Linux vs. Python (Tech-Kultur)

After Years of Abusive E-mails, the Creator of Linux Steps Aside

Linus Torvalds zieht sich vorläufig zurück, nachdem der New Yorker offenbar eine Geschichte über seinen beleidigenden und krassen Ton auf der Mailingliste der Linux-Kernel-Gruppe im Köcher hatte (was journalistisch wieder einmal zeigt, dass sich schon aus genauem Hinschauen gute Geschichten ergeben können).

Der New Yorker stellt Torvalds den Python-Erfinder und Ex-BDFL Guido van Rossum entgegen, der im Artikel als Gegenmodell erscheint und sich ebenfalls – offensichtlich aus ganz anderen Gründen – zurückgezogen hat (Sidenote: jenseits von Inklusion versuch Python zum Beispiel gerade symbolisch, die Terminologie „Master und Slave“ zu ersetzen).

Ich kann das von außen nur schwer bewerten und Open Source ist natürlich eine eigene Crowd, aber die Symptome von generell wachsender Selbstreflexion in Tech-Organisationen machen mich optimistisch.

Natürlich muss niemand damit rechnen, dass sich an der fundamentalen Ausrichtung der gesamten „Branche“ (und was ist die „Branche“ in einer digitalisierten Welt anyway?) etwas ändert. Aber in einer Zeit, in der sich der Tech als Karikatur  von Werteüberzeugung erscheint und sich zudem der Schwerpunkt zunehmend von den USA Richtung China verlagert, schadet es nicht, der Wachstums- noch eine Nachdenkfunktion vorzuschalten. Die kommenden Monate werden seeeehr interessant, weil Google als Konzern mit starken Prä-2008-Techkultur-Markern vor der China-Entscheidung steht und das sicher heftige Auswirkungen haben wird.

Siehe auch:

IT-Ethik, aber für wen?
Silicon Valley: Wann kommt der Wertewandel? (2016)
Ungleichheit und die Legitimation von VC-Tech (2015)
Tech und seine Kulturen

Post-Lehman und 2020+

A decade after Lehman fell, the global economy is not better. It’s worse

„Einige Ökonomen halten den problematischen Trend niedriger Produktivität und Haushaltseinkommen für die Achillesferse, mit der die Industrienationen in die 2020er Jahre gehen. Dem Trend nach wird die Weltwirtschaft ungefähr 3 bis 3,5 Prozent wachsen, vor einem Jahrzehnt waren es 4 bis 4,5 Prozent. Das Resultat sind langsamere Lohn- und Gewinnsteigerungen, was zu niedrigeren Steuereinnahmen in einer Zeit führt, in denen die Kosten der Schuldenbedienung steigen. Anhaltende Niedrigzinsen blockieren die Möglichkeit der Zentralbanker, die Kreditkosten im Falle eines Abschwungs zu senken; was ihnen bleibt, istdann nicht viel mehr als beruhigende Plattitüden.

Zentralbanken haben vielleicht genügend Spielraum, um eine milde Rezession mit konventionellen Zinssenkungen abzufedern, aber ein stärkerer Abschwung würde mit großer Wahrscheinlichkeit ein weiteres Quantitative Easing benötigen. QE hat nicht mehr die mächtige Wirkung, die es 2008 hatte. Und ohne diese stehen nur Papiersoldaten in der Verteidigungslinie gegen einen weiteren Crash.“

Jenseits aller Debatten über Postwachstum (dessen Übergang ich im gegenwärtigen Systemrahmen für schwierig halte), ist die Logik natürlich entlarvend: Es gäbe genügend Möglichkeiten, die Steuerbasis zu erweitern und Vermögen stärker zu hinzuzuziehen. Aber das erscheint in der gegenwärtigen Mainstream-Denkart (derzeit) unwahrscheinlich, zumal das zumindest teilweise international vernetzt geschehen müsste. Stattdessen lassen sich im Krisenfall weitere Kürzungen in den Sozialsystemen und Privatisierungen absehen. Genau deshalb sind die investitionsschwachen Jahre der schwarzen Null in Deutschland so verschenkt. Ganz abgesehen davon, dass ihr ideologischer Kern in der nächsten Krise mit Sicherheit den Euro sprengen würde.

