„Automatisierung“ und verdeckte Menschenarbeit

The Automation Charade

„Seit Anbeginn der Marktgesellschaft haben Eigentümer und Chefs ihren Mitarbeitern mit Wolllust erzählt, dass sie ersetzbar sind. Roboter verleihen dieser jahrhundertealten Dynamik eine problematische neue Note: Arbeitgeber drohen Arbeitnehmern mit der Aussicht auf maschinelle Konkurrenz und vermeiden damit Verantwortung für ihre eigene habgierige Haltung, können sie sich doch opportunistisch auf Tech-Determinismus berufen. Eine ‚Zukunft ohne Arbeit‘ ist unvermeidbar, heißt es, ein unaufhaltsamer Auswuchs von Innovation, der den Lebensunterhalt auffressende Preis des Fortschritts (traurigerweise ähnelt die Zukunft ohne Arbeit der Massen nicht der Gegenwart ohne Arbeit der Ein Prozent, die von Dividenden, Zinsen und Mieteinnahmen leben, ohne einen Finger zu heben, während ihr Bankkonto wächst).

Obwohl Automatisierung als neutraler Prozess präsentiert wird (…), braucht man nicht einmal genau hinzusehen um zu erkennen, dass (…) Automatisierung eine Realität und eine Ideologie ist, und deshalb auch eine Waffe, die Armen und arbeitenden Menschen vor die Nase gehalten wird, die es wagen, bessere Behandlung oder auch nur das Recht auf Auskommen zu verlangen. Aber wenn Du genauer hinguckst, wird es noch seltsamer: Automatisierte Prozesse sind oft weit weniger beeindruckend als die Marktschreierei und Propaganda um sie herum. Manchmal gibt es sie auch nicht. Jobs werden gestrichen und Gehälter gekürzt, aber Menschen arbeiten immer noch neben oder hinter den Maschinen, auch wenn ihre Arbeit dabei keine Fähigkeiten mehr braucht oder gar nicht bezahlt wird. (…)

Arbeit ist [zum Beispiel] nicht aus den Restaurant-Gasträumen verschwunden, vielmehr übernimmt eine andere Person die Arbeit. Anstatt eines Mitarbeiters, der die Bestellungen der Gäste eintippt, machen die Gäste nun selbst kostenlos diese Arbeit, während junge, freundlich aussehende Mitarbeiter um sie herum schwirren und die Mahlzeiten zu den Tischen bringen. (…) Neulich wartete ich in einem Restaurant auf ein Mitnahme-Essen, das ich altmodisch durch ein Gespräch mit der Frau hinter der Kasse bestellt und mit Bargeld bezahlt hatte. Während ich auf mein Mittagessen wartete, drückte der Mann vor mir seine Verwunderung aus, dass er sein Essen bekam. ‚Woher wusste die App, dass meine Bestellung 20 Minuten früher fertig ist?`, fragte er erstaunt, während er sein Telefon fest umklammerte. ‚Weil ich das bin‘, sagte die Frau, ‚Ich habe ihnen eine Nachricht geschickt, als das Essen fertig war.'“

Was Schmerz bedeutet

The Crisis of Intimacy in the Age of Digital Connectivity

Zur Wochenendlektüre empfohlen: Stephen Marche ohne Klischees über Intimität und Vernetzung. Der Ausschnitt ist nur ein Bruchteil vieler sortierender, fantastischer Gedanken.

„Der grundlegende Widerspruch ist so einfach wie zum Verzweifeln: das Teilen persönlicher Erfahrungen war nie verbreiteter, während Empathie – die Fähigkeit, die Bedeutung der persönlichen Erfahrung eines anderen Menschen zu erkennen – nie seltener war. In Philosophische Untersuchungen hat Wittgenstein genau dieses Problem angesprochen, die Bedeutung von Intimität und die Intimität von Bedeutung. ‚Das Wesentliche am privaten Erlebnis ist eigentlich nicht, daß Jeder sein eigenes Exemplar besitzt, sondern daß keiner weiß, ob der Andere auch dies hat, oder etwas anderes‘, schrieb er. ‚Es wäre also die Annahme möglich – obwohl nicht verifizierbar – ein Teil der Menschheit habe eine Rotempfindung, ein anderer Teil eine andere.‘ Wittgenstein glaubte, dass das unverifizierbar sei, aber das Internet hat es verifiziert: Ist das Kleid blau oder golden? Hörst du Yanny oder Laurel?“ (…)

