Machtfragen

The antidote to civilisational collapse

Ich habe mir viele Stellen in diesem ausführlichen Economist-Interview (>40 Minuten Lesezeit) mit Adam Curtis markiert. Zum Beispiel:

„(…) Macht. Das ist ein Wort, das im gegenwärtigen Moment fast nie diskutiert wird. Es gibt eine enorme Macht, die über uns ausgeübt wird und wir haben keine Ahnung, wie wir ihr entgegentreten können. Wie Sie gesagt haben, alle haben das Gefühl, dass das hier funktioniert. Und das ist weil bestimmte Menschen Macht haben und sie zugunsten ihrer eigenen Interessen einsetzen, nicht für uns.

(…) Das Problem, das ich mit einem Großteil des investigativen Journalismus habe ist, dass er immer sagt: ‚Es muss mehr investigativen Journalismus geben‘. Ich entgegne da: ‚Wenn du mir sagst, dass eine Menge reicher Menschen keine Steuern zahlen, bin ich schockiert, aber nicht überrascht – weil ich das weiß. Ich will nicht noch einen weiteren Artikel lesen, der mir davon berichtet.‘ Was ich möchte ist ein Artikel der mir verrät, warum, wenn mir das berichtet wird, nichts passiert und sich nichts verändert. Und niemand hat mir das je erklärt.“

Wenn es genug wäre?

The Miracle of the Mundane

Ich habe Heather Havrileskys Essayband („What If This Were Enough?“) dieses Jahr mit großem Genuss gelesen, auch wenn der Spätkapitalismus ein trostloses Thema ist. Ein Auszug:

„Viele von uns lernen, eine klare und präzise Vision von dem zu konstruieren, was wir wollen. Aber uns wurde niemals beigebracht, wie wir das genießen, was wir wirklich haben. Es wird immer mehr Siege geben, um die es zu kämpfen gilt; mehr Fremde zu überzeugen; mehr Bilder zu sammeln und an unsere Visionstafeln zu hängen. Es ist hart, das zu wollen, was wir haben; es ist einfacher, alles auf der Welt haben zu wollen. Das ist also, wie wir heute leben: Wir stopfen uns bis obenhin voll, aber irgendwie macht das uns nur nervöser, verwirrter und hungriger. Wir rasen nach vorne – manisch, unzufrieden und im Dauerzustand der Verlorenheit. 

Unser verwirrter Zustand verletzt uns nicht nur individuell; er behindert unsere Fähigkeit, zusammen an einer besseren Welt zu arbeiten. Wir können nicht für Gerechtigkeit aufstehen und Veränderungen beeinflussen, solange wir nicht gelernt haben, leere Versuchungen, schillernde Wegweiser in die Sackgasse und banale Ablenkungen fortzustoßen. (…)

Vor dem Hintergrund dieser Landschaft gilt es alles zu feiern, was die Wildheit und Komplexität der menschlichen Seele feiert. Das gilt global, in Lebensgemeinschaften, und es ist wahr in einem einzelnen Menschen. Das Gegenmittel für eine Welt, die uns kranke Geschichten über uns selbst erzählt und uns das Gift einträufelt, uns hilflos zu fühlen, ist der Glaube an unsere eigene Welt und unsere Community und an uns selbst. Wir müssen wieder mit dem in Verbindung treten, was es heißt, menschlich zu sein: zerbrechlich, furchtbar fehlbar und ständig Demut lernend. Wir müssen an die widersprüchliche Natur der Menschheit glauben und sie umarmen.“

„Es ist genug“, schreibt sie am Ende. Und meint dabei uns alle und uns selbst. Wir genügen uns, um uns aufeinander zu bewegen zu können.

