Von der Broad nach Kenner

Louis Armstrong wurde 1901 in New Orleans geboren. Sein Geburtshaus wurde 1964 abgerissen, dort steht nun ein Gerichtsgebäude, das für mich eines der kaputtesten, rassistischsten und armenfeindlichsten Justizsysteme des Landes symbolisiert. Jon Batiste kommt aus einer legendären Musikerfamilie und wuchs in Kenner auf, einem Vorort. Kenner liegt im Jefferson Parish, jenem Bezirk, in dem die Polizei seit 2014 eine Geldstrafe für das Tragen von Baggie Pants verhängt und bis vor kurzem Staatsanwälte für jedes erstrittene Todesurteil mit einer Plakette belohnt wurden, in die der Name des Verurteilten eingraviert war. Aber das nur als zufällige Assoziation.

Sommer-Leseliste (und das Scheitern)

Sommer-Leselisten sind in der Regel ein Schwindel. Eine kleine als Kultursignal getarnte Angeberei. Oder ein guter Vorsatz, dem alles mögliche dazwischen kommt. Die Sonne, das Schwimmbad, die Familie, das Smartphone oder der kürzere aktuelle Text, der weniger Eindenken benötigt.

Das ist natürlich auch bei mir so, die Bücher da oben sind sozusagen meine guten Vorsätze gewesen. Edmund Wilsons „To The Finland Station“ zum Beispiel werde ich nie zu Ende lesen, da bin ich mir ziemlich sicher. Nicht, weil es ein schlechtes Buch wäre, sondern weil die Kulturgeschichte des Kommunismus bis zu Lenins Ankunft in St. Petersburg ziemlich viele Umwege nimmt. Dabei hatten sowohl Bill Clinton (als prägendstes Buch seiner jungen Jahre) als auch Mario Vargas Llosa (der dieses Jahr quasi eine Liberalismus-Version vorgelegt hat) heiß davon geschwärmt.

Oder Martin Amis, den ich schon wieder in die Hände der Bücherei gegeben habe. Vielleicht, weil er ein Snob ist und das gerne durchscheinen lässt. Oder, weil ich heulend niedersinke, weil seine stilistische Gewandtheit jeden meiner Sätze wie einen unfreiwilligen Gewaltakt aussehen lässt. Dann ist da Tommy Oranges vielgelobter Roman „There There“, der die Gegenwartskultur der Native Americans wieder sichtbar macht. Den habe ich gelesen, und das durchaus mit Vergnügen – aber mit einer echten Furcht vor einem sich andeutenden Unglück im Plot. Denn schlimme Sachen passieren inzwischen auch so genug. Eigentlich sollte ich nur noch Stifter lesen, wo die Menschen in die Berge gucken und gut ist es.

Armina Cains „Creature“ wiederum schlage ich so selten auf, weil jede der kleinen Geschichten sich nach der ersten Lektüre in Luft aufzulösen scheint, und mit ihr dieses ungewöhnliche und reizvolle Gefühl, das ich beim Lesen empfinde. Also nasche ich nur davon. Fernando Pessoas Opus „The Book of Disquiet“ dagegen öffne ich immer wieder, obwohl ich seine Ehrlichkeit über die Welt und das Menschliche fürchte. Aber ich lese es nicht von vorne nach hinten, sondern zufällig und nur für wenige Minuten. Ron Butlins „The Sound of My Voice“ habe ich bestellt, weil ich eine Werbung für die Neuauflage in einer britischen Zeitschrift sah. Es ist schön dünn und kam passenderweise aus einem schottischen Antiquariat, denn Butlin ist Schotte und die Hauptfigur ein Alkoholiker, der seinen Alltag mit beinahe kafka’schen Augen betrachtet.

Und James Hawes‘ „Die kürzeste deutsche Geschichte“ ist ein Mitbringsel aus dem deutschen Frühsommer, kurz genug, um es bei zwei Gläsern Wein an einem einzigen Nachmittag zu lesen (und durch die offenbar auch von Churchill vertretene These, dass das ehemalige Preußen und sein Junkertum nie zum gewachsenen Deutschland gepasst hat und für alle geschichtlichen Verwerfungen verantwortlich ist, recht aktuell erscheint. Holzschnitt-Geschichtsschreibung, aber unterhaltsam).

Daneben gäbe es noch einige abgebrochene Anfänge (Ted Chiangs Science Fiction) und angefangene Hörbücher (Tony Judts Europa-Geschichte, !50 Stunden!) zu erwähnen oder die Vorfreude auf die Bücher, die im Herbst auf mich warten (Michael Pollans Geschichte psychedelischer Drogen und David Auerbachs Autobiografie). Oder im Regal stehen, ungelesen bis angelesen, bereit für ihren zweiten Akt. Ich habe mir ja angewöhnt, nicht zu Ende gelesene Bücher als gute Freunde zu betrachten: auch ohne näheren Kontakt ist es gut zu wissen, dass sie da sind.

