Toleranz, technische

 Matters of Tolerance

James Gleick über das Buch „The Perfectionists: How Precision Engineers Created the Modern World“ von Simon Winchester:

„Welche der Wissenschaften ist die präziseste? Biologie ist chaotisch, eine Wissenschaft von Abweichungen von Variationen, von Kreaturen in allen Formen und Größen. ‚Astronomische Präzision‘ ist ein Oxymoron, Astronomie ist voller aufeinander gestapelter Annäherungen und Vermutungen – obwohl die Instrumente der Astronomie Werkzeuge wachsender und zuletzt verblüffender Präzision sind. Winchester untersucht aber nicht die Welt der Abstraktionen, sondern die echte Welt, in der Menschen Dinge herstellen. Sein Vater war Feinmechaniker, der Metall in die perfekteste Maschinerie verwandelte, die möglich ist. Holz ist nett, aber ungenau. Die Geschichte der Präzision beginnt mit Metall. (…)

James Watts Ruhm überschattet den von Iron-Mad Wilkinson [Erfinder der Präzisionsbohrmaschine zum Ausbohren von Kanonenrohren], doch es ist Wilkinsons Präzision, die es Watts Dampfmaschine ermöglichte, Pumpen und Mühlen und Fabriken in ganz England anzutreiben und die Industrielle Revolution zu entfachen. So sehr wie die Maschinen selbst ist die Entdeckung der Toleranz entscheidend für diese Geschichte. Die Toleranz ist in diesem Fall der Spielraum zwischen Zylinder und Kolben. Es ist eine Vorgabe, auf die sich ein Ingenieur (und ein Kunde) verlassen kann. Es ist das grundlegende Konzept für die Welt wachsender Präzision. Wenn Maschinenteile mit einer Toleranz von zweieinhalb Millimeter hergestellt werden konnten, würden bald feinere Toleranzen möglich: Zweieinhalb Mikrometer, zweieinhalb Nanometer, und weniger.“

Ich bin immer wieder fasziniert davon, auf welch vielfältige Art sich die Geschichte der technischen Entwicklung und unserer Zivilisation erzählen lässt.

Mittleren Alters

The Midlife Unraveling

Brené Brown über ihre Midlife Crisis:

„Die Suche nach Eigenliebe und Aufnahmebereitschaft ist wie so viele der neuen Gebrechen, die uns im mittleren Alter erwischen – es ist ein chronischer Zustand. Sie fängt vielleicht im mittleren Alter an, aber wir müssen uns damit für den Rest unseres Lebens herumschlagen.

Und falls du glaubst, das Universum ausblenden zu können wie du das in deinen Zwanzigern gemacht hast und es ‚Pass auf‘ flüsterte, oder als du in deinen frühen Dreißigern warst und es ‚Mach‘ langsamer“ flüsterte, kann ich dir versichern, dass das Universum im mittleren Alter sehr viel hartnäckiger ist. Als ich versuchte, es zu ignorieren, wurde sie deutlich: ‚Es hat Konsequenzen, wenn du deine Gaben verschleuderst. Es bringt Bestrafungen mit sich, große Teile deines Lebens ungelebt zu lassen. Du bist schon auf dem halben Weg zum Tod angelangt. Beweg‘ dich.“

Je näher ich mich in Richtung besagten „mittleren Alters“ bewege, desto weniger sehe ich voraus, wo mich die Krise treffen wird. Habe ich nicht die Dinge mit mir und den Menschen abgemacht, besprochen, überlegt, getan oder gute Gründe für die Unterlassung gefunden? Weiß ich nicht zumindest damit zu leben, einige Abzweigungen genommen und andere Ausfahrten verpasst zu haben? Brené Brown beschreibt, wie dieser Sockel unseres Selbstbilds einstürzt wie eine schlecht zementierte Mauer. Und sie lokalisiert die Ursache des Zusammenbruchs mit einem kraftvollen Satz der Bürgerrechtlerin Maya Angelou: „Es gibt keine größere Agonie, als eine unerzählte Geschichte in dir zu tragen.“