Die einsetzende politische Katastrophe in den USA kann in einem Ausdruck beschrieben werden: Niemand glaubt, dass der Schmerz des anderen echt ist. Niemand glaubt, dass der Schmerz des anderen bedeutsam ist. Niemand erkennt den Schmerz des anderen. Das ist das Kernproblem der im Internet provozierten Empörung und Abscheu, der Hyperparteilichkeit, die so viele Rädchen in Bewegung setzt. Niemand ist willens zu akzeptieren, wie der andere seine Gefühle beschreibt. Die Welt der digitalen Konnektivität ist ein Haufen von Käfern in einem Haufen von Schachteln, die mit Drähten verbunden sind.“

Medien-Neigungen

Our cult of personality is leaving real life in the shade

George Monbiot über den Scheinwerferlicht-Effekt, also die Personalisierung komplexer Themen (und damit einhergehend ein Fokus auf öffentliche Persönlichkeiten). Der Artikel erschien vor der ganzen Atemlosigkeit rund um „Kanye goes to Washington“ und „Taylor Swift gibt Wahlempfehlung ab“.

„Welche Menschen würde man am ehesten in Interviews von Zeitungen erwarten? Diejenigen, die am meisten zu sagen haben vielleicht, oder die mit den erlebnisreichsten und seltsamsten Erfahrungen? Das könnten Philosophen sein, oder Ermittler, oder Ärzte, die in Kriegszonen arbeiten? Flüchtlinge, Polarwissenschaftler, Straßenkinder, Feuerwehrmänner, Base-Jumper, Aktivisten, Autoren oder Freitaucher? Nein. Es sind Schauspieler. Ich habe keine empirische Studie durchgeführt, aber ich würde schätzen, das irgendwas zwischen einem Drittel und der Hälfte aller großen Interviews in Zeitungen Menschen im Mittelpunkt hat, die ihren Lebensunterhalt damit verdienen, die Persönlichkeit von jemand anderem anzunehmen und die Worte zu sprechen, die jemand anderes sich ausgedacht hat.

Das ist ein derart bizarres Phänomen, dass wir es sicherlich verblüffend finden würden, hätte es sich nicht nach und nach entwickelt. Aber es erscheint mir die Funktion der Medien zu symbolisieren. Das Problem geht tiefer als ‚Fake News‘. Was es anbietet, sind Nachrichten über eine falsche Welt. (…)

Der Mangel der Medien an Einfallsreichtum und Perspektive ist nicht nur ermüdend. Er ist gefährlich. Es gibt eine besondere Art von Politik, die völlig um Persönlichkeiten herum gebaut ist. Eine Politik, in der Substanz, Evidenz und Analyse mit Symbolen, Slogans und Sinneseindrücken ersetzt wurden. Man nennt sie Faschismus. Wenn du politische Narrative um die Psychodramen von Politikern herum konstruierst, auch wenn sie dich nicht dazu auffordern, dann machst du den Weg frei für diejenigen, die dieses Spiel effektiver spielen können.“

 The problem with real news – and what we can do about it

Rob Wijnberg von De Correspondent, das jetzt auch in die USA expandiert:

„Das Problem sind nicht liberale Neigungen, sondern die Neigungen zum gegenwärtig Passierenden. (…)

Nach fast allen großen gesellschaftlichen Schocks, von Massenvernichtungswaffen über die Finanzkrise über Brexit bis zu Trump, stellen Menschen in den Nachrichtenmedien die stets gleiche Frage: Warum haben wir das nicht kommen sehen?

