10 Jahre nach dem Crash

Ich kann gar nicht so viel zitieren, wie ich in John Lanchesters Stück markiert habe. Ich kann nur vorhersagen, dass das Essay besser und vielschichtiger ist als 95 Prozent der Sachen, die in den kommenden Monaten zum zehnjährigen Jahrestag des Finanzkrisen-Beginns publiziert werden. Der Longread lohnt also.

Auf eine Sache möchte ich eingehen: Die Frage nach der gegenwärtigen Erzählung. Lanchester erinnert sich, wie Thatcher, Reagan und andere in den Achtzigern erfolgreich den Kapitalismus als ein System präsentierten, das seinen Alternativen überlegen ist und für den Großteil der Gesellschaft positive Folgen hat. Was hat sich seit dem geändert? Lanchester:

„In den letzten Jahrzehnten scheinen die Eliten davon abgerückt, Kapitalismus auf einer moralischen Basis zu verteidigen. Stattdessen verteidigen sie mit der Begründung des Realismus. Sie sagen: So funktioniert die Welt nun einmal. Das ist die Realität der modernen Märkte. Wir haben ein Wirtschaftssystem, das auf Wettbewerb aufbaut. Wir stehen im Wettbewerb mit China, mit Indien, wir haben hungrige Rivalen und wir müssen realistisch sein, wie hart wir arbeiten müssen, wie gut wir uns bezahlen müssen und wie verschwenderisch wir unsere Sozialstaaten gestalten können. Wir müssen den Tatsachen ins Auge sehen, was mit den Jobs passiert, die jetzt noch hier lokal gemacht werden aber auch in günstig international outgesourced werden könnten.
Das sind keine moralischen Rechtfertigungen. Die ethische Verteidigung des Kapitalismus ist zu wichtig, um sie unabsichtlich aufzugeben. Die moralische Grundlage einer Gesellschaft, das Verständnis ihrer eigenen ethischen Identität, kann nicht einfach lauten: ‚So ist die Welt nun einmal, komm‘ damit klar.'“

Nun gibt es aber diese moralische Begründung noch: Die absolute Armut (nach UN-Definition) ist seit der Krise von 19 Prozent auf unter neun Prozent gesunken – die Entwicklungs- und Schwellenländer profitieren. Lanchester führt die Elefanten-Kurve des hier bereits zitierten Branko Milanovic an, mit der dieser das Einkommenswachstum von 1988 bis 2008 erklärt. Dort, wo Gesicht und Stoßzahn liegen ist der Einkommenszuwachs geringer, der Graph geht nach unten. Hier befindet sich die Arbeiter- und Mittelschicht der westlichen Welt. Dort wo der Rüssel ist und steil nach oben geht, sind Oberschicht und Superreiche.

Lanchester fragt:

„Was wäre, wenn die Regierungen der Industrienationen ihren Bürgern einfach sagen würden, das genau das der Deal ist? Der Pitch würde sich ungefähr so anhören: Wir leben in einem globalen Wettbewerb, es gibt Milliarden verzweifelt armer Menschen und damit ihr Lebensstandard sich verbessert, muss unserer im relativen Maßstab sinken. Vielleicht sollten wir das aus moralischen Gründen akzeptieren: Wir waren hier lange genug reich, um nun die Früchte des Wohlstands mit unseren Brüdern und Schwestern zu teilen. Die Antwort wäre: Okay, in Ordnung – aber werdet den Rüssel los. Denn wenn wir einen relativen Rückgang erleben, warum sollten die Reichen – warum sollten die ‚Ein-Prozent“ – nicht genaus wie wir schlechter dran sein?“

Lob der Utopie

 Die Welt ist zum Verändern da!

