Britischer Rückbau

Austerity: how an ideological project failed on its own terms

George Eaton über den Rückbau des Staates in Großbritannien:

„Die Abteilungsbudgets sind seit 2010 im Durchschnitt um mehr als 20 Prozent gesenkt worden (und die Finanzierung kommunaler öffentlicher Hand um 49 Prozent), während im Sozialwesen mehr als 20 Millionen Pfund gestrichen wurden (das Kindergeld ist zum Beispiel weniger Wert als vor 17 Jahren). Die private Verschuldungsquote steht bei 139 Prozent des verfügbaren Einkommens und wird Vorhersagen zufolge 146 Prozent erreichen (ein Phänomen, das privatisierter Keynesianismus genant wird: während sich der Staat weniger leiht, leihen Bürger mehr, um ihren Lebensstandard zu halten). Übernachtungen im Freien, die unter der letzten Labour-Regierung um drei Viertel fielen, sind seit 2010 um 169 Prozent gestiegen. Fast Tausend Sure-Start-Zentren (staatliche Einrichtungen zur Unterstützung frühkindlichen Versorgung) und 478 Büchereien sind Schätzungen zufolge geschlossen worden.“

Ich denke, Großbritannien und die USA werden der Block sein, der die neoliberale Demontage des Verwaltungsstaats und die Privatisierung weiterer staatlicher Aufgaben im Sinne kommerzieller Interessen auch im 21. Jahrhundert durchzieht. Vielleicht unterschätze ich auch Labour und die Demokraten, aber ihre Rolle liegt momentan eher in der Verlangsamung als in einer Umkehr.

Für Deutschland steht, bisherige Wirtschaftslage sei Dank, ein solcher Richtungstest noch aus. Aber natürlich gibt es in der globalisierten Finanz- und Warenstrom-Welt (siehe Trumps Unternehmenssteuer-Senkungen und entsprechende Forderungen für Deutschland, siehe fortgesetzte Existenz von „Steuerparadiesen“) einen Druck, der (noch) für die Interessen transnationaler Firmen und Vermögensbesitzer arbeitet.

Moralischer Bogen vs. moralische Katastrophen

Why Does Jim Holt Exist?

„Das historische Datenmaterial scheint in den vergangenen Jahrtausenden einen Pinker’schen Trend Richtung des moralischen Fortschritts zu zeigen – das ist das Signal. Aber dann gibt es das wachsende Ausmaß moralischer Katastrophen, das sowohl der Technik als auch größeren Formen sozialer Ordnungen geschuldet ist – das ist das Rauschen. (Oder vertausche ich Signal und Rauschen?) Wenn ich mir die nähere Zukunft ansehe bin ich recht zuversichtlich, dass wir gegenwärtige barbarische Praktiken wie die bestrafende Einkerkerung von Menschen oder den Missbrauch von nicht-menschlichen Tieren in Fabrik-Landwirtschaft beenden werden. Aber ich bin nicht willens, den Bogen der moralischen Fortschritte in die fernere Zukunft hochzurechnen, im Gegensatz zu einigen lotus-essenden Visionären.

Es gibt ein abstraktes, quasi-evolutionäres Argument, dass sich moralischer Fortschritt für immer fortsetzen wird. Er beruht auf der Beobachtung, dass in Computer-Simulationen von abgewandelten Gefangenen-Dilemma-Spielen sich die kooperierenden Einheiten gegen die schummelnden Einheiten durchsetzen. Daraus, so das Argument, lässt sich ableiten, dass unsere sehr weit entfernten Nachfahren extrem nett zueinander sein werden. Seit dem Auftauchen unserer Spezies sind schon ungefähr 50 Milliarden Menschen entstanden. Wie viele mehr von uns wird es geben? Nach dem kopernikanischen Prinzip – wonach wir Menschen, die jetzt gerade existieren, wahrscheinlich nicht ‚besonders‘ sind, verglichen mit den allerersten oder den allerletzten Menschen, die jemals existieren – können wir mit 95-prozentiger Sicherheit sagen, dass es von uns nicht mehr als weitere zwei Billionen geben wird. Wenn wir annehmen, dass die Bevölkerung auf der Erde sich bei ungefähr 10 Milliarden stabilisiert, bedeutet das, dass die menschliche Spezies innerhalb der nächsten 20 Jahrtausende aussterben wird, oder sogar schneller, wenn wir unsere Zahl von Generationen erweitern, indem wir andere Planeten übernehmen. Und wenn ich schätzen müsste, würde ich sagen, dass unser wahrscheinliches Aussterben selbstzugefügt sein wird und kein kosmischer Unfall. In anderen Worten: Es wird, kollektiv gesprochen, unser eigener Fehler sein. Und das ist ein schwerwiegendes moralisches Versagen.“

