 25 Prozent aller Leser in Deutschland sind über 70.

Kolja Mensing vom Deutschlandfunk hat vergangene Woche dazu einige kluge Dinge gesagt:

“Ich glaube, wir haben so eine merkwürdige Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen. Es gibt halt immer noch den Diskurs des guten alten Literaturbetriebs, dessen Wurzeln irgendwo in der deutschen Nachkriegszeit liegen, in dem alle Beteiligten – Lektoren, Buchhändler, Kritiker – sich um ein verhältnismäßig kleines Segment vermeintlich anspruchsvoller Literatur gruppieren und nicht nach links und rechts schauen. Und auf der anderen Seite gibt es eben so ein modernes, urbanes und popkulturell sozialisiertes Milieu, das an ganz anderen Inhalten interessiert ist. (…) Ich glaube, man muss aus dieser ganzen, immer auch leicht dünkelhaften Rhetorik zum Kulturgut Buch erst einmal die Luft rauslassen, anstatt es – wie es der Börsenverein es ja jetzt offenbar vorhat – es zur Waffe im Kulturkampf gegenüber der digitalen Welt hochzurüsten.”

Kurz: Der Buchbranchen-Diskurs begegnet der Veränderung durch einen Konservatismus, der ohnehin nur diejenigen anspricht, die ihm bereits folgen und diese Ansicht teilen. Ähnlich gilt das auch für das deutsche Feuilleton. Ich habe es vor fünf Jahren in einem Beitrag hier verteidigt, was wohl etwas naiv war. Es ist den deutschen Feuilletons unterm Strich nicht gelungen, ein Verhältnis zum Zeitgeist zu entwickeln, sich entlang der oben beschriebenen Popkennerschaft neu zu definieren und daraus eine neue Form zu entwickeln. Dabei existiert gerade in unserer liquiden Kultur das Bedürfnis nach historischem Kontext, Meta-Referenzen und einer klugen Analyse im Blick auf Markt-, Mode- & Machtmechanismen. Nur findet die eben in der Regel in Social Media oder den englischsprachigen Publikationen statt.

(Via Christoph Kappes, Twitter)

Siehe auch:
 „Das unendliche Essay„

Flache Welten

Looking for Life on a Flat Earth

Alan Burdick mit einer ausführlichen Reportage über US-Amerikaner, die nicht daran glauben, dass die Erde rund ist. Zwischendurch hatte ich das Gefühl, dass ihn alle verschaukeln wollen, aber sie meinen es offensichtlich ernst. Wie so oft ist Youtube ein Einstiegsportal, diverse Verschwörungstheorien sind auch Teil des Weltbilds, je nach individueller Vorliebe. Daneben gibt es eine Kreationisten-Tangente, die uns erfreulicherweise in Europa fehlt.

Über die neue Irrationalität unseres Zeitalters ist schon viel geschrieben worden, ich warte noch auf eine vereinheitlichende Theorie. Ist sie Teil einer als kritisches Denken getarnten De-Abstrahierung, also einer Ungläubigkeit gegenüber allem, was an überliefertem Wissen unserer persönlichen Erfahrung/unseren aus unserem Lifestyle (und Medienkonsum) abgeleiteten Überzeugungen widerspricht? Am Ende ein Zitat aus dem Stück:

„Die Logik einer flachen Erde hypnotisiert und macht gleichzeitig irre. Es gibt keine Schwerkraft, nichts um sie einzudämmen, aber als Theorie erklärt sie weniger Phänomene, als sie widerlegen möchte. Auf dem Korridor traf ich einen Dokumentarfilmer (es gab einige auf der Konferenz), der die Flache-Erde-Community seit Monaten begleitet hatte. Sein Gesicht trug Züge der Verzweiflung. ‚Wenn du alles als Hoax abtust, solltest du besser etwas Klares haben, um es zu ersetzen‘, sagte er, seine Stimme näherte sich dabei einem Hirnschlag. ‚Wenn du mir erzählst, dass dein Auto nicht blau ist und ich frage dich, ‚welche Farbe hat dein Auto?‘, sag mir nicht ‚ich weiß es nicht, aber es ist nicht blau.‘ Welche Farbe hat dein verdammtes Auto?'“

Der Niedergang des Nationalstaats

The demise of the nation state

„Nach so vielen Jahrzehnten der Globalisierung sind Wirtschaft und Information erfolgreich aus der Autorität nationaler Regierungen herausgewachsen. Die Verteilung planetaren Wohlstands und der Ressourcen wird heute von kaum einem politischen Mechanismus angefochten. Aber dies zuzugeben, würde eine Akzeptanz des Endes der Politik bedeuten. (…) Der libertäre Traum – veraltete Bürokratien ergeben sich makellosen High-Tech-Systemen der Unternehmen, die dann das Management alles Lebens und aller Ressourcen übernehmen – erscheint heute eine wahrscheinlichere Zukunftsperspektive als die Fantasie, zur Sozialdemokratie zurückzukehren.