Info: Das Blog macht Spätsommerpause. Bis bald!

Form erzeugt Form

„Es gibt drei Phasen im modernen Design. Eine der Phasen, oder Ansätze, ist ein Blick auf Design als formale Beziehung, auf die formale Logik des Objekts. Der Akt, etwas eine Form zu geben. Form erzeugt Form. Der zweite Ansatz ist die Perspektive auf die Symbolik und den Inhalt, mit dem du es zu tun hast. Die kleinen Rituale, aus denen das Kaffeekochen besteht. Oder das Verwenden von Messer und Gabel. Oder der kulturelle Symbolismus eines bestimmten Objekts. Diese Dinge kehren wieder, um eine Form zu bewohnen oder sie entstehen zu lassen; um den Designer dahin zu führen, wie diese Form beschaffen sein oder aussehen sollte. Die dritte Phase bedeutet, Design in seinem Kontext zu betrachten, in einem viel größeren Rahmen. Auf den technologischen Zusammenhang zu blicken, auf das Verhältnis des Menschen zum Objekt.“

Andrew Blauvelt in „Objectified“ (2009)

Sorry to Bother You

„Sorry to Bother You“ ist mein persönlicher Favorit für den Film des Jahres (ich hoffe, dass er auch in Deutschland einen Verleih findet). Die Bay Area im Jahr 2018, unsere Zeit und die dystopischen Züge unserer gesellschaftlichen Ordnung. Die schwarze Erfahrung und die Frage, ob Solidarität möglich ist. Dazu noch eine kräftige Portion „Brazil“ und das alles durch die Augen von Boots Riley von The Coup. Das ist genauso chaotisch wie es klingt. Und genauso gut.

Zwei empfehlenswerte Tech-Bücher

An neuen Büchern über die Digitalisierung mangelt es nicht, ich kann jedoch nur wenige empfehlen. Zwei aktuelle Bücher haben mir in den vergangenen Monaten aber großen Lesegewinn beschert. Hier seien sie endlich einmal kurz vorgestellt:

Ellen Ullman: Life in Code

Ellen Ullman begann in den Siebzigern als Programmiererin zu arbeiten und hat darüber später für Wired, Harpers und andere Magazine geschrieben. „Close to the Machine“ (1997) machte sie bekannt und die Metapher spielt auch in „Life in Code“ eine Rolle, das die vergangenen Jahrzehnte in autobiografischen Essays nacherzählt. „Nahe an der Maschine“ waren in den Siebzigern eben jene Programmierer, die noch direkt mit der Nullen-Einsen-Ebene zu tun hatten, weit weg von den immer neuen Abstraktionsebenen der Software. Und irgendwann eben dann eben waren wir alle „close to the machine“, wenn auch auf andere Art. Ullmans aktuelles Buch ist eine persönliche Evolutionsgeschichte von Computer und Internet, die Phänomene wie „Frauen in Männerteams 1970-1999“, frühes Maschinenlernen, Y2K-Bug oder die Dotcom-Blase aus der damaligen Gegenwart beschreibt (Ullman lebt in San Francisco, ohne Teil einer „Szene“ zu sein). Und es ist mein erstes Tech-Buch, in dem ich historische Entwicklungen nicht mit der Perspektive von heute im Hinterkopf, sondern eben aus der Sicht von damals nacherleben kann. Was sich verwirrend atemberaubend anfühlt.

Adam Greenfield: Radical Technologies – The Design of Everyday Life

Adam Greenfield ist Urbanist, Designer und seit langem interessierter Begleiter der Digitalisierung. Auch wenn „Radical Technologies“ ein technologiekritisches Buch geworden ist, merkt man Greenfield an, dass es ihm um eine ehrliche Analyse geht, nicht um die These (was ihn wahrscheinlich auf dem deutschen Buchmarkt unvermittelbar machen würde). „Radical Technologies“ ist für mich die bisher präziseste und zugänglichste Darstellung von Technologien wie Automatisierung, Blockchain oder Machine Learning und den ihnen inhärenten Systemen, die ja wiederum auf unsere bisherigen Alltags- und Gesellschaftssysteme treffen. Ich kann gar nicht genug betonen, wie wohltuend sauber Greenfield arbeitet und was es für einen Unterschied macht, wenn ein Autor Technologien durchdringt und aus diesem Wissen klare Gedanken und Fragen formuliert (auch wenn ich mir mehr Antworten im Sinne von Handlungsoptionen gewünscht hätte). Wenn wir eine humanistische Auseinandersetzung mit der Digitalisierung wagen wollen, die sich nicht in den üblichen Ritualen und banalen Psycholoanalyse-Memes wie „das Silicon Valley hat einen Gott-Komplex“ erschöpft, dann hat Adam Greenfield uns einen vielversprechenden Pfad dorthin eröffnet.