Ich liebäugle immer wieder mal damit, ein Interview mit Jim Holt zu machen. Aber er würde die Leser und mich womöglich über den Rand der argumentativen Vorstellungskraft hinaus in den Abgrund führen.

Autoritäre Versuchungen

Wilhelm Heitmeyer: „Autoritäre Versuchungen“
Peter Carstens über Wilhelm Heitmeyers neues Buch:

„Rechtsextrem will Heitmeyer die AfD aber nicht nennen, dazu fehlten wesentliche faschistische Elemente wie die Ausrichtung auf einen Führer, die paramilitärischen Elemente und ein offener Kult der Gewalt. (…) Er nennt die AfD eine Partei des ‚autoritären Nationalradikalismus‘ und deutet sie als Vorboten der Gewalt.

(…) ‚Damit wird der Weg frei für autoritäre und nationalradikale Bewegungen mit weiteren Aufheizungen – sie erreichen auch gewalttätige Akteure, die die angestrebten autoritären Ordnungsvorstellungen auf ihre Art lokal oder regional vorantreiben.‘ (…)

Kritisch beurteilt Heitmeyer in seiner anschaulichen Untersuchung Versuche der Unionsparteien, durch sprachliche Nachahmung die Kontrolle über die wegfallenden Ränder zurück zu erlangen. Das seien riskante Anpassungsversuche, die zu Normverschiebungen führten. (…) [Er] hält aber auch nichts von moralisierender Fundamentalkritik und der Einordnung der AfD ins Neonazi-Lager. Denn:

‚Je höher das moralische Gefälle, das da konstruiert wird, desto geringer sind die Kommunikationschancen. Und wenn Kommunikation ausbleibt beziehungsweise vorrangig innerhalb der eigenen Bezugsgruppe stattfindet (…) begünstigt das die Radikalisierung zusätzlich.‘

Aber was kann, was soll getan werden? Da ist der Soziologe am Ende auch eher ratlos. Es gebe, schreibt er, einen ‚Mythos vom Verschwinden des Autoritären‘. Wenn es einmal da ist, sei es nicht mit dem Abtreten einer Bundeskanzlerin oder schärferen Grenzkontrollen getan. Düster schreibt er von einem ‚Eskalationskontinuum‘. Weder der globale Kapitalismus und die kulturellen Konflikte noch die demographischen Veränderungen seien aufzuhalten.

‚All diese Faktoren sind auf Dauer geschaltet und lassen sich mit dem konventionellen Werkzeugkasten demokratischer Politik – im Wesentlichen Gesetze, Geld und Appelle – nicht kurzfristig verändern.'“

Lebensgefühl als Politik

Gärtners kritisches Sonntagsfrühstück: Zeit für Gefühle

„Ich behaupte ja immer, es gebe gar keine Zukunft mehr, aber wenn die Grünen, wie es aussieht, die Partei der Zukunft sind, muss es dann nicht eine geben? Andersherum wird ein Schuh daraus: Eben weil es keine Zukunft gibt, gibt es eine Partei, die die Zukunftslosigkeit grün kaschiert. (…)

Die Grünen vertreten, es stimmt, ein ‚Lebensgefühl‘, das, während das Leben bekanntlich nicht mehr lebt, dafür sorgt, dass es sich wenigstens so anfühlt. (…) Das Lebensgefühl Merkel aus offenem Stillstand als sturem Abwarten hat sich verbraucht, und die Halluzination, dass es gut sei, wie es ist, und es sogar noch besser werden wird, verkörpern die Grünen heute wie sonst niemand; wenn sich der nötige Fortschritt bloß in jedem Fall kaufen lässt (‚Immer mehr Menschen wechseln vom Auto aufs Lastenrad, vor allen in den Städten … Der Faltradspezialist Tern hat mit seinem motorisierten GSD-Modell ein relativ schlankes Modell entwickelt‘, Zeit online, 13.10.) und Politik als Milieu- und Klientelveranstaltung nichts Schlechtes ist, wenn das Milieu nur nicht aus Anlageberatern und Porschefahrerinnen besteht (FDP), sondern juste ist, nämlich gefühlt (sic) ‚links von der Mitte‘ (Hiska Prinz, Grüne Hessen).

