Helsinki und das Nichts

 Donald Trump, Vladimir Putin and the Triumph of Nothing over Everyone

„Die Tatsache, dass der Gipfel stattfindet ist in Russland das Einzige, was an ihm wichtig ist. Die leere Machtgeste wird auf der Weltbühne zum Extrem getrieben. Die vorsätzlich leere Geste ist die ultimative Neuerung der Trump-Präsidentschaft. Angefangen mit seiner Übergangsphasen-Ankündigung, amerikanische Jobs in einer Carrier-Fabrik zu retten (eine Leistung, die keine Folgen für das Land als Ganzes und kaum Folgen, wenn überhaupt, für viele Carrier-Beschäftigte hatte), ist Trumps Handelswährung die leerer Symbole. Jede Geste soll seinen Ruf als Dealmaker bestätigen, obwohl die Deals bestenfalls substanzlos sind, schlimmstenfalls kostspielig. In diesem Kontext erscheint der Trump-Putin-Gipfel, ein Treffen ohne Tagesordnung, völlig logisch.“

Siehe auch:
Cocktails und Chauvinismus
Trump, Aufmerksamkeit und die unendliche Echtzeit
Trump als Mann ohne Eigenschaften
Korruption, Gier und Nihilismus

Seenotrettung

 Leben oder Sterben lassen

Nur in aller Kürze: Die Verkaufe der Zeit war fahrlässig, das Format problematisch. Die Debatte über das Thema selbst ist legitim und es ist bitter, dass die Reduzierung einer nicht nur moralisch komplexen Angelegenheit auf „Privatrettung, Daumen hoch, Daumen runter?“ mehr Aufmerksamkeit geschaffen hat, als alle fundierten Briefings im Economist-Stil sie hätten erreichen können. Inhaltlich hat mich die Kombination aus beiden Stücken schlauer gemacht. Mariam Laus (Contra)-Argumentation ist allerdings gelinde gesagt sehr wackelig, nicht nur wegen der Bürgerwehr-Vergleiche, siehe auch das oben verlinkte Stück dazu von Christian Jakob. Den kann ich ohnehin dazu immer empfehlen.

Meine Perspektive als interessierter Laie: Die zivile Seenotrettung ist eine Reaktion darauf, dass die EU 2015 „Mare Nostrum“ auslaufen ließ und Frontex vor allem auf Abschreckung und kleinere Radien setzt. Man darf der EU dabei die moralische Teil-Privatisierung eines Problems unterstellen.

Wenn wir von der Mitnahme von Bootsflüchtlingen kurz vor der libyschen Küste reden, sind wir aber bei der Frage, ob diese zivilgesellschaftlichen Missionen den Schleppern das Geschäft erleichtern (der Umkehrschluss, dass ohne diese Fahrten weniger Menschen kommen würden, gilt IMO nicht zwangsläufig). Solange jedoch Frontex – wie aktuell in der Mission Themis – die Gefahrenabwehr betont und die staatlichen Akteure solche Lücken lassen, scheint mir zivile Seenotrettung grundsätzlich notwendig. Es sei denn, wir wollen Menschen ertrinken lassen, um andere Menschen abzuschrecken. Eine inakzeptable Haltung, die allerdings in der europäischen Grenzpolitik der vergangenen Jahren immer wieder implizit mitschwang und von Teilen der politischen Rechten kaum noch verhüllt wird.

Wie also weiter? Libyen fällt als sicherer Hafen aus, da wird es eher beim verdeckten Minglen mit Frontex bleiben. Theoretisch könnten wir mittelfristig so etwas wie von der EU beaufsichtigte Schutzzonen in tunesischen Hafenstädten sehen, wo die Schiffe dann einlaufen können. Womit wir aber wieder bei der alten Frage in der Flüchtlingsdebatte sind: Warum sollte ein Land, in diesem Fall Tunesien, sich zu so etwas bereit erklären? (Die Antwort lautet wahrscheinlich: Geld und Garantien.)1

Im Kern, da hat Lau recht, ist zivile Seenotrettung also leider wirklich eine politische Frage. Das sollte sie nicht sein. Aber um das zu erreichen, müsste Seenotrettung so aussehen, dass sie nicht zwangsläufig Migration nach Europa bedeutet.

