Einsamkeit: „Einige von uns haben niemanden von euch“

Makala (Dokumentarfilm)
How Loneliness Is Tearing America Apart (Leserkommentare)

Lob der Leserkommentare: Der Chef des American Enterprise Institute versucht, mit einem Gastartikel über Einsamkeit den gemäßigten Republikaner Ben Sasse zu pushen. Und eine Leserin mit Namen Charlotte schreibt einen Kommentar, der sehr viel gehaltvoller und vor allem ehrlicher ist:

„Ich habe jedes Buch über Einsamkeit gelesen. Warum? Weil ich einsam bin. Auf einer Erkenntnisebene bringt der Text sein Argument an. Aber auf einer emotionalen Ebene ist er nur ein kleiner Punkt auf der Spitze der Einsamkeit. Was die Tiefe der Isolation schwieriger macht: Niemand, nicht die Familie, nicht der Freundeskreis, will davon etwas wissen. Einsamkeit versteckt sich, so wie sich Depression einst versteckte. Zuzugeben, dass du einsam bist, ist ein Tabu. Und niemand, der nicht völliges und fortgesetztes Alleinsein erlebt hat, kann sich Tage ohne Kontakt vorstellen. Einige von uns haben niemanden von euch. Und einige von uns sind die gütigsten, einfühlsamsten Seelen. Weil wir wissen, fühlen und erleben, was Leere ist. England hat eine Botschafterin für Einsamkeit ernannt. Wie die Briten sagen: ‚Brillant.‘ Aber lass uns abwarten, wie effektiv die Sensibilisierung sein wird. Denn im Falle von Einsamkeit bedeutet ‚aus den Augen‘ tatsächlich ‚aus dem Sinn‘.“

Während wir langsam die Entstigmatisierung der Depression erleben, die inzwischen als komplexes neurologisches Phänomen wahrgenommen wird, wird die Einsamkeit weiterhin im Tabu versteckt. Als Dauerzustand haftet ihr ein sozialer Makel an, der Verdacht, dass Betroffene doch einfach nur rausgehen und Nähe zu anderen Menschen suchen müssten.

Das verkennt die Komplexität des Zustands, denn Einsamkeit kann aus ganz verschiedenen Formen der Isolation entstehen. Es gibt die Einsamkeit des Fremden in einer anderen Kultur (die ich gut kenne). Die soziale Isolation derjenigen, für die eine Gesellschaft keine passende Schublade findet oder deren Lebenswelt im Normalo-Konsens als No-Go-Zone gilt. Die Einsamkeit der Väter oder Mütter, die sich schämen, zu ihrem Familienleben keine tiefe Bindung herstellen zu können. Das Alleingelassensein vieler Älterer. Der Karriere-und-Feierabend-Kokon der Vielbeschäftigten. Einsamkeit ist nicht auf physische Isolation beschränkt, du kannst sie im Partygespräch genauso erfahren wie allein in deinem Zimmer. Sie muss nicht einmal alle persönlichen Lebenswelten betreffen: Partner können Bett, Leben und Nachwuchs teilen und sich doch einander entfremdet und einsam fühlen. Ein Single kann einen erfülltes soziales Umfeld und sogar Sexleben haben, aber die Nähe der Seelen-Intimität vermissen.

Neben dem Stigma scheint es eine besondere Intimität des Zustands zu sein, die es so schwierig macht, darüber zu reden oder den in ihm verborgenen Gefühlskosmos zumindest halbwegs zu kategorisieren. Im Deutschen können wir nicht einmal zwischen freiwilliger (solitude) und unfreiwilliger (loneliness) Einsamkeit unterscheiden. Robert Burton hat einmal Melancholie als „Rost der Seele“ bezeichnet. Einsamkeit, das sind Leerstellen in unserer Seele. Oft halten wir sie vor uns selbst geheim, weil wir überzeugt sind, sie niemandem zeigen zu können. Obwohl jeder Mensch versteht, wie sie sich anfühlt. Und obwohl wir uns vielleicht als Zivilisation gerade in ein Jahrhundert der chronischen Vereinsamung einleben. Merkwürdig.

Foto: Screenshot aus dem Film „Makala“

Einsteins Gott-Parabel im Jahr 2018

Über diese Rezension bin ich auf Albert Einsteins Antwort auf die Frage gestoßen, ob er ein Pantheist sei (das Interview dürfte in den 1920ern stattgefunden haben).