Der Vorwurf linksgrünen Moralismus hat insofern seine Wahrheit, als, soweit der Hauptwiderspruch von Arbeit und Kapital keiner ist, der irgendwen um den Schlaf bringt, Politik aus Moral bestehen muss, und da ist die grün-sozialliberale Moral faschistischer ‚Volks-“Moral‘ (wie sie in Ungarn etwa neuerdings Obdachlosigkeit zur Straftat macht) freilich unbedingt vorzuziehen.“

Gärtner haut natürlich drauf und ignoriert zum Beispiel die auch von den Grünen geforderte Vermögenssteuer. Allerdings ist aus progressiver Perspektive der Vorwurf des Inkrementalismus insofern berechtigt, als die Grünen vor allem im Kontrast mit dem gegenwärtigen Stillstand und den reaktionären Gegenbewegungen als Veränderungspartei erscheinen. Und die konservativ-liberale Kritik an Vorschlägen zu größeren Lebensstil-Eingriffen – von der Mineralölsteuer zum Veggie-Day – hat sie auch scheu gemacht, viel mehr als „Anpassung des Konsumverhaltens durch Veränderung der Marktbedingungen durch kleinere politische Hebelgriffe“ zu fordern. Und das ist ja der übliche bürgerliche Reformstandard.

„Automatisierung“ und verdeckte Menschenarbeit

The Automation Charade

„Seit Anbeginn der Marktgesellschaft haben Eigentümer und Chefs ihren Mitarbeitern mit Wolllust erzählt, dass sie ersetzbar sind. Roboter verleihen dieser jahrhundertealten Dynamik eine problematische neue Note: Arbeitgeber drohen Arbeitnehmern mit der Aussicht auf maschinelle Konkurrenz und vermeiden damit Verantwortung für ihre eigene habgierige Haltung, können sie sich doch opportunistisch auf Tech-Determinismus berufen. Eine ‚Zukunft ohne Arbeit‘ ist unvermeidbar, heißt es, ein unaufhaltsamer Auswuchs von Innovation, der den Lebensunterhalt auffressende Preis des Fortschritts (traurigerweise ähnelt die Zukunft ohne Arbeit der Massen nicht der Gegenwart ohne Arbeit der Ein Prozent, die von Dividenden, Zinsen und Mieteinnahmen leben, ohne einen Finger zu heben, während ihr Bankkonto wächst).

Obwohl Automatisierung als neutraler Prozess präsentiert wird (…), braucht man nicht einmal genau hinzusehen um zu erkennen, dass (…) Automatisierung eine Realität und eine Ideologie ist, und deshalb auch eine Waffe, die Armen und arbeitenden Menschen vor die Nase gehalten wird, die es wagen, bessere Behandlung oder auch nur das Recht auf Auskommen zu verlangen. Aber wenn Du genauer hinguckst, wird es noch seltsamer: Automatisierte Prozesse sind oft weit weniger beeindruckend als die Marktschreierei und Propaganda um sie herum. Manchmal gibt es sie auch nicht. Jobs werden gestrichen und Gehälter gekürzt, aber Menschen arbeiten immer noch neben oder hinter den Maschinen, auch wenn ihre Arbeit dabei keine Fähigkeiten mehr braucht oder gar nicht bezahlt wird. (…)