Regierungen, die von äußeren Kräften kontrolliert werden und deshalb nur bedingt Einfluss auf nationale Angelegenheiten haben: so war es schon immer in den ärmsten Nationen der Welt. Aber im Westen fühlt es sich wie eine furchterregende Rückkehr zu primitiver Verletzlichkeit an. Der Angriff auf die politische Autorität ist nicht nur ein ‚wirtschaftliches‘ oder ‚technologisches‘ Ereignis. Es ist ein epochaler Umsturz, der westliche Bevölkerungen zersplittert und beraubt hinterlässt.“

Rana Dasgupta beschreibt ausführlich und in großer Klarheit die Gegenwart und führt dabei verschiedene Erklärungen zusammen, die derzeit herumgeistern. Im kommenden Jahr erscheint sein Essay in Buchlänge und ich traue ihm zu, in die
Sphären eines  Pankaj Mishra aufzusteigen. Seine Botschaft ist wichtig und doch weder ins Bewusstsein der Bürgerlich-Konservativen, noch in das der Progressiven eingedrungen: Es  wird keine Rückkehr zur Normalität geben und das Zeitfenster für eine Systemreform wird sich in absehbarer Zeit schließen.

Trump, Aufmerksamkeit und die unendliche Echtzeit

(1) „That is what Power Looks Like“: As Trump prepares for 2020, Democrats are losing the only fight that matters
(2) Facebook, Snapchat and the Dawn of the Post-Truth Era
(3) In the Trump Era, We Are Losing the Ability to Distinguish Reality from Vacuum

Drei Beiträge, die ich in einen Zusammenhang stellen möchte. In (1) beklagt Peter Hamby (ironischerweise inzwischen Snap-Newschef) in Vanity Fair, dass Trump mit seiner ständigen Erzeugung von Aufmerksamkeit dafür sorgt, dass niemand weiß, was eigentlich die Demokraten gerade machen (und für was sie stehen).

In (2) bilanziert der ehemalige Facebook-Produktmanager Antonio García Martínez, der seine Erfahrung im Buch  Chaos Monkeys verarbeitet hat, das Social-Media-Zeitalter: Wir kehren demnach in den Modus der vorschriftlichen Epochen zurück, in denen Wahrheit in der Regel eine Sache des Hörensagens war. Zitat: „Dies wird die am besten dokumentierte Epoche in der amerikanischen Geschichte sein, aber niemand wird sich einig sein, was passiert ist.“

In (3) weist Masha Gessen darauf hin, dass die Hyperstimulierung durch Trump-Nachrichten uns (bzw. US-Amerikaner) an die Echtzeit kettet. Einen einzigen Tag zu verpassen, bedeutet Anschluss an die Entwicklungen zu verlieren – doch was an diesem einzigen Tag passiert, ist in der nächsten Woche bereits wieder abgelöst und irrelevant. Was in dieser gedrängten Zeit verloren geht, ist demnach die Fähigkeit, moralische Urteile zu fällen – denn diese benötigen eine historische Perspektive, die über den Tag oder die Ära hinaus geht.

Die banalste Synthese aus diesen drei Texten lautet vielleicht, dass die Aufmerksamkeitsökonomie netto zu einer gewaltige zivilisatorische Energieverschwendung führt. Im besten Falle. Sollten wir allerdings – Worst Case – in einem neuen Zeitalter westlicher Autokratien bis hin zum Neofaschismus landen, werden Historiker einmal feststellen, dass neben den Verwerfungen von Spätkapitalismus und Klimawandel die Aufmerksamkeitsökonomie eine dritte wichtige Voraussetzung für diese Wende war (sie ist ja letztlich aus der Marktbarmachung aller dezentralen Konstellationen abgeleitet, in denen bisherige Vermittler überflüssig wurden). Damit meine ich nicht Populismus per se, der wie ich finde durchaus seine Berechtigung hat, sondern die zunehmende Irrelevanz der Unterschiede zwischen Ursache und Wirkung, Tatsachen-Kontext und Interpretation – und unsere Anpassung daran.

Die optimistischere Perspektive ist, dass der Zugang zu historischem Wissen, Reflexion  und persönlicher Erfahrung als Fundament eines Gegenentwurfs heute ebenfalls recht einfach herzustellen ist – und auch notwendig, um die planetarischen Herausforderungen zu meistern. Nur ist dieser Weg eben derzeit schwieriger, benötigt mehr Zeit und belohnt uns mit weniger Endorphinen.