Siehe auch:

10 Jahre nach dem Crash
Deutschland, Euro-Krise, Griechenland (2015)
GroKo-Sommerbilanz

Probleme @ Change Management (zwei Konzepte)

In den vergangenen Monaten sind mir zwei Konzepte begegnet, die mir helfen, organisatorische Herausforderungen im Change Management besser zu verstehen. Das eine ist von Samo Burja und dreht sich um Bürokratien – also jenen Organisationsformen, die ab einer gewissen Größe fast jedes Unternehmen zu prägen beginnen. Buria unterscheidet zwischen Bürokratien mit „Besitzer“ und solchen, die autonom funktionieren, also nach eigener Logik und unabhängig von der Hierarchie im Organigramm, und deshalb kaum zu reformieren sind (oder in Richtung des nötigen Wandels zu drehen). Der ganze Artikel lohnt sich, hier ein Zitat:

How to Use Bureaucracies

„Beginne bei jeder Organisation mit der Frage, ob es eine Bürokratie ist. Wenn das zutrifft, erwarte von ihr ein höchst stereotypes Verhalten. Sie wird sich neuen Herausforderungen nicht besonders anpassen können und die Dinge außerhalb der vorausgesetzten Ontologie ihrer Büroarbeit und internen Arbeitsteilung nicht akurat bewerten können.

Wenn die Organisation eine Bürokratie ist, können wir fragen: Gehört die Bürokratie jemandem oder wurde sie zurückgelassen? Wenn sie jemandem gehört, kannst Du erwarten, dass eine ausreichend große Herausforderung am Ende dazu führt, dass sie sich reorganisiert. Du wirst dich auch an den Besitzer wenden können, damit er Probleme beseitigt oder eine Form der Kooperation findet, die von der Bürokratie selbst nicht verstanden wird. (…)

Wir finden uns umgeben von einer bürokratisierten Landschaft. Was getan oder nicht getan werden kann, wird von den Organisationen bestimmt, aus der sie sich zusammensetzt. Der ständige Drang talentierter Personen, ihre Macht aufzubauen und mit ungelernten Büro-Mitarbeitern klarzukommen (eine Kategorie, die Ökonomen anerkennen und stärker analysieren sollten) haben die Landschaft mit vielen großen Organisationseinheiten übersät. Einige werden geführt, andere wurden schon lange verlassen. Einige schaffen es weiterhin, lebensnotwendige soziale Funktionen zu erfüllen, andere schleppen sich dahin und machen einem das Leben schwer.“

Das zweite Konzept ist von Arthur L. Stinchcombe zu „Organizational Imprinting“ (organisatorischer Prägung). Zum Nachlesen auf Wikipedia:

Imprinting (Organizational Theory)

Weil ich im Netz keine gute Zusammenfassung gefunden habe, hier kurz meine Beschreibung: Stinchcombe leitet das Verhalten von Unternehmen in verschiedenen Phasen einerseits davon ab, welche Werte, Entscheidungen und Mythen zur Gründungszeit dominiert haben – vereinfacht ausgedrückt eine Prägung wie bei einem Kind (Freud lässt grüßen). Später wurde die Theorie offenbar noch etwas ausgebaut, denn ich habe sie so kennengelernt: Firmen und Organisationen orientieren in ihrem Verhalten an jener Zeit, in der sie am erfolgreichsten waren – zum Beispiel an den Zielen oder an den Strukturen, die damals eingeführt wurden bzw. Träger des Erfolgs waren. All das wird in dem Moment zur Belastung, in dem die Mission sich ändert oder Veränderungen in jenen Abteilungen am notwendigsten sind, die einst Pfeiler des Erfolgs darstellten.

Anders als die Problemdiagnose lässt sich die Lösung nicht so einfach in ein Konzept fassen: Ich kenne aus Firmen-Erzählungen unterschiedliche Herangehensweisen, von Change Agents an Schnittstellen, neuen Zwischen-Hierarchien, firmeninternen Schattennetzwerken bis zu Greenfield-Projekten/-Zukäufen (mit klar festgelegter Strategie über die weitere Integration) oder der völligen Neuplanung der Strukturen.