Arbeit ist [zum Beispiel] nicht aus den Restaurant-Gasträumen verschwunden, vielmehr übernimmt eine andere Person die Arbeit. Anstatt eines Mitarbeiters, der die Bestellungen der Gäste eintippt, machen die Gäste nun selbst kostenlos diese Arbeit, während junge, freundlich aussehende Mitarbeiter um sie herum schwirren und die Mahlzeiten zu den Tischen bringen. (…) Neulich wartete ich in einem Restaurant auf ein Mitnahme-Essen, das ich altmodisch durch ein Gespräch mit der Frau hinter der Kasse bestellt und mit Bargeld bezahlt hatte. Während ich auf mein Mittagessen wartete, drückte der Mann vor mir seine Verwunderung aus, dass er sein Essen bekam. ‚Woher wusste die App, dass meine Bestellung 20 Minuten früher fertig ist?`, fragte er erstaunt, während er sein Telefon fest umklammerte. ‚Weil ich das bin‘, sagte die Frau, ‚Ich habe ihnen eine Nachricht geschickt, als das Essen fertig war.'“

Was Schmerz bedeutet

The Crisis of Intimacy in the Age of Digital Connectivity

Zur Wochenendlektüre empfohlen: Stephen Marche ohne Klischees über Intimität und Vernetzung. Der Ausschnitt ist nur ein Bruchteil vieler sortierender, fantastischer Gedanken.

„Der grundlegende Widerspruch ist so einfach wie zum Verzweifeln: das Teilen persönlicher Erfahrungen war nie verbreiteter, während Empathie – die Fähigkeit, die Bedeutung der persönlichen Erfahrung eines anderen Menschen zu erkennen – nie seltener war. In Philosophische Untersuchungen hat Wittgenstein genau dieses Problem angesprochen, die Bedeutung von Intimität und die Intimität von Bedeutung. ‚Das Wesentliche am privaten Erlebnis ist eigentlich nicht, daß Jeder sein eigenes Exemplar besitzt, sondern daß keiner weiß, ob der Andere auch dies hat, oder etwas anderes‘, schrieb er. ‚Es wäre also die Annahme möglich – obwohl nicht verifizierbar – ein Teil der Menschheit habe eine Rotempfindung, ein anderer Teil eine andere.‘ Wittgenstein glaubte, dass das unverifizierbar sei, aber das Internet hat es verifiziert: Ist das Kleid blau oder golden? Hörst du Yanny oder Laurel?“ (…)

Die einsetzende politische Katastrophe in den USA kann in einem Ausdruck beschrieben werden: Niemand glaubt, dass der Schmerz des anderen echt ist. Niemand glaubt, dass der Schmerz des anderen bedeutsam ist. Niemand erkennt den Schmerz des anderen. Das ist das Kernproblem der im Internet provozierten Empörung und Abscheu, der Hyperparteilichkeit, die so viele Rädchen in Bewegung setzt. Niemand ist willens zu akzeptieren, wie der andere seine Gefühle beschreibt. Die Welt der digitalen Konnektivität ist ein Haufen von Käfern in einem Haufen von Schachteln, die mit Drähten verbunden sind.“

Medien-Neigungen

Our cult of personality is leaving real life in the shade

George Monbiot über den Scheinwerferlicht-Effekt, also die Personalisierung komplexer Themen (und damit einhergehend ein Fokus auf öffentliche Persönlichkeiten). Der Artikel erschien vor der ganzen Atemlosigkeit rund um „Kanye goes to Washington“ und „Taylor Swift gibt Wahlempfehlung ab“.

„Welche Menschen würde man am ehesten in Interviews von Zeitungen erwarten? Diejenigen, die am meisten zu sagen haben vielleicht, oder die mit den erlebnisreichsten und seltsamsten Erfahrungen? Das könnten Philosophen sein, oder Ermittler, oder Ärzte, die in Kriegszonen arbeiten? Flüchtlinge, Polarwissenschaftler, Straßenkinder, Feuerwehrmänner, Base-Jumper, Aktivisten, Autoren oder Freitaucher? Nein. Es sind Schauspieler. Ich habe keine empirische Studie durchgeführt, aber ich würde schätzen, das irgendwas zwischen einem Drittel und der Hälfte aller großen Interviews in Zeitungen Menschen im Mittelpunkt hat, die ihren Lebensunterhalt damit verdienen, die Persönlichkeit von jemand anderem anzunehmen und die Worte zu sprechen, die jemand anderes sich ausgedacht hat.