 

Falsche Gegensätze

Kolumne Schlagloch: Der entfesselte Kulturkampf

Georg Seeßlen:

„In der Kulturrevolution von rechts wird allzu deutlich, wie Rechtspopulisten dem neoliberalen Kapital die Drecksarbeit erledigen. (…) Diese Allianz ist offensichtlich. Wie viele Vertreter der ökonomischen Oligarchie sind in den Führungsriegen der Rechtspopulisten? Wie viel Geld und Organisationskraft wird ‚aus Wirtschaftskreisen‘ in Wahlkämpfe, Parteistrukturen und rechte Medien gepumpt? Wie viele Wirtschaftsvertreter in aller Welt ziehen ein Bündnis mit postdemokratischen, autokratischen und halbfaschistischen Regimes jeder demokratischen Kontrolle vor? Und wie viele Vertreter kleptokratischer Clans bringen es zu politischer Macht, von den USA bis Brasilien?“

Der Pinsel ist ein bisschen breit: Wäre diese These stimmig, müsste man dem „neoliberalen Kapital“ unterstellen, an einer Rückabwicklung von Globalisierung und Freihandel interessiert zu sein, die zumindest in einigen Ländern Kernprogramm der neuen Reaktion ist.

Aber was Seeßlen deutlich macht: Die Darstellung der neuen politischen Verhältnisse als Kampf von Anhängern einer „offenen“ mit denen einer „geschlossenen“ Gesellschaft ist völliger Humbug. Er lässt Progressiven die Wahl, Teil eines „Weiter-so“ (also eines Konservatismus im Geist des realexistierenden Neoliberalismus) zu werden oder mit jenen identifiziert zu werden, die in die Schublade der Abschotter und Engstirnigen wandern. Um Hans Kundnani vom Chatham House zu zitieren (Abzüge gibt es für den undefinierten Elitenbegriff):

„Wie der Begriff Populismus selbst wird die Vorstellung eines Kontrasts zwischen offen und geschlossen oft von Eliten verwendet, um Ideen oder Politikentwürfe zu diskreditieren, die sie nicht mögen.“

Graeber interpretiert die Gelbwesten

The “Yellow Vests” Show How Much the Ground Moves Under Our Feet

David Graber mit seiner Perspektive auf die Gelbwesten in Frankreich (Original in Le Monde). Woher kommt die Konfusion darüber, was die Bewegung ist und will? Graeber, selbst einst Teil der Occupy-Bewegung:

„1. In einer Wirtschaft, die auf Finanzinstrumente ausgerichtet ist, können nur diejenigen die Sprache des Universalismus benutzen, die sich in nächster Nähe zu den Mitteln der Geldschaffung befinden (im Kern Investoren und die Akademiker- und Managerklasse). Eine Folge davon ist, dass alle an speziellen Bedürfnissen und Interessen orientierten politischen Ansprüche oft als Erscheinungsform von Identitätspolitik betrachtet wurden. Im Falle der gesellschaftlichen Basis der Gelbwesten kann nach dieser Logik ihre Erscheinungsform einzig als proto-faschistisch interpretiert werden.

2. Seit 2011 hat sich weltweit verändert, was der gesunde Menschenverstand als Zweck einer Teilnahme an einer massendemokratischen Bewegung versteht – zumindest unter denen, die sich am wahrscheinlichsten daran beteiligen. Ältere ‚vertikale‘ oder Vorhut-Modelle der Organisierung sind schnell verschwunden und haben einem Ethos der Horizontalität Platz gemacht, in dem (demokratisch, egalitär) Praxis und Ideologie letztlich zwei Aspekte der selben Sache sind. Die Unfähigkeit, das zu verstehen, erweckt den falschen Eindruck, dass Bewegungen wie die Gelbwesten anti-ideologisch, sogar nihilistisch sind.

(…) Diese neuen Bewegungen brauchen keine intellektuelle Vorhut, um mit einer Ideologie versorgt zu werden, weil sie bereits eine [Ideologie] haben: die Ablehnung intellektueller Vorposten und die Umarmung von Vielfältigkeit und horizontaler Demokratie selbst. Es gibt eine Rolle für Intellektuelle in diesen neuen Bewegungen, sicher. Aber sie wird weniger das Reden als vielmehr das Zuhören beinhalten müssen.“

Weiterhin gilt für mich: es ist zu früh für einheitliche Interpretationen. Nach Graebers Lesart wäre sein Weg der Meta-Interpretation allerdings ohnehin die einzige Form, sich solchen Phänomenen zu nähern. Dieses Wesen machte schon Occupy Wall Street so ungewöhnlich, entzog es doch der Interpretationsmaschinerie und Instant-Kategorisierung das Futter, genau wie dem Zynismus, der bei konkreten systemischen Forderungen sofort aufkommt. Ich habe das 2011 hier mal als „Revolution als Meme“ bezeichnet.