Die übliche Antwort lautet: ideologische Voreingenommenheit. Journalisten sind ‚zu links‘ oder ‚zu liberal‘ und so wollen sie nicht wahrnehmen, was wirklich passiert. Ich glaube, es gibt eine bessere Antwort. Die Nachrichtenmedien haben die falsche Definition von Nachrichten.

Lehman Brothers pleite, Großbritannien steigt aus der EU aus, Trumps Wahl sind wirklich spektakuläre, außergewöhnliche Ereignisse. Aber sie sind auch das Resultat von langsamen, unauffälligen systemischen Trends. Von Phänomenen, die nicht heute passieren, sondern jeden Tag – und deshalb niemals einen Aufhänger entwickeln, der sie als ‚Nachricht‘ verkaufbar macht. Phänomene, die auch zu alltäglich sind, um sensationelle Überschriften oder Klicks zu generieren.“

Routinehafte Personalisierung von Themen und eine Priorisierung dessen, was gerade passiert: Beides sind prädigitale Trends, die im reizabhängigen Umfeld der Micro Moments (siehe: unterbrechende Medien) aber natürlich bestens funktionieren und deshalb oft übernommen bzw. beibehalten worden sind. Beides hat auch seine Berechtigung, allerdings bis zu einem gewissen Grad. Der exzessive Fokus darauf signalisiert Denkfaulheit: Die Themen-Personalisierung setzt oft voraus, dass Leser gar kein Interesse an komplexen Sachverhalten haben. Die Gegenwarts-Fixierung fußt auf einem Medienmodell, das als Kernaufgabe immer noch den Transport von Nachrichten wahrnimmt, sich also am 20. Jahrhundert orientiert.

Erkenntnisse wie oben sind keine weltfremde Medienkritik, sondern auch von strategischer Relevanz. Das Mediengeschäft hängt, zumindest für die entsprechend positionierten Marken, eng mit dem moralischen Verständnis der eigenen Aufgabe zusammen – und mit der Wahrnehmung des Kunden, ob eine Marke dieser Aufgabe gerecht wird. Von außen betrachtet scheint mir das langsam als Paradigma auch in Deutschland einzusickern.

In den USA hat neben vielen anderen Faktoren auch die neue Konkurrenzsituation dazu beigetragen, dass Kernaufgaben und publizistische Rituale strategisch hinterfragt werden und die Dinge etwas heftiger in Bewegung sind. Ein deutschsprachiges Vox.com und mehr echtes Reporting nach handwerklichen US-Maßstäben bei Vice.de & Buzzfeed.de. Dazu noch drei Correctivs, vier Krautreporter, zwei Republik.chs und von mir aus auch ein paar Einzelkämpfer in spannenden Nischen. Das alles würde sicherlich mehr Dynamik und Ausdifferenzierung in die deutsche Mainstream-Digitalmedienwelt bringen. Dass sie sich aber am Ende ausdifferenzieren wird, steht für mich außer Frage.

Das Problem ist nicht da draußen

This Is Not A Blip

„[Für Viele] im politischen und politiknahen Establishment besteht der Weg aus dieser [Vertrauens-]Rezession darin, den Weg zurück zum Ancien Regíme zu finden. Multilateralisten versuchen das öffentliche Vertrauen in Multilateralität dadurch wieder herzustellen, dass sie weiter Multilateralisten sind. Die Antwort auf schlechte Institutionen sind Institutionen. Die Nöte der globalen liberalen Weltordnung verlangen nicht weniger, sondern mehr von der globalen liberalen Weltordnung. Wir haben die Krankheit diagnostiziert. Und ihre Heilung wird offenbar ihre Ursache sein.