Das ist ein derart bizarres Phänomen, dass wir es sicherlich verblüffend finden würden, hätte es sich nicht nach und nach entwickelt. Aber es erscheint mir die Funktion der Medien zu symbolisieren. Das Problem geht tiefer als ‚Fake News‘. Was es anbietet, sind Nachrichten über eine falsche Welt. (…)

Der Mangel der Medien an Einfallsreichtum und Perspektive ist nicht nur ermüdend. Er ist gefährlich. Es gibt eine besondere Art von Politik, die völlig um Persönlichkeiten herum gebaut ist. Eine Politik, in der Substanz, Evidenz und Analyse mit Symbolen, Slogans und Sinneseindrücken ersetzt wurden. Man nennt sie Faschismus. Wenn du politische Narrative um die Psychodramen von Politikern herum konstruierst, auch wenn sie dich nicht dazu auffordern, dann machst du den Weg frei für diejenigen, die dieses Spiel effektiver spielen können.“

 The problem with real news – and what we can do about it

Rob Wijnberg von De Correspondent, das jetzt auch in die USA expandiert:

„Das Problem sind nicht liberale Neigungen, sondern die Neigungen zum gegenwärtig Passierenden. (…)

Nach fast allen großen gesellschaftlichen Schocks, von Massenvernichtungswaffen über die Finanzkrise über Brexit bis zu Trump, stellen Menschen in den Nachrichtenmedien die stets gleiche Frage: Warum haben wir das nicht kommen sehen?

Die übliche Antwort lautet: ideologische Voreingenommenheit. Journalisten sind ‚zu links‘ oder ‚zu liberal‘ und so wollen sie nicht wahrnehmen, was wirklich passiert. Ich glaube, es gibt eine bessere Antwort. Die Nachrichtenmedien haben die falsche Definition von Nachrichten.

Lehman Brothers pleite, Großbritannien steigt aus der EU aus, Trumps Wahl sind wirklich spektakuläre, außergewöhnliche Ereignisse. Aber sie sind auch das Resultat von langsamen, unauffälligen systemischen Trends. Von Phänomenen, die nicht heute passieren, sondern jeden Tag – und deshalb niemals einen Aufhänger entwickeln, der sie als ‚Nachricht‘ verkaufbar macht. Phänomene, die auch zu alltäglich sind, um sensationelle Überschriften oder Klicks zu generieren.“

Routinehafte Personalisierung von Themen und eine Priorisierung dessen, was gerade passiert: Beides sind prädigitale Trends, die im reizabhängigen Umfeld der Micro Moments (siehe: unterbrechende Medien) aber natürlich bestens funktionieren und deshalb oft übernommen bzw. beibehalten worden sind. Beides hat auch seine Berechtigung, allerdings bis zu einem gewissen Grad. Der exzessive Fokus darauf signalisiert Denkfaulheit: Die Themen-Personalisierung setzt oft voraus, dass Leser gar kein Interesse an komplexen Sachverhalten haben. Die Gegenwarts-Fixierung fußt auf einem Medienmodell, das als Kernaufgabe immer noch den Transport von Nachrichten wahrnimmt, sich also am 20. Jahrhundert orientiert.

Erkenntnisse wie oben sind keine weltfremde Medienkritik, sondern auch von strategischer Relevanz. Das Mediengeschäft hängt, zumindest für die entsprechend positionierten Marken, eng mit dem moralischen Verständnis der eigenen Aufgabe zusammen – und mit der Wahrnehmung des Kunden, ob eine Marke dieser Aufgabe gerecht wird. Von außen betrachtet scheint mir das langsam als Paradigma auch in Deutschland einzusickern.

In den USA hat neben vielen anderen Faktoren auch die neue Konkurrenzsituation dazu beigetragen, dass Kernaufgaben und publizistische Rituale strategisch hinterfragt werden und die Dinge etwas heftiger in Bewegung sind. Ein deutschsprachiges Vox.com und mehr echtes Reporting nach handwerklichen US-Maßstäben bei Vice.de & Buzzfeed.de. Dazu noch drei Correctivs, vier Krautreporter, zwei Republik.chs und von mir aus auch ein paar Einzelkämpfer in spannenden Nischen. Das alles würde sicherlich mehr Dynamik und Ausdifferenzierung in die deutsche Mainstream-Digitalmedienwelt bringen. Dass sie sich aber am Ende ausdifferenzieren wird, steht für mich außer Frage.