1 Wenn eine solche Schutzzone die Möglichkeit zum Asylantrag vorsieht, müsste es nationale europäische Verteilungskontingente geben, nehme ich an. P.S. Das ganze wichtige Thema „Schlepper & organisiertes Verbrechen auf beiden Kontinenten“ habe ich jetzt mal ausgeklammert.

10 Jahre nach dem Crash

Ich kann gar nicht so viel zitieren, wie ich in John Lanchesters Stück markiert habe. Ich kann nur vorhersagen, dass das Essay besser und vielschichtiger ist als 95 Prozent der Sachen, die in den kommenden Monaten zum zehnjährigen Jahrestag des Finanzkrisen-Beginns publiziert werden. Der Longread lohnt also.

Auf eine Sache möchte ich eingehen: Die Frage nach der gegenwärtigen Erzählung. Lanchester erinnert sich, wie Thatcher, Reagan und andere in den Achtzigern erfolgreich den Kapitalismus als ein System präsentierten, das seinen Alternativen überlegen ist und für den Großteil der Gesellschaft positive Folgen hat. Was hat sich seit dem geändert? Lanchester:

„In den letzten Jahrzehnten scheinen die Eliten davon abgerückt, Kapitalismus auf einer moralischen Basis zu verteidigen. Stattdessen verteidigen sie mit der Begründung des Realismus. Sie sagen: So funktioniert die Welt nun einmal. Das ist die Realität der modernen Märkte. Wir haben ein Wirtschaftssystem, das auf Wettbewerb aufbaut. Wir stehen im Wettbewerb mit China, mit Indien, wir haben hungrige Rivalen und wir müssen realistisch sein, wie hart wir arbeiten müssen, wie gut wir uns bezahlen müssen und wie verschwenderisch wir unsere Sozialstaaten gestalten können. Wir müssen den Tatsachen ins Auge sehen, was mit den Jobs passiert, die jetzt noch hier lokal gemacht werden aber auch in günstig international outgesourced werden könnten.
Das sind keine moralischen Rechtfertigungen. Die ethische Verteidigung des Kapitalismus ist zu wichtig, um sie unabsichtlich aufzugeben. Die moralische Grundlage einer Gesellschaft, das Verständnis ihrer eigenen ethischen Identität, kann nicht einfach lauten: ‚So ist die Welt nun einmal, komm‘ damit klar.'“

Nun gibt es aber diese moralische Begründung noch: Die absolute Armut (nach UN-Definition) ist seit der Krise von 19 Prozent auf unter neun Prozent gesunken – die Entwicklungs- und Schwellenländer profitieren. Lanchester führt die Elefanten-Kurve des hier bereits zitierten Branko Milanovic an, mit der dieser das Einkommenswachstum von 1988 bis 2008 erklärt. Dort, wo Gesicht und Stoßzahn liegen ist der Einkommenszuwachs geringer, der Graph geht nach unten. Hier befindet sich die Arbeiter- und Mittelschicht der westlichen Welt. Dort wo der Rüssel ist und steil nach oben geht, sind Oberschicht und Superreiche.