Die große Gespreiztheit

The Democratic Coming Apart

David Runciman im Interview über sein Buch „How Democracy Ends“, in dem er unter anderem eine erschlaffte demokratische Kultur im Jahr 2053 skizziert (Achtung, die historische Perspektive ist sehr britisch zentriert):

„Ich glaube, die Demokratie verspricht den Menschen zwei Dinge: Würde (indem sie eine Stimme erhalten) und Resultate. Sie verspricht, Probleme zu lösen. Ich denke, diese beiden Sachen werden sich in der Demokratie zukünftig weiter und weiter voneinander entfernen. Es wird in dieser Welt Problemlösungen geben, aber sie werden nicht durch die Äußerung der Stimme erreicht, wofür eigentlich Wahlen da sind.
In mancher Hinsicht erleben wir gerade eine Phase, in der die Möglichkeiten der Stimmäußerung nicht zwangsläufig für Würde und Anerkennung da ist. Digitale Technologie verspricht mehr Problemlösung und eine lautere Stimme, aber es verspricht nicht unbedingt eine größere Verbindung zwischen beidem. Meine Beschreibung des Jahres 2053 dient teilweise als Hintergrund für eine Welt, in der beides immer weiter voneinander weg ist: es gibt zahlreiche, unabhängige Kandidaten, Popstar-Kandidaten, und sie verwenden Technologie für neue innovative Wahlkampf-Formen. Vielleicht gibt es auch mehr Problemlösungen, aber das passiert nicht durch diesen Prozess.
(…)
Wenn wir das Spiel historischer Analogien spielen und eine Zeit auswählen sollen, dann wären die 1890er ein viel besserer Leitfaden für die Gegenwart als die 1930er. Das Jahrzehnt nach 1890 war eine große Dekade des Populismus, der Ungleichheit und der technischen Revolution. Genauso wie es viele Verschwörungstheorien und Frieden gab – vor allen Dingen war es das Ende einer relativ langen Friedenszeit. Ich glaube, dass Populismus ein Produkt des Friedens ist, nicht des Kriegs.
Es gibt eine hoffnungsvolle Version der Geschichte der 1890er. Die führt in das frühe 20. Jahrhundert, wo im Grunde die Sozialdemokratie in Europa erfunden und in den Vereinigten Staaten alle möglichen progressiven Politikideen umgesetzt wurden, inklusive der Entflechtung von Monopolen. Ich schreibe in meinem Buch viel darüber, was wir lernen könnten und ich glaube es gibt ähnliche Voraussetzungen um zu erwarten, dass wir etwas Ähnliches tun werden.“

Blockchain & Chinas Seidenstraße

Blockchain Is Starting to Show Real Promise Amid the Hype
China has a vastly ambitious plan to connect the world

Vor dem Wochenende noch Lesehinweise zu zwei der wichtigsten und (Stand 2018) in ihren Konsequenzen am schwersten abschätzbaren Infrastrukturprojekte im Moment.

Barrons hatte eine Titelgeschichte über die Blockchain mit einem seriösen Überblick zum Stand der Dinge. Neu für mich: IBM und Microsoft kontrollieren einer Schätzung zufolge 51 Prozent des gegenwärtigen Blockchain-Markts. Aha-Zitat: „Die Blockchain braucht immer noch ihr Cisco“ (= wie das Internet Netzwerk-Hardware und Router).

Der Economist analysierte vor kurzem Chinas Belt-and-Road-Initiative (BRI), in Deutschland auch als „Neue Seidenstraße“ bekannt. Über deren Zweck jenseits wirtschaftlicher Markterschließung wird viel spekuliert. Ist es ein Angeber-Projekt Xis? Ein Outsourcing von Kohlendioxid-Emissionen (=Bau Kraftwerken in Nachbarländer, die den Strom nach China exportieren und die Luftprobleme importieren, quasi). Das Fundament für eine Perlenkette von Militärbasen? Das Briefing wirft solche Fragen auf und liefert eine Menge Hintergrund. Wer im 21. Jahrhundert weiter nur nach Westen blickt, dürfte 10 bis 15 Jahre später ziemlich von der Realität überrascht sein.

Wärme über dem Permafrost

Some Arctic Ground No Longer Freezing—Even in Winter

„Jeden Winter gefrieren in der Arktis die oberen Bodenschichten und Pflanzenmaterial, bevor es im Sommer auftaut. Unter dieser aktiven Schicht liegt durchgehend gefrorene Erde – Permafrost, der sich Hunderte von Fuß nach unten erstreckt und an einigen Stellen seit Jahrtausenden gefroren ist.

