Post-Lehman und 2020+

A decade after Lehman fell, the global economy is not better. It’s worse

„Einige Ökonomen halten den problematischen Trend niedriger Produktivität und Haushaltseinkommen für die Achillesferse, mit der die Industrienationen in die 2020er Jahre gehen. Dem Trend nach wird die Weltwirtschaft ungefähr 3 bis 3,5 Prozent wachsen, vor einem Jahrzehnt waren es 4 bis 4,5 Prozent. Das Resultat sind langsamere Lohn- und Gewinnsteigerungen, was zu niedrigeren Steuereinnahmen in einer Zeit führt, in denen die Kosten der Schuldenbedienung steigen. Anhaltende Niedrigzinsen blockieren die Möglichkeit der Zentralbanker, die Kreditkosten im Falle eines Abschwungs zu senken; was ihnen bleibt, istdann nicht viel mehr als beruhigende Plattitüden.

Zentralbanken haben vielleicht genügend Spielraum, um eine milde Rezession mit konventionellen Zinssenkungen abzufedern, aber ein stärkerer Abschwung würde mit großer Wahrscheinlichkeit ein weiteres Quantitative Easing benötigen. QE hat nicht mehr die mächtige Wirkung, die es 2008 hatte. Und ohne diese stehen nur Papiersoldaten in der Verteidigungslinie gegen einen weiteren Crash.“

Jenseits aller Debatten über Postwachstum (dessen Übergang ich im gegenwärtigen Systemrahmen für schwierig halte), ist die Logik natürlich entlarvend: Es gäbe genügend Möglichkeiten, die Steuerbasis zu erweitern und Vermögen stärker zu hinzuzuziehen. Aber das erscheint in der gegenwärtigen Mainstream-Denkart (derzeit) unwahrscheinlich, zumal das zumindest teilweise international vernetzt geschehen müsste. Stattdessen lassen sich im Krisenfall weitere Kürzungen in den Sozialsystemen und Privatisierungen absehen. Genau deshalb sind die investitionsschwachen Jahre der schwarzen Null in Deutschland so verschenkt. Ganz abgesehen davon, dass ihr ideologischer Kern in der nächsten Krise mit Sicherheit den Euro sprengen würde.

Siehe auch:

10 Jahre nach dem Crash
Deutschland, Euro-Krise, Griechenland (2015)
GroKo-Sommerbilanz

Wem gehört das Wetter?

Volkswagen accused of ruining Mexican crops with weather-altering ‚hail cannons‘

„Volkswagen wird beschuldigt, Ackerpflanzen in der Nähe einer seiner Fabriken in Mexiko ruiniert zu haben, indem es Technologien zur Veränderung des Wetters eingesetzt hat. Örtliche Gruppen haben den deutschen Autobauer beschuldigt, mit dem Einsatz von Hagelkanonen eine Trockenheit ausgelöst zu haben. Die Kanonen schießen mit Überschall in die Luft, um die Bildung von Hagel zu verhindern. Die Geräte werden genutzt, um die auf dem Fabrikgelände abgestellten Autos vor Dellen durch Hagelkörner zu schützen. Nach den Beschwerden hat Volkswagen angekündigt, den Einsatz der Kanonen in seiner Fabrik in Puebla zu reduzieren.“

Blockchain & Chinas Seidenstraße

Blockchain Is Starting to Show Real Promise Amid the Hype
China has a vastly ambitious plan to connect the world

Vor dem Wochenende noch Lesehinweise zu zwei der wichtigsten und (Stand 2018) in ihren Konsequenzen am schwersten abschätzbaren Infrastrukturprojekte im Moment.

Barrons hatte eine Titelgeschichte über die Blockchain mit einem seriösen Überblick zum Stand der Dinge. Neu für mich: IBM und Microsoft kontrollieren einer Schätzung zufolge 51 Prozent des gegenwärtigen Blockchain-Markts. Aha-Zitat: „Die Blockchain braucht immer noch ihr Cisco“ (= wie das Internet Netzwerk-Hardware und Router).

Der Economist analysierte vor kurzem Chinas Belt-and-Road-Initiative (BRI), in Deutschland auch als „Neue Seidenstraße“ bekannt. Über deren Zweck jenseits wirtschaftlicher Markterschließung wird viel spekuliert. Ist es ein Angeber-Projekt Xis? Ein Outsourcing von Kohlendioxid-Emissionen (=Bau Kraftwerken in Nachbarländer, die den Strom nach China exportieren und die Luftprobleme importieren, quasi). Das Fundament für eine Perlenkette von Militärbasen? Das Briefing wirft solche Fragen auf und liefert eine Menge Hintergrund. Wer im 21. Jahrhundert weiter nur nach Westen blickt, dürfte 10 bis 15 Jahre später ziemlich von der Realität überrascht sein.