Lanchester fragt:

„Was wäre, wenn die Regierungen der Industrienationen ihren Bürgern einfach sagen würden, das genau das der Deal ist? Der Pitch würde sich ungefähr so anhören: Wir leben in einem globalen Wettbewerb, es gibt Milliarden verzweifelt armer Menschen und damit ihr Lebensstandard sich verbessert, muss unserer im relativen Maßstab sinken. Vielleicht sollten wir das aus moralischen Gründen akzeptieren: Wir waren hier lange genug reich, um nun die Früchte des Wohlstands mit unseren Brüdern und Schwestern zu teilen. Die Antwort wäre: Okay, in Ordnung – aber werdet den Rüssel los. Denn wenn wir einen relativen Rückgang erleben, warum sollten die Reichen – warum sollten die ‚Ein-Prozent“ – nicht genaus wie wir schlechter dran sein?“

Der Platz der Religion

Making Room for God

Der Historiker (und ehemalige kanadische Oppositionsführer) Michael Ignatieff wagt sich in obigem Essay daran, den zentralen Konflikt unserer Gegenwart zu ordnen: das Verhältnis zwischen „Liberalismus“ (also der säkularen, demokratischen Ordnung) und Religion. Er leitet drei Punkte ab, die ich für relevant halte:

(1) Wir als liberale Gesellschaft machen immer noch den Fehler, Religion als prägend für das ganze Leben eines Menschen zu sehen – und machen dadurch ihren Schutz zur zentralen Aufgabe der politischen Ordnung. Aber wie wäre es, wenn wir religiöse Bekenntnisse nicht getrennt von säkularen wie Veganismus oder Umweltschutz betrachten würden? Er zitiert den Philosophen Tim Crane: „Näher an der Wahrheit ist, dass alle Menschen, nicht ihre Meinungen, Respekt verdienen.“

(2) Seit der Aufklärung glaubt der Liberalismus, dass er am Ende zwangsläufig über den Glauben siegen wird und ihn in die private Sphäre zurückdrängen kann . Diese Idee der Säkularisierung verliert aber an Glaubwürdigkeit: Während sich einige Religionen (oder vielmehr ihre Interpretation) dem liberalen Verständnis öffnen (und sich das liberale Verständnis auch ständig neu austariert), definieren sich Evangelikale, konservative Katholiken und muslimische Fundamentalisten explizit gegen das, was sie als individualistische und hedonistische Ordnung betrachten. „Liberale Gesellschaften fahren nicht auf eisernen Schienen Richtung Freiheit – sie können das Gleis wechseln.“

(3) Zur Wirklichkeit liberaler Gesellschaften gehört, dass sie enttäuschen müssen. Es gibt keine glühenden Utopien, keine Erlösung, sondern (in den sozialdemokratisch-geprägten Staaten) nur die Verringerung von unverdientem Leid und von Ungerechtigkeit und die Vermehrung von Wohlstand und persönlicher Selbstverwirklichung. Der Sehnsucht vieler Menschen nach kollektiver Zugehörigkeit oder Zugehörigkeit zu Gemeinschaft und Traditionen können sie nicht befriedigen, und diese Lücken werden oft durch nicht-liberale Ideen gefüllt.

Ignatieffs Pointe ist, dass inzwischen auch manch Liberaler in der Religion flüchtet, während er den „immerfort kleiner werdenden Horizont der säkular-demokratische Ordnung“ betrachtet.

Über (1) lässt sich am längsten grübeln. Tatsächlich geben wir gerade in Deutschland der religiösen Prägung einen besonderen Platz, dessen Genese im Nachkriegsdeutschland-Kontext interessant zu verfolgen wäre. Ich persönlich tue mir qua Biografie und Spiritualität noch schwer, Lebensstil und Religion in die gleiche Schublade einzusortieren, weil religiöse Prägung mir „horizontal“ über alle Lebensbereiche zu verlaufen erscheint, Veganismus dagegen „vertikal“, also als „eine Entscheidung über einen bestimmten Teil meines Lebens“ betreffend. Vielleicht ist aber auch „Veganismus“ gar nicht die richtige Kategorie, sondern „Respekt vor dem Leben“ oder ähnliches.

In (3) wiederum hat sich meines Eindrucks nach in Europa auch über das progressive Spektrum hinaus die Erhaltung unserer Spezies durch den Kampf gegen Umwelt- und Klimaschäden als eine Art verbindendes Element durchgesetzt, wenn auch eher theoretisch als in der gelebten Praxis. Was wiederum zum Liberalismus passt: Die Verhinderung der Katastrophe als verbliebene Utopie.

