Einsamkeit und Totalitarismus

Does Loneliness Give Rise to Totalitarianism?

„Die totalitäre Geisteshaltung, wie Hannah Arendt sie beschreibt, entwickelt sich aus der Einsamkeit, die Menschen dazu bringt, in linearer Weise zu denken und sich vorwiegend mit Katastrophismus zu beschäftigen. Dieser Katastrophismus, verschlimmert von den rasenden Gedanken der Isolation, führt ihnen immer den schlimmstmöglichen Ausgang vor ihr gestörtes, ideologisch beeinflusste geistigen Auge.

Totalitarismus ist deshalb ein ’selbstmörderisches Entkommen aus dieser Realität‘, bei dem Männer und Frauen gemeinsam im Gleichschritt marschieren, die Parolen des Regimes rufend, dessen Herrschaft sie mit ihrer Komplizenschaft ermöglicht haben. Sie opfern die furchtbare und furchterregende Leere der Einsamkeit, die eine atomisierte Individualität mit sich bringt, zugunsten der Gruppe – einem Superorganismus, der endlich ihrem Leben jene Bedeutung gibt, die sie so verzweifelt gesucht haben, die das bodenlose Loch der Leere zu stopfen scheint, das sich anfühlte, als würde es den Kern ihrer Existenz verschlingen.“

Siehe auch:
Einsamkeit: „Einige von uns haben niemanden von euch“
Das Problem ist nicht da draußen
Gewöhnungseffekte
Es wird keine Rückkehr zur Normalität geben (2016)

Machtfragen

The antidote to civilisational collapse

Ich habe mir viele Stellen in diesem ausführlichen Economist-Interview (>40 Minuten Lesezeit) mit Adam Curtis markiert. Zum Beispiel:

„(…) Macht. Das ist ein Wort, das im gegenwärtigen Moment fast nie diskutiert wird. Es gibt eine enorme Macht, die über uns ausgeübt wird und wir haben keine Ahnung, wie wir ihr entgegentreten können. Wie Sie gesagt haben, alle haben das Gefühl, dass das hier funktioniert. Und das ist weil bestimmte Menschen Macht haben und sie zugunsten ihrer eigenen Interessen einsetzen, nicht für uns.

(…) Das Problem, das ich mit einem Großteil des investigativen Journalismus habe ist, dass er immer sagt: ‚Es muss mehr investigativen Journalismus geben‘. Ich entgegne da: ‚Wenn du mir sagst, dass eine Menge reicher Menschen keine Steuern zahlen, bin ich schockiert, aber nicht überrascht – weil ich das weiß. Ich will nicht noch einen weiteren Artikel lesen, der mir davon berichtet.‘ Was ich möchte ist ein Artikel der mir verrät, warum, wenn mir das berichtet wird, nichts passiert und sich nichts verändert. Und niemand hat mir das je erklärt.“

Gelbwesten und Wachstumsrücknahme

First reflections on the French ““événements de décembre”

Branko Milanovic vor einigen Tagen mit seiner Perspektive auf die Proteste und Ausschreitungen in Paris:

„Es ist in der Tat kein Zufall, dass eine Steuer auf Benzin das Fass zum Überlaufen brachte, die ländliche und stadtnahe ländliche Gebiete am stärksten betrafen, genau wie Menschen mit recht bescheidenen Einkommen. Meinem Verständnis nach war dabei nicht das Maß der Erhöhung entscheidend, sondern die Verstärkung des Gefühls unter vielen Franzosen, dass sie ohnehin schon die Kosten von Globalisierung, neoliberaler Politik und Offshoring, dem Wettbewerb mit billigerer ausländischer Arbeitkraft und dem Niedergang sozialer Dienste tragen. Und nun sollen sie auch noch das bezahlen, was in ihren Augen (und nicht ganz falsch) eine elitäre Steuer auf den Klimawandel ist.