Captain Karl Obvious Knausgård

Knausgaard devours himself

„Ohne explizit zu werden, legt Knausgård die Idee nahe, dass „Min Kamp“ als Reaktion auf „Mein Kampf“ gelesen werden kann, als dessen Umarbeitung – das seine Art und Weise, nach Authentizität zu streben, darin besteht, dass er genau das tut, was Hitler in seinem Buch vermeidet. Wo Hitler vage ist, wird er spezifisch. Wo Hitler die persönliche Erfahrung der Ideologie unterordnet, wird er sich im Spezifischen suhlen, und gewissenhaft alles vermeiden, was auf eine übergeordnete Sache deutet. Hitlers Werk ist völlig unehrlich. Knausgård will radikale Ehrlichkeit, also eine Innerlichkeit auszudrücken versuchen, die nicht mitteilbar erscheint – und es wagen, das Fantasieleben mit der Realität kollidieren zu lassen, das intensive Gefühl der Scham zur Schau zu stellen, statt es tief zu vergraben.“

Ruth Franklin hat nach Lektüre des sechsten und letzten Bandes (stattliche fünfeinhalb Bände mehr, als ich gelesen habe) Knausgårds Idee stichhaltig entschlüsselt. Aber welch eine Enttäuschung für mich, dass sich nach all den Jahren des Rätselratens ein Buch mit Originaltitel „Mein Kampf“ wirklich als Kommentar zu „Mein Kampf“ entpuppt.

Klimawandel und die Vermittlung der Folgen

Bruno Latour, the Post-Truth Philosopher, Mounts a Defense of Science

Mit sehr großem Interesse am vergangenen Wochenende gelesen: Die NYT über Bruno Latour und sein Verhältnis zur Wissenschaft (er tourt gerade zum Thema Anthropozän durch die USA).

„Weil die Angriffe auf ihre Expertise zugenommen haben, haben laut Latour einige Wissenschaftler begriffen, dass die klassische Herangehensweise der Wissenschaft – die Annahme, dass die Fakten für sich selbst sprechen und deshalb von allen Bürgern gleich interpretiert werden – ‚ihnen nicht ihre alte Autorität zurückgibt.‘ In einem Interview vergangenes Jahr beschrieb Rush Holt Jr., ein Arzt der 16 Jahre Abgeordneter im Kongress war, den ‚March for Science‘ als Wendepunkt. Die Leute, sagte er, würden langsam verstehen, ‚dass sie die Bedingungen verteidigen müssen, unter denen Wissenschaft gedeihen kann.‘ (…)

Latour ist der Ansicht: Wenn Wissenschaftler transparent erklären würden, wie Wissenschaft wirklich funktioniert – als Prozess in dem Menschen, Politik, Institutionen, Peer Review und so weiter alle ihre Rolle spielen -, wären sie in einer besseren Position, um die Menschen von ihren Behauptungen zu überzeugen. Klimaforscher, sagt er, müssten erkennen, dass sie als designierte Repräsentanten der Natur schon immer politische Akteure waren, und dass sie nun Kombattanten in einem Krieg sind, dessen Auskunft planetarische Auswirkungen hat.“

Ich konnte erfreulicherweise danach mit einem Fachmenschen darüber sprechen, der mir in der Tat erzählt hat, dass die Klimawandelfolgen-Vermittlung inzwischen eine immer größere Rolle im Fach spielt (und Interdisziplinarität weiterhin ein Problem ist, was im Text auch angerissen wird). Das oben Zitierte wirkt auf zwei Arten zunächst fremd: Einmal, weil Naturwissenschaften durch ihre Exaktheit die Vermittlung ja eher auf Versuchsanordnung und Konsequenzen der Ergebnisse beziehen als auf „so entsteht Wissen in sozialen Prozessen“. Wenn sie diese sozialen Prozesse überhaupt als relevant anerkennen. Und auch der Rollenwechsel von Mittelsmann/Mittelsfrau zum Akteur erscheint ungewohnt, aber angesichts des Endes des Mittelsmenschen im vernetzten Zeitalter dann doch irgendwie… unausweichlich.