Harald Welzer:

„Ist es nicht seltsam, dass man in einer der reichsten Gesellschaften der Erde aufwachsen und trotzdem keinerlei Zukunftsvision haben kann? Nein, ist es nicht. Denn die gesamte Gesellschaft hat ja kein Zukunftsbild von sich, das dem 21. Jahrhundert entstammen würde. Nehmen wir als Beispiel nur den Wiederaufbau von Schlössern überall: in Hannover, in Potsdam, in Berlin. Oder gleich die Erfindung einer künstlichen Altstadt, wie in Frankfurt, dem Zentralort der Finanzindustrie. Ist das die Zukunft, die man jungen Menschen anbieten möchte: Heimatkitsch und Knete?

Dieses Zurückgewandte, Gestrige korrespondiert auf fatale Weise mit der Apokalypse-Rhetorik: Oder wo unter den Ökos findet sich ein attraktiver, gar ein mitreißender Zukunftsentwurf einer lebenswürdigen und liebenswürdigen Gesellschaft, die sozial gerecht, nachhaltig und lebensbejahend wäre? Stattdessen nervt die Szene mit allgegenwärtigen Begriffen wie Effizienz, Resilienz und Suffizienz, propagiert einen „Lebensstil des Genügens“, als wäre ein runtergedimmtes Vernunftrentnerdasein ein attraktiver Lebensentwurf für 20-Jährige.

Was schmerzlich fehlt, sind Visionen, konkrete Utopien, Aussichten wie man die Welt, die eigene Gesellschaft, das individuelle Leben so verändern kann, dass es zugleich lustvoller und weniger zerstörerisch gelebt werden kann, als es in der Gegenwart der Fall ist. Statt Apokalypse: Zukünftigkeit. Statt ohnmächtig machendem Lamento: Selbstermächtigung. Die Welt ist zum Verändern da, nicht zum Ertragen. Wenn sich das herumspricht, kommen auch wieder Zukunftsbilder in unsere Welt.“

Ich übe mich hier auch häufiger im Lamento, aber natürlich lässt sich nicht ignorieren, dass wir gerade verschiedene, sich überschneidende globale Krisen erleben. Woran ich aber definitiv festhalte: ein Freiheitsbegriff, der auf der Überzeugung fußt, dass wir konkrete Möglichkeiten zur Veränderung haben.

Drei Varianten der Internet-Kontrolle

Three Approaches to Internet Content ($)

Ben Thompson hat vor der heutigen Entscheidung des Europaparlaments noch einmal den Stand der Internet-Balkanisierung zusammengefasst. Seine Übersicht der drei Schulen:

„Die amerikanische Position der Internetkontrolle: Plattformen sind für user-generated Content nicht haftbar, sie können allerdings ihre eigenen Regeln dazu formulieren. In anderen Worten, das amerikanische Internet wird vorwiegend von großen Plattformen beaufsichtigt, die Einschränkungen entstehen vor allem durch die öffentliche Meinung und die Haltung der Mitarbeiter.

Die EU andererseits – vielleicht, weil sie keine eigenen großen Plattformen hat – erlegt den großen Plattformen beschwerliche Regulierungen auf, die wahrscheinlich dazu führen werden, das user-generierter Inhalt zugunsten der plattformlosen Urheberrechtsinhaber stark eingeschränkt wird.

Es gibt auch noch ein drittes Modell, in China: dort beschäftigt sich die Regierung vor allem mit politischen Meinungen, das Urheberrecht interessiert sie nicht. Das Resultat ist, dass die großen Internet-Plattformen sich verstärkt mit der Regierung zusammenschließen und gezwungen werden, sich um die Zensur politischer Inhalte zu kümmern.“

Der aktuelle Entwurf ist nun erst einmal vom Tisch, aber eine Trendumkehr kann ich mir kaum vorstellen: Der Schutz angestammter Branchen und Industrien ist ein zentraler Bestandteil der europäischen Politik. Das darf ein Wirtschaftsblock erst einmal, und es kann sogar Erfolg versprechen, wenn es sich nicht nur um Zeitspiel handelt. Allerdings gibt es in diesem Fall offensichtlich nicht genügend Korrektive und Kompetenz, um Klientelismus und Symbolik zugunsten einer schlüssigen Digitalpolitik aufzugeben (was, angesichts der europäischen Defizite bei der digitalen Wertschöpfung, zugegeben nicht einfach ist, aber in anderen Feldern ja durchaus funktioniert).