„Ihre Frage ist die schwierigste der Welt. Es ist keine Frage, die ich einfach mit ja oder nein beantworten kann. Ich bin kein Atheist. Ich weiß nicht, ob ich mich als Pantheist bezeichnen könnte. Das Problem, um das es geht, ist zu enorm für unseren begrenzten Verstand. Könnte ich nicht mit einer Parabel antworten? Der menschliche Verstand, egal wie sehr er trainiert wurde, kann das Universum nicht begreifen. Wir befinden uns in der Lage eines kleines Kindes, das eine große Bibliothek betritt, deren Wände bis zur Decke mit Büchern in vielen verschiedenen Sprachen voll stehen.

Das Kind weiß, dass jemand die Bücher geschrieben haben muss. Es weiß nicht, wer oder wie. Es versteht die Sprachen nicht, in denen sie geschrieben wurden. Das Kind erkennt die Existenz eines genauen Plans hinter der Anordnung der Bücher, eine geheimnisvolle Ordnung, die es nicht versteht, sondern nur schemenhaft erahnt. Das scheint mir das Verhältnis des menschlichen Verstands, selbst des großartigsten und kultiviertesten Verstands, zu Gott. Wir sehen ein Universum, das fantastisch angeordnet wurde und bestimmten Regeln folgt, aber wir verstehen diese Regeln nur vage. Unser beschränkter Verstand kann die geheimnisvolle Kraft, die diese Konstellationen beeinflusst, nicht begreifen. Mich fasziniert Spinozas Pantheismus. Ich bewundere ihn noch mehr für seinen Anteil an der modernen Gedankenwelt. Spinoza ist der größte der modernen Philosophen, weil er sich als erster Philosoph mit der Seele und dem Körper als Einheit befasst hat und sie nicht als getrennt betrachtet hat.“

Würde ein Naturwissenschaftler, der nicht Einstein heißt, gut Hundert Jahre später öffentlich über den „Gott in allen Dingen“ mutmaßen, er hätte wohl schnell den Ruf als Esoteriker weg. Gerade außerhalb der Naturwissenschaften.

Je mehr wir wissen, desto geringer scheint unsere Toleranz für Zwischenräume, für das Unbeantwortbare zu sein. Unbeantwortbar im Sinne von „nicht heute, nicht morgen, niemals“. Eine verbreitete Form des Atheismus – und darum dreht sich auch die verlinkte Rezension – hat die Metaphysik als Idee völlig beerdigt und sie (und mit ihr die ehemalige Gottesleerstelle) mit einer individuellen Fortschrittsidee ersetzt.

Dieser Fortschritt kann in der Gestalt des „Irgendwann“ erscheinen: Irgendwann finden wir die Theorie von allem, irgendwann erhalten wir durch unsere Weltraum-Empfänger Signale aus anderen Zivilisationen, irgendwann kolonisieren wir den Mars, irgendwann verschmelzen wir mit dem Internet. Aber wenn das Paradies nicht existiert, dann weder im Jenseits, noch in der Zukunft.

Die Demut in Einsteins Parabel hat ihren Kern dort, wo er ein Kind in die Rolle unseres Verstandes schlüpfen lässt. Eines, das immer Kind bleiben und immer wieder rätselnd vor den Bücherregalen stehen wird. Ich mag diese Demut, weil sie dem Wesen der Existenz sachte zunickt, obwohl es sich nicht benennen, überliefern, berechnen oder begreifen lässt.

Der schrumpfende Planet

How Extreme Weather Is Shrinking The Planet

„Bis jetzt haben sich die Menschen ausgebreitet, während unserer Anfänge in Afrika, danach rund um den Globus – zunächst langsam, dann immer schneller. Aber eine Periode der Verengung beginnt, weil wir die bewohnbaren Teile der Erde verlieren. Manchmal wird unser Rückzug hastig und gewaltsam sein; der Versuch, über enge Straßen die brennenden Kleinstädte Kaliforniens zu evakuieren war so chaotisch, dass viele Menschen in ihren Autos starben. Aber der größte Teil des Rückzugs wird langsamer sein, und er wird entlang der Küstenstreifen der Welt beginnen. Jedes Jahr verlassen 24 000 Menschen das unerhört fruchtbare Mekong-Delta in Vietnam, weil die Ackerfrüchte mit Salz verschmutzt werden. Während das Meereis entlang der Küste von Alaska schmilzt, gibt es nichts, was Siedlungen, Städte und die Dörfer der Ureinwohner vor den Wellen schützt. In Mexico Beach, Florida, das Wirbelsturm Michael so gut wie ausgelöscht hat, erzählte ein Bewohner der Washington Post: ‚Die Älteren können das hier nicht mehr wieder aufbauen, es ist zu spät in ihren Leben. Wer wird hier bleiben? Wer wird sich kümmern?‘