Die Occupy-Erfahrung deute ich aus heutiger Sicht aber so, dass sich diese Form („Prozess statt Plattform“) irgendwann mit dem Konkreten ins Gehege kommt, das ja immer noch für Politik notwendig ist. Und doch hat sich Macron eben – anders als damals Regierungen und Finanzbranche – bewegt. Und damit womöglich diesen unbestimmten „Prozess“ vorerst in Bewegung gehalten.

Siehe auch:
 Gelbwesten und Wachstumsrücknahme

Hinter der nächsten Anhöhe

Matters of life and death: Rowan Williams and John Gray in conversation

Der Ethik-Philosoph John Gray und der anglikanische Erzbischof (und Philosoph) Rowan Williams haben ein bemerkenswertes Gespräch über Leben und Tod geführt. Ausschnitt:

John Gray: „Die Idee, dass es eine technische Lösung für die Beseitigung des Todes gibt, erscheint mir in Wahrheit eine Absurdität zu sein. Und sie dient dazu, einen der Wege zu vermeiden oder sogar zu verleugnen, die hin zu einem Wunsch oder einer Begründung führen, die der Theismus erfüllt. Soweit er es zumindest kann. Nämlich die Menschen nicht nur mit ihrer eigenen Sterblichkeit zu versöhnen, sondern mehr noch, mit der Sterblichkeit von wem- oder wasauchimmer sie lieben.“

Rowan Williams: „Das Wort, dass sie hier benutzen – Liebe – ist natürlich ausschlaggebend. Denn Liebe, wenn wir sie nicht sentimental und als Abkürzung einsetzen, bedeutet Aufmerksamkeit für das, was hier noch existiert, aber nicht du bist. Nicht unter deiner Kontrolle, nicht deiner Agenda folgend. Das Problem mit vielen dieser apokalyptischen und utopischen Visionen ist glaube ich, dass sie nicht das Selbst lieben, die Welt, die menschliche Spezies, sondern etwas von dem sie glauben, dass es sich auf der anderen Seite der nächsten Anhöhe befinden könnte.“

Ein anderer Ausschnitt aus dem Gespräch kommt in meinem heute erschienen Newsletter vor, der hier lesbar und zu abonnieren ist.

Siehe auch:
John Gray über Niall Fergusons „Türme und Plätze“
John Stuart Mill als Religionsstifter
Identität und das Vakuum unseres Fortschritsbegriffs

Gelbwesten und Wachstumsrücknahme

First reflections on the French ““événements de décembre”

Branko Milanovic vor einigen Tagen mit seiner Perspektive auf die Proteste und Ausschreitungen in Paris:

„Es ist in der Tat kein Zufall, dass eine Steuer auf Benzin das Fass zum Überlaufen brachte, die ländliche und stadtnahe ländliche Gebiete am stärksten betrafen, genau wie Menschen mit recht bescheidenen Einkommen. Meinem Verständnis nach war dabei nicht das Maß der Erhöhung entscheidend, sondern die Verstärkung des Gefühls unter vielen Franzosen, dass sie ohnehin schon die Kosten von Globalisierung, neoliberaler Politik und Offshoring, dem Wettbewerb mit billigerer ausländischer Arbeitkraft und dem Niedergang sozialer Dienste tragen. Und nun sollen sie auch noch das bezahlen, was in ihren Augen (und nicht ganz falsch) eine elitäre Steuer auf den Klimawandel ist.