Aber in einer Gegend, in der die Temperaturen auf bis zu minus 40 Grad sinken können, hat in diesem Jahr den Zimows [russische Wissenschaftler] zufolge ein ungewöhnlich starker Schneefall wie eine Decke funktioniert und überschüssige Wärme im Boden gefangen. Sie fanden Stücke, die 75 Zentimeter tief waren: Boden, der normalerweise vor Weihnachten friert und nun den ganzen Winter dampfig und breiig geblieben war. Zum ersten Mal seit Menschengedenken fror der Boden, der den tiefen arktischen Permafrost isoliert, im Winter nicht. (…)

Die Entdeckung wurde nicht im Peer-Review-Prozess überprüft oder veröffentlicht und stellt limitierte Daten eines einzigen Punkts in einem einzigen Jahr da. Aber die Messungen anderer Wissenschaftler in der Nähe und einen Ozean entfernt scheinen die Erkenntnisse der Zimows zu stützen. Einige Arktis-Experten stellen deshalb eine beunruhigende Frage: Könnte der Tau des Permafrosts Jahrzehnte früher beginnen, als die meisten angenommen hatten? In einigen der kältesten Gegenden der Arktis, in denen einige der größten Kohlenstoff-Vorkommen gebunden sind, deren Freisetzung von Treibhausgasen den menschgemachten Klimawandel beschleunigen könnte?“

Um nach der Lektüre eine weitere Frage anzufügen: Bleibt uns nur noch, den Unterschied zwischen „abgelaufener Zeit“ und „zu spät“ zu diskutieren? Im Artikel kommen auch Wissenschaftler zu Wort, die wie angedeutet die Aussagekraft der Messungen anzweifeln.

Siehe auch:
Im Klimawandel
Dunkler
Endspiel

Theorie und digitale Schulpraxis

Aufbruchstimmung oder bleierne Zeit – Momentaufnahmen Digitaler Bildung in Deutschland

„Ernüchternd auch die Erkenntnisse von Prof. Christoph Igel von der Deutschen Forschungsstelle für Künstliche Intelligenz: Digitale Medien finden in der Ausbildung von Lehramtsstudierenden immer noch kaum statt. Immerhin können sich die 25-jährigen noch vorstellen, Tablets und Apps im Unterricht einzusetzen. Kaum sind sie an der Schule angekommen, sinkt diese Bereitschaft angesichts von fehlenden WLAN-Kapazitäten und sonstigen Anforderungen massiv. Zwei Jahre, nachdem sie den Job angefangen haben, tendiert sie sogar gegen Null.“

Der Eindruck, den Verena Gonsch auf diversen Konferenzen zum Schulwesen mitgenommen hat, ist nicht besonders gut. Wenn ich das richtig verstehe, warten alle auf die Gelder aus dem „Digitalpakt Schulen“, wo offenbar ein gewaltiger Betrag offen ist. Und dann gibt es natürlich die kulturell verständliche, aber sehr deutsche Herangehensweise: Erst digitale Lernkonzepte, dann Wlan anknipsen.

Die Probleme im Change-Management, die wir in der Wirtschaft haben, lassen sich parallel in den staatlichen Hoheitsgebieten diagnostizieren. Und anders als bei der Industrialisierung ist nicht gesagt, dass für Deutschland „spät umsetzen, aber dafür richtig“ wieder funktioniert.

Halbvoll ist das Glas, wenn ich auf die offenbar wachsende Anzahl engagierten Lehrer blicke, die sich in Projekten vernetzen und kluge Lösungen finden wollen – nicht für sich, sondern für die Kinder und das Bildungswesen. Aber es darf nicht sein, dass 2018 Eigeninitiative oft an den Strukturen vorbei entwickelt werden muss. In ein paar Jahrzehnten werden wir einmal auf den Fetisch der „Schwarzen Null“ zurückblicken und uns wundern, was wir mit dieser Passivität so alles angerichtet haben.

Siehe auch:

Breitband-Ausbau und der Vectoring-Irrweg
 GroKo-Sommerbilanz
 Deutschland, Euro-Krise, Griechenland