Siehe auch Jannis Brühl @SZ: Bis das letzte Bild gescannt ist

Der Platz der Religion

Making Room for God

Der Historiker (und ehemalige kanadische Oppositionsführer) Michael Ignatieff wagt sich in obigem Essay daran, den zentralen Konflikt unserer Gegenwart zu ordnen: das Verhältnis zwischen „Liberalismus“ (also der säkularen, demokratischen Ordnung) und Religion. Er leitet drei Punkte ab, die ich für relevant halte:

(1) Wir als liberale Gesellschaft machen immer noch den Fehler, Religion als prägend für das ganze Leben eines Menschen zu sehen – und machen dadurch ihren Schutz zur zentralen Aufgabe der politischen Ordnung. Aber wie wäre es, wenn wir religiöse Bekenntnisse nicht getrennt von säkularen wie Veganismus oder Umweltschutz betrachten würden? Er zitiert den Philosophen Tim Crane: „Näher an der Wahrheit ist, dass alle Menschen, nicht ihre Meinungen, Respekt verdienen.“

(2) Seit der Aufklärung glaubt der Liberalismus, dass er am Ende zwangsläufig über den Glauben siegen wird und ihn in die private Sphäre zurückdrängen kann . Diese Idee der Säkularisierung verliert aber an Glaubwürdigkeit: Während sich einige Religionen (oder vielmehr ihre Interpretation) dem liberalen Verständnis öffnen (und sich das liberale Verständnis auch ständig neu austariert), definieren sich Evangelikale, konservative Katholiken und muslimische Fundamentalisten explizit gegen das, was sie als individualistische und hedonistische Ordnung betrachten. „Liberale Gesellschaften fahren nicht auf eisernen Schienen Richtung Freiheit – sie können das Gleis wechseln.“

(3) Zur Wirklichkeit liberaler Gesellschaften gehört, dass sie enttäuschen müssen. Es gibt keine glühenden Utopien, keine Erlösung, sondern (in den sozialdemokratisch-geprägten Staaten) nur die Verringerung von unverdientem Leid und von Ungerechtigkeit und die Vermehrung von Wohlstand und persönlicher Selbstverwirklichung. Der Sehnsucht vieler Menschen nach kollektiver Zugehörigkeit oder Zugehörigkeit zu Gemeinschaft und Traditionen können sie nicht befriedigen, und diese Lücken werden oft durch nicht-liberale Ideen gefüllt.

Ignatieffs Pointe ist, dass inzwischen auch manch Liberaler in der Religion flüchtet, während er den „immerfort kleiner werdenden Horizont der säkular-demokratische Ordnung“ betrachtet.

Über (1) lässt sich am längsten grübeln. Tatsächlich geben wir gerade in Deutschland der religiösen Prägung einen besonderen Platz, dessen Genese im Nachkriegsdeutschland-Kontext interessant zu verfolgen wäre. Ich persönlich tue mir qua Biografie und Spiritualität noch schwer, Lebensstil und Religion in die gleiche Schublade einzusortieren, weil religiöse Prägung mir „horizontal“ über alle Lebensbereiche zu verlaufen erscheint, Veganismus dagegen „vertikal“, also als „eine Entscheidung über einen bestimmten Teil meines Lebens“ betreffend. Vielleicht ist aber auch „Veganismus“ gar nicht die richtige Kategorie, sondern „Respekt vor dem Leben“ oder ähnliches.