Aber dann ist natürlich die Naivität, die gerade der zweite Absatz in sich trägt: Transparenz erscheint mir moralisch geboten, aber ist sie in diesem Fall – wir reden von einer Welt, in der Zweifel und Schaffung von Unübersichtlichkeit zum Fakten-Derailing genügen – mehr als eine idealistische Übung? Dabei meine ich nicht nur die Vermeidung von Komplexität, die solche Vermittlungen schwierig macht, sondern auch die Vermeidung von Verantwortung, die einen nicht geringen Teil der Klimawandel-Leugner antreibt. Vor dem Problem des „kollektiven Handelns“ kommt das Problem der „Interpretation zugunsten von Untätigkeit“. Was nichts daran ändert, dass wir neue Vermittlungen der Klimawandel-Erkenntnisse und vor allem der Folgen dringend benötigen, alleine schon zwecks des Handlungsdrucks. Der letzte Weltklimarat-Bericht war in dieser Hinsicht auch bereits deutlich weniger zurückhaltend.

Siehe auch:
Menschengemacht
Dunkler
Wärme über dem Permafrost
Im Klimawandel (2016)

Screenshot: John Quigley: Melting Vitruvian Man (2011), aus: Exploring the Arctic Ocean, Visual Arts Center, UT Austin

Homogenisierte Geisteswelt

Empire’s Raketeers: Pankaj Mishra interviewed by Wajahat Ali ($)

Pankaj Mishra:

„Viele Menschen, die wir als Intellektuelle bezeichnen – unsere ‚Thought Leader‘ – sind im Grunde globale Experten, geschickte Akteure in den Netzwerken von Oxbridge, den amerikanischen Elite-Unis, der London School of Economics, in Think Tanks, Davos und Aspen. Das Resultat, das wir nach Trump klarer erkennen, ist eine stupide Gleichheit in der öffentlichen Geisteswelt: Lärmende Echokammern, in denen eine ganze Kategorie von Autoren und Journalisten immer wieder die gleichen Dinge sagt. Das ist der Grund, warum unsere gegenwärtige politische Krise vor allem eine globale intellektuelle Krise ist – das Resultat einer nutzlosen Homogenisierung von Ideen.

Wir haben diese akademischen Superstars, die dauernd von Wissen und Macht geredet haben, während sie selbst beschäftigt damit waren, die soziale Leiter empor zu steigen. Selbst Autoren und Intellektuelle mit großer Integrität und ausgeprägtem Mut haben sich zu stark professionalisiert, wurden zu karrierefixiert und machten sich Sorgen, ihre Bezugsgruppe verärgern zu können – ganz zu schweigen von denjenigen, die sie als berühmtere und erfolgreichere Menschen wahrnehmen, die über ihnen stehen. Diese professionelle Fügsamkeit hat es Leuten wie [Niall] Ferguson ermöglicht, erfolgreich zu sein. Und sie ist der Grund, weshalb diese Gruppen heute auf Kritik hysterisch reagieren.“

Gewöhnungseffekte

How The War Against The Press Went From Bias To Enemy of The People

Charlie Warzel:

„Die Gewöhnung an die medienfeindliche Rhetorik hat zu einem Anstieg der Belästigungen von Journalisten geführt, sowohl online als auch offline, darunter auch unverhohlene Drohungen. Im Frühsommer, kurz vor einem in anderem Zusammenhang stehenden Schusswaffen-Angriff auf eine Redaktion in Annapolis, Maryland, antwortete der professionelle Troll und gefeuerte Breitbart-Redakteur Milo Yiannopoulos auf mehrere Stellungnahme-Anfragen von Journalisten mit dem Statement: ‚Ich kann es kaum erwarten, dass Bürgerwehr-Truppen anfangen, Journalisten schon beim ersten Sichtkontakt abzuknallen.“