Aber das gegenwärtige politische Klima ist nicht nur ein Wettermuster, das vorbei geht. Das ist nicht nur ‚eine Phase‘, um den Ausdruck sich selbst tröstender homophober Eltern zu gebrauchen. Es handelt sich nicht um eine Verirrung oder ein Zwischenspiel. Politisch, ökonomisch, kulturell haben wir die Grenze von der Trockenheit zur Aridisierung überschritten, von der Krankheit zum Verfall. Das ist keine kleine Abweichung. (…)

Der gegenwärtige Aufstieg des reaktionären Populismus muss im Kontext der Geschichte der liberalen Demokratie betrachtet werden. Am besten versteht man ihn als Kollision zwischen zwei Gruppen und zwei Bereichen, die früher in sicherem Abstand zu einander blieben: der eingekapselte Markt, mit seinen Regeln von Wettbewerb und Imperativen der Anhäufung und Wachstum, und die widerspenstigen Forderungen der Bevölkerung, die von hyperaktiven Informationsübermittlungskanälen der sozialen und digitalen Medien gefüttert werden. Es ist die Rache der Bevölkerung – wie stark der Blip-Denker auch behauptet, dass die Krise des Liberalismus in Wahrheit eine Krise der Demokratie ist.

Statt diese Kollision als das zu sehen, was sie ist – die Freilegung einer folgenreichen Spannung in der liberalen Ordnung, die immer schon da war und nie verschwinden wird – und die Forderungen der Menschen ernst zu nehmen, glaubt der Blip-Denker, den alten Waffenstillstand zwischen Liberalismus und Demokratie zurückbringen zu können. Das Problem ist dort draußen, im Bewusstsein der Öffentlichkeit, nicht in den Institutionen, in die die Öffentlichkeit ‚Vertrauen‘ verloren hat. Der Blip-Denker glabt, dass die Bevölkerung sich verändern muss, nicht die Welt.“

Wütende Artikel wie diese sind… gut! Progressive laufen Gefahr, im Wunsch nach der unmöglichen Rückkehr zur Normalität zu blinden Verteidigern des Status Quo zu werden – oder bestenfalls im Macron’schen Modus des „Yuppie-Populismus“ (Zitat Pankaj Mishra) die Lösung zu sehen, die doch im Kern nichts anderes als eine weitere Auflage jenes „Dritten Wegs“ ist: PR-technisch oft versiert, intellektuell abgewirtschaftet und ohne größeren Nachweis, die Probleme des 21. Jahrhunderts ernsthaft lösen zu können oder wollen.

Wenn ich die Geschichte der kapitalistischen Zivilisation wie Jason Moore aber als „Aneignung von menschlichen und außermenschlichen Naturen“ betrachte (genauer: vier Naturen, „four cheaps“ -Nahrungsmittel, Arbeitskraft, Energie und Rohstoffe), dann liegt der Schluss nahe, dass der weitere Weg – also eine fortgesetzte Aneignung/Akkumulation unter den bereits beschleunigten Bedingungen – zivilisatorischer Selbstmord wäre, weil wir am Limit sind. Veränderung wäre also das Los der Stunde, doch die Progressiven und der verbliebene Rest links der Mitte scheuen sich, ohne die beiden Wörter „aber schrittweise“ überhaupt vor die Bürger zu treten. Doch was sich als Vernunft kleidet, könnte sich im historischen Rückblick einmal als bloße Feigheit entpuppen.

Siehe auch:
Es wird keine Rückkehr zur Normalität geben (2016)
Der Niedergang des Nationalstaats
 „Liberal“ vs. „nationalistisch“?
Globalismus und das schlafende progressive Lager (2016)
Der theologische Kapitalismus (2009)

Menschengemacht

Final call to save the world from ‚climate catastrophe‘

„‚Wissenschaftler könnten in Großbuchstaben TUT JETZT ETWAS, IDIOTEN schreiben, aber sie müssen das über Fakten und Zahlen sagen‘, sagte Kaisa Kosonen von Greenpeace. (…) ‚Und das haben sie.'“ Die Forscher haben diese Fakten und Zahlen verwendet, um eine Welt mit einem gefährlichen Fieber zu beschreiben, ausgelöst durch Menschen. Wir glaubten, dass die Veränderungen kontrollierbar wären, wenn wir die Erwärmung in diesem Jahrhundert unter 2 Grad halten könnten. Das stimmt nicht mehr. Die neue Studie sagt, dass jenseits von 1,5 Grad alles einem Würfelspiel mit der Bewohnbarkeit unseres Planeten gleicht. Und die 1,5-Grad-‚Leitplanke‘ könnte schon 2030, also in zwölf Jahren, durchbrochen sein. Der Bericht kommt zu dem Schluss, dass harte Entscheidungen nicht länger verzögert werden können. Wenn die Länder der Welt nicht bald handeln, werden sie sich noch mehr auf unerprobte Technologien verlassen müssen, um das Kohlendioxid aus der Luft zu entfernen – ein teurer und unsicherer Weg.“