Q und die Bedeutungshoheit

How Journalists should Not Cover a Conspiracy Theory

„Was ein köchelndes Narrativ war, wurde am 1. August zu einer Feuerwerksfabrik-Explosion, als einige Besucher eines Quasi-Wahlkampfauftritts Trumps in Tampa mit ‚Q‘-Pappschildern auftauchten. Laut Joan Donovan, Chef-Rechercheur der ‚Media Manipulation Initiative‚ scheint es sich um einen koordinierten Versuch gehandelt zu haben, die Aufmerksamkeit von Reportern zu erhalten. (…) Im Falle von QAnon können Widerlegungs- und Erklärungsstücke interessant und hilfreich für jene Leser sein, die bereits glauben, dass die Verschwörung absurd ist. (…) In anderen Publikumssegmenten (…) kann es andere Folgen haben. Zunächst einmal hätten sich die Verbreiter der Verschwörungstheorie sich kein besseres Resultat wünschen können; Journalisten, die über die Geschichte berichten, verbreiten das Narrativ so viel weiter und schneller, als es normalerweise passieren würde. Teilnehmer des QAnon-Narrativs haben flugs genau diesen Punkt bestätigt; Postings im ‚Great Awakenining‘-Subreddit haben sich bei Journalisten direkt für die Berichterstattung und die nachfolgende Welle neuer Mitwirkender bedankt.“

 The Group Chat Podcast: QAnon Is LARPing For Older Folks

“Ich glaube, dass QAnon völlig die Erzählung zerstört, dass an allem Schlechten im Internet Facebook und Twitter schuld sind. Sachen wie QAnon passieren in jedem Land, völlig plattform-unabhängig. (…) Ich denke, dass es viel mehr mit der Art zu tun hat, wie das Internet heute funktioniert. Es ist seltsam, mir kommt es fast vor, als hätte es am meisten gemeinsam mit so etwas wie Pokemon Go. Wie ein Augmented-Reality-Game und die Leute werden es spielen, egal wohin sie gehen, egal wie wie es funktioniert. Sie werden es weiter tun, weil es ihnen unter dem Strich Spaß macht. (…) Wir stehen also vor einem Jahrzehnt, in dem Leute Augmented-Reality-Games crowdsourcen und sie werden das richtig ernst nehmen und das wird wahrscheinlich einige ziemlich irre Konsequenzen haben.“

 The Calm Before The Storm

„Es ist Kayfabe bis zum bitteren Ende. Die Macht der Blauen Kirche [progressive, an Institutionen glaubende Amerikaner/Menschen im Westen, joha] baut auf einem Verständnis von Autorität und Ernsthaftigkeit auf. Indem sie die ganze Konversation in das Gebiet des Absurden verschieben (‚wirkliche Fake News‘), nehmen die Aufständischen [im Internet aktive Reaktionäre, joha] der Kirche ihr Scheinbild der Legitimität. Wenn es alles nur ein Spiel ist, um eure Emotionen zu manipulieren und eure Aufmerksamkeit zu kriegen (zum Beispiel für Werbegeld oder Punkte im politischen Spiel), dann ist jeder Anschein von Autorität und Ernsthaftigkeit nur das: ein Anschein.

4chan war im vergangenen Jahr in diesem Spiel besonders erfolgreich: die Blaue Kirche hat die Vorstellung, dass Milch, die Okay-Handgeste und ein Cartoon-Frosch bedeutungsschwere Symbole einer ernstzunehmenden Alt-Right-Verschwörung sind, mit vollem Ernst Beachtung geschenkt. (…)

Ich sage nicht, dass die Alt-Right nicht existiert oder Pepe der Frosch nicht mit ihnen in Verbindung gebracht wird. Was ich sage ist: Wenn du glaubst, dass Pepe der Frosch das Symbol der Alt-Right ist und dass die Alt-Right als Ideologie auf dieselbe Weise als Ideologie funktioniert, wie Symbole und Ideologien im Modell der Rundfunkmedien im 20. Jahrhundert funktioniert haben (wie zum Beispiel Uncle Sam und Amerika oder das Hakenkreuz und Nationalsozialismus), dann hast du etwas Grundlegendes nicht verstanden.

Für die Aufständischen zählt nicht das Symbol oder die Ideologie; es zählt, wer die Symbole und Ideologien hervorbringt und wem sie gehören. Davon auszugehen, dass eine bestimmte Autorität sie hervorbringt und sie ernst zu nehmen bedeutet, das Spiel der Blauen Kirche zu spielen. Innerhalb der Aufständischen bildet der Stil das Schibboleth, nicht der Inhalt. Die Haltung, nicht die Ideologie.“

Der letzte Link ist inhaltlich nahe am cryptobekifften Reddit. Aber wenn man das ganze Endzeit-Konflikt-Gedöns ignoriert, enthält es eine Spur: Die rechtsreaktionäre Internet-Kultur kapiert den Kampf um die Bedeutungshoheit. Nicht um die Deutungshoheit, sondern um vernetzt hergestellte Bedeutung von (oftmals neuen) Narrativen und Symbolen, die selbst nur Gesten zur Identifikation sind. Die praktische Umsetzung dieses Verständnisses lässt diese Gruppe auch größer und engagierter erscheinen, als sie qua Zahl wirklich ist.