Das Problem ist nicht da draußen

This Is Not A Blip

„[Für Viele] im politischen und politiknahen Establishment besteht der Weg aus dieser [Vertrauens-]Rezession darin, den Weg zurück zum Ancien Regíme zu finden. Multilateralisten versuchen das öffentliche Vertrauen in Multilateralität dadurch wieder herzustellen, dass sie weiter Multilateralisten sind. Die Antwort auf schlechte Institutionen sind Institutionen. Die Nöte der globalen liberalen Weltordnung verlangen nicht weniger, sondern mehr von der globalen liberalen Weltordnung. Wir haben die Krankheit diagnostiziert. Und ihre Heilung wird offenbar ihre Ursache sein.

Aber das gegenwärtige politische Klima ist nicht nur ein Wettermuster, das vorbei geht. Das ist nicht nur ‚eine Phase‘, um den Ausdruck sich selbst tröstender homophober Eltern zu gebrauchen. Es handelt sich nicht um eine Verirrung oder ein Zwischenspiel. Politisch, ökonomisch, kulturell haben wir die Grenze von der Trockenheit zur Aridisierung überschritten, von der Krankheit zum Verfall. Das ist keine kleine Abweichung. (…)

Der gegenwärtige Aufstieg des reaktionären Populismus muss im Kontext der Geschichte der liberalen Demokratie betrachtet werden. Am besten versteht man ihn als Kollision zwischen zwei Gruppen und zwei Bereichen, die früher in sicherem Abstand zu einander blieben: der eingekapselte Markt, mit seinen Regeln von Wettbewerb und Imperativen der Anhäufung und Wachstum, und die widerspenstigen Forderungen der Bevölkerung, die von hyperaktiven Informationsübermittlungskanälen der sozialen und digitalen Medien gefüttert werden. Es ist die Rache der Bevölkerung – wie stark der Blip-Denker auch behauptet, dass die Krise des Liberalismus in Wahrheit eine Krise der Demokratie ist.

Statt diese Kollision als das zu sehen, was sie ist – die Freilegung einer folgenreichen Spannung in der liberalen Ordnung, die immer schon da war und nie verschwinden wird – und die Forderungen der Menschen ernst zu nehmen, glaubt der Blip-Denker, den alten Waffenstillstand zwischen Liberalismus und Demokratie zurückbringen zu können. Das Problem ist dort draußen, im Bewusstsein der Öffentlichkeit, nicht in den Institutionen, in die die Öffentlichkeit ‚Vertrauen‘ verloren hat. Der Blip-Denker glabt, dass die Bevölkerung sich verändern muss, nicht die Welt.“

Wütende Artikel wie diese sind… gut! Progressive laufen Gefahr, im Wunsch nach der unmöglichen Rückkehr zur Normalität zu blinden Verteidigern des Status Quo zu werden – oder bestenfalls im Macron’schen Modus des „Yuppie-Populismus“ (Zitat Pankaj Mishra) die Lösung zu sehen, die doch im Kern nichts anderes als eine weitere Auflage jenes „Dritten Wegs“ ist: PR-technisch oft versiert, intellektuell abgewirtschaftet und ohne größeren Nachweis, die Probleme des 21. Jahrhunderts ernsthaft lösen zu können oder wollen.

Wenn ich die Geschichte der kapitalistischen Zivilisation wie Jason Moore aber als „Aneignung von menschlichen und außermenschlichen Naturen“ betrachte (genauer: vier Naturen, „four cheaps“ -Nahrungsmittel, Arbeitskraft, Energie und Rohstoffe), dann liegt der Schluss nahe, dass der weitere Weg – also eine fortgesetzte Aneignung/Akkumulation unter den bereits beschleunigten Bedingungen – zivilisatorischer Selbstmord wäre, weil wir am Limit sind. Veränderung wäre also das Los der Stunde, doch die Progressiven und der verbliebene Rest links der Mitte scheuen sich, ohne die beiden Wörter „aber schrittweise“ überhaupt vor die Bürger zu treten. Doch was sich als Vernunft kleidet, könnte sich im historischen Rückblick einmal als bloße Feigheit entpuppen.