Nach dem Annapolis-Vorfall erzählte Yiannopoulos Reportern, dass der Kommentar nur ‚Trollerei‘ gewesen sei. Andere finden die Sprache dezidiert weniger ironisch. Im August wurde ein Kalifornier verhaftet, nachdem er 14 Drohanrufe beim Boston Globe abgesetzt und mit einem Massaker gedroht hatte und sich dabei bei Trumps Aussage bediente, dass Journalisten die ‚Feinde des Volkes‘ seien. Außerhalb des Gerichtsgebäudes gab er während seiner Anhörung ein Statement ab: ‚Amerika wurde gerettet, als Donald J. Trump zum Präsidenten gewählt wurde.‘ Milo seinerseits wiederholte sein Verhalten diese Woche: ‚Kriege jetzt erst die Nachrichten über die Rohrbomben mit‘, schrieb Yiannopoulos in einem Instagram-Posting am Donnerstag. ‚Widerlich und traurig (dass sie nicht hochgingen und dass Daily Beast keine bekommen hat).‘ (…)

Der Wandel der Vorstellung von einer einseitigen Medienlandschaft zu Medien, die eine Gefahr sind, kommt nicht aus einer Quelle oder gar von direkten Aufrufen. Er kommt von einem politischen Ethos, der Kritik, Faktenprüfung und Entlarvungen mit Feindlichkeit gleichsetzt. Er ist auch das Produkt ständiger Wiederholung; eine Botschaft, die – immer und immer wieder wiederholt – eine neue Bedeutung und Dringlichkeit entwickelt. Langsam ändert das die Wahrnehmung und die Normen, senkt das soziale Stigma, ‚Lügenpresse‘ zu rufen oder ironisch zur Erschießung von Journalisten aufzurufen. Die lautesten Stimmen mögen nicht tieferliegende bösartige Beweggründe haben, was aber nichts daran ändert, dass diese Sprache diejenigen ermutigt, die die schlimmsten Absichten haben.“

Das Problem ist nicht da draußen

This Is Not A Blip

„[Für Viele] im politischen und politiknahen Establishment besteht der Weg aus dieser [Vertrauens-]Rezession darin, den Weg zurück zum Ancien Regíme zu finden. Multilateralisten versuchen das öffentliche Vertrauen in Multilateralität dadurch wieder herzustellen, dass sie weiter Multilateralisten sind. Die Antwort auf schlechte Institutionen sind Institutionen. Die Nöte der globalen liberalen Weltordnung verlangen nicht weniger, sondern mehr von der globalen liberalen Weltordnung. Wir haben die Krankheit diagnostiziert. Und ihre Heilung wird offenbar ihre Ursache sein.

Aber das gegenwärtige politische Klima ist nicht nur ein Wettermuster, das vorbei geht. Das ist nicht nur ‚eine Phase‘, um den Ausdruck sich selbst tröstender homophober Eltern zu gebrauchen. Es handelt sich nicht um eine Verirrung oder ein Zwischenspiel. Politisch, ökonomisch, kulturell haben wir die Grenze von der Trockenheit zur Aridisierung überschritten, von der Krankheit zum Verfall. Das ist keine kleine Abweichung. (…)

Der gegenwärtige Aufstieg des reaktionären Populismus muss im Kontext der Geschichte der liberalen Demokratie betrachtet werden. Am besten versteht man ihn als Kollision zwischen zwei Gruppen und zwei Bereichen, die früher in sicherem Abstand zu einander blieben: der eingekapselte Markt, mit seinen Regeln von Wettbewerb und Imperativen der Anhäufung und Wachstum, und die widerspenstigen Forderungen der Bevölkerung, die von hyperaktiven Informationsübermittlungskanälen der sozialen und digitalen Medien gefüttert werden. Es ist die Rache der Bevölkerung – wie stark der Blip-Denker auch behauptet, dass die Krise des Liberalismus in Wahrheit eine Krise der Demokratie ist.