In einer Woche Ende vergangenen Jahres las ich Berichte aus Louisiana, wo Regierungsbeamte die Pläne zur Umsiedlung Tausender Menschen abschlossen, die vom steigenden Golf von Mexiko bedroht werden (‚Nicht alle werden dort leben, wo sie heute sind und ihren ihren gewohnten Lebensstil fortführen. Das ist eine schlimme und emotionale Realität, der wir uns stellen müssen‘, sagte ein Offizieller des Bundesstaats). Aus Hawaii, wo einer neuen Studie zufolge 60 Kilometer Küstenstraße in den kommenden Jahrzehnten unpassierbar werden. Und aus Jakarta, einer Stadt mit zehn Millionen Einwohnern, wo die steigende Javasee die Straßen überflutete. In den ersten Tagen des Jahres 2018 überflutete ein Sturm Downtown Boston; Mülltonnen und Autos schwammen durch den Finanzbezirk. ‚Wenn jemand die Erderwärmung in Frage stellen möchte, soll er sich ansehen, wo die Flutgebiete liegen‘, erklärte Marty Walsh, der Bürgermeister von Boston vor Reportern. ‚Einige dieser Gegenden wurden vor 30 Jahren nicht überflutet.'“

Ein langes Stück, das aber alle wichtigen Entwicklungen der jüngeren Vergangenheit zusammenfasst und nebenbei den Ausdruck „Predatory Delay“ ins Mainstream-Vokabular einführt – die Blockade von Veränderungen, um in der Zwischenzeit mit nicht aufrecht zu erhaltenden und ungerechten Systemen Geld zu verdienen.

Im Zusammenhang mit solchen Katastrophenprognosen, die sich eher an den möglichen Extremen orientieren, sei allerdings auch auf die derzeitige Mediendebatte in Deutschland hingewiesen. Sie dreht sich um die wichtige Frage, wie Journalisten mit den Unschärfen der Modelle umgehen sollen.

Siehe auch:
Klimawandel und die Vermittlung der Folgen
Menschengemacht
Wärme über dem Permafrost

Persönliche Marktanteile

Jonathan Franzen Is Fine With All Of It

Jonathan Franzen in diesem feinen Porträt aus dem Sommer:

„‚Ich war nie ein großer Anhänger einer Gesellschaft, die sich vorwiegend nach dem Konsumverhalten strukturiert, aber ich hatte meinen Frieden damit geschlossen‘, so Franzen. ‚Aber als es damit anfing, dass jede individuelle Person auch ein Produkt sein musste, das die Person selbst verkauft, und als Likes von überragender Wichtigkeit wurden – das war für mich sehr besorgniserregend auf einer persönlichen Ebene, als Mensch. Wenn du dich in einem Zustand ständiger Angst befindest, deine Marktanteile als Person zu verlieren, ist das für mich die falsche Haltung, um sich in der Welt zu bewegen.‘ Heißt: Wenn dein Ziel ist, Likes und Retweets zu bekommen, dann modellierst du dich vielleicht zu dieser Person, von der du glaubst, dass sie diese Dinge bekommen wird, egal ob diese Person deinem wirklichen Ich entspricht. Die Aufgabe eines Schriftstellers ist es, Dinge zu sagen, die unbequem und schwierig zu vereinfachen sind. Warum würde ein Schriftsteller sich selbst als Produkt formen?“

Wenn es schon soweit ist, dass ich Jonathan Franzen zitiere… aber Spaß beiseite: Natürlich hat er recht, aber die Vergangenheit ist etwas komplexer. Auch vor dem Netzwerk-Zeitalter ging es um Selbstinszenierung und Marktwert, nur eben nicht ständig, in der Regel nicht quantifizierbar und für die meisten Menschen nicht öffentlich und jeweils nach sozialen Anlässen & Kreisen getrennt. Auch für Autoren. Das alles ist jetzt flach, pausenlos und zahlenlastig geworden, sofern man es mitmachen möchte und ernst nimmt.