Aus: Sarah Sentilles – Draw Your Weapons 

„Wir wanderten auf einem Pfad entlang durch die Borstenkiefern hindurch. Wüstenbeifuß und blasse Felsen und der Himmel. Ruhe. Der älteste Baum im Gehölz ist Methuselah [Methusalem] genannt worden, nach Noahs Großvater, von dem die Bibel sagt, dass er kurz vor der Flut starb und der älteste Mensch auf dem Planeten war. Methuselah der Baum ist viel älter als sein menschlicher Namensvetter – 4789 Jahre alt, was bedeutet, dass er auf dem Planeten seit ungefähr 2773 vor Christus gelebt hat.

Methuselah ist nicht gekennzeichnet und hätte jeder Baum sein können, an dem wir vorbeikamen. Ihn zu kennzeichnen, ein Schild mit „DAS IST METHUSELAH, DAS ÄLTESTE BEKANNTE LEBENDE WESEN“ hinzustellen, würde ihn möglichem Schaden aussetzen, stand in einer Broschüre, die ich am Besucherzentrum mitgenommen hatte. Es würde die Menschen verleiten, ihn abzuholzen. Ihre Initialen in den Stamm zu ritzen. Einen Ast abzuschneiden und mit nach Hause zu nehmen. Ihn anzuzünden.

In der Broschüre stand die Geschichte eines Geologen, der Eiszeit-Frostsysteme erforschte und ein Team mitnahm, um die Borstenkiefern zu untersuchen. Er wollte genau wissen, wie alt sie sind, um eine Kaltzeit-Zeitleiste zu entwickeln. Er hatte ein Kernbohr-Werkzeug dabei, einen Bohrer. Er bohrte in einige der Bäume hinein, entnahm einen kleinen Zylinder, zählte die Ringe. Doch dann lief etwas schief: Sein Werkzeug blieb in einer der Borstenkiefern stecken.

Er und sein Team kamen zu dem Schluss, am besten den Baum zu fällen, um das Werkzeug herauszuholen. Sie brauchten das Werkzeug, überlegten sie, und es gab keine Möglichkeit, so weit weg und alleine in der Wildnis an ein anderes zu kommen. Es gibt so viele andere Bäume hier draußen, dachte der Mann. Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass genau dieser Baum mit meinem Werkzeug drin der älteste ist?

Er ordnete an, den Baum zu fällen.

Er war mehr als fünftausend Jahre alt. Bereits 500 Jahre alt, als die Pyramiden in Ägypten gebaut wurden. 3000 Jahre alt, als Jesus auf der Erde umher wanderte. Die älteste Borstenkiefer. Das älteste lebende Wesen. Und dieser Wissenschaftler tötete es.“

Vom Bürgerkrieg

On Civil War
Der von mir häufiger zitierte Adam Kotsko in seinem Blog:

„Seit Reagan haben die Republikaner jeden Bereich der Regierung, den sie jemals kontrolliert haben, als ihr Erbrecht betrachtet. Clinton und Obama waren in ihren Augen unrechtmäßig, weil den Republikanern die Präsidentschaft gehört. Dasselbe gilt, sogar stärker, für den Supreme Court. (…) Du kannst keine auf Parteien aufbauende repräsentative Demokratie haben, wenn eine der Parteien die Legitimität der anderen Partei nicht anerkennt. Die Voraussetzung ist, dass die Macht wechselt und jede Partei das Recht hat, ihre Agenda umzusetzen, während sie die Macht hat. Republikaner lehnen diesen Grundsatz ab. Für sie ist jeder demokratische Präsident, jede demokratische Kongressmehrheit eine absolute Notsituation. Nur noch wenige Republikaner sind bereit für den traditionellen politischen Kuhhandel, wenn ihre Partei in der Minderheit ist, während viele Demokraten dazu bereit sind. (…)