Siehe auch:
Es wird keine Rückkehr zur Normalität geben (2016)
Der Niedergang des Nationalstaats
 „Liberal“ vs. „nationalistisch“?
Globalismus und das schlafende progressive Lager (2016)
Der theologische Kapitalismus (2009)

Menschengemacht

Final call to save the world from ‚climate catastrophe‘

„‚Wissenschaftler könnten in Großbuchstaben TUT JETZT ETWAS, IDIOTEN schreiben, aber sie müssen das über Fakten und Zahlen sagen‘, sagte Kaisa Kosonen von Greenpeace. (…) ‚Und das haben sie.'“ Die Forscher haben diese Fakten und Zahlen verwendet, um eine Welt mit einem gefährlichen Fieber zu beschreiben, ausgelöst durch Menschen. Wir glaubten, dass die Veränderungen kontrollierbar wären, wenn wir die Erwärmung in diesem Jahrhundert unter 2 Grad halten könnten. Das stimmt nicht mehr. Die neue Studie sagt, dass jenseits von 1,5 Grad alles einem Würfelspiel mit der Bewohnbarkeit unseres Planeten gleicht. Und die 1,5-Grad-‚Leitplanke‘ könnte schon 2030, also in zwölf Jahren, durchbrochen sein. Der Bericht kommt zu dem Schluss, dass harte Entscheidungen nicht länger verzögert werden können. Wenn die Länder der Welt nicht bald handeln, werden sie sich noch mehr auf unerprobte Technologien verlassen müssen, um das Kohlendioxid aus der Luft zu entfernen – ein teurer und unsicherer Weg.“

Aus: Sarah Sentilles – Draw Your Weapons 

„Wir wanderten auf einem Pfad entlang durch die Borstenkiefern hindurch. Wüstenbeifuß und blasse Felsen und der Himmel. Ruhe. Der älteste Baum im Gehölz ist Methuselah [Methusalem] genannt worden, nach Noahs Großvater, von dem die Bibel sagt, dass er kurz vor der Flut starb und der älteste Mensch auf dem Planeten war. Methuselah der Baum ist viel älter als sein menschlicher Namensvetter – 4789 Jahre alt, was bedeutet, dass er auf dem Planeten seit ungefähr 2773 vor Christus gelebt hat.

Methuselah ist nicht gekennzeichnet und hätte jeder Baum sein können, an dem wir vorbeikamen. Ihn zu kennzeichnen, ein Schild mit „DAS IST METHUSELAH, DAS ÄLTESTE BEKANNTE LEBENDE WESEN“ hinzustellen, würde ihn möglichem Schaden aussetzen, stand in einer Broschüre, die ich am Besucherzentrum mitgenommen hatte. Es würde die Menschen verleiten, ihn abzuholzen. Ihre Initialen in den Stamm zu ritzen. Einen Ast abzuschneiden und mit nach Hause zu nehmen. Ihn anzuzünden.

In der Broschüre stand die Geschichte eines Geologen, der Eiszeit-Frostsysteme erforschte und ein Team mitnahm, um die Borstenkiefern zu untersuchen. Er wollte genau wissen, wie alt sie sind, um eine Kaltzeit-Zeitleiste zu entwickeln. Er hatte ein Kernbohr-Werkzeug dabei, einen Bohrer. Er bohrte in einige der Bäume hinein, entnahm einen kleinen Zylinder, zählte die Ringe. Doch dann lief etwas schief: Sein Werkzeug blieb in einer der Borstenkiefern stecken.

Er und sein Team kamen zu dem Schluss, am besten den Baum zu fällen, um das Werkzeug herauszuholen. Sie brauchten das Werkzeug, überlegten sie, und es gab keine Möglichkeit, so weit weg und alleine in der Wildnis an ein anderes zu kommen. Es gibt so viele andere Bäume hier draußen, dachte der Mann. Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass genau dieser Baum mit meinem Werkzeug drin der älteste ist?

Er ordnete an, den Baum zu fällen.