Was mir bei Social Media in diesem Modus verloren gegangen ist, ist das Persönliche. Es gibt eine Verbindung, aber sie ist eher wie auf einer dieser Medienszene-Partys bei irgendjemandem im Prenzlauer Berg. Oder wie die Abendessen, auf denen Larry David bei Curb Your Enthusiasm immer in die Fettnäpfchen tritt. Vieles ist performativ, gerne wichtigtuerisch und auf das Senden von Signalen ausgelegt. Also eigentlich im Kern ziemlich normiert, weshalb die Aufreger so leicht zu triggern und abzusehen sind, weshalb die ironischen Pointen so routiniert sitzen. Für mich wäre der sinnvollste Schritt, Follower- und Like-/Reaktionszahlen  einfach nicht mehr einzublenden, so wie das Are.na zum Beispiel macht. Aber dann wären Reputation, emotionale Teilnahme und Witzigkeit nicht mehr quantifizierbar, der virale Effekt unsichtbar und das Spiel unterm Strich vorbei.

Siehe auch:
Was Reputation zählt

Journalismus, Abomodelle und die Entbündelung

Subscription Fatigue? ($)

Ben Thompson mit seiner Perspektive auf eine Nieman-Lab-Geschichte zur Frage, wer sich wirklich digitale Zweit- und Drittabos leisten wird.

„Lokalzeitungen entstanden in einer Zeit, als das Geschäftsmodell für Journalismus darauf aufbaute, die Verteilung physischer Zeitungen zu kontrollieren. (…) Im Internet ist die Distribution allerdings kostenlos, jede Publikation konkurriert mit jeder anderen Publikation. Das ist ein Problem, wenn ein großer Teil deines Contents Nachrichtenagentur-Stücke über nationale und weltweite Nachrichten sind, so wie das bei Lokalzeitungen der Fall ist. (…) Es gibt einfach zu viele andere, bessere Optionen, selbst wenn du zu zahlen bereit bist.

So weit, so bekannt. Aber wie Geld verdienen? BT weiter:

Die Antwort also lautet: größere Spezialisierung. Eine Publikation, die sich auf Lokalnachrichten konzentriert, sollte zum Beispiel über nichts anderes als Lokalnachrichten berichten. (…) Unter dem Strich verkauft eine Lokalzeitung keine Wörter, sondern ein Gefühl, informiert und ein guter Bürger zu sein. In diesem Zusammenhang kann es sogar ein Service sein, mir zu erzählen, das nichts passiert ist und ich meine Zeit besser damit verbringe, etwas anderes zu lesen.“

Wer Ben Thompson liest (und das sollte jeder, der sich mit den geschäftlichen Komponenten der Digitalisierung beschäftigt), weiß natürlich, dass er selbst ein Beispiel für diese Spezialisierung ist: Seine Seite Stratechery kostet 10 Dollar pro Monat und liefert vier Mal die Woche per E-Mail detaillierte Tech-Analysen, sonst nichts.

„Wenn Menschen gefragt werden, ob sie für Nachrichten zahlen, ist die natürliche Reaktion, sich unter Nachrichten das vorzustellen, was gerade unter dem Konzept verstanden wird. Um ein einschlägiges Beispiel zu nehmen: Stell Dir vor es ist 2013 und jemand fragt dich, ob du eine Tech-Publikation abonnieren würdest. Die meisten hier hätten wahrscheinlich ’nein‘ gesagt, weil der Referenzrahmen aus jenen Tech-Publikationen bestanden hätte, die 2013 populär waren. Diese Publikationen aber wurden alle von Werbung angetrieben, was zu entsprechenden redaktionellen Kompromissen führte.“

Damit meint BT nicht Schleichwerbung oder Ähnliches, sondern den Fokus auf „General Interest Tech“. Also alles, von Branchen-Berichten über Produkttests und Lifestyle-Aspekten bis zu wissenschaftlichen Entwicklungen von Technologien (vgl. Wired). Bei Tech ist sogar schon eine Spezialisierung dabei, was sich bereits 2013 dort nicht fand, sind die klassischen Vermarktungsressorts wie Reise oder Automobil. Aber weiter mit Ben Thompson:

„Spulen wir ins Jahr 2018 vor und siehe da: Du zahlst 10 Dollar pro Monat für eine Tech-Publikation, aber eine, die auf ein Abomodell aufbaut. Mein Ziel besteht nicht aus Seitenaufrufen oder soziale, Sharing, sondern dass du jeden Morgen das Gefühl hast, etwas Einzigartiges zu lesen, dass dich über eine Branche nachdenken lässt, für die du dich interessierst.