Wir sind an einem Punkt, an dem die Demokraten – indem sie bei dem System, wie es ist, mitspielen – objektiv gesehen existieren, um den Republikanern prozedurale Deckung zu geben. Und mir ist nicht klar, wie man aus diesem Muster ausbrechen kann, denn der öffentliche Diskurs ist derart systematisch korrupt und falsch. Die Wähler der Republikaner sind derart gehirngewaschen mit der Vorstellung, die Demokraten kontrollierten heimlich alles, dass sie unter dem Strich immun gegen die Idee sind, dass die Republikaner das System manipulieren. Sogar wenn es den Demokraten gelänge, ihrer eigenen Basis klarzumachen, dass die Republikaner illegitim sind, hätten sie keine Möglichkeit, institutionelle Macht auszuüben – und würden damit nur weitere Rechtfertigungen für die republikanische Gewohnheit (die unter Trump verstärkt wurde) bieten, nur für die eigene ‚Basis‘ zu regieren und die Oppositionspartei und öffentliche Meinung zu verachten.

Ich halte wie viele andere den Vorschlag für reizvoll, die Republikaner zu delegitimieren und mit ihnen das gesamte konstitutionelle System. Aber ohne plausible Alternative mit der Inanspruchnahme, den Willen des Volkes durchzusetzen, führt die Deligitimierung des Systems zu einer Situation, in der Gewalt entscheidet – und ich glaube wir wissen alle, wer gewinnen würde, wenn es hart auf hart kommt. Aber es gibt sicherlich einen Punkt, an dem der Versuch einen Bürgerkrieg zu vermeiden, bedeutet, schon vorher den Sieg abzugeben. Vielleicht kommt es gerade schon hart auf hart – aber in diesem Fall ist unklar, wie es weitergehen soll. Ein Wahlsieg ist eine Option, aber die Republikaner haben ihre Basis bereits darauf vorbereitet, die Gültigkeit von Wahlergebnissen abzulehnen.“

Decisive Political Victory is the Only Way to End This Cold Civil War

Leserkommentar im Trumpismus-Überbau-Blog „American Greatness“:

„Wenn die Konservativen gewinnen, werden Schwule weiterhin heiraten dürfen, aber müssen vielleicht über die Straße zu einem säkularen Bäcker, um ihre Hochzeitstorte zu bekommen. Abtreibung wird immer noch legal sein, aber eine Frau muss in einen abtreibungsfreundlichen Bundesstaat reisen, um sie durchzuführen. Und die Antifa kann immer noch protestieren, aber wird das gewaltlos tun müssen oder ins Gefängnis wandern. Das Schlimmste, was passieren könnte, wäre das Ende der Zuschüsse für NPR (ich hoffe fieberhaft darauf).

Wenn die politische Linke gewinnt…nun, die Erwartung wird sein, dass wir uns ihrem Willen beugen oder die Konsequenzen tragen. Verliere deinen Job, deine Schusswaffen, deine Redefreiheit und dein Recht auf Gottesdienst, verliere alles, was dir wichtig ist. Und wenn du einer linken Regierung immer noch #Widerstand leistest, wirst du dein Leben verlieren, wenn sie den Mob schicken, um dich anzuzünden.

So sieht die Sache unverhohlen aus, Leute.“

 

Linux vs. Python (Tech-Kultur)

After Years of Abusive E-mails, the Creator of Linux Steps Aside

Linus Torvalds zieht sich vorläufig zurück, nachdem der New Yorker offenbar eine Geschichte über seinen beleidigenden und krassen Ton auf der Mailingliste der Linux-Kernel-Gruppe im Köcher hatte (was journalistisch wieder einmal zeigt, dass sich schon aus genauem Hinschauen gute Geschichten ergeben können).

