Zwei empfehlenswerte Tech-Bücher

An neuen Büchern über die Digitalisierung mangelt es nicht, ich kann jedoch nur wenige empfehlen. Zwei aktuelle Bücher haben mir in den vergangenen Monaten aber großen Lesegewinn beschert. Hier seien sie endlich einmal kurz vorgestellt:

Ellen Ullman: Life in Code

Ellen Ullman begann in den Siebzigern als Programmiererin zu arbeiten und hat darüber später für Wired, Harpers und andere Magazine geschrieben. „Close to the Machine“ (1997) machte sie bekannt und die Metapher spielt auch in „Life in Code“ eine Rolle, das die vergangenen Jahrzehnte in autobiografischen Essays nacherzählt. „Nahe an der Maschine“ waren in den Siebzigern eben jene Programmierer, die noch direkt mit der Nullen-Einsen-Ebene zu tun hatten, weit weg von den immer neuen Abstraktionsebenen der Software. Und irgendwann eben dann eben waren wir alle „close to the machine“, wenn auch auf andere Art. Ullmans aktuelles Buch ist eine persönliche Evolutionsgeschichte von Computer und Internet, die Phänomene wie „Frauen in Männerteams 1970-1999“, frühes Maschinenlernen, Y2K-Bug oder die Dotcom-Blase aus der damaligen Gegenwart beschreibt (Ullman lebt in San Francisco, ohne Teil einer „Szene“ zu sein). Und es ist mein erstes Tech-Buch, in dem ich historische Entwicklungen nicht mit der Perspektive von heute im Hinterkopf, sondern eben aus der Sicht von damals nacherleben kann. Was sich verwirrend atemberaubend anfühlt.

Adam Greenfield: Radical Technologies – The Design of Everyday Life

Adam Greenfield ist Urbanist, Designer und seit langem interessierter Begleiter der Digitalisierung. Auch wenn „Radical Technologies“ ein technologiekritisches Buch geworden ist, merkt man Greenfield an, dass es ihm um eine ehrliche Analyse geht, nicht um die These (was ihn wahrscheinlich auf dem deutschen Buchmarkt unvermittelbar machen würde). „Radical Technologies“ ist für mich die bisher präziseste und zugänglichste Darstellung von Technologien wie Automatisierung, Blockchain oder Machine Learning und den ihnen inhärenten Systemen, die ja wiederum auf unsere bisherigen Alltags- und Gesellschaftssysteme treffen. Ich kann gar nicht genug betonen, wie wohltuend sauber Greenfield arbeitet und was es für einen Unterschied macht, wenn ein Autor Technologien durchdringt und aus diesem Wissen klare Gedanken und Fragen formuliert (auch wenn ich mir mehr Antworten im Sinne von Handlungsoptionen gewünscht hätte). Wenn wir eine humanistische Auseinandersetzung mit der Digitalisierung wagen wollen, die sich nicht in den üblichen Ritualen und banalen Psycholoanalyse-Memes wie „das Silicon Valley hat einen Gott-Komplex“ erschöpft, dann hat Adam Greenfield uns einen vielversprechenden Pfad dorthin eröffnet.

 

 

Auferstehungen

Die Doku „Fall and Winter“ (von 2013) vollzieht Tod und Auferstehung im Kontext der drohenden ökologischen Katastrophe nach: Sie beschreibt das heranbrechende Zeitalter zivilisatorischer Instabilität und zeigt dann Ideen für das auf, was man oft „ein anderes Leben“ nennt. Natürlich lässt sich diesem Film unter anderem vorwerfen, dass die vorgeschlagenen Lösungen im Kontext der Probleme naiv sind. Inhaltlich würde ich dem gar nicht widersprechen, nur werden wir ohne einen Schuss Naivität das anstehende Zeitalter wahrscheinlich nicht bewältigen können.

Shame: Songs of Praise

„Songs of Praise“, das Album der Londoner Band Shame, läuft bei mir seit einigen Tagen in Dauerschleife. Womit ich nicht alleine bin, in den US-Musikradiosendern taucht es s-t-ä-n-d-i-g auf. Donnerstag habe ich es sogar in einem Ramen-Restaurant downtown gehört und ich weiß nicht, was ich seltsamer finde: Ich im Ramen-Restaurant jedes amerikanische Großstadt-Bewohner-Klischee erfüllend oder Shame in der Ramen-Playlist. Sucht es euch aus und hört mehr als nur den oben eingebauten Track.

Russell Brand und Sam Harris

Russell Brand hat in seinem Podcast Sam Harris zu Gast und das Ergebnis fasziniert mich auch deshalb, weil sich zwei Pole gegenüber stehen, die auch einen meiner inneren politischen Konflikte bestimmen.

Brand kommt aus einer progressiv-spirituellen Haltung. Er verbindet den Glauben an Menschlichkeit mit einem Bewusstsein, dass unsere westlichen Denkstrukturen nicht die einzigen validen Moralsysteme sind – und dass sie in der Praxis dem Ideal der Aufklärung oft widersprechen und zum Beispiel im Kolonialismus ein geschichtliches Narbenfeld hinterlassen haben.

Harris dagegen ist ein überzeugter Atheist, der aber darauf keine dekonstruktive Weltanschauung baut, sondern eine ganz klare moralische Haltung aus der unbedingten Vermeidung von Leid (für Menschen, Tiere, Lebewesen) und Orientierung an den Wissenschaften entwickelt.

Am offensichtlichsten werden die Differenzen zwischen den beiden bei der Debatte über Burka und politischen Islam. Am größten sind ihre Überschneidungen, wenn es um meditativ geformte Spiritualität und Mitgefühl als Fundament einer reflektierten und ethischen Lebenshaltung geht.

Ich empfinde beide Positionen als stark und glaube sogar, dass sich auf dem Brand’schen Fundament eine leicht modifizierte Form des Harris’schen Weltverständnisses bauen ließe, ohne dass dieses Konstrukt zu relativistisch oder rationalisiert utilitaristisch wäre. Aber ein zeitgemäßer Humanismus entsteht natürlich nicht alleine im Gespräch zweier Menschen, sondern im Kontext und Konflikt einer Masse unterschiedlicher Systeme, nach denen wir leben.

(Zwei Sätze noch zu Russell Brand: Er kann sehr anstrengend sein, aber ich habe großen Respekt davor, dass er sich dezidiert als Suchender zu erkennen gibt. Heute ist es viel einfacher und lukrativer, sich als Erklärer zu verkleiden.)

Siehe auch: Westen ohne Gott