In (3) wiederum hat sich meines Eindrucks nach in Europa auch über das progressive Spektrum hinaus die Erhaltung unserer Spezies durch den Kampf gegen Umwelt- und Klimaschäden als eine Art verbindendes Element durchgesetzt, wenn auch eher theoretisch als in der gelebten Praxis. Was wiederum zum Liberalismus passt: Die Verhinderung der Katastrophe als verbliebene Utopie.

Siehe auch:

 Westen ohne Gott
Identitätsmythen und das Vakuum unseres Fortschrittsbegriffs
John Stuart Mill als Religionsstifter

„Kulturgut Buch“

Digitaler Stress frisst Lesezeit
Die Deutschen lesen weniger Bücher, teilweise überhaupt keine mehr. Die Umsätze des Buchhandels sind noch stabil (wer liest, kauft mehr Bücher als früher), aber 25 Prozent aller Leser in Deutschland sind über 70.

Kolja Mensing vom Deutschlandfunk hat vergangene Woche dazu einige kluge Dinge gesagt:

“Ich glaube, wir haben so eine merkwürdige Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen. Es gibt halt immer noch den Diskurs des guten alten Literaturbetriebs, dessen Wurzeln irgendwo in der deutschen Nachkriegszeit liegen, in dem alle Beteiligten – Lektoren, Buchhändler, Kritiker – sich um ein verhältnismäßig kleines Segment vermeintlich anspruchsvoller Literatur gruppieren und nicht nach links und rechts schauen. Und auf der anderen Seite gibt es eben so ein modernes, urbanes und popkulturell sozialisiertes Milieu, das an ganz anderen Inhalten interessiert ist. (…) Ich glaube, man muss aus dieser ganzen, immer auch leicht dünkelhaften Rhetorik zum Kulturgut Buch erst einmal die Luft rauslassen, anstatt es – wie es der Börsenverein es ja jetzt offenbar vorhat – es zur Waffe im Kulturkampf gegenüber der digitalen Welt hochzurüsten.”

Kurz: Der Buchbranchen-Diskurs begegnet der Veränderung durch einen Konservatismus, der ohnehin nur diejenigen anspricht, die ihm bereits folgen und diese Ansicht teilen. Ähnlich gilt das auch für das deutsche Feuilleton. Ich habe es vor fünf Jahren in einem Beitrag hier verteidigt, was wohl etwas naiv war. Es ist den deutschen Feuilletons unterm Strich nicht gelungen, ein Verhältnis zum Zeitgeist zu entwickeln, sich entlang der oben beschriebenen Popkennerschaft neu zu definieren und daraus eine neue Form zu entwickeln. Dabei existiert gerade in unserer liquiden Kultur das Bedürfnis nach historischem Kontext, Meta-Referenzen und einer klugen Analyse im Blick auf Markt-, Mode- & Machtmechanismen. Nur findet die eben in der Regel in Social Media oder den englischsprachigen Publikationen statt.

(Via Christoph Kappes, Twitter)

Siehe auch:
 „Das unendliche Essay„

Freihandel

Der Deal im Freihandel lautet: Günstigere Waren und größere Auswahl gegen den Verlust von Arbeitsplätzen in einigen Branchen, in der Regel im produzierenden Gewerbe. In Schwellenländern bedeuten Freihandel und Globalisierung die Möglichkeit, in die Mittelschicht aufzusteigen. Oft geschieht das erst in der nächsten Generation, wohlgemerkt: Wer heute in den Technologie- und Textilfabriken Asiens arbeitet, verdient zwar überdurchschnittlich Geld, sein Leben gleicht aber eher dem eines europäischen Fabrikarbeiters im Jahre 1850 als dem von 2018. Dennoch ist der gestiegene Lebensstandard, den viele Regionen in den vergangenen Jahrzehnten verbuchen konnten, ohne die globale Arbeitsteilung nicht zu denken.