Jetzt nehme dieses Gefühl und wende es auf den ganzen Regenbogen menschlicher Interessen an. Jeder Mensch hat etwas, für das er sich interessiert und das von General-Interest-Publikationen schmerzhaft unterbelichtet und missverstanden wird. Wie viel wäre die Person bereit, jemandem zu bezahlen der dieses Thema versteht und sie zum Nachdenken bringt, sei es ihre Stadt, Hobby oder Karriere?“

Nun speist sich dieser Optimismus ein bisschen aus eigener Erfahrung und der fehlenden Sprachbarriere: Ben Thompson ist Amerikaner und schreibt auf Englisch, der mögliche Markt ist also quasi die ganze Welt. Wer alleine journalistisch publiziert, hat in anderen Sprachen derzeit geringe Chancen auf langfristige Refinanzierung, weil die Nische eben nur unter bestimmten Bedingungen skaliert. Chinesisch wäre natürlich auch zu nennen, aber da findet journalistisches Publizieren nur unter den Bedingungen der Partei statt.

Doch zurück zu seiner Idee einer Entbündelung: Entbündelung bedeutet, anders als ich das einmal erwartet hatte, nicht unbedingt Dezentralität. Siehe Crowdfunding-Plattformen wie Kickstarter oder Startnext, Abo-Infrastrukturen wie Patreon, Steady* oder Substack und (Einstiegspunkt-)Plattformen wie Medium. Es wird also ent-bündelt und gleichzeitig ge-bündelt, wenn auch im Moment eher funktional als inhaltlich – Patreon ist erst einmal ein One-Stop-Shop zur Unterstützung von Kreativarbeitern, die Funktion der Aufmerksamkeitslenkung ist fast nicht vorhanden.

Angesichts solcher Schwächen geistert im Hintergrund immer die Idee herum, dass Amazon oder Apple das „Spotify für Journalismus“ bauen könnten. Dann wäre auch die Frage „wie viele Menschen brauchen ein Zweitabo?“ beantwortet – niemand, denn alles wäre im jeweiligen (wahrscheinlich gestaffelten) Preis enthalten.

Ob darin dann aber Einzel-Publisher wie ein „Ben Thompson, der über Skateboarden schreibt“ überhaupt vorkommen würden, ist überhaupt noch nicht gesagt. Und für die Nischen würde sich die Refinanzierung kaum verändern (die Gleichung würde wohl lauten: „mehr Aufmerksamkeit, aber keine Einnahmen-Steigerung verglichen mit Patreon“ – und wir wissen alle, wie endlos der Long Tail auf Patreon ist). Redaktionen wiederum würden sich zumindest Gedanken über Exklusiv-Vertikalen auf den Plattformen machen müssen, während es sich für einzelne Publizistik-Stars wegen der Einstiegsboni lohnen könnte, zu plattformexklusiven Autoren zu werden. Aber das ist eine sehr am amerikanischen Marktverständnis orientierte Prognose, gebe ich zu.

Noch und zumindest mittelfristig erst einmal weiterhin sind die Machtverhältnisse zwischen Apple/Amazon und den größeren Publishern nicht so weit, schon gar nicht in Deutschland. Aber wahrscheinlich würde spätestens die Perspektive eines solchen „Neu-Bündels“ auf der Plattform auch in D-A-CH die jeweiligen Medienhäuser und Verlage dazu bringen, ein eigenes markenübergreifendes Angebot dieser Art zu schaffen. Spätestens damit wäre das bisherige Bundle radikal hinfällig. Allerdings entspricht das Bundle angesichts der sich abzeichnenden oligopolartige Bespielung von Titeln aus einer Handvoll Zentralredaktionen ohnehin nicht mehr der Formel „Eine Redaktion, ein Produkt“.