Das bringt ein grundsätzlicheres Thema auf (…): Befürworter einer Wachstumsrücknahme (Degrowth) und diejenigen, die dramatische Maßnahmen gegen den Klimawandel fordern, sind seltsam zurückhaltend und schüchtern, wenn sie benennen müssen, wer die Kosten dieser Veränderungen tragen wird. (…) Wenn sie es ernst meinen würden, sollten sie den Bürgern der westlichen Weltordnung sagen, dass ihre Realeinkommen halbiert werden sollen und ihnen erklären, wie das vonstatten gehen soll. Anhänger der Wachstumsrücknahme wissen natürlich, dass ein solcher Plan politischer Selbstmord wäre und deshalb bevorzugen sie es, die Dinge vage zu halten und diese Fragen hinter einem ‚falschen Kommunitarismus‘ zu verstecken, wonach wir alle betroffen sind und irgendwie die Wirtschaft blühen wird, wenn wir uns nur alle das Problem bewusst machen und angehen würden – ohne dass sie uns aber jemals verraten, welche spezifischen Steuern sie erhöhen würden oder wie genau sie die Einkommen der Menschen senken wollen.“

Nun ist anzumerken, dass sich die Vorgänge in Paris monokausaler Erklärungen entziehen, wahrscheinlich sogar erst in der historischen Aufarbeitung richtig eingeordnet werden können. Aber Milanovic weist als Ökonom mit Schwerpunktthema Ungleichheit auf eine größere Frage hin: Wer wird sie denn tragen, die Umstellung der Konsumwirtschaft? Gerade Verbrauchssteuern schlagen oft bei denen durch, die keinen großen Spielraum haben. Wie so oft fehlt eine Brücke zu einem neuen System. Oder vielleicht auch nur die konkreten Vorschläge, die Milanovic fordert.

Aber wären die gewollt? Vielleicht leben wir die kommenden Jahre im Patt: Der postmoderne Konservatismus predigt erfolgreich das Recht auf Verantwortungslosigkeit, weshalb keine Veränderungen zustande kommen. Die postmateriellen Progressiven rufen „Verhinderer“ und zeigen mit dem Finger auf die Schuldigen, sind aber dadurch ebenfalls in der glücklichen Lage, keine Verantwortung tragen und einen eigenen Degrowth-Beitrag leisten zu müssen (jenseits einiger symbolischer Konsumentscheidungen). Eine zynische Prognose, aber keine unrealistische.

P.S.: Zur Rolle von Facebook-Gruppen bei den Protesten kann ich Casey Newtons Newsletter empfehlen, der die aktuellen Recherchen und Indizien zusammenfasst und kontextualisiert.

P.P.S.ICYMI: Auch von mir erscheint dieser Tage wieder ein neuer Newsletter.

Borges und ich (und Social Media)

Beim Blättern bin ich vor kurzem wieder auf Jorge Luis Borges’ Miniatur-Kurzgeschichte “Borges y yo” gestoßen (pdf hier). Wer sie nicht kennt: Der Erzähler beschwert sich über einen Charakter (Borges), der ihm immer weniger Raum lässt. Borges passiert immer alles, von Borges liest er dauernd. Letztlich tritt er Borges immer mehr Erfahrungen und am Ende auch seine Existenz ab: Von Borges wird nach dem Tod etwas bleiben (im Gegensatz zum klagenden Erzähler).

Natürlich ist der Autor der Kurzgeschichte nicht von “Borges” dem Autor zu trennen – beide sind ein und dieselbe Person. Was mannigfaltige unterschiedliche philosophische Interpretationen (zum Beispiel hier) eröffnet. Für mich subjektiv: Borges der Autor (der “Andere”) verwertet immer größere Teile seines Lebens für sein Schaffen, während sein “Ich” (der Erzähler) hinter Borges immer weniger erkennbar wird und letztlich keine “eigenen” Erfahrungen mehr machen kann.

Für mich beschreibt das ganz gut unser “Ich” auf Social Media: Wir würden ja heute nicht mehr von einem Avatar reden, das alles sind wir selbst, obwohl wir uns nie mit unserem “Autor” auf Twitter, Instagram oder Facebook verwechseln würden. Wer tief im Sharing-Tunnel lebt, sieht alles durch die Linse der (Mit-)Teilbarkeit – wie der Schriftsteller jede Erfahrung auf ihre Verwendbarkeit für das Werk überprüft (und sei es nur als Tagebuch-Eintrag).