Zum Begriff: Was einst als “Abwesenheit von Handelszöllen auf Produkte” bedeutete, wurde schon vor längerem auf die Harmonisierung von Regulierung und Deregulierung, auf das Urheber- und Patentrecht sowie das Finanzwesen ausgedehnt. Klauseln zu Arbeits- und Umweltstandards sind in den meisten Freihandelsabkommen dagegen in der Regel standardisiert unbestimmt formuliert und nicht einklagbar.

Zudem bedeutet Freihandel nicht zwingend ein Verbot von Subventionen, die Industrienationen in Regel weiter für den Agrarsektor sowie im Aufbau befindliche Industrien aufbringen. So brach in Mexiko nach der Einführung nordamerikanischen Freihandelsabkommen in den 1990ern die Mais-Wirtschaft ein, das Land wurde zum Importeur: der Mais vom großen Nachbarn, den die Bauern in den US-Bundesstaaten des mittleren Westens anbauen, war durch die Subventionen aus Washington günstiger. In der Folge kam es in einigen Regionen Mexikos zu einem regelrechten Exodus arbeitslos gewordener Bauern, die sich auf den Weg nach Norden machten, um in den USA illegal als Tagelöhner Geld zu verdienen.

Ein ähnliches Muster zeigt sich an den Verhandlungen der Europäische Union mit den afrikanischen Staaten über das Wirtschaftspartnerschaftsabkommen (WPA). Auch wegen der Androhung von Strafzöllen in die EU haben bereits zahlreiche Länder unterschrieben. Das WPA sieht vor, dass afrikanische Länder die Zölle auf Grundnahrungsmittel wie Getreide (außer Reis) und Milchpulver innerhalb von fünf Jahren abschaffen sowie keine neuen Schutzzölle verabschieden. Zugleich subventioniert die EU weiterhin Milchpulver oder Getreide, kann solche Agrarprodukte also günstiger anbieten. Dies dürfte Konsequenzen haben: 60 Prozent der Erwerbstätigen im Subsahara-Nationen Afrikas arbeiten in der Landwirtschaft, die Zollausfälle der Staaten Westafrikas summieren sich Schätzungen zufolge bis zum Jahr 2035 auf mehr als 32 Milliarden Euro.

Die Beispiele sind bereits vereinfacht dargestellt. Sie zeigen aber, dass Freihandel auch Nebenwirkungen hat (no shit, Sherlock) und es auf systemischer Ebene Grundsatzfragen gibt  – zum Beispiel, welche Rolle Sozialstandards spielen oder ob Abkommen zwischen Regionen mit unterschiedlicher wirtschaftlicher Stärke Sinn ergeben. Und dabei ist noch nicht einmal vom chinesischen Modell des Schutzes heimischer Firmen durch Auflagen und Eigentums-Regelungen die Rede. Oder von globalen Firmenstrukturen und Steuervermeidung. Oder vom ökologischen Fußabdruck und Fragen des Postwachstums. Oder von Deutschland, das nicht nur durch Luxus-Produkte oder (noch) der Produktion von Maschinen und Anlagen in alle Welt ein Mega-Exporteur ist, sondern eben auch vom günstigen Euro-Wechselkurs profitiert, den das Land mit der DM nicht halten könnte.

Aber natürlich wird das alles im angebrochenen Handelskonflikt keine Rolle spielen, er wirft den Erkenntnisprozess sogar zurück: Ganz nach der Philosophie des US-Präsidenten geht es um das Recht des Stärkeren. Das Narrativ wird entlang der bekannten Orthodoxie verlaufen, die ja unter dem Stichwort „Friede durch Vernetzung“ zumindest innerhalb des Westens auch eine historisch-politische Komponente hat (allerdings nicht so sehr im Kolonial-Kontext).

Spätestens bei Autozöllen werden wir dann eine Patriotismus-Welle erleben und vielleicht für ein paar Monate sogar eine neue Legitimationserzählung für das vereinte Europa. Hyper-Aktivität rund um Symptome bei gleichzeitiger Stagnation in systemischen Fragen charakterisiert wohl auf absehbare Zeit unsere Gegenwart.