Diese Backend-Zentralisierung ist eigentlich das genaue Gegenteil einer Entbündelung des Produkts. Die Idee des „Unbundling“ genießt in den meisten Medienhäusern einen ähnlichen Ruf wie Reisegutscheine für die Titanic. Aber die Entbündelung ist nur schwer aufzuhalten und auch logisch, weil sie viele Formen annehmen kann – unter anderem die Gestalt von Vertikalen.

Das New York Magazine, um dessen neue Paywall es im Nieman-Lab-Artikel unter anderem geht, hat es vorgemacht: Es gibt NYMag.com als Content-Hub, dazu die Schwerpunkt-Eigenmarken The Cut (Mode), Intelligencer (Politik/Meinung), Grub Street (Essen), The Strategist (Shopping-Ratgeber) und Vulture (Popkultur). Alle diese Vertikalen haben ein eigenes Layout, Schwerpunkte, unverwechselbare Haltung und einen bestimmten Sound. Teilweise sind sie von Ressorts im Magazin abgeleitet, aber ich wusste zum Beispiel lange nicht, dass Vulture mit dem NYMag zu tun hat, obwohl ich das Heft abonniert habe. Entbündelung kann also dabei helfen, seine Expertise klarer zu identifizieren und auszubauen. Und an Letzterem führt mittelfristig kein Weg vorbei, Nachrichtenübermittlung und -analyse alleine ist kein Alleinstellungsmerkmal. Und wofür würde ich Geld bezahlen: Für ein Digitalabo von NYMag.com oder für ein Digitalabo mit fünf spezialisierten Marken, für deren Inhalt das NYMag bürgt?

Die Antwort darauf, ob wir in den kommenden zehn Jahren Bündelung oder Entbündelung erleben, lautet also womöglich: Es wird ein und dieselbe Bewegung sein, aus der Vogelperspektive kaum unterscheidbar. Kleinere Teile werden vom großen Ganzen abgespalten und dann in das passende Mosaik eingesetzt.

*23.11. Steady nach Hinweis ergänzt (habe die deutschen Sachen nur so im Augenwinkel-Blick)

 

 

 

Toleranz, technische

 Matters of Tolerance

James Gleick über das Buch „The Perfectionists: How Precision Engineers Created the Modern World“ von Simon Winchester:

„Welche der Wissenschaften ist die präziseste? Biologie ist chaotisch, eine Wissenschaft von Abweichungen von Variationen, von Kreaturen in allen Formen und Größen. ‚Astronomische Präzision‘ ist ein Oxymoron, Astronomie ist voller aufeinander gestapelter Annäherungen und Vermutungen – obwohl die Instrumente der Astronomie Werkzeuge wachsender und zuletzt verblüffender Präzision sind. Winchester untersucht aber nicht die Welt der Abstraktionen, sondern die echte Welt, in der Menschen Dinge herstellen. Sein Vater war Feinmechaniker, der Metall in die perfekteste Maschinerie verwandelte, die möglich ist. Holz ist nett, aber ungenau. Die Geschichte der Präzision beginnt mit Metall. (…)

James Watts Ruhm überschattet den von Iron-Mad Wilkinson [Erfinder der Präzisionsbohrmaschine zum Ausbohren von Kanonenrohren], doch es ist Wilkinsons Präzision, die es Watts Dampfmaschine ermöglichte, Pumpen und Mühlen und Fabriken in ganz England anzutreiben und die Industrielle Revolution zu entfachen. So sehr wie die Maschinen selbst ist die Entdeckung der Toleranz entscheidend für diese Geschichte. Die Toleranz ist in diesem Fall der Spielraum zwischen Zylinder und Kolben. Es ist eine Vorgabe, auf die sich ein Ingenieur (und ein Kunde) verlassen kann. Es ist das grundlegende Konzept für die Welt wachsender Präzision. Wenn Maschinenteile mit einer Toleranz von zweieinhalb Millimeter hergestellt werden konnten, würden bald feinere Toleranzen möglich: Zweieinhalb Mikrometer, zweieinhalb Nanometer, und weniger.“

Ich bin immer wieder fasziniert davon, auf welch vielfältige Art sich die Geschichte der technischen Entwicklung und unserer Zivilisation erzählen lässt.

Mittleren Alters

The Midlife Unraveling

Brené Brown über ihre Midlife Crisis:

„Die Suche nach Eigenliebe und Aufnahmebereitschaft ist wie so viele der neuen Gebrechen, die uns im mittleren Alter erwischen – es ist ein chronischer Zustand. Sie fängt vielleicht im mittleren Alter an, aber wir müssen uns damit für den Rest unseres Lebens herumschlagen.