Beide Formen der Kreativität haben ihre Konventionen, wenn auch mit unterschiedlichen Zielen: Das Sprechen durch das Werk ist etwas anderes als die relativ direkte Inszenierung als Checkerin oder liebenswerte Person (auch wenn jeweils der Wunsch nach Anerkennung der Antrieb sein mag). Und unser Social-Media-Werk ist nie abgeschlossen, wir müssen uns vielmehr neben dem Zurückdrängen des “Ichs” auch damit abfinden, dass auch vom “Anderen” nichts bleiben wird – außer der Erinnerung an eine Verbundenheit mit anderen Menschen/Selbst-Autoren, positiv oder negativ. Das ist bei näherer Betrachtung eine große Freiheit, denn wir können uns – anders als der Erzähler bei Borges – dafür entscheiden, unser Ich oder den Autoren unseres Selbst wachsen zu lassen.

Siehe auch:
Persönliche Marktanteile
Ein Knopf, den es zu drücken gilt

Einsamkeit: „Einige von uns haben niemanden von euch“

Makala (Dokumentarfilm)
How Loneliness Is Tearing America Apart (Leserkommentare)

Lob der Leserkommentare: Der Chef des American Enterprise Institute versucht, mit einem Gastartikel über Einsamkeit den gemäßigten Republikaner Ben Sasse zu pushen. Und eine Leserin mit Namen Charlotte schreibt einen Kommentar, der sehr viel gehaltvoller und vor allem ehrlicher ist:

„Ich habe jedes Buch über Einsamkeit gelesen. Warum? Weil ich einsam bin. Auf einer Erkenntnisebene bringt der Text sein Argument an. Aber auf einer emotionalen Ebene ist er nur ein kleiner Punkt auf der Spitze der Einsamkeit. Was die Tiefe der Isolation schwieriger macht: Niemand, nicht die Familie, nicht der Freundeskreis, will davon etwas wissen. Einsamkeit versteckt sich, so wie sich Depression einst versteckte. Zuzugeben, dass du einsam bist, ist ein Tabu. Und niemand, der nicht völliges und fortgesetztes Alleinsein erlebt hat, kann sich Tage ohne Kontakt vorstellen. Einige von uns haben niemanden von euch. Und einige von uns sind die gütigsten, einfühlsamsten Seelen. Weil wir wissen, fühlen und erleben, was Leere ist. England hat eine Botschafterin für Einsamkeit ernannt. Wie die Briten sagen: ‚Brillant.‘ Aber lass uns abwarten, wie effektiv die Sensibilisierung sein wird. Denn im Falle von Einsamkeit bedeutet ‚aus den Augen‘ tatsächlich ‚aus dem Sinn‘.“

Während wir langsam die Entstigmatisierung der Depression erleben, die inzwischen als komplexes neurologisches Phänomen wahrgenommen wird, wird die Einsamkeit weiterhin im Tabu versteckt. Als Dauerzustand haftet ihr ein sozialer Makel an, der Verdacht, dass Betroffene doch einfach nur rausgehen und Nähe zu anderen Menschen suchen müssten.

Das verkennt die Komplexität des Zustands, denn Einsamkeit kann aus ganz verschiedenen Formen der Isolation entstehen. Es gibt die Einsamkeit des Fremden in einer anderen Kultur (die ich gut kenne). Die soziale Isolation derjenigen, für die eine Gesellschaft keine passende Schublade findet oder deren Lebenswelt im Normalo-Konsens als No-Go-Zone gilt. Die Einsamkeit der Väter oder Mütter, die sich schämen, zu ihrem Familienleben keine tiefe Bindung herstellen zu können. Das Alleingelassensein vieler Älterer. Der Karriere-und-Feierabend-Kokon der Vielbeschäftigten. Einsamkeit ist nicht auf physische Isolation beschränkt, du kannst sie im Partygespräch genauso erfahren wie allein in deinem Zimmer. Sie muss nicht einmal alle persönlichen Lebenswelten betreffen: Partner können Bett, Leben und Nachwuchs teilen und sich doch einander entfremdet und einsam fühlen. Ein Single kann einen erfülltes soziales Umfeld und sogar Sexleben haben, aber die Nähe der Seelen-Intimität vermissen.