Statt diese Kollision als das zu sehen, was sie ist – die Freilegung einer folgenreichen Spannung in der liberalen Ordnung, die immer schon da war und nie verschwinden wird – und die Forderungen der Menschen ernst zu nehmen, glaubt der Blip-Denker, den alten Waffenstillstand zwischen Liberalismus und Demokratie zurückbringen zu können. Das Problem ist dort draußen, im Bewusstsein der Öffentlichkeit, nicht in den Institutionen, in die die Öffentlichkeit ‚Vertrauen‘ verloren hat. Der Blip-Denker glabt, dass die Bevölkerung sich verändern muss, nicht die Welt.“

Wütende Artikel wie diese sind… gut! Progressive laufen Gefahr, im Wunsch nach der unmöglichen Rückkehr zur Normalität zu blinden Verteidigern des Status Quo zu werden – oder bestenfalls im Macron’schen Modus des „Yuppie-Populismus“ (Zitat Pankaj Mishra) die Lösung zu sehen, die doch im Kern nichts anderes als eine weitere Auflage jenes „Dritten Wegs“ ist: PR-technisch oft versiert, intellektuell abgewirtschaftet und ohne größeren Nachweis, die Probleme des 21. Jahrhunderts ernsthaft lösen zu können oder wollen.

Wenn ich die Geschichte der kapitalistischen Zivilisation wie Jason Moore aber als „Aneignung von menschlichen und außermenschlichen Naturen“ betrachte (genauer: vier Naturen, „four cheaps“ -Nahrungsmittel, Arbeitskraft, Energie und Rohstoffe), dann liegt der Schluss nahe, dass der weitere Weg – also eine fortgesetzte Aneignung/Akkumulation unter den bereits beschleunigten Bedingungen – zivilisatorischer Selbstmord wäre, weil wir am Limit sind. Veränderung wäre also das Los der Stunde, doch die Progressiven und der verbliebene Rest links der Mitte scheuen sich, ohne die beiden Wörter „aber schrittweise“ überhaupt vor die Bürger zu treten. Doch was sich als Vernunft kleidet, könnte sich im historischen Rückblick einmal als bloße Feigheit entpuppen.

Siehe auch:
Es wird keine Rückkehr zur Normalität geben (2016)
Der Niedergang des Nationalstaats
 „Liberal“ vs. „nationalistisch“?
Globalismus und das schlafende progressive Lager (2016)
Der theologische Kapitalismus (2009)

Wo Gott jetzt lebt

Diary: Meghan O’Gieblyn, On Writing the Midwest

„Wenn ich über Religion schreibe, bestehen die Magazinredakteure oft darauf, die Pew-Studie aus dem Jahr 2014 erwähnen, die den Aufstieg der ‚Nichts-von-dem“ beschreibt – junge Menschen, die keine religiöse Zugehörigkeit beanspruchen. Dabei geht es darum, die allgemeine Vorstellung zu bestätigen, dass Amerika seine abergläubische Vergangenheit hinter sich lässt und standhaft in Richtung Zukunft schreitet.

Vielleicht stimmt das. Aber als jemand, der diesen Weg selber gegangen ist, kann ich versichern, dass solche Lebensreisen selten linear oder unkompliziert sind. William James merkte einmal an, dass ‚die heftigsten Revolutionen in den Überzeugungen eines Menschen das meiste seiner alten Ordnung bestehen lassen.‘ In anderen Worten: Sogar wenn jemand äußerlich eine lange gehegte Überzeugung anprangert, bleibt die Architektur der Idee erhalten und kann von anderen Dingen bewohnt werden.