Und falls du glaubst, das Universum ausblenden zu können wie du das in deinen Zwanzigern gemacht hast und es ‚Pass auf‘ flüsterte, oder als du in deinen frühen Dreißigern warst und es ‚Mach‘ langsamer“ flüsterte, kann ich dir versichern, dass das Universum im mittleren Alter sehr viel hartnäckiger ist. Als ich versuchte, es zu ignorieren, wurde sie deutlich: ‚Es hat Konsequenzen, wenn du deine Gaben verschleuderst. Es bringt Bestrafungen mit sich, große Teile deines Lebens ungelebt zu lassen. Du bist schon auf dem halben Weg zum Tod angelangt. Beweg‘ dich.“

Je näher ich mich in Richtung besagten „mittleren Alters“ bewege, desto weniger sehe ich voraus, wo mich die Krise treffen wird. Habe ich nicht die Dinge mit mir und den Menschen abgemacht, besprochen, überlegt, getan oder gute Gründe für die Unterlassung gefunden? Weiß ich nicht zumindest damit zu leben, einige Abzweigungen genommen und andere Ausfahrten verpasst zu haben? Brené Brown beschreibt, wie dieser Sockel unseres Selbstbilds einstürzt wie eine schlecht zementierte Mauer. Und sie lokalisiert die Ursache des Zusammenbruchs mit einem kraftvollen Satz der Bürgerrechtlerin Maya Angelou: „Es gibt keine größere Agonie, als eine unerzählte Geschichte in dir zu tragen.“

Captain Karl Obvious Knausgård

Knausgaard devours himself

„Ohne explizit zu werden, legt Knausgård die Idee nahe, dass „Min Kamp“ als Reaktion auf „Mein Kampf“ gelesen werden kann, als dessen Umarbeitung – das seine Art und Weise, nach Authentizität zu streben, darin besteht, dass er genau das tut, was Hitler in seinem Buch vermeidet. Wo Hitler vage ist, wird er spezifisch. Wo Hitler die persönliche Erfahrung der Ideologie unterordnet, wird er sich im Spezifischen suhlen, und gewissenhaft alles vermeiden, was auf eine übergeordnete Sache deutet. Hitlers Werk ist völlig unehrlich. Knausgård will radikale Ehrlichkeit, also eine Innerlichkeit auszudrücken versuchen, die nicht mitteilbar erscheint – und es wagen, das Fantasieleben mit der Realität kollidieren zu lassen, das intensive Gefühl der Scham zur Schau zu stellen, statt es tief zu vergraben.“

Ruth Franklin hat nach Lektüre des sechsten und letzten Bandes (stattliche fünfeinhalb Bände mehr, als ich gelesen habe) Knausgårds Idee stichhaltig entschlüsselt. Aber welch eine Enttäuschung für mich, dass sich nach all den Jahren des Rätselratens ein Buch mit Originaltitel „Mein Kampf“ wirklich als Kommentar zu „Mein Kampf“ entpuppt.

Klimawandel und die Vermittlung der Folgen

Bruno Latour, the Post-Truth Philosopher, Mounts a Defense of Science

Mit sehr großem Interesse am vergangenen Wochenende gelesen: Die NYT über Bruno Latour und sein Verhältnis zur Wissenschaft (er tourt gerade zum Thema Anthropozän durch die USA).

„Weil die Angriffe auf ihre Expertise zugenommen haben, haben laut Latour einige Wissenschaftler begriffen, dass die klassische Herangehensweise der Wissenschaft – die Annahme, dass die Fakten für sich selbst sprechen und deshalb von allen Bürgern gleich interpretiert werden – ‚ihnen nicht ihre alte Autorität zurückgibt.‘ In einem Interview vergangenes Jahr beschrieb Rush Holt Jr., ein Arzt der 16 Jahre Abgeordneter im Kongress war, den ‚March for Science‘ als Wendepunkt. Die Leute, sagte er, würden langsam verstehen, ‚dass sie die Bedingungen verteidigen müssen, unter denen Wissenschaft gedeihen kann.‘ (…)