Der New Yorker stellt Torvalds den Python-Erfinder und Ex-BDFL Guido van Rossum entgegen, der im Artikel als Gegenmodell erscheint und sich ebenfalls – offensichtlich aus ganz anderen Gründen – zurückgezogen hat (Sidenote: jenseits von Inklusion versuch Python zum Beispiel gerade symbolisch, die Terminologie „Master und Slave“ zu ersetzen).

Ich kann das von außen nur schwer bewerten und Open Source ist natürlich eine eigene Crowd, aber die Symptome von generell wachsender Selbstreflexion in Tech-Organisationen machen mich optimistisch.

Natürlich muss niemand damit rechnen, dass sich an der fundamentalen Ausrichtung der gesamten „Branche“ (und was ist die „Branche“ in einer digitalisierten Welt anyway?) etwas ändert. Aber in einer Zeit, in der sich der Tech als Karikatur  von Werteüberzeugung erscheint und sich zudem der Schwerpunkt zunehmend von den USA Richtung China verlagert, schadet es nicht, der Wachstums- noch eine Nachdenkfunktion vorzuschalten. Die kommenden Monate werden seeeehr interessant, weil Google als Konzern mit starken Prä-2008-Techkultur-Markern vor der China-Entscheidung steht und das sicher heftige Auswirkungen haben wird.

Siehe auch:

IT-Ethik, aber für wen?
Silicon Valley: Wann kommt der Wertewandel? (2016)
Ungleichheit und die Legitimation von VC-Tech (2015)
Tech und seine Kulturen

Post-Lehman und 2020+

A decade after Lehman fell, the global economy is not better. It’s worse

„Einige Ökonomen halten den problematischen Trend niedriger Produktivität und Haushaltseinkommen für die Achillesferse, mit der die Industrienationen in die 2020er Jahre gehen. Dem Trend nach wird die Weltwirtschaft ungefähr 3 bis 3,5 Prozent wachsen, vor einem Jahrzehnt waren es 4 bis 4,5 Prozent. Das Resultat sind langsamere Lohn- und Gewinnsteigerungen, was zu niedrigeren Steuereinnahmen in einer Zeit führt, in denen die Kosten der Schuldenbedienung steigen. Anhaltende Niedrigzinsen blockieren die Möglichkeit der Zentralbanker, die Kreditkosten im Falle eines Abschwungs zu senken; was ihnen bleibt, istdann nicht viel mehr als beruhigende Plattitüden.

Zentralbanken haben vielleicht genügend Spielraum, um eine milde Rezession mit konventionellen Zinssenkungen abzufedern, aber ein stärkerer Abschwung würde mit großer Wahrscheinlichkeit ein weiteres Quantitative Easing benötigen. QE hat nicht mehr die mächtige Wirkung, die es 2008 hatte. Und ohne diese stehen nur Papiersoldaten in der Verteidigungslinie gegen einen weiteren Crash.“

Jenseits aller Debatten über Postwachstum (dessen Übergang ich im gegenwärtigen Systemrahmen für schwierig halte), ist die Logik natürlich entlarvend: Es gäbe genügend Möglichkeiten, die Steuerbasis zu erweitern und Vermögen stärker zu hinzuzuziehen. Aber das erscheint in der gegenwärtigen Mainstream-Denkart (derzeit) unwahrscheinlich, zumal das zumindest teilweise international vernetzt geschehen müsste. Stattdessen lassen sich im Krisenfall weitere Kürzungen in den Sozialsystemen und Privatisierungen absehen. Genau deshalb sind die investitionsschwachen Jahre der schwarzen Null in Deutschland so verschenkt. Ganz abgesehen davon, dass ihr ideologischer Kern in der nächsten Krise mit Sicherheit den Euro sprengen würde.