Siehe auch:
Ehrlichkeit und Freihandel
Freihandel II
Cocktails und Chauvinismus

Europas Doppel-Fluch

Europe’s curse of wealth

Der stets verständliche Branko Milanovic erklärt noch einmal mit schlichten Worten die beiden Wohlstandsflüche, unter denen Europa leidet. Erstens:

„Der erste Flucht des Wohlstands hat mit Migration zu tun. Die Tatsache, dass die Europäische Union so florierend und friedlich ist – verglichen mit den östlichen Nachbarn (Ukraine, Republik Moldau, der Balkan, Türkei) und, wichtiger, verglichen mit dem Nahen Osten und Afrika – macht sie zu einem exzellenten Auswanderungsziel. (…) Der Einkommensunterschied zwischen dem „Kerneuropa“ der früheren EU15 und dem Nahen Osten & Afrika ist nicht nur groß, es ist gewachsen. (…) Weil Menschen in Afrika ihre Einkommen verzehnfachen können, wenn sie nach Europa kommen, überrascht es nicht dass sie trotz aller Hindernisse, die Europa Migranten inzwischen in den Weg gelegt hat, weiterhin kommen. (wäre es zum Beispiel einem niederländischen Staatsbürger egal, wenn er in den Niederlanden 50 000 Euro pro Jahr verdient und eine halbe Million in Neuseeland?).“

Und zweitens:

„Europas Ungleichheit ist teilweise ebenfalls ein ‚Fluch des Wohlstands‘. Der Wohlstand von Ländern, deren Jahreseinkommen über viele Jahrzehnte steigt, wächst nicht nur im Verhältnis zum Einkommen, sondern stärker. Das liegt einfach an Ersparnissen und der Anhäufung von Reichtum. (…) Die Folge des wachsenden Wohlstands in Ländern ist, dass der Anteil des Einkommens aus Kapital stärker als das Bruttoinlandsprodukt wächst. (…) Vereinfacht gesagt: Die Einkommensquellen, die sehr ungleich verteilt sind (Profite, Zinsen, Dividenden) wachsen schneller als die weniger ungleich verteilte Quelle (Löhne). Wenn also der Wachstumsprozess an sich zu höherer Ungleichheit führt, wird deutlich, dass stärkere Maßnahmen notwendig sind, um das Ansteigen der Ungleichzeit zu verhindern. Doch in Europa fehlt, wie in den USA, der politische Wille (vielleicht ist er in einer Ära der Globalisierung, in der Kapital völlig frei verkehrt, auch schwer zu erzeugen), die Steuern auf hohe Einkommen zu erhöhen, die Erbschaftssteuer in vielen Ländern wieder einzuführen oder Politik für kleine, nicht für große Investoren zu machen. Was folgt ist eine politische Lähmung im Angesicht des politischen Aufruhrs.“

Flache Welten

Looking for Life on a Flat Earth

Alan Burdick mit einer ausführlichen Reportage über US-Amerikaner, die nicht daran glauben, dass die Erde rund ist. Zwischendurch hatte ich das Gefühl, dass ihn alle verschaukeln wollen, aber sie meinen es offensichtlich ernst. Wie so oft ist Youtube ein Einstiegsportal, diverse Verschwörungstheorien sind auch Teil des Weltbilds, je nach individueller Vorliebe. Daneben gibt es eine Kreationisten-Tangente, die uns erfreulicherweise in Europa fehlt.