Das gilt für Kulturen wie für den Einzelnen; unsere zunehmend säkulare Landschaft ist auf viele Arten immer noch vom Erbe des Christentums geprägt. Die Bezeugung dauert fort in den Räumen des Zwölf-Schritte-Programms und im zeitgenössischen Schreiben über Mutterschaft, die oft die Form eines Bekehrungserlebnisses annimmt. Zugleich lebt die epische Glaubenserzählung der messianischen Erlösung weiter, in den utopischen Visionen des Transhumanismus und dem endlosen Bogen des Fortschritts, den der Liberalismus beschwört.“

Narziß und Goldmund im 21. Jahrhundert

Gerade aus den internationalen Feuilletons wird der wachsenden Irrelevanz der Geisteswissenschaften mit dem Szenario begegnet, die Digitalisierung wäre menschenfreundlicher verlaufen, wenn doch nur mehr Geisteswissenschaftler beteiligt gewesen wären (also außerhalb der PR-Abteilungen, meine ich).

David Auerbach, Ex-Entwickler bei Microsoft und Google und inzwischen Essayist, in seinem Buch „Bitwise – A Life in Code“ (Seite 81) zu diesem Konflikt:

„In den Augen von Tech-Spezialisten bauen die Gelehrten der Geisteswissenschaften schlecht begründete Luftschlösser, und das mit der Hilfe von bedeutungslosen Worten, um zu beweisen, das nichts etwas bedeutet. Für die Geisteswissenschaftler sind die Tech-Spezialisten gefangen in einer positivistischen Geisteshaltung, die wenig Raum für Kontext, Spekulation oder solche Denkweisen lässt, die nicht auf eine logische Form reduziert werden können. Jede Seite neigt dazu, die andere mit erstaunlicher Lieblosigkeit zu behandeln.

Die Begegnung findet allerdings kaum auf Augenhöhe statt: Der Tech-Boom und die immer zentralere Stellung der computergetriebenen Verarbeitung in unserem Leben hat der Tech-Kultur ein Gefühl von Relevanz und finanziellem Erfolg gegeben, das in starkem Kontrast zum Übermaß an schlecht bezahlter Arbeit in den Hochschulen steht. Universitäre (Geistes-)Wissenschaftler können Tech nicht mehr ignorieren, und Modeerscheinungen wie die ‚Digital Humanities‘ oder auch Technologie-Studien wurden zu neuen Mechanismen, um das prekäre System des amerikanischen Hochschulwesens etwas abzustützen.

Für mich waren die beiden Felder stets gleichberechtigt – und gleichermaßen fremd. Die Exaktheit der Computerwissenschaften gab mir ein Werkzeug, heiße sprachliche Luft zu erkennen. Geisteswissenschaftliche Einbildungskraft jedoch ermöglichte es mir zu verstehen, was ich in diesem technokratischen Labyrinth überhaupt tat – und mich zu fragen, warum ich es tat und wohin es führte. Ich programmiere nicht länger hauptberuflich, aber ich vermisse das geistige Training, das es mir verschaffte und das mir half, meinen Verstand präzise geometrisch zu schärfen.“

Siehe auch:
Tech und seine Kulturen
Fuchs und Igel, Wirtschafts- und Geisteswissenschaften

Hyperrealität und Medienwirklichkeit

Media Manipulation, Strategic Amplification, and Responsible Journalism
The Oxygen of Amplification: Better Practices for Reporting on Extremists, Antagonists, and Manipulators
Alternative Influence: Broadcasting the Reactionary Right on YouTube
Infowarzel-Newsletter (9/19/18)

Danah Boyd hat auf der Konferenz der Online News Association jüngst einen Vortrag gehalten, den Journalisten nachlesen sollten (erster Link). Es geht um die Verschiebung des Overton-Fensters durch Medien-Trolling und die Strategie, aus einer Kombination von Provokation und der Verwendung bislang unbenutzter Begriffe („Daten-Fehlstellen“, um die herum Content mit der Verwendung des Begriffs geschaffen wird) Aufmerksamkeit zu erzielen. Hier nur ein kurzer Ausschnitt:

„Manipulierende versuchen nicht, Journalisten dazu zu bringen, dass Zeugen von Waffengewalt und Terrorismus wirklich ‚Crisis Actors‘ [bezahlten Darstellern einer angeblich gefakten Krisensituation, joku] sind. Ihr Ziel ist es, dass die Nachrichtenmedien diesen Frame negieren und mit ihm die Verschwörer, die ihn verbreiten. Das erscheint der Intuition zu widersprechen, aber wenn Nachrichtenmedien einen verschwörerischen Frame entlarven, werden diejenigen, die am empfänglichsten für solch eine Verschwörungsidee sind, der Sache selber nachgehen, weil sie eben den Nachrichtenmedien nicht trauen. Das Resultat der Entlarvung ist also ein Bumerang-Effekt.

Dem Begriff den Weg ins öffentliche Lexikon zu ebnen, ist nur der erste Schritt. Natürlich ist es lustig, einen Versuch zu feiern, die großen Nachrichtenanbieter zu manipulieren. Aber ein nachgelagertes Ziel ist es, die Menschen zur Suche nach einem Begriff zu bringen, über den sie noch nie nachgedacht haben. Als die Medien begannen, die Idee von ‚Crisis Actors‘ zu negieren, schnellten die Suchen danach in die Höhe. Was fanden diejenigen, die danach suchten? In den ersten Tagen nach Parkland zum Beispiel Blog-Postings und Online-Konversationen, die aufgesetzt worden waren, um die Nachrichtenmedien zu verspotten und die Öffentlichkeit zu täuschen.“

Ich habe neulich einmal vom „Kampf um die Bedeutungshoheit“ geschrieben, in dem die rechtsreaktionäre Kultur digital ziemlich erfolgreich ist.  Das Bild des Ökosystems in den USA wird immer vollständiger, die verlinkte neue Studie „Alternative Influence“ zeigt auch, warum Youtube hier in den Fokus rückt. Danah Boyd empfiehlt als ein Gegenmittel „strategisches Schweigen“, wenn es um Akteure wie A. Jones geht.

Ich bin mir nicht ganz sicher, ob es so einfach ist. Über das „Phänomen“ nicht zu berichten, ist legitim, es gibt x Youtuber, die keinerlei Aufmerksamkeit erhalten. Dann gibt es andere Tangenten, z.B. die Sperrung oder die Klage der Sandy-Hook-Eltern, die für Debatten über die Verantwortung von Plattformen und die Grenzen der Meinungsfreiheit in den USA relevant sind. Zwingend ist das aber nicht, (schon gar nicht für deutsche Medien).

Das Problem ist glaube ich aber vor allem, dass wir bei der digitalen Relevanzdebatte schnell auf kontextlose Zahlen (Youtube-Abrufe, Tweets zum Thema, Klickzahlen des Themas) kommen, die per se nichts über die Relevanz und die Frage aussagen, ob viele Menschen seine Meinung teilen (oder die Klicks/Meinungen überhaupt echt sind) oder sich das noch irgendwie anders manifestiert. Darin liegt die Gefahr, jemanden relevanter zu machen, als die Person/Organisation ist (vgl. Alt-Right) – oder überhaupt darüber zu berichten.

Das Wesen der Content-Produktion selbst hat auch Einfluss, weil in vielen x Redaktionen bzw. Content-Fabriken die Welt nur noch digital vermittelt ankommt und der Job weitestgehend auf Signalverarbeitung reduziert ist. Am Ende steht dann dort ebenfalls eine Zahl von x Artikeln zum Thema, was in aufmerksamkeitsbasierten Redaktionen ebenfalls Relevanz signalisiert. Und schon kommst du mit einem kleinen Verstärker-Netzwerk relativ schnell über die Wahrnehmungsschwelle. Sei es mit einem viralen Clip oder einem Hass-Stunt.

Siehe auch:

 Neonationalismus ist ein Markt