Siehe auch:

 Westen ohne Gott
Identitätsmythen und das Vakuum unseres Fortschrittsbegriffs
John Stuart Mill als Religionsstifter

Beautiful Game

The Last World Cup

„Michel Platini, der damalige Vizechef der Fifa, kam vor der Abstimmung 2010 zu einem Mittagessen im Élysée-Palast mit Präsident Sarkozy und Vertretern der Königsfamilie von Katar zusammen. Sarkozy ließ die Kataris wissen, dass der Preis von Platinis Stimme auch eine Unterstützung für seinen lokalen Verein Paris Saint-Germain beinhalten würde, der damals in finanziellen Schwierigkeiten steckte. Zur gegebenen Zeit kaufen die Kataris den Verein und investierten Hunderte Millionen in ihn (inklusive der 222 Millionen Euro, um Neymar zu kaufen, den teuersten Spieler der Welt). Katar kaufte zudem die Fernsehrechte für die Spiele aus Frankreichs erster Liga für mehr als 360 Millionen Euro1  und Qatar Airways bestellte 50 A320-Flugzeuge, die von Airbus in Toulouse gefertigt werden. Der Wert dieses Deals allein wurde für die französische Wirtschaft mit ungefähr 17 Milliarden Euro beziffert.

(…) Platini hat immer betont, dass er nicht für Katar stimmte, weil Sarkozy es ihm sagte. Allerdings passierte offenbar etwas, das ihn dazu brachte, seine Unterstützung für die USA als WM-Gastgeber 2022 aufzugeben und sich stattdessen für ein Land einzusetzen, das keine Fußball-Infrastruktur, kein nennenswertes internationales Profil in diesem Sport und ein Klima hat, das bei einem Sommerturnier Spiele in Temperaturen von bis zu 50 Grad bedeutete.“

Dass wir trotzdem die Fifa-WM verfolgen, auch die in Russland, entspricht unserem Verhalten in fast allen anderen unbequemen Fragen unserer Zeit: Ein Wissen über die moralische Problematik bei gleichzeitiger Bequemlichkeit und dem Bewusstsein, für diese Bequemlichkeit von niemandem zur Rede gestellt zu werden und so den moralischen Aspekt einfach nur verdrängen zu müssen. Das Collective Action Problem existiert also sogar im Fifaturnier-Konsum, natürlich auch deshalb, weil Fußball nicht nur ein schöner Sport ist, sondern auch das letzte große Lagerfeuer (und sonst läuft eh nix im Sommerfernsehen).

David Runciman prognostiziert realistischerweise, dass der Videobeweis ein Aufreger wird, nicht die Menschenrechte. Er beendet seinen Artikel mit den Worten:

„Vielleicht wird die Weltmeisterschaft diesen Sommer nicht das letzte Turnier, in dem wir noch den Unterschied zwischen einem internationalen Fußballspiel und einem Videospiel erkennen können. Aber es könnte die letzte WM sein, bei der uns das überhaupt noch interessiert.“

1 Die Zahl im Artikel ist zu hoch, selbst korrigiert.

Freihandel

Der Deal im Freihandel lautet: Günstigere Waren und größere Auswahl gegen den Verlust von Arbeitsplätzen in einigen Branchen, in der Regel im produzierenden Gewerbe. In Schwellenländern bedeuten Freihandel und Globalisierung die Möglichkeit, in die Mittelschicht aufzusteigen. Oft geschieht das erst in der nächsten Generation, wohlgemerkt: Wer heute in den Technologie- und Textilfabriken Asiens arbeitet, verdient zwar überdurchschnittlich Geld, sein Leben gleicht aber eher dem eines europäischen Fabrikarbeiters im Jahre 1850 als dem von 2018. Dennoch ist der gestiegene Lebensstandard, den viele Regionen in den vergangenen Jahrzehnten verbuchen konnten, ohne die globale Arbeitsteilung nicht zu denken.