Er war mehr als fünftausend Jahre alt. Bereits 500 Jahre alt, als die Pyramiden in Ägypten gebaut wurden. 3000 Jahre alt, als Jesus auf der Erde umher wanderte. Die älteste Borstenkiefer. Das älteste lebende Wesen. Und dieser Wissenschaftler tötete es.“

Vom Bürgerkrieg

On Civil War
Der von mir häufiger zitierte Adam Kotsko in seinem Blog:

„Seit Reagan haben die Republikaner jeden Bereich der Regierung, den sie jemals kontrolliert haben, als ihr Erbrecht betrachtet. Clinton und Obama waren in ihren Augen unrechtmäßig, weil den Republikanern die Präsidentschaft gehört. Dasselbe gilt, sogar stärker, für den Supreme Court. (…) Du kannst keine auf Parteien aufbauende repräsentative Demokratie haben, wenn eine der Parteien die Legitimität der anderen Partei nicht anerkennt. Die Voraussetzung ist, dass die Macht wechselt und jede Partei das Recht hat, ihre Agenda umzusetzen, während sie die Macht hat. Republikaner lehnen diesen Grundsatz ab. Für sie ist jeder demokratische Präsident, jede demokratische Kongressmehrheit eine absolute Notsituation. Nur noch wenige Republikaner sind bereit für den traditionellen politischen Kuhhandel, wenn ihre Partei in der Minderheit ist, während viele Demokraten dazu bereit sind. (…)

Wir sind an einem Punkt, an dem die Demokraten – indem sie bei dem System, wie es ist, mitspielen – objektiv gesehen existieren, um den Republikanern prozedurale Deckung zu geben. Und mir ist nicht klar, wie man aus diesem Muster ausbrechen kann, denn der öffentliche Diskurs ist derart systematisch korrupt und falsch. Die Wähler der Republikaner sind derart gehirngewaschen mit der Vorstellung, die Demokraten kontrollierten heimlich alles, dass sie unter dem Strich immun gegen die Idee sind, dass die Republikaner das System manipulieren. Sogar wenn es den Demokraten gelänge, ihrer eigenen Basis klarzumachen, dass die Republikaner illegitim sind, hätten sie keine Möglichkeit, institutionelle Macht auszuüben – und würden damit nur weitere Rechtfertigungen für die republikanische Gewohnheit (die unter Trump verstärkt wurde) bieten, nur für die eigene ‚Basis‘ zu regieren und die Oppositionspartei und öffentliche Meinung zu verachten.

Ich halte wie viele andere den Vorschlag für reizvoll, die Republikaner zu delegitimieren und mit ihnen das gesamte konstitutionelle System. Aber ohne plausible Alternative mit der Inanspruchnahme, den Willen des Volkes durchzusetzen, führt die Deligitimierung des Systems zu einer Situation, in der Gewalt entscheidet – und ich glaube wir wissen alle, wer gewinnen würde, wenn es hart auf hart kommt. Aber es gibt sicherlich einen Punkt, an dem der Versuch einen Bürgerkrieg zu vermeiden, bedeutet, schon vorher den Sieg abzugeben. Vielleicht kommt es gerade schon hart auf hart – aber in diesem Fall ist unklar, wie es weitergehen soll. Ein Wahlsieg ist eine Option, aber die Republikaner haben ihre Basis bereits darauf vorbereitet, die Gültigkeit von Wahlergebnissen abzulehnen.“

Decisive Political Victory is the Only Way to End This Cold Civil War

Leserkommentar im Trumpismus-Überbau-Blog „American Greatness“:

„Wenn die Konservativen gewinnen, werden Schwule weiterhin heiraten dürfen, aber müssen vielleicht über die Straße zu einem säkularen Bäcker, um ihre Hochzeitstorte zu bekommen. Abtreibung wird immer noch legal sein, aber eine Frau muss in einen abtreibungsfreundlichen Bundesstaat reisen, um sie durchzuführen. Und die Antifa kann immer noch protestieren, aber wird das gewaltlos tun müssen oder ins Gefängnis wandern. Das Schlimmste, was passieren könnte, wäre das Ende der Zuschüsse für NPR (ich hoffe fieberhaft darauf).

Wenn die politische Linke gewinnt…nun, die Erwartung wird sein, dass wir uns ihrem Willen beugen oder die Konsequenzen tragen. Verliere deinen Job, deine Schusswaffen, deine Redefreiheit und dein Recht auf Gottesdienst, verliere alles, was dir wichtig ist. Und wenn du einer linken Regierung immer noch #Widerstand leistest, wirst du dein Leben verlieren, wenn sie den Mob schicken, um dich anzuzünden.

So sieht die Sache unverhohlen aus, Leute.“