Das bringt ein grundsätzlicheres Thema auf (…): Befürworter einer Wachstumsrücknahme (Degrowth) und diejenigen, die dramatische Maßnahmen gegen den Klimawandel fordern, sind seltsam zurückhaltend und schüchtern, wenn sie benennen müssen, wer die Kosten dieser Veränderungen tragen wird. (…) Wenn sie es ernst meinen würden, sollten sie den Bürgern der westlichen Weltordnung sagen, dass ihre Realeinkommen halbiert werden sollen und ihnen erklären, wie das vonstatten gehen soll. Anhänger der Wachstumsrücknahme wissen natürlich, dass ein solcher Plan politischer Selbstmord wäre und deshalb bevorzugen sie es, die Dinge vage zu halten und diese Fragen hinter einem ‚falschen Kommunitarismus‘ zu verstecken, wonach wir alle betroffen sind und irgendwie die Wirtschaft blühen wird, wenn wir uns nur alle das Problem bewusst machen und angehen würden – ohne dass sie uns aber jemals verraten, welche spezifischen Steuern sie erhöhen würden oder wie genau sie die Einkommen der Menschen senken wollen.“

Nun ist anzumerken, dass sich die Vorgänge in Paris monokausaler Erklärungen entziehen, wahrscheinlich sogar erst in der historischen Aufarbeitung richtig eingeordnet werden können. Aber Milanovic weist als Ökonom mit Schwerpunktthema Ungleichheit auf eine größere Frage hin: Wer wird sie denn tragen, die Umstellung der Konsumwirtschaft? Gerade Verbrauchssteuern schlagen oft bei denen durch, die keinen großen Spielraum haben. Wie so oft fehlt eine Brücke zu einem neuen System. Oder vielleicht auch nur die konkreten Vorschläge, die Milanovic fordert.

Aber wären die gewollt? Vielleicht leben wir die kommenden Jahre im Patt: Der postmoderne Konservatismus predigt erfolgreich das Recht auf Verantwortungslosigkeit, weshalb keine Veränderungen zustande kommen. Die postmateriellen Progressiven rufen „Verhinderer“ und zeigen mit dem Finger auf die Schuldigen, sind aber dadurch ebenfalls in der glücklichen Lage, keine Verantwortung tragen und einen eigenen Degrowth-Beitrag leisten zu müssen (jenseits einiger symbolischer Konsumentscheidungen). Eine zynische Prognose, aber keine unrealistische.

P.S.: Zur Rolle von Facebook-Gruppen bei den Protesten kann ich Casey Newtons Newsletter empfehlen, der die aktuellen Recherchen und Indizien zusammenfasst und kontextualisiert.

P.P.S.ICYMI: Auch von mir erscheint dieser Tage wieder ein neuer Newsletter.

Zarte Blüten des Reformkapitalismus

Goldilocks and the bear
The Future of Capitalism, Paul Collier ($)
US-Rep. Joe Kennedy: Democrats should embrace „moral capitalism“
The next capitalist revolution

Anzeichen für die Lösung eines Problems finden sich weniger an der Vehemenz von Forderungen aus der Meinungswelt, jemand (oft: die Regierung) solle jetzt endlich etwas (bleibt in der Regel unspezifisch) tun. Vielmehr sind sie oft dort zu sehen, wo ein Umdenken in Fach und Politik soweit fortgeschritten ist, dass Reformvorschläge auch aus dem Kreis der Überzeugten einer (problematisch gewordenen) Idee kommen.

Dass der US-Abgeordnete Joe Kennedy jüngst einen „moralischen Kapitalismus“ forderte ist insofern ungewöhnlich, als er zum systemischen „Wird-schon-wieder“-Flügel der Demokraten zu zählen war. Einer nicht unwichtigen Partei im vom Kapitalismus am überzeugtesten Land der Welt. Der Economist als Zentralorgan der globalen Intelligentsia wiederum fordert anlässlich eines seiner Sonderberichte nichts weniger als eine „Revolution des Kapitalismus“ – in Form von weniger Zugangshürden, weniger Marktkonzentration und einer Patent- und Urheberrechtsreform. Und der Ökonom Paul Collier schließlich hat ein ganzes Buch mit Ideen vorgelegt, wie der Kapitalismus zu reformieren ist; darunter sind Vorschläge wie stärkere Haftung für Bankchefs, eine hohe Besteuerung künstlicher Ertragssteigerungen („rent-seeking“) und eine fundamentale Verpflichtung zum Handeln, das Vorteile nicht nur für die eigene Organisation sucht (siehe: Kennedys „moralischer Kapitalismus“).