Latour ist der Ansicht: Wenn Wissenschaftler transparent erklären würden, wie Wissenschaft wirklich funktioniert – als Prozess in dem Menschen, Politik, Institutionen, Peer Review und so weiter alle ihre Rolle spielen -, wären sie in einer besseren Position, um die Menschen von ihren Behauptungen zu überzeugen. Klimaforscher, sagt er, müssten erkennen, dass sie als designierte Repräsentanten der Natur schon immer politische Akteure waren, und dass sie nun Kombattanten in einem Krieg sind, dessen Auskunft planetarische Auswirkungen hat.“

Ich konnte erfreulicherweise danach mit einem Fachmenschen darüber sprechen, der mir in der Tat erzählt hat, dass die Klimawandelfolgen-Vermittlung inzwischen eine immer größere Rolle im Fach spielt (und Interdisziplinarität weiterhin ein Problem ist, was im Text auch angerissen wird). Das oben Zitierte wirkt auf zwei Arten zunächst fremd: Einmal, weil Naturwissenschaften durch ihre Exaktheit die Vermittlung ja eher auf Versuchsanordnung und Konsequenzen der Ergebnisse beziehen als auf „so entsteht Wissen in sozialen Prozessen“. Wenn sie diese sozialen Prozesse überhaupt als relevant anerkennen. Und auch der Rollenwechsel von Mittelsmann/Mittelsfrau zum Akteur erscheint ungewohnt, aber angesichts des Endes des Mittelsmenschen im vernetzten Zeitalter dann doch irgendwie… unausweichlich.

Aber dann ist natürlich die Naivität, die gerade der zweite Absatz in sich trägt: Transparenz erscheint mir moralisch geboten, aber ist sie in diesem Fall – wir reden von einer Welt, in der Zweifel und Schaffung von Unübersichtlichkeit zum Fakten-Derailing genügen – mehr als eine idealistische Übung? Dabei meine ich nicht nur die Vermeidung von Komplexität, die solche Vermittlungen schwierig macht, sondern auch die Vermeidung von Verantwortung, die einen nicht geringen Teil der Klimawandel-Leugner antreibt. Vor dem Problem des „kollektiven Handelns“ kommt das Problem der „Interpretation zugunsten von Untätigkeit“. Was nichts daran ändert, dass wir neue Vermittlungen der Klimawandel-Erkenntnisse und vor allem der Folgen dringend benötigen, alleine schon zwecks des Handlungsdrucks. Der letzte Weltklimarat-Bericht war in dieser Hinsicht auch bereits deutlich weniger zurückhaltend.

Siehe auch:
Menschengemacht
Dunkler
Wärme über dem Permafrost
Im Klimawandel (2016)

Screenshot: John Quigley: Melting Vitruvian Man (2011), aus: Exploring the Arctic Ocean, Visual Arts Center, UT Austin

Homogenisierte Geisteswelt

Empire’s Raketeers: Pankaj Mishra interviewed by Wajahat Ali ($)

Pankaj Mishra:

„Viele Menschen, die wir als Intellektuelle bezeichnen – unsere ‚Thought Leader‘ – sind im Grunde globale Experten, geschickte Akteure in den Netzwerken von Oxbridge, den amerikanischen Elite-Unis, der London School of Economics, in Think Tanks, Davos und Aspen. Das Resultat, das wir nach Trump klarer erkennen, ist eine stupide Gleichheit in der öffentlichen Geisteswelt: Lärmende Echokammern, in denen eine ganze Kategorie von Autoren und Journalisten immer wieder die gleichen Dinge sagt. Das ist der Grund, warum unsere gegenwärtige politische Krise vor allem eine globale intellektuelle Krise ist – das Resultat einer nutzlosen Homogenisierung von Ideen.

Wir haben diese akademischen Superstars, die dauernd von Wissen und Macht geredet haben, während sie selbst beschäftigt damit waren, die soziale Leiter empor zu steigen. Selbst Autoren und Intellektuelle mit großer Integrität und ausgeprägtem Mut haben sich zu stark professionalisiert, wurden zu karrierefixiert und machten sich Sorgen, ihre Bezugsgruppe verärgern zu können – ganz zu schweigen von denjenigen, die sie als berühmtere und erfolgreichere Menschen wahrnehmen, die über ihnen stehen. Diese professionelle Fügsamkeit hat es Leuten wie [Niall] Ferguson ermöglicht, erfolgreich zu sein. Und sie ist der Grund, weshalb diese Gruppen heute auf Kritik hysterisch reagieren.“