Zum Begriff: Was einst als “Abwesenheit von Handelszöllen auf Produkte” bedeutete, wurde schon vor längerem auf die Harmonisierung von Regulierung und Deregulierung, auf das Urheber- und Patentrecht sowie das Finanzwesen ausgedehnt. Klauseln zu Arbeits- und Umweltstandards sind in den meisten Freihandelsabkommen dagegen in der Regel standardisiert unbestimmt formuliert und nicht einklagbar.

Zudem bedeutet Freihandel nicht zwingend ein Verbot von Subventionen, die Industrienationen in Regel weiter für den Agrarsektor sowie im Aufbau befindliche Industrien aufbringen. So brach in Mexiko nach der Einführung nordamerikanischen Freihandelsabkommen in den 1990ern die Mais-Wirtschaft ein, das Land wurde zum Importeur: der Mais vom großen Nachbarn, den die Bauern in den US-Bundesstaaten des mittleren Westens anbauen, war durch die Subventionen aus Washington günstiger. In der Folge kam es in einigen Regionen Mexikos zu einem regelrechten Exodus arbeitslos gewordener Bauern, die sich auf den Weg nach Norden machten, um in den USA illegal als Tagelöhner Geld zu verdienen.

Ein ähnliches Muster zeigt sich an den Verhandlungen der Europäische Union mit den afrikanischen Staaten über das Wirtschaftspartnerschaftsabkommen (WPA). Auch wegen der Androhung von Strafzöllen in die EU haben bereits zahlreiche Länder unterschrieben. Das WPA sieht vor, dass afrikanische Länder die Zölle auf Grundnahrungsmittel wie Getreide (außer Reis) und Milchpulver innerhalb von fünf Jahren abschaffen sowie keine neuen Schutzzölle verabschieden. Zugleich subventioniert die EU weiterhin Milchpulver oder Getreide, kann solche Agrarprodukte also günstiger anbieten. Dies dürfte Konsequenzen haben: 60 Prozent der Erwerbstätigen im Subsahara-Nationen Afrikas arbeiten in der Landwirtschaft, die Zollausfälle der Staaten Westafrikas summieren sich Schätzungen zufolge bis zum Jahr 2035 auf mehr als 32 Milliarden Euro.

Die Beispiele sind bereits vereinfacht dargestellt. Sie zeigen aber, dass Freihandel auch Nebenwirkungen hat (no shit, Sherlock) und es auf systemischer Ebene Grundsatzfragen gibt  – zum Beispiel, welche Rolle Sozialstandards spielen oder ob Abkommen zwischen Regionen mit unterschiedlicher wirtschaftlicher Stärke Sinn ergeben. Und dabei ist noch nicht einmal vom chinesischen Modell des Schutzes heimischer Firmen durch Auflagen und Eigentums-Regelungen die Rede. Oder von globalen Firmenstrukturen und Steuervermeidung. Oder vom ökologischen Fußabdruck und Fragen des Postwachstums. Oder von Deutschland, das nicht nur durch Luxus-Produkte oder (noch) der Produktion von Maschinen und Anlagen in alle Welt ein Mega-Exporteur ist, sondern eben auch vom günstigen Euro-Wechselkurs profitiert, den das Land mit der DM nicht halten könnte.

Aber natürlich wird das alles im angebrochenen Handelskonflikt keine Rolle spielen, er wirft den Erkenntnisprozess sogar zurück: Ganz nach der Philosophie des US-Präsidenten geht es um das Recht des Stärkeren. Das Narrativ wird entlang der bekannten Orthodoxie verlaufen, die ja unter dem Stichwort „Friede durch Vernetzung“ zumindest innerhalb des Westens auch eine historisch-politische Komponente hat (allerdings nicht so sehr im Kolonial-Kontext).