Siehe auch:

10 Jahre nach dem Crash
Deutschland, Euro-Krise, Griechenland (2015)
GroKo-Sommerbilanz

Probleme @ Change Management (zwei Konzepte)

In den vergangenen Monaten sind mir zwei Konzepte begegnet, die mir helfen, organisatorische Herausforderungen im Change Management besser zu verstehen. Das eine ist von Samo Burja und dreht sich um Bürokratien – also jenen Organisationsformen, die ab einer gewissen Größe fast jedes Unternehmen zu prägen beginnen. Buria unterscheidet zwischen Bürokratien mit „Besitzer“ und solchen, die autonom funktionieren, also nach eigener Logik und unabhängig von der Hierarchie im Organigramm, und deshalb kaum zu reformieren sind (oder in Richtung des nötigen Wandels zu drehen). Der ganze Artikel lohnt sich, hier ein Zitat:

How to Use Bureaucracies

„Beginne bei jeder Organisation mit der Frage, ob es eine Bürokratie ist. Wenn das zutrifft, erwarte von ihr ein höchst stereotypes Verhalten. Sie wird sich neuen Herausforderungen nicht besonders anpassen können und die Dinge außerhalb der vorausgesetzten Ontologie ihrer Büroarbeit und internen Arbeitsteilung nicht akurat bewerten können.

Wenn die Organisation eine Bürokratie ist, können wir fragen: Gehört die Bürokratie jemandem oder wurde sie zurückgelassen? Wenn sie jemandem gehört, kannst Du erwarten, dass eine ausreichend große Herausforderung am Ende dazu führt, dass sie sich reorganisiert. Du wirst dich auch an den Besitzer wenden können, damit er Probleme beseitigt oder eine Form der Kooperation findet, die von der Bürokratie selbst nicht verstanden wird. (…)

Wir finden uns umgeben von einer bürokratisierten Landschaft. Was getan oder nicht getan werden kann, wird von den Organisationen bestimmt, aus der sie sich zusammensetzt. Der ständige Drang talentierter Personen, ihre Macht aufzubauen und mit ungelernten Büro-Mitarbeitern klarzukommen (eine Kategorie, die Ökonomen anerkennen und stärker analysieren sollten) haben die Landschaft mit vielen großen Organisationseinheiten übersät. Einige werden geführt, andere wurden schon lange verlassen. Einige schaffen es weiterhin, lebensnotwendige soziale Funktionen zu erfüllen, andere schleppen sich dahin und machen einem das Leben schwer.“

Das zweite Konzept ist von Arthur L. Stinchcombe zu „Organizational Imprinting“ (organisatorischer Prägung). Zum Nachlesen auf Wikipedia:

Imprinting (Organizational Theory)

Weil ich im Netz keine gute Zusammenfassung gefunden habe, hier kurz meine Beschreibung: Stinchcombe leitet das Verhalten von Unternehmen in verschiedenen Phasen einerseits davon ab, welche Werte, Entscheidungen und Mythen zur Gründungszeit dominiert haben – vereinfacht ausgedrückt eine Prägung wie bei einem Kind (Freud lässt grüßen). Später wurde die Theorie offenbar noch etwas ausgebaut, denn ich habe sie so kennengelernt: Firmen und Organisationen orientieren in ihrem Verhalten an jener Zeit, in der sie am erfolgreichsten waren – zum Beispiel an den Zielen oder an den Strukturen, die damals eingeführt wurden bzw. Träger des Erfolgs waren. All das wird in dem Moment zur Belastung, in dem die Mission sich ändert oder Veränderungen in jenen Abteilungen am notwendigsten sind, die einst Pfeiler des Erfolgs darstellten.

Anders als die Problemdiagnose lässt sich die Lösung nicht so einfach in ein Konzept fassen: Ich kenne aus Firmen-Erzählungen unterschiedliche Herangehensweisen, von Change Agents an Schnittstellen, neuen Zwischen-Hierarchien, firmeninternen Schattennetzwerken bis zu Greenfield-Projekten/-Zukäufen (mit klar festgelegter Strategie über die weitere Integration) oder der völligen Neuplanung der Strukturen.