Wärme über dem Permafrost

Some Arctic Ground No Longer Freezing—Even in Winter

„Jeden Winter gefrieren in der Arktis die oberen Bodenschichten und Pflanzenmaterial, bevor es im Sommer auftaut. Unter dieser aktiven Schicht liegt durchgehend gefrorene Erde – Permafrost, der sich Hunderte von Fuß nach unten erstreckt und an einigen Stellen seit Jahrtausenden gefroren ist.

Aber in einer Gegend, in der die Temperaturen auf bis zu minus 40 Grad sinken können, hat in diesem Jahr den Zimows [russische Wissenschaftler] zufolge ein ungewöhnlich starker Schneefall wie eine Decke funktioniert und überschüssige Wärme im Boden gefangen. Sie fanden Stücke, die 75 Zentimeter tief waren: Boden, der normalerweise vor Weihnachten friert und nun den ganzen Winter dampfig und breiig geblieben war. Zum ersten Mal seit Menschengedenken fror der Boden, der den tiefen arktischen Permafrost isoliert, im Winter nicht. (…)

Die Entdeckung wurde nicht im Peer-Review-Prozess überprüft oder veröffentlicht und stellt limitierte Daten eines einzigen Punkts in einem einzigen Jahr da. Aber die Messungen anderer Wissenschaftler in der Nähe und einen Ozean entfernt scheinen die Erkenntnisse der Zimows zu stützen. Einige Arktis-Experten stellen deshalb eine beunruhigende Frage: Könnte der Tau des Permafrosts Jahrzehnte früher beginnen, als die meisten angenommen hatten? In einigen der kältesten Gegenden der Arktis, in denen einige der größten Kohlenstoff-Vorkommen gebunden sind, deren Freisetzung von Treibhausgasen den menschgemachten Klimawandel beschleunigen könnte?“

Um nach der Lektüre eine weitere Frage anzufügen: Bleibt uns nur noch, den Unterschied zwischen „abgelaufener Zeit“ und „zu spät“ zu diskutieren? Im Artikel kommen auch Wissenschaftler zu Wort, die wie angedeutet die Aussagekraft der Messungen anzweifeln.

Siehe auch:
Im Klimawandel
Dunkler
Endspiel

Dunkler

Losing Earth: The Decade We Almost Stopped Climate Change

„Das Eröffnungskapitel der Klimawandel-Geschichte ist zu Ende. In diesem Kapitel – nennen wir es ‚Die Befürchtung‘ – erkannten wir die Bedrohung und ihre Folgen. Wir redeten, mit wachsender Dringlichkeit und Selbsttäuschung, über die Aussicht, trotz schlechter Chancen zu triumphieren. Aber wir setzten uns niemals ernsthaft damit auseinander, dass wir scheitern könnten. Wir verstanden, was ein Scheitern für die globalen Temperaturen, Küstenstreifen, die landwirtschaftliche Produktion, Migrationsbewegungen, die Weltwirtschaft bedeuten würde. Aber wir haben uns nicht erlaubt, die Konsequenzen eines Scheiterns für uns selbst zu begreifen. Wie wird es die Art verändern, wie wir uns selbst sehen? Wie werden wir uns an die Vergangenheit erinnern, wie uns die Zukunft vorstellen? Warum haben wir uns das selbst zugefügt? Diese Fragen werden im Mittelpunkt des zweiten Kapitels stehen – nennen wir es ‚Die Abrechnung‘.“

Pop at the End

„Heute dauern Kriege länger als die Schulzeit von Kindern, unerbittliche Überwachung durch Regierungsstellen und Unternehmen wird mit Ambivalenz wahrgenommen, und ganze Bevölkerungen, von Imperien ruinierte Heimaten, werden ins Meer getrieben. Gesellschaften, Volksstämme und alternative Lebensweisen sind verschwunden, durch beiläufige Gewalt und ein Vergessen, das mit Hilfe struktureller Kontrolle erzwungen wurde. Die Vergangenheit ist übermalt worden, mutwillig beschädigt und ersetzt mit dem schludrigen Wandbild einer kolonialen Fantasie. Wir blicken zurück und sehen einen Abgrund; da vorne, mehr Zerstörung. In unseren Zukunftsvisionen sind vage Versprechen vom moralischen Bogen der Geschichte durch Bilder ersetzt worden, die auf spektakuläre Art zerstörte Metropolen zeigen: ein Miami, unter übersäuerten Ozeanen liegend; ein Seattle, das die Erde entzwei gerissen und verspeist hat. Und all das, bevor wir überhaupt unsere Studenten-Kredite zurückgezahlt haben.“