Neben dem Stigma scheint es eine besondere Intimität des Zustands zu sein, die es so schwierig macht, darüber zu reden oder den in ihm verborgenen Gefühlskosmos zumindest halbwegs zu kategorisieren. Im Deutschen können wir nicht einmal zwischen freiwilliger (solitude) und unfreiwilliger (loneliness) Einsamkeit unterscheiden. Robert Burton hat einmal Melancholie als „Rost der Seele“ bezeichnet. Einsamkeit, das sind Leerstellen in unserer Seele. Oft halten wir sie vor uns selbst geheim, weil wir überzeugt sind, sie niemandem zeigen zu können. Obwohl jeder Mensch versteht, wie sie sich anfühlt. Und obwohl wir uns vielleicht als Zivilisation gerade in ein Jahrhundert der chronischen Vereinsamung einleben. Merkwürdig.

Foto: Screenshot aus dem Film „Makala“

Einsteins Gott-Parabel im Jahr 2018

Über diese Rezension bin ich auf Albert Einsteins Antwort auf die Frage gestoßen, ob er ein Pantheist sei (das Interview dürfte in den 1920ern stattgefunden haben).

„Ihre Frage ist die schwierigste der Welt. Es ist keine Frage, die ich einfach mit ja oder nein beantworten kann. Ich bin kein Atheist. Ich weiß nicht, ob ich mich als Pantheist bezeichnen könnte. Das Problem, um das es geht, ist zu enorm für unseren begrenzten Verstand. Könnte ich nicht mit einer Parabel antworten? Der menschliche Verstand, egal wie sehr er trainiert wurde, kann das Universum nicht begreifen. Wir befinden uns in der Lage eines kleines Kindes, das eine große Bibliothek betritt, deren Wände bis zur Decke mit Büchern in vielen verschiedenen Sprachen voll stehen.

Das Kind weiß, dass jemand die Bücher geschrieben haben muss. Es weiß nicht, wer oder wie. Es versteht die Sprachen nicht, in denen sie geschrieben wurden. Das Kind erkennt die Existenz eines genauen Plans hinter der Anordnung der Bücher, eine geheimnisvolle Ordnung, die es nicht versteht, sondern nur schemenhaft erahnt. Das scheint mir das Verhältnis des menschlichen Verstands, selbst des großartigsten und kultiviertesten Verstands, zu Gott. Wir sehen ein Universum, das fantastisch angeordnet wurde und bestimmten Regeln folgt, aber wir verstehen diese Regeln nur vage. Unser beschränkter Verstand kann die geheimnisvolle Kraft, die diese Konstellationen beeinflusst, nicht begreifen. Mich fasziniert Spinozas Pantheismus. Ich bewundere ihn noch mehr für seinen Anteil an der modernen Gedankenwelt. Spinoza ist der größte der modernen Philosophen, weil er sich als erster Philosoph mit der Seele und dem Körper als Einheit befasst hat und sie nicht als getrennt betrachtet hat.“

Würde ein Naturwissenschaftler, der nicht Einstein heißt, gut Hundert Jahre später öffentlich über den „Gott in allen Dingen“ mutmaßen, er hätte wohl schnell den Ruf als Esoteriker weg. Gerade außerhalb der Naturwissenschaften.

Je mehr wir wissen, desto geringer scheint unsere Toleranz für Zwischenräume, für das Unbeantwortbare zu sein. Unbeantwortbar im Sinne von „nicht heute, nicht morgen, niemals“. Eine verbreitete Form des Atheismus – und darum dreht sich auch die verlinkte Rezension – hat die Metaphysik als Idee völlig beerdigt und sie (und mit ihr die ehemalige Gottesleerstelle) mit einer individuellen Fortschrittsidee ersetzt.