So lässt sich die berechtigte Frage stellen, ob die „Alt-Right“ in der medial vermittelten Form jemals wirklich existiert hat. Oder ob wir von einer niedrigen vierstelligen Zahl von Leuten mit gemeinsamem Rassenhass-Code und genügend Zeit für Internet-Postings reden. Ich bin mir auch bewusst, dass darin eine massive Kritik an unserer journalistischen Praxis steckt.

Mehr Nutzen aus Technologien

 The blitzscaling illusion

Anders als in manchen Pitch Decks propagiert sind unsere besten und wichtigsten Fortschritte und Technologien nicht per se kostenlos und ein Produkt schneller linearer Entwicklungen. Edward Tenner mit einer historischen Parallele:

„Im 20. Jahrhundert beschleunigten Kriegszeiten oft die Lösung der schwierigsten technischen Probleme: Kunstdünger, Antibiotika, Radar, Kryptographie, Atomenergie, Jet-Antriebe. Aber trotz der Alarmsignale in Sachen Klimawandel und Cybersicherheit existiert heute keine verbreitetes Gefühl der Dringlichkeit, das vergleichbar wäre. (…) Wenn wir zurück an den akuten Druck des zweiten Weltkriegs denken und wie Regierungsabteilungen damals der privaten Wirtschaft halfen, ihre Skepsis zu überwinden und zusammmenzuarbeiten, sollten wir ein vorrangiges Ziel verfolgen: Die systematischere Untersuchung all jener Ideen, die von den Tech-Medien als transformativ identifiziert worden sind. Danach sollten wir bessere Anreize für harte Technologien schaffen, die dem Gemeinwesen Nutzen bringen (zum Beispiel über Preise und bevorzugte steuerliche Behandlung). Was nutzen uns selbstfahrende Autos, wenn unsere Straßen – aus Mangel an langlebigeren Materialien und Straßenpflaster-Techniken – voller Schlaglöcher sind, die von den Autos noch nicht erkannt werden können?“

In der jüngeren Vergangenheit stoße ich häufiger auf Projekte, die Technologie gesellschaftlich denken wollen. Wenige davon denken in so großen Kategorien wie Tenner oben, sondern eher in Software. Und auch interdisziplinär beginnt gerade erst eine tiefere Vernetzung, so etwas wie fächerübergreifende R&D ist mir noch nicht oft untergekommen. Aber ich habe gerade erst begonnen, das zu sammeln – und freue mich auf Projekt-Hinweise in den Kommentaren!

Festival-Metamorphosen

Neulich fand ich in der London Review of Books diese Anzeige. Wilderness 2018, ein Literatur- und Zinefestival in Großbritannien, politisch, mit Live-Podcasts und ziemlich vielen guten Namen und klugen Leuten. Beim Googeln dann fand ich dann heraus, dass das einfach ein Track in einem „normalen“ Festival mit Bands ist.

Ein Blick auf die deutsche Festivalszene zeigt Ähnliches, zum Beispiel haben A Summer’s Tale oder das Open Flair Kultur jenseits von Bands, dazu Workshops und ein paar Lesungen im Programm, die Fusion ist schon lange für ihren praktischen Teil bekannt. Der Unterschied im Lineup ist aber der zwischen Wladimir Kaminer und Linus Volkmann auf der einen (Summer’s Tale) und David Runciman und Benedict Cumberbatch (Wilderness) auf der anderen Seite.

Nicht falsch verstehen, ich schätze beide Erstgenannte, aber sie sind nicht dezidiert politisch oder Stars. Womit wir bei der Dichte an Intellektuellen, politisch aktiven Künstlern und ernstzunehmenden Indie-Verlagen mit gesellschaftlicher Mission und Appeal über den Kulturbetrieb hinaus sind. Da sind die Briten wirklich fantastisch aufgestellt. Vermutlich hat das nicht nur mit Tradition, sondern auch mit der Klassengesellschaft zu tun. Aber verdammt, ich wünschte mir ein Biotop, das so etwas auch in Deutschland möglich macht (falls es so etwas schon gibt, bitte Hinweis in den Kommentaren hinterlassen…aber kommt mir nicht mit den Buchmessen, die sind toll, aber etwas anderes).