Deglobalisierung der Zulieferketten

Globalised business is a US security issue

„Die Wahrheit ist komplizierter und dem Ego Mr. Trumps weniger schmeichelnd. Es gibt eine weit größere Gruppe, sowohl im öffentlichen als auch im privaten Sektor, die gerne eine Abkehr von der ökonomischen Integration zwischen China und den USA aus strategischen Gründen sehen würden.
Das zeigte sich auf einer zweitägigen Konferenz vergangenen Monat, die von der National Defense University gesponsert wurde, die militärische und zivile Führungskräfte zusammenbringt, um die großen Herausforderungen der Gegenwart zu diskutieren. Dutzende Experten, Regierungsoffizielle und Wirtschaftsführer trafen sich, um über den Niedergang der Nachkriegsordnung, den Aufstieg Chinas und Strategien zur Stärkung der amerikanischen Produktions- und Rüstungsindustrien zu diskutieren. Das Ziel werde es sein, widerstandsfähige Zulieferketten zu entwickeln, die nicht nur einen Handelskrieg überstehen könnten, sondern auch einen echten Krieg.“

Helsinki und das Nichts

 Donald Trump, Vladimir Putin and the Triumph of Nothing over Everyone

„Die Tatsache, dass der Gipfel stattfindet ist in Russland das Einzige, was an ihm wichtig ist. Die leere Machtgeste wird auf der Weltbühne zum Extrem getrieben. Die vorsätzlich leere Geste ist die ultimative Neuerung der Trump-Präsidentschaft. Angefangen mit seiner Übergangsphasen-Ankündigung, amerikanische Jobs in einer Carrier-Fabrik zu retten (eine Leistung, die keine Folgen für das Land als Ganzes und kaum Folgen, wenn überhaupt, für viele Carrier-Beschäftigte hatte), ist Trumps Handelswährung die leerer Symbole. Jede Geste soll seinen Ruf als Dealmaker bestätigen, obwohl die Deals bestenfalls substanzlos sind, schlimmstenfalls kostspielig. In diesem Kontext erscheint der Trump-Putin-Gipfel, ein Treffen ohne Tagesordnung, völlig logisch.“

Siehe auch:
Cocktails und Chauvinismus
Trump, Aufmerksamkeit und die unendliche Echtzeit
Trump als Mann ohne Eigenschaften
Korruption, Gier und Nihilismus

Seenotrettung

 Leben oder Sterben lassen

Nur in aller Kürze: Die Verkaufe der Zeit war fahrlässig, das Format problematisch. Die Debatte über das Thema selbst ist legitim und es ist bitter, dass die Reduzierung einer nicht nur moralisch komplexen Angelegenheit auf „Privatrettung, Daumen hoch, Daumen runter?“ mehr Aufmerksamkeit geschaffen hat, als alle fundierten Briefings im Economist-Stil sie hätten erreichen können. Inhaltlich hat mich die Kombination aus beiden Stücken schlauer gemacht. Mariam Laus (Contra)-Argumentation ist allerdings gelinde gesagt sehr wackelig, nicht nur wegen der Bürgerwehr-Vergleiche, siehe auch das oben verlinkte Stück dazu von Christian Jakob. Den kann ich ohnehin dazu immer empfehlen.

Meine Perspektive als interessierter Laie: Die zivile Seenotrettung ist eine Reaktion darauf, dass die EU 2015 „Mare Nostrum“ auslaufen ließ und Frontex vor allem auf Abschreckung und kleinere Radien setzt. Man darf der EU dabei die moralische Teil-Privatisierung eines Problems unterstellen.

Wenn wir von der Mitnahme von Bootsflüchtlingen kurz vor der libyschen Küste reden, sind wir aber bei der Frage, ob diese zivilgesellschaftlichen Missionen den Schleppern das Geschäft erleichtern (der Umkehrschluss, dass ohne diese Fahrten weniger Menschen kommen würden, gilt IMO nicht zwangsläufig). Solange jedoch Frontex – wie aktuell in der Mission Themis – die Gefahrenabwehr betont und die staatlichen Akteure solche Lücken lassen, scheint mir zivile Seenotrettung grundsätzlich notwendig. Es sei denn, wir wollen Menschen ertrinken lassen, um andere Menschen abzuschrecken. Eine inakzeptable Haltung, die allerdings in der europäischen Grenzpolitik der vergangenen Jahren immer wieder implizit mitschwang und von Teilen der politischen Rechten kaum noch verhüllt wird.