Über die neue Irrationalität unseres Zeitalters ist schon viel geschrieben worden, ich warte noch auf eine vereinheitlichende Theorie. Ist sie Teil einer als kritisches Denken getarnten De-Abstrahierung, also einer Ungläubigkeit gegenüber allem, was an überliefertem Wissen unserer persönlichen Erfahrung/unseren aus unserem Lifestyle (und Medienkonsum) abgeleiteten Überzeugungen widerspricht? Am Ende ein Zitat aus dem Stück:

„Die Logik einer flachen Erde hypnotisiert und macht gleichzeitig irre. Es gibt keine Schwerkraft, nichts um sie einzudämmen, aber als Theorie erklärt sie weniger Phänomene, als sie widerlegen möchte. Auf dem Korridor traf ich einen Dokumentarfilmer (es gab einige auf der Konferenz), der die Flache-Erde-Community seit Monaten begleitet hatte. Sein Gesicht trug Züge der Verzweiflung. ‚Wenn du alles als Hoax abtust, solltest du besser etwas Klares haben, um es zu ersetzen‘, sagte er, seine Stimme näherte sich dabei einem Hirnschlag. ‚Wenn du mir erzählst, dass dein Auto nicht blau ist und ich frage dich, ‚welche Farbe hat dein Auto?‘, sag mir nicht ‚ich weiß es nicht, aber es ist nicht blau.‘ Welche Farbe hat dein verdammtes Auto?'“

Der Niedergang des Nationalstaats

The demise of the nation state

„Nach so vielen Jahrzehnten der Globalisierung sind Wirtschaft und Information erfolgreich aus der Autorität nationaler Regierungen herausgewachsen. Die Verteilung planetaren Wohlstands und der Ressourcen wird heute von kaum einem politischen Mechanismus angefochten. Aber dies zuzugeben, würde eine Akzeptanz des Endes der Politik bedeuten. (…) Der libertäre Traum – veraltete Bürokratien ergeben sich makellosen High-Tech-Systemen der Unternehmen, die dann das Management alles Lebens und aller Ressourcen übernehmen – erscheint heute eine wahrscheinlichere Zukunftsperspektive als die Fantasie, zur Sozialdemokratie zurückzukehren.

Regierungen, die von äußeren Kräften kontrolliert werden und deshalb nur bedingt Einfluss auf nationale Angelegenheiten haben: so war es schon immer in den ärmsten Nationen der Welt. Aber im Westen fühlt es sich wie eine furchterregende Rückkehr zu primitiver Verletzlichkeit an. Der Angriff auf die politische Autorität ist nicht nur ein ‚wirtschaftliches‘ oder ‚technologisches‘ Ereignis. Es ist ein epochaler Umsturz, der westliche Bevölkerungen zersplittert und beraubt hinterlässt.“

Rana Dasgupta beschreibt ausführlich und in großer Klarheit die Gegenwart und führt dabei verschiedene Erklärungen zusammen, die derzeit herumgeistern. Im kommenden Jahr erscheint sein Essay in Buchlänge und ich traue ihm zu, in die
Sphären eines  Pankaj Mishra aufzusteigen. Seine Botschaft ist wichtig und doch weder ins Bewusstsein der Bürgerlich-Konservativen, noch in das der Progressiven eingedrungen: Es  wird keine Rückkehr zur Normalität geben und das Zeitfenster für eine Systemreform wird sich in absehbarer Zeit schließen.

Endspiel

„Am Mittwoch bestätigten Wissenschaftler der University of California in San Diego, dass der April-Durchschnitt der atmosphärischen CO2-Konzentration zum ersten Mal in unserer Geschichte 410 Teile pro Million (ppm) überschritten hat. (…) In wenig mehr als einem Jahrhundert rasender Verbrennung fossiler Energieträger haben wir Menschen die Atmosphäre unseres Planeten Dutzende Male schneller als der natürliche Klimawandel verändert. Die Kohlendioxid-Konzentration ist nun 100 ppm höher als alle direkten Messungen des antarktischen Kerneises der vergangenen 800 000 Jahre, und wahrscheinlich signifikant höher als alles, was unser Planet seit 15 Millionen Jahren erlebt hat. Das beinhaltet auch Zeitalter, in denen die Erde größtenteils eisfrei war.“

Humans didn’t exist the last time there was this much CO2 in the air