Allen Ideen gemein ist, dass sie keinen einzelnen großen Wurf in Form des „der Staat muss es regeln“ verlangen (was angesichts der Schwäche von Nationalstaat und Multilateralismus pragmatisch erscheinen kann) und dass sie auf die indirekten Folgen setzen, die ein höherer moralischer Anspruch ebenso zeitigen soll wie eine Rückkehr echter Märkte in unsere allzu etabliertenfreundliche und oft oligopolartig strukturierte Marktwirtschaft. Das ist angesichts der gegenwärtigen Verhältnisse konservativ, in einigen Punkten als Inkrementalismus wohl nicht ausreichend, aber dafür vielleicht machbar. Für mich signalisiert es zumindest, dass Veränderungen wahrscheinlicher werden und der Druck dazu von innen und außen wächst. Im zehnten Jahr nach Ausbruch der Finanzkrise und angesichts unserer schrumpfenden Distanz zu Demokratie-Kipppunkten kommt diese Botschaft keinen Moment zu früh.

Britischer Rückbau

Austerity: how an ideological project failed on its own terms

George Eaton über den Rückbau des Staates in Großbritannien:

„Die Abteilungsbudgets sind seit 2010 im Durchschnitt um mehr als 20 Prozent gesenkt worden (und die Finanzierung kommunaler öffentlicher Hand um 49 Prozent), während im Sozialwesen mehr als 20 Millionen Pfund gestrichen wurden (das Kindergeld ist zum Beispiel weniger Wert als vor 17 Jahren). Die private Verschuldungsquote steht bei 139 Prozent des verfügbaren Einkommens und wird Vorhersagen zufolge 146 Prozent erreichen (ein Phänomen, das privatisierter Keynesianismus genant wird: während sich der Staat weniger leiht, leihen Bürger mehr, um ihren Lebensstandard zu halten). Übernachtungen im Freien, die unter der letzten Labour-Regierung um drei Viertel fielen, sind seit 2010 um 169 Prozent gestiegen. Fast Tausend Sure-Start-Zentren (staatliche Einrichtungen zur Unterstützung frühkindlichen Versorgung) und 478 Büchereien sind Schätzungen zufolge geschlossen worden.“

Ich denke, Großbritannien und die USA werden der Block sein, der die neoliberale Demontage des Verwaltungsstaats und die Privatisierung weiterer staatlicher Aufgaben im Sinne kommerzieller Interessen auch im 21. Jahrhundert durchzieht. Vielleicht unterschätze ich auch Labour und die Demokraten, aber ihre Rolle liegt momentan eher in der Verlangsamung als in einer Umkehr.

Für Deutschland steht, bisherige Wirtschaftslage sei Dank, ein solcher Richtungstest noch aus. Aber natürlich gibt es in der globalisierten Finanz- und Warenstrom-Welt (siehe Trumps Unternehmenssteuer-Senkungen und entsprechende Forderungen für Deutschland, siehe fortgesetzte Existenz von „Steuerparadiesen“) einen Druck, der (noch) für die Interessen transnationaler Firmen und Vermögensbesitzer arbeitet.

Klimawandel und die Vermittlung der Folgen

Bruno Latour, the Post-Truth Philosopher, Mounts a Defense of Science

Mit sehr großem Interesse am vergangenen Wochenende gelesen: Die NYT über Bruno Latour und sein Verhältnis zur Wissenschaft (er tourt gerade zum Thema Anthropozän durch die USA).

„Weil die Angriffe auf ihre Expertise zugenommen haben, haben laut Latour einige Wissenschaftler begriffen, dass die klassische Herangehensweise der Wissenschaft – die Annahme, dass die Fakten für sich selbst sprechen und deshalb von allen Bürgern gleich interpretiert werden – ‚ihnen nicht ihre alte Autorität zurückgibt.‘ In einem Interview vergangenes Jahr beschrieb Rush Holt Jr., ein Arzt der 16 Jahre Abgeordneter im Kongress war, den ‚March for Science‘ als Wendepunkt. Die Leute, sagte er, würden langsam verstehen, ‚dass sie die Bedingungen verteidigen müssen, unter denen Wissenschaft gedeihen kann.‘ (…)

Latour ist der Ansicht: Wenn Wissenschaftler transparent erklären würden, wie Wissenschaft wirklich funktioniert – als Prozess in dem Menschen, Politik, Institutionen, Peer Review und so weiter alle ihre Rolle spielen -, wären sie in einer besseren Position, um die Menschen von ihren Behauptungen zu überzeugen. Klimaforscher, sagt er, müssten erkennen, dass sie als designierte Repräsentanten der Natur schon immer politische Akteure waren, und dass sie nun Kombattanten in einem Krieg sind, dessen Auskunft planetarische Auswirkungen hat.“

Ich konnte erfreulicherweise danach mit einem Fachmenschen darüber sprechen, der mir in der Tat erzählt hat, dass die Klimawandelfolgen-Vermittlung inzwischen eine immer größere Rolle im Fach spielt (und Interdisziplinarität weiterhin ein Problem ist, was im Text auch angerissen wird). Das oben Zitierte wirkt auf zwei Arten zunächst fremd: Einmal, weil Naturwissenschaften durch ihre Exaktheit die Vermittlung ja eher auf Versuchsanordnung und Konsequenzen der Ergebnisse beziehen als auf „so entsteht Wissen in sozialen Prozessen“. Wenn sie diese sozialen Prozesse überhaupt als relevant anerkennen. Und auch der Rollenwechsel von Mittelsmann/Mittelsfrau zum Akteur erscheint ungewohnt, aber angesichts des Endes des Mittelsmenschen im vernetzten Zeitalter dann doch irgendwie… unausweichlich.

Aber dann ist natürlich die Naivität, die gerade der zweite Absatz in sich trägt: Transparenz erscheint mir moralisch geboten, aber ist sie in diesem Fall – wir reden von einer Welt, in der Zweifel und Schaffung von Unübersichtlichkeit zum Fakten-Derailing genügen – mehr als eine idealistische Übung? Dabei meine ich nicht nur die Vermeidung von Komplexität, die solche Vermittlungen schwierig macht, sondern auch die Vermeidung von Verantwortung, die einen nicht geringen Teil der Klimawandel-Leugner antreibt. Vor dem Problem des „kollektiven Handelns“ kommt das Problem der „Interpretation zugunsten von Untätigkeit“. Was nichts daran ändert, dass wir neue Vermittlungen der Klimawandel-Erkenntnisse und vor allem der Folgen dringend benötigen, alleine schon zwecks des Handlungsdrucks. Der letzte Weltklimarat-Bericht war in dieser Hinsicht auch bereits deutlich weniger zurückhaltend.

Siehe auch:
Menschengemacht
Dunkler
Wärme über dem Permafrost
Im Klimawandel (2016)

Screenshot: John Quigley: Melting Vitruvian Man (2011), aus: Exploring the Arctic Ocean, Visual Arts Center, UT Austin

Hungersnot als Kriegsinstrument


Yemen war: US presses Saudi Arabia to agree ceasefire

Eine von Saudi-Arabien geführte Koalition kämpft im Jemen gegen die Huthi-Bewegung, die 2015 den damaligen Präsidenten vertrieb. Es ist ein Kampf, der nicht mit einem Einmarsch enden wird. Vielmehr blockieren die Saudis und ihre Verbündeten den Zugang zu den Huthi-Gegenden, zuletzt über den größten Hafen des Landes, und schaffen so Hungersnöte. Und zwar auf zweifache Weise: Neben der Blockade druckte die Zentralbank auf Anweisung des Nachbarlandes Geld, die teuren Lebensmittel werden also auch durch den Verfall des Geldes unbezahlbar. Dazu wirft die UN den Saudis vor, Hochzeiten, Beerdigungen, Krankenhäuser, Wohngegenden, Märkte und Gefängnisse bombardiert zu haben.

Wir in Europa bringen Hungersnöte als Kriegsinstrument oft mit dem zweiten Weltkrieg in Verbindung und können uns kaum vorstellen, das die Menschheit noch im 21. Jahrhundert auf solche barbarischen Mittel zurückgreift. Aber es geschieht und das vor den Augen der Welt, im Falle des Jemen schon seit langem.

Homogenisierte Geisteswelt

Empire’s Raketeers: Pankaj Mishra interviewed by Wajahat Ali ($)

Pankaj Mishra:

„Viele Menschen, die wir als Intellektuelle bezeichnen – unsere ‚Thought Leader‘ – sind im Grunde globale Experten, geschickte Akteure in den Netzwerken von Oxbridge, den amerikanischen Elite-Unis, der London School of Economics, in Think Tanks, Davos und Aspen. Das Resultat, das wir nach Trump klarer erkennen, ist eine stupide Gleichheit in der öffentlichen Geisteswelt: Lärmende Echokammern, in denen eine ganze Kategorie von Autoren und Journalisten immer wieder die gleichen Dinge sagt. Das ist der Grund, warum unsere gegenwärtige politische Krise vor allem eine globale intellektuelle Krise ist – das Resultat einer nutzlosen Homogenisierung von Ideen.

Wir haben diese akademischen Superstars, die dauernd von Wissen und Macht geredet haben, während sie selbst beschäftigt damit waren, die soziale Leiter empor zu steigen. Selbst Autoren und Intellektuelle mit großer Integrität und ausgeprägtem Mut haben sich zu stark professionalisiert, wurden zu karrierefixiert und machten sich Sorgen, ihre Bezugsgruppe verärgern zu können – ganz zu schweigen von denjenigen, die sie als berühmtere und erfolgreichere Menschen wahrnehmen, die über ihnen stehen. Diese professionelle Fügsamkeit hat es Leuten wie [Niall] Ferguson ermöglicht, erfolgreich zu sein. Und sie ist der Grund, weshalb diese Gruppen heute auf Kritik hysterisch reagieren.“

Bolsonaro und Männlichkeit

How Bolsonaro Happens

Andre Kenji de Sousa lebt in Itatiba (São Paulo), seine Zusammenfassung des „Bolsonaro-Phänomens“ ist sehr hilfreich (ohnehin ist Ordinary-Times, wo das Stück läuft, derzeit eine meiner Lieblingsseiten). Dabei geht es auch um „Männlichkeit“ als Faktor:

„Es geht ein Reiz von einer bestimmten Art Männlichkeit aus. Sie mag unglaublich falsch und eine besonders unsichere Männlichkeit sein, aber sie findet Anklang. Kein Wunder, dass [Bolsonaro] die ganze Zeit über Waffen redet. Selbst der körperlich schwächste Mann im Universum kann sich mit einer Waffe mächtig fühlen. Das ähnelt dem Reiz der Männlichkeit, den Donald Trump propagiert.

In den meisten Ländern machen Männer ungefähr die Hälfte der Wähler aus. Und in vielen Ländern sind die meisten dieser Männer weiß oder Menschen, die sich als weiß definieren. Du kannst keine Wahlen gewinnen, wenn du die Hälfte der Wählerschaft verlierst. In der #MeToo-Ära ist das etwas, was viele Leute auf der Linken und unter den Liberalen nicht verstehen. (…)

Einer der Gründe, warum Männer von Schwindlern wie Bolsonaro, Trump oder einem mittelalten kanadischen Psychologie-Professor mit Hang zu Plattitüden angezogen sind, ist weil unter den Progressiven niemand versucht, sie zu erreichen. Du musst dich nicht wie ein MRA-Typ [Men Rights Activist] anhören, um Männer zu erreichen. Aber du musst einen Anreiz für diese Hälfte der Wähler bieten (besonders, weil die andere Hälfte nicht für Kandidaten/innen stimmen wird, nur weil sie Frauen sind oder eine feministische Botschaft haben.“

Dieser ganze „Men-Rights-Komplex“ ist in Deutschland meines Eindrucks nach trotz größerer Online-Präsenz eher Randphänomen, so wie Männer in Deutschland eine sehr großes Spektrum an Selbstbildern wählen können, ohne sich völlig alleine fühlen zu müssen – in den meisten Milieus zumindest. In Ländern wie den USA (ein guter Dokufilm dazu ist „The Mask You Live In“) oder offensichtlich auch Brasilien dagegen ist das Männlichkeitsbild sehr viel enger definiert. Andererseits haben wir in Deutschland Gegenden, in denen ein Frauen-Exodus stattgefunden hat, was wiederum zu unguten Kulturveränderungen führt.

Paradoxerweise macht die deutsche Situation den nächsten Schritt der Gleichberechtigung einfacher und schwerer zugleich: Einfacher, weil ein Bewusstsein besteht. Schwerer, weil dieses Bewusstsein bereits Gleichberechtigung impliziert, obwohl es sich de facto erst einmal nur um eine größere Ausdifferenzierung von (männlichen) Geschlechterrollen handelt.

Gut möglich, dass der nächste Schritt mit den inhärenten Machtfragen und Demografie-Faktoren zu einem Kulturkampf-Backlash führen. Das ätzende (und ins Rassistische neigende) Meme über die ‚alten weißen Männer‘ liefert ja schon schöne Opfererzählungs-Vorlagen. Aber irgendwie scheint mir Macho-Kandidatentum in Deutschland schwer vorstellbar und berufliche Chancengleichheit der Geschlechter eines der wenigen Felder, wo der Erhalt des Status Quo mal nicht das bundesrepublikanische Ziel ist (wenn wir auch leider vorwiegend von Berufen mit Hochschul-Abschluss reden). Das heißt natürlich nicht, um auf Bolsonaro und den globalen Aspekt der politischen Rechten zurückzukommen, dass Männlichkeit nicht direkt und indirekt mit einer Reihe von Ängsten und Identitätsschablonen verknüpft wird. Gerade in der Einwanderungsdebatte passiert das ja schon weit über das berechtigte „Frauenfeindlichkeit passt nicht in unsere Kultur“ hinaus.

Siehe auch:
Brasilien, Bolsonaro
Jens Jessen und der #MeToo-Moment

Unbequeme Realitäten

Deutschland versteht nur die Sprache des Geldes

„Es ist nicht zu verstehen, mit welcher Hartleibigkeit sich die Bundesregierung der Tatsache verschließt, dass die Euro-Zone ein gravierendes Problem hat. Der Streit um den Haushalt ist nicht einfach ein Streit darüber, dass ein Land zu viel Geld ausgeben will oder zu wenig reformiert. Dass eine Regierung die Regeln nicht einhält, weil sie Wahlversprechen erfüllen will. Es geht um Grundsätzliches, nämlich darum, ob das Versprechen, dass der Euro die Lebensverhältnisse angleicht, gehalten werden kann.“

Cerstin Gammelin legt anlässlich des Haushaltsstreits mit Italien den Finger in die Wunde, der gesamte Kommentar ist Kandidat für eine Rahmung. Ich habe inzwischen den Eindruck, dass Teile der Bundesregierung und vor allem die Unionsabgeordneten die Sache aussitzen und das im vollen Bewusstsein der Konsequenzen.

Wenn in der nächsten Rezession die Euro-Zone zerbricht, wird kaum jemand rufen „Erinnert Ihr euch noch an 2017/2018, als das Fenster für Veränderungen sich nochmal öffnete?“. Und sollte es zum Bruch kommen, wird man auch daran erinnern müssen: Die deutsche Bevölkerung hat das so gewollt. Denn laut Umfragen gibt es keine Mehrheiten für Ausgleichsmechanismen, und gegen Umfragen wird nur noch selten regiert.

Aber wenn es kracht, ist wahrscheinlich auch das verdrängt worden und wir werden irgendeines von den „Südländern“ verantwortlich machen und irgendwie versuchen, die EU zusammenzuhalten. Ich würde viel dafür geben, Tony Judts Gedanken dazu zu hören.