Wie also weiter? Libyen fällt als sicherer Hafen aus, da wird es eher beim verdeckten Minglen mit Frontex bleiben. Theoretisch könnten wir mittelfristig so etwas wie von der EU beaufsichtigte Schutzzonen in tunesischen Hafenstädten sehen, wo die Schiffe dann einlaufen können. Womit wir aber wieder bei der alten Frage in der Flüchtlingsdebatte sind: Warum sollte ein Land, in diesem Fall Tunesien, sich zu so etwas bereit erklären? (Die Antwort lautet wahrscheinlich: Geld und Garantien.)1

Im Kern, da hat Lau recht, ist zivile Seenotrettung also leider wirklich eine politische Frage. Das sollte sie nicht sein. Aber um das zu erreichen, müsste Seenotrettung so aussehen, dass sie nicht zwangsläufig Migration nach Europa bedeutet.

1 Wenn eine solche Schutzzone die Möglichkeit zum Asylantrag vorsieht, müsste es nationale europäische Verteilungskontingente geben, nehme ich an. P.S. Das ganze wichtige Thema „Schlepper & organisiertes Verbrechen auf beiden Kontinenten“ habe ich jetzt mal ausgeklammert.

10 Jahre nach dem Crash

Ich kann gar nicht so viel zitieren, wie ich in John Lanchesters Stück markiert habe. Ich kann nur vorhersagen, dass das Essay besser und vielschichtiger ist als 95 Prozent der Sachen, die in den kommenden Monaten zum zehnjährigen Jahrestag des Finanzkrisen-Beginns publiziert werden. Der Longread lohnt also.

Auf eine Sache möchte ich eingehen: Die Frage nach der gegenwärtigen Erzählung. Lanchester erinnert sich, wie Thatcher, Reagan und andere in den Achtzigern erfolgreich den Kapitalismus als ein System präsentierten, das seinen Alternativen überlegen ist und für den Großteil der Gesellschaft positive Folgen hat. Was hat sich seit dem geändert? Lanchester:

„In den letzten Jahrzehnten scheinen die Eliten davon abgerückt, Kapitalismus auf einer moralischen Basis zu verteidigen. Stattdessen verteidigen sie mit der Begründung des Realismus. Sie sagen: So funktioniert die Welt nun einmal. Das ist die Realität der modernen Märkte. Wir haben ein Wirtschaftssystem, das auf Wettbewerb aufbaut. Wir stehen im Wettbewerb mit China, mit Indien, wir haben hungrige Rivalen und wir müssen realistisch sein, wie hart wir arbeiten müssen, wie gut wir uns bezahlen müssen und wie verschwenderisch wir unsere Sozialstaaten gestalten können. Wir müssen den Tatsachen ins Auge sehen, was mit den Jobs passiert, die jetzt noch hier lokal gemacht werden aber auch in günstig international outgesourced werden könnten.
Das sind keine moralischen Rechtfertigungen. Die ethische Verteidigung des Kapitalismus ist zu wichtig, um sie unabsichtlich aufzugeben. Die moralische Grundlage einer Gesellschaft, das Verständnis ihrer eigenen ethischen Identität, kann nicht einfach lauten: ‚So ist die Welt nun einmal, komm‘ damit klar.'“

Nun gibt es aber diese moralische Begründung noch: Die absolute Armut (nach UN-Definition) ist seit der Krise von 19 Prozent auf unter neun Prozent gesunken – die Entwicklungs- und Schwellenländer profitieren. Lanchester führt die Elefanten-Kurve des hier bereits zitierten Branko Milanovic an, mit der dieser das Einkommenswachstum von 1988 bis 2008 erklärt. Dort, wo Gesicht und Stoßzahn liegen ist der Einkommenszuwachs geringer, der Graph geht nach unten. Hier befindet sich die Arbeiter- und Mittelschicht der westlichen Welt. Dort wo der Rüssel ist und steil nach oben geht, sind Oberschicht und Superreiche.

Lanchester fragt:

„Was wäre, wenn die Regierungen der Industrienationen ihren Bürgern einfach sagen würden, das genau das der Deal ist? Der Pitch würde sich ungefähr so anhören: Wir leben in einem globalen Wettbewerb, es gibt Milliarden verzweifelt armer Menschen und damit ihr Lebensstandard sich verbessert, muss unserer im relativen Maßstab sinken. Vielleicht sollten wir das aus moralischen Gründen akzeptieren: Wir waren hier lange genug reich, um nun die Früchte des Wohlstands mit unseren Brüdern und Schwestern zu teilen. Die Antwort wäre: Okay, in Ordnung – aber werdet den Rüssel los. Denn wenn wir einen relativen Rückgang erleben, warum sollten die Reichen – warum sollten die ‚Ein-Prozent“ – nicht genaus wie wir schlechter dran sein?“

Der Platz der Religion

Making Room for God

Der Historiker (und ehemalige kanadische Oppositionsführer) Michael Ignatieff wagt sich in obigem Essay daran, den zentralen Konflikt unserer Gegenwart zu ordnen: das Verhältnis zwischen „Liberalismus“ (also der säkularen, demokratischen Ordnung) und Religion. Er leitet drei Punkte ab, die ich für relevant halte:

(1) Wir als liberale Gesellschaft machen immer noch den Fehler, Religion als prägend für das ganze Leben eines Menschen zu sehen – und machen dadurch ihren Schutz zur zentralen Aufgabe der politischen Ordnung. Aber wie wäre es, wenn wir religiöse Bekenntnisse nicht getrennt von säkularen wie Veganismus oder Umweltschutz betrachten würden? Er zitiert den Philosophen Tim Crane: „Näher an der Wahrheit ist, dass alle Menschen, nicht ihre Meinungen, Respekt verdienen.“

(2) Seit der Aufklärung glaubt der Liberalismus, dass er am Ende zwangsläufig über den Glauben siegen wird und ihn in die private Sphäre zurückdrängen kann . Diese Idee der Säkularisierung verliert aber an Glaubwürdigkeit: Während sich einige Religionen (oder vielmehr ihre Interpretation) dem liberalen Verständnis öffnen (und sich das liberale Verständnis auch ständig neu austariert), definieren sich Evangelikale, konservative Katholiken und muslimische Fundamentalisten explizit gegen das, was sie als individualistische und hedonistische Ordnung betrachten. „Liberale Gesellschaften fahren nicht auf eisernen Schienen Richtung Freiheit – sie können das Gleis wechseln.“

(3) Zur Wirklichkeit liberaler Gesellschaften gehört, dass sie enttäuschen müssen. Es gibt keine glühenden Utopien, keine Erlösung, sondern (in den sozialdemokratisch-geprägten Staaten) nur die Verringerung von unverdientem Leid und von Ungerechtigkeit und die Vermehrung von Wohlstand und persönlicher Selbstverwirklichung. Der Sehnsucht vieler Menschen nach kollektiver Zugehörigkeit oder Zugehörigkeit zu Gemeinschaft und Traditionen können sie nicht befriedigen, und diese Lücken werden oft durch nicht-liberale Ideen gefüllt.

Ignatieffs Pointe ist, dass inzwischen auch manch Liberaler in der Religion flüchtet, während er den „immerfort kleiner werdenden Horizont der säkular-demokratische Ordnung“ betrachtet.

Über (1) lässt sich am längsten grübeln. Tatsächlich geben wir gerade in Deutschland der religiösen Prägung einen besonderen Platz, dessen Genese im Nachkriegsdeutschland-Kontext interessant zu verfolgen wäre. Ich persönlich tue mir qua Biografie und Spiritualität noch schwer, Lebensstil und Religion in die gleiche Schublade einzusortieren, weil religiöse Prägung mir „horizontal“ über alle Lebensbereiche zu verlaufen erscheint, Veganismus dagegen „vertikal“, also als „eine Entscheidung über einen bestimmten Teil meines Lebens“ betreffend. Vielleicht ist aber auch „Veganismus“ gar nicht die richtige Kategorie, sondern „Respekt vor dem Leben“ oder ähnliches.

In (3) wiederum hat sich meines Eindrucks nach in Europa auch über das progressive Spektrum hinaus die Erhaltung unserer Spezies durch den Kampf gegen Umwelt- und Klimaschäden als eine Art verbindendes Element durchgesetzt, wenn auch eher theoretisch als in der gelebten Praxis. Was wiederum zum Liberalismus passt: Die Verhinderung der Katastrophe als verbliebene Utopie.

Siehe auch:

 Westen ohne Gott
Identitätsmythen und das Vakuum unseres Fortschrittsbegriffs
John Stuart Mill als Religionsstifter