Dieser Fortschritt kann in der Gestalt des „Irgendwann“ erscheinen: Irgendwann finden wir die Theorie von allem, irgendwann erhalten wir durch unsere Weltraum-Empfänger Signale aus anderen Zivilisationen, irgendwann kolonisieren wir den Mars, irgendwann verschmelzen wir mit dem Internet. Aber wenn das Paradies nicht existiert, dann weder im Jenseits, noch in der Zukunft.

Die Demut in Einsteins Parabel hat ihren Kern dort, wo er ein Kind in die Rolle unseres Verstandes schlüpfen lässt. Eines, das immer Kind bleiben und immer wieder rätselnd vor den Bücherregalen stehen wird. Ich mag diese Demut, weil sie dem Wesen der Existenz sachte zunickt, obwohl es sich nicht benennen, überliefern, berechnen oder begreifen lässt.

Der schrumpfende Planet

How Extreme Weather Is Shrinking The Planet

„Bis jetzt haben sich die Menschen ausgebreitet, während unserer Anfänge in Afrika, danach rund um den Globus – zunächst langsam, dann immer schneller. Aber eine Periode der Verengung beginnt, weil wir die bewohnbaren Teile der Erde verlieren. Manchmal wird unser Rückzug hastig und gewaltsam sein; der Versuch, über enge Straßen die brennenden Kleinstädte Kaliforniens zu evakuieren war so chaotisch, dass viele Menschen in ihren Autos starben. Aber der größte Teil des Rückzugs wird langsamer sein, und er wird entlang der Küstenstreifen der Welt beginnen. Jedes Jahr verlassen 24 000 Menschen das unerhört fruchtbare Mekong-Delta in Vietnam, weil die Ackerfrüchte mit Salz verschmutzt werden. Während das Meereis entlang der Küste von Alaska schmilzt, gibt es nichts, was Siedlungen, Städte und die Dörfer der Ureinwohner vor den Wellen schützt. In Mexico Beach, Florida, das Wirbelsturm Michael so gut wie ausgelöscht hat, erzählte ein Bewohner der Washington Post: ‚Die Älteren können das hier nicht mehr wieder aufbauen, es ist zu spät in ihren Leben. Wer wird hier bleiben? Wer wird sich kümmern?‘

In einer Woche Ende vergangenen Jahres las ich Berichte aus Louisiana, wo Regierungsbeamte die Pläne zur Umsiedlung Tausender Menschen abschlossen, die vom steigenden Golf von Mexiko bedroht werden (‚Nicht alle werden dort leben, wo sie heute sind und ihren ihren gewohnten Lebensstil fortführen. Das ist eine schlimme und emotionale Realität, der wir uns stellen müssen‘, sagte ein Offizieller des Bundesstaats). Aus Hawaii, wo einer neuen Studie zufolge 60 Kilometer Küstenstraße in den kommenden Jahrzehnten unpassierbar werden. Und aus Jakarta, einer Stadt mit zehn Millionen Einwohnern, wo die steigende Javasee die Straßen überflutete. In den ersten Tagen des Jahres 2018 überflutete ein Sturm Downtown Boston; Mülltonnen und Autos schwammen durch den Finanzbezirk. ‚Wenn jemand die Erderwärmung in Frage stellen möchte, soll er sich ansehen, wo die Flutgebiete liegen‘, erklärte Marty Walsh, der Bürgermeister von Boston vor Reportern. ‚Einige dieser Gegenden wurden vor 30 Jahren nicht überflutet.'“

Ein langes Stück, das aber alle wichtigen Entwicklungen der jüngeren Vergangenheit zusammenfasst und nebenbei den Ausdruck „Predatory Delay“ ins Mainstream-Vokabular einführt – die Blockade von Veränderungen, um in der Zwischenzeit mit nicht aufrecht zu erhaltenden und ungerechten Systemen Geld zu verdienen.

Im Zusammenhang mit solchen Katastrophenprognosen, die sich eher an den möglichen Extremen orientieren, sei allerdings auch auf die derzeitige Mediendebatte in Deutschland hingewiesen. Sie dreht sich um die wichtige Frage, wie Journalisten mit den Unschärfen der Modelle umgehen sollen.

Siehe auch:
Klimawandel und die Vermittlung der Folgen
Menschengemacht
Wärme über dem Permafrost