Spätestens bei Autozöllen werden wir dann eine Patriotismus-Welle erleben und vielleicht für ein paar Monate sogar eine neue Legitimationserzählung für das vereinte Europa. Hyper-Aktivität rund um Symptome bei gleichzeitiger Stagnation in systemischen Fragen charakterisiert wohl auf absehbare Zeit unsere Gegenwart.

Siehe auch:
Ehrlichkeit und Freihandel
Freihandel II
Cocktails und Chauvinismus

Ehrlichkeit und Freihandel

 The Free-Trade Malaise

Dani Rodrik hat ein neues Werk zur Globalisierung vorgelegt und der Politikwissenschaftler Krzysztof Pelc nutzt die Gelegenheit, seine Buchrezension zu einer erfrischend ehrlichen (und klugen) Analyse des Freihandels zu machen.

Zur Erinnerung: Rodrik ist für das Trilemma bekannt, dass man aus (1) Demokratischer Repräsentation (2) Nationaler Souveränität und (3) Internationaler wirtschaftlicher Integration nur zwei Elemente wählen kann, das dritte aber über Bord fallen muss.

Doch wofür eigentlich Freihandelsabkommen? Pelc schreibt:

„Das Problem beginnt damit, wie Politiker ihren Wählern Handelsabkommen verkaufen. Frag einen Politiker, warum Kanada jüngst dem transpazifische Freihandelsabkommen (TPP) beigetreten ist und du wirst wahrscheinlich gut eingeübtes Geplapper über neue Arbeitsplätze in Kanada und neue Märkte für unsere Exporteure hören. Hier ist die unangenehme Wahrheit: Nichts davon hat viel damit zu tun, was Wissenschaftler in der Handelsforschung  als eigentliche Ziele solcher Vereinbarungen bestimmen würden. (…) In Handelsabkommen geht es darum, schlechte Eigenschaften abzulegen. Und die schlechteste Eigenschaft demokratischer Führungspersonen ist es, den Forderungen mächtiger Lobbygruppen nachzukommen, die ihnen beim Machterhalt helfen – sogar, wenn es auf Kosten des übrigen Landes geht.“

Am Beispiel Kanada:

„In Kanada kann niemand ohne das Versprechen gewählt werden, die Milchindustrie vor ausländischer Konkurrenz zu schützen, auch wenn Kanadier jedes Jahr 200 Dollar mehr für Milchprodukte ausgeben als sie normalerweise würden – eine Bürde, die vor allem Kanadier mit geringem Einkommen trifft. Die einzige Möglichkeit, diese nationale Politik zu verändern, ist über Bande: ein internationaler Vertrag. Was Politiker also als Preis internationaler Vereinbarungen sehen – die Zugeständnisse an ausländische Exporteure – ist für akademische Beobachter genau der Punkt. (…) Aus der Perspektive der Wissenschaft geht es in Handelsabkommen um Konsum: niedrigere Preise und größere Auswahl. Aber auf politischer Bühne funktioniert dieses Argument nicht besonders gut, weil Konsum keine politische Angelegenheit ist.“

Nun ist natürlich einheimische Interessengruppe nicht einheimische Interessengruppe. Aber wir kommen in Debatten über Freihandel eben nicht voran, wenn wir uns in den falschen Kategorien darüber unterhalten. Der Artikel ist in Gänze fabelhaft, weil er eine Menge Feinheiten (z.B. Handelsbeschränkungen, die nicht so heißen, vgl. Länder-Kennzeichnung etc.) thematisiert, ohne auf der einen oder anderen Seite der ideologischeren Haltungen zu landen.

Kubas ewige Gegenwart

Havanna Malecon

How Much Change Will Cuba’s New President Bring?
Cuba: Life on the Verge
Jurassic Park (€)

Was ich durch Gespräche, vor allem aber Gesprächsandeutungen mit Kubanern verstanden habe: Neun von zehn Kubanern verachten das Regime, aber das ist für die Regierung insofern irrelevant, als sie eine andere Quote verfolgt – 10 von 10 Kubanern sollen darüber niemals sprechen, nicht mit Fremden, nicht mit Freunden, nicht mit ihrer Familie. Was offenbar nicht mehr ganz so gut klappt (siehe Link zur Spiegel-Geschichte „Jurassic Park“), auch wenn sich dies meines oberflächlichen Eindrucks nach in einer latenten und absichtlich ziellosen Unzufriedenheit und den Satzbausteinen „Kuba sagt…, aber….“ oder „Kuba müsste…, aber“ zu äußern scheint.

Was mich am meisten verblüfft hat, ist die ewige Gegenwart der Insel. Nicht nur wegen des technologischen Rückstands, sondern auch, weil jede Form von Veränderung problematisch erscheint: Eine Fortsetzung oder Beschleunigung des unendlichen Niedergangs genauso wie eine Öffnung. Denn die würde nicht nur eine auf den Kapitalismus völlig unvorbereitete Bevölkerung treffen, sondern auch die Exil-Kubaner aus Florida auf den Plan rufen, die ihre Ansprüche anmelden und mit ihren Dollars einen Großteil der Immobilien aufzukaufen versuchen würden. Die Gegenwart ist also surreal hoffnungslos, aber zumindest sicher und stabil. Die Zukunft hat außer in den Träumen nicht viel mehr zu bieten.

Chinas Scoring und das Versprechen dahinter

Simina Mistreanu mit einem sehr informierten Stück über Social Scoring in China, hier über ein Pilotprojekt in Rongcheng. Alle Bewohner starten mit 1000 Punkten.

„Wenn du ein Knöllchen bekommst, verlierst du fünf Punkte. Wenn dich die Stadt auszeichnet, zum Beispiel für eine Heldentat, ein Vorzeige-Geschäft oder wie du deine Familie unter ungewöhnlich harten Umständen unterstützt: Dein Score steigt um 30 Punkte. Für eine Auszeichnung einer Abteilung kriegst du fünf Punkte. Du kannst auch Punkte bekommen, wenn du für eine wohltätige Organisation spendest oder Freiwilligenarbeit in einem städtischen Programm absolvierst. (…) Je nach Punkten erhalten die Bewohner eine Note von A+++ bis D. Einige Verstöße haben große Folgen: Betrunken Auto zu fahren befördert dich sofort in die Kategorie C. Andererseits bedeutet A+++, dass du die öffentlichen Fahrräder ohne Kaution nutzen kannst (…), im Winter umgerechnet 50 Dollar Erlass auf die Heizrechnung erhältst oder vorteilhafte Konditionen bei Bankkrediten bekommst.“

Life Inside China’s Social Credit Laboratory

Entgegen dessen, was häufiger zu lesen ist, gibt es offenbar keine zentrale Datenbank. Ich bin mir sicher, dass es auch im Westen Anhänger dieses Extrem-Social-Scorings geben wird – bei weitem keine Mehrheit zwar (hoffe ich), aber durchaus Parteien und Bürger, die das wollen: als verschärfte Form des Nudging, im Glauben an die objektive Messbarkeit durch Daten, mit dem offiziellen Anspruch von gesellschaftlicher Fairness/Leistungsobjektivität (durch Konformität) und dem Versprechen von besserer Sicherheit/innerem Frieden. Wir sind zwar keine Anhänger des Konfuzianismus, aber die Maxime „Leistung muss sich lohnen“ ist am Ende doch recht kontextabhängig. Und dieser Kontext wird in den nächsten Jahrzehnten auch und immer stärker chinesisch beeinflusst sein, wenn wir auch gerade selber für die Normalisierung der Idee des Autoritarismus sorgen.

Mehr zu Chinas Strategie, hier im Kontext der neuen Seidenstraße, in diesem Vox.com-Video (angemerkt sei, dass die Realität sich immer als etwas unordentlicher und unberechenbarer als die Strategie herausstellt):

Eigentumsstrukturen

Ich glaube, wir können die Geschehnisse in der Wirtschaft nicht mehr seriös erkennen, wenn wir weiterhin auf die ganze Management- und Merger-Narrative starren, während wir die Eigentumsstrukturen vernachlässigen.

Beispiel 1: Einzelhandel und das Amazon-Narrativ

Vor einigen Wochen machte der amerikanische Spielzeugkonzern Toys”R”Us pleite. Warum? Oft genannt und offensichtlich: Amazon (oder auch, seltener genannt, die Allesverkauf-Ketten Walmart/Target). Dass die Firma seit Jahren mehrere Hundert Millionen Dollar jährlich abstottern musste, um die Übernahme durch Finanzinvestoren (u.a. KKR und Bain) zu refinanzieren? Wurde berichtet, aber das Amazon-Narrativ bleibt im Gedächtnis, weil es zum Zeitgeist passt.

Beispiel 2: Indexfonds

Fast niemand weiß, was Indexfonds sind. Was zur Folge hat, dass wir glauben, das Aktien-Eigentum an Unternehmen ist irgendwo überall in der Welt verteilt. Stimmt nicht: einem Studie aus dem vergangenen Jahr zufolge haben die drei Fonds von State Street, Vanguard und Black Rock inzwischen die nominelle Aktienmehrheit bei 40 Prozent aller börsendotierten US-Firmen. Es gibt Diskussionen darüber, was das im Fall eines Crashs für die Stabilität der Aktienmärkte bedeutet, auch über Fragen nach den Folgen für Wettbewerb zwischen Firmen im gleichen Sektor wird diskutiert. Irgendetwas verändert diese Konzentration der Eigentümerstruktur, aber die meisten Menschen wissen nicht einmal, dass sie existiert.

Beispiel 3: Staatsfonds und Konglomerate

Immerhin: Dass arabische Staatsfonds wie PIF und QIA, die norwegischen oder chinesischen Staatsfonds sehr aktiv sind, ist halbwegs bekannt (unter anderem wegen des China-Aufstiegs-Narrativs, des norwegischen Reichtums und der “Öffnung” Saudi Arabiens). Aber wo genau sie aktiv sind (unter anderem: Endphasen-Funding in Tech), wie sie zusammenhängen und verschachtelt sind? Ich habe nicht das Gefühl, das jemand Buch führt und versucht, den Überblick zu behalten. Dabei wird hier gerade ein großer Teil des Machtspiels festgelegt, das parallel politisch ausgetragen wird (vgl.: Saudi Arabien und die Trump-Regierung oder dass Blackrock und der Saudi-Fonds PIF 40 Milliarden Infrastruktur-Investment in den USA finanzieren könnten).

Oder, Beispiel Konglomerate: Dass SoftBank gerade im Ridesharing-Markt ein globales Oligopol schafft, bei dem sie an allen relevanten Firmen Anteile haben? Geht unter, weil das Narrativ “Uber steigt aus dem Markt XY aus” besser zur Geschichte über das rücksichtslose Mega-Startup passt, das sich übernommen hat.

Jetzt kann ich natürlich meine Warnung genauso gut aus dem Fenster rufen (was ich auch erfolglos getan habe): Mit etwas Suchgeschick und Aufmerksamkeit lässt sich zu alldem etwas finden, und die Mehrheit der Menschen hat sich mit solchen Details nie beschäftigt. Aber wir hängen trotz Piketty immer noch im 20. Jahrhundert fest, vor allem auf Marktstrukturen und Machtverteilung innerhalb von Sektoren zu blicken, nicht auf die Eigentumsstrukturen und Kapital-Querverbindungen jenseits der offensichtlichsten Ebene. Und damit erkennen wir systemisch den Wald vor lauter Bäumen nicht – mit